Tagesgedanken: Schutzschild

«Der Eremit
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.»[1]
(Mascha Kaleko)

Wir sind als Menschen soziale Wesen, wir sind abhängig voneinander, da wir allein nicht überlebensfähig sind – dies nicht nur im körperlichen, sondern vor allem auch im psychischen Sinn. Die Seele leidet, wenn man sich nicht akzeptiert fühlt. Die Welt scheint fern und fremd, wenn man sich in ihr nicht zu Hause fühlt. Zu Hause fühlt man sich da, wo man sich angenommen fühlt, wo man sein darf, wer man ist, wo man spürt: Ich gehöre dazu, ich bin so akzeptiert, wie ich bin.


Ich kann mir zwar wünschen, dass mich andere Menschen als die nehmen, die ich bin – selbst, wenn ich anders bin als sie. Erwarten kann ich es leider nicht, verlangen schon gar nicht. Was, wenn die Anerkennung ausbleibt? Wenn ich mich ausgestossen fühle aus der Gemeinschaft, weil ich in den Augen anderer nicht hineinpasse? Muss oder kann ich mich so sehr verbiegen, dass ich passend werde? Würden sie mich dann mögen? Wäre ich dann zufrieden? Aber: Wen würden sie dann eigentlich mögen? Wäre das noch ich?

Oder muss ich meine Koffer packen und gehen? In der Hoffnung, Menschen zu finden, die mich so verstehen und annehmen können, wie ich bin? Nur: Das werden wohl nirgends alle sein. Wie viele braucht es, um mich akzeptiert zu fühlen, und mit wie viel Ablehnung und Ausgrenzung kann ich umgehen? Kann ich an dieser auch wachsen? Indem ich mir einen Schutz aufbaue, wie der Eremit in Mascha Kalékos Gedicht sein Haus? Oder maure ich mich dann ein und werde unberührbar, damit unfähig, noch wirkliche Begegnungen zu haben, Beziehungen zu leben?

Du bist, wie du bist und du bist nicht genehm
Du bist, wer du bist, und du wirst nicht geseh’n.
Du wirst ausgemessen und sorgsam geprüft,
man schaut nur von aussen, mehr will man nicht seh’n.

Das reicht schon zu wissen, ob du wirklich passt.
Du denkst dir nichts Böses, du möchtest nur sein.
Und merkst ganz tief drin, ich gehör’ hier nicht rein.
Du fühlst dich alleine, verlassen und leer.

Du fühlst dich verloren, und möchtest weggeh’n.
Du stellst dir die Frage: «Wo soll ich nur hin?
Wo ist der Ort bloss, für mich, wie ich bin?»

Allen werde ich nie gefallen, danach zu streben hiesse, mich immer wieder selbst zu verletzen durch falsche Hoffnungen und Erwartungen und die darauffolgenden Enttäuschungen. Schlussendlich wird es auch nicht gelingen, mich auf Dauer zu verbiegen, denn das eigene Gefühl, nicht sein zu können, wer ich eigentlich bin, untergräbt die Freude an der Beziehung mit anderen, es ist ein zu grosser Preis: Ich gehöre nur dazu, weil ich bin, wie sie mich haben wollen, nicht weil ich bin, wer ich bin.

Es bleibt wohl nur eines: Ich muss mir immer wieder klar werden, wer ich bin und was ich will und brauche im Leben und von anderen Menschen. Und dann muss ich sehen, ob ich das in solcher Form kriege an dem Ort, wo ich bin, oder ob ich vielleicht am falschen Platz bin. Dann müsse ich mir einen suchen, der besser passt. Vielleicht reichen aber auch kleine Anpassungen aus, um einen Ort zu einem passenden zu machen. Vielleicht muss ich kein Haus bauen, nicht mal Mauern errichten, es reicht vielleicht ein Schutzschild, den ich hochhalten kann. Ein Schutzschild, hinter das ich in unsicheren Momenten treten kann und hinter dem das warme Gefühl aufkommt: Ich bin, wie ich bin, und das ist gut so. Und dann trete ich wieder hervor und schaue, ob das auch noch andere finden. Und wenn ich mich auf die konzentriere, statt immer jene im Blick zu haben, die mich ablehnen, stehe ich plötzlich in einer Welt, in der ich mich wohlfühlen kann.


[1] Zit. Nach «In meinen Träumen läutet es Sturm» ©1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH&Co.KG, München

Tagesgedanken: Mitgefühl

„Was ist das Eine, das alle anderen Tugenden in sich fasst? Mitgefühl.“ (Buddha)

Mitgefühl. Ich fühle, was du fühlst. Nicht im Sinne eines Leidens, wenn du leidest, sondern im Sinne der Fähigkeit, dein Leiden von tiefstem Herzen zu verstehen. Wenn ich mit jemandem mitfühle, höre und sehe ich ihn in seinem Leid, ich nehme ihn als den wahr, der er ist, mit dem, was er fühlt. Nur schon das Gefühl, gehört, gesehen zu werden, nimmt oft einen Teil der Schwere des Leids.

Manchmal sehen wir Menschen in ihrem Sein und Tun und be- oder verurteilen sie dafür. Dies ist ein Zeichen für fehlendes Mitgefühl, was nicht heisst, dass es uns generell an Gefühlen mangelt. Fehlendes Mitgefühl ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht bereit sind, den eigenen Standpunkt zu verlassen, um die Welt aus den Augen eines anderen zu sehen. Diese Bereitschaft aber ist nötig, wollen wir mit anderen, die nicht so sind, wie wir sie gerne hätten oder es von ihnen erwarten, zusammenleben wollen.

Nun kann ich mich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass ich selbst richtig, die anderen also falsch sind. Ergo müssen sich die anderen ändern, oder aber ich schliesse sie aus dem Kreis derer, die sind, wie sie sein sollen, aus. Nur: Wäre ich dazu in der Lage, würde ich für einen Moment innehalten und mich fragen, wie es denen gehen muss, die ausgeschlossen werden, nur weil sie sind, wer und wie sie sind? Wie würde ich mich fühlen im gleichen Fall? Durch dieses Hineinfühlen in den anderen entsteht Mitgefühl und damit eine Verbindung zwischen Menschen.

Mitgefühl ist zentral im Buddhismus. Mitgefühl verbindet Menschen als lebende Wesen, als Gleiche unter Gleichen trotz ihrer Unterschiedlichkeit. Mitgefühl basiert auf Wertschätzung, auf dem Wunsch, dass alle Lebewesen frei von Leid sein mögen. Wenn wir uns das wünschen, werden wir uns hüten, anderen Leid zuzufügen, im Gegenteil: Wir werden alles versuchen, Leiden zu vermeiden oder ihm ein Ende zu setzen, so es in unserer Macht liegt.

