#abcdeslesens – W wie William Wordsworth

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der englischen Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. William Wordsworth liebte es, zu wandern, sei es in Schottland, Irland, im Süden Englands, oder aber auch in Italien, Frankreich oder der Schweiz: Der englische Dichter durchstreifte die Natur und nahm diese mit allen Sinnen in sich auf. Dies alles floss dann in seine Gedichte, welche meistens draussen verfasst wurden.

‘A whirl-blast from behind the hill’

A whirl-blast from behind the hill
Rushed o’er the wood with startling sound;
Then – all at once the air was still,
And showers of hailstones pattered round.
Where leafless oaks towered high above,
I sat within an undergrove
of tallest hollies, tall and green;
A fairer bower was never seen.
From year to year the spacious floor
With withered leaves is covered o’er,
And all the year the bower is green.
But see! wher’er the hailstones drop
The withered leaves all skip and hop;
There’s not a breeze – no breath of air –
Yet here, and there, and every where
Along the floor, beneath the shade
By those embowering hollies made
The leaves in myriads jump and spring,
As if with pipes and music rare
Some Robin Good-fellow where there,
And all those leaves in festive glee
Were dancing to the minstrelsy.[1]

Wordsworth sah in der Natur einen Ort, in welcher der Mensch in sich hineinhorchen kann, wo er dem Lärm der immer weiter anwachsenden Städten entgehen kann. Er selber genoss die Abwesenheit anderer Menschen, die Abwesenheit von Lärm und Hektik.

In Wordsworths Zeit kam gerade der Blankvers (fünfhebiger Jambus mit weiblicher oder männlicher Kadenz, reimlos) auf, welchen der englische Dichter oft benutzte. Der Rhythmus desselben nahm den des Gehens auf und liess darin die Gedanken entstehen, die dann in Verse gegossen wurden.

Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

“Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802

Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”[2]

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.


[1] Deutsche Übersetzung:

‘Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang’

Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang,
daß es ein Brausen in den Wipfeln gab,
doch dann hielt plötzlich er den Atem an,
es folgt ein Prasseln von des Hagels Schlag.

Dort, wo die Eichen kahl vorm Himmel stehn,
im Unterholz ich ließ mir’s wohlergehn:
Stechpalmen, hoch gewachsen, grün und dicht,
dort bildeten ein Dach, zu schützen mich,
und weit im Umkreis liegen da die toten
braunen Stachelblätter auf dem Boden,
denn auch der Hülsen Immergrün erneuert sich.

Doch schau! Wohin auch falln des Schauers eis’ge Tropfen,
nicht nur die Hagelkörner, auch die dürren Blätter hopsen!
Im Schattenraum der Hülsen weht kein einz’ges Lüftchen,
doch in Myriaden rings die welken Blätter hüpfen,
als ob ein schelmisch guter Geist spielt’ auf dem Dudelsack
und allesamt sie mit Musik zum Tanz verzaubert hat.

[2] Eine deutsche Übersetzung:

«Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!»

Kräftespiel

In schwarzen Klüften steigt der Fels hinab
Zum tosend blauen Meer. Er ist der Stein
Des Widerstands, der Stein, der Wasser trennt
Und es dann zwängt zu wellenweisser Wand.

Was oben weicht, zurück sich zieht, das spielt
Ein Spiel im Untermeer – mit Wellenwogen,
hin und her. Es schleift mit stetigem Durchstreifen
Von den Kanten alle Grate, macht sie

Sanft und mild und glatt. Was stark aufragend
Kraft ausstrahlte, liegt im Dunkeln weich
gespült. Das Wasser sieht sich nie als schwach,

es will nie Rache üben, lebt nur schlicht,
was ihm gegeben, lebt sein Leben, spielt
sein Spiel, und lässt auch andre spielend leben.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – V wie Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal war ein intellektuell interessiertes Kind, ein Kind, das viele Sprachen lernte, viel las und auch sonst lerneifrig war. Schon zu Schulzeiten schrieb er erste Gedichte, die er aber, da er noch Schüler war, nur unter einem Pseudonym veröffentlichen konnte. Und er hatte Erfolg. Hugo von Hofmannsthal zählte schon bald zum literarischen Jung-Wien, verkehrte mit Schriftstellern wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und anderen und wurde auch über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt. Stefan Zweig schrieb über ihn:

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

Der Erfolg dieser frühen Gedichte war nicht nur Segen, Hofmannsthal beklagte später, dass er immer wieder an diesen gemessen würde, sie seinen Ruf quasi schon bestimmt hätten und er kaum mehr was daran ändern oder dazu tun könnte.

Immer wiederkehrende Themen der frühen Dichtung sind die Einsamkeit – Hofmannsthal gefiel sich in der Rolle des Einsamen, sah dies als seine wahre Daseinsform an -, das Leben und der Tod. In der Vergänglichkeit, so die Überzeugung Hofmannsthals, lag die Möglichkeit des Neuen und auch die Schönheit.

Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,

Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

Immer wieder kommentierte Hofmannsthal seine eigene Dichtung, stellte er poetologische Reflexionen an. Zwar hat er nicht ein theoretisches Werk im Sinne einer systematischen Literaturtheorie geschrieben, seine Gedanken zu dem Thema aber immer wieder in Essays ausgeführt. Gerade in diesen Essays kommt auch der Wandel von den frühen zu den späten Dichtungen gut zum Ausdruck: Waren die frühen Gedichte noch dem literarischen Jugendstil oder Impressionismus zuzuordnen (geprägt vom französischen Symbolismus, wie viele seiner Generation damals), zeigt sich in den späteren Werken eine sich verstärkende Sprachskepsis.

Rechtfertigung

So wie der Wandrer, der durch manch Verhau,
Manch blühend Dickicht seinen Weg gefunden:
Zerrißne Ranken haben ihn umwunden,
Auf Haar und Schläfen glänzt der frische Tau,

Und um ihn webt ein Duft noch viele Stunden
Wie Frühlingsgären und wie Ätherblau –:
So trägt der Dichter unbewußt zur Schau
Was schweigsam oft ein Freundesherz empfunden.

Er raubt es nicht, es kommt ihm zugeflogen
Wie Tau aus Blütenkelchen sich ergießt;
Der Blumen Zutraun hat er nicht betrogen,

Weil sichs ihm selber, unbegehrt, erschließt:
Den Tropfen hat ein Sehnen hingezogen,
Wo Bach zum Strom, und Strom zum Meere fließt.

Wie Stefan George, den er 1891 kennenlernte und der sein Werk sehr geprägt hat, war Hofmannsthal der Überzeugung, dass die Sprache der Dichtung sich von der Alltagssprache unterscheiden muss. Die Sprache der Dichtung, so Hofmannsthal, soll eigenen Gesetzen folgen und damit in sich geschlossen sein, eine Kunst-Welt, die zu keinem Zweck erstellt wird: L’art pour l’art.

