Nur ein Esel bleibt stehen

Wenn wir einem Menschen einen Fehler vorwerfen, haben wir dann noch im Sinn, was er vorher alles richtig gemacht hat? Müssten wir es im Sinn haben? Was zählt im Moment? Für uns wohl oft gerade das, was uns stört. Nur: Was trägt das Miteinander? Was hat uns erst zusammen geführt?

Wie oft hängen wir Menschen an einzelnen Fehlern auf, vernachlässigen aber all das, was uns durch sie Gutes widerfährt? Und wie oft denken wir, dass das Leben viel einfacher wäre, wären sie nur ein wenig anders. Oder es wäre gar wer anders da, welcher das abdeckt, was wir grad vermissen.

Nur: Wieso ist der andere dazu da, uns das zu geben, was wir brauchen? Geben wir ihm alles? Können wir das? Kann überhaupt ein Mensch einem anderen all das geben, was dieser braucht, um glücklich zu sein? Muss er es tun?

Ich gebe zu, ich würde mir wünschen, dass die Menschen um mich glücklich sind, weil ich bin, wie ich bin. Und wenn ich etwas tun kann, was sie glücklich(er) macht, tu ich das gerne. ABER: Wenn dieses Glücklichmachen zu einer Pflicht und Erwartung wird, wenn der andere denkt, ich bin dazu da, ihn glücklich zu machen, und ich den Anspruch habe, das tun zu müssen, dann wird aus dem beabsichtigten Glück ganz schnell ein Unglück. Für beide.

Kant sagte einst, dass kein Mensch Mittel zum Zweck sein darf, jeder Mensch sei Zweck. Also bin ich nicht dafür da, andere glücklich zu machen – in der Funktion wäre ich nur Mittel. Ich selber muss glücklich sein. Wenn ich nun eine Beziehung eingehe, ist es mir natürlich ein Anliegen, dass auch mein Partner glücklich ist – schliesslich liebe ich ihn. Erich Fromm sagte von der Liebe, dass sie danach strebe, den anderen als den anzunehmen, der er ist, und sich dafür zu interessieren, dass er sich seinen Anlagen, seinem Sein gemäss zum bestmöglichen Ich zu entwickeln.

Alfred Adler fand, dass das Wir das Ich und Du übersteigen müsse, dass nicht das jeweils einzelne Glück, sondern das Glück zusammen zuoberst stünde. Ich finde beide Ansätze gut, kann sie beide nachvollziehen und befürworten, vor allem auch aus einem Grund: Das Ich tritt zurück aus seiner Selbstbezogenheit, richtet sich aus an einem Du (durch das es auch zum Wir wird). Nur: Das Ich muss dabei bestehen bleiben. Es gibt kein Wir ohne ein Ich. Und keiner sieht das Du, wenn das Ich verschwindet.

Wenn also unser Partner nicht in jedem Punkt so ist, wie wir ihn gerne hätten, stellt sich die Frage: Wieso wollen wir ihn genau so haben? Weil es für uns einfacher wäre? Weil wir selber uns an etwas stören, das uns selber Probleme bereitet und auf das wir durch ihn gestossen werden? Weil wir unsere eigenen Ansprüche so sehr über die des anderen stellen, dass wir es nicht mehr schaffen, über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen?

Und ja, manchmal mag das Verhalten des anderen wirklich Grenzen sprengen, die wir mit allem Hinterfragen und aller Grossmut nicht mehr gutheissen können. Und vielleicht auch sollen (wer oder was hier auch immer Massstab sein mag). Wenn wir dann daran denken, was er uns alles Gutes tut, können wir vielleicht angemessener reagieren, als wenn wir ihn nur aufgrund eines für unschön befundenen Verhaltens einfach verurteilen. Und wenn wir uns zudem bewusst sind, dass auch uns durchaus das eine oder andere solche Verhalten passieren kann und wir dann für ein wenig Verständnis und den nötigen Blick aufs grosse Ganze dankbar wären, mag das durchaus helfen, sich anbahnende Konflikte im Keim zu ersticken durch eine angemessene Reaktion.