Umfassendes Mitgefühl wertet nicht. Es sortiert nicht aus. Es weiss, dass jeder Mensch glücklich sein will, dass jeder Mensch frei von Leid sein will. Egal, wo er geboren wurde, welche Sprache er spricht, welche Religion er zu seiner erklärt oder welche Hautfarbe er hat. Auch der unliebsame Nachbar hat tief drin die gleichen Sehnsüchte wie wir. Ebenso der grantige Chef oder die schrullige alte Dame im Park. Keiner steht wohl am Morgen auf und denkt: „Ich will heute mal ein Ekel sein, egal, ob mich die Menschen mögen.“ Wenn wir uns dieses vor Augen halten, gelingt es vielleicht, unser Mitgefühl auch auf die auszuweiten, denen wir im ersten Moment eigentlich negativ gegenüberstehen. Das heisst nicht, dass wir fortan beste Freunde sein müssen, aber es ist der Ausdruck einer Wertschätzung des Menschen als Menschen in seinem So-Sein und damit ein Anfang für ein gelingendes Zusammenleben von Verschiedenen als Gleichwertige und Gleichwürdige. Und das wäre etwas, das ich mir für mich und für diese Welt wünschen würde.

Tagesgedanken: Wer will ich sein?

«Wir sind keine Opfer der Umstände oder unserer Gene, wir können in einem gewissen Ausmass frei wählen, wie wir uns verhalten.»[1]

Wie oft hört man von Menschen, dass ihr Leben beschwerlich ist, weil sie eine schwierige Kindheit hatten. Dann wird meist den Eltern die Schuld für die eigenen, aktuellen Probleme zugeschrieben, haben sie doch das Kind, das man mal war, geprägt und auf die Schienen gebracht, auf welchen es heute noch läuft – und das zu dessen eigener Unzufriedenheit, aus welcher die Klagen stammen. Natürlich kann man das so sehen und sich als Opfer empfinden. Nur: Das wird einen nicht nur nicht weiterbringen, es ist auch eine sehr einfache Sicht. Sind wir wirklich allem ausgeliefert, ohne einen eigenen Einfluss darauf? Haben wir tatsächlich keine Möglichkeit, selbst etwas zu bewirken, und sind somit frei jeglicher Verantwortung für unser Sein und Tun?

Studien sagen nein. Der Mensch ist bis ins hohe Alter zu Veränderungen fähig. Gene und Eltern haben nur einen kleinen Anteil an dem, was wir die eigene Identität nennen. Das Umfeld, die Gleichaltrigen im Kindesalter, später Freunde und Bekannte, sind viel prägender. Und: Auch wir selbst haben durchaus viel in der Hand, können wir doch sowohl bei der Wahl unserer Freunde (später wohl noch mehr denn als Kind) sowie durch einen bewussten Blick darauf, was wir wirklich wollen im Leben und ob wir dafür am richtigen Ort sind, durchaus eigene Weichen stellen.

Wenn es im Leben nicht rund läuft, man mit seinem Verhalten immer wieder aneckt, oder man merkt, dass man immer wieder in gleiche Fallen tappt, sagt man sich oft: 

«So bin ich halt.»

Zwar ist man damit fein raus und jeglicher Anstrengung zu Veränderung enthoben, doch ist das nicht eine gar einfache Sicht? Denn: Das mag gut passen, wenn man mit sich und dem eigenen Leben zufrieden ist, doch was, wenn nicht? Wenn man sich eigentlich wünscht, anders zu sein, zumindest in gewissen Situationen? Was, wenn man Träume und Wünsche hat, die sich aber nur erfüllen lassen, wenn man die eigene Komfortzone verlässt? Die gute Nachricht: Es ist möglich. Aber: Es ist sicher nicht einfach und geht selten von heute auf Morgen. Trotzdem gibt es Starthilfen für einen Weg hin zu einer Veränderung:

Hinhören, was man wirklich will. Danach einfach auch mal kleine Dinge anders machen als sonst, um zu sehen, wie sich Veränderungen anfühlen. Sprichwörtlich neue Wege gehen – und sei es nur der zur Arbeit. Eine weitere Möglichkeit ist, so zu tun, als ob. Der Soziologe John Goffman sagt, dass wir alle im Leben unbewusst Theater spielen, indem wir anderen auf eine bestimmte Weise gegenübertreten. Wieso das nicht bewusst tun? Wieso als schüchterner Mensch sich nicht so verhalten, als ob man selbstbewusst und mutig wäre, und einfach mal mit der Frau an der Kasse ein paar Worte wechseln? Und merken, dass es gar nicht so schwierig ist, im Gegenteil, dass es sogar Spass macht. Und plötzlich geht es wie von selbst, das vorher gespielte Verhalten geht in Fleisch und Blut über. All das ist ein Weg, ein Prozess des beständigen Hinschauens, Erkennens und Übens. So sagte schon Buddha:

„Durch Übung wächst das Wissen an, doch ohne Übung schwindet es dahin.“

Manchmal ist man aber auch mit sich selbst zufrieden, fühlt sich wohl in seiner Haut und möchte bleiben, wie man ist – nur: Andere stossen sich daran, weil man anders ist als sie. Was dann? Schmerzen mag die Ablehnung doch, aber es bleibt in dem Fall nur ein gelassenes «so what». Eine wahre Wunderwaffe für den inneren Frieden, wie ich finde. 


[1] Zitat aus Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten Ich, DTV Verlag, 2020.

Tagesgedanken: Leben ist heute

«Wir wissen nicht, was morgen wird.
Wir sind keine klugen Leute.
Der Spaten klirrt, und die Sense sirrt,
Wir wissen nicht, was morgen wird.
Wir ackern und pflügen das Heute.»
(Mascha Kaléko)

Vor allem in schwierigen Zeiten, in persönlichen Krisen oder wenn, wie jetzt, die Welt im Argen liegt, schaut man oft sorgenvoll in die Zukunft und fragt sich, wie das alles weitergeht. Was soll nur werden und was, vor allem, wird aus mir werden? Wie werde ich leben? Wird mein Leben gut sein? In all diesen Gedanken verlieren wir uns, malen Bilder an die Wand, die unseren (in solchen Situationen oft dunklen) Gedanken entspringen und sich verfestigen. Oft vergessen wir dabei, dass dies keine wirklichen Zukunftsaussichten sind, sondern nur eigene Vorstellungen. Ob diese real werden oder nicht? Das kann keiner sagen. 

Manchmal schweifen wir in Gedanken auch in die Vergangenheit. Wir schwelgen in dem, was mal war und hadern damit, dass es nicht mehr ist. Nur: Schöne Erinnerungen sind zwar wunderbar und auch wichtig, aber die zu intensive Auseinandersetzung damit kann gefährlich werden, wenn wir darüber die Gegenwart vergessen und diese keine Chance bekommt, selbst zu einer schönen Erinnerung zu werden. Noch schwieriger wird es , wenn wir unsere aktuelle Krise an schlechten Erfahrungen der Vergangenheit (oft gar Kindheit) festmachen. Wir beklagen uns darüber, suhlen uns in unserem Leid und sehen uns diesem ausgeliefert, weil das Leben so gelaufen ist, wie es dies tat. Wir werden weder das Schöne zurückholen können noch das vergangene Leid ungeschehen machen. Die Flucht der Gedanken in Vergangenheit oder Zukunft wird im Hier und Jetzt meist wenig bewirken.

