Freddie Mercury sang „I want to break free“ und ich kann ihm so gut nachfühlen. Wenn immer ich mich eingeengt fühle, von aussen Druck oder Ketten spüre, kommt in mir erst langsam, dann immer deutlicher der Wunsch, auszubrechen, frei zu sein, alles hinter mir zu lassen, nach vorne zu stürmen. Der Käfig, der so einengt, wird schnell zu eng, fängt an zu erdrücken, bis ich es kaum noch aushalte, tobe, schreie, zapple, um irgendwie raus zu kommen.

Ich mag meinen Alltag, wie ich ihn mir gestalte. Termine, Einflüsse von aussen, Ferien, sonstige Störungen sind da höchst unwillkommen. Sie reissen mich aus meinem für mich stimmenden und passenden Rhythmus und bringen Unruhe, die mir nicht gefällt. Während andere Spannung, Hektik, Abwechslung zu suchen scheinen, bin ich darum bemüht, mein tägliches Einerlei zu bewahren und zu schützen. Ich versuche der Abwechslung zu entkommen und so viel Alltag wie möglich zu retten.

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen. Widerspricht das meinem Hang zum ewig Gleichen? Nur auf den ersten Blick: Die Umzüge sind nicht wirklich Veränderung. Ich verbessere damit (vermeintlich?) nur meine Umgebung, bewahre aber überall, wo ich bin, meinen selbst gewählten Rhythmus. Ich ziehe nicht wirklich gerne um, fürchte vorher auch, dass es zu viel Veränderung mit sich bringen könnte. Denke dann aber, dass der neue Ort Vorteile bringt, die der alte nicht hatte, und gehe, um dann wieder in meinen mir passenden Rhythmus zu fallen. Ich selber strebe die Veränderung im Aussen an, in der Hoffnung, im Inneren noch zufriedener meinen eigenen Rhythmus leben zu können.

Was ist Freiheit? Freiheit ist grob gesagt, wenn man frei von (äusseren wie inneren) Zwängen sein Leben führen kann, wie man es gerne möchte. Eingeschränkt wird diese Freiheit durch die Freiheit des Nächsten, die man durch die eigene nicht tangieren sollte. Nun scheint es, dass ich sehr nach Freiheit strebe, mir selber aber durch diesen sehr gewollten alltäglichen Tramp Ketten auferlege, die mich im spontanen Sein zurückbinden. Diese Ketten ertrage ich deshalb gut, da sie meinen eigenen Bedürfnissen entspringen, von mir gewollt, fast schon gebraucht sind, um mich wohl zu fühlen. Die von aussen auferlegten Ketten sind jedoch Ballast; sie entfernen mich von mir selber, behindern mich im Ausleben dessen, was ich für mich als essentiell empfinde: Mein Leben so zu gestalten, dass es sich für mich gut anfühlt und das an einem Ort, der dies unterstützt.

Die vielen Umzüge der letzten Jahre haben die Ahnung wachsen lassen, dass es wohl keinen Ort gibt, der alles in sich vereint. Irgendetwas fehlt immer, irgendetwas ist immer gut und gewollt, so dass es einem fehlt, wenn man den Ort wechselt. Dies wissend kann man sich irgendwann denken, dass man auch da bleiben kann, wo man ist, da meistens vieles gut ist, man hatte sich mal mit guten Argumenten für den Ort entschieden. Würde man ihn wechseln, fehlte genau das, was letztes Mal für diesen Ort gesprochen hat.

Das ist die rational-sachliche Lösung. Emotional gehen ab und an die Pferde durch, die hadern, zaudern, hoffen, wünschen. Die Pferde, die das Joch loswerden wollen, um frei durch die Prärie galoppieren zu können, neue Felder, neue Stätten aufzusuchen. Zwar sagt ihnen eine leise Stimme: Du wirst dich da auch bald so fühlen, wie du dich hier nun fühlst. Und doch möchten sie galoppieren , der Freiheit entgegen, frei wie der Wind, mit Elan, so lebendig.

Es gibt Studien zum Verhalten von Kleinkindern und deren Bindung zu den Eltern. In einer Art Jojo-Effekt bewegen sie sich von den Eltern weg, um wieder zu ihnen hin zu laufen, danach etwas weiter weg zu gehen, wieder hinzulaufen. So werden die Abstände immer weiter, im Wissen, wieder zurückkommen zu können. Ich denke, dieses Wissen um den Halt in der Mitte lässt das Erkunden des Aussen, der Weite, der Welt möglich werden. Die Weite ist unsicher, haltlos, sie braucht einiges an Anstrengung. Das Zurückkommen ist die Erlösung der Anspannung, die Erleichterung. Das Kind kann wieder auftanken, Mut schöpfen, Geborgenheit tanken und damit die eigenen Batterien auffüllen. Es fühlt wieder den Schutz, die Liebe, die Sicherheit. Es lotet so aus, wie weit es gehen kann, ohne das Gefühl zu verlieren. Es lotet aus, wie weit es geht, bis es an Grenzen stösst. Grenzen des eigenen Vertrauens, des eigenen Mutes und an die Grenzen des Dürfens, des Erlaubten.