Manchmal gelingt das nicht beim ersten Schritt, man braucht einen zweiten Anlauf. Rom wurde auch nicht an einem Tag erschaffen. Beziehungen sind schliesslich und endlich Wege, die man geht. Zusammen. Und wenn man einmal auseinander driftet, braucht man Schritte. Aufeinander zu. Es kommt nicht drauf an, wer den ersten Schritt tut. Wichtig ist, dass er gemacht wird. Man stelle sich den sturen Esel vor, der durstig drauf wartet, dass der Brunnen sich ihm nähert. So möchte doch keiner sein, oder?

Ein gutes Leben leben

„Es ist nie zu spät, so zu sein, wie man es gerne gewesen wäre.“ (George Eliot)

Wenn ich am Ende meines Lebens zurückschaue: Was für ein Mensch möchte ich gewesen sein? Wie müsste ich gewesen sein, dass ich dann sagen kann: Ich war ein guter Mensch und ich habe ein gutes Leben geführt?

Wir müssen nicht so lange warten damit, der Mensch zu sein, der wir sein wollen. Wir müssen auch nicht so lange warten, anzufangen das Leben zu leben, das wir gerne leben würden. Wir können heute hinschauen und uns fragen:

Lebe ich das Leben, das ich leben möchte? Ist es ein gutes Leben, eines, das mir und meinen Werten entspricht? Bin ich der Mensch, der ich gerne sein möchte? Was könnte ich tun, um noch mehr dieser Mensch zu sein?
Wenn wir eine dieser Fragen mit nein beantworten müssen, stellt sich die Frage: Was kann ich ändern? Manches ist vielleicht im Moment unabänderlich, wenn wir aber wissen, was uns stört, können wir vielleicht an unserer Haltung etwas ändern oder aber Veränderungen planen, so dass wir heute schon die Aussicht auf eine solche haben. Bei anderen Dingen können hier und jetzt neue Wege gehen. Hier liegt es in unserer Verantwortung, so zu leben und zu sein, wie wir es gerne täten und wären.

Und irgendwann stehen wir dann am Ende unseres Lebens und können zufrieden sagen:

Das war MEIN Leben und es war ein gutes.

Was ist ein gutes Leben?

„Wie geht es dir?“

Wie oft werden wir das gefragt, wie oft interessiert es den anderen wirklich? Und wie oft denkt er, die Antwort zu wissen, weil er sich selber etwas zusammenreimt? Was heisst das eigentlich:

„Es geht mir gut.“

Worauf gründet es? Geht es mir gut, wenn ich Geld habe? Wenn ich gesund bin? Wenn ich eine Familie habe? Wenn ich einen Job habe, der mich ausfüllt? Wenn ich Freunde habe? Wenn ich Spass habe? Brauche ich alles davon oder reicht auch ein Teil? Und wenn ja, welcher?

  • Kann es jemandem, der reich ist, schlecht gehen? Kann man dieses „gut gehen“ kaufen?
  • Kann es jemandem schlecht gehen, der geliebt wird? Oder muss er zuerst selber lieben? Reicht eine einseitige Liebe oder muss sie gegenseitig sein?
  • Ist „gut gehen“ individuell oder universell?
  • Ist es dauerhaft oder situativ?

Wer setzt den Massstab? Reden wir überhaupt vom Gleichen, wenn wir von „gut“ reden? Oder setzen wir die jeweils eigenen Massstäbe beim anderen an und befinden dann, dass es dem durchaus gut (oder eben nicht gut) gehen müsste, weil wir denken, uns ginge es dann so, wenn wir hätten, was er hat, oder wären, wo er ist (oder eben nicht)?

Ich schreibe auf dieser Plattform seit über 10 Jahren. Der Inhalt hat sich über die Jahre ein wenig verändert. Anfänglich waren es viele Rezensionen, literarische Texte, dann kamen mehr und mehr philosophische und auch lyrische dazu. Dabei blieb es nicht aus, dass vieles auch sehr persönlich klang – teilweise auch war. Wie sagte schon Goethe:

Alles Schreiben ist autobiographisch.

