Jeder hat seinen Platz

Klaus hob mit einem Greifarm leere Bierbüchsen vom Boden. Das machte er jeden Morgen, schliesslich sollte die Stadt wieder sauber aussehen. Er dachte nicht darüber nach, wer die Büchsen einfach auf den Boden geworfen hatte. Er hörte oft Menschen sich beklagen, dass die Menschheit heute rücksichtslos sei, einfach alles wegwerfe. Keinen Anstand gäbe es mehr, sagten die Leute dann. Es waren meist ältere Leute. Sie sagten es nie zu ihm. Mit ihm redeten sie nicht. Sie sagten es neben ihm zueinander, so dass er es hörte. Er reagierte nie. Das würden sie nicht wollen. Vermutlich ging es ihnen gar nicht um den Abfall. Auch nicht um ihn. Sie mussten ja was sagen. Klaus selber redete nicht viel.

Klaus hatte nicht immer Büchsen aufgehoben. Es gab eine Zeit, da lebte Klaus auf der Strasse. Die Wege, die dahin geführt hatten, ging er in einem anderen Leben, darüber sprach er nicht. Er dachte auch nicht drüber nach. Das war vorbei, das gehörte nicht mehr zu seinem Leben. An das Leben auf der Strasse konnte er sich aber noch gut erinnern. Hart war es. Und kalt. Und das einzige, was half, war Alkohol. Viel Alkohol. Er wärmte. Und er liess vergessen. Und beides war dringend nötig. Heute hatte Klaus wieder eine Wohnung.

Die Stadt hatte ihm die Aufgabe mit dem Müll übertragen und so konnte er übers Sozialamt eine Wohnung bekommen. Dafür war er sehr dankbar. Er war stolz, diese Aufgabe machen zu können. Er nahm sie ernst. Es gab nur zwei Tage seit dem Beginn, an denen er seinen Dienst nicht antreten konnte. Einer war nach seinem Geburtstag gewesen, ein anderer, als es ihm mal nicht gut ging. An beiden hatte er tags zuvor zuviel getrunken. Er konnte nicht aufstehen. Früher war das die Regel gewesen, heute war es die Ausnahme. Und er war stolz, waren es nur zwei Ausnahmen, denn er wollte nicht dahin zurück, wo er herkam.

Klaus wusste, dass er in den Augen all derer, die ihn Büchsen auflesen sahen, einer war, der es im Leben zu nichts gebracht hatte. Darum sprachen sie nicht mit ihm, sondern neben ihm. Er wusste auch, dass es die Welt halt so funktionierte. Die einen schafften es, die anderen nicht. Er hatte es nicht ganz geschafft. Aber er hatte es zumindest geschafft, es nicht gar nicht geschafft zu haben. Er trank noch immer. Die Büchse Bier zum Frühstück musste sein. Auch in den Pausen gönnte er sich eine. Abends das Feierabendbier – wer könnte es ihm verübeln, nachdem er den ganzen Tag den Dreck anderer Leute weggeputzt hatte. Ab und an auch Dreck, den ihm die Leute unachtsam quasi vor die Füsse kippten. Zigarettenstummel aus manikürten Händen – einfach weggeworfen. „Da ist ja einer, der kümmert sich“, dachten sie wohl.

Und Klaus kümmerte sich. Und er war stolz, denn: Von ihm lag nie eine Bierbüchse oder ein Zigarettenstummel rum. Er hinterliess alles immer sauber. Das war schliesslich seine Aufgabe und die nahm er ernst.

Heute nichts getan

Heute war ein Tag, an dem ich am Abend sagte:

Ich habe heute nichts getan.

Ich habe ein Buch gelesen, den Grosseinkauf erledigt, alles aufgeräumt und wo nötig geputzt. Ich habe meine neuen Artikel geplant, Unterlagen sortiert und abgelegt. Ich habe gekocht und den Hund ausgeführt. Ich habe mich mit Picassos Skizzenbüchern auseinandergesetzt und analoge Skizzen angelegt. Ich habe sonst gezeichnet, weil: Ich will das mehr tun und Übung macht den Meister. Ich habe eine meiner Datenbanken gepflegt, die noch offene Kommunikation erledigt. Und ich habe Klavier geübt…

Ausser einigen Skizzen im Skizzenbuch, die keinen interessieren, habe ich also nichts, was man vorzeigen könnte. Und schon stellt sich das Gefühl ein:

He, das war nichts. Heute einfach nichts gemacht.

Und das ungute Gefühl schleicht sich ein. Die Unzufriedenheit kommt gleich mit. Nur: Was würden wir tun, wenn wir all die kleinen Dinge, die notwendige Planung und Versorgung, nicht machen würden? Wir irrten wahl- und ziellos umher. Wohin sollte es führen?

Eigentlich habe ich heute viel gemacht. Und mir ist viel klar geworden. Das hilft beim zukünftigen Machen, indem es steuert, was ich tue, damit es auch ist, was ich wirklich will. Alles gut? Ist es – sobald ich mich selber überzeugt habe. Das dauert ab und an ein wenig.

Geht es anderen auch so?

Ein Blick

Es war einer dieser heissen, schwülen Tage, an denen du, kaum aus der Dusche gestiegen reif für die nächste wärst. Die Luft hing drückend und schwer über mir, das Atmen fiel schwer, ich stand an der Bushaltestelle. Ich fühlte, wie sich Schweisstropfen auf meiner Stirn lösten und langsam ihren Weg nach unten fanden. Heute hatten sie es leichter als früher, sie fanden extra für sie angelegte, gefurchte Bahnen vor.

