Literatur heute – ich hadere

Bei mir stapeln sich die Bücher. Ich wollte sie lesen, wollte sie rezensieren. Neuerscheinungen, die gut klangen, vielversprechend. Der Klappentext machte an, das Thema auch. Ich lese an – und stecke fest. Schon nach wenigen Sätzen meldet sich ein ungutes Gefühl. Ich versuche, es zu ignorieren, lese weiter, es geht nicht weg, im Gegenteil. Ich kämpfe. Hoffe, möchte hoffen können. Beim ersten Buch war es nicht so schlimm, beim zweiten, ging es noch, ab dem dritten fing ich an zu hinterfragen: Liegt es an mir? Liegt es an den Büchern?

Ich habe mich gefragt, was es ist, das mich so ermüdet beim Lesen. Eindeutig ist es nicht, es unterscheidet sich sicher auch von Buch zu Buch. Einige Dinge, die mir auffielen (die Liste ist nicht vollständig, ich habe einiges sicher schnell vergessen/verdrängt):

  • Der rote Faden fehlt. Damit meine ich nicht, dass eine Spannung erzeugt wird, die sich irgendwann am Schluss auflöst und man bis dahin nicht weiss, wie alles zusammen hängt. Es ist mehr so ein Hin und Her zwischen Zeiten, Figuren, Perspektiven, bei welchem man ständig hin und her blättert, um zu sehen, wo man eigentlich genau ist und wer genau was wann wie gesagt, getan, gefühlt hat. Das mag ach so kreativ wirken beim Schreiben, beim Lesen finde ich es absolut ermüdend.
  • Der Anspruch, einen realistischen Roman zu schreiben, wurde zu ernst genommen. In der Folge findet man minutiöse Beschreibungen von Toilettengängen, Frühstückskaffees und endlosen Diskussionen, wie man sie selber schon nicht am Tisch führen möchte, geschweige denn lesen. Doch man entkommt ihnen nicht, will man das Buch fertig lesen. Der Protagonist spricht über sein gestriges Nachtessen, die Schlafprobleme, die verflossenen Beziehungen, die Probleme, mit dem Rauchen aufzuhören. Das mag alles prima und wunderbar sein, aber doch nicht, wenn gerade ein Mord aufgeklärt werden soll?
  • Es findet keine Handlung statt. Das ist oben sicher auch drin, aber es geht noch weiter. Ein Mensch macht mal dies, mal das, denkt mal nach, erlebt dann was. Und so geht es weiter und man sitzt so da und denkt sich: Und nun? So what? Und wenn wir schon beim Denken sind, dann gehen wir gleich weiter zum nächsten Punkt:
  • Die Gedanken sind pseudophilosophisch. Sie haben was von Küchenphilosophie (Küchenpsychologie war gestern). Kalendersprüche reloaded quasi. Damit sollte wohl eine literarische Tiefe, eine intellektuelle Note in das Buch gebracht werden – allein: Es ging ziemlich in die Hose.

Es gäbe sicher noch viel mehr. Schlussendlich bleibt bei allem das Gefühl: Es ist schlicht vertane Zeit. Es bleibt nichts zurück. Ich lese, dann ist es gelesen, Ende. Kein Nachdenken, kein wirkliches Eintauchen. Die einzige Auseinandersetzung war der Kampf, durchzuhalten. Ich habe einmal beschlossen, keine Verrisse zu schreiben. Ich möchte kein Buch negativ rezensieren (ich habe das einmal gebrochen und sogar das tut mir leid). Ein Buch zu schreiben bedeutet meist viel Herzblut, Zeit und Energie. Das achte ich. Und ja, was mir nicht gefällt, kann anderen gefallen. Ich bin wohl verwöhnt durch meine Lieblinge Thomas Mann, Theodor Fontane, Goethe, Stefan Zweig… (ich muss hier aufhören, die Liste wäre unendlich länger), es gab aber durchaus wunderbare Neuerscheinungen, meine Liste der Rezensionen spricht dafür.