Das liegt natürlich auf der Hand, da es zumindest aus mir raus kam/kommt. Und darum wohl wurden viele meiner Texte ganz autobiographisch interpretiert. Nur: Es ist nicht alles, was aus mir rauskommt, aktuelles Erleben. Vieles ist erinnert, durch mein Leben spaziert und durchdacht worden. Anderes mag aus Stimmungen heraus entstanden sein oder aber durch Gedankenspielereien. Was allem eigen ist: Es ist mir ein Anliegen, ich schriebe es sonst nicht. Nur:

Geht es mir gut, wenn ich traurige Texte schreibe? Geht es mir gut, wenn ich fröhliche Texte schreibe? Bei beidem wäre wohl die Antwort ja und nein. Wie alle Menschen habe ich (m)ein Leben. In diesem Leben habe ich zu unterschiedlichen Zeiten Dinge erlebt, die Freude machten, und solche, die Kummer bereiteten. Das ganz normale Leben eben. Und immer hatte ich in gewissen Teilen etwas, das andere nicht hatten, gerne gehabt hätten, anderes wiederum nicht, das andere hatten, ich aber nicht. Indem wir uns nun gegenseitig vergleichen und schauen, wer was hat und wer nicht, wenn wir uns bewerten nach Haben und Nichthaben, ohne das aktuell empfundene Sein dahinter zu kennen, begeben wir uns einerseits in einen Wettbewerb, liefern uns andererseits dem (eigenen und dem des Anderen) Leiden aus.

Im Buddhismus heisst es, dass Leben Leiden heisst. Und ja, wir alle leiden dann und wann. Es heisst im Buddhismus weiter, dass alle Menschen glücklich sein wollen. Darin sind wir uns gleich. Ebenso im Leiden. Nun gibt es im Buddhismus auch die vier edlen Wahrheiten, die das Leid erläutern und den Weg daraus beschreiben. So weit möchte ich hier heute nicht gehen, das Thema habe ich mehrfach behandelt. Nur so viel:

Leiden ist oft hausgemacht. Durch die Bewertung unserer Umstände empfinden wir uns als Leidende oder als Glückliche. Und so kann es durchaus sein, dass jemand, der nach aussen alles hat, selber grad unglücklich ist, ein anderer, der von aussen gesehen wenig hat, glücklich ist. Morgen ist es vielleicht andersrum. Aber in dem Moment ist es so. Und ja, vielleicht könnte er dies mit buddhistischer Weisheit, stoischem Gedankentum oder etwas mehr Demut in jedem Augenblick wenden, wenn er grad im Dunkeln sitzt, statt das Licht zu geniessen.

Ich denke oft, dass jeder ein Recht auf seine dunklen Stunden hat. Ich habe Rilke kürzlich schon zitiert, ich tue es gerne nochmals, zumal er einer meiner Lieblingsdichter ist:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden.

Ich stimme ihm insofern nicht zu, als ich in den dunklen Stunden, die ich durchaus habe (ich denke, die hat jeder, aber dies nur eine Hypothese, ich habe noch nicht jeden danach befragt), leide und nichts lieber hätte als mehr Licht. Aber: Es entstand in der Vergangenheit auch immer ganz viel Gutes und Wichtiges aus solchen Stunden. Wäre es sonst auch entstanden? Ich weiss es nicht. Ich hoffe mal, dass es auch ohne entsteht, denn ich möchte ab heute keine dunkle Stunde mehr haben. Da ich dies aber als Utopie erachte, belasse ich es dabei, den Sinn dieser Stunden darin zu sehen, dass sie mich weiter bringen. Ganz in Nietzsches Sinn:

Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.

Viktor Frankl hat darauf eine ganze Psychologie aufgebaut. Welchen Sinn geben wir unserem Leben? Da gibt es keine Vergleiche, da gibt es kein gut oder schlecht. Sinn kann schon gar nicht von aussen aufgeladen und bewertet werden, er entsteht im Inneren.

Geht es mir gut? Oft ja, ab und an nicht. Das ganz pralle Leben halt. Es hat wenig mit äusseren Umständen zu tun, diese sind aber oft Auslöser. Es sind die eigenen Befindlichkeiten im Moment. Ich finde, sie dürfen sein (für den Moment – wenn sie andauern, würde ich doch noch genauer hinschauen). Und keiner hat sie zu bewerten. Schön ist, wenn die dunklen Seiten von lichtvollen Wesen mitgetragen, und nicht die lichtvollen Seiten von dunklen Gedanken verurteilt werden. Darauf haben wir aber wenig Einfluss. Wir können nur eines: Unser Leben leben und nach unseren Fähigkeiten dafür sorgen, dass es ein für uns gutes ist. Egal, was die anderen sagen.

Lebenssinne

„Glücklich ist also ein Leben in Übereinstimmung mit der eigenen Natur.“ Seneca

Bin ich gut, wie ich bin? Müsste ich nicht ein wenig anders sein, um wirklich gut zu sein? Taugt, was ich tue, wirklich? Wäre es nicht besser, wenn es ein wenig so wäre wie das, das ich so toll finde bei anderen?