Neben mir stand eine Frau, Marke Zürichberg mit entsprechender LV-Tasche, Foulard um den Hals, ondulierten Goldlocken, die sie mit feinmanikürten Fingern immer mal wieder hinter die goldknopfbesetzten Ohren strich. Aus ihrem roten Mund kam ein Schwall von Worten. Auf den ersten Blick hätte man denken können, sie spräche mit sich selber, denn sie war keinem zugewandt und es stand auch keiner da, welcher zu ihr zu passen schien – aber dem war nicht so. Schräg hinter ihr stand in bekannt lässiger Haltung ein Jüngling: die Mütze ins Gesicht gezogen, die weissen Drähte der Kopfhöher schlängelten sich darunter hervor und zu den Hosensäcken runter, in denen auch die Hände steckten. Der Rücken war leicht gebogen, so als ducke er sich noch zusätzlich vor den auf ihn einprallenden Worten, denen er sich so gut wie möglich zu entziehen suchte.

„Deine Noten waren dieses Jahr enttäuschend. Das, nachdem wir dir doch die teure Anlage bezahlt haben, in der Hoffnung, dir eine Freude zu machen. Ich finde – dein Vater findet das auch -, du könntest dir mehr Mühe geben. Du musst nicht denken, dass dir alles zufliegt, man muss auch was tun. Zudem vergiss nicht, dass wir morgen Besuch haben. Zieh dann bitte etwas Ordentliches an, nicht wie heute diese unsägliche Mütze und diese kaputten Hosen. Ich werde das ja nie verstehen, wie man mit solchen Hosen rumlaufen kann. Zu meiner Zeit war man froh, wenn man es nicht musste. Eine Schande wäre das gewesen, ausgelacht hätten sie uns.“

Ich bewunderte die Frau ein wenig für ihre Energie bei dieser Hitze. Die meine reichte knapp dazu, immer mal wieder eine sich verirrende Schweisstropfe daran zu hindern, mir in die Augen zu tropfen. Ansonsten bevorzugte ich die Tote-Fliegen-Taktik: Nicht bewegen, nicht reden, nichts tun – schon denken wäre eine unglaubliche Überanstrengung gewesen.

„Kannst du dich noch an Goldmanns erinnern? Die sind ja nun weggezogen nach dem Skandal mit ihrer Tochter. Dass dir nie in den Sinn kommt, so etwas Dummes zu tun. Was in euch jungen Menschen heute vorgeht, ist mir ein Rätsel. Ihr habt alles, es geht euch gut, dann sowas. Aber die lief auch immer in diesen kaputten Hosen durch die Gegend. Das konnte ja nicht gut gehen. Ich dachte das immer, wenn ich sie sah. Arme Frau Goldmann, die hatte ja nichts anderes als ihre Tochter, keine Hobbies, keine gemeinnützigen Projekte.

Ich löste mich ein wenig aus meiner Erstarrung, um zu sehen, ob der Bus nicht endlich käme. Diese ganzen Worte hatten mich müde gemacht. Ich schaute den Jungen genauer an und blickte plötzlich in tiefe braune Augen. Ihm ging es gleich. Wir wussten in dem Moment, dass wir uns verstanden.

©Sandra Matteotti

Der Tag nach dem Schweizer Jubeltag

Ich bin Schweizerin. So von Grund auf. So mit Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, Urur…. ihr ahnt es schon. Und ja, ich bin dankbar, hier geboren worden zu sein. Ich finde nicht alles toll hier, einiges nervt mich, ärgert mich, langweilt mich, aber: Es hätte schlimmer kommen können, viel schlimmer. Dazu beigetragen habe ich nichts. Ich habe mir diesen Geburtsort nicht ausgesucht, es war schlicht und einfach nur Glück.

Gestern hat die Schweiz gefeiert. Wie alt sie nun genau wurde, darüber stritt man sich ein wenig in den sozialen Medien, die einen griffen auf 1291 zurück, die anderen auf 1848 – feiern tut man den 1. August übrigens seit 1891. Auf Facebook quoll meine Timeline über. Schweizer Flaggen, Schweizer Kühe, Schweizer Alphörner, Schweizer Fähnchen, Schweizer Würste, Schweizer Alpen, Schweizer Städte, Schweizer Musik. Lobreden auf die Schweiz zu Hauf, ihre Schönheit wurde in allen Tönen gelobt. Der ganze Schweizer Stolz zeigte sich in Worten und Bildern.

Neben all den Oden an die Schweiz kamen immer wieder in Nebensätzen die kleinen Spitzen mit rein: Der böse Islam müsse raus, der mache die schöne Schweiz kaputt. Die bösen Flüchtlinge sollen bitte dahin, wo sie herkamen, sie machen die schöne Schweiz kaputt. All die, welche nicht im Sinne der so Sprechenden sind und denken, würden auch am besten die Koffer packen und gehen. Damit man als guter Schweizer Bürger schön unter sich ist und die schöne Schweiz fortan ungestört geniessen kann. Schliesslich geht es uns hier gut. Schliesslich haben wir hier alles und haben dafür viel gearbeitet.

Gut, irgendwann holten wie die Italiener rein, damit sie helfen, weil wir ohne nicht mehr klar kamen. Aber he, die Italiener gehören heute quasi dazu. Das sind keine richtigen Ausländer, die haben auch so einen netten Akzent. Die mögen wir. Wir meinen nur die anderen. Dass die Kinder der Italiener damals als „Tschinggen“ verschrien wurden, das haben wir vergessen (oder verdrängen es oder finden, das sei ja nicht böse gemeint gewesen).

