Rezension: Connie Palmen: Du sagst es

Liebe, Leidenschaft und der Tod

Sie wollte nichts lieber, als jemanden lieben, aber sie hasste es, wenn sie es tatsächlich tat. Sie wollte nichts lieber, als geliebt werden, aber sie hat jeden, der sie je geliebt hat, gnadenlos für diese Liebe bestraft.

Sylvia Plath und Ted Hughes sind wohl eines der bekanntesten Schriftstellerehepaare des 20. Jahrhunderts – und eines der tragischsten. Sie lernten sich kennen, als sie beide noch nicht bekannt waren, trieben sich gegenseitig an in ihrem Schaffen. Sie lebten zusammen, liebten sich, waren glücklich – aber sie kämpften auch miteinander, wurden von Sylvia Plaths Depressionen, Komplexen und Ausbrüchen geschüttelt in ihrem Sein als Menschen und als Paar.

Ich hätte wissen müssen, dass eine Frau, die beisst, statt zu küssen, den, den sie liebt, auch bekämpft.

Ted Hughes hat sich Zeit seines Lebens nie zu seiner Beziehung zu Sylvia Plath geäussert. Er galt als Monster, sie wurde zur Märthyrerin verklärt. Er liess diese Sicht im Raum stehen. Connie Palmen wollte dies nicht so stehen lassen, sie schrieb mit Du sagst es einen Roman, in dem sie aus der Sicht von Ted Hughes die Beziehung der beiden bis hin zum Tod schildert. Sie hat Ted Hughes ihre Stimme geliehen und präsentiert dem Leser nun die ganze Geschichte aus dessen Sicht.

Entstanden ist ein sehr persönlicher, tiefgründiger, tiefgehender und mitreissender Roman. Allerdings muss man sich dabei immer wieder bewusst werden, dass es nicht Ted Hughes ist, der spricht, es ist Connie Palmen. Wir erfahren also nicht wirklich etwas über Hughes Sicht der Dinge, sondern lesen eine Interpretation aus dritter Hand. Die dargestellte Sylvia Plath ist deswegen auch nicht die wirkliche, echte Sylvia, sondern eine aus dritter Hand. Literatur darf das, schliesslich ist das Buch als Roman ausgewiesen und nicht als Biographie oder Autobiographie.

Fazit
Liebe und Leidenschaft, Leben und Tod – Das wohl berühmteste Schriftstellerehepaar des 20. Jahrhunderts als mitreissender, feinfühliger und tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Connie Palmen, geboren 1955, wuchs im Süden Hollands auf und kam 1978 nach Amsterdam, wo sie Philosophie und Niederländische Literatur studierte. Ihr erster Roman, ›Die Gesetze‹, erschien 1991 und wurde gleich ein internationaler Bestseller. Sie erhielt für ihre Werke zahlreiche Auszeichnungen, so wurde sie für den Roman ›Die Freundschaft‹ 1995 mit dem renommierten AKO-Literaturpreis ausgezeichnet. Connie Palmen lebt in Amsterdam.

Angaben zum Buch:
palmendusagstesTaschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (24. August 2016)
ISBN: 978-3257069747
Preis: EUR: 22 ; CHF 31.90
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Rezension: Rüdiger Görner: Hölderlin und die Folgen

Zwischen Wahnsinn und grosser Poesie

Seine Dichtung sanktioniert nichts, was wir heute tun. Was sie „stiftet“ ist die Anforderung, sich mit einer unerhörten Sprache auseinanderzusetzen, sprich: mit dem, was im Deutschen an poetischer Unerhörtheit möglich ist.

Hölderlin interessierte sich für die griechische Kultur, allen voran Sophokles und Pindar – letzteren übersetzte er auch. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich in frühen Jahren als Hauslehrer, wo er seine grosse Liebe, die Frau seines Auftraggebers kennenlernte und sie zu Diotima machte in seinem Roman, er selber war Hyperion. Eine Zerreissprobe von Altem und Neuem, Antike und Moderne treffen aufeinander und Hölderlin hält die Fäden.

Zerrissenheit könnte man denn auch als Leitthema seines Lebens sehen. Die stete Sehnsucht, wegzugehen, abzubrechen im Kampf mit der Suche nach und der Verklärung der Heimat, das Fremde und das Eigene – in sich und in anderen, das Sein und das Werden..

Hölderlin liebte die Sprache. Wie kaum ein anderer vermied er alles Nichtssagene, alles Belanglose. Er suchte nach Werten in den Worten, durchleuchtete Metaphern und setze sie so ein, dass sich aus ihnen ein tieferer Sinn ergab.

Diese Gedichte sind keine Wegbegleiter, sondern ein schwindelerregender Gratwandel für jeden Leser.

Zu Hölderlins Lebzeiten wurde nur ein Teil seines Werks veröffentlicht, vor allem sein Spätwerk erschien erst posthum, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diesem Umstand ist wohl auch die bis heute nicht eindeutige Auslegung seines Werkes geschuldet, das nicht einheitlich festgelegt ist, sondern aus zahlreichen Texten besteht, die noch ihre Einordnung suchen.

Rüdiger Görner gelingt es im vorliegenden Buch, die Themen Hölderlins, dessen Sprache und auch Inhalte darzulegen. Er referiert die verschiedenen Ansätze der Rezeption u verschiedenen Zeiten, verweist auf die grossen Werke verschiedener Biographen, Philosophen und Literaturwissenschaftler ebenso wie er Hölderlin selber sprechen lässt durch dessen Texte. So arbeitet er sich quasi auf den Wortspuren durch Hölderlins Denken und Dichten und führt den interessierten Leser in dieses ein. Dank der wirklich fundierten Darlegung der relevanten Sekundärliteratur steht einem noch tieferen Eintauchen ins sprachlich wie auch inhaltlich grosse Werk Hölderlins nichts im Weg.

Lobenswert ist zu erwähnen, dass es Rüdiger Görner gelingt, all das in einer gut lesbaren Sprache zu vermitteln – eine wunderbare Ausnahme im sonst sprachlich eher abgehobenen literaturwissenschaftlichen Schreiben.