Ich ertappe mich immer wieder bei solchen Gedanken. Es sind keine schönen, keine aufbauenden, im Gegenteil, sie werfen mich immer wieder zurück. Erst in ein tiefes Tal, dann auf mich selbst. Das ist nicht per se schlecht, es ist einfach sehr anstrengend. Ob es nötig ist?

Es wäre bestimmt einfacher, mit einem unantastbaren und gross dimensionierten Ego auf der Welt zu wandeln, immer im Glauben: „Ich bin super. So quasi der Beste.“ Leider bin ich davon weit entfernt. Und ganz oft bin ich dafür auch dankbar, denn die tiefen und düsteren Momente sind mitunter die, welche mich immer wieder auch weiter brachten. Wie sagte schon Rilke:

„Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden…“

Ohne sie hätte er vieles nicht vollbracht, das so wunderbar ist. Und ja, auch mich selber brachten sie immer wieder weiter. Hätte ich sie also missen mögen? Im Moment des Daseins ja. Im Nachhinein nie. Mittlerweile weiss ich, dass sie kommen, zu mir gehören, mich weiter bringen. Als ich.

Ich könnte sie kurz vielleicht umgehen. Indem ich im Stadium des Zweifels kopieren würde, was ich da draussen in der Welt Grosses sehe. Schliesslich und endlich hadere ich in den dunklen Stunden mit meinem (so gefühlten) Kleinsein. Das mag von aussen keiner begreifen, mir vorrechnen, was alles toll und gut und erfolgreich ist und war in meinem Leben. Und ja, da lässt sich sicherlich einiges aufzählen. Im Moment sehe ich es aber nicht. Ich bin aber durchaus dankbar für die Erwähnung, da dies mir hilft, die Relationen nicht ganz zu verlieren.

Was aber wirklich klar ist: Würde ich dahin gehen, schlicht andere zu kopieren, weil sie mir gross scheinen, ich mich klein fühle, wäre ich bloss noch eine Kopie. Was sollte das bringen? Kopieren ist toll. Wenn es ein Übungsweg hin zu etwas Eigenem ist. Schlussendlich zählt aber nur eines: „Wer bin ich, was trage ich zu dieser Welt bei, was ist mein Platz hier?“ Und genau den darf ich einnehmen. Ich muss dazu nichts Besonderes sein, es reicht, wenn ich schlicht ich bin. Denn: Es braucht uns alle irgendwie. Wären alle gleich, würde ganz viel fehlen auf dieser Welt. Man kann das ganz leicht nachvollziehen, wenn man sich ausdenken muss, wie alle sein müssten. Man kann dabei praktisch jeden beliebig einsetzen – wären alle so, würde die Welt nicht weiter funktionieren. Sie lebt von der Vielfalt. Dazu tragen wir bei.

Ich werde wieder hadern, wieder an mir verzweifeln. Aber: Ich werde auch immer wieder gestärkt daraus hervor gehen. Und zurück blicken. Und an Rilke denken. Und danke sagen. Denn: Alles hat seinen Sinn. Auch das Leiden. Und zum Thema Kopie:

Oscar Wilde sagte einst:

„Sei du selbst, denn alle anderen gibt es schon.“

Statt also eine schlechte Kopie eines anderen zu sein, könnten wir daran glauben, dass wir selber ein wertvolles Original sind. Und so leben, wie es uns entspricht. Dann stellt sich auch das Glück ein.

Wenn nichts mehr bleibt

Ich atme aus, ich atme ein,
ich schlucke leer und tief.
Das Leben stellt mir nun das Bein,
das eben froh noch lief.

Ich sehe meine Hände an,
wo finden sie noch Halt?
Ob ich je wieder lachen kann?
Und: Bleibt die Welt nun kalt?

Ich weine leise, tränenlos,
ein Kloss in Hals und Bauch.
Der Schmerz scheint übererdengross,
mein Ich drin nur ein Hauch.

Das Blut pocht mir vom Herz zum Ohr,
es dröhnt gar fürchterlich,
Das alles kommt mir sinnlos vor,
am meisten aber ich.