Dass viel von unserem Gut-Gehen von nicht immer ganz sauberen Finanzgeschäften abhängt, das will man auch nicht hören. Nazi-Gold? Alte Geschichten! Ich erinnere mich noch gut daran, als Stuart Eizenstat kam und die Schweizer Banken in die Knie zwang. Ich erinnere mich gut an damals, als die Bergier Kommission eingesetzt wurde. Der eine wurde als geldgeiler Anwalt betitelt, die anderen als Nestbeschmutzer. Wer konnte es wagen, an unserer weissen Weste zu kratzen?

Eine weisse Weste haben wir generell immer. Wir sind neutral, wir mischen uns nirgends ein. Dass wir Waffen verkaufen, hat damit nichts zu tun, von irgendwas müssen wir ja leben. Wir würden die ja auch allen verkaufen, die zahlen, insofern spricht das für unsere Neutralität.

All das, was wir also von all denen haben: Von der Mitarbeit der Italiener, von den Geldgeschäften und Waffenverkäufen (und vielen mehr), das möchten wir nun gerne behalten – und nicht teilen. Wir sind ja nicht Mutter Theresa – oder wie Polo Hofer sein halbes Leben lang sang: kein Kiosk. Und genau das haben sie gestern gefeiert. Sichtbar. Lesbar.

Heute feiern sie nicht mehr. Heute bleibt nur noch das Motzen über all jene, welche die arme schöne Schweiz kaputt machen. Und über all die Dummen, die nicht mitmotzen, sondern dieses ganze Gerede von Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit nicht mehr lesen mögen. Und nun erklärt sich auch der Anfang meines Artikels hier: Liebe Leute, denen ich nun auf die Füsse getreten bin,: Ich kann nirgendwohin zurück (wurde mir schon vorgeschlagen bei früheren Artikeln). Ich bin schon da, wo ich herkomme. Und ich bin gerne hier. Und ja, ich finde auch, wir müssen aufpassen, dass es der Schweiz gut geht. Aber ich finde, wir haben auch eine Verantwortung als Menschen. Menschen helfen Menschen. Wo man das kann, soll man das tun. Wenn Menschen in Not sind, sollte man nicht einfach wegschauen, sondern menschenwürdige Lösungen zu finden versuchen. Für alle Beteiligten.

Ich sage nicht, dass es einfach ist, ich sage nicht, dass es Patentlösungen gibt, nur: Schotten dicht und alle anderen verdammen, hat noch nie zu was Gutem geführt.

Während ich das alles schreibe, sitze ich hier an meinem Pult in meinem Arbeitszimmer, das Fenster ist offen und es ist unglaublich still. Ab und an höre ich ein paar Vögel, dann und wann ein paar Kinderstimmen. Die Sonne scheint, alles grünt vor dem Fenster und ich denke für mich: Es ist unglaublich schön hier. Ja, ich bin dankbar, kann ich so leben, dankbar für alles, was ich hier in diesem Land habe und all die Möglichkeiten, die ich in meinem Leben hatte. Dieses Glück haben nicht alle auf dieser Welt. Und ja, es ist schlicht nur Glück, verdient haben wir es alle hier nicht.

Sologamie – ein neuer Trend

Heute habe ich es beschlossen: Ich heirate mich selber. Man kann das nun, das sei ein Trend. So kann ich mir und der Welt beweisen: Ich liebe mich und das sollen alle wissen. Wir wollen nie mehr auseinander gehen – also ich und ich. Ich habe bei mir also um meine Hand angehalten, habe mich mit Tränen in den Augen angeblinzelt und dann ja gesagt. Und nun tun wir es.

Wobei: Da frage ich mich: Die Scheidungsrate liegt bei 50%. Wieso sollte es mir mit mir selber besser gehen als anderen? Ich meine, ich kenne mich ja schon gut, aber so ab und an gehen mit mir schon die Pferde durch.

Ich schelte mit mir: Was muss ich auch immer alle Romantik kaputt machen, alles hinterfragen, ständig das Haar in der Suppe suchen?

Aber he: Man muss ja zuerst nachdenken, bevor man handelt. Man kann ja nicht einfach so drauflos preschen. Und: Nehmen wir mal an, ich komme zum Schluss, ich kann mit mir nicht mehr länger verheiratet sein, weil wir das Heu schlicht nicht auf derselben Bühne haben: Was dann? Wer zieht aus? Ich oder ich? Und wo gehe ich hin? Und was passiert aus mir? Werde ich dann frei sein? Oder weinen? Brauche ich einen Anwalt oder zwei? Einer könnte ja befangen sein oder parteiisch.

Es ist nicht zum Aushalten. Was eigentlich eine schöne Sache sein sollte, wird nun so zerredet. Wir gehen nun schon so lange zusammen, wir haben uns nie getrennt, 44 Jahre lang nicht. Gut, ab und an waren wir nicht einer Meinung, ab und an hätten wir uns auf den Mond schiessen können. Aber: So im Grossen und Ganzen klappt es doch ganz gut mit uns? Ich bringe die Ratio rein, wenn ich mal wieder in kreativen Idealismen schwebe, ich bringe die Leichtigkeit rein, wenn der Verstand mal wieder alles berechnen und sortieren will. Wir sind ein gutes Team.