Der Mensch wird diesen Mechanismus wohl nie ganz los. Immer strebt er nach aussen, sucht das Weite, sucht die Freiheit. Er will Ketten sprengen, eigene Wege gehen, ungehindert, ganz nach seinen eigenen Wünschen, dem eigenen freien Willen (wie er denkt) folgend. Dieser Wunsch ist umso grösser, je stärker die Fesseln drücken, die der Alltag schnürt. Je mehr man sich unter Zwang fühlt, desto mehr sehnt man sich nach Freiheit. Möchte mal ausbrechen, einfach frei sein, tun und lassen können, was man will. Nicht um 6 aufstehen, nicht um 8 bei der Arbeit sitzen, nicht um 12 Mittagessen kochen, um um 2 wieder zu arbeiten. Man möchte frei weg gehen, ohne alles drum rum zu organisieren, möchte einfach mal in den Zug steigen und nach Irgendwo fahren, ohne zu denken, dass die Zeit nicht reicht, die Blumen verdursten, der Mann verhungert und das Konto überzogen wäre. Man möchte im Schlafanzug aufs Sofa liegen und ein Buch in einem Zug durchlesen, ohne dass irgendwer was von einem möchte. Und man möchte vor allem niemandem Rechenschaft ablegen müssen, wieso man das tut, was das bringt, wo der Sinn liegt in all dem.

Doch stellen wir uns das vor: Pflichten weg, Mann weg, Kind weg – kein Zwang, kein Muss, nur Sein. Was ist dann noch? Ok, ich schlafe bis 8, stehe auf, lese. Es ist ruhig. Sehr ruhig. Ich könnte in den Zug steigen. Wohin sollte ich? Eigentlich ist es gut hier. Also bleibe ich. Lese weiter. Ich geniesse es, keine Frage. Um 12 müsste ich eigentlich kochen. Wozu? Ist ja keiner da. Ich denke an die gemeinsamen Mittagessen. An die schönen braunen Augen des Kindes. An sein Lachen. Ich habe gar keinen Hunger, ich kann ja lesen. Endlich mal. Lese weiter, geniesse es. Kein „Mama, wo ist…..?“, kein „Mamaaaaa, darf ich……?“ und kein „Mamaaaaa, kannst du…..?“. Einfach ich. Ganz frei.

Und doch fehlt was. Es fehlt das Gewohnte. Das, was Halt gibt. Das, was da ist, worauf man bauen kann. Ohne diesen Halt wird das Leben haltlos, uferlos, es ufert aus. Wieso suchen so viele Menschen Zuflucht in Religionen, Sekten, Institutionen? Weil sie genau da ihren Halt finden, die Geländer für ihr Leben, die Grenzen, innert derer sie sich bewegen können. Mein Halt im Leben war lange Zeit mein Studium. Alles brach, alles ging drunter und drüber – das Studium war immer da. Der Abschluss war keine Freude. Mir fehlte mein Sinn. Mein Halt. Was ich vorher immer mied, Druck, Zwang, von aussen auferlegte Aufgaben, das war weg. Ich hatte Glück, ich konnte weiter forschen.

Daneben war mein Kind. Eine sichere Konstante. Sie beide schrieben meinen Rollen: Philosophin und Mutter. Einerseits Last – aber ohne wäre ich wohl untergegangen, sie waren auch identitätsstiftend. Wenn ich das so denke, merke ich, dass ich wohl eher sonderbar bin. Ab und an wünschte ich, die Dinge gar nicht zu hinterfragen, das Leben wäre wohl einfacher. Wen kümmert schon Identität, man ist, wer man ist. Was gibt es da zu denken? Muttersein ist biologische Tatsache, wieso muss man das philosophisch hinterfragen? Nun gut, ich bin, wie ich bin, ich werde aus dem Hinterfragen kaum ausbrechen.

Was also ist der richtige Weg? Freiheit wird oft als höchstes Gut gewertet und doch scheint sie der Mensch nicht auszuhalten. Er sucht nach Halt, er sucht nach Schutz und Sicherheit. Nimmt man einem Menschen jeglichen Halt, fühlt er sich haltlos und damit hilflos. Zwänge und Einschränkungen scheinen zwar auf der einen Seite einzuengen, auf der anderen Seite geben sie eine Orientierung. Etwas, woran man sich halten kann.

Der Mensch sucht förmlich danach. Er sucht nach dem Partner, der diesen Halt versprechen kann, er sucht nach dem Status, der ihm diesen Halt in der Gesellschaft gibt. Die heutige Zeit löst immer mehr auf, was mal Halt war. Ehen werden zur Massenware, Arbeitskräfte austauschbar. Werte wechseln wie Unterhosen und Trends überleben kaum noch ihre Niederschrift. Die Menschheit krankt, mit ihr der Mensch an sich. Die einen streben hoch und höher, die anderen besinnen sich auf sich und kämpfen  mit dem Untergang. Glücklich ist keiner und die Lage ist ernst. Wo ist die Lösung? Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel am Kleinkind nehmen. Es weiss, dass es den Halt braucht, es weiss, dass gewisse Grenzen lebensnotwendig sind und es sucht nach den Grenzen. Es muss nicht immer weiter gehen, es reicht, die Grenzen zu suchen, sie auszuloten, mit ihnen zu spielen. Im Wissen, dass der Halt, der Mittelpunkt wichtig ist. Ohne diesen sind wir verloren.