Fazit:
Eine kompetente, informative und weiterführende Lektüre zum Schaffen Hölderins und dessen Rezeption. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Rüdiger Görner
Rüdiger Görner lehrt als Professor für Neuere deutsche und vergleichende Literatur an der Queen Mary University of London. Er ist außerdem Schriftsteller und Kritiker und Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie Träger des Deutschen Sprachpreises (2012) und des Reimar Lüst-Preises der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Angaben zum Buch:
gornerhoelderlin_und_die_folgenGebundene Ausgabe: 157 Seiten
Verlag: J. B. Metzler (8. September 2016)
ISBN-Nr.: 978-3476026514
Preis: EUR 16.95 / CHF 19.90

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In derselben Reihe erschienen sind:

schiller_und_die_folgenHelmut Koppmann: Schiller und die Folgen

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heine_und_die_folgenJoseph A. Kruse: Heine und die Folgen

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Rezension: Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

Einblicke und Ansichten

Der Wunsch, etwas über sich zu erzählen, begleitete Haruki Murakami schon eine Weile. Schrieb er die Texte anfänglich noch für sich selber und nicht für einen Verleger, fand er sie bei einem nachträglichen Lesen doch zu ungeschliffen und versuchte, sie so zu formulieren, als ob sie für ein Publikum gedacht wären. Während des Schreibens und Umschreibens lernte sich Haruki Murakami selber besser kennen. Er merkte, dass ihn gewisse Themen und Meinungen seit vielen Jahren begleiten.

Nun ist aus diesen Texten ein Buch geworden, welches auch dem Leser den Menschen und Schriftsteller Murakami näher bringt. Der sonst eher zurückgezogene Schriftsteller erzählt nicht nur von seinem Schreiben, er offenbart auch viel von seiner Biografie und seinem Denken.

Aus meiner Sicht lässt sich von den meisten, wenn auch natürlich nicht von allen Schriftstellern kaum behaupten, sie verfügten über ein ausgeglichenes Wesen und eine gerechte Weltsicht. Nicht wenige von ihnen haben überdies einen sehr eigenen Charakter, der schwerlich als Gegenstand der Bewunderung geeignet scheint, und legen zudem seltsame Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen an den Tag.

Wie sind Schriftsteller und was braucht man, wenn man einer sein will? Mit dieser Frage beschäftigt sich das erste Kapitel. Danach erzählt Haruki Murakami von seinem Weg zur Schriftstellerei, behandelt Themen wie Originalität, die Herkunft von Ideen und Inhalten, den Ort des Schreibens sowie auch seine Abneigung gegen die Schule, die Art und Weise, wie er Figuren entwirft oder für welche Leser er schreibt.

Wer nun selber Schrifsteller werden will, für den hat Haruki Murakami eine sehr aufmunternde Botschaft:

… einen Roman kann im Grunde jeder verfassen, der des Schreibens mächtig ist, einen Kugelschreiber und ein Heft zur Hand hat und vielleicht noch ein gewisse Fähigkeit zum Fabulieren besitzt.

Von Beruf Schriftsteller ist ein sehr persönliches und leises Buch. Haruki Murakami wirkt nie belehrend oder überheblich, er gibt keine unhaltbaren Versprechen, sondern erzählt in einer eingängigen und unterhaltsamen Weise von seinem Schreiben und davon, was dieses für ihn bedeutet.

Fazit:
Ein sehr persönliches und unterhaltsames Buch, das Einblicke ins Leben und Schaffen des Menschen und Schriftstellers Haruki Murakami gewährt. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Haruki Murakami
Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto, Japan geboren und wuchs in Kobe auf. Nach abgeschlossenem Studium verließ er 1975 die Waseda-Universität in Tokio, wo er anschließend sieben Jahre lang Eigentümer einer kleinen Jazz-Bar war. Haruki Murakamis Karriere als Schriftsteller begann 1974 an einem warmen Frühlingstag: Während eines Baseballspiels kam ihm die Inspiration zu seinem ersten Roman. Das war der Start einer beeindruckenden literarischen Laufbahn. Später verbrachte er mehrere Jahre als freier Schriftsteller und Dozent in Princeton, USA. Murakamis Leidenschaft für die Literatur kennt, im wahrsten Sinne des Wortes, keine Grenzen – übersetzt er doch auch berühmte Kollegen wie John Irving ins Japanische. Von Murakami erschienen sind unter anderem Kafka am Strand, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Naokos Lächeln, Südlich der Grenze, westlich der Sonne (früher Gefährliche Geliebte).

Angaben zum Buch:
murakamivonberufGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (13. Oktober 2016)
Übersetzung: Ursula Gräfe
ISBN-Nr.: 978-3832198435
Preis: EUR 23 / CHF 33.90

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Rezension: Martin F. Meyer: Illustrierte Geschichte der Philosophie

Eine Reise durch die Philosophie von der Antike bis in die Neuzeit

Epochen – Autoren – Werke, so heisst der Untertitel dieses reich bebilderten Übersichtswerk über die Geschichte der Philosophie. Martin F. Meyer startet bei den Vorsokratikern und führt den Leser in einer gut verständlichen Sprache durch die Zeit bis hin in die Neuzeit. Dabei bettet er die einzelnen Philosophen immer in ihre Zeit ein, gibt einen kurzen Einblick in ihre persönliche Herkunft und den Werdegang und geht dann auf die zentralen Werke und deren grundlegenden Aussagen ein.

Die Illustrierte Geschichte der Philosophie ist sehr geschmackvoll aufgemacht, das Layout ist schlicht, übersichtlich und überzeugt ästhetisch. Kleine Infoblöcke (in Kreisform, was dem Layout ein gewisses Etwas gibt) bieten schnell erfassbare Überblicke über die vorherrschenden Denker einer Zeit oder aber erläutern deren wichtigsten Theorien. Eine schöne Auswahl an Bildern rundet den Gesamteindruck ab.

Philosophie hat mitunter nicht den Ruf, sehr unterhaltsam und prickelnd zu sein, dieses Buch hat aber Suchtcharakter und es birgt die Gefahr, zur nächsten Buchhandlung rennen zu wollen und alle vorgestellten Bücher gleich auch noch lesen zu wollen. Ich kann es jedem, der sich mal einen Überblick über die Geschichte der Philosophie verschaffen will, nur ans Herz legen. Aber: Nicht nur denen, das Buch ist wirklich einfach eine wunderbare Unterhaltung und man entdeckt ja auch als alter Hase immer wieder etwas Neues oder findet etwas wieder, das in Vergessenheit geriet.

Fazit
Ein sehr fundiertes, umfassendes, lesbares und schön aufbereitetes Buch, das eine breite Übersicht über die Geschichte der Philosophie bietet und zu weiterer Lektüre verleitet. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Martin F. Meyer ist Privatdozent am Philosophie-Seminar der Universität Koblenz-Landau

Angaben zum Buch:
MeyerIlluPhiloTaschenbuch: 186 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (16. März 2016)
ISBN: 978-3476026484
Preis: EUR: 24.95 ; CHF 31.90

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Rezension: Dietmar von der Pfordten: Menschenwürde

Menschenwürde – in aller Munde und doch schwer greifbar

Der erste Grundsatz in den Grundgesetzen vieler Menschen lautet (so oder ähnlich):

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Dieser Grundsatz stellt die Menschenwürde aufs Podest der Werte und Bestimmungen, alles andere erscheint nachrangig, wichtig ist, dass die Menschenwürde bewahrt wird in allem Tun und Erleben. Diese Sicht ist allerdings, schaut man auf den Lauf der Geschichte, eher neu, bis vor einigen Jahrzehnten war von Menschenwürde kaum je die Rede, zumindest nicht im alltäglichen Leben, aber auch sonst nicht in dieser Gewichtung.