Das denken sie aber alle. Die einen schwören auf Gegensätze, die andere auf gleiche Charaktere. Den einen wird es langweilig, die anderen verbrennen sich die Finger. Wer brennt denn und wer gähnt von uns? Ich oder ich?

So ne Ehe sollte gut überlegt sein. Und man muss ja nicht jedem Trend folgen. Ich beschliesse also, weiter in wilder Ehe mit mir zusammenzuleben. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann leben wir noch morgen so friedlich und fröhlich weiter.

Nur eine Frage hätte ich noch:

 Wenn nicht mich, wen dann??

Max Frisch: Fragebogen I

FrischFragebogenDas vorliegende Buch umfasst 11 Fragebogen zu Themen wie Hoffnung, Humor, Tod, Eigentum Geld und mehr. Jeder Fragebogen umfasst mehrere Fragen, die man als Leser selber durchdenken kann. Ein spannendes Buch, ein Buch, das anregt, hinterfragen lässt – sich, andere, die Welt und die Beziehungen zwischen allen.

Ich werde mir in unregelmässigen Abständen einen Fragebogen vornehmen und mich einigen Fragen daraus stellen. Die Auswahl unterliegt verschiedenen Kriterien, ein Grund ist sicher, dass der Artikel nicht ausufern soll. Wen die vollständen Fragebogen interessieren, der findet die Angaben zum Buch ganz am Schluss. Hier der erste Fragebogen:

Fragebogen I

  1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

Nein

  1. Warum? Stichworte genügen.

Ich sehe den Menschen nicht als Gewinn für diese Welt.

  1. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Nein, ich erachte Vergessen oft als Segen. Was dann wieder in die Erinnerung zurück kommt oder da geblieben ist, ist es wert, bedacht zu werden.

  1. Wie heisst der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?

Es gibt verschiedene Politiker, die ich lieber nicht mehr im Amt sehen würde, aber: Ich wünsche keinem den Tod, trotz allem, und: Ich glaube nicht, dass das viel helfen würde. Oft liegen die Probleme tiefer und es hängt nicht alles nur an einer Person, sondern auch an den Umständen, die ermöglichten, dass die Person in die Position kommen konnte.

  1. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Natürlich gibt es Menschen, die mir fehlen, deren Tod schmerzte. Nur: Was würde ein Wiedersehen bringen? Ich denke, wir sollten eher so leben, dass wir wissen, dass das Leben (das eigene und das des Anderen) endlich ist und zu Lebzeiten realisieren, was möglich ist.

  1. Hätten Sie lieber einer andern Nation (Kultur) angehört und welcher?

Natürlich habe ich dann und wann was auszusetzen an meinem Land, der Kultur hier, aber ich bin grundsätzlich dankbar, in der Schweiz geboren worden zu sein.

  1. Wie alt möchten Sie werden?

So alt, dass ich noch selber denken, essen und aufs Klo gehen kann.

  1. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.

Nein

  1. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?

Ich halte wenig von Alleingängen in Situationen, die für alle stimmen müssen am Schluss. Ich schätze das Leben in einer Demokratie und dazu gehört, dass man Entscheide diskutiert, abwägt, abstimmt. Klar kann es sein, dass so nicht immer die Entscheidungen gefällt werden, die man sich wünschen würde, doch ich erachte die Gefahr von Alleingängen als grösser als die Beschwernis, ab und an unliebsame Entscheide mittragen zu müssen.

Wo (diktatorische, despotische, idiotische) Alleingänge dominieren, führt das oft zu Chaos, Unterdrückung, Unglück, wie man in der Geschichte oft sah und heute leider in vielen Ländern noch sehen kann.

  1. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv?

Ich neige nicht zu Hass, denke aber, dass ein so starkes Gefühl ein individuelles Gefühl ist. Klar gibt es Aversionen in Ländern gegen Teile ihres Landes, einzelne Gruppierungen, oder auch gegen andere Länder. Ich würde die aber nicht als Hass bezeichnen, eher wohl als durch die Muttermilch und Kultur aufgesogene Stimmungen und Haltungen.

  1. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?

Nein

  1. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschen Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Ich hoffe und glaube, dass der Tod das Ende ist. Da spricht keiner mehr, weder ich noch andere. Irgendwann muss auch mal Ruhe sein.

  1. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?

Einerseits eine zu hohe Hemmschwelle, es bewusst zu tun, andererseits das Glück, nie durch einen Unfall in die Situation gekommen zu sein.

  1. Was fehlt Ihnen zum Glück?

Das Talent dazu.

  1. Wofür sind Sie dankbar?

Dass ich bin in einem guten und sicheren Land geboren bin, dass ich einen Weg gehen konnte, wie er mir lag, und ich die Möglichkeit habe, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir wichtig sind. Ich bin dankbar, dass ich mich mit und durch das Schreiben täglich neu entdecken und weiter entwickeln kann, dass ich Menschen erreiche mit dem, was ich tue, und ab und an anderen eine Freude bereiten kann damit.

  1. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als ein gesundes Tier? Und als welches?