Sonett der Seele

Willensdrang von tausend Wesen
Wogt in uns vereint, verklärt:
Feuer loht und Rebe gärt
Und sie locken uns zum Bösen.

Tiergewalten, kampfbewährt,
Herrengaben, auserlesen,
Eignen uns und wir verwesen
Einer Welt ererbten Wert.

Wenn wir unsrer Seele lauschen,
Hören wirs wie Eisen klirren,
Rätselhafte Quellen rauschen,

Stille Vögelflüge schwirren …
Und wir fühlen uns verwandt
Weltenkräften unerkannt.

Was die Sprache der Dichtung von der Alltagssprache unterscheidet, ist aber nicht ihr Inhalt oder ihre Form, sondern der ihr innewohnende Rhythmus, der Klang.

Einem, der vorübergeht

Du hast mich an Dinge gemahnet,
Die heimlich in mir sind,
Du warst für die Saiten der Seele
Der nächtige flüsternde Wind

Und wie das rätselhafte,
Das Rufen der atmenden Nacht,
Wenn draußen die Wolken gleiten
Und man aus dem Traum erwacht,

Zu blauer weicher Weite
Die enge Nähe schwillt,
Durch Zweige vor dem Monde
Ein leises Zittern quillt.

Bekannt worden ist Hofmannsthal auch durch seinen Chandos-Brief, welcher zudem einen Bruch in seinem dichterischen Schaffen markiert. Während vorher die Sprache das zentrale Element des Ausdrucks ist, rücken später Dinge in den Vordergrund, in welchen sich das Leben quasi präsentiert. Hofmannsthal sah Leben und Dichtung eng verbunden, dies sowohl durch die Metapher als auch durch das Symbol. Durch beide sei es möglich, Zusammenhänge in der Welt sichtbar zu machen, die sich sonst oft der Sprache entzögen.

Wäsche waschen

Ich hänge meine Hosen seilelang dem
Wind entgegen, seh sie schweifen, schweben,
vogelfrei zum Himmel streben, fast wie
nicht von dieser Welt, schon ihr enthoben.

Seh’ sie flattern, seh’ sie treiben, seh’ sie
Hin zum Himmel greifen, sie die sonst
An meinen Beinen erdenfest am Boden
Kleben, da verweilen, manchmal eilen.

Sind sie nicht den Träumen gleich, die durch die
Lüfte ziehen? Sind sie nicht den Wünschen
Nah, die wir vom Leben weben, hoffen,

dass Hekate spricht und sie dem
Leben übergebe zur Erfüllung
Hier und jetzt, nicht einfach irgendwann?

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – U wie Ludwig Uhland

Ein Eigenbrötler ist er gewesen, ein Schweiger, einer, der seinen Weg ging, unabhängig und ohne Förderung, ein Demokrat und ein Oppositioneller. Und ein Dichter von Rang und Namen – zumindest zu Lebzeiten. Doch von Anfang an:

Ludwig Uhland fiel in der Schule durch seine sprachliche Begabung auf, in der Mathematik konnte man davon nicht sprechen. Er entschied sich danach auch zuerst für ein Studium der Philologie, wechselte später zur Juristerei, welche er fleissig betrieb. Daneben begann er zu dichten, dies oft auf Wanderungen mit Dichterfreunden, welche zusammen die Schwäbische Dichterschule bildeten. Dass aus solchem naturverbundenen Tun keine progressiven oder gesellschaftskritischen Gedichte entstehen, liegt quasi auf der Hand. Heinrich Heine liess es sich denn auch nicht nehmen, polemisch gegen die Gruppe zu schreiben.

An einem heiteren Morgen

O blaue Luft nach trüben Tagen,
Wie kannst du stillen meine Klagen?
Wer nur am Regen krank gewesen,
Der mag durch Sonnenschein genesen.

O blaue Luft nach trüben Tagen,
Doch stillst du meine bittern Klagen!
Du glänzest Ahnung mir zum Herzen:
Wie himmlisch Freude labt nach Schmerzen.

Man kann sich förmlich vorstellen, wie die Wandersleute quasi «im Frühtau zu Berge» ziehen.

Uhland führte sein Jurastudium bis zur Promotion und arbeitete danach als privater Anwalt, liess sich in die Politik wählen, belegte verschiedene öffentliche Stellen, mehrheitlich allerdings ohne Entgelt, weswegen diese selten von Dauer waren. Sein privates Interesse schien aber bei der Philologie zu liegen, forschte er doch im Gebiet weiter, unternahm auch Forschungsreisen zur Sichtung von Schriften und Quellmaterial.

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Dieses ist wohl das bekannteste Gedicht Uhlands, es entstand im Jahr 1812. In ihm zeigt sich wieder Uhlands bevorzugte Themenwahl, die Natur (neben dem Mittelalter, mit dem er sich ja auch in seiner Forschung beschäftigte). Ebenfalls typisch ist dieses Gedicht in seiner Art der Darstellung, welche weder schwärmerisch noch pathetisch wirkt, sondern klar die Gegebenheiten beschreibt und in der Form an Volkslieder anknüpft (ein weiteres Forschungsfeld Uhlands).

Abendwolken

Wolken seh ich abendwärts
Ganz in reinste Glut getaucht,
Wolken ganz in Licht zerhaucht,
Die so schwül gedunkelt hatten.
Ja! mir sagt mein ahnend Herz:
Einst noch werden, ob auch spät,
Wann die Sonne niedergeht,
Mir verklärt der Seele Schatten.

Während Ludwig Uhland seine literarischen Forschungen weitertrieb, später sogar Professor für deutsche Sprache und Literatur wurde, versiegte sein eigenes literarisches Schaffen schon früh. Die meisten seiner Gedichte entstanden zwischen 1805 und 1815. Was er aber geschrieben hatte, sicherte ihm den Ruf des Volksdichters, dessen Werke in jedem Haushalt zu finden waren. Zu Lebzeiten wurde sein Name in einem Atemzug mit Goethe und Schiller genannt. Dass er heute eher vergessen ist, tut seinem Werk Unrecht.

Ein Abend

Als wäre nichts geschehen, wird es stille,
Die Glocken hallen aus, die Lieder enden.
Und leichter ward mir in der Tränen Fülle,
Seit sie versenket war von frommen Händen.
Als noch im Hause lag die bleiche Hülle,
Da wußt ich nicht, wohin nach ihr mich wenden;
Sie schien mir, heimatlos, mit Klaggebärde
Zu schweben zwischen Himmel hin und Erde.