Alles, was bleibt, ist das Heute: Es ist der einzige Tag, der gelebt werden kann. Was heute nicht im Lot ist, das kann ich heute angehen. Und was heute schön ist, das kann ich geniessen und auskosten, ich kann daraus Kraft schöpfen für mein Leben. Nicht, um später nur noch darin zu schwelgen (aber natürlich auch, um dann und wann dankbar zurückzublicken), sondern um die Kraft zu haben, dann mit dem Leben umzugehen, wenn es mal schwierig wird. Der Dalai Lama hat das schön ausgedrückt:

«Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist Gestern, der andere Morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist.»

Tagesgedanken: Begegnen statt beharren

«Das mit der Wahrheit muss verschwinden. Solange die Wahrheit in den Köpfen der Menschen ist, ist da immer der andere, den ich umbringen muss, denn er hat sie nicht, ich habe sie ja.»

Dies sagte sinngemäss Heinz von Foerster. Es klingt auf den ersten Blick witzig: Die Wahrheit muss verschwinden. Doch denkt man weiter, fängt ein leises Nicken an. Blickt man auf die Welt und wie Menschen miteinander umgehen, nimmt das Nicken zu. Jeder denkt, er hätte die Wahrheit gefunden und propagiert sie nun nicht nur als seine, sondern als absolut gültige. Jeder, der widerspricht, muss natürlich im Unrecht sein, denn zwei Wahrheiten, die sich unter Umständen sogar widersprechen, kann es nicht geben. Wo die Gewissheit herkommt, dass die eigene Wahrheit wirklich die richtige ist, dass sie der Weisheit letzter Schluss ist, das muss nicht weiter begründet werden. Das ist einfach so. 

Was ist eigentlich Wahrheit? Wie findet man sie? Wie weiss man, dass sie es ist? Diese Frage stellt man sich seit Jahrtausenden. Aesop kam zu folgendem Schluss: 

«Jede Wahrheit hat zwei Seiten. Wir sollten uns beide Seiten anschauen, bevor wir uns für eine entscheiden.»

Wahrheit wird oft als Machtmittel benutzt (Wissen ist Macht): Wenn ich weiss, wie der Hase läuft, stehe ich über dir. Nur: Woher nimmt man diese Überzeugung? Was ist überhaupt zuerst: Unsere Wahrheit oder unser Machtdenken? Kehren wir nicht oft die ganze Sache um und propagieren um der Macht Willen eine Wahrheit, die wir als die richtige hinstellen, um die eigene Position zu stärken? Statt unsere Vernunft zu nutzen, um im Diskurs mit Anderen gemeinsame Wege zu finden, setzen wir sie ein, um eigene Zwecke zu erreichen. Adorno resignierte ob dem Umstand, schrieb seine negative Dialektik und pflegte fortan eine pessimistische Weltsicht. Habermas versuchte später, neuen Wind in die Frankfurter Schule zu bringen und teilte die Vernunft in zwei Teile: Die zweckrationale und die kommunikative. Aber auch er ist noch nicht sicher, welche gewinnen wird.

Nun, wir haben es in den Händen: Indem wir uns bewusst werden, wie wir im Umgang mit anderen Menschen agieren, ob wir sie mit Argumenten totschlagen wollen oder aber ob wir mit ihnen in einem quasi kommunikativen Tanz die verschiedenen Wahrheiten umgarnen und eine gemeinsame Melodie finden. Mir ist bewusst, dass dies einfacher klingt, als es ist, sind wir doch alle sozial geprägt und haben damit die zweckrationalen Muster in uns drin, nach denen wir dann, ganz dem Leistungsstreben unserer Gesellschaft verpflichtet, agieren. Aber wir sind ihnen nicht blind ausgeliefert, wir haben es in der Hand, die Veränderung zu suchen und uns neu zu besinnen, wie wir mit anderen umgehen wollen. Hannah Arendt sagte dazu:

«Wahrheit gibt es nur zu zweien.»

Wir haben auf diese Weise nicht mehr die Wahrheit für uns gepachtet, aber wir gewinnen die Möglichkeit, neue Wahrheiten kennenzulernen. Und wir haben mehr noch die Chance, anderen Menschen wirklich zu begegnen, was nur passiert, wenn wir in einen Dialog treten, in welchem beide einander zuhören und offen bleiben, um den anderen und seine Sicht der Welt kennenzulernen. Ein würdiger Ersatz für eine eigentlich nutzlose (da nur propagierte, selten aber wirklich gesicherte) Wahrheit, die nur als Totschlagargument taugt.

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Literatur zur weiteren Lektüre:

Tagesgedanken: Selbstliebe

Fragt man Menschen, was sie sich wünschen im Leben, ist wohl die Liebe das, was am meisten genannt wird. Sie ist der Inbegriff dessen, was das Leben lebenswert macht, wonach wir uns sehnen, um uns wohl und gut zu fühlen. Fehlt die Liebe, fehlt nicht nur sie, sondern auch oft die Freude an allem anderen, weil wir uns innerlich leer fühlen.

Jemandem sagen zu können „Ich liebe dich!“ ist ein grosses Geschenk. Das Wissen um diesen anderen Menschen, den man aus tiefem Herzen annimmt, den man in seinem Leben weiss, dem man vertraut, auch sich anvertraut, gibt dem eigenen Leben einen Boden, gibt ihm eine Tiefe, gibt ihm Freude und erfüllt dieses mit Sinn.

Was erstaunlich ist: So wichtig und wertvoll dies ist, für den, der es sagt, wie für den, der es empfängt, so selten sagen wir uns selbst: „Ich liebe mich!“ Wir kämen uns komisch vor, fürchteten, selbstverliebt zu erscheinen. Aber: Wir sagen es uns nicht nur nicht, wir fühlen es nicht mal. Im Gegenteil: Oft schimpfen wir mit uns, wenn etwas nicht gelingt, wie wir das wollen, sehen uns als grösstes Mängelwesen unter der Sonne. Sagen nach einem Missgeschick nach aussen zwar lachend, was für Schussel wir doch sind, während wir uns innerlich zermartern, wieso uns das passieren musste. Wir verstricken uns zu häufig in negative Gedanken uns selbst gegenüber, dass für Liebe wenig Platz bleibt – und gerade dann würden wir sie brauchen, denn:

Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang. (Mahatma Gandhi)

Hass mag ein grosses Wort sein, aber nur schon Ablehnung reicht. Indem wir uns mit negativen Gedanken und Gefühlen zu uns selbst äussern, machen wir uns immer kleiner. Wir denken zu oft, perfekt sein zu müssen und vergessen dabei, dass Perfektionismus der Totengräber des Selbstvertrauens ist. Perfektionismus entsteht nicht aus der Motivation nach Leistung, sondern aus der Angst vor Ablehnung. Wir fürchten, nicht zu genügen und streben danach, alles möglichst gut, nein: perfekt, zu machen. Und legen damit eigentlich den Grundstein des Misslingens.

Es ist doch so: Was gelingen kann, kann auch misslingen. Und manchmal ist sogar Misslungenes ein Gewinn – je nachdem, welche Perspektive wir einnehmen und was die Konsequenzen sind (die man vorher gar nicht abschätzen konnte, ist das Leben doch kontingent). Was ist also zu tun?