Ich lese gerne, ich lese viel. Bücher zu lesen, die nicht packen, dazu ist die Zeit zu knapp. Es tut mir wirklich immer wieder leid, Bücher wegzulegen (und meist auch wegzuwerfen, meine Wände sind voll mit Bücherregalen). Und ich komme zurück: Liegt es an mir? Kommt wirklich nur noch wenig Gutes, das in der Flut der Neuerscheinungen fast untergeht?

15 Comments

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  1. Liebe Sandra,

    ich habe es auch manchmal, dass ich Phasen habe, in denen ich Bücher suche, kaufe und dann merke: Nee. Eventuell hätte ich sie zu einer anderen Phase gemocht, aber aktuell eben nicht. Beispiel der letzten Woche: Schwarze Tränen von Thomas Finn. Ich mag gerne etwas angeberische Bücher, deren Autoren viel Wissen einbringen, aber auch eine gute Story erzählen, die etwas anders ist (Hier ist es die Faustgeschichte und ein Höllenkampf in der heutigen Zeit.) Aber obwohl die Schreibweise nett, die Geschichte nett, das Wissen umfangreich ist, fesselte es doch nicht.
    Wenn man meine Leseliste ansieht, dann sieht man auch, dass ich zwischen sämtlichen Genres springe und viel lese. Von all den Büchern in den letzten Jahren, sind es dennoch nur ein paar, die ich anderen wirklich weiterempfehlen würde.
    Dieses Jahr ist das Bird Box von Malerman (habe ich auf Englisch gelesen bzw, verschlungen). Es gibt eben doch nur wenige Bücher, die tatsächlich besonders sind.
    Lieber Gruß!

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  2. Mein Gefühl ist, daß Du das Lesen überbewertest. Es ist „nicht das Himmelreich“, wie man bei uns sagt. Ein solches kann es nur zeitweise mal sein.
    Nach 3 Jahren guten Lesens ist auch bei mir eine Flaute eingetreten. Das fängt schon damit an, daß ich oft nicht mehr kapiere, was ich lese. Es (er)greift mich nicht. Ich lese und habe doch nicht gelesen.

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  3. „Kalendersprüche reloaded“, mag ich. Ein schönes Bild.
    Was mich ein Buch weglegen lässt, ist galoppierende Adjektivitis (und Adverbitis, wenn wir schon dabei sind). Während seine heiss glühenden Hände leidenschaftlich über ihre noch nasse, sonnengewärmte Haut glitten…. das rollt mir die Zehennägel hoch.
    Das Leben ist einfach zu kurz für schlechte Bücher (und da spreche ich jetzt nicht von Geschmack, der meinem nicht entspricht, sondern von fehlendem handwerklichem Know-How beim Lektorat)

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      • Ich gebe einem Sachbuch (die lese ich ausschliesslich) oft 100 Seiten, also meist die Hälfte. Einfach, weil ich denke, daß ich manchmal zu unaufmerksam gelesen habe und so hoffenkann, doch noch reinzukommen. Immerhin habe ich aber dann trotz Abbruch Erfahrungen gesammelt, die ich bei weiteren Büchern nutzen kann.

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        • Bei Sachbüchern ist es ein wenig anders, da gebe ich oft länger Zeit, es sei denn, die Argumentation ist schon von Anfang an so abstrus, die Satzaneinanderreihung willkürlich und nicht stringent – dann gebe ich sofort auf.

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  4. Mir fällt nur auf, dass es viele Geschichten gibt die mindestens eine Triologie sind…..und Gewaltszenen drastisch beschrieben werden.
    Und ich glaube, die jungen Autoren schreiben anders……sie sind mit unserer Medienwelt aufgewachsen, was sich auch in der Literatur wiederspiegelt.
    Ich selbst lese nur, was mir gefällt. Da ich viel in Bücher aus der Bücherrei hole, schmeiße ich keine Bücher weg.

