Ein Blick

Es war einer dieser heissen, schwülen Tage, an denen du, kaum aus der Dusche gestiegen reif für die nächste wärst. Die Luft hing drückend und schwer über mir, das Atmen fiel schwer, ich stand an der Bushaltestelle. Ich fühlte, wie sich Schweisstropfen auf meiner Stirn lösten und langsam ihren Weg nach unten fanden. Heute hatten sie es leichter als früher, sie fanden extra für sie angelegte, gefurchte Bahnen vor.

Neben mir stand eine Frau, Marke Zürichberg mit entsprechender LV-Tasche, Foulard um den Hals, ondulierten Goldlocken, die sie mit feinmanikürten Fingern immer mal wieder hinter die goldknopfbesetzten Ohren strich. Aus ihrem roten Mund kam ein Schwall von Worten. Auf den ersten Blick hätte man denken können, sie spräche mit sich selber, denn sie war keinem zugewandt und es stand auch keiner da, welcher zu ihr zu passen schien – aber dem war nicht so. Schräg hinter ihr stand in bekannt lässiger Haltung ein Jüngling: die Mütze ins Gesicht gezogen, die weissen Drähte der Kopfhöher schlängelten sich darunter hervor und zu den Hosensäcken runter, in denen auch die Hände steckten. Der Rücken war leicht gebogen, so als ducke er sich noch zusätzlich vor den auf ihn einprallenden Worten, denen er sich so gut wie möglich zu entziehen suchte.

„Deine Noten waren dieses Jahr enttäuschend. Das, nachdem wir dir doch die teure Anlage bezahlt haben, in der Hoffnung, dir eine Freude zu machen. Ich finde – dein Vater findet das auch -, du könntest dir mehr Mühe geben. Du musst nicht denken, dass dir alles zufliegt, man muss auch was tun. Zudem vergiss nicht, dass wir morgen Besuch haben. Zieh dann bitte etwas Ordentliches an, nicht wie heute diese unsägliche Mütze und diese kaputten Hosen. Ich werde das ja nie verstehen, wie man mit solchen Hosen rumlaufen kann. Zu meiner Zeit war man froh, wenn man es nicht musste. Eine Schande wäre das gewesen, ausgelacht hätten sie uns.“

Ich bewunderte die Frau ein wenig für ihre Energie bei dieser Hitze. Die meine reichte knapp dazu, immer mal wieder eine sich verirrende Schweisstropfe daran zu hindern, mir in die Augen zu tropfen. Ansonsten bevorzugte ich die Tote-Fliegen-Taktik: Nicht bewegen, nicht reden, nichts tun – schon denken wäre eine unglaubliche Überanstrengung gewesen.

„Kannst du dich noch an Goldmanns erinnern? Die sind ja nun weggezogen nach dem Skandal mit ihrer Tochter. Dass dir nie in den Sinn kommt, so etwas Dummes zu tun. Was in euch jungen Menschen heute vorgeht, ist mir ein Rätsel. Ihr habt alles, es geht euch gut, dann sowas. Aber die lief auch immer in diesen kaputten Hosen durch die Gegend. Das konnte ja nicht gut gehen. Ich dachte das immer, wenn ich sie sah. Arme Frau Goldmann, die hatte ja nichts anderes als ihre Tochter, keine Hobbies, keine gemeinnützigen Projekte.

Ich löste mich ein wenig aus meiner Erstarrung, um zu sehen, ob der Bus nicht endlich käme. Diese ganzen Worte hatten mich müde gemacht. Ich schaute den Jungen genauer an und blickte plötzlich in tiefe braune Augen. Ihm ging es gleich. Wir wussten in dem Moment, dass wir uns verstanden.

©Sandra Matteotti

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