Indem ich die Möglichkeit des Misslingens akzeptiere, habe ich mehr Mut, Dinge zu probieren. Und je mehr ich probiere, desto öfter erlebe ich das Gelingen, desto mehr erfahre ich mich als tätigen, nach meinen Wünschen und Zielen lebenden Menschen. Auf diese Weise entfalte ich mich mehr und mehr als mich selbst. Es ist wichtig, dabei immer wieder darauf zu vertrauen, dass ich auch mit einem Misslingen umgehen könnte – Selbstvertrauen heisst das Zauberwort. Die gute Nachricht: Man kann es lernen. In kleinen Schritten, indem bei jedem gelungenen Versuch ein wenig dazu kommt, ebenso bei jedem misslungenen, den man überlebt und sogar gut überstanden hat.

Bevor ich also das nächste Mal sage: „Das kann ich eh nicht, ich bin nicht gut genug“, denke ich besser an all die Male zurück, an denen was gelang oder sich als nicht so schlimm herausstellte beim Misslingen. Und dann denke ich: „Ich will es versuchen, weil es mir wichtig ist. Und ich glaube daran, dass es gut kommt, egal wie.“ Frei nach Buddha:

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.“

Und dann gehe ich ans Werk, traue es mir zu. Und ich erfahre, dass ich in der Lage bin, Dinge anzugehen, dass ich etwas bewirken kann. Und vielleicht sage ich dann bald ganz leise zu mir selbst: „Ich liebe mich – weil ich bin, wie ich bin, und weil ich mir vertraue, so dass ich auch so sein darf.“ Vielleicht gelingt es nicht immer, es ist ein Weg, der immer und immer wieder gegangen werden will – aber der Weg lohnt sich.

Tagesgedanken: Berührbar sein

Wir werden als Menschen in eine Welt von Menschen geboren und sind dadurch ein möglicher Neuanfang in dieser und für diese Welt. Irgendwie ein schöner Gedanke. Er gründet auf der Überzeugung, dass die Welt nichts Gegebenes ist, sondern etwas Geschaffenes. Wir finden diese Welt auf die Weise vor, wie sie vor unserer Ankunft war, und können sie nun durch unser Sprechen und Handeln mitgestalten, sie also zu einer anderen machen. Hannah Arendt hat diese Gedanken in ein wunderschönes Bild gepackt:

«[So] geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, so dass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affizieren.»

Wir spinnen als Menschen gemeinsam unser Weltennetz, die Welt entsteht also zwischen uns Menschen, sie bedarf, um zu entstehen, unser gegenseitiges In-Beziehung-Treten. Damit diese Beziehung wirklich entstehen kann, müssen wir vom anderen berührt werden, er muss etwas in uns zum Schwingen bringen, was ein gegenseitiges Schwingen sein muss, damit eine wirkliche Beziehung entsteht. Hartmut Rosa bezeichnet dies als Resonanz. Er ist der Überzeugung, dass für ein gelingendes Leben Weltverhältnisse und -beziehungen prägend sind. Diese Beziehungen sind körperlicher und geistiger Natur, es ist ein wirkliches Berühren auf körperlicher Ebene, das seine höchste Form in der körperlichen Liebe findet, und auch ein Berühren auf seelischer Ebene, wo die Sprache als Handlungsform einsetzt. Sprache ist dabei nicht blosses Kommunikationsmittel, sondern ein Weg, die gemeinsame Welt zu schaffen. So sagte schon Wittgenstein:

«Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.»

Ich würde das Zitat insofern abändern als ich sagen würde:

«Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt.»

Denn nur durch eine gemeinsame Sprache, die ein gegenseitiges Verstehen erst ermöglicht, kann eine gemeinsame Welt geschaffen werden. Nur wenn mich das Gesagte des anderen wirklich berührt, ich diesem gegenüber offen bin, kann etwas in mir zum Schwingen kommen. Das braucht auch Mut, da alles, was in mich eintritt, mich auch verändert. Ich werde nach einem Gespräch nicht als die Gleiche hier sitzen, die ich vorher war. Aber nur durch das Zulassen dieses gegenseitigen Veränderns ist eine wirkliche Beziehung möglich. Und nur durch das Zulassen von Beziehungen ist ein wirkliches in der Welt Sein möglich.

Ich glaube, das ist das Geheimnis des ganzen Lebens und auch sein Sinn: Berührbar zu bleiben und in Beziehung zu treten, um gemeinsam eine Welt zu schaffen, in welcher wir alle als je Einzelne und Verschiedene gemeinsam zu Hause sind, geborgen in einem Weltennetz von selbst gesponnen Fäden, die zwischen uns schwingen und klingen und die Musik des Lebens ertönen lassen.

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Empfehlung zum Weiterlesen und -denken:
Hannah Arendt: Vita Activa
Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (Gedanken dazu HIER)

Tagesgedanken: Es allen recht machen

«Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.»

Dieses deutsche Sprichwort sagt aus, was einfach klingt und teilweise schwer in Praxis umzusetzen ist. Ich neige dazu, es allen recht machen zu wollen, traue mich dann nicht, meine Grenzen zu setzen, zu sagen: Bis hier und nicht weiter. Die Angst, anzustossen, ist gross, die Angst, nicht gemocht zu werden, überwiegt. Und tue ich es mal doch, passiert teilweise wirklich, was ich befürchte: Ich ernte Unverständnis, Ablehnung, fühle mich schlecht. Kann hier die Philosophie helfen? Ich meine, ich habe so viel gelesen in meinem Leben, sowohl im Osten wie im Westen habe ich wohl fast jeden philosophischen Stein umgedreht, der mir in die Hände fiel – und immer wieder viel Gutes, Wichtiges, Richtiges gelernt. Leider ist es nicht so, dass dies alles dann, einmal gelesen, auch schon im Leben realisiert ist. Aber: Es befindet sich in der hirn- und herzeigenen Werkzeugkiste, bereit, eingesetzt zu werden. 

Greifen wir mal in diese Werkzeugkiste und schauen wir zu Sokrates: Er stand ein für seine Überzeugungen. Er lebte sein Leben entgegen den landläufigen Gepflogenheiten, kümmerte sich statt um Geld und Ehre um die Ausbildung von Geist und Seele. Er wurde nicht müde, jeden, den er unterwegs traf, in ein Gespräch zu verwickeln, um ihm zu helfen, falsche Annahmen und Ziele loszulassen, sich nicht mehr um äusseren Reichtum, sondern um inneres Wachstum zu kümmern. 

«Schämst du dich nicht, für möglichste Füllung deines Geldbeutels zu sorgen und auf Ruhm und Ehre zu sinnen, aber um Einsicht, Wahrheit und möglichste Besserung deiner Seele kümmerst du dich nicht und machst dir darüber keine Sorge?»

Dass er damit nicht nur auf Zustimmung stiess, liegt auf der Hand, es kam so weit, dass er zum Tode verurteilt wurde, wenn er all das nicht unterliesse. Aber: Es war ihm ein zu grosses Anliegen, er wählte den Tod und machte bis zum letzten Atemzug weiter auf seinem Weg. 