©Sandra Matteotti

Höre auf dein Herz

„Wenn wir uns mehr um unser tatsächliches Wohl und unsere wahren Bedürfnisse kümmern als um das, was andere über uns denken oder von uns erwarten, sind wir in der Lage, uns sowohl persönlichere als auch erreichbarere Ziele zu setzen.“ (Thupten Jinpa)

  • Wieso tue ich, was ich tue?
  • Habe ich es selber gewollt oder erfülle ich damit die Erwartungen, die meine Eltern, mein Partner, die Gesellschaft an mich haben?

Wie oft leben wir ein Leben und verhalten uns dabei so, wie wir denken, dass es halt von uns erwartet wird? Wir müssen damit nicht offensichtlich unglücklich sein, aber doch schleicht sich hier und dort das Gefühl ein, dass es doch noch mehr geben müsste, dass das doch nicht ganz das ist, was wir eigentlich wollen. Nicht selten überhören wir die Stimmen und gehen den eingeschlagenen Weg weiter.

Dies machen wir oft so lange, bis uns etwas die Augen öffnet und in uns das Gefühl laut wird: So nicht mehr. Meistens sind das Krisensituationen, Krankheiten oder Schicksalsschläge. So leidvoll sie sind, bringen sie uns doch zum Nachdenken, bringen sie uns dazu, uns und unser Leben zu hinterfragen.

Wir müssten nicht auf einen solchen Auslöser warten. Wir könnten uns einfach heute hinsetzen und uns fragen:

  • Wie will ich leben?
  • Was kann ich tun?
  • Wo fange ich an?

Jeder Tag ist die Chance für einen neuen Anfang. Man muss ihn nur wagen.

Lächeln

Lächeln
Mein Grundbedürfnis geht nach Liebe.
Ich wünschte sehr, daß man mich liebt
Und daß mein Lächeln leben bliebe,
Wenn es mich einmal nicht mehr gibt.

Das Höchste, was man hat, ist Bindung
Durch Liebe. Ich ertrage nicht
Die mir verweigerte Empfindung.
Ich öffne allen mein Gesicht

Mit einem Lächeln. Magisch scheinen
In mich die anderen hinein.
Und ich kann sie in mir vereinen,
Und sie vervielfachen mein Sein.
Eva Strittmatter

Wenn ich Bus oder Zug fahre, fallen mir immer wieder die vielen unzufriedenen Gesichter auf. Mit starrem Blick und runtergezogenen Mundwinkeln starren sie entweder in die Luft oder aber auf den Bildschirm eines Handys. Es werden selten Blicke getauscht, geschweige denn kommen Menschen ins Gespräch. Und: Kaum ein Lächeln zeigt sich. Eigentlich traurig, denn ein Lächeln kann so viel bewirken. Bei sich und bei anderen.

Lächle einen Menschen an und er fühlt sich wahrgenommen, auf eine positive Weise. Stell dir nur mal vor, wie dich jemand anlächelt. Kommt nicht gleich ein warmes Gefühl ums Herz auf? Und spüre mal in dein Gesicht, hat sich dein Mund nicht auch gleich zu einem Lächeln bewegt nur schon beim Gedanken an ein Lächeln?

Ein Lächeln kann die Welt eines Menschen für einen Moment erhellen – und oft bleibt es dann weiter hell. Lächeln bringt Liebe ins Leben. Liebe, die wir alle so sehr brauchen. Wieso nicht einfach den Menschen um uns ein Lächeln schenken? Und wieso nicht mal in den Spiegel schauen und uns selber anlächeln? Gerade dann, wenn uns vielleicht nicht so sehr zum lachen zumute ist?

Ich bin meine eigene Zuflucht

„Sei dir selbst eine Insel.“ Buddha

Gerade in schwierigen Situationen sucht man gerne Hilfe und Halt im Aussen. Menschen wenden sich Religionen zu, verschreiben sich neuen spirituellen Gruppen und hoffen, da zu finden, was ihnen abhanden gekommen zu sein scheint. Man erhofft sich Halt bei anderen Menschen, klammert sich teilweise förmlich an sie als Rettungsanker quasi.