Dietmar von der Pfordten geht im vorliegenden Buch zur Menschenwürde dem Begriff nach, stellt dar, wie er historisch entstanden ist, wie er sich philosophisch entwickelt hat, wie er Einzug ins Rechtssystem gefunden hat und welches Gewicht er da hat und auch was unter dem Begriff überhaupt zu verstehen ist. Er tut das sehr fundiert,

Für die Begriffsanalyse definiert von der Pfordten Teilbereiche der Menschenwürde:

  • die Selbstbestimmung über die eigenen Belange (grosse Menschenwürde)
  • die wesentliche soziale Stellung des Menschen (kleine Menschenwürde), sowie deren natürliche und damit prinzipiell unveränderliche Gleichheit als Grenzbereich (mittlere Menschenwürde)
  • das menschenwürdige Dasein als ökonomische Bedingung der Menschenwürde

Anschliessend referiert von der Pfordten die Frage, ob auf Menschenwürde verzichtet werden kann und unter welchen Bedingungen dies der Fall wäre. Auch geht er der Frage nach, ob man, wenn man eines anderen Menschen Würde verletzt, damit automatisch seine eigene tangiert. Das abschliessende Kapitel wendet sich schliesslich aktuellen Fragen zu und setzt diese in Beziehung zur Menschenwürde. Es geht dabei um Abtreibung, Klonen, terroristische Angriffe, etc.

Menschenwürde steht in der Reihe C. H. Beck Wissen, welche immer für kurze, fundierte Einführungen in relevante Themen steht. Das ist auch im vorliegenden Fall hervorragend gelungen, bietet von der Pfordten doch eine sachlich kompetente, inhaltlich fundierte, stringente Einführung zum Thema Menschenwürde.

Fazit
Eine sehr gute, fundierte und informative Einführung in ein wichtiges Thema unserer Zeit. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor:
Dietmar von der Pfordten ist seit 2002 Professor für Rechts- und Sozialphilosophie an der Georg-August-Universität Göttingen und dort Direktor der Abteilung für Rechts- und Sozialphilosophie. Vorher war er seit 1999 Professor für Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Erfurt. Seit 2001 ist er Mitglied der Thüringer Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt und Mitglied der Kommission der Bundesregierung zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz

Angaben zum Buch:
vonderPfordtenMenschenwürdeTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: JC. H. Beck Verlag (10. Februar 2016)
ISBN: 978-3406688379
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 12.90
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Patrick Schuchter: Sich einen Begriff vom Leiden Anderer machen

Eine Praktische Philosophie der Sorge

Philosophie als Lebenspraxis

Es gibt im Leben philosophische Momente, die uns über das Alltagsgeschäft und unsere eingespielten Wahrnehmungsroutinen erheben. Möglicherweise hängt manchmal im Leben alles davon ab, ob wir es verstehen, die in solchen Momenten aufleuchtende Weisheit ernst zu nehmen und sie für unser tägliches Leben und Arbeite zu nutzen.

Auf der Basis eigener Lebenserfahrung im Pflegebereich und Leseerfahrungen in der Philosophie will uns Patrick Schuchter eine Abhandlung über eine Ethik der Sorge, verstanden als lebenspraktische Anleitung und nicht als wissenschaftliche Abhandlung vorlegen. Nach einer Analyse des Begriffs „Sorge“ erzählt Schuchter die Geschichte der legendären Krankenschwester Florence Nightingale und arbeitet an ihrem Beispiel weitere Punkte der Sorge aus verschiedenen Blickwinkeln heraus, sei es die Religion, sei es auch das Frauenbild oder das Verhältnis zwischen praktischer Pflegearbeit und Theorie der Sorge.

Danach wendet er sich der Philosophie zu, bei welcher er sich hauptsächlich auf die hellenistische bezieht, diese kurz in der Zeit verortet als Ganzes, ihre einzelnen Richtungen und Philosophen vorstellt, um dann ihre Aussagen zum Bereich Sorge herauszuarbeiten. Auffallend ist, dass sich alle Philosophen grundsätzlich mit der Selbstsorge beschäftigen, nicht mit der Fürsorge. Es geht ihnen in erster Linie also darum, dass der Mensch sich selber erkennen und sich um sich kümmern soll. Allerdings kann Schuchter den Bogen von der Selbst- zur Fürsorge schlagen, indem er aufzeigt, dass diese Selbstsorge dem Gemeinwohl dient, also im Endeffekt die Basis für eine Fürsorge sein muss.

Der Apell an die Selbstsorge ist also als ein Weckruf zu sehen, sich nicht um äusserliche Güter wie Macht, Reichtum oder Ansehen zu kümmern, sondern um die Schönheit und Tugend der Seele, um die Pflege der moralischen Werte

Patrick Schuchter liefert in diesem Buch auf der Grundlage einer breiten und fundierten Begriffsanalyse der Sorge unter Zuhilfenahme hellenistischer Philosophie eine Ethik der Sorge, welche Impulse für eine philosophische Praxis und Lebenskunst bereitstellen kann.

Das Buch ist sehr komplex, sehr dicht, oft etwas überladen und ausschweifend, verschiedene Kapitel hätten ohne Verlust kürzer und stringenter geschrieben werden. Die Verwendung einer politisch korrekten feministischen Schreibweise kann den Sprachliebhaber etwas stören, die Ersetzung von „man“ durch „frau“ wirkt eher bemühend als frauenfreundlich. Zudem ist das Bemühen nicht konsequent verfolgt worden, heisst es doch im Buch dann „der Philosophierende“. Dies aber nur noch eine Sprach- keine Inhaltskritik. 

Fazit
Ein komplexes, analytisches, fundiertes Buch zur Praktischen Philosophie der Sorge. Empfehlenswert.

Zum Autor:
Patrick Schuchter
Patrick Schuchter (Dr. phil., MPH), Philosoph, Krankenpfleger, Gesundheitswissenschaftler, forscht und lehrt am Institut für Palliative Care und Organisationsethik an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) Wien der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt | Wien Graz. Er ist in unterschiedlichen Palliative-Care- und Ethik-Projekten tätig und beschäftigt sich mit der Frage, wie Reflexionsprozesse zu existenziellen, philosophischen und ethischen Grundfragen organisiert und gestaltet werden können.