Nun ist es in den heutigen Tagen bei den persönlichen Bedürfnissen und zu setzenden Grenzen selten eine Frage von Leben und Tod. Aber: Es kann durchaus passieren, dass wir mit dem einen oder anderen Bedürfnis oder Ansinnen nicht auf offene Ohren oder Zuneigung stossen. Es ist sicher auch nicht empfehlenswert, ohne Rücksicht auf Verluste alles durchzuzwängen, was man gerade will, aber es ist wichtig, hinzuhören, zu schauen: 

Was ist mir wichtig? Was brauche ich, um mein Leben als mir entsprechendes leben zu können?

Damit mag man nicht immer auf offene Ohren und Beifall stossen, das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man selbst falsch liegt mit seinen Bedürfnissen und seinem Lebensentwurf. Es kann auch sein, dass man sich in einem falschen Umfeld befindet, dass dieses nicht zu einem passt, dass sich darin die falschen Menschen für eine enge Verbundenheit bewegen. Und das darf so sein. Frei nach meinem Lebensmotto:

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Und was für mich gilt, gilt auch für die anderen.

Tagesgedanken: Was ist wahr?

Kürzlich sass ich nachts auf der Terrasse, schaute in den schwarzen, wolkenbehangenen Himmel und den gelben Mond. Es sah aus, als führe der Mond durch die Wolken, als brause er förmlich in sie hinein, um auf der anderen Seite wieder rauszukommen. Ich war fasziniert. Ich wusste vom Verstand her, dass es andersrum ist, dass die Wolken zogen und der Mond stand. Doch hätte ich ohne dieses Vorwissen beim blossen Anblick nie an eine solche Möglichkeit geglaubt.

Nun ist es sicher gut, dieses Wissen, das man sich ja nicht selbst erarbeiten konnte, zu glauben, gilt es doch als aktuelle Wahrheit (auch wenn es vielleicht nur der derzeit gültige Irrtum ist). Es sei denn, ich hätte wirklich die Möglichkeit der eigenen Überprüfung, dann sollte ich das tun.

Mir kam der Gedanke, dass wir das im Leben auch oft so machen: Wir erleben etwas und beurteilen es. Wir sind an einem Anlass, jemand schaut uns auf eine Weise an, und wir denken: «Der hat was gegen mich.» Vielleicht fangen wir uns sogar an zu fragen, was wir getan haben, dass dies so ist, suchen nach Fehlern bei uns und steigern uns förmlich rein in dieses Nicht-gemocht-Sein. Leider gibt es hier kein allgemeingültiges Wissen, das hier helfen könnte, zudem sind wir mehr als überzeugt von unserer Sichtweise, schliesslich haben wir den Blick gesehen und sind nicht ganz blöd. Denken wir.

Wir haben eine beschränkte Wahrnehmung und wir sind oft durchdrungen von Ängsten und Verletzlichkeiten. Wir fürchten, nicht gemocht zu werden, und achten aus dieser Angst heraus darauf, wie andere auf uns reagieren. Wir neigen dazu, den eigenen Ängsten recht zu geben, sind sie doch unser Begleiter und damit eng vertraut. Unser so geprägter Blick sieht also schnell das, was zur Angst passt. Und wir sind verletzt.

In solchen Situationen kann es uns helfen, innezuhalten und uns zu fragen: Ist das wirklich wahr? Weiss ich, dass er mich nicht mag? Könnte es andere Gründe für den Blick geben? Oder hat er vielleicht gar nicht mich angeschaut? Und selbst wenn es so wäre: Sind hier nicht auch noch ganz viele Menschen, die mich mögen? Wäre der Abend nicht schöner, ich würde mich daran freuen als mich über den einen (von dem ich nicht mal weiss, ob meine Wahrnehmung stimmt) zu grämen?

«Wir müssen unsere Sinneswahrnehmungen beobachten und unsere Reaktionen darauf überprüfen.» (Epikur)

Es ist an uns, zu entscheiden, worauf wir unseren Fokus lenken und wie wir das, was wir sehen und erleben, behandeln. Nicht das, was ist, lenkt unsere Gefühle, sondern das, was wir daraus machen.

Philosophisches: Schule machen

Kürzlich las ich ein Interview in „Die Zeit“ mit Wigald Boning, in welchem er folgenden Satz äusserte:

„Ich glaube, wenn man geliebt wird als Kind – dann öffnet das viele Türen.“

Und ich dachte: „Wie wahr!“ Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, hängt ein Leben lang nach. Das Gefühl, nicht lieben zu dürfen, weil jede Umarmung von dir zu viel ist, du aber keine kriegst, prägt. Und dann sitzt du irgendwann in deinem Erwachsenenleben und merkst: Ich trau mich nicht. Ich trau mich nicht, darauf zu vertrauen, dass mich jemand lieben kann. Ich trau mich nicht, jemanden zu umarmen, denn meine Umarmungen kommen immer ungelegen. 

Und dann denke ich: Mein Gott, ich hatte das, was man eine behütete Kindheit in einer heilen Welt nennt. Und ich frage mich, wie geht es Kindern, die nicht eine solche Basis haben? Kinder, die Gewalt erleben müssen. Kinder, die aus Familien genommen werden, weil sie misshandelt werden. Kinder, die an einen Ort, in eine Klasse geboren werden, wo sie schon von Anfang an schlechtere Chancen haben – in unserem System. Kindern aus unteren Klassen traut man weniger zu. Experimente haben gezeigt, sie wären zu Gleichem fähig, würde man ihnen das Vertrauen signalisieren, dass sie es schaffen können. Woher sollen sie es nehmen, wenn es ihnen keiner gibt?

Es gibt zum Glück Institutionen, die das auffangen. Und manchmal sind diese richtig gut. Sie schaffen es, dem Kind etwas zu vermitteln, was Liebe heisst. Obwohl es „nur“ Institutionen sind. Sie vermitteln eine Form von Vertrauen:

„Ich glaube an dich!“

Und das Kind kann es glauben, weil eine Beziehung da ist. Und so sollte es in Schulen sein: Jeder kann vieles erreichen. Man muss an ihn glauben, Es ihm mal zutrauen. Keine Schere machen, nicht die Zuwendung nach Klassenzugehörigkeit austeilen. Leider passiert das oft zu wenig. Es gibt private Schulen, doch die können sich viele nicht leisten. Und wenn man landläufig das Modell erklärt, bei Ämtern und staatlichen Schulen vorspricht, kommt als Erstes: 

„Das geht eh nicht.“

Doch, es geht. Es ist sogar finanzierbar. Man müsste es nur wollen. Aber es wäre gefährlich. Plötzlich würden wir Menschen aus allen Schichten bilden, die nachher mündige und fähige Mitbürger wären, die mitsprechen wollen. Plötzlich wäre der eigene Kuchen gefährdet, weil zu viele gelernt haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen können, und wissen, dass sie dafür ihre Stimme in einer Demokratie erheben müssen. Das muss man sich erst mal trauen. 