Ich wäre gerne mein Hund Caruso. Wenn ich ihn so ansehe, wirkt er glücklich – und dafür bin ich dankbar.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Freitagsfüller – Klappe, die zweite

Schon wieder eine Woche um, der zweite Freitagsfüller steht an:

  1. Thema Nr. 1  ist aktuel – wer mich kennt, wird denken, ich sei krank – putzen. Irgendwie fühlt es sich grad an, als ob so ein Haushalt ein Fass ohne Boden sei. Gestern und heute bin ich Stunden damit beschäftigt, alles so zu putzen und aufzuräumen, dass es mir gefällt. Es ist ja nicht so, dass ich sonst nie putze, es ist immer sauber und aufgeräumt, aber irgendwas reitet mich die Tage grad. Aber: Es hat sich gelohnt. Und ich glaube, ich bin nun fertig… hoff ich… bis ich das nächste sehe. Aber: Solche Putzphasen kommen dann und wann, sind auch ganz schnell wieder vorbei, drum nutz ich sie, wenn sie da ist.
  1. Auch mal nichts zu tun, keine Pläne zu haben, einfach zu sein, finde ich unbedenklich. Ab und an kommt es mir so vor, als ob alle immer grosse Pläne hätten, Dinge unternehmen. Das fängt schon bei kleinen Kindern an, die jeden Tag ein anderes Programm im Kalender haben, und hört nie mehr auf, wie mir scheint. Ich schaue sogar extra, dass ich genügend freie Zeiten habe, in denen einfach nichts ist, die lass ich mir dann auch nicht nehmen.
  1. Gestern hätte ich fast wie eine Gluckenmutter ein Tränchen verdrückt, als der Sohnemann in die Ferien flog. Ich war wohl aufgeregter als er, habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Als er dann weg war, war es schon sehr ruhig hier plötzlich. Gleich danach startete meine Putzwut… (siehe Punkt 1)
  1. Ich freue mich auf nächste Woche, die einfach frei ist – keine Termine, nichts, dass ich muss, keiner, der etwas von mir will. Ich kriegte den Rat, die Zeit zu nutzen und auch mal wegzufahren, aber ne, das wäre ja schade, denn: So ruhig habe ich die Wohnung nie. Das werde ich geniessen..
  1. Es würde helfen, wenn jeder erst vor seiner Türe kehrte, bevor er auf den Nachbarn zeigt. Die Welt wäre sauberer und friedlicher (ich habe es wirklich mit dem Putzen, scheint mir…).
  1. Ich kaufe viel zu viele Bücher bei Amazon –ist aber auch verlockend, alles nur einen Klick entfernt zu haben.
  1. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf einen ruhigen Abend mit einem Glas Wein in meiner blitzblanken Wohnung 😉 , morgen habe ich geplant, nur das zu tun, wonach mir ist und Sonntag möchte ich wiederholen !

Danke für die Inspiration an Barbara, die diese tolle Aktion gestartet hat. Ihr Ursprungspost: HIER

Freitagsfüller – Klappe, die Erste

Ich habe im Netz eine neue Aktion gefunden, die ich einfach mal mitmachen möchte:

1. Ferien im Sommer sind______
Ich mag eigentlich keine Ferien. Ich bin ein Alltagsmensch, der seine alltäglichen Abläufe mag. Was ich aber mag ist, dass keine wirklichen Fixtermine regelmässig von aussen kommen wie Schule und dergleichen. Ich freue mich auf einige Wochen, die ich möglichst frei von äusseren Störungen meine Dinge machen kann, so wie sie mir zufallen, so wie sie sich grad zeigen.

2. ________Favoriten auf dem Grill
Ich habe gar keinen Grill

3. Meine Bikinifigur_____
Ich habe kein Bikini – also ich hätte eines oder sogar zwei, allerdings weiss ich nicht, wo die sind und ich denke, als ich letztes Mal einen Teil des einen fand, war es eben nur ein Teil und der Rest fehlte. Insofern mache ich mir keine Gedanken über eine da reinpassende Figur.

4. Denk ich an Michael Jackson, ________
Da denke ich an mein erstes Konzert, zu welchem ich mit meiner Freundin und deren Vater durfte, als ich so 7 oder 8 war. War ein Erlebnis. Vielleicht war ich auch 9? Egal, ich fühlte mich sehr gross.

5. Mein Lieblingsschmöker diesen Sommer_______
Das war Claire Fullers „Eine englische Ehe“ – ein tiefes, lebendiges, mitreissendes Buch über die Liebe, über deren Ende, über Verrat, Trauer und das Leben – und immer wieder doch die Liebe –, das mich sehr berührt hat. Oder nein, das war Kent Harufs Buch „Unsere Seelen bei Nacht“ – ein wunderbares Buch über zwei ältere Menschen, die auf das Geschwätz der Menschen pfeifen und einfach glücklich sind. Sagen wir, es waren die beiden…

6. ______ ist die beste Art, den Tag zu beginnen
Ein Gedicht lesen und guter Kaffee – oder guter Kaffee und ein Gedicht lesen – diese beiden auf alle Fälle.

7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf ___________, morgen habe ich geplant, _________ und Sonntag möchte ich _________ !
Heute Abend freue ich mich auf ein gutes Glas gekühlten Chardonnayes, dazu guten Käse, Brot, etwas Rohschinken. Danach vielleicht noch ein Glas Primitivo mit der gleichen Begleitung ☺
Morgen will ich meine Gedichte sichten und in eine geeignete Reihenfolge. Daneben lesen, lesen, lesen, fürs Seelenheil eine Schnulze im TV schauen, eventuell noch eine Rezension schreiben. Das Abendprogramm dann wieder wie heute.
Weil das morgen so schön wird, mach ich das am Sonntag gleich nochmals, nur dass ich die Schnulze durch eine Philosophie-Sendung ersetze. Und immer – das tue ich eh immer: Schreiben, schreiben, schreiben….