Die Abendsonne strahlt‘, ich saß im Kühlen
Und blickte tief ins lichte Grün der Matten;
Mir dünkte bald, zwei Kinder säh ich spielen,
So blühend, wie einst wir geblühet hatten.
Da sank die Sonne, graue Schleier fielen,
Die Bilder fliehn, die Erde liegt im Schatten;
Ich blick empor, und hoch in Äthers Auen
Ist Abendrot und all mein Glück zu schauen.

Primo Levi: Ist das ein Mensch?

»Nicht um neue Anschuldigungen vorzubringen, habe ich dieses Buch geschrieben, sondern als Dokument für das Studium einiger zentraler Aspekte des menschlichen Seelenlebens.«

Inhalt
Primo Levi wird aus dem Durchgangslager Fossoli in einem überfüllten Zug ins KZ Auschwitz deportiert, wo er die Nummer 174 517 erhält – eine Offenlegung seiner Ankunft sowie das Zeichen dafür, dass bis zu seinem Ankommen schon einige sterben mussten, bot das Lager doch nur Platz für einige zehntausend Häftlinge.

«Mensch ist, wer tötet, wer Unrecht zufügt oder erleidet. Kein Mensch higegen ist, wer darauf wartet, daß sein Nachbar endlich stirbt, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, kein Mensch ist jener, der noch im Todeskampf beständig sein Jawohl murmelt. Und unauslöschlicher als die Tätowierungen auf dem Unterarm ist den Überlebenden die Erinnerung an die Zeit, in der sie keine Menschen waren, ins Gedächtnis eingebrannt.»

Schnell lernt er die Gegebenheiten des Lagerlebens kennen, vermeidet in der Folge das Stellen von Fragen und weiss, was über Leben und Tod im Lager entscheidet.

Als Deutschland von fremden Mächten besetzt wird, soll das Lager evakuiert werden, um noch brauchbare Arbeitskräfte andernorts einzusetzen. Die Evakuierung soll zu einem Todesmarsch werden, überlebt haben nur die Häftlinge, welche nicht evakuiert werden konnten – darunter Primo Levi, welcher gerade an Scharlach leidet und sich in der Krankenstation befindet. Am 27. Januar 1945 werden die zurückbleibenden Häftlinge durch die Sowjets befreit.

Bedeutung
Primo Levi schrieb dieses Buch zwischen 1945 und 1947. Er nannte es seine Pflicht, zu schreiben, damit er Zeugnis ablegen könne für die, welche dies nicht mehr können. So beschrieb er das Lagerleben möglichst sachlich und ohne grosse Emotionen, um ein möglichst klares Bild zu liefern – das mag auch sein Naturell als Naturwissenschaftler sein. Er beschrieb, was die Häftlinge erleben mussten, schrieb von Kälte, Schlafentzug, Hunger und fehlenden Hygienemöglichkeiten.

Primo Levi wollte sich mit diesem Buch nicht rächen, es ging ihm mehr um eine innere Befreiung und darum, den menschlichen Geist zu beleuchten. Dafür war eine möglichst rationale Analyse nötig. Gerade diese Sachlichkeit wurde ihm oft vorgeworfen, zumindest aber in Frage gestellt. Gerade aber diese Sachlichkeit befördert das Gefühl der Bedrückung beim Lesen, sieht man sich doch mit den eigenen Emotionen Situationen gegenüber, welche einer, der diese durchlitten hat, ohne eigene Befindlichkeiten erzählt und den Leser so mit den eigenen Empfindungen alleine lässt. Das ermöglicht dem Leser, ein eigenes Urteil zu bilden, sich nicht blind auf ein Fremdurteil zu verlassen, es gibt dem Leser Raum für sein eigenes Entsetzen, er übernimmt nicht einfach das beschriebene Entsetzen.

Persönlicher Bezug
Ich habe dieses Buch als erstes im Zuge meiner Dissertation zum Themenbereich «Historische Wahrheit und historische Gerechtigkeit» gelesen. Ich wollte erfahren, wie die Erfahrungen von Verfolgten, von Opfern des nationalsozialistischen Regimes, die Identität dieser Opfer prägte. Daraus – neben anderem – leitete ich die Notwendigkeit einer Strafnorm für Völkermordleugnung ab, indem ich argumentierte, dass eine Leugnung des Völkermords einer zweiten Tötung gleichkäme, weil man den Opfern ihren Opferstatus und damit eine die persönliche Identität begründende Tatsache abspräche.

Das Buch hat mich aufgewühlt, liess mich mehrfach leer schlucken. Wie Menschen fähig sind, sich so etwas auszudenken und durchzuführen, hing als grosses Fragezeichen in der Luft. Primo Levi ist es mit seiner sachlichen Erzählung gelungen, die Schrecken einer Zeit plastisch werden zu lassen. Die Wirkung beim Lesen blieb nicht aus, sie war teilweise als körperlicher Druck spürbar, welcher mir den Atem nahm.

«Ist das ein Mensch?» sollte jeder gelesen haben. Das Kapitel in unserer Geschichte sollte nie in Vergessenheit geraten, weil es zu schrecklich ist und weil «der Mensch» noch immer ist, wie er damals war – und damit potentiell auch zu weiteren solchen Taten fähig, wenn wir uns nicht vorsehen. Gerade jetzt, in einer Zeit, in welcher die letzten Überlebenden langsam sterben, brauchen wir Zeugnisse, die diese Geschichte weitertragen.

Primo Levi
Primo Levi, am 31. Juli 1919 in Turin geboren, studierte Chemie. 1944 wurde er als Jude und Mitglied der Resistenza verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er überlebte und kehrte in einer endlosen Odyssee nach Italien zurück, wo er bis 1977 in der chemischen Industrie arbeitete. Danach war er freier Schriftsteller. Er starb durch Selbstmord am 11. April 1987 in Turin.

Angaben zum Buch
Verlag: dtv Literatur (1. Juli 2010)
Umfang: 176 Seiten
Übersetzung aus dem Italienischen: Heinz Riedt
ISBN: 978-3-423-12395-2

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder direkt beim Verlag: DTV

Stefan Zweig: Die Schachnovelle

Inhalt
1940 fährt ein Schiff von New York nach Buenos Aires. Auf ihm befindet sich unter anderem auch der Schacheltmeister Czentovic. Als ihn einige Mitreisende erkennen, fordern sie ihn zu einer Schachpartie heraus, die er mühelos bestreitet, was er seine Gegner überheblich spüren lässt, bis sich ein Fremder einmischt und die eigentlich entschiedene Partie zu einem Remis führen kann – dies, obwohl der Fremde behauptet, 25 Jahre kein Schachbrett mehr gesehen zu haben. Es wird eine neue Partie festgelegt, dieses Mal nur zwischen Czentovic und Dr. B., wie der Fremde heisst. Dr. B. besteht darauf, dass er nur noch eine Partie spielen will, sich dann nie mehr an ein Schachbrett setzen möchte.