Nur: Wollen wir weiter eine Demokratie haben, die gelebt wird, müssen wir den Weg gehen. Er fängt im Elternhaus an, aber unsere Institutionen sind in der Pflicht. Auf die könnten wir bauen, wenn sie sich dazu entschliessen könnten. Stellt euch vor: Wir bilden plötzlich Kinder aus, die durch diese Ausbildung erfahren, dass sie selber etwas bewirken können, dass sie dadurch eine Verantwortung tragen, das auch zu tun, und die partizipieren wollen an einem gelingenden Miteinander. 

Eine Utopie? Möglich. Aber nur, wenn wir es nicht wagen. Es wäre machbar! Ich glaube dran!

Tagesgedanken: Glück mit Aristoteles

Es ist immer wieder erstaunlich, wie aktuell noch heute die Gedanken der alten Griechen sind. Wenn man durch Aristoteles’ Schriften blättert, finden sich Aussagen zum Menschsein, zum Leben darin, die an Gültigkeit nichts verloren haben. Ein Zeichen dafür, dass wir trotz der vielen offensichtlichen Veränderungen in der Welt über die Jahrtausende hinweg im Wesen noch immer ähnlich denken und sind. Schon Aristoteles hat sich zum Beispiel mit der Frage auseinandergesetzt, was ein gutes Leben ist, was es im Leben braucht, um glücklich zu sein. Er befand, dass viel an einem selbst liegt dabei:

«Tatsächlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied und kann sich an jedem beliebigen Punkt seines moralischen Werdegangs für ein gutes Leben entscheiden.»

Ein gutes Leben ist für Aristoteles eines, in dem man auf der Basis der eigenen Vernunft versucht, das Richtige zu tun. Es gilt also, als Einzelner in sich zu gehen und zu ergründen, was man will, wo die eigenen Werte liegen, wie man handeln will – die eigenen Absichten entscheiden über richtig oder falsch im Tun.

«Selbstgenügsamkeit oder auch Selbständigkeit (autarkeia) ist ein Schlüsselelement in Arostoteles’ Konzept einer guten und damit glücklichen Lebensführung.»

Ein Leben kann zudem nur dann ein glückliches sein, wenn man sich selbst genug ist. Sobald man das eigene Glück von anderen abhängig macht, ist es gefährdet, da man es aus den eigenen Händen gibt. Das bedeutet jedoch nicht, dass man das Leben nur auf sich gestellt und allein leben soll, damit würde man viel verpassen an Freude und Schönem. Freundschaft ist für Aristoteles ein grosses Gut, Freunde gilt es zu pflegen, denn sie sind eine Bereicherung für das eigene Leben.

«Für Aristoteles hingegen stellen Freunde auch für das Leben der Selbstgenügsamen eine Bereicherung dar… Freunde sind etwas inhärent Gutes im ‘äusseren’ Leben.»

Als soziale Wesen sind wir auf das Dasein anderer Menschen angewiesen, wir wären nicht lebensfähig ohne. Damit das Zusammenleben aber gelingt, bedarf es der richtigen Einstellung, da Freunde gut behandelt werden wollen. Freundschaft beruht vor allem immer auf einer Gegenseitigkeit. Es geht nicht an, nur profitieren zu wollen, man muss immer auch bereit sein, etwas zurückzugeben. Das soll nicht als Buchhaltung verstanden sein, sondern als tiefe Überzeugung, dem anderen etwas Gutes und das dazu Nötige tun zu wollen. Diese Grundhaltung kann nicht auf jedem Boden gedeihen, sie gedeiht da, wo Liebe ist, wo das tiefe Gefühl der Mitmenschlichkeit herrscht – und das fängt immer bei sich selbst an. So sagt denn Aristoteles auch,

«…dass man sich unbedingt selbst lieben muss, um gut leben und andere Menschen gerecht behandeln zu können.»

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Buchtipp: Edith Hall: Was würde Aristoteles sagen? Zehn philosophische Lektionen für das Glücklichsein

Edith Hall greift auf Aristoteles zurück, und präsentiert mit seiner Hilfe zehn Lektionen zum Glücklichsein. Für den antiken Denker war Glück eine innere Zufriedenheit, die jeder durch sein eigenes Verhalten erreichen kann. Das dazu nötige Verhalten ist ein ethisches, eines, das Tugenden hochhält, das im Umgang mit sich und anderen einer Tugendethik verpflichtet ist. Hall veranschaulicht die aristotelischen Grundsätze und Erkenntnisse anhand zeitgemässer Beispiele und eigenen Lebenserfahrungen.

Zur Autorin:
Edith Hall, geboren 1959, ist Professorin für Altertumswissenschaften am King’s College in London und zugleich Mitgründerin des Archive of Performances of Greek and Roman Drama an der Universität Oxford. Sie verfasste mehrere Bücher zu Themen der griechischen Geschichte und Literatur, u.a. eine Kulturgeschichte von Homers »Odyssee« sowie eine Geschichte der antiken Sklaverei. 2015 erhielt sie die »Erasmus-Medaille« der Academia Europea für herausragende Verdienste um die europäische Kultur und Wissenschaft.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Siedler Verlag (27. September 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3827500974
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3827500977
  • Originaltitel ‏ : ‎ Aristotle’s Way: Ten Ways Ancient Wisdom Can Change Your Life
  • Übersetzer: Andreas Thomsen

Verantwortung übernehmen

Wir leben in dieser Welt und sind von ihr abhängig, da wir ohne sie nicht leben könnten. Und doch verhalten wir uns so, als ginge die Welt uns nichts an, als könnten wir uns in der Natur bedienen, diese ausbeuten und zerstören, ohne dass dies irgendetwas mit uns zu tun hat. Wir zerstören die Leben von Tausenden, Millionen von Menschen an entlegenen Orten durch unser tun und fühlen uns doch nicht verantwortlich dafür: Es sind zu viele, sie sind gesichtslos für uns, die Kausalkette von Tun und Wirkung ist zu abstrakt. 

«Die Art, wie sich ein Individuum verhält, ist eine Antwort, nicht bloss eine Reaktion, auf seine Umwelt; sie ist jeweils eine signifikante Art, sich auf die Welt zu beziehen.»

Mit dieser Art zu leben heute, machen wir nicht nur unsere Umwelt kaputt, wir laufen auch in die Gefahr, unsere Gesellschaftsstrukturen so zu gestalten, dass sie totalitäre Systeme ermöglichen. Die Gleichschaltung unserer kapitalistischen Ziele, welche immer weniger Pluralität und immer mehr Gleichförmigkeit mit sich bringt, bedeutet das schleichende Ende einer Welt, in der ein Individuum noch nach seinem eigenen Willen leben kann. Es braucht ein Umdenken, eine Aufklärung, die an die heutigen Bedürfnisse von Mensch und Welt angepasst ist. 

Der Mensch ist gefordert, andere Menschen, Tiere, die Natur auf eine Weise wertzuschätzen, die ein Zusammenleben ermöglicht, das für die Lebewesen ein gutes ist, und das die Natur wieder aufatmen lässt. Das bedingt, dass wir Grenzen setzen da, wo Technik und Profitdenken Risiken bergen, wo sie Vernichtung mit sich bringen können: Die Vernichtung des freien Willens, die Vernichtung von natürlichen Lebensräumen, die Vernichtung möglichen Lebens in dieser Welt. Wir brauchen ein Bewusstsein für die Verwundbarkeit der Welt. 