Danke für die Inspiration an Mia, die mich in ihrem BEITRAG  auf die Aktion von Barbara aufmerksam machte: HIER der originale Textimpuls

Die Pfauen der Grossstadt

Ein Bahnhof in Zürich. Heimreisependler stehen sich die Füsse platt. Es ist heiss, alle schwitzen, alle sind müde. Alle drehen in ihrem Universum. Sie lesen Gratiszeitungen, tippen auf dem Handy, hören Musik. Und mitten drin liegt ein Mann. Einfach so am Boden. Der Kopf ist hochrot, Schweissperlen auf der Stirn. Aber das sehen die anderen nicht. Ihr Blick ist gebannt. Und wenn sie es sehen, dann nur aus den Augenwinkeln, genauer hinzuschauen, erlaubt sich keiner, denn: Würde man sehen, dass er was gesehen hätte, müsste er helfen. Und das scheint keiner zu wollen.

Ein Mann steht auf dem Perron. Auf einem anderen. Er sieht den Liegenden und all die Menschen in ihren eigenen Universen. Er läuft unter den Gleisen durch, kommt zum liegenden Mann. Noch immer liegt er alleine da. Noch immer kümmert sich niemand. Noch immer schaut keiner hin. Schauen alle bemüht weg.

Der Helfer kühlt mit dem vorhandenen Wasser das Gesicht des Liegenden, lagert ihn entsprechend, dann kommt endlich die Bahnpolizei, kurz darauf dann auch der alarmierte Notarzt.

Nun schauen alle hin. Sie verändern sogar die Position, um besser sehen zu können. Schliesslich hat man dann später was zu erzählen. Man war dabei, man war Zeuge. Man wird spannend und kann sich mit einer Situation brüsten. Beim gepflegten Weisswein in der angesagten Gartenbeiz.

So funktioniert das Leben in der heutigen Zeit: Ein Dummer findet sich immer, der rennt, der Rest knüpft sich die Federn ans Hemd.

Für all die, welche keine Federn wollen, sondern als Dumme rennen (ist auch gut für die eigene Fitness):

Sonnenstich: Erste-Hilfe auf einen Blick

  • Wenn der Betroffene noch beweglich ist: an einen kühlen, schattigen Ort bringen
  • Mit leicht erhöhtem Kopf und Oberkörper lagern
  • kalte Umschläge auf Kopf, und Nacken – notfalls auch sachte Wasser an die Stellen giessen
  • Nicht allein lassen und beruhigen
  • Wenn kein Brechreiz besteht, langsam Flüssigkeit zuführen

Musik und das Leben

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.

Der Ausspruch stammt von Nietzsche. Nun kann man sagen, das sei bloss ein irrer Philosoph gewesen, der am Schluss seinem Wahnsinn erlegen ist. Nur: Ich denke, er hat ganz viel ganz klar gesehen. Wohl zu klar. Mitunter kann man auch an der klaren Sicht, die anderen vernebelt ist, verzweifelt. Viele kennen das aus Situationen, wenn sie sich im Streit unverstanden fühlen. Statt Nietzsche einen Irren zu schimpfen können sie im nächsten Streit sagen:

Schon Nietzsche wusste von meinem Leiden.

Aber von vorne:

Ich liebte – man glaubte es kaum, wüsste man, dass ich um eine absolut unmusikalische Mutter aufgewachsen bin – Musik schon immer. (Nun gut, die besagte Mutter las auch kein Buch lief aber unermüdlich mit mir zur Bibliothek und hat mich so mit der wohl prägendsten Sache infiziert: Literatur) Ich war die, welche irgendwo irgendwas aufschnappte und das haben wollte. Sie beauftragte den Papa und der zog los. Durch alle Geschäfte der (nicht gar so grossen, aber immerhin damals auf siebter Stelle im helvetischen System rangierenden) Stadt. Auskunft war immer: Das hört hier noch keiner, oder: das hört hier keiner mehr. Ich war immer ausserhalb von Zeit und Raum.

Ich könnte nun noch anfügen, wie mein Papa die unmusikalische Mutter damals erobert hatte: Er zog von Diskothek zu Diskothek und sang denen ein Lied vor, das seiner Angebeteten ach so gefiel, um diese dann mit der Platte zu überraschen. Ob er gut sang, sei dahin gestellt, nur: Welche Frau würde sich so einen Einsatz nicht wünschen? Er hatte es gefunden. Ich füge das nun nicht an, es würde zu weit führen, wenn es auch erklären könnte, wieso ich exakt ihn engagierte, meine Musikwünsche heimzubringen (die eigene Bequemlichkeit kehre ich mal ganz unter den Teppich).

Langer Rede kurzer Sinn: Irgendwann war das besagte Album bei mir zu Hause. Zuerst auf Vinyl, dann auf CD. Meist gefiel das eine Lied, weswegen man das Album haben wollte, der Rest war so „na ja“. Klar gab es Sampler, die beherbergten dann viele tolle Lieder. Nur: Die waren nie alle dem Geschmack entsprechend. Also auch mehrheitlich „na ja“. Weil man die Künstleralben schon mal hatte, hörte man sie auch. Wir hatten nicht so viel, es ist lange her. Und irgendwann erschloss sich meist auch der Sinn in den weniger eingängigen Stücken. Und nicht selten war plötzlich ein ganz anderes Lied Liebling auf einem Album, welches wir nur wegen eines Liedes gekauft hatten.