Die Geschichte hinter diesem Ansinnen ist eine grausame: Als Gefangener der Gestapo war er über Monate in Einzelhaft, weil man von ihm geheime Informationen erhalten zu hoffte. Es gab keine Ablenkung, er sass allein mit einem kargen Mobiliar in einem Zimmer, wurde jeden Tag für kurze Zeit zum Verhör abgeholt.

«Und immer um mich nur der Tisch, der Schrank, das Bett, die Tapete, das Fenster, keine Ablenkung, kein Buch, keine Zeitung, kein fremdes Gesicht, kein Bleistift, um etwas zu notieren, kein Zündholz, um damit zu spielen, nichts, nichts, nichts.»

Als er eines Tages ein Buch fand, hoffte er erst auf Lektüre, merkte dann aber, dass es nur ein Schachbuch war. Doch damit schaffte er es, sich die Zeit zu vertreiben, indem er die Partien auswendig lernte. Als dies irgendwann langweilig wurde, begann er, im Kopf gegen sich selber zu spielen, er spaltete sich also auf in weiss und schwarz und überlegte für beide Farben die passenden Strategien, von denen die andere Farbe ja nichts wissen durfte. Es blieb nicht aus, dass seine Psyche noch mehr litt, er sich auch in seiner Persönlichkeit spaltete, nicht mehr schlafen konnte, sich zermürbte. Bis er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Der behandelnde Arzt konnte eine Freilassung von Dr. B. erwirken, riet diesem aber, nie mehr Schach zu spielen, wolle er seine Gesundheit behalten.

Bei der nächsten Schachpartie will sich Czentovic keine Blösse geben, er plant jeden Zug genau und braucht dazu ausreichend Zeit, was Dr. B. zunehmend nervös macht. Dr. B. gewinnt. Czentovic fordert ihn zu einer weiteren Partie auf, Dr. B. stimmt zu, wird während der Partie immer nervöser, erregter. Er fängt an, in den langen Pausen durch Czentovics Überlegen im Kopf andere Partien zu spielen, worauf er im aktuellen Spiel einen falschen Zug macht. Er beginnt, wirres Zeug zu reden, kann aber im letzten Moment noch zur Räson gebracht werden und er verlässt den Tisch mit einer Entschuldigung, nicht ohne zu verkünden, dass dies seine letzte Schachpartie gewesen sei. Die anderen bleiben verwirrt zurück.

Erläuterungen
«Die Schachnovelle» wird von einem Ich-Erzähler erzählt, dessen Person weder namentlich noch sonst irgendwie bekannt wird. Es gelingt Zweig aber, die übrigen Charaktere durch ihr Verhalten und die nötigen Hintergrundinformationen plastisch werden zu lassen,  so dass sie authentisch und glaubwürdig wirken. Der Schauplatz ist wenig beschrieben, er spielt an sich keine grosse Rolle, nur insofern, als die Schifffahrt auf Stefan Zweigs eigene Geschichte hinweist und in sich die Vertreibung aus der Heimat trägt.

Stefan Zweig ist ein tiefgründiges Buch über die Gräuel des Terror-Regimes der Nationalsozialisten und die Narben, welche diese bei den Opfern hinterlassen haben, gelungen. Er schrieb dieses Buch 1941 im Exil in Brasilien, es ist sein letztes Werk, bevor er sich 1942 mit seiner Frau das Leben nimmt. Das Buch weist insofern autobiographische Züge, als Zweig selber unter dem Terrorregime gelitten hat, wenn auch nicht durch gezielte Folter wie im Buch beschrieben. Allerdings empfand er das, was er als Pazifist und Jude unter dem nationalsozialistischen Regime erleben musste, nicht direkt als Folter, aber doch als Verlust der Menschenwürde. Er schrieb darüber in seinem Buch «Die Welt von Gestern»:

«Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren, Erklärungen bei jeder Reise, […] wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, […] wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert […].»

Zu Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

#abcdeslesens – N wie Friedrich Nietzsche

Musik war die grosse Liebe des Friedrich Nietzsche, die Musik schenkte ihm die Augenblicke der Empfindung. Sie sollte andauern, erst durch sie fühlte er sich am Leben, im Leben zu Hause. Von ihm stammt auch der folgende Ausspruch:

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.»

In der Musik sah er eine Verwandtschaft mit dem Werden und Vergehen des Lebens, wellengleich. Dies wollte er auch mit seiner Philosophie in Worten einfangen, versuchte durch sie ebenso Lebensgrundlage zu schaffen, wie er diese in der Musik fand – es wollte nicht gelingen. Dass Nietzsche auch dichtete, ist weniger bekannt, obwohl doch rund 700 Gedichte von ihm existieren. Es ist gar kein langer Weg von der Musik zur Lyrik, ist die Lyrik doch der Musik verwandt auf eine Weise. Nicht nur ist die Lyrik oft Grundlage für wundervolle Vertonungen, ein Gedicht trägt auch oft eine Melodie und einen Rhythmus in sich. Das Verhältnis von Musik und Sprache zeigt sich in folgendem Gedicht von Nietzsche deutlich:

An der Brücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmerung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hört Jemand ihr zu?…

Während von fern ein Gesang ertönt, schwingt die Seele, selber ein Saitenspiel, mit, sie singt ihr «Gondellied».

In vielen seiner Schriften hat Nietzsche die zentralen Gedanken als Gedichte oder Lieder geformt. Es ging ihm darum, dem Ganzen die Schwere zu nehmen, eine Leichtigkeit hineinzubringen, welche nicht von Worten erschlagen wird. Ein Beispiel dafür findet sich im Zarathustra:

Das trunkene Lied

Eins!
Oh Mensch! Gib acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
«Ich schlief, ich schlief -,
Vier!
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Fünf!
Die Welt ist tief,
Sechs!
Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
Tief ist ihr Weh -,
Acht!
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
«Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!»
Zwölf!»

Gustav Mahler hat dieses Gedicht als vierten Satz in seiner Dritten Sinfonie vertont.

Friedrich Nietzsche provozierte immer wieder. Er liebte es, Systeme aufzubrechen, Grenzen zu überschreiten, aufzubrechen in neue Gedanken. Er durchleuchtete geltende Werte, beerdigte Ideologien, tötete Gott. Damit nahm er dem Menschen den Halt im Aussen, es ging darum, die Eigenverantwortung hochzuhalten. In allem war Nietzsche allerdings nie eindeutig, sondern viel mehr voller Widersprüche, schwer fassbar, kaum einzuordnen – ein Pendler zwischen den Welten der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, ein eigenwilliger Individualist.