Angaben zum Buch:
schuchterbegriffleidenTaschenbuch: 390 Seiten
Verlag: transcript Verlag (18. Juli 2016)
ISBN: 978-3837635492
Preis: EUR: 39.99 ; CHF 44.50
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Rezension: Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd

Das Leben, die Liebe und andere Banalitäten

Zu diesem Zeitpunkt bin ich zweiundzwanzig. Der Umstand, erwachsen zu sein, gefällt mir ausserordentlich. Aber ich weiss in Wahrheit überhaupt nicht, was ich will, einmal in diese Richtung, dann in die andere, einmal alles, einmal nichts. Und immer fühlt es sich absolut richtig an.

Julian ist 22, Tiermedizin-Student und frisch getrennt von seiner Liebe, von Judith. War die Trennung richtig? Wichtig? Auf alle Fälle bringt sie viele Umtriebe mit sich, unter anderem Geldsorgen, die er durch einen Ferienjob zu beheben sucht: Er übernimmt die Pflege eines Zwergflusspferdes.

Während Julian mit dem Leben hadert, ist das Flusspferd diesem gegenüber mehr als entspannt, es gähnt, frisst, furzt, suhlt sich im Dreck und schläft. Julian mag das Flusspferd. Er mag auch dessen Besitzer, Professor Beham und noch mehr mag er dessen Tochter, Aiko. Trotz dieser doch positiven Gefühle ist die ganze Geschichte alles andere als einfach.

Selbstporträt mit Flusspferd ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von der Liebe und vom Leben. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der sich und seinen Platz in der Welt sucht und sich dabei vor immer neuen Herausforderungen sieht.

Arno Geiger beschreibt auf einfühlsame Weise den Weg eines jungen Mannes auf dem Weg zu sich selber. Die Geschichte ist nicht mit-reissend oder emotional packend, aber immer menschlich, einfühlsam, tiefgründig und ab und an mit einer Prise Humor versehen. Man begleitet Julian gerne beim Erwachsenwerden und erkennt dann und wann auch Fragen, die sich wohl das ganze Leben über wieder stellen.

Gegen Ende nehmen (für den Geschichtshergang unnötige) politische Ereignisse aus den Nachrichten zu viel Platz ein. Blendet man diese aus, bleibt eine ruhig fliessende, stilistisch gelungene und schön lesbare Geschichte.

Fazit:
Ein stilles und einfühlsames Buch. Ein Buch, das einen auf die Reise des Erwachsenwerdens mitnimmt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Arno Geiger
Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, wuchs in Wolfurt/Vorarlberg auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 ist Arno Geiger als freiberuflicher Schriftsteller tätig und nahm 1996 und 2004 am Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. 1997 debütierte er mit dem Roman Kleine Schule des Karussellfahrens. 1998 erhielt er den New Yorker Abraham-Woursell- Award, 2005 für Schöne Freunde den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Deutschen Buchpreis für Es geht uns gut. 2008 wurde ihm der Johann Peter Hebel-Preis verliehen, 2011 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Arno Geiger lebt in Wolfurt und Wien. Ebenfalls von ihm erschienen sind Alles über Sally und Der alte König in seinem Exil.

Angaben zum Buch:
geigerselbstportratTaschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (14. Oktober 2016)
ISBN: 978-3423145268
Preis: EUR: 10.90 ; CHF 14.90
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Sarah Bakewell: Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten

„Jedermann schaut vor sich, ich schaue in mich hinein“

Wer einen Lebensratgeber erwartet nach dem Titel, der kann das Buch getrost weglegen – aber: Ich würde es nicht raten, denn es enthält etwas viel besseres: Die Lebensgeschichte Montaignes – und das auf eine Weise, wie sie ihresgleichen sucht.

Sarah Bakewell gelingt in diesem Buch die Quadratur des Kreises: Sie entführt den Leser in die Zeit Montaignes, zeigt ihm die historischen Gegebenheiten, politischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Vorstellungen dieser Zeit, stellt dann Montaigne als Mensch hinein in die Zeit und beschreibt, wie er sich darin bewegte. In der Folge spinnt sie ein Netz aus Zeit, Mensch und Werk, beleuchtet dabei Montaignes Gedankengänge und wie sie sich in seinem Werk niederschlugen.

Mein wesentlicher Charakterzug […] ist die Neigung, mich mitzuteilen und zu offenbaren: Zu Geselligkeit und Freundschaft geboren, bin ich vor aller Augen ganz nach aussen gewandt.

Montaigne beschloss eines Tages, seine politische Laufbahn zu beenden und sich ganz dem Schreiben zu widmen. Dazu zog er sich in sein Turmzimmer zurück und schrieb. Er schrieb nicht, um zu belehren, vielmehr schrieb er, was er alles bei sich entdeckte, in der Welt wahrnahm, dachte.

Ich wende meinen Blick nach innen, und da halte ich ihn fest und lasse ihn verweilen. Jedermann schaut vor sich, ich schaue in mich hinein. Ich habe es nur mit mir selbst zu tun. Ich beobachte mich unablässig und prüfe mich, ich koste mich […]. Ich wälze mich in mir selbst.

Kein Thema war tabu, er schaute hin. Damit stiess er, als es ums verlegen ging, nicht nur auf offene Türen, auch später noch fanden sich seine Essais immer mal wieder auf den Listen der verbotenen Bücher.

Montaigne liess sich nicht beirren, er schrieb weiter neue Essais oder ergänzte die alten durch neue Gedanken oder Sichtweisen. Dies und der Umstand, dass die Essais in den Händen zweier Freunde waren, die unter Umständen auch Ergänzungen und Veränderungen vornahmen, ist die wirkliche Entstehungsgeschichte der Essais nicht ganz gesichert, was dem Lesegenuss aber keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Montaigne wurde über all die Jahre begeistert gelesen und hinterliess bleibende Eindrücke, allen voran den Eindruck: Da schrieb einer, der in mich hineinschauen konnte.

Auch der Rezeption von Montaignes Essais widmet sich Bakewell ausführlich und schliesst damit den Kreis. Montaigne wollte sich mitteilen, wollte etwas hinterlassen, das über ihn hinausweist. Das ist ihm gelungen, wie man aufgrund der vielfältigen Stimmen seiner (oft berühmten) Leser sieht.

Trotz einer Flut von Informationen ist das Buch nie langatmig oder gar staubtrocken. Sarah Bakewell ist es gelungen, eine flüssig lesbare, fundierte, durch breites Wissen und tiefe Kenntnis betechende Biographie zu schreiben, die einen grosse Lust auf die Lektüre Montaignes selber macht. Sie hat also einfach alles richtig gemacht!