Als Buddha kurz vor seinem Tod stand, waren seine Anhänger betrübt. Was würde aus ihnen, wenn er nicht mehr wäre? Seine Botschaften hätten klarer nicht sein können. Erstens – so der Buddha – lebe er in seinen Lehren weiter. Allerdings solle man diesen nicht blind folgen, sondern sie nur als Anstoss nehmen, selber Erfahrungen zu machen. Zweitens, und das wurde er nicht müde zu betonen, sollen sie Zuflucht zu sich selber nehmen. Sie sollen aufhören nach Dingen zu suchen, die in der Ferne liegen, denn es sei alles schon da, in ihrem Herzen. Es warte nur darauf, entdeckt zu werden.
Es hilft, die eigenen Kräfte schon in guten Zeiten zu erkennen und zu pflegen, damit sie in schwierigen da sind und wir auf sie vertrauen und bauen können. Vielleicht fragen wir uns einfach mal:

  • Was tut mir gut?
  • Wie kann ich mir selber etwas Gutes tun?
  • Was sind meine Stärken?
  • Wie kann ich mir selber Halt sein, wenn ich ihn brauche?

Vergiss die Sorgen

„Manche Leute reden sich Sorgen ein, die sie gar nicht haben.“ (Fred Ammon)

„Was wäre wenn…“ – Mit dieser Floskel fangen viele Sorgen an. Wir denken an etwas, das uns passieren könnte, malen es in allen düsteren Farben aus und sorgen uns immer mehr. Wir sorgen uns über die Folgen von etwas, das nicht eingetreten ist. Unter Umständen tritt es auch nie ein, so dass wir uns die Sorgen völlig umsonst gemacht haben. Und: Wenn es denn eintritt, machen wir uns dann die Sorgen nochmals. Wir haben uns dann nicht nur doppelt gesorgt, wir haben uns zweimal zuviel gesorgt, denn:

Wenn uns etwas Schlimmes passiert, nützen die Sorgen wenig. Sie verändern nichts zum Positiven, sie tragen nichts zur Lösung bei, sie belasten uns nur und ziehen uns runter. Statt sich also sorgenvoll zu fragen „Was soll nur werden?“ hilft die Frage „Was kann ich tun?“ mehr. Wenn ich dann etwas finde, das ich tun kann, um meine Lage zu ändern, tue ich es. Wenn ich nichts finde, suche ich einen Weg, mit dieser Lage klarzukommen, indem ich versuche, sie zu akzeptiere und das beste draus zu machen.

Die eigene Kreativität entdecken

„Kreativität ist die Fähigkeit zu sehen (oder bewusst wahrzunehmen) und zu antworten.“ (Erich Fromm)

Jeder Mensch ist kreativ, nur haben wir oft den Zugang zu unserer Kreativität verloren. Festgefahren in Routinen oder vorgefassten Meinungen reagieren wir auf Situationen, statt aktiv hinzusehen, was ist und dann aktiv etwas zu tun.

Im bewussten Wahrnehmen dessen, was ist, steckt die Möglichkeit, Neues zu schaffen – sei es im eigenen Verhalten (quasi als Lebenskunst) oder in Form eines (künstlerischen) Werkes.

Die eigene Kreativität wieder zu entdecken, heisst, sein eigenes Leben wieder aktiv in die Hand zu nehmen und sich und die in sich angelegten Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entwickeln. Es heisst, wieder bewusst hinzusehen, was ist und entsprechend zu handeln. Das hilft uns auch im Umgang mit anderen Menschen, da wir sie wieder offen sehen, nicht durch unsere eigenen Projektionen verstellt.

Wenn der Weg zur inneren Kreativität versperrt ist, dann sind wir wie die Menschen in Platons Höhlengleichnis: Wir sehen nur die Schatten und halten sie für die Welt. Damit beschneiden wir uns selber in unseren Möglichkeiten und unserem Sein, aber auch unsere Sicht auf die Welt und unseren Umgang damit. Spätestens wenn wir das merken oder gar darunter leiden, sollten wir das Licht suchen und den Weg zur eigenen Kreativität freischaufeln.

Es darf auch mal scheisse sein

Das Leben ist schön. Am Weg blühen wunderbare Blumen, du musst sie nur sehen, dann wird dein Leben ein Fest. Siehst du alles schwarz? Sei achtsamer, schon wird es kunterbunt.