Entschluss

Will weise sein, weil’s mir gefällt,
und nicht auf fremden Ruf.
Ich lobe Gott, weil Gott die Welt
so dumm als möglich schuf.

Und wenn ich selber meine Bahn
so krumm als möglich lauf’ –
der Weiseste fing damit an,
der Narr – hört damit auf.

Zu glauben, dass Nietzsche diesen doch immer einsameren Weg ohne Probleme ging, wäre allerdings falsch, er litt selber unter seinen vielen Spaltungen.

Pinie und Blitz

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
und sprech’ ich – niemand spricht mit mir.

Zu einsam wuchs ich und zu hoch –
ich warte: worauf wart’ ich doch?

Zu nah’ ist mir der Wolken Sitz, –
ich warte auf den ersten Blitz.

Die sozialen Beziehungen schwanden mehr und mehr, zerstörerische Phantasien nahmen zu, der Wahnsinn ergriff ihn immer stärker. Die psychischen Probleme hinderten ihn immer mehr am Arbeiten, die letzten zehn Jahre verbrachte er als Pflegefall. Friedrich Nietzsche wurde nur gerade 55 Jahre alt, sein Werk aber ist unsterblich.

Lebensregeln

Das Leben gern zu leben,
musst du darüber steh’n!
Drum lerne dich erheben!
Drum lerne – abwärts seh’n!

***

Den edelsten der Triebe
veredle mit Bedachtung:
zu jedem Kilo Liebe
nimm ein Gran Verachtung

#abcdeslesens – M wie Conrad Ferdinand Meyer

Er startete äusserlich mit guten Voraussetzungen ins Leben als Sohn eines Zürcher Regierungsrates. Mit 15 bekam das Leben sichtbare Risse, als sein Vater starb und er und seine Schwester mit der psychisch angeschlagenen Mutter zurückblieben, zu welcher Conrad Ferdinand Meyer ein schwieriges Verhältnis hatte. Im noch jugendlichen Alter lebte Conrad Ferdinand Meyer in Lausanne, wo er die französische Sprache und Literatur lieben lernte. Doch schon in frühen Jahren machte sich seine Depression bemerkbar, er kam in eine Nervenheilanstalt – leider nicht mit nachhaltigem Erfolg. Meyer sollte Zeit seines Lebens leiden – an sich, am Leben, daran, im bürgerlichen Leben nicht Fuss fassen zu können.

Möwenflug

Möwen sah um einen Felsen kreisen
Ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
Eine schimmernd weisse Bahn beschreibend,
Und zugleich in grünem Meeresspiegel
Sah ich um dieselben Felsenspitzen
Eine helle Jagd gestreckter Flügel
Unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
Dass sich anders nicht die Flügel hoben
Tief im Meer, als hoch in Lüften oben,
Dass sich völlig glichen Trug und Wahrheit.

Allgemach beschlich es mich wie Grauen,
Schein und Wesen so verwandt zu schauen,
Und ich fragte mich, am Strand verharrend,
Ins gespenstische Geflatter starrend:
Und du selber? Bist du echt beflügelt?
Oder nur gemalt und abgespiegelt?
Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?
Oder hast du Blut in deinen Schwingen?

1856 brachte sich Meyers Mutter um, sie hinterliess diesen in finanziell gesicherten Verhältnissen. Zusammen mit seiner Schwester Betsy reiste er dahin, wo alle Dichter hinwollen: Nach Italien. Tief beeindruckt kam er zurück, der erste Gedichtband war wohl schon im Entstehen, er sollte 1864 erscheinen. Wirklich Erfolg hatte er erst 1872 mit seinem Gedichtzyklus Huttens letzte Tage, wenig später erschienen Romane und Novellen, welche seinen Erfolg stützten.

In der Zeit nach Italien schrieb Conrad Ferdinand Meyer die erste Fassung seines Gedichts «Der römische Brunnen». Lange sollte er damit nicht zufrieden sein. Er rang um Worte, schrieb um, passte an, verfasste insgesamt sieben Fassungen. Erst 1882 erschien das Gedicht in seiner heute bekannten Form:

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend giesst
Er voll der Marmorschale Rund,
Die sich verschleiernd, überfliesst
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Hier zeigt sich gut Meyers grosse Stärke, die er sowohl in seiner Lyrik wie auch in der Prosa zeigt: Mit wenigen Worten, stark verdichtet lässt er Bilder entstehen, erzählt er Geschichten, die leben und viel mehr in sich tragen, als in Worten da steht.

Ebenfalls 1882 schrieb Conrad Ferdinand Meyer ein anderes Dinggedicht: «Zwei Segel»

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu unruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Das Bild eines Boots, das über das Wasser gleitet, geführt von zwei Segeln, die miteinander harmonieren, um den Kurs halten zu können. Was für ein schönes Bild für die Liebe, in welcher zwei Menschen innig verbunden gemeinsam durchs Leben gehen.  

Der Erfolg hielt an, doch seine Seele litt weiter, das Arbeiten fiel zunehmend schwerer, bis er 1888 wieder in eine Heilanstalt eingeliefert werden musste. Er sollte sich nicht mehr ganz erholen, seine Frau pflegte ihn, bis er schliesslich 1898 mit gerade mal 73 Jahren starb.

Die gegeisselte Psyche

Wo von alter Schönheit Trümmern
Marmorhell die Säle schimmern,
Windet blass und lieblich eine
Psyche sich im Marmelsteine.

Unsichtbare Geisselhiebe
Beugt sie sich in Qual und Liebe,
Auf den zarten Knieen liegend
Enge sich zusammenschmiegend.

Flehend halb, und halb geduldig,
Trägt sie Schmach und weiss sich schuldig
Ihre Schmerzensblicke fragen
Liebst du mich? und kannst mich schlagen?

Soll dich der Olymp begrüssen,
Arme Psyche musst du büssen!
Eros, der dich sucht und peinigt
Will dich selig und gereinigt.

Rezension: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

„Ich stosse ins Innere vor und sehe ein Bild klar vor mir: wie unser Leben beim Tod unserer Eltern an einer Weiche ankommt, falsch abbiegt und wir seitdem ein anderes, falsches Leben führen. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System.“

Als die Eltern von Jules und seinen Geschwistern sterben, kommen die drei getrennt in ein Heim. Die vorher so enge Beziehung wird lockerer, sie werden sich fremder. Und doch ist da ein Band, das sie immer zusammenhält – vor allem auch in schwierigen Zeiten. Das Leben nimmt für jeden von Ihnen seinen Lauf, führt sie auf Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die wohl doch alle dem frühen Verlust der Eltern geschuldet sind.

