Hermann Hesse: Bücher

Bücher

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –
Denn nun ist sie dein.
(Hermann Hesse, 1918)

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Für das Projekt „Lyrische Helfer“ – Gedichte für glückliche Zeiten oder wenn man das Glück sucht

Wir alle wollen glücklich sein und tun auch sehr viel, das Glück zu finden. Wir denken, wir müssen etwas bestimmtes haben, leisten oder erreichen, damit das Glück in unser Leben kommt, suchen es bei Menschen, in Büchern, gar in Therapien. Wir sind wie der Bauer, der aufbricht, um einen Schatz zu finden und nicht merkt, dass dieser im eigenen Garten schon da gewesen wäre, er hätte ihn nur sehen und giessen müssen.

Wir sind wie ein Garten, in uns ist alles Gute (und auch anderes) angelegt. Wir entscheiden, was davon wir giessen und zum Wachsen bringen. Wenn wir in uns die guten Anlagen wie Liebe, Mitgefühl und Güte giessen, wird sich das Glück von selber einstellen. Glück findet sich nicht im Aussen, wir können es nicht erreichen. Es ist schon da, wir müssen es nur sehen und wachsen lassen.

Erich Kästner: Kleines Solo

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Mußt erfahren,
daß es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuß alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

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Einfach, weil man mehr Gedichte lesen sollte

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Wenn der Atem ausgeht,
und nichts neuen dir bringt.
Wenn der Kopf nur noch dreht,
dich das Leben bezwingt.

Wenn das Dunkel der Nacht
dir die Sterne verdeckt,
Gefühle verflacht
und die Hoffnung verreckt.

Wenn den Himmel nicht schaust,
und den Boden nicht fühlst,
in dir Leere nur haust,
und im Leeren du wühlst.

Dann lege dich hin und
rolle dich klein,
was heute noch wund,
ist morgen schon heil.

©Sandra Matteotti

Schweizers Sicht auf Österreich (2019)

Er war einmal Kanzler,
er war es nur kurz,
so hiess er ja auch,
doch das ist nun schnurz.

Er ging bald ganz schnell,
so knapp nach nur kurz,
es war nicht sehr lang,
es war schlicht nur kurz.

Was nun nur noch zählt,
ob lang oder kurz,
ist was nun denn wird;
wohl wieder nur kurz?

Ob dieses Mal lang,
oder wieder nur kurz,
man wird es wohl sehn,
es ist eigentlich schnurz.

Ein Kommen und Geh’n,
und keiner versteht’s,
man tut, was man soll,
es kommt, wie es muss.

©Sandra Matteotti

Erich Mühsam: Angst packt mich an

Erich Mühsam ( 1878 – 1934)

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll grosser Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist

Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, aber man kann und muss im Leben nicht alles alleine tragen. Oft fühlen wir uns klein und schämen uns unserer Nöte, aber: Hilfe anzunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.

die lebensreise

ich bin eine suchende,
die finden will
und zieht,
um ecken und
durch gänge hin.
ich bin eine suchende,
die hofft auf mehr,
und leben will,
erleben gar.

ich bin eine suchende,
die immer mal
so wieder find’t
und dann hinschaut
und neu befind’t.

ich bin eine suchende,
die oft am ziel,
doch im gefühl
noch viel mehr will.
so wie ich bin.

©Sandra Matteotti

soziale medien

gefällt dir das, was ich hier tu?
und: hast du mich auch gern?
gibst du mir ein like und
bleibst du auch mal steh’n?

scrollst du nur so durch oder
nimmst du wirklich wahr?
und wenn ich einmal schweige,
kennst du mich dann noch?

bestätigung? ein klick per maus,
und lebenssinn durch augenschein.
was zählt ist weder stil noch sein,
was zählt ist blosser schein.

wer auf sich hält,der zeigt sich stets
in allen lebenslagen, gerne nackt.
die schwächen werden retouchiert,
wen kümmert schon der mensch?

wir wollen schein und wollen prunk,
denn wer die hat, gehört dazu.
wer nicht geseh’n, den gibt es nicht,
wozu wär so ein leben gut?

©sandra matteotti

Rainer Maria Rilke: Die Liebende

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

Bis zum Letzten

Turm Oerlikon (4 von 7)

Bis zum Letzten

In Runden umrunden,
so Stufen um Stufen,
die Höhe bezwingen,
um fast wie von Sinnen,
den Turm zu erklimmen,
doch in mir die Stimmen,
sie kommen mit.

Himmelwärts streben,
die Weite erleben,
die Höhe erfahren,
und Ruhe bewahren,
trotz rasendem Herzen
und stechenden Schmerzen
ich halte Schritt.

Lasse nicht locker,
ich bin nicht das Opfer,
ich will, was ich tue,
und nehme die Schuhe
in meine Hände,
ertaste die Wände,
und dann dieser Schnitt.

Blut rinnt in Strömen,
ich höre sie höhnen,
lachend und spassend,
trotzdem anmassend
in Spott sich ergiessen
und diesen geniessen.
was für ein Ritt.