Neues zu entdecken, weiter zu kommen, ist nicht schlecht. Schwierig wird es dann, wenn das, was ist, was hält, was gut ist, abgelehnt wird, nur weil es schon da ist, weil es nicht neu ist, weil es nicht spannend ist. Neu ist nicht immer besser. Es ist anders. Es mag weiter bringen. In einem Bereich. Etwas wird wegfallen. Und dieses Etwas ist immer ein Teil von einem selber, da man selber immer Teil von dem ist, was war. Wirklich frei ist man nie, zum Glück. Wirkliche Freiheit wäre unendliche Einsamkeit. Alles, was hält, wäre dahin, alles, was stützt, eingebrochen. Wer wäre man dann noch?

Der Mensch ist frei. Sein freier Wille ist es, das ihn von den Tieren abhebt. Er kann entscheiden, was er tut, kann wollen, kann wählen. Tiere können das in einem begrenzten Mass auch, aber nicht so ausgeprägt, wie der Mensch. So die Theorie bis vor kurzem. Es gab zwar Stimmen dagegen, die der Determinsten, die alles als vorgegeben sahen, sei es durch die Natur oder göttliche Fügung. Die Gegenspieler beharrten drauf: Der Mensch ist frei.

Ich kann also wählen, was ich will. Ich kann frei entscheiden, was ich tue und frisch fröhlich drauflos gehen. Freiheit ist, wenn keine Hindernisse da sind – äussere wie innere. Soweit so gut. Ich will also auf einen Berg steigen. Ich bin aber nicht schwindelfrei. Nun kann man sagen, ich will das gar nicht, wieso sollte ich das wollen, wenn ich doch die Höhe nicht mag? Ich könnte lesen wollen. Einen ganzen Roman. Er ist spannend. Ich will nicht aufhören. Eigentlich müsste ich arbeiten. Kann ich schwänzen. Das hat Konsequenzen vielleicht, aber das könnte ich so entscheiden. Irgendwann müsste ich mal was essen. Nun gut, Diät ist auch nicht schlecht, ich lese weiter. Ich sollte aufs Klo. Ich verklemme das. Unendlich geht das nicht. Wo ist mein freier Wille nun? Ich will doch lesen. Nicht aufs Klo gehen. Kinder lassen laufen, im Spiel versunken. Als Erwachsener? Könnte man… kann man nicht. Man könnte doch… man geht aufs Klo. War das Entscheid? Musste ich? War ich frei? Ich war wohl frei in der Wahl, wo ich es laufen lasse, aber dass ich es laufen lassen muss, das war erzwungen. Wo also ist diese Freiheit? Doch schlussendlich Triebe, die Motive sind, die antreiben, die Handlungen erzwingen?

Vielleicht ein Zusammenspiel von vielem? Natürliche Grundtriebe lassen sich nicht steuern, doch wie man damit umgeht, hat man in der Hand? Eine Teilfreiheit? Ein Jein? Das befriedigt nie. Man möchte ganz – besser als gar nicht, wobei das immer noch eine klare Linie wäre. Ein bisschen hier und bisschen da ist so lau, so fad. Das mag man nicht, es hat den langweiligen Anstrich des Unentschieden. Und doch ist es wohl am Ende das, was überlebt. Die Balance zwischen den Extremen, die Anpassung. Anpassung ist Überleben und das ist das höchste Ziel.

Das war es zumindest mal. Als man genug damit zu tun hatte, zu sehen, dass man überlebt, waren Themen wir Freiheit und Glück kaum je im Gespräch. Es ging um pure Notwendigkeiten. Lebensnotwendigkeiten. Wenn die gesichert sind, wendet man sich neuen Projekten zu. Die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist oder man einfach nur froh sein könnte, dass es einem so gut geht und man überlebt, ist wohl eine sehr ketzerische, die Antworten wie: „Das wäre Stillstand“ oder: „Wir wären nie so weit gekommen, wie wir sind“ aufs Tapet rufen würden.

Ja, vermutlich hätten wir einige Entdeckungen und Erfindungen nicht gemacht. Vermutlich wäre der Büchermarkt um einige theoretischen Werke ärmer. Sehr wahrscheinlich wären die Psychiater seltener und schlechter verdienend und die Menschheit vielleicht immer noch auf dem Plumpsklo. Was wäre schlimm daran? Wir wüssten ja gar nicht, dass es mehr gäbe, aber wir würden alle leben.

Eine Zivilisation wie die unsere, die auf der Integration individualistischer Populationen in riesenhaften politischen Grosskörpern beruht, ist eine real existierende Höchstunwahrscheinlichkeit.

Dieser Satz ist in sich schwierig, da etwas als Unwahrscheinlichkeit bezeichnet wird (noch als eine höchste), was real ist. Das ist zwar grundsätzlich möglich, da unwahrscheinlich nicht ganz undenkbar ist, trotzdem stellt sich die Frage, wieso es diesen Satz wirklich braucht, was er streng genommen besagen will. Es soll wohl eine sehr plakative Heraushebung der Schwierigkeit des Status quo unserer politischen Realität sein. Die Frage ist, inwieweit Populationen wirklich individualistisch sind und was genau damit gemeint ist.