Mit dem Bewusstsein um die Verwundbarkeit der Welt geht auch das unserer eigenen Verwundbarkeit einher. Wir werden in der Welt, wie wir sie gestalten, leben, und unter ihr leiden müssen, wenn sie weiter zu Grunde gerichtet wird. Wir werden die Konsequenzen tragen und es wird auch uns an die Substanz gehen, wenn wir nicht wieder neue Wege finden, diese kurzfristig mit noch grösseren zu erwartenden Schäden zu umgehen. Es liegt also in unserer Verantwortung, unser heutiges Tun so zu verändern, dass wir nicht weiter Schaden zufügen, sondern endlich beginnen, diesen wiedergutzumachen. Wir müssen unser alltägliches Verhalten den Erfordernissen anpassen – und das kann jeder für sich tun.

Immer wieder hört man dann: Ich bin ja nur ein kleines Licht. Das bringt doch nichts, wenn ich mich einschränke. Die da oben sollen endlich was tun. Am besten befehlen. Nur: Würden sie befehlen, fühlte man sich wieder bevormundet, in der eigenen Freiheit eingeschränkt, und ich sehe schon die wütenden Protestierer, die um diese ihre Freiheit auf die Strasse gehen. Jetzt hätten wir die Freiheit, selbst zu handeln. Ohne Befehl, nur im Bewusstsein, das richtige tun zu müssen – weil wir es wollen (sollten).

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Buchtipp zur Vertiefung des Themas:
Corine Pelluchon: Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung

Ein Buch darüber, ob Aufklärung noch zeitgemäss ist, ob wir nach allem, was die Vergangenheit und Gegenwart an Krisen mit sich brachten, noch auf diese zurückgreifen können. Corine Pelluchon skizziert eine neue Form von Aufklärung, die den Gefahren, die auf uns lauern, wenn wir so weiterleben wie bisher, entgegentritt. Sie propagiert kritisches Hinterfragen von aktuellen Verhaltensweisen und strukturellen Systemen, plädiert für einen Humanismus in Bezug auf Tier- und Menschenrechte, setzt als Ziel eine ökologische und demokratische Gesellschaft, die von Freiheit geprägt ist und doch die notwendigen ökologischen Zwänge berücksichtigt.

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Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (22. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3534273605
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3534273607

Lebenskunst: Dem Leben Sinn geben

„Der Sinn des Lebens ist einfach nur leben.“ (Alan Watts)

Was ist der Sinn des Lebens? Diese Frage beschäftigt die Menschen seit vielen Jahren, ja, Jahrtausenden. Wer nach dem Sinn fragt, fragt auch nach der Bedeutung, der Bedeutsamkeit von etwas. In diesem Fall bezieht sich die Frage auf das ganze Leben, sowohl das Leben an sich als auch auf des Lebens Sinn für den, der es lebt. Im ersten Fall geht es darum, dem Leben einen Gehalt zuzuschreiben, auch in Form einer Definition, einer Erklärung des Gegenstandes „Leben“ und dessen „Wozu“. Im zweiten Fall geht es mehr in Richtung Bedeutsamkeit, gemeint als Wert, Sinn, Geltung.

Schaut man auf das Wort selbst, steckt die Deutung drin. Das lässt darauf schliessen, dass das, was Bedeutung hat, jemanden braucht, der dies so deutet, der dem Ding eine Bedeutung zuschreibt. Das Mittelhochdeutsche „bediutunge“ ist denn auch so gemeint, als Interpretation, als Auslegung. Davon ausgehend steckt die Bedeutung also nicht im Ding selbst, sondern es ist eine Zuschreibung dessen, der darauf schaut. Das Leben an sich hätte so gesehen keinen Sinn an sich, wir geben ihm diesen dadurch, dass wir leben.

„Das Ziel des Lebens ist Selbstentfaltung. Seine eigene Natur vollkommen zu verwirklichen – dafür ist jeder von uns da.“ (Oscar Wilde)

Damit unser Leben für uns Sinn ergibt, Bedeutung hat, muss es unseren Werten entsprechen. Was ist für uns wichtig im Leben, wonach richten wir uns? Wenn wir es schaffen, das Leben so zu leben, dass es diesen, unseren Wert-Massstäben entspricht, blicken wir auf unser Leben als ein sinnvolles.

An dem Punkt sind wir aber nicht schon fertig mit der Suche nach dem sinnvollen Leben, hier fangen wir erst an, denn: Was sind unsere Werte? Wofür stehen wir ein? Wonach streben wir? Wonach richten wir uns? Was genau wollen wir im Leben? Mit dieser Frage fängt alles an. Schon Seneca wusste:

„Wer nicht den Hafen kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“

Die Frage nach dem Sinn des Lebens fängt also bei dir selber an. Du musst herausfinden, was für dich wichtig ist im Leben, deine Wünsche. Aufgrund derer kannst du dann deine Ziele definieren. Erst dann wirst du den Weg finden, der dahin führt, wo du hin willst. Nun ist das Leben aber selten ein Hüpfen von Ziel zu Ziel, sondern es besteht hauptsächlich durch den Weg von einem zum nächsten Ziel, welche quasi als Meilensteine das Leben zieren. So gesehen sind wir in unserem Leben hauptsächlich auf dem Weg, selten am Ziel – und wenn, dann nicht lange. Darauf verweist wohl auch der bekannte Spruch:

„Der Weg ist das Ziel.“

Nicht dass man auf dem Weg am Ziel oder der mit diesem identisch wäre, aber es ist das Ziel, den Weg so zu gestalten, dass er als erfüllend und gut und schön zu gehen erscheint. Ansonsten wird das Leben zu einem mühseligen Weg hin zu fernen Zielen, von denen man nie im Vornherein wissen kann, ob man sie wirklich erreicht und wie sich das Erreichen dann anfühlt. Ein solches Leben könnte kaum als schön gelten. Zwar meinte Nietzsche einst

„Wer ein Wofür im Leben hat, kann fast jedes Wie ertragen.“

doch wir wissen, wohin das bei ihm geführt hat. Zwar ist das Wofür wichtig, weil richtungsweisend und dadurch durchaus sinnstiftend, doch ist auch das Wie massgeblich für die Lebensempfindung.

Was also können wir tun? Wie verleihen wir unserem Leben Sinn? Was brauchen wir dazu?

