Da war noch diese Katze,
die leckte faul die Tatze.
Das dacht’ zumind’st die Maus,
da fuhr die Katz’ die Krallen aus.
© Sandra Matteotti
Denkzeiten – Sandra von Siebenthal
Philosophie und Lebens-Kunst
Da war noch diese Katze,
die leckte faul die Tatze.
Das dacht’ zumind’st die Maus,
da fuhr die Katz’ die Krallen aus.
© Sandra Matteotti
Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.
Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel „Lied aus dem Spanischen“, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht auch nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt: Kurz zuvor war seine Frau gestorben, der kleine Sohn wurde kaum einen Tag alt. Das deutet darauf hin, dass er mit dem Nachsatz von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.
Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Kaum einer litt nicht an der Liebe, und doch: Wir sehnen uns immer wieder danach. Wir nehmen das Leiden in Kauf, nehmen sehr viel in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.
Das lyrische Ich (Lessing?) spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Ob die Liebe gegenseitig war, ist kein Thema im Gedicht. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen.
Das Gedicht spiegelt die Innensicht eines einst Liebenden wieder, der diese Liebe verloren hat, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Das Fühlen hat aufgehört, es ist nur noch Erinnerung, nun denkt er daran zurück. Das Ich ist das Bleibende, alles andere verändert sich. Während die Welt im Wandel ist, erlebt das Ich diese Welt, bleibt aber bestehen als (wenn auch sich veränderndes, aber trotzdem im Kern bleibendes) Ich. Es setzt dem Ausgeliefertsein an den Wandel ein „dennoch“ entgegen, das auf dem Verstand gründet. Hier drückt klar die Aufklärung der Zeit des Verfassers durch.
Selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl – das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte. Damit sagt der hier Sprechende, dass das Fühlen der Liebe das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.
Weil:
Ohne Liebe ist alles nichts.
Ab und an
würde ich gerne ausbrechen
aus dem Leben.
Aus allem
Ich möchte verlassen.
Dich! – alles,
wohl auch mich…
Ja – so ganz.
Und dann sitze ich hier
und schreibe Briefe
zum Abschied.
Gemeinte.
Ich schicke sie nicht ab.
Weil ich weiss,
ich bleib’ ja doch
Irgendwie.
Ein Teil geht immer.
Der Rest bleibt hier.
Es wird weniger.
Ich geh aus.
Da ist noch dieser Broccoli,
der spielte gerne die Soli.
Nur wird er meist im Team verwendet,
worauf er denkt:“Verschwendet!“
© Sandra Matteotti
Es war einmal ein Blumenkohl,
der fühlt’ sich nur in Sauce wohl.
Was soll denn auch eine Diät?
Als ob er pur noch schmecken tät‘!
© Sandra Matteotti
Der Mensch
Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret;
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar,
und alles dieses währet,
wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.
1783 schrieb Matthias Claudius dieses Gedicht. Es umfasst das Menschsein von Geburt bis Tod, eine ganze Lebensspanne. 80 Jahre soll es dauern, dieses Leben und am Schluss endet es da, wo auch die Leben der Vorfahren endeten und die der Nachfahren enden werden. Eine zweite Chance gibt es nicht.
Der Mensch wird nicht gezeugt, er wird empfangen. Die Frau als Empfangende, der Mensch als Empfangenes. Nimmt man den Titel und die ersten zwei Zeilen, scheint der Mensch Mann zu sein, die Frau tritt nach dem Empfangen nicht mehr auf.
Sobald der Mensch auf der Welt ist, sieht und hört er viel und merkt dabei nicht, dass eigentlich alles Schein ist, er die Wahrheit dahinter nicht erblickt. Er sitzt Trugbildern auf, die er für die Wahrheit hält, sehnt sich nach Dingen, um die er weint, wenn er sie nicht kriegt.
Das Leben bietet Gefahren und auch Freuden, alles, was der Mensch baut, zerbricht irgendwann und trägt dabei die Ahnung des endgültigen Abschieds in sich, der jedem irgendwann blüht. So wird das Leben ein ständiges sich Quälen: Aufbau und Zerstörung, nichts währt ewig. In diesem Kreislauf nagt die Zeit an einem, hinterlässt ihre Spuren, bis man eines Tages das Zeitliche segnet. Für immer. Ein anderer Mensch wird irgendwo von einem anderen Weib empfangen, das Menschsein beginnt von neuem, alter Wein in neuen Fässern.
Claudius zeichnet hier eine trostlose Sicht des Lebens und des Menschseins. Sie trägt etwas Hilfloses, etwas Passives in sich. Die Dinge geschehen, man tut als Mensch nichts dazu: man wird empfangen, genährt, betrogen. Zwar versucht man immer wieder, dagegen anzugehen mit Begehren, Lüsten, Lehren. Man sieht alles nur immer wieder zerbrechen, so oft man auch wieder ansetzt. Dieses doch sehr quälende Leben dauert bis zum Tod, welcher endgültig ist.
So gesehen ist der Tod eine Erlösung. Das Gedicht von Claudius nimmt ihm seinen Schrecken, indem es aufzeigt, welches Leiden er beendet. Er zeigt, dass auch das Leben nicht frei gewählt ist, genauso wenig wie der Tod. Während man meist am Leben hängt, den Tod verdammt, kehrt er die Sicht um: Das Leben ist das Grausame, der Tod erscheint als erlösende Gnade.
Man kann das Gedicht als Umgang mit der Angst vor dem Tod sehen, als Relativierung der eigenen Sicht, als Perspektivenwechsel. Das Leben ist auch nicht nur negativ, es bietet Freude, Wachen, Aufbau – aber auch das Gegenteil. Nur der Tod ist endgültig. Dabei aber nicht grausam, sondern ein Zur-Ruhe-Kommen bei den Vorfahren.
Wenn Pauken und Trompeten
fröhlich durch die Gegend tröten,
ist jedem sofort sonnenklar,
dass der Grund ne Zwiebel war.
Unter meiner Steppbettdecke
hat es Platz für zwei.
Nur: wenn ich meine Beine strecke,
ist wegen Katzen nichts mehr frei.
Ordnung sei das halbe Leben,
sagen die, die danach streben.
Ich suche nun das zweite Halb,
und es herrscht Chaos hier deshalb.
Es schrieb der Füller tintenblau,
über’n Herrn und dessen Frau.
Er hatte Glück und keine Not,
mit der and’ren schrieb’ er rot.
Ich bin ich!
wer ist ich?
wie finde ich mich?
bin ich schon da?
erfind ich mich?
einmal?
zweimal?
immer neu?
wer bin ich?
wer weiss es?
wenn nicht ich?
Ich setze sie
so Jahr für Jahr –
und teilweis’ auch mal
zwischendurch.
Ich glaube dran
und will sie auch!
Sie leuchten ein,
sie klingen gut.
Dann sitz ich da
und überdenke,
sehe mich
und diesen Plan.
Und merke dann,
das bin ich nicht!
Ich lass’ sie fallen,
Stück für Stück.
Nun sitz ich da
und bleibe halt
die, die ich bin
bis nächstes Jahr.
Die einen trinken morgens Tee,
die andern wollen nur Kaffee.
Nur ich kann nicht entscheiden
und nippe drum an beiden.
Es steigt der Frosch die Leiter hoch,
aus seinem tiefen Kellerloch.
Alle freuen sich auf Sonnenschein,
dabei wollt’ der Frosch nur oben sein.