Sloterdijk geht weiter, die Stabilität von grossen Gebilden als nicht garantiert zu bezeichnen. Stabilität ist nie garantiert, keine Staatsform hat eine Garantie auf Dauer. Dessen ungeachtet fährt der Autor fort, dass die Gesellschaft ob dieser instabilen Situation in einen Selbsterhaltungsstress gerate, der sie zu ungewöhnlichen Leistungen anhalte. Das Kollektiv befinde sich in einem Unruhe-Tonus, der wiederum als Kitt des Kollektivs fungiere. Damit ist Peter Sloterdijk bei seiner Kernthese angelangt:

Die heutige Gesellschaft ist eine Sorgen- und Erregungsgemeinschaft. Dieser Umstand halte die Gesellschaft auch zusammen, die synchrone Erregung sei ein „Äther der Gemeinsamkeit“ und sorge somit für sozialen Zusammenhalt.  Der benötigte Stressfaktor, welcher für den Zusammenhalt ausreiche, wachse mit zunehmender Grösse des Kollektivs.

Nach einem Exkurs in den römischen Gründungsmythos bei Livius, bei welchem die republikanische Freiheit aus einer kollektiven Empörung resultiert, welche aus einzelnen Bürgern eine verbundene Stressgruppe werden lässt, und einem Blick nach Griechenland und der Freiheitssuche vor Tyrannei in der Besinnung auf die eigenen Traditionen,  werden auch diese Wege in die Freiheit als illusionär abgestempelt.

Ein weiterer Weg in die Freiheit findet sich aber bei Rousseau: die Träumerei und damit die Loslösung von Leistung und Gesellschaft.

Das Existenzgefühl als solches, von allen anderen Affekten entkleidet, ist durch sich selbst ein wertvolles Empfinden von Frieden und Zufriedenheit.

Beschrieben hat Rousseau das in seinem Fünften Spaziergang der Träumereien. Sloterdijk beklagt nur, dass er in der Folge nicht seine Idee des volonté générale revidiert hat, welcher – so Sloterdijk – Wurzel für den jakobinischen Terror, die Taten der Roten Khmer sowie Gaddafis libyschen Sozialismus war.

Die von Rousseau beschriebene Loslösung findet sich auch in östlichen Philosophien, im Westen zudem bei Schopenhauer, Sartre und Becket. Durch diese Freiheit soll man der Unfreiheit entgehen, die durch die politische Unterdrückung einerseits und durch die Realität andererseits, bedroht ist. Da diese Loslösung aber einer Auflösung der Gemeinschaft gleich käme, gilt es, so die Meinung Sloterdijks, das Subjekt der Träumerei immer wieder in die Realität zurückzuholen und es mit objektiven Sorgen in die Stressgemeinschaft zu integrieren.

Wer von der Freiheit etwas erfahren hat, weiss, dass es weiterhin darum geht, die beiden Tyranneien zurückzudrängen: diejenige, die das Gesicht eines Despoten trägt, und die anonyme, die sich als jeweils herrschende Form des Notwendigen aufzwingen möchte. Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass uns die Wirklichkeit zumeist als ein umfassendes Stress-Konstrukt umgibt.

Der Text gibt eine Rede aus dem Jahre 2011 wieder, welche im Rahmen der Berliner Reden zur Freiheit gehalten wurde. Als Rede mag sie gut sein, studiert man über das einzelne gesagte nicht so lange nach, weil schon das nächste kommt.  Klingen tut sie sehr belesen, eloquent, es fallen griffige Begriffe wie Nachhaltigkeit, Krise, Unfreiheit, Tyrannei, Stress und Freiheit. Für jeden etwas dabei, man kennt die Begriffe von überall, sie sind in aller Munde. Das macht sie nicht wahrer und erlaubt auch keine willkürliche Zusammensetzung.  Dass Stress verbindet und als (einziger) Kitt eines gesellschaftlichen Kollektivs fungiert, welches zerbräche, würden sich die Individuen auf sich besinnen, ist eine Hypothese, die nirgends begründet wird. Zwar kann man sich ein Wir-Gefühl aufgrund verbindenden Leids denken, dieses aber als ausreichend für ein Staatsgebilde zu sehen, welches ohne diesen Kollektivstress zerbräche, ist insofern fragwürdig, als man weiss, dass gerade in wirklichen Stresssituationen wie Wirtschaftseinbrüchen, Kriegsgefahren, drängender Armut und Unterdrückung durch herrschende Tyrannen die Unzufriedenheit wächst und Revolutionen drohen.

Fazit:

Das dünne Büchlein zeigt sich eloquent, kreativ argumentierend. Es greift die Schlagwörter der Gegenwart auf und mischt sie neu zusammen. Was fehlt ist eine fundierte Analyse und die Begründung von Behauptungen, die so haltlos im Raum stehen und damit eher unglaubwürdig erscheinen. Kurzweilig zu lesende Gedankenspielerei, der die philosophische Tiefe fehlt.

