endlich ankommen

ich bin manchmal schwer,
und oft ist’s nicht leicht.

ich leide dann sehr,
der boden durchweicht

von tränen und meer,
ganz tief, selten seicht,

ich wollte nichts mehr,
und nichts scheint erreicht.

ich mach’s mir oft schwer,
und dir selten leicht,

bemühst dich dann sehr,
doch alle müh weicht

dem uferlosmeer,
das keiner erreicht.

es geht kaum mehr mehr,
hast mich schon erreicht,

es fällt mir nur schwer,
und zu selten leicht,

dass, was schon da sehr,
nicht einbildung weicht,

die tiefdunkles meer,
real mehr als seicht,

stets tief beschwört mehr,
statt hafen erreicht.

©Sandra Matteotti

ich und du

du bist mir nie treu,
du bist es nur dir.

du nimmst mich nie ernst,
das nimmst’ auch dich nie.

du bist schlicht ein clown
mit tiefen in dir.

du bist komödiant,
ich dank’ dir dafür.

ich hadere oft,
mit mir, nicht mit dir…

du lachst dann spontan –
ich gönne es dir.

ich bin erst entsetzt,
dann find’ ich in mir,

den dank für die freud’,
die weg mir war schier.

du holst sie stets her,
aus ich wird ein wir.

ich trete dann aus,
bin nicht nur in mir,

bin auch nicht weit weg,
bin tief drin im wir.

das höher stets ist,
ein ich wär nie hier.

im wir zeigt sich ich,
so wie es sein wird.

©Sandra Matteotti

liebesreigen

ich kann dich lieben
ach so sehr,
wenn ich’s nicht zeig,
fällt glauben schwer.

du kannst mich lieben,
noch viel mehr,
wenn ich’s nicht glaub,
fällt’s beiden schwer.

die liebe ist nicht
einfach oft,
sie fordert viel
von einem paar.

die liebe ist zwar
sehr gewollt,
doch so gelebt,
sehr schwer, weil zwar

meist beide wollen,
jeder tut,
und jeder fühlt,
was er grad kann.

das deckt sich oft nicht
wirklich gut,
so dass am schluss
zwei menschen steh’n,

die lieben zwar
ein jeder sehr,
nur keiner fühlt
den andern mehr.

so wirklich lieben
kann wohl nur,
wer sich auch erst
mal selber liebt.

dann geht er hin und
liebt noch mehr
den anderen
grad ach so sehr.

da dieser nun
sich selber liebt,
glaubt er nun schlicht,
dass dieses geht.

nur so liebst du und
liebt auch er
und beide fühlen:
es ist gut!

©Sandra Matteotti

Johann Wolfgang von Goethe: Freudvoll und leidvoll

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Wie sagte Johann Wolfgang von Goethe so schön: Man sollte jeden Tag ein Gedicht lesen. Ich stimme ihm hier zu und möchte euch heute eines schenken – vom Meister selber.

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang von Goethe (Klärchens Lied, aus Egmont, 3. Aufzug, 2. Szene)

____

Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Es gibt ein Gedicht für jede Lebenslage, es gibt ein Gedicht für jede Gefühlslage. Ich bin der Überzeugung, dass Lyrik helfen kann, weil sie Raum gibt, weil sie Worte findet, weil sie Sinn über die Worte hinaus vermittelt. Darum auch mein Projekt „Lyrische Helfer“.

 

Weltenwunsch

Ich bin nicht sehr gross,
gefühlt sogar klein,
ich bin nicht perfekt,
ich kann es nicht sein.
Ich tu, was ich kann,
das reicht manchmal nicht,
ich täte gern mehr,
fühl mich in der Pflicht.
Ich wär gern perfekt.
und wär’s nur für dich,
ich wär gern die Welt,
die du bist für mich.
©Sandra Matteotti

Lyrische Helfer: Theodor Fontane – Lass ab von diesem Zweifeln

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Lass ab von diesem Zweifeln
Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
Vor dem das Beste selbst zerfällt,
Und wahre dir den vollen Glauben
An diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Wiederschein.
(1895)
___

Projekt „Lyrische Helfer“  – Weil es für jede Lebenslage ein Gedicht gibt. Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man zweifelt

Nachtgedicht

Ich bin grad so müde und lege mich hin,
schliesse die Augen, das Ohr und den Sinn.
Schlafe dann ein und sehe nur schlicht,
in mir das Liebste, dein lieb’ Gesicht.

Und wenn du dann kommst, dann leg dich zu mir,
decke uns zu und denke bei dir,
wenn ich leise seufzend mich zu dir hinschieb,
dass ich dich gefühlt, weil ich dich so lieb.

©Sandra Matteotti

Glück aufbauen

Ich wollte dir ein Haus erbauen
ich riss es schliesslich ein.
Ich wollte doch so sehr vertrauen,
es sollt’ auf ewig sein.