Wir leben in einer Zeit, die viel darauf setzt, dass wir glücklich sein müssen. Wer nicht glücklich ist, macht etwas falsch. Er hat schlicht nicht begriffen, worauf es ankommt. Er dreht zu viel in der Vergangenheit, denkt zu oft in Zukunftsplänen, verpasst das Hier und Jetzt, beachtet nicht die kleinen Schönheiten. Kein Wunder, ist das Leben so Plage. Dabei gäbe es einfache Mittel. Allheilmittel: Achtsamkeit. Mindfulness. Mitgefühl. Yoga. Und so vieles mehr. Ganze Ausbildungen schiessen aus dem Boden. Atme dich glücklich. Denke dich gesund.

Ist Achtsamkeit wirklich ein Allheilmittel? Bin ich automatisch glücklich, wenn ich achtsam bin? Wohl kaum. Wie alles im Leben, ist es auch hier: Nichts ist für jeden und alles hat Kehrseiten. Wichtig ist, was man daraus macht.

Ich kann ganz achtsam wahrnehmen, was alles passiert. Ich kann es in allen kleinen Details zerpflücken. Und mich dran aufhängen. Ich kann mich auch dem Druck aussetzen, dass ich nun achtsam sein müsste, weil Achtsamkeit glücklich macht. Und wenn ich nicht glücklich bin, dann war ich nicht achtsam genug. Ich kann von Yoga-Stunde zu Yoga-Stunde rennen, in der Hoffnung, Entspannung zu finden, wo ein Essen mit einer Freundin diese sofort gebracht hätte. Ich kann mich für einen Atem-Kurs verpflichten, welcher mir Entspannung und Gesundheit bringen soll, nur um zu merken, dass er schlicht noch ein Termin mehr in meiner Agenda ist, die sonst schon überquillt. Aber he: Es ist für die gute Sache… Ich muss doch glücklich sein. Und entspannt. Jeder kann das. Und man weiss wie.

Oder doch nicht? Sind das alles zwar keine schlechten Dinge, aber doch nicht für jeden gemacht? Sind Achtsamkeit, Atemübungen, Yoga und all das vielleicht durchaus gesund, aber nur in Massen und auch in bestimmten Grenzen? Ist stets selig glückliches Lächeln nicht doch nur eine Marketingerfindung und keine Folge der richtig eingesetzten Allheilmittelformel? Muss ich immer glücklich sein? Will ich es? Kann ich es?

Ich denke nein. Nicht dass ich gerne unglücklich bin oder leide, aber ich habe durchaus oft erlebt, dass mich Phasen des Leidens weiter brachten. Ich habe etwas gelernt. Über mich. Über das Leben. Vor die Wahl gestellt, würde ich das Leiden trotzdem gerne meiden, nur: Es gehört zum Leben dazu. Es ist die eine Seite der Medaille. Glück die andere. Es stellt sich ein, wenn mir Dinge klar werden. Nicht durch Programme. Nicht durch Begriffe. Nicht auf einem vorgefertigten Weg. Durch das pralle Leben. Mit allen Facetten.

Achtsamkeit ist toll. Das Wissen darum, dass es neben all dem Leid noch Schönes gibt, hilfreich. Es hilft, nicht im Elend zu versinken, wenn dieses zu überborden droht. Es hilft, Mittel und Wege zu haben, sich selber vor dem Ertrinken zu retten, wenn der Boden unter den Füssen schwindet. Nur: Der Boden darf ab und an schwinden. Das Leben ist ab und an schmerzhaft. Und nicht jeder muss oder kann diesen Schmerz einfach wegatmen oder auf der Matte wegturnen. Im Gegenteil: Zu wissen, dass man auch mal leiden darf, dass das Leben schlicht auch mal scheisse ist, hilft ungemein, gelassener damit umzugehen. Das Wissen, dass wir alle leiden, dass wir alle uns dabei aber wünschen, es nicht zu tun, hilft, sich nicht allein zu fühlen in dem Leid. Und es hilft, einem Menschen, der leidet, offen gegenüber zu treten und ihn nicht nur auf irgendwelche Allheilmittel zu verweisen, da eines ja nun gar nicht geht: Zu leiden.

Der Anspruch, das Leben müsste immer wunderbar sein, die nötige Achtsamkeit für das Schöne würde dabei helfen, ist eine gnadenlose Überforderung. Sie suggeriert, dass der, welcher leidet, nicht in Ordnung ist. Er hat nicht genug getan, um glücklich zu sein. Er hat sich nicht genügend angestrengt. Und dabei ist er schlicht nur eines: Am Leben. So, wie das Leben halt ist. Mit Hochs und Tiefs. Und beide dürfen sein. Damit plädiere ich nicht für ein sich Suhlen im Elend, sondern dafür, sich auch dunkle Momente zuzugestehen. Und sich dann wieder dem Licht zuzuwenden. Im Wissen, dass beides sein kann. Und ist.