Ist das mein Leben?
Ich will mir’s nicht geben,
und breche nun aus hier,
wie aus nem Loch schier
den Turm hinauf strebend,
dann oben erbebend,
– nur noch ein Schritt.

©Sandra Matteotti

Die bessere Wahl

Mann und Frau, die streiten sich,
betiteln sich gar bitterlich.
Er nennt’ sie Kuh,
sie grunzt ihm zu,
ganz ungeschönt und unsittlich.

Vergessen ist die ganze Liebe,
statt Küssen gibt es Seitenhiebe,
direkt auf den Nerv
mit Feuer und Verv‘,
die Worte durchlaufen keine Siebe.

So nimmt das Unglück seinen Gang,
was anfangs mal so schön begann,
zu Ende und aus,
der Mann aus dem Haus,
bei ihr lebt nun ein Dobermann.

Und die Moral von der Geschicht?
Streite als Mannsbild besser nicht:
Du gehst vor die Hund,
statt dir kommt ein Hund,
weil dieser der Frau nicht widerspricht.

©Sandra Matteotti

Erich Kästner: Sachliche Romanze

Erich Kästner (1899 – 1974)

Sachliche Romanze*

Auf den Text muss hier leider aus urheberrechtlichen Gründen verzichtet werden, er kann aber HIER nachgelesen werden.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder wenn die Liebe gestorben ist

Ein traurig-schönes Gedicht über das Sterben einer Beziehung. In leisen Tönen, ohne Moralzeigefinger oder Anklage schreibt Kästner vom auseinanderdriftenden Miteinander und von der Wehmut, die bleibt. Wo ist die Liebe hin und wieso liess sie sich nicht halten? Vielleicht, weil man sie zu lange für selbstverständlich erachtete?

*zitiert aus: Erich Kästner: Lärm im Spiegel, Atrium Verlag, Zürich 2017.

Ausgesprochen sprachlos

Ich bin all der Worte so müde,
ich mag nicht mehr schreiben,
schon Denken wird viel.

So vieles umwälzt sich
in all meinen Windungen
und dreht sich und mich damit mit.

So vieles ergoss sich
und floss über Seiten
und Blöcke hinaus.

Und nun bin ich lautleer
und auch mein Denken
schweigt mit mir mit.

©Sandra Matteotti

 

Wenn dir das Leben Zitronen schenkt

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Da wollte doch die Frau dem Manne
einen schönen Kuchen backen,
war auch schnell schon voll zu Gange,
brauchte schlicht nur sieben Sachen.

Zucker, Mehl und auch noch Butter,
Eier, Salz und Pülverchen,
Zitronen, so kannt’ sie’s von Mutter,
alles das ins Schüsselchen.

Das ist nicht schwer, das krieg ich hin,
so dachte sie ganz sorgenfrei.
Nur kam ihr später in den Sinn:
von sieben Dingen fehlten zwei.

Der Kuchen aus dem Ofen kam,
von Kuchen sprechen war schon viel.
Es schaut betreten drein der Mann,
zum Tee noch Kuchen war sein Ziel.

Es blieb dann nur bei trocken Brot,
der Kuchen fand sein Bett im Kübel,
der Bäckerin ihr Wangenrot,
das kam vom Mannesspott – dem Rüpel.

Doch weiss man schliesslich nicht genau,
ob es nicht doch ‚ne Absicht war,
befand doch eben diese Frau,
für ihren Mann so Jahr für Jahr:

Er könnte mal den Bauch loswerden,
dafür fasten wär nicht schlecht.
Da käme doch wie nichts auf Erden,
so kein Kuchen grade recht.

Ein Schelm aber, wer Böses denkt,
es ist und bleibt nun wie es ist:
Wer sich von sieben zweie schenkt,
der bäckt nicht Kuchen sondern Mist.

©Sandra Matteotti

 

Es lebe die Disziplin, oder: Ein selbstbestimmtes Leben

Einfach mal loslassen, dann wird das Leben leichter. Einfach mal Disziplin haben, dann erreichst du auch, was du willst. Einfach mal mit Liebe agieren, dann lieben dich auch die anderen und dir geht es gut. Einfach mal vergeben, was passiert ist, dann fühlst du dich gleich besser. Einfach mal….

Es gibt so viele gute Ratschläge und ja, sie haben alle recht. Man liest sie immer wieder, denkt bei sich, wie wahr sie sind. Und weiss es eigentlich. Und dann… kommt das Leben so real und man tut, was man immer tat und merkt hinterher: Mist, das wusste ich doch besser. Eigentlich.

Unser Leben findet ganz oft auf unbewussten Bahnen statt, indem wir reagieren, bevor wir eigentlich realisiert haben, was Sache ist. Das ist der Evolution geschuldet, wo es nicht förderlich war, lange zu überlegen, ob man nun als Gazelle davonrennen sollte, wenn ein Löwe kommt.

Einiges an Mustern kriegen wir schon durch die Gene mit, anderes lernen wir aus Erfahrung. Ganz selten reagieren wir direkt aus dem Moment heraus. Wir sind quasi eingefahren in vorgefrästen Spuren, die wir abspulen wie eine Schallplatte ihre Rillen hat, die dann von der Nadel verfolgt werden.