  1. Was ist dir wichtig im Leben? Welche Werte hältst du hoch? Finde heraus, was dir wirklich wichtig ist und was du nur von anderen übernommen hast oder denkst, tun zu müssen. Setze deine eigenen Massstäbe.
  2. Was sind deine Wünsche für dein Leben? Wo liegen deine Schwerpunkte? Lerne deine eigenen Träume kennen, setze deine eigenen Ziele.
  3. Wo sitzen deine Ängste? Ängste sind oft Stolpersteine, indem wir uns ausmalen, was alles Schlechtes passieren kann. Wie kannst du lernen, mit deinen Ängsten so umzugehen, dass sie dich nicht behindern?
  4. Wo liegen deine Stärken und Fähigkeiten? Wie kannst du sie am besten nutzen auf deinem Weg zu deinen Zielen? Brauchst du Hilfe auf deinem Weg zum Ziel? Wo kannst du sie kriegen?
  5. Wofür bist du schon dankbar im Leben? Der Blick auf das Gute im Leben gibt Kraft für neue Herausforderungen.
  6. Was macht dir wirklich Spass? Wo vergisst du dich und tust einfach, was du tust? Tätigkeiten, die uns Freude machen, zeigen uns oft, wo unsere Stärken liegen, wo wir uns wohl fühlen. Wenn wir auf unserem Weg möglichst viel davon einbauen können, wird nicht nur der Weg zum Ziel angenehm, unser ganzes Wohlbefinden steigert sich und das Leben zeigt sich als lebenswert. Was gäbe einem Leben mehr Sinn?
  7. Was sind die kleinen Schritte? Ziele erscheinen oft gross und dadurch schwer erreichbar. Sie in kleine Schritte zu unterteilen, von denen man jeden feiern kann, macht den Weg überschaubarer und weniger überwältigend.
  8. Wie stehst du hinter dir? Glaube an dich und dein Ziel. Was wir denken, formt unsere Gefühle. Positive Gefühle steuern unser Verhalten, fördern konstruktives Verhalten.
  9. Wie viel Schnauf hast du? Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, auch du brauchst Ausdauer, um ans Ziel zu kommen. Gib nicht gleich auf, wenn es mal harzig läuft. Erfolgsstrassen durchlaufen häufig Täler, häufig sind diese jedoch Schwellen zum nächsten Fortschritt.
  10. Du bist am Ziel, was nun? Nach dem Ziel ist vor dem Ziel. Höre nicht auf zu träumen. Nimm dein Leben in die Hand und fülle es mit Sinn. 

Tagesgedanken: Dialog

„Ich bin leider ein komplizierter und schwieriger Gegenstand.“

Das sagte Martin Buber und ich fühle mich direkt angesprochen, rufe innerlich: „Au ja, ich auch.“ Irgendwie tut es gut, sich gefühlt in Beziehung zu sehen mit einem Menschen, den man schätzt, den man in seinem Tun und Denken achtet. Es ist ein wertvolles Gefühl, sich nicht allein zu wissen im eigenen So-Sein, fast wie eine Begegnung mit einem anderen Menschen, zu dem eine Verbundenheit besteht. Martin Buber mass der Begegnung einen grossen Wert zu:

«Alles wirkliche Leben ist Begegnung.»

Was aber braucht es für eine wirkliche Begegnung? Begegnungen entstehen da, wo wir offen auf einen anderen Menschen zugehen, uns auf ihn einlassen, ihn als den annehmen, der er ist. Wir sind bereit, uns diesem Menschen gegenüber zu öffnen, so dass ein Austausch auf Augenhöhe entstehen kann. Auf dieser Basis treten wir in einen Dialog ein, wir sind bereit, uns einerseits zu offenbaren, und andererseits zuzuhören, was der andere zu sagen hat. Ohne Voreingenommenheit, ohne den Anspruch auf die richtige Sicht, sondern interessiert an einem Austausch mit offenem Ausgang, an gegenseitigem Wachsen und voneinander Lernen.

Diese Dialogbereitschaft propagierte Buber nicht nur für den persönlichen Austausch, sondern auch im christlich-jüdischen Austausch zwischen den Arabern und Juden in Israel – etwas, das dringend nötig war und immer noch wäre, sollen die Auseinandersetzungen da endlich ein Ende finden, das aktuell nicht absehbar ist. 

Leider sind wir davon oft weit entfernt. Die sozialen Medien verstärken eine Tendenz, die sich schon lange zeigt: Wir verschliessen uns fremden Argumenten gegenüber, sehen die eigene Meinung als die richtige, und haben nur eines im Sinn: Die anderen davon zu überzeugen. Gelingt das nicht, schliessen wir sie als Unbelehrbare aus. Wir wollen nicht hören, was sie zu sagen haben, wir wollen nichts über ihre Beweggründe erfahren, wir wollen bei unserer Meinung und unter Gleichgesinnten bleiben. Wir hören nicht mehr zu, tauschen uns nicht mehr wirklich aus, haben verlernt, gemeinsame Wege auszuhandeln. Wir verschliessen uns damit nicht nur Neuem, wir verhindern so auch wirkliche Begegnungen. So bleibt nur noch ein Kreisen im eigenen Universum, was mitunter sehr einsam werden kann. Ein wirkliches Miteinander von Verschiedenen ist so nicht lebbar, nicht in einer Beziehung, nicht in einer Gesellschaft. Auch eine Demokratie ist auf diese Weise nicht wahren Sinn des Modells möglich.

Das alles klingt sehr theoretisch, doch Buber war weit davon entfernt, ein blosser Theoretischer zu sein. Er hat dieses Denken gelebt. Hans Jonas hat dies so beschrieben:

«Nie habe ich eine vollkommenere Gemeinschaft von Zweien gesehen, die in der Bejahung des Anderen bleiben was sie sind.»

Sich selbst bleiben. Und doch offen für Fremdes, Anderes. Das ist wohl die grosse Kunst. 

Tagesgedanken: Alles im Wandel

Manchmal steht man im Leben und alles scheint gut. Wohin man blickt viel Licht und Gutes, die Dinge laufen, wie sie sollen, eine grosse Dankbarkeit erfüllt einen, weil man weiss, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Manchmal dauert es nicht lang, bis sich dieses Nicht-selbstverständlich-Sein deutlich zeigt: Quasi aus dem Nichts liegt das ganze Glück in Trümmern, ein kleiner Auslöser und das Leben, das gerade noch hell und schön und voller Freude war, gleicht einem dunkeln Loch, dessen Ausgang unsichtbar in weiter Ferne zu liegen scheint. 

Was tun? Hadern? Wohl schon. Nur wenige Menschen haben wohl die Gelassenheit, das einfach still hinzunehmen. Besser ist es aber wohl, das nicht zu lange zu tun, denn erstens macht es die Situation nicht besser und zweitens findet man damit keinen Weg aus dem Dunkel. Ich sagte immer, dass es auch in düsteren Momenten Lichtvolles und Schönes gibt, man müsse es nur sehen. Das ist durchaus so, ich bin davon überzeugt, und doch ist das alles nicht so einfach. Obwohl man es weiss und auch sieht: das gute Gefühl dabei bleibt aus.

Manchmal gehören die dunklen Momente einfach zum Leben und man muss sie annehmen. Vielleicht hilft in solchen Situationen vor allem eines: Das Vertrauen darauf, dass das, was sich in die dunkle Richtung verändern konnte, auch wieder zum Hellen zurückkehren kann, hin zum Licht. 

Theodor Fontane hat das in seinem tröstlichen Gedicht beschrieben:

Tröste dich, die Stunden eilen,
Und was all dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
Und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew’gen Kommen, Schwinden,
Wie der Schmerz liegt auch das Glück
Und auch heitre Bilder finden
Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens
Zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens
Und – es kommt ein andrer Tag.