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  5. Na, immerhin hat es angeblich EINEN Vorteil, viele Bücher zu lesen: Man lebt länger. s. http://www.heise.de/tp/artikel/49/49086/1.html – Aber wozu? Um dann noch mehr schlechte Bücher zu lesen?

    Deine Beschreibung passt zu meiner aus Erfahrung gewonnen „Übersetzung“ von „Belletristik“: „belle“ = schön, „trist“ = langweilig => schöne Langeweile … wobei das mit dem „schön“ dann auch noch eine Frage des Geschmacks ist.

    Ich sehe längst nicht mehr ein, warum ich Hunderte Seiten lesen soll, um mir mit viel Beiwerk erzählen zu lassen, was einer Person (Autor) so durch den Kopf geht. Dafür ist meine Lebenszeit einfach zu kurz. Obwohl ich ja beschlossen habe, unsterblich zu sein – aber selbst dann.

    Statt dessen lese ich vor allem (auch dafür reicht die Zeit meist nicht) politische Sachbücher über die Hintergründe der Welt, die uns vorgespielt wird (jaja, „Verstörungstheorien“ © Lisa Eckhart 😉 ). Oder eben Texte, die ich für meine wissenschaftliche Arbeit brauche. Und selbst da, wo Leute kurz und präzise ihre Erkenntnisse und Hypothesen formulieren sollten, ist es mir oft zu „blümerant“. (Ok, ich weiss, ich kann mich auch nie kurz fassen … weshalb ich gern meine Philosophie-Professor folgend Voltaire zitiere: „Entschuldigen Sie bitte, Madame, dass der Brief so lang geworden ist: Ich hatte zu wenig Zeit.“ – aber wenn ich mehr Zeit habe und den Text überarbeite, wird er meist noch länger ;-))

    Anyway: Die Zeiten, in denen ein „gehyptes“ Buch aus dem „schöngeistigen“ Bereich es wert war, gelesen zu werden, weil man daraus Dinge, Ansichten, Fragen lernen konnte, die einem sonst vielleicht nicht begegnet wären, die aber für einen selbst auch relevant (!!) sein könnten, sind wohl angesichts der „Kulturindustrie“ im Verlagswesen längst vorbei. Klar, es mag auch heute noch Perlen geben – einen neuen Faust? (Wobei … der zweite Teil ist als ökonomische Theorie interessant und „proto-marxistisch“ zumindest in der Beschreibung des Kapitalismus … aber das Brimborium drumherum nervt dann doch wieder…) Gar einen neuen Montaigne, Nietzsche, Th. Mann? Für mich lohnt es sich nicht, auf der Suche danach vielleicht 99% (für mich) unnütztes Zeug zu lesen. Der „Erkenntnisgewinn“ ist bei solchen gefühlten Verhältnissen von 99:1 zwischen „interessiert mich nicht / langweilig / schlecht“ zu „Wow!“ einfach zu gering.

    So, genug (von Bernds) „Literaturtheorie“, jetzt geht’s wieder zurück zum „Ernst des Lebens“ = meiner Forschung, die mir ja genug Freude macht bzw. für mich interessant genug ist, so dass ich sie nicht als Arbeit empfinde(n muss). Muss nur ab und zu jemanden finden, der das auch so sieht und bereit ist, dafür zu bezahlen. *seufz*

    PS: Vielleicht komme ich ja demnächst unfreiwillig zu genug Zeit, um endlich meine Dan-Brown-Parodie zu schreiben …? Oder – mit Dir – den „absurden Mafia-Krimi“? 😉

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    • Du sprichst mir mit allem aus der Seele 😉 Drum gehe ich auch wieder in die Forschung, nur das die jemand wert findet, dafür zu bezahlen, darauf warte ich noch 😉 Aber: Wenn dann mein philosophisches Standardwerk mal geschrieben ist, dann…

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