Nun sind wir nicht blöd und lesen und lernen, und merken, was uns gut tun würde. Und wir stimmen allen Theorien zu, propagieren sie oft gar… und merken dann im Leben, dass es nicht ganz so einfach ist. Ein Vorsatz ist schnell gefasst, ihn umzusetzen ist Knochenarbeit. Und ja, so geht es auch mir. Ich turne täglich mein Sportprogramm durch, im Wissen, dass ich mich danach besser fühle. Da ich dafür relativ früh aufstehen muss, um es vor meinem restlichen Tag durchzubringen (später hätte ich weder Zeit und noch weniger Lust dazu), gibt es jeden Morgen einen kurzen Moment, an dem ich (nicht wirklich positiv) innehalte und mich frage: „Muss das heute wirklich sein?“ Ich stelle mir die Frage nie ernsthaft, sondern stehe dann sofort auf und tue, was getan werden muss. Man nennt es Disziplin. Sie ist gross und wichtig und ich bin dankbar, sie zu haben. Gäbe es eine Tugend, die ich als fördernswert erachten würde, wäre es Disziplin. Mit ihr lässt sich eigentlich alles andere erreichen. Weil man durchbeisst.

Disziplin allein hilft aber nichts. Vor dieser steht die Frage:

Was will ich im Leben wirklich erreichen?

Und danach:

Welchen Preis kann und will ich dafür bezahlen?

Ganz oft ist der Preis, den wir bezahlen, viel zu hoch für das, was wir anstreben. Wie viele Frauen kauen lustlos auf geschmackslosen Salatblättern rum, um ja kein Gramm zuzunehmen? Und: Hätte je ein Mann sie von der Bettkante gestossen, nur weil der Bauch nicht nach innen, sondern nach aussen zeigte? Ich plädiere hier nicht für masslose Völlerei, sondern schlicht dafür, die eigenen Massstäbe mal zu hinterfragen.

Der Blick aufs eigene Leben ist wichtig und wertvoll: Was tue ich tagtäglich und was tue ich mir damit an? Tue ich mir was Gutes oder quäle ich mich ohne ersichtlichen Grund? Ein Leben, das nicht zu mehr Wohlgefühl führt, ist kein Leben sondern eine Plackerei. Schau also, was dir gut tut und tu es. Das heisst nicht, dass das immer einfach ist. Ab und an ist die Schokolade zuviel und der Salat wäre angemessener. Aber: Nur noch Salat kann kein Leben sein (und ja, ich liebe Salat, ich steh nicht so auf Süsses… und doch….).

Das Leben ist kein Ponyhof. Aber ab und an braucht es schlicht eine Selbstüberwindung. Man wird dafür mit einem guten Gefühl belohnt. Das lässt sich sogar chemisch messen mit gewissen Hormonen, die dann quasi im Dreivierteltakt tanzen und für Hochstimmung sorgen. Nur: Die Hochstimmung ist situativ und damit zeitlich begrenzt. Wichtig ist bei allem immer die Frage:

Ist der Preis, den ich dafür zahle, zu hoch?

Wenn auf mittlere und lange Frist die Lebensqualität leidet für ein kurzes Zwischenhoch, so berauschend es auch sein mag, ist er dies sicher. Dann befindet man sich im Grunde genommen auf der Stufe eines Süchtigen, der für einen selig machenden Schuss die Zukunft aufs Spiel setzt. Ob man das wirklich tun will, muss jeder selber entscheiden. Und ja, auch wenn man merkt, dass man es nicht will, ist der Weg, das zu ändern, nicht immer leicht.

Verhaltensänderungen sind immer schwer, brauchen Zeit, Geduld und Mut. Es sind oft Täler zu überwinden, kurzfristige Bestätigungen müssen ignoriert werden, Unangenehmes durchgezogen. Die gute Nachricht: Es ist möglich. Die schlechte: Keiner sagte, es sei leicht.

Umlernen ist ein Prozess. Das geht in Schritten:

  • Erkennen, was ist
  • Vergleichen, wie es in die eigenen Lebenseinstellungen passt
  • schauen, wie es wirklich passen würde
  • Wege finden, die Lücke zu schliessen
  • den Weg gehen
  • nach falschen Abbiegungen zurückkommen
  • weitergehen

Und das immer wieder neu. Und so stehe ich jeden Morgen auf, absolviere mein Sportprogramm, weil ich weiss, dass ich mich danach besser fühle. Zwar weiss ich das verstandesmässig schon beim Aufstehen, doch vom Gefühl her regiert noch die Bequemlichkeit und Trägheit. Da hilft nur eines: Augen zu und durch. Je länger ich das durchziehe, desto mehr wird es zur Gewohnheit, zu einer, die ich selber gewählt habe. Auf diese Weise werde ich zum Steuermann in meinem eigenen Leben und lasse mich nicht von unbewussten Gewohnheiten leiten.

Dinge erreichen, Gewohnheiten durch selbstgewählte ersetzen zu können gibt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit. Zudem wächst das Selbstvertrauen und die Motivation, weitere Ziele anzupacken und die Zuversicht, sie auch erreichen zu können.