Zwischendurch hörte man Radio. Daher hatte man ja all die Lieder, die es nicht oder nicht mehr gab – ab und an auch von obskuren Bekanntschaften oder aus Diskos, Filmen oder mehr…. Das ist heute obsolet. Wir haben Spotify. Da kann man suchen, was man will und findet es. Man dreht musikalisch im immer gleichen Universum. Am Anfang nur ansatzweise, weil man reinträgt, was man irgendwo hörte. Bald schon schlägt einem Spotify vor, was einem gefallen könnte. Spotify packt das gar in einen Mix der Woche. Da klingen dann alle Lieder so wie das, was man oft hörte. Und klar gefällt es, man hätte das andere sonst nicht gehört. Wenn man ein wenig Musikvergangenheit hat, kennt man auch alles Vorgeschlagene. Und man hat nie mehr das Bedürfnis, weiter zu suchen, denn: Man kriegt geliefert, was gefällt. Was will man mehr? Man dreht im eigenen Universum, man muss nie mehr raus. Man muss nicht suchen, nicht Neues entdecken. Da ist ein Dienst, der einem sagt, was zu einem passt.

So funktioniert wohl bald das ganze Leben. Nicht nur in der Musik.

Menschen, die wissen, was geht

Auf Facebook treffe ich sie immer wieder: Menschen, die wissen, was geht und was nicht. Sie definieren Kleidung, Musik und Bücher und stellen es so rein:

Leute, DAS geht gar nicht

Widerworte werden nicht geduldet. Jedes Aber wird abgeschmettert, wagt man ein nächstes, fällt man schon in die Ecke der Total-Ignoranten. Argumentieren geht gar nicht. Nicht, weil man sich über Geschmack nicht streitet, sondern: Sie haben recht. Alles Weitere ist obsolet. Und sie stehen da und glauben dran. So total.

Es gibt dann immer bewundernde Stimmen: Wow, du hast so recht. Wow, du bist so toll. Und der/die so ursprünglich Schreibende suhlt sich im Lobespfuhl und schiesst weiter auf seinem absolutistischen Pfad.

Ich finde es erschreckend. Zumal sich oft die wirklichen Argumente für oder gegen solche Absolutismen widersprechen. Sie kämpfen mit Mitteln gegen Männer, die sie bei Frauen nie gelten liessen, greifen aber Männer an, die bei Frauen genau diese Kriterien anwenden. Sie reden gegen Absolutismen, wenden sie selber an. Sie sind für freie Meinung, lassen sie nicht gelten.

Oft sind halt ganz viele Prinzipien nur Argumente, wenn diese für die eigenen Meinungen eingesetzt werden können. Und nein, ich mag das nicht. Ich habe meine Meinung, aber ich diskutiere diese, ich setze sie nie absolut. Denn:

Die Wahrheit zeigt sich immer nur im Diskurs. Im eigenen Universum dreht man im Kreis.

Menschlichkeit im Alltag

Der Sommer ist da und die Sonne brennt, die Temperaturen bewegen sich gegen 30 Grad und der Schweiss rinnt. Es liegt wohl allen etwas auf der Zunge:

Es ist heiss!

Ich erinnere mich gut an letzten Sommer. Die Temperaturen waren ebenso hoch und es schallte vom Nachbarsbalkon durchs ganze Quartier:

„Hans, es ist heiss!“

Manchmal doppelte die Nachbarin noch nach:

„Hans, eine Hitze ist das, unglaublich.“

Wir wussten dann, dass es heiss ist und wir wussten: Den beiden geht es gut. Das war nicht immer so. An diese Rufe gewohnt, blieben sie im Jahr davor plötzlich aus. Auch sah man die Nachbarin nie mehr auf dem Balkon. Dachten wir kurz noch an Urlaub, machten wir uns bald Sorgen. Da besagte Nachbarin aber im Haus nebenan wohnte, hatten wir keine Ahnung, wie sie heisst und wo wir klingeln müssten oder sonst etwas erfahren könnten. Täglich blickten wir zum Balkon hoch, versuchten, Veränderungen festzustellen und beratschlagten, ob man nicht doch jemanden fragen könnte. Alle, die wir ansprachen, wussten nichts. Irgendwann klang es wieder vom Balkon:

„Hans, alle meine Geranien sind kaputt.“

Es tat uns leid um die Blumen und das offensichtliche Leid der Frau, aber wir waren so froh, ihre Stimme zu hören. Von da an freuten wir uns immer über die Rufe, die im Winter lauteten:

„Hans, es ist kalt!“

oder

„Hans, hier liegt so viel Schnee, unglaublich!“

und im Sommer in Hitzerufe übergingen (oder den Regen bemerkten oder die Blumen lobten).

Diesen Sommer rief sie nicht mehr. Schon im Frühling war es still gewesen, aber sie war noch da, wir sahen sie immer. Irgendwann hörte ich, wie sie einem Nachbarn erzählte, dass ihr Mann im Pflegeheim sei. Er muss schon lange Krebs haben, bislang hatte die Spitex geholfen, nun ging das nicht mehr. Die Frau klagte von einsamen Abenden. Und nun gab es keinen Hans mehr, dem sie ihre Beobachtungen mitteilen konnte.