Benedict Wells schafft es, von der ersten Seite an eine Spannung aufzubauen, die er durch die Geschichte hindurch aufrecht erhalten kann. Immer wieder steht etwas im Raum, das erst noch geschehen wird, von dem man als Leser aber noch nicht weiss, was es ist. «Vom Ende der Einsamkeit» lebt von wirklich authentischen, fassbaren Charakteren, von den Beziehungen dazwischen und von einer eingängigen Sprache, die durch die Geschichte führt.

Mein persönlicher Leseeindruck:
Jules hat mich in seinen Bann gezogen, ich ging mit ihm durch sein Leben, dachte mit ihm seine Gedanken, habe das Gefühl, ihn so verinnerlicht zu haben, dass ich mittlebte. Es war ein wirkliches Eintauchen in eine Geschichte über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart, die Geschichte von drei Geschwistern, welche schon jung ihre Eltern verloren haben, und die von dem Moment an mit den Folgen dieses Verlusts umgehen musste. Es war die Geschichte von drei Menschen, die versuchten, diese Vergangenheit loszuwerden, ihr zu trotzen, um dann nur noch tiefer davon geprägt zu sein. Das alles passierte wohl anfangs im Unterbewussten, schwelte da, brach langsam und immer schneller was ihr Leben in Bahnen lenkte, aus denen auszubrechen schwer scheint. Was anfangs noch im Unterbewussten schwelte, brach dann mit grosser Wucht aus. Und es forderte den bewussten Umgang damit. Als Leser war ich immer mittendrin.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Buch über die Liebe, über Vertrauen, über die Erinnerung und den Umgang damit. Es ist ein Buch über den Zusammenhalt, den Wert der Familie und Prägungen, die die Vergangenheit in uns hinterlässt. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, ein tiefgründiges Buch, ohne schwermütig zu sein oder machen, kein Buch der lauten Töne, sondern der feinen Nuancen.

Fazit
Eine erzählerische Meisterleistung, welche einen von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman, ›Vom Ende der Einsamkeit‹, stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 37 Sprachen veröffentlicht. Nach Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 13. Edition (26. September 2018)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257244441

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#abcdeslesens – L wie Else Lasker-Schüler

Bei Else Lasker-Schüler stellt sich wohl wie bei kaum einer anderen die Frage, wo das Leben aufhört, die Dichtung beginnt, oder umgekehrt, wo die Dichtung aufhört und das Leben beginnt. Sie dichtete nicht nur auf dem Papier, sondern auch, was ihr Leben betraf, sprechen doch nachweisbare Fakten oft eine andere Sprache als ihre Erinnerungen. Und: Sie tat es mit voller Absicht, aus dem Wunsch heraus, die Welt zu verändern durch einen künstlerischen Willensakt, sich ein erfundenes Persönlichkeitsbild anzudichten, um auf genau die Weise gesehen zu werden, wie sie es wollte.

Weltenflucht

Ich will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!
O, ich sterbe unter Euch!
Da ihr mich erstickt mit Euch,
Fäden möchte ich um mich ziehn –
Wirrwarr endend
Beirrend,
Euch verwirrend,
Um zu entfliehn
Meinwärts.

«Meinwärts» ist ein Beispiel für etwas, das Else Lasker-Schüler gerne machte: Wörter zusammenzunehmen, um so einen neuen Zusammenhang und einen breiten Bedeutungsrahmen zu schaffen. Diese Sprachspiele, welche die Sprache über ihre eigenen Grenzen hinaus ausdehnt, finden sich in vielen ihrer Werke und sie verlangen vom Leser, den verschiedenen Bedeutungsansätzen, die in den Wortbildungen stecken, nachzuspüren.

Hingabe

Ich sehe mir die Bilderreihen der Wolken an,
Bis sie zerfliessen und enthüllen ihre blaue Bahn.

Ich schwebte einsamlich die Welten all hinan
Entzifferte die Sternoglyphen und Mondeszeichen um den Mann.

Und fragte selbst mich scheu, ob oder wann
Ich einst geboren wurde und gestorben dann?

Mit einem Kleid aus Zweifel war ich angetan,
Das greise Leid geweiht für mich am Zeitrand spann.

Und jedes Bild, das ich von dieser Welt gewann
Verlor ich doppelt, und auch das was ich ersann.

Die Literaturwissenschaft gefällt sich mehrheitlich darin, Else Lasker-Schüler in Schubladen zu packen und sie weigert sich standhaft, sie da wieder rauszuholen. Die eine Schublade ist, dass es sich bei Lasker-Schüler um eine Lyrikerin handelt, das Prosawerk wird grosszügig überlesen. Auch gefällt offensichtlich das Bild der politisch uninteressierten und uninformierten Lyrikerin, welches durchaus nicht der Realität entspricht, sieht man sich nur ihr Umfeld an und weiss um ihre Verehrung von Rosa von Luxemburg. Auch in ihren Werken zeigt sich durchaus – ab und an auch zwischen den Zeilen – eine politisch- / gesellschaftskritische Haltung.

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür…..
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich ass vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

Alles in allem war Else Lasker-Schüler eine Exzentrikerin, welche sich weder um irgendwelche Grenzen, Konventionen oder die Meinung anderer kümmerte. Sie schlüpfte in Rollen, verkleidete sich mitunter im Alltag wie für einen Kostümball (zum Beispiel als Prinz Jussuf von Theben) und lief so Flöte spielend durch die Strassen. Auf der anderen Seite waren Teile ihres Lebens von grösster Armut geprägt, so dass man sie draussen zeitweise ohne Schuhe, mit notdürftig geflickten Pantoffeln antreffen konnte. Else Lasker-Schüler hatte ein bewegtes Leben mit zwei gescheiterten Ehen, dem ständigen Kampf um ein Auskommen, wechselnden Wohnsitzen und schliesslich dem Tod ihres Sohnes. Von diesem konnte sie sich nie mehr ganz erholen. Das erzwungene Exil setzte dem allem noch die Krone auf. 1933 wurde Else Lasker-Schüler verhaftet, nachdem sie ein anzügliches Lied gesungen hatte. Es blieb nur eine Flucht in die Schweiz. Dort war sie mehr geduldet als geschätzt, jährlich musste sie neu darum kämpfen, bleiben zu dürfen. Als sie 1939 nach Jerusalem reiste, wurde ihr die Rückkehr verwehrt, so dass sie ab 1939 in Jerusalem lebte. Was sie früher immer als Traumland und Herzensheimat bezeichnet hatte, erwies sich als Ort, an welchem sie nicht heimisch werden konnte.

Herbst

Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön…..
Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen –
Denn ich muss andere Welten weiter tragen.