(Peter Sloterdijk: Stress und Freiheit, Sonderdruck edition suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011.)

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 61 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2011)

Preis: EUR: 8.00

Folgende Wesenszüge zeichnen also den Menschen aus: Er ist das sprechende und denkende Wesen, nach dem Bilde Gottes geschaffen und bildet sich selbst nach seinem eigenen Urteil.

Rafael Ferber widmet sich im zweiten Band seiner Grundbegriffe den philosophisch komplexen Themen wie Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit und Tod zu. Diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie nicht leicht zu fassen sind. Was ist ein Mensch? Was macht ihn aus? Wie kann ich das, was ihn ausmacht als ihn ausmachend begründen und beweisen? Diese Fragen führen in die Innenperspektive des Menschen, aus der heraus er über sich selbst und sein Menschsein urteilen muss. Die Fähigkeit, über sich selber zu urteilen, die eigenen Gedanken reflexiv zu betrachten und zu werten ist sicher eine menschliche Eigenschaft, sie hebt den Menschen von den anderen Lebewesen ab.

Die in der Fähigkeit zur Argumentation begründete Autonomie hebt den Menschen insbesondere über das Tierreich hinaus. Sie begründet aber auch einen Unterschied zwischen den Menschen untereinander.

Um so weit zu kommen bedarf es der Erklärung, was überhaupt das Bewusstsein ist. Ein Wesen hat dann ein Bewusstsein, wenn es in einer Beziehung zu sich selber steht. Das menschliche geht über das tierische hinaus, insofern es reflexiv ist. Zudem verfügt ein Mensch als Person über eine intuitive Einheit seines Bewusstseins.

Als Einheit/Eins erscheint uns auch ein Mensch, selbst wenn er über psychische wie physische Phänomene verfügt. Die Frage, ob ein Mensch nun wirklich eins ist, Leib und Seele eine Einheit oder aber zwei Dinge sind, stellt das nächste Problem dar, welchem sich Rafael Ferber widmet. Dazu beleuchtet er die unterschiedlichen Theorien und philosophischen Strömungen seit der Antike quer durch die Zeit, um am Schluss sein Fazit zu ziehen, dass das eine Wesen Mensch in zwei Aspekten erscheint, deren Einheit nicht vollständig erfassbar ist.

Ebenso wenig erfassbar ist auch die Willensfreiheit, welche zwar als Illusion so stark ist, dass sie kaum von einer Realität zu unterscheiden ist, da sie auch Wirkungen zeigt. Die Lösung zeigt sich in einer relativen Freiheit, welche mit dem Determinismus vereinbar ist. Die absolute Freiheit bleibt unbegreiflich.

Schlussendlich endet jedes Leben mit dem Tod, wovon der Mensch ein Bewusstsein hat, trotzdem er ihn nicht aus der Innenperspektive beschreiben kann. Der Tod als solches existiert als Begriff, wird aufgrund von Kriterien begründet, welche mit bestimmten Verfahren erfasst werden. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass der Tod als biologische Tatsache philosophisch je nach Seelenbegriff variiert. Was über den Tod hinaus bleibt, sind Erinnerung und Nachkommenschaft sowie das Interesse am Überdauern des guten Namens.

Fazit:

Das Buch  zeugt von der Belesenheit, dem Wissen und der Fähigkeit des Autors, dieses trotz der Komplexität der Materie wiederzugeben. Die wohl schwierigsten Begriffe dessen, was den Menschen zum Menschen macht und damit sein Wesen ausmachen werden in diesem Buch vorgestellt, beleuchtet und hinterfragt. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Bild

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 277 Seiten

Verlag: C.H. Beck (2003)

Preis: EUR: 12.90 ; CHF 17.90

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Ich liebe Rousseau. Gründe dafür könnte es viele geben, zudem feiert er grad Jubiläum, so dass auch das dazu beigetragen haben könnte. Hauptsächlich ist es aber ein Spruch von ihm, der mir gefällt:

Der Mensch wurde frei geboren und liegt doch überall in Ketten.

Rousseau bezog das auf die aufgegebene Freiheit zugunsten des Gesellschaftsvertrages. Es waren in seinen Augen also Ketten des Staates, Ketten der Gesellschaft. Zugunsten von Sicherheit und Schutz verzichtet das Individuum auf seine persönliche, allumfassende Freiheit; es bleibt eine bürgerliche Freiheit, welche immer eine eingeschränkte ist.

Ich sehe diese Ketten umfassender. Ich würde den Spruch wohl umformulieren in:

Der Mensch wurde frei geboren, das Leben legte ihn in Ketten.

Kaum auf der Welt kommen die Zwänge, die Regeln, die Normen. Das darfst du nicht, das musst du tun, das ist richtig, jenes falsch. Denkt man als Kind noch, diese Zwänge werden weniger, wenn man gross ist, weil man dann frei und selber entscheiden kann, wird man bald eines Besseren belehrt: Es wird schlimmer.