Fazit
Ein wunderbares, fundiertes, gut lesbares und umfassendes Buch über das Leben Montaignes, das Lust auf mehr macht. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor:
Sarah Bakewell
Sarah Bakewell lebt als Schriftstellerin in London, wo sie außerdem Creative Writing an der City University lehrt und für den National Trust seltene Bücher katalogisiert.

Angaben zum Buch:
BakewellMontaigneGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: C. H. Beck Verlag (21. Juli 2016)
Übersetzung: Rita Seuss
ISBN: 978-3406697807
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 23.90
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Rezension: Andreas Urs Sommer: Werte

Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt

Was sind Werte und wie viele gibt es?

Als ob nicht alle Worte Taschen wären, in welche bald Diess, bald Jenes, bald Mehreres auf einmal gesteckt worden ist! (Nietzsche)

Werte scheinen in aller Munde. Hört man heutigen Politikern zu, nehmen Werte einen wichtigen Platz in ihren Reden ein. Egal, ob es um die Flüchtlingsproblematik, das Bildungswesen oder Gesundheitssysteme geht – mit Werten wird die eigene Haltung gerechtfertigt und dem Volk schmackhaft gemacht, da es schliesslich die Werte des Volkes seien und man diesen verpflichtet wäre. Während wir im Alltag also ständig mit Werten konfrontiert sind und auch selber drauf bauen, erfahren sie in der Wissenschaft eine eher stiefmütterliche Behandlung.

Andreas Urs Sommer stellt im vorliegenden Buch die Frage, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir von Werten reden. Wer bestimmt sie, was beinhalten sie, was bedeuten sie für eine Gesellschaft und für das Individuum? Er geht dabei strukturiert vor, hält sich an Aristoteles’ Kategorienlehre und stellt entsprechend Fragen:

  • Was ist ein Wert?
  • Wie ist ein Wert?
  • Worauf bezieht sich ein Wert?
  • Wo braucht man ihn?
  • Was haben und tun Werte?
  • etc.

Das Buch handelt nicht davon, welche konkreten Werte wir haben oder haben sollen, sondern versucht sich in einer systematischen Begriffsanalyse dahingehend, herauszufinden, wozu Werte gut und wichtig sind, wie sie beschaffen sind und sein müssen, um in der heutigen Gesellschaft von Nutzen zu sein.

Ein Exkurs des Buches setzt sich mit der Beziehung von Werten und Menschenrechten auseinander, ein weiterer nimmt die Tagespolitik rund um das aktuelle Flüchtlingsthema unter die Lupe. So schlägt Urs Andreas Sommer den Bogen von der theoretischen Analyse hin zur aktuellen Weltlage, wobei er das auch innerhalb der einzelnen Kapitel immer wieder anschaulich und fundiert tut.

Der Titel des Buches mag etwas sperrig klingen und Widerspruch herausfordern, beruft sich aber einfach auf die zugrundeliegende These. Die Wendung, dass es Werte nicht gäbe, besagt schlussendlich nur, dass sie nicht aus sich heraus existieren, sondern vom Menschen gemacht sind.

Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt ist ein fundiertes, analytisch tiefgehendes Buch, das den Begriff des Wertes von allen Seiten betrachtet und versucht, den Sinn und den Nutzen von Werten für den modernen Menschen in seiner Welt herauszuarbeiten. Müsste man etwas negativ anmerken, so wäre dies der oft sehr metaphorische, blumige, in Bilder abdriftende Schreibstil des Autors, der teilweise den Inhalt zu sehr überlagert und in dem Umfang den eher sachlich veranlagten Leser etwas irritieren kann.

Fazit
Ein sehr tiefgehendes, breit abgestütztes und scharfsichtiges Buch über ein Thema, das in aller Munde und trotzdem (oder deswegen?) oft vernachlässigt wird. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor:
Andreas Urs Sommer (*1972) lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i.B. und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Einem breiteren Publikum ist er mit Zeitungs­ und Zeitschriftenartikeln sowie insbesondere mit seinen Büchern Die Kunst, selber zu denken und Lohnt es sich, ein guter Mensch zu sein? sowie Die Kunst des Zweifelns bekannt geworden.

 

Angaben zum Buch:
SommerWerteTaschenbuch: 152 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (10. Juni 2016)
ISBN: 978-3476026491
Preis: EUR: 19.95 ; CHF 25.90

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Rezension: Ulrich Woelk: Was Liebe ist

Liebe mit Hindernissen

Die Frau ist Ende zwanzig und hat dunkle, kurz geschnittene Haare. Hier und das schiessen ein paar eigenmächtige Strähnchen hervor. Ihr Gesicht ist schmal, hell. Sie betrachtet ihn irritiert, wie er da im Anzug und mit Aktentasche vor ihr sitzt. Vermutlich ist er nicht der Typ Mann, mit dem sie üblicherweise zu tun hat.

Auf dem Weg zu einer Konferenz in Berlin, welche um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkriegs betrifft, lernt Roland Ziegler, Vorstand eines Familienunternehmens, Zoe kennen. Zwar scheint sie in einer komplizierten Beziehung zu einem älteren Mann verstrickt zu sein, trotzdem lässt sie ihn nicht los und er will sie wiedersehen. Zoe begleitet Roland schliesslich nach Amsterdam, wo die beiden eine wunderbare Zeit erleben, frei von irgendwelchen Zwängen und voller Nähe.

Roland wird indes immer mehr von der Vergangenheit seiner Familie und seiner Firma eingeholt. Und dann verschwindet auch Zoe plötzlich und es bleibt die Frage zurück: Wer ist sie eigentlich? Ist diese Liebe möglich? Hat Liebe in den heutigen Zeiten überhaupt noch eine Chance? Und aber: Können wir lieben, wenn wir nicht wissen, wer wir sind?

Ulrich Woelks Buch handelt von der Liebe. Es handelt aber auch von der Vergangenheit, vom Erinnern, von Familie. Wie prägt uns unsere Herkunft und welche Verantwortung tragen wir heute für diese und die Taten unserer Vorfahren? Was ist eigentlich Liebe und kann sie bestehen – auch zwischen Gegensätzen?

Was Liebe ist beginnt sehr leise und langsam. Der Erzählfluss plätschert dahin und wird oft unterbrochen von Roland Zieglers Epilepsieerkrankung, welche gerade am Anfang im Roman zu dominant wird, weil sie immer wieder den Fluss stoppt, Informationen bringt, die nicht relevant erscheinen. Den Impuls, deswegen das Buch wegzulegen, sollte man unterdrücken, denn die Geschichte gewinnt mehr und mehr an Fahrt.