Das ewige Leben DEM, der viel von Liebe weiss zu sagen.
Ein Mensch der LIEBE kann nur auferstehen!
Hass schachtelt ein! wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

Ich will dir viel viel Liebe sagen –
Wenn auch schon kühle Winde wehen,
In Wirbeln sich um Bäume drehen,
Um Herzen, die in ihren Wiegen lagen.

Mir ist auf Erden weh geschehen…..
Der Mond gibt Antwort dir auf deine Fragen.
Er sah verhängt mich auch an Tagen,
Die zaghaft ich beging auf Zehen.

Else Lasker-Schüler starb 1945 nach einem Herzanfall. Betrachtet man ihr Leben mit all seinen Enttäuschungen, Schwierigkeiten und auch unglücklichen Lieben, war dieser vielleicht die Folge eines gebrochenen Herzen. Von Gottfried Benn stammt der Ausspruch, Else Lasker-Schüler «war die grösste Lyrikerin, die Deutschland je hatte». Dem ist wenig entgegenzusetzen.

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben
Sterne, die sich himmellang umawarben.

Und unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Lebensspiel

Es tost das Meer in lauten Wogen, rauschend
Brechen Wellen an der Steine Riff.
Sie schiessen auf mit weisser Krone, bis
In sich zusammenbricht die weisse Gischt.

Auf und nieder, immer wieder, neu
Ergiesst sich dieses Spiel des Elements.
Sonnenfunken tänzeln, rauf und runter,
munter eingewirktes Glitzervlies.

Spiel des Lebens, Lebensfülle, stetig
Gehend, kehrend, mitgeführt im Fluss
Der niemals anhaltenden Ewigkeit.

Und über allem steht die Sonne, thront
Als die, die ganz klar weiss, dass ohne sie
Kein Leben und in dem kein Lichtspiel sei.

©Sandra von Siebenthal, Juni 2021

Claude Anet: Ariane: Liebe am Nachmittag

Ariane ist eine junge, intelligente Frau, der die Männer zu Füssen liegen, was sie für sich zu nutzen weiss. Als sie auf Konstantin trifft, verabreden die beiden, dass dies eine Beziehung auf Zeit werden solle, zumal Konstantin schon verlobt ist. Von Liebe soll nicht die Rede sein, blosser Spass und eine gute Zeit sind das Ziel. Doch meistens kommt es anders als man denkt, Gefühle lassen sich selten mit Regeln beschränken. 

Der Roman spielt in Russland, erinnert vom Ton her an die Romane Tolstois. Es ist flüssig geschrieben, die Protagonistin ist stimmig und authentisch gezeichnet, die restlichen Figuren bleiben eher blass und im Hintergrund, sind quasi nur Staffage für den Auftritt der wichtigen Heldin. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil, es widerspiegelt ganz das Naturell der Protagonistin, welche sich oft selber genauso zu sehen scheint: Als Mittelpunkt, um den sich die anderen quasi wie Personal scharen.

So unsympathisch das klingen mag, doch es ist nicht alles, nicht das gesamte Bild. Manchmal scheint es, dass hinter dieser ach so coolen Fassade eine sensible Seele steckt, dass diese aber geschützt werden soll. Zudem will Ariane für Ihre Ziele und Ideale kämpfen, sie will ihr Leben in die Hand nehmen und erreichen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Das zeigt sich auch im Studium an, das sie gegen alle Widrigkeiten und in den Weg gelegte Steine durchsetzt und durchzieht. Dafür ist sie auch bereit, die sich ihr bietenden Möglichkeiten zu nutzen, auf Menschen (mehrheitlich Männer) zurückzugreifen, die ihr dabei helfen können.

«Ariane: Liebe am Nachmittag» ist unterhaltsam und flüssig geschrieben und ebenso zu lesen, die perfekte Sommerlektüre für die, welche keine schwere Kost und doch keinen zu seichten Roman mögen.

Fazit:
Eine stimmig erzählte Geschichte mit einer authentischen Protagonistin, flüssig zu lesen und alles in allem sehr zu empfehlen.

Zum Autor:
CLAUDE ANET, eigentlich Jean Schopfer, geboren 1868 in Morges (Schweiz). Er studierte an der Sorbonne und an der École du Louvre und arbeitete als Reporter u. a. für Le Temps und Le Petit Parisien. 1892 wurde er französischer Tennismeister. Als Korrespondent des Journal wurde er 1917 Augenzeuge der Russischen Revolution in Sankt Petersburg. Neben Reiseliteratur und Theaterstücken veröffentlichte Anet mehrere Romane, darunter Ariane, jeune fille russe (1920), der für den Prix Goncourt nominiert und u. a. von Billy Wilder mit Audrey Hepburn verfilmt wurde. Claude Anet starb 1931 in Paris.

KRISTIAN WACHINGER, geboren 1956, gelernter Buchhändler, studierte Germanistik und Romanistik in München, Nantes und Hamburg und arbeitete drei Jahrzehnte als Verlagslektor. Er übersetzte Werke u. a. von Giacomo Casanova, Prosper Mérimée, Georges Simenon und Laurent Binet.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Dörlemann; 1. Edition (27. Januar 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3038200789
  • Originaltitel ‏ : ‎ Ariane
  • Übersetzung: Kristian Wachinger

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Ausser mir

Manchmal steh‘ ich neben mir
und schaue mir beim Leben zu.

Ich seh’ mich sitzen, gehen, steh’n,
und denke oft, ich kenn’ mich kaum,
so fremd wirkt die, die neben mir
grad tut, was sie halt tut.

Ich frage mich, bin ich so nur,
tun andere das auch?
Es mutet seltsam komisch an,
so neben mir zu steh’n.

©Sandra von Siebenthal, Juni 2021

Ein Monat in Büchern – Juni 21

Wieder ist ein Monat vorbei, es war ein Monat, in dem ich mich mehrheitlich mit Lyrik beschäftigt habe, und doch ging auch das eine oder andere Buch sonst durch meine Hände. Eine Auswahl findet ihr hier. Die aufgeführten Bücher sind solche, die mich diesen Monat interessiert haben, die ich teilweise aktuell gelesen habe, mich sonst an sie erinnert habe aus Gründen oder aber solche, die ich zwar angelesen, aus unterschiedlichen Gründen aber (noch) nicht beendet habe.

Björn Kern: Solikante Solo

«Der ist doch total verrückt geworden, das war immer ein beliebter Ausspruch gewesen in ihrer Ehe, wenn sie einmal auf jemanden trafen, der nicht nur nachplapperte, was in den Zeitungen oder im Internet stand. Der ist total verrückt geworden, das galt in ihrer Ehe immer als Kompliment. Was aber, wenn Jann nun wirklich verrückt geworden war?»