Woher stammen die Ketten? Bei einem Teil hat Rousseau sicher recht: Das Zusammenleben in einer Gesellschaft erfordert ein Mass an Aufgabe von persönlichen Freiheiten. Man kann nicht einfach tun, wie einem beliebt, das würde kein System verkraften, in dem mehr als ein Mensch drinsteckt. Rücksicht und Miteinander sind die Zauberwörter. Dass sie gelingen, dafür sorgt der Staat. Doch denke ich, die Ketten gehen weiter. Neben den Normen des Staates kommen die Normen einer Kultur, auch die moralischen Forderungen, wie man sich zu verhalten habe oder nicht. Neben diesen moralischen Normen stehen die ungeschriebenen Gesetze, was man tun und wie man sein soll, um in einer Gemeinschaft eben dazu zu gehören oder Aussenseiter zu sein. Da werden ganze Lebenswege vorgezeichnet, denen man folgen muss, um ein angesehenes, ein akzeptiertes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein. Weicht man ab, wird man hinterfragt (im besten Fall) und verurteilt (in den meisten Fällen). Ab und an erntet man vielleicht auch ein anerkennendes Wort, weil man eigene Wege geht, dies ist oft nur vordergründig, hintergründig sieht man die Fragezeichen rotieren (Wieso tut sie das, wie so lebt er so?)

Und wenn man all diese Ketten als gegeben sieht, ist man in meinen Augen noch nicht fertig. Es gibt noch mehr. Die eigenen. Die sind sicher einerseits durch die der Kultur, Gesellschaft und den Staat geprägt, da man diese verinnerlicht. Sie kommen aber auch in eigenen Wünschen und Begehren, in Sehnsüchten zum Ausdruck. Wir loben uns, einen freien Willen zu haben und finden es schrecklich, denken zu müssen, dass dies nicht der Fall sein könnte. Was, wenn wir nicht wollen könnten, was wir wollen und nicht tun könnten, wonach uns der Sinn steht? Grundsätzlich besteht diese Willensfreiheit, das ungehinderte tun Können dessen, was man will. Dass diese nicht absolut ist und es immer Hindernisse verschiedener Art gibt, muss dabei nicht näher erläutert werden, das liegt auf der Hand. Ich werde nie fliegen können und auch das Gehen über Wasser dürfte eher schwer bleiben. Hindernisse können psychischer und physischer Natur sein, sie sind da, die Wünsche, die zu Handlungen führen, müssen sich damit abfinden, das akzeptieren.

So weit so gut, noch nichts Neues bis dahin. Wo also sind die Ketten? Ich denke, im Leben selber. Irgendwann muss man sich für einen Weg entscheiden und geht ihn. Man entscheidet sich für einen Beruf, für einen Partner, für eine Stadt, eine Lebensphilosophie. Grundsätzlich ist das nicht in Stein gemeisselt, aber es ist mal ein eingeschlagener Weg. Man kann den ändern, wenn man zum Schluss kommt, es wäre die falsche Entscheidung gewesen, aber das geht nicht immer und vor allem nicht zu häufig, denn jede Wegänderung ist irgendwo auch ein Treten an Ort, da man nie weiter kommt. Wege entwickeln sich nur weiter, wenn man sie eine Weile geht. Neue Wege beginnen immer am Ursprung, man kann selten bis nie gleich in der Mitte oder gar am Ziel einsetzen.

Und irgendwann befindet man sich auf dem Weg, für den man sich entschieden hat und fühlt sich unglücklich. Man fühlt sich im falschen Film und damit gefangen in einem Lebensmodell, das man so nicht will. Man sieht keinen Ausweg, denn die Entscheidungen für diesen Weg sind gefallen. Man sitzt in einer Stadt, mit einem Mann (oder eben keinem, weil man sich gegen diesen entschieden hat), mit einem Kind (oder eben keinem, weil man sich für eine Karriere statt für eine Familie entschieden hat) und lebt das Leben. Und dieses Gefühl des „will ich das so wirklich?“, dieses Hinterfragen von „ist das mein Leben?“ bringt ein Gefühl von Gefängnis, von Eingeengt sein.

Man stellt sich die Frage: Wo bog ich falsch ab? Wo lief mein Leben in eine Richtung, die nicht passt? War es, als ich hier her zog? Ich sehe vor mir die Felder und Wälder, den See und die Berge, sehe die Orte, wo ich mal wohnte, erinnere mich an die schönen Momente da. Weiss zwar auch, wieso ich da weg ging, es hatte Gründe, gute. Und doch. Nun sitz ich hier…

War es früher, als ich den einen Mann abwies? Ich denke zurück an gemeinsame Unternehmungen, an sein Lachen, an meines, an die gemeinsame Reise, ein Essen, ein Blick. Ich erinnere mich auch an die schwierigen Seiten, die Eifersucht, die ungerechtfertigten Vorwürfe. Ich weiss, wieso es nicht klappte, und doch sitze ich nun hier und frage mich: Wieso?

Ich denke zurück an die Schule, mein Studium, den Weg danach, frage mich, ob ich falsch entschieden habe. Hätte ich besser etwas anderes studiert, mehr leisten müssen, hartnäckiger den Weg verfolgen müssen, den ich wollte, auch auf Kosten des Kindes, des Familienmodells, das ich mir mal wünschte? Oder hätte ich mehr auf dieses setzen müssen und die Ambitionen in der Wissenschaft von vornherein abhaken? Weil einfach nicht alles geht und vor allem nicht mit den Ergebnissen, die genügen – mir selber?