Ulrich Woelk hat auf sprachlich hohem Niveau einen tiefgründigen Roman mit stimmigem Plot entwickelt, welcher einerseits ein schwieriges, gesellschaftspolitisches Thema berührt, andererseits den menschlich immer präsenten Fragen der Liebe nachforscht. Entstanden ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt.

Fazit
Ein sprachlich und erzähltechnisch hochstehendes Buch, welches zum Nachdenken anregt durch die Mischung aus Liebe und Gesellschaftspolitik. Empfehlenswert!

Zum Autor:
Ulrich Woelk, 1960 geboren, in Köln aufgewachsen, studierte in Tübingen Physik und promovierte 1991 an der TU Berlin, wo er bis 1994 als Astrophysiker tätig war. Literarische Arbeiten seit den 1980er Jahren; „Aspekte“-Literaturpreis für das Debüt ›Freigang‹ (1990). Seither erschienen Romane, Erzählungen, Theaterstücke. Der Roman ›Die letzte Vorstellung‹ wurde mit Heino Ferch und Nadja Uhl für das ZDF verfilmt (›Mord am Meer‹). Ulrich Woelk lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
woelkliebeTaschenbuch: 304 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (23. September 2016)
ISBN: 978-3423145206
Preis: EUR: 10.90 ; CHF 14.90
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Rezension: Gregor Eisenhauer: Die 10 wichtigsten Fragen des Lebens

Was würde auf drei Seiten über mich stehen?

Wenn wir keine persönlichen Worte finden, dann bleibt auch die Persönlichkeit unerkannt.

Gregor Eisenhauer ist Nachrufeschreiber. Seit vielen Jahren besucht er Hinterbliebene, um von ihnen etwas über den Verstorbenen zu erfahren. Wider Erwarten trifft er selten auf weinende und verzweifelte Menschen, sondern auf solche, die wollen, dass ein Mensch, der nicht mehr ist, in Erinnerung bleibt – so wie er war. Aus dem gehörten entsteht dann der Text Eisenhauers. Es soll ein Text sein, welcher den Verstorbenen so wiedergibt, wie er war, mit all seinen Facetten.

Wenn ein Freund über einen Freund schreibt, dann will er nur Gutes erzählen. Aber das ist kein Porträt. Das ist Schönfärberei.

Eisenhauer ist überzeugt, dass es jedem von uns gut täte, wenn wir einen Nachruf auf uns selber schrieben schon zu Lebzeiten. Das würde uns dazu bringen, über uns nachzudenken, in uns zu gehen und herauszufinden, wer wir wirklich sind, wie wir wirklich sind. Drei Seiten gibt er uns, das zu tun.

Damit es nicht gar so schwer fällt, gibt er uns zehn Fragen an die Hand, die wir uns stellen können. Die Fragen reichen vom Sinn des Lebens über unsere Einschätzung, ob wir schön sind hin zu Gott und dem Leben nach dem Tod. Zu allen Fragen gibt es ein Kapitel, in welchem Eisenhauer aus dem Nähkästchen plaudert. Er erzählt von Gesprächen, die er führte wegen eines zu schreibenden Nachrufs, gibt (Lebens-)Philosophien zum besten und erzählt von Gesprächen unter Freunden.

Ein guter Ansatz mit einigen tiefgründigen Gedanken. Der Autor wirkt teilweise aber sehr überheblich, als ob er im Gegensatz zum Rest der Welt die Wahrheit erkannt hätte. zudem ist das Buch mehrheitlich wirklich ein Plaudern, das dahinplätschert und damit oft etwas langatmig wird. Es fehlt der rote Faden, es fehlt die wirkliche Anleitung, die er ja zu geben verspricht. Man könnte fast denken, er hätte bis zum Schluss des Buches vergessen, was er eigentlich wollte und sich in seinen eigenen Fragen selber verloren. Trotzdem regt das Buch durchaus zum Nachdenken an. Es behandelt mit dem Sterben und dem Tod sensible Thema und nimmt diesen durch die Leichtigkeit der Sprache ein wenig von ihrer Schwere.

Fazit
Ein sensibles Thema wird mit Leichtigkeit und anregenden Fragen behandelt, leider ab und an etwas langatmig und besserwisserisch.

Zum Autor:
Gregor Eisenhauer
Geboren 1960, hat Germanistik und Philosophie studiert. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin und schreibt u. a. Nachrufe für den Tagesspiegel.

Angaben zum Buch:
eisenhauer10Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (9. Februar 2016)
ISBN: 978-3832163501
Preis: EUR: 9.99 ; CHF 14.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Rezension: Alex Capus: Das Leben ist gut

Geschichten, die das Leben schreibt

Ich kann sie verstehen. Sie muss wieder mal weg aus diesem Kaff. Bei mir ist das anders. Ich könnte von hier weg, wenn ich wollte, aber ich muss nicht. Vielleicht werde ich eines Tages wollen, dann werde ich es tun. Aber bis auf weiteres muss ich nicht.

Nach 25 gemeinsamen Jahren verändert sich was im Leben von Max: Tine ist fortan von Montag bis Donnerstag in Paris und er schläft allein im Bett, ist allein für die drei fast erwachsenen Kinder zuständig und ist allein im leeren Haus, wenn die Kinder zur Schule gefahren sind. Dann hat er Zeit, sich zu überlegen, was Tina wohl macht in Paris, ob sie mit anderen Männern essen geht, sich bei denen gar einhängt auf dem Heimweg, wie sie das bei ihm jeweils tut. Er fragt sich, ob die Männer noch mit ihr in die Wohnung gehen, was da passiert, passieren könnte und was das mit ihm machen würde.

Max ist Schriftsteller, eigentlich, aber statt zu schreiben führt er nun eine Bar. Jeden Morgen öffnet er sie, schlisst sie abends wieder, bewirtschaftet zwischendurch die verschiedenen Gäste. Zu jedem Gast gibt es eine Geschichte, die Max erzählt. Und so plätschert das Buch und das Leben dahin.

Das Leben ist gut ist wohl eines der persönlichsten Bücher von Alex Capus – und eines der schwächsten bislang. Es mutet an wie ein einziges, langes Selbstgespräch, welches von kurzen Erzählungen unterbrochen wird. Das Buch vermischt Banales mit Schönem, immer wieder stösst man auf eine kleine Trouvaille, die einen anspricht, die einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Man findet Passagen, die zum Nachdenken anregen und solche, welche den Gedanken von „das kenne ich auch“ auslösen. Trotzdem bleibt irgendwo das Gefühl, dass das ganz normale Leben eben doch nicht das ist, was einen Roman ausmacht, dass da etwas fehlt.