Zwei Menschen werden ein Paar, kriegen ein Kind und plötzlich merken sie, dass alles schwierig wird: Die Wohnung wird eng, das Leben überfordert, Gegensätze zeigen sich mehr und mehr, Gemeinsamkeiten schwinden. Ist das das Ende der Beziehung? Bricht hier alles auseinander? Doch da ist die kleine Tochter, die verbindet. Und noch mehr… Ein Buch über die innere Zerrissenheit zweier Menschen, über die Schwierigkeiten, gemeinsam Unterschiede auszuhalten und damit umzugehen, den Wunsch nach Liebe und Zusammengehörigkeit.

  • Herausgeber : FISCHER Taschenbuch; 1. Edition (10. März 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Broschiert : 336 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3596700899
  • Preis: EUR 15.32 / CHF 24.90

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Mareike Krügel: Schwester

Als Lone nach einem Unfall im Koma liegt, übernimmt ihre Stiefschwester Julia einige ihrer Aufgaben als Hebamme. Als Bankerin und Frau eines Pastors steht sie plötzlich vor Herausforderungen, die so ganz anders sind als sie sich das Leben gewohnt ist. Julia beginnt, sich und ihr Leben zu hinterfragen, stellt vieles in Frage, und sucht für sich Antworten darauf, wie es weiter gehen soll und kann. Was erwartet sie noch vom Leben? Wonach sehnt sie sich wirklich? Stimmen die gelebten Rollenbilder noch oder ist es Zeit für neue?

  • Herausgeber : Piper; 2. Edition (15. März 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 336 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3492058568
  • Preis: EUR 21.07 / CHF 29.90

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Barney Norris: Die Jahre ohne uns

«Dies ist nicht mein wahres Leben und ich glaube auch nicht, dass es das je sein wird. Wahrscheinlich wird es Zeit für mich zu akzeptieren, dass mein wahres Leben niemals stattfinden wird. Es hätte längst beginnen müssen, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben länger als einen Augenblick zu bestehen, sich zu irgendetwas zu entwickeln. Stattdessen sollte ich mich einfach mit dem zufriedengeben, was ich habe.»

Zwei Menschen um die 70 treffen sich an einer Hotelbar und erzählen aus ihrem Leben, ziehen Bilanz. Die Frau erzählt von ihren Plänen, Träumen, von ihrem Scheitern, von Neuanfägen, der Mann erzählt vom grössten Irrtum seines Lebens, bedauert, zeigt, wie all das sein Leben beinflusst hat. Am Ende sitzen sie da und es steht die Frage: Wie gehen beide nun damit um? Wie geht es weiter? Eine sehr ungewöhnlich erzählte Geschichte mit einem äusserst überraschenden Ende.

  • Herausgeber : DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (12. Februar 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 272 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3832181130
  • Originaltitel : The Vanishing Hours
  • Preis: EUR 21.07 / CHF 33.90

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Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten

«Ich hatte mir nie die Frage gestellt, ob Mama eigentlich ein glückliches Leben hatte.
Und sie hatte sich durch die Seitentür hinausgeschlichen.»

Als ob das Leben nicht schon kompliziert genug wäre nachdem seine Frau ihn verlassen hat und die Tochter ins Ausland zum Studieren gezogen ist, verschwindet plötzlich auch noch Carlos Mutter spurlos. Carlo, von Beruf Gärtner, zieht mit seinem Angestellten und Freund Agon, der vor kurzem grundlos zusammengeschlagen bei ihm aufgetaucht war, los, um sie zu suchen. Sie finden sie schliesslich im Grand National, einem Hotel der gehobenen Klasse, welches in der Erinnerung der alten Dame eine wichtige Rolle spielt.

Ein Buch über den Trost der Natur, über Menschen, über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart.

  • Herausgeber : Paul Zsolnay Verlag; 4. Edition (17. August 2020)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 176 Seiten
  • ISBN-10 : 3552059997
  • ISBN-13 : 978-3552059993
  • Originaltitel : Grand National
  • Preis: EUR 20 / CHF 29.90

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Andreas Vollenweider: Im Spiegel der Venus

««Und das alles macht die Musik?», fragte der Junge ungläubig. «Weisst du, es gibt für alle Dinge auf dieser Welt einen grossen Plan der Natur, einen Urplan. Er sieht vor, dass alles, was lebt, gesund, stark und fruchtbar sein soll. Krankheiten und Unglück sind Störungen dieses Plans, sie kommen vor, und manchmal sind sie sogar so stark, dass sie den Plan ganz unter sich begraben, er geht vergessen…»»

Armando Hector Ruiz gilt ab dem neunten Lebensjahr als Wunderkind auf dem Chello, welchem er berührende Melodien entlocken kann. Als seine Musik auch noch heilende Wirkung auf Kranke zeigt, wird er zum Messias. Armando reicht dieser Erfolg irgendwann nicht mehr, Fragen nach den Gründen stellen sich ihm und er sucht an allen möglichen Orten nach Antwort und findet schliesslich einige Erkenntnisse sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den alten Philosophien des Buddhismus und der Veden.

Ein Buch über Musik, über das Erwachsenwerden, die nicht fassbaren Dinge zwischen Himmel und Erde.

  • Herausgeber : Midas Collection; 2. Edition (5. Oktober 2020)
  • Sprache : Deutsch
  • Broschiert : 416 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3038761792
  • Preis: EUR 25 / CHF 36.90

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Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand

«Noch einmal dachte ich über unsere Begegnung nach. Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über alles stellt, Herz und Güre der moralischen Pflicht opfert, während die andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiss, ohne dass Missverständnisse aufkommen. «

Armand, ein pensionierter Philosophiedozent, fährt im Bus nach Hause, als der mit plötzlichem Ruck hält und Armand fast hinfällt. Ein junge Frau hilft ihm und begleitet ihn nach Hause. Obwohl die beiden 50 Jahre trennen, ihre Leben und Lebenseinstellungen nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet sie etwas: Sie sind beide einsam, ohne Familie, ohne Sinn und Ziel im Leben. Für beide soll diese Begegnung eine Befreiung werden, ein Tor zu Einsichten über das eigene Leben und die eigenen Versäumnisse, und zum Öffner zu mehr Lebensfreude – ein Start in eine neue Lebensetappe.

Ein Buch über die Liebe, über das Glück, ein wunderbares Buch, das uneingeschränkt zu empfehlen ist. HIER findet ihr die ganze Rezension.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber : Diogenes; 6. Edition (25. November 2008)
  • Sprache : Deutsch
  • Taschenbuch : 144 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3257239034
  • Originaltitel : La douceur assassine
  • Übersetzung Christel Gersch

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