Wo lief ich falsch? Wieso sitze ich hier? Zurück kann ich nicht. Das Studium ist gemacht, der Weg danach gegangen. Das Modell gewählt, wie es eben ist. Ausbrechen ist schwer. Wie sollte es aussehen? Koffer packen, gehen? Und dann? Im ersten Moment wäre es Befreiung, wäre es Erlösung. Die getroffenen Entscheidungen würde es nicht umstossen. Und wenn ich dann wieder in einem neuen Leben sässe, käme vielleicht wieder das Gefühl: Das passt so nicht, ich möchte frei sein. Denn sobald man sich auf etwas einlässt, baut man langsam und stetig eine Art Käfig. Durch die Pfeiler, die man setzt, durch die Haken, die man einhängt, um überhaupt leben zu können. Wohnung, Wege, Alltag – alles Haken, alles Wände. Würden sie fehlen, fühlte man sich wohl haltlos, hilflos. Und so bleibt wohl nur:

Ich wurde frei geboren, ich legte mich in Ketten, weil ich lebe.

Oder gäbe es einen anderen Weg?

Anker setzen

Wie ein Schiff
auf hoher See –
ohne Ziel,
und Horizont.

Uferlos –
so fühl‘ ich mich.
Ohne Hafen,
ohne Anker.

Ein Pirat
im Wellengang –
ohne Zuflucht,
nie daheim.

Wogen schaukeln
meinen Bug,
bringen mich
ins Schwanken.

Winde rütteln
an den Masten,
lenken ab
und treiben weg.

Nebel schweben
auf dem Meer
verhüllen mir
den Blick.

Land in Sicht,
ersehn‘ ich mir –
Segel und dann
Anker setzen.

Anker setzen – das ist die Sehnsucht. Ankommen, zu Hause sein, wissen, wo man hingehört. Nur: wo gehört man hin? Was heisst Zuhause? Wo ist der Hafen, wo kann, wo will ich bleiben? Diese Fragen beschäftigen mich seit Jahren, weniger als Fragen, mehr als Gefühle. Gefühle des nirgends Dazugehören. Gefühle der Einsamkeit. Auch Gefühle der Zerrissenheit. Ich erlebte schon meine Kindheit an zwei Orten. Die Schulzeit im einen Kanton, die Freizeit im anderen. Die Berge wurden Heimat, die Schule war der Alltag.

Später wurde das verstärkt, da meine Eltern in dem Freizeitkanton ihr Zuhause aufschlugen, mein Familienheim zog also um. Ich blieb alleine zurück. Alleine war ich auch sonst. Weitere Familie als meine Eltern habe ich keine. Auf alle Fälle keine, zu der Kontakt bestünde. Ich weiss nicht, an welchem Punkt der versandete und wieso. Er war wohl nie tief und damit auch nicht stabil. Die früheren einmaligen Jahrestreffen blieben aus, man gehörte quasi nicht mehr dazu. Die Zerrissenheit einerseits, berufliche und private Umbrüche andererseits führten zu Umzügen kreuz und quer durchs Land. Schön war es überall auf eine Art, überall fand ich etwas, überall vermisste ich etwas. Ein Ankommen war es nie. Wenn der Ort passte, stimmten die Umstände nicht, wenn die Umstände passten, gefiel der Ort nicht oder die Umstände änderten. Eine innere Unruhe wuchs, mit ihr die Suche nach dem, was so dringend ersehnt war: Der Hafen. Wo gehöre ich hin? Ist es ein Ort? Und welcher könnte es sein? Ist es ein Mensch? Wer wäre das? Fängt mich wer auf? Muss ich das nicht selber tun? Gibt mir wer Halt? Aber ich fiel immer, wenn ich vertraute. Nochmals von vorne? Wage ich das? Ertrage ich den erneuten Fall?

Mein Leben heute ist gut. Es hat viele guten Seiten, für die ich dankbar bin. Es gibt auch die anderen. Das nennt sich wohl Realität. Der Ort, an dem ich wohne, gefällt mir, ich kenne mich aus, fühle mich dadurch „vertraut“. Er bietet viel an Möglichkeiten, an Dingen, die mir gefallen, mir was bedeuten. Dinge von anderen Orten fehlen mir, in schlechten Momenten traure ich ihnen nach. In noch schlechteren Momenten würde ich am liebsten packen und der Sehnsucht folgen. Mit etwas Abstand wissend, dass am andern Ort die Sehnsucht nach den nun hier guten Dingen aufkäme.

Genau so ist es wohl mit den anderen Bereichen des Lebens: Alles hat immer zwei Seiten. Bei keiner hat man alles. WIchtig ist, herauszufinden, was man lieber will und den Entscheid dafür zu fällen. Entscheide danach nicht immer und immer wieder zu hinterfragen, sondern sie mal als gesetzt zu sehen. Damit würde schon viel an Zerrissenheit abfallen. Das fällt mir wohl ab und an schwer. Gerade weil es für nichts einen wirklichen Grund gibt, nur meine eigenen Wünsche und Entscheidungen. Es gibt keinen Heimathafen, den ich unbedingt ansteuern muss, weil da das Heimatsgefühl ist. Es gibt nichts, das zieht, zwingt, drückt. Drum irre ich umher, getrieben von Sehnsüchten und Wünschen.