Fazit:
Ein sehr persönliches, leise dahinplätscherndes Buch, mitten aus dem Leben erzählt. Dank einiger schöner, zum Lächeln oder auch Nachdenken anregenden Passagen durchaus empfehlenswert.

Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz. Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009), Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013), Mein Nachbar Urs (2015).

Hier gibt es ein Interview mit dem Autoren.

Angaben zum Buch:
capuslebenGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (22. August 2016)
ISBN-Nr.: 978-3446252677
Preis: EUR 20 / CHF 22.90

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Literatur heute – ich hadere

Bei mir stapeln sich die Bücher. Ich wollte sie lesen, wollte sie rezensieren. Neuerscheinungen, die gut klangen, vielversprechend. Der Klappentext machte an, das Thema auch. Ich lese an – und stecke fest. Schon nach wenigen Sätzen meldet sich ein ungutes Gefühl. Ich versuche, es zu ignorieren, lese weiter, es geht nicht weg, im Gegenteil. Ich kämpfe. Hoffe, möchte hoffen können. Beim ersten Buch war es nicht so schlimm, beim zweiten, ging es noch, ab dem dritten fing ich an zu hinterfragen: Liegt es an mir? Liegt es an den Büchern?

Ich habe mich gefragt, was es ist, das mich so ermüdet beim Lesen. Eindeutig ist es nicht, es unterscheidet sich sicher auch von Buch zu Buch. Einige Dinge, die mir auffielen (die Liste ist nicht vollständig, ich habe einiges sicher schnell vergessen/verdrängt):

  • Der rote Faden fehlt. Damit meine ich nicht, dass eine Spannung erzeugt wird, die sich irgendwann am Schluss auflöst und man bis dahin nicht weiss, wie alles zusammen hängt. Es ist mehr so ein Hin und Her zwischen Zeiten, Figuren, Perspektiven, bei welchem man ständig hin und her blättert, um zu sehen, wo man eigentlich genau ist und wer genau was wann wie gesagt, getan, gefühlt hat. Das mag ach so kreativ wirken beim Schreiben, beim Lesen finde ich es absolut ermüdend.
  • Der Anspruch, einen realistischen Roman zu schreiben, wurde zu ernst genommen. In der Folge findet man minutiöse Beschreibungen von Toilettengängen, Frühstückskaffees und endlosen Diskussionen, wie man sie selber schon nicht am Tisch führen möchte, geschweige denn lesen. Doch man entkommt ihnen nicht, will man das Buch fertig lesen. Der Protagonist spricht über sein gestriges Nachtessen, die Schlafprobleme, die verflossenen Beziehungen, die Probleme, mit dem Rauchen aufzuhören. Das mag alles prima und wunderbar sein, aber doch nicht, wenn gerade ein Mord aufgeklärt werden soll?
  • Es findet keine Handlung statt. Das ist oben sicher auch drin, aber es geht noch weiter. Ein Mensch macht mal dies, mal das, denkt mal nach, erlebt dann was. Und so geht es weiter und man sitzt so da und denkt sich: Und nun? So what? Und wenn wir schon beim Denken sind, dann gehen wir gleich weiter zum nächsten Punkt:
  • Die Gedanken sind pseudophilosophisch. Sie haben was von Küchenphilosophie (Küchenpsychologie war gestern). Kalendersprüche reloaded quasi. Damit sollte wohl eine literarische Tiefe, eine intellektuelle Note in das Buch gebracht werden – allein: Es ging ziemlich in die Hose.

Es gäbe sicher noch viel mehr. Schlussendlich bleibt bei allem das Gefühl: Es ist schlicht vertane Zeit. Es bleibt nichts zurück. Ich lese, dann ist es gelesen, Ende. Kein Nachdenken, kein wirkliches Eintauchen. Die einzige Auseinandersetzung war der Kampf, durchzuhalten. Ich habe einmal beschlossen, keine Verrisse zu schreiben. Ich möchte kein Buch negativ rezensieren (ich habe das einmal gebrochen und sogar das tut mir leid). Ein Buch zu schreiben bedeutet meist viel Herzblut, Zeit und Energie. Das achte ich. Und ja, was mir nicht gefällt, kann anderen gefallen. Ich bin wohl verwöhnt durch meine Lieblinge Thomas Mann, Theodor Fontane, Goethe, Stefan Zweig… (ich muss hier aufhören, die Liste wäre unendlich länger), es gab aber durchaus wunderbare Neuerscheinungen, meine Liste der Rezensionen spricht dafür.

Ich lese gerne, ich lese viel. Bücher zu lesen, die nicht packen, dazu ist die Zeit zu knapp. Es tut mir wirklich immer wieder leid, Bücher wegzulegen (und meist auch wegzuwerfen, meine Wände sind voll mit Bücherregalen). Und ich komme zurück: Liegt es an mir? Kommt wirklich nur noch wenig Gutes, das in der Flut der Neuerscheinungen fast untergeht?

Rezension: Frank Berzbach – Formbewusstsein

Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge

Erst [die] Beschränkung ermöglicht Freiheit. […] Zerstreuung hingegen ist eine Urfom der Formlosigkeit: sie lässt uns den Halt verlieren, macht Menschen zu ferngesteuert agierenden Wesen, die ihren Rhythmus verlieren, nur noch um sich selbst kreisen und schliesslich verrohen und erkranken. Alles, was stirb, verliert seine Form. Formlosigkeit erzeugt Leid.

Frank Berzbach richtet im vorliegenden Buch seinen Blick auf die alltäglichen Dinge, die uns umgeben. Obwohl wir täglich mit ihnen zu tun haben, nehmen wir sie selten bewusst wahr, sondern erledigen sie nebenbei, quasi formlos. Egal, ob es sich um Ernährung, Liebe oder Kleidung handelt, ob es den Umgang mit den Medien oder dem eigenen Besitz betrifft, wir haben die bewusste Steuerung unseres Verhaltens im Umgang damit oft verloren und agieren quasi fremdgesteuert (zwar selber agierend, aber nicht wahrnehmend, worauf gründend). Erst, wenn wir Achtsamkeit den Dingen und unserem Verhalten zu ihnen entwickeln, werden wir wieder Herr unseres Verhaltens, dann geben wir unserem Leben eine Form – und zwar die von uns gewünschte Form.

Wir sind dem Alltag nicht passiv ausgesetzt, sondern können aktiv formend in ihn eingreifen.

Wir lernen durch das bewusste Tun, im Hier und Jetzt zu sein, in der Gegenwart zu leben und uns nicht in Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren. Ein solches aktives Tun führt wiederum zu mehr Wohlgefühl und Gesundheit, es lässt uns wachsen, weckt unsere Kreativität.

