Es darf auch mal scheisse sein

Das Leben ist schön. Am Weg blühen wunderbare Blumen, du musst sie nur sehen, dann wird dein Leben ein Fest. Siehst du alles schwarz? Sei achtsamer, schon wird es kunterbunt.

Wir leben in einer Zeit, die viel darauf setzt, dass wir glücklich sein müssen. Wer nicht glücklich ist, macht etwas falsch. Er hat schlicht nicht begriffen, worauf es ankommt. Er dreht zu viel in der Vergangenheit, denkt zu oft in Zukunftsplänen, verpasst das Hier und Jetzt, beachtet nicht die kleinen Schönheiten. Kein Wunder, ist das Leben so Plage. Dabei gäbe es einfache Mittel. Allheilmittel: Achtsamkeit. Mindfulness. Mitgefühl. Yoga. Und so vieles mehr. Ganze Ausbildungen schiessen aus dem Boden. Atme dich glücklich. Denke dich gesund.

Ist Achtsamkeit wirklich ein Allheilmittel? Bin ich automatisch glücklich, wenn ich achtsam bin? Wohl kaum. Wie alles im Leben, ist es auch hier: Nichts ist für jeden und alles hat Kehrseiten. Wichtig ist, was man daraus macht.

Ich kann ganz achtsam wahrnehmen, was alles passiert. Ich kann es in allen kleinen Details zerpflücken. Und mich dran aufhängen. Ich kann mich auch dem Druck aussetzen, dass ich nun achtsam sein müsste, weil Achtsamkeit glücklich macht. Und wenn ich nicht glücklich bin, dann war ich nicht achtsam genug. Ich kann von Yoga-Stunde zu Yoga-Stunde rennen, in der Hoffnung, Entspannung zu finden, wo ein Essen mit einer Freundin diese sofort gebracht hätte. Ich kann mich für einen Atem-Kurs verpflichten, welcher mir Entspannung und Gesundheit bringen soll, nur um zu merken, dass er schlicht noch ein Termin mehr in meiner Agenda ist, die sonst schon überquillt. Aber he: Es ist für die gute Sache… Ich muss doch glücklich sein. Und entspannt. Jeder kann das. Und man weiss wie.

Oder doch nicht? Sind das alles zwar keine schlechten Dinge, aber doch nicht für jeden gemacht? Sind Achtsamkeit, Atemübungen, Yoga und all das vielleicht durchaus gesund, aber nur in Massen und auch in bestimmten Grenzen? Ist stets selig glückliches Lächeln nicht doch nur eine Marketingerfindung und keine Folge der richtig eingesetzten Allheilmittelformel? Muss ich immer glücklich sein? Will ich es? Kann ich es?

Ich denke nein. Nicht dass ich gerne unglücklich bin oder leide, aber ich habe durchaus oft erlebt, dass mich Phasen des Leidens weiter brachten. Ich habe etwas gelernt. Über mich. Über das Leben. Vor die Wahl gestellt, würde ich das Leiden trotzdem gerne meiden, nur: Es gehört zum Leben dazu. Es ist die eine Seite der Medaille. Glück die andere. Es stellt sich ein, wenn mir Dinge klar werden. Nicht durch Programme. Nicht durch Begriffe. Nicht auf einem vorgefertigten Weg. Durch das pralle Leben. Mit allen Facetten.

Achtsamkeit ist toll. Das Wissen darum, dass es neben all dem Leid noch Schönes gibt, hilfreich. Es hilft, nicht im Elend zu versinken, wenn dieses zu überborden droht. Es hilft, Mittel und Wege zu haben, sich selber vor dem Ertrinken zu retten, wenn der Boden unter den Füssen schwindet. Nur: Der Boden darf ab und an schwinden. Das Leben ist ab und an schmerzhaft. Und nicht jeder muss oder kann diesen Schmerz einfach wegatmen oder auf der Matte wegturnen. Im Gegenteil: Zu wissen, dass man auch mal leiden darf, dass das Leben schlicht auch mal scheisse ist, hilft ungemein, gelassener damit umzugehen. Das Wissen, dass wir alle leiden, dass wir alle uns dabei aber wünschen, es nicht zu tun, hilft, sich nicht allein zu fühlen in dem Leid. Und es hilft, einem Menschen, der leidet, offen gegenüber zu treten und ihn nicht nur auf irgendwelche Allheilmittel zu verweisen, da eines ja nun gar nicht geht: Zu leiden.

Der Anspruch, das Leben müsste immer wunderbar sein, die nötige Achtsamkeit für das Schöne würde dabei helfen, ist eine gnadenlose Überforderung. Sie suggeriert, dass der, welcher leidet, nicht in Ordnung ist. Er hat nicht genug getan, um glücklich zu sein. Er hat sich nicht genügend angestrengt. Und dabei ist er schlicht nur eines: Am Leben. So, wie das Leben halt ist. Mit Hochs und Tiefs. Und beide dürfen sein. Damit plädiere ich nicht für ein sich Suhlen im Elend, sondern dafür, sich auch dunkle Momente zuzugestehen. Und sich dann wieder dem Licht zuzuwenden. Im Wissen, dass beides sein kann. Und ist.

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