Ich wollte mit dir Pferde stehlen,
ich ritt auf ihnen weg.
Ich kann dabei gar nicht verhehlen,
dass mich das selbst bewegt.

Ich steh mir manchmal selbst im Lichte,
und glaube nicht an dich.
Ich mach’ mir alles das zunichte,
was teuer ist für mich.

Ich habe Angst und fliehe dann,
von wo ich doch am liebsten bin.
Ich fürchte mich, dass ich nicht kann,
was eigentlich in meinem Sinn.

Ich möcht’ mit dir mein Leben teilen,
und fürchte alles, was uns trennt,
und statt dann glücklich zu verweilen,
bin ich es, der’s verbrennt.

Ich möchte dir ein Haus erbauen,
ich lass es fortan steh’n,
komm lass uns beide drauf vertrauen,
und mutig in die Zukunft seh’n.

©Sandra Matteotti

Sonnenuntergang

Am Tag, an dem das Licht ausgeht,
die Seele schlicht am Boden liegt.
Am Tag, der dir den Atem nimmt,
und Dunkelheit das Hell besiegt.
Am Tag, an dem das Herz sich leert,
der Magen sich zum Klumpen staut.
Am Tag, an dem du nicht mehr magst,
sich hoch am Himmel Unheil braut.
An diesem Tag weisst du genau,
du nimmst dein Hab und gehst dahin,
an diesem Tag spürst du den Tod
und nirgends scheint ein Neubeginn.

Lügengebilde

Ich hab mein Glück auf Sand gebaut
nun ist es arg am Wanken.
Es fehlen Pfeiler, Fundament,
und die sichern Planken.

Mit dir schien alles mir vertraut,
ich wollt dem Himmel für dich danken.
Nun fiel dein Stern vom Firmament,
mir kreisen die Gedanken.

Ich hab mal sehr an uns geglaubt,
das alles ist am Kranken.
Es fehlen Glaube und auch Halt,
weil plötzlich Zweifel ranken.

©Sandra Matteotti

Liebesmeer

Sanft eingeschlafen
weggeschwebt,
im Atem dich und
im Gefühl.

Weit weggeschwommen,
abgetaucht,
in Traumestiefen,
märchengleich.

Dich mitgenommen,
mitgeschwommen,
im Ozean des
Traumesmeers.

Azurenblau und
Petrolgrün,
mit Haut und Haar
im Wogenkleid.

Ich bin schlicht dort,
wo du auch bist,
und fühle mich da
pudelwohl.

Wir scheiden Wasser
und auch Gischt
und sind vom
gleichen Pol.

©Sandra Matteotti

Wenn nichts mehr bleibt

Ich atme aus, ich atme ein,
ich schlucke leer und tief.
Das Leben stellt mir nun das Bein,
das eben froh noch lief.

Ich sehe meine Hände an,
wo finden sie noch Halt?
Ob ich je wieder lachen kann?
Und: Bleibt die Welt nun kalt?

Ich weine leise, tränenlos,
ein Kloss in Hals und Bauch.
Der Schmerz scheint übererdengross,
mein Ich drin nur ein Hauch.

Das Blut pocht mir vom Herz zum Ohr,
es dröhnt gar fürchterlich,
Das alles kommt mir sinnlos vor,
am meisten aber ich.

©Sandra Matteotti

liebensbejahend

Ich wollte eine Brücke bauen
und igelte mich ein.
Ich wollte dir doch ganz vertrauen –
ich tat es nur zum Schein.

Ich schloss mein Herz in Mauern ein
und liess nur einen Spalt.
Nur ab und an liess ich dich rein,
doch meistens sagt’ ich: „Halt!“

Ich wollte eine Brücke bauen,
wollte mit dir sein,
in mir jedoch das grosse Grauen
vor zu grosser Pein.

Ich schloss mein Herz in Mauern ein
und mach mir’s hier bequem.
Doch bleib’ ich dabei schlicht allein,
trau ich nicht irgendwem.

Drum will ich es nun wirklich wagen,
und ich bau auf dich.
Drum möchte ich dir heute sagen:
Ja, ich traue mich!

©Sandra Matteotti

Lebenslehre

Hoch oben am Himmel
den Sternen so nah
flog ich zu den Wolken
und drüber noch gar.

Ich wähnte mich glücklich,
ich nutzte den Wind,
nur runter geht’s immer,
und manchmal geschwind.

Ich fiel aus den Wolken,
weit – talbodentief.
Ich lag in der Grube,
der Himmel hing schief.

Ich schaute nach oben
und fühlte mich klein.
Ich fühlte mich dumm auch,
wie könnt’ ich’s nicht sein?

Ich glaubte an Flügel,
an Sinn und an Zweck
ich traute dem Leben,
und lag nun im Dreck.

Am Schluss ist man schliesslich,
wie könnt’s anders sein,
am Schluss ist man schliesslich
doch immer allein.

©Sandra Matteotti