Formbewusstsein kann als Anknüpfung an Frank Berzbachs Buch Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen gesehen werden. Wieder geht es Berzbach darum, den Blick auf die Haltung im und zum Leben zu richten und eine Achtsamkeit zu entwickeln. Durch diese Achtsamkeit dem eigenen Tun gegenüber gewinnen die Dinge ihren Wert und ihre Form und prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Das bewusste Hinsehen und die Formgebung lassen uns zu agierenden Menschen werden im Gegensatz zu bloss ausführenden Marionetten, die von Gewohnheitsmustern gesteuert werden.

Das Buch wirkt ab und an unstrukturiert und lose zusammengewürfelt, es reiht Geschichten, Einsichten und Anleitungen quasi formlos aneinander, die einzig durch das Thema des Kapitels, in welchem sie stehen, verbunden sind. Dem Anspruch einer durchdachten Philosophie wird das Buch so nicht gerecht, wobei es diesen Anspruch wohl auch nicht erfüllen sollte. Ab und an klingt ein moralisierender und leicht tadelnder Unterton an, der wenngleich sicher nicht ganz unberechtigt, so doch etwas bemühend ist. Diese Kritikpunkte – wenn sie denn solche sind – nur am Rande, der guten Ordnung halber.

Das Buch ist inspirierend, weckt den Blick auf das eigene Verhalten, lässt einen dieses hinterfragen und dem eigenen Tun auf die Schliche kommen. Frank Berzbach gelingt es, in einer leicht lesbaren Sprache aufzuzeigen, wie man mit kleinen Veränderungen im eigenen Leben wieder Steuermann werden kann und grosse Wirkung erzielen. Die weiterführenden Literaturtipps im Hintergrund können zudem dazu dienen, den ersten Kritikpunkt auszumerzen, so dass jeder, der tiefer tauchen will in bestimmten Bereichen, weiss, wo er das tun kann.

Fazit:
Ein inspirierendes und motivierendes Buch, das den Leser mitnimmt auf eine Reise zu sich selber und ihm Wege aufzeigt, das Leben lebendiger zu gestalten. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Frank Berzbach
Frank Berzbach, geboren 1971, hat in Köln und Bonn Pädagogik, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main promoviert. Nach einigen jahren in der Bildungsforschung war er Fahrradkurier für einen schönen Buchladen. Er unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign/Akademie für Gestaltung und an der Fachhochschule Köln. Auch von ihm erschienen: Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen.

Angaben zum Buch:
BerzbachFormbewusstseinBroschiert:192 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (29. Juni 2016)
ISBN-Nr.: 978-3874398725
Preis: EUR 29.80 / CHF 41.90

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Rezension: Susan Sontag – Tagebücher 1964 – 1980

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke

Gefühl mangelnder Einheit der Persönlichkeit. Meine verschiedenen Ichs – Frau, Mutter, Lehrerin, Geliebte, etc. – wie fügen sie sich zusammen?

David Rieff , der Sohn von Susan Sontag, leitet die Tagebücher mit persönlichen Worten über seine sensible, oft melancholische, nachdenkliche Mutter ein. Er verweist auf die Widersprüche in ihrem Denken, ihre Natur als lebenslang Lernende. Liest man die Tagebücher, zeigt sich eine Frau, die kein Glück in der Liebe hat, die über die gescheiterten Beziehungen nachdenkt, sich hinterfragt, die anderen hinterfragt. Die Erfüllung ihres Lebens ist ihr das Schreiben. In ihm findet sie sich, erkennt sie sich, kann sie ihr Denken strukturieren.

[…]die Tatsache, dass sie kein Glück in der Liebe erlebte, [ist] meines Erachtens genauso sehr Teil ihrer Persönlichkeit wie die tiefe Erfüllung, die sie im Schreiben fand, un die Leidenschaft, mit der sie, wenn sie gerade nicht schrieb, ihr Leben als ewig Lernende anging, als eine Art ideale Leserin bedeutender Literatur, ideale Liebhaberin bedeutender Kunst, ideale Betrachterin beziehungsweise Hörerin bedeutender Theaterstücke, Filme, Musik.

Susan Sontag ist sehr ambivalent in ihrem Denken. Einerseits sieht sie sich anderen an Intelligenz überlegen, andererseits genügt sie oft ihren eigenen Ansprüchen nicht. In ihrem Tagebuch betreibt sie nicht nur Selbstanalyse und analysiert ihre Lieben, sie schreibt über Bücher, die sie las, Filme, die sie sah, Theater, die sie besuchte. Sie macht Listen von Wörtern, um ihren Wortschatz zu erweitern, hält Ideen für neue Texte fest, lässt Gespräche, die sie geführt hat, nochmals Revue passieren.

David Rieff nennt das vorliegende Buch einen

 Roman der tatkräftigen, erfolgreichen Erwachsenen.

Er folgt chronologisch auf den Band Wiedergeboren, in welchem sich die junge Susan Sontag

ganz bewusst damit beschäftigt, sich selbst als die Person, die sie sein wollte, zu erschaffen oder vielmehr neu zu erschaffen, eine Person fernab der Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war.

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke ist das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft von sich und dem Leben enttäuschten, es aber immer wieder hinterfragenden und anpackenden Frau. Stets erfindet sie sich neu in der Überzeugung, dass man das, was man sein will, sein kann, weil man selber das Produkt der eigenen Vorstellung ist. Eine Frau, die Kunst und Kultur liebt, die Grossen verehrt, selber bedeutend sein und neben ihren Idolen stehen will, sich aber doch oft nur als ihre Schülerin glauben kann, ihnen untergeordnet. Sie schwankt zwischen dem Gefühl eigener Grösse und der Frustration, nicht gross genug zu sein, meidet Gesellschaft und fürchtet doch die Einsamkeit. Eine Frau voller Widersprüche: spannend, einnehmend, inspirierend.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefes, persönliches, menschliches Buch von einer grossartigen Frau und klaren Denkerin. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Susan Sontag
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, war Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin. Sie erhielt u.a. den Jerusalem Book Prize 2001, den National Book Award und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt Das Leiden anderer betrachten (2003), Worauf es ankommt (2005), Zur gleichen Zeit (Aufsätze und Reden, 2008), Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963 (2010) und Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964-1980 (2013). Susan Sontag starb 2004 in New York. Über ihr letztes Lebensjahr berichtet ihr Sohn David Rieff in Tod einer Untröstlichen (Hanser, 2009).

Angaben zum Buch:
SontagSchreibenTaschenbuch: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. September 2013)
Übersetzung: Kathrin Razum
ISBN: 978-3446243408
Preis: EUR 27.90/ CHF 39.90
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