In der Erinnerung höre ich sie immer noch:

„Hans, es ist heiss!“

Und ich vermisse es. Diese Rufe hatten etwas Vertrautes, sie gaben ein Gefühl von Zuhause und von Nachbarschaft. Ich weiss, dass die Frau immer unseren Hund beobachtet und ihn mag. Einmal dankte sie mir für meine Weihnachtsbeleuchtung, die ihr jeden Abend Freude bereitete. Es ist eine Verbindung, die wohl für beide schön ist. Ich stehe nun immer mal auf den Gartensitzplatz und rede mit ihr von mir unten zu ihr hoch. Und ich höre, wie andere Nachbarn das auch tun. Das finde ich wunderschön. Ein Stück Menschlichkeit im Alltag der Grossstadt.

Von Poststellen und Goethe

Die Post streicht Stellen – personal wie lokal. Der Aufschrei ist gross. Nur mal Hand aufs Herz: Wie oft nutzen die, welche schreien, die Dienste selber?

Ich schreibe. Briefe. Von Hand. Ich bringe Pakete zur Post und hebe da mein Geld ab. Ich mag den Austausch am Schalter, sowie ich meine Postbotin mag, die immer aufgestellt, laut, fröhlich ins Haus kommt, mich mit Namen kennt, selbst wenn ich im Garten sitze – und nein, ich wohne in einer (für die Schweiz) Grossstadt.

Ich gehe zur Post, weil ich weiss, was diese für Menschen ist. Ältere kennen nur den Schalter, Einsame haben da ihren Austausch. Angestellte ihr Auskommen. Und jeder Besuch ist ein Austausch. Man könnte vieles mit Mausklicken erledigen. Und dann? War bequem, aber: Blosses Geschäft. Das Menschliche ging.

Wer also über den Abbau motzt, sollte sich fragen: Was habe ich für den Erhalt getan? Und ja, ein „aber, ich….“ ist schnell bei der Hand. Man ist ja so eingespannt, so beschäftigt, man kann ja nicht, man will ja nur.“ – Nur: Das Leben funktioniert nie nur danach, was man gerne hätte. Wenn man was will, muss man was tun.

Und so trage ich weiter brav meine Pakete und Briefe zur Annahmestelle, hebe da mein Geld ab, plaudere mit der Angestellten und gehe um einen Austausch reicher wieder heim. Frei nach Goethe:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

Und ja, es wäre bequemer, alles hier abholen zu lassen, Dinge per Mail zu schicken und mit Karte zu zahlen. Nur ist der Weg des geringsten Widerstandes selten der beste.

Ich trage, was ich will

Heute las ich irgendwo einen Artikel einer Frau, die sich selbstbewusst gab und fand, Frau (Mann wohl auch, irgendwie war das kein Thema) könne alles tragen, egal wie alt sie ist und welche Konfektionsgrösse sie trage.

Natürlich darf sich jeder kleiden, wie er will. Sogar bis zur absoluten Blamage. Wenn er sich wohl fühlt? Oft hat das „Ich trage, was ich will“ einfach was extrem Trotziges und Trotz ist irgendwie ein wenig Pubertär.

Nicht jedes Kleidungsstück schmeichelt jedem. Manches möchte man schlicht nicht sehen, manches liefert den Tragenden nur dem Spott der anderen aus. Wenn jemand etwas unbedingt tragen will: Fein, soll er machen. Wenn er aber insgeheim leidet, sollte er auf gute Freunde vertrauen können, die ihm sagen, was passend (zu ihm, nicht zu irgendwelchen Werten), was eher blossstellend ist. Das hat wenig mit „hirnrissigen Regeln“ zu tun, sondern mehr mit gesundem Menschenverstand. Wenn ich als 154 cm grosse eher runde Frau einen weiten Wallemantel trage, wirke ich schlicht wie eine Kugel. Wenn ich mich als 190 cm grosse dünne Frau auf 15 cm High Heels stelle, dazu alles kurz und knapp bemesse, wirke ich wie eine Bohnenstange, die drauf wartet, dass die Bohnen gepflanzt werden.

Ich weiss auch nicht, ob ich Orangenhaut am Po einer wie auch immer gealterten Frau sehen möchte, die ihren Rock noch über dem Slip enden lässt. Ebenso finde ich den Bierwanst des Mannes nicht wirklich attraktiv, wenn er ihn unterm zu kurzen und taillierten Lacost-Leibchen rausblitzen lässt. Nur: Interessanterweise war der Herr gar kein Thema in dem Artikel. Man schrieb nur für (eigentlich mehr und gegen) die Frau. Und die soll können. Und dürfen. So alles. Weil sie es kann. Und darf. Sie ist ja frei. Und jeder, der einschränkt, ist hirnrissig. Wie ist das denn mit den weissen Socken in Sandalen der Herren? Den Bierbäuchen, die raushängen? Wie ist es mit Unterhemden oder gar nackten Oberkörpern bei Nicht-Adonissen? Dann müssten die alle auch können. Können sie?

Keiner kann alles tragen. An Flachbusigen-Unrundigen sehen dekoltierte und enganliegende Kleider schlicht schrecklich aus. Ebenso ist bauchfrau bei Grösse 54 nicht wirklich schön (bei der Bohnenstange übrigens nicht schöner). Und dazwischen gibt es ganz viel. Schlussendlich entscheidet jeder für sich. Aber: Er muss wissen, was er aussagen will, was er ertragen kann und vor allem: Wieso er es macht. Nur aus Trotz? Das fände ich schlicht (Spät-)Pubertär. Weil es ihm gefällt? Was genau dran?

Hier der Artikel, der mich anregte: LINK