#abcdeslesens – V wie Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal war ein intellektuell interessiertes Kind, ein Kind, das viele Sprachen lernte, viel las und auch sonst lerneifrig war. Schon zu Schulzeiten schrieb er erste Gedichte, die er aber, da er noch Schüler war, nur unter einem Pseudonym veröffentlichen konnte. Und er hatte Erfolg. Hugo von Hofmannsthal zählte schon bald zum literarischen Jung-Wien, verkehrte mit Schriftstellern wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und anderen und wurde auch über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt. Stefan Zweig schrieb über ihn:

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

Der Erfolg dieser frühen Gedichte war nicht nur Segen, Hofmannsthal beklagte später, dass er immer wieder an diesen gemessen würde, sie seinen Ruf quasi schon bestimmt hätten und er kaum mehr was daran ändern oder dazu tun könnte.

Immer wiederkehrende Themen der frühen Dichtung sind die Einsamkeit – Hofmannsthal gefiel sich in der Rolle des Einsamen, sah dies als seine wahre Daseinsform an -, das Leben und der Tod. In der Vergänglichkeit, so die Überzeugung Hofmannsthals, lag die Möglichkeit des Neuen und auch die Schönheit.

Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,

Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

Immer wieder kommentierte Hofmannsthal seine eigene Dichtung, stellte er poetologische Reflexionen an. Zwar hat er nicht ein theoretisches Werk im Sinne einer systematischen Literaturtheorie geschrieben, seine Gedanken zu dem Thema aber immer wieder in Essays ausgeführt. Gerade in diesen Essays kommt auch der Wandel von den frühen zu den späten Dichtungen gut zum Ausdruck: Waren die frühen Gedichte noch dem literarischen Jugendstil oder Impressionismus zuzuordnen (geprägt vom französischen Symbolismus, wie viele seiner Generation damals), zeigt sich in den späteren Werken eine sich verstärkende Sprachskepsis.

Rechtfertigung

So wie der Wandrer, der durch manch Verhau,
Manch blühend Dickicht seinen Weg gefunden:
Zerrißne Ranken haben ihn umwunden,
Auf Haar und Schläfen glänzt der frische Tau,

Und um ihn webt ein Duft noch viele Stunden
Wie Frühlingsgären und wie Ätherblau –:
So trägt der Dichter unbewußt zur Schau
Was schweigsam oft ein Freundesherz empfunden.

Er raubt es nicht, es kommt ihm zugeflogen
Wie Tau aus Blütenkelchen sich ergießt;
Der Blumen Zutraun hat er nicht betrogen,

Weil sichs ihm selber, unbegehrt, erschließt:
Den Tropfen hat ein Sehnen hingezogen,
Wo Bach zum Strom, und Strom zum Meere fließt.

Wie Stefan George, den er 1891 kennenlernte und der sein Werk sehr geprägt hat, war Hofmannsthal der Überzeugung, dass die Sprache der Dichtung sich von der Alltagssprache unterscheiden muss. Die Sprache der Dichtung, so Hofmannsthal, soll eigenen Gesetzen folgen und damit in sich geschlossen sein, eine Kunst-Welt, die zu keinem Zweck erstellt wird: L’art pour l’art.

Sonett der Seele

Willensdrang von tausend Wesen
Wogt in uns vereint, verklärt:
Feuer loht und Rebe gärt
Und sie locken uns zum Bösen.

Tiergewalten, kampfbewährt,
Herrengaben, auserlesen,
Eignen uns und wir verwesen
Einer Welt ererbten Wert.

Wenn wir unsrer Seele lauschen,
Hören wirs wie Eisen klirren,
Rätselhafte Quellen rauschen,

Stille Vögelflüge schwirren …
Und wir fühlen uns verwandt
Weltenkräften unerkannt.

Was die Sprache der Dichtung von der Alltagssprache unterscheidet, ist aber nicht ihr Inhalt oder ihre Form, sondern der ihr innewohnende Rhythmus, der Klang.

Einem, der vorübergeht

Du hast mich an Dinge gemahnet,
Die heimlich in mir sind,
Du warst für die Saiten der Seele
Der nächtige flüsternde Wind

Und wie das rätselhafte,
Das Rufen der atmenden Nacht,
Wenn draußen die Wolken gleiten
Und man aus dem Traum erwacht,

Zu blauer weicher Weite
Die enge Nähe schwillt,
Durch Zweige vor dem Monde
Ein leises Zittern quillt.

Bekannt worden ist Hofmannsthal auch durch seinen Chandos-Brief, welcher zudem einen Bruch in seinem dichterischen Schaffen markiert. Während vorher die Sprache das zentrale Element des Ausdrucks ist, rücken später Dinge in den Vordergrund, in welchen sich das Leben quasi präsentiert. Hofmannsthal sah Leben und Dichtung eng verbunden, dies sowohl durch die Metapher als auch durch das Symbol. Durch beide sei es möglich, Zusammenhänge in der Welt sichtbar zu machen, die sich sonst oft der Sprache entzögen.

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