Und auch dieses Getriebensein hat zwei Seiten. So wenig es einen Halt gibt, so sehr lässt es die Freiheit. Die Freiheit, selber zu entscheiden. Und dabei merkt man, dass Freiheit nicht immer nur ein grosses Gut ist, sondern ab und an auch eine Last sein kann. Rousseau beklagte den freigeborenen Menschen als in Ketten gelegt durch den Staat. Und meist wird er noch durch viele andere Dinge angekettet. Ketten können aber auch Halt geben. Das ist wohl der Grund, wieso Menschen sich in Gemeinschaften begeben, weil sie da in den Strukturen Halt finden. Religionen leben davon: Sie stützen den Menschen in seiner Schwäche, geben ihm die Leitplanken für sein Leben und Handeln. Ketzer nennen das Hirten für unmündige Schafe, freundlicher ausgedrückt wären es wohl einfach Lebenshilfen. Wer braucht sie nicht, wer will entscheiden, welche besser ist als die andere.

Ich mag keine Ketten. Ich schüttle sie ab, löse mich draus und renne weit weg. Sind sie da, dreht sich mein ganzes Denken darum, sie aufzulösen. Und doch sehne ich mich ab und an nach Banden. Nach dem Hafen. Nach dem Gefühl: Hier gehöre ich hin, hier bin ich Zuhause. Hier ist mein Halt, das hält mich.

Meine momentane Forschungstätigkeit befasst sich mit dem freien Willen und inwiefern er existiert. Ich habe momentan noch mehr Fragen als Antworten, da beim Lesen diese immer drängender in den Vordergrund stechen, ich aber noch zu wenig Material habe, wie ich finde, eine wirkliche Meinung zu vertreten, zu der ich stehen kann. Ich nenne das Work in Progress. Ich werde hier in unregelmässigen Abständen von dieser Arbeit erzählen, vielleicht auch mal Fragen stellen oder Bücher dazu vorstellen.

Ein Blogartikel in einem meiner Lieblingsblogs befasste sich unlängst auch mit dem Thema:

Zeitspiegel: Der freie Wille

Gestützt auf Franz M. Wuketits Buch Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion (Hirzel Verlag) geht der Zeitspiegel der Frage nach, ob der Wille wirklich frei ist und kommt zum Schluss, dass diese als sicher geglaubte Tatsache gehörig ins Schwanken geraten ist durch die neueren Erkenntnisse aus Natur- und Sozialwissenschaften. Der freie Wille sei gar eine evolutionäre Evolution, befindet Wuketits.

Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, weiss ich noch nicht, noch bin ich skeptisch. Einige Fragen kamen aber auch mir durch meine aktuelle Lektüre von Harry G. Frankfurts Sich selbst ernst nehmen.

Was genau bedeutet Willensfreiheit? Wann ist sie gegeben, wann nicht. Kann es eine absolute Willensfreiheit geben oder ist sie gar nicht erstrebenswert? Ist sie überhaupt relevant oder ist sie nur ein Mittel zu einem höheren Zweck? Wie sieht der aus? Ich würde mal sagen, ganz platt: Ein schönes und gutes Leben. Das Schöne und das Gute als höchste Ziele des Lebens – zu definieren wären die Begriffe auch noch. Es gibt einiges, aber ohne konzise Begrifflichkeit ist das Ziel unklar. Stellen wir die Hypothese aber in den Raum, es sei so. Dann wäre der freie Wille dazu da, genau dieses Ziel zu erreichen. Wir bestimmen, was wir als schön und gut empfinden (tun wir das? Nach absolut freiem Willen sicher) und wählen den Weg frei, der dahin führt.

Wir schliessen aus, was vom Pfad abbringt, streben an, was ihn verfolgt. Damit negieren wir gewisse Dinge, schliessen sie aus unserem Leben aus, weil sie nicht den Weg verfolgen, den wir gehen wollen. Das können Einflüsse sein, können eigene Eigenschaften sein. Lassen die das einfach so zu? Und wenn nicht, sind wir dann immer noch frei, da sie ja entgegen unserem Willen doch noch aktiv sind?

Harry G. Frankfurt sagt, in dem Fall wären wir nicht mehr dafür verantwortlich, da wir diese Eigenschaften nicht wollen, sie sich über unseren Willen stellen. Nur wäre damit die Freiheit schon eingegrenzt in meinem Verständnis. Er hat keine absolute Durchsetzungsmacht, insofern ist er doch begrenzt. Oder sehe ich das falsch?

Work in Progress

Der Mensch ist Mensch dadurch, dass er sein Verhalten hinterfragen kann, dass er quasi in zweiter Instanz denken kann und so das primäre Denken und Handeln zum Gegenstand des eigenen Denkens macht. Diese Selbstreflexion macht den Menschen aus und hebt ihn vom Tier ab. 

Nun stellt sich natürlich die Frage: Indem er