Lebensritt

Bin kein Engel,
und kein Teufel,
bin schlicht ich,
ein Sammelstück.

Häufe an,
was sich so findet
an Gedanken,
an Gefühl.

Lasse raus,
auch ungehindert,
denke nach,
oft viel zu viel.

Bin ein Buch
mit sieben Sigeln,
liege auch mal
offen da.

Bin ganz ernst und
auch oft lustig
bin mal hart und
doch zu weich.

Manchmal Kuh und
manchmal Ziege,
manchmal Huhn
und auch verrückt.

Bin mal Bettler
und mal König,
singe laut und
schweige still.

Und bei all dem
hoff ich innig,
dass ein jemand
teilt den Ritt.

©Sandra Matteotti

Musik

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)

Musik war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Wenn es mir nicht gut geht, hörte ich Musik und fühle mich irgendwie gehalten, oft hilft die Musik auch, dass ich mich bald wieder besser fühle. Geht es mir gut, verstärkte die Musik das Gefühl noch. Ich habe auch viele Lieder, die ich mit (immer schönen) Erinnerungen verbinde. Läuft ein solches, kommt gleich auch die Erinnerung und damit das gute Gefühl von damals hoch.

Es gibt Musik, bei der ich genau weiss, dass ich gute Laune kriege, wenn ich sie höre, Musik, die mir beim Träumen hilft, Musik, die schöne Momente noch untermalt. Nun habe ich neu begonnen, Gitarre zu spielen. Und auch wenn ich nur ein paar Akkorde kann aktuell, tut mir das Spielen gut, bringt es mich in eine andere Welt. Vor allem, wenn meine Welt mal nicht so hell erscheint, hilft die Musik, wieder ein wenig Sonne hereinzubringen.

Probiere es mal aus: Wenn du traurig oder wütend bist, schlechte Laune hast – höre ein Lied, von dem du weißt, dass es dich fröhlich macht, zu dem du am liebsten tanzen würdest. Und dann singe und tanze. Und spüre, was mit dir passiert.

Distanz gewinnen

Überlaß es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du’s überwunden,
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Theodor Fontane

Ab und an ist es sinnvoll, die Dinge einfach ruhen zu lassen. Wenn wir direkt reagieren, geschieht das häufig aus einem Affekt heraus, es ist unüberlegt und oft unangemessen, da nicht aufgrund der aktuellen Situation sondern aus alten Prägungen und Mustern heraus.

Innezuhalten und alles setzen zu lassen, hilft einerseits, die aktuelle Situation richtig einzuschätzen und eine mögliche Reaktion bewusst zu wählen, andererseits merken wir aus der Distanz oft, dass sich die Angelegenheit für uns erledigt hat, wir gar nichts mehr zu tun brauchen.

Kreativität

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ (Nietzsche, Also sprach Zarathustra)

Vieles im Leben haben wir nicht im Griff, wir können es schlicht nicht kontrollieren. Das Wetter, Krankheiten, Begegnungen, Todesfälle – alles kommt von aussen auf uns zu und wir können nur damit leben – auf die bestmögliche Weise. Bei all den Unsicherheiten im Aussen suchen wir nach Sicherheit, nach einem Halt, versuchen, unter Kontrolle zu haben, was sich in diese bringen lässt. Nur:

Die (vermeintliche) Kontrolle ist nicht nur oft eine Illusion, sie ist auch der Tod der Kreativität. Wo wir nur noch in vorgefertigten Schemen denken, wo wir nur noch auf vorgfertigen Pfaden gehen, wo wir alles akkurat nach Vorgabe, Regel und Vorschrift abhandeln und uns von starren Prinzipien leiten lassen, entsteht nichts Neues. Das Leben hört auf Spiel zu sein und es werden ganz sicher keine tanzenden Sterne geboren. Und:

Wirkliche Sicherheit finden wir auch so nicht. Ist der Preis unsere Kontroll- und Sicherheitsdenken also nicht zu hoch? Wieso nicht einfach mal loslassen, geschehen lassen, chaotisch und frisch denken und fühlen und handeln? Und Sterne gebären, um mit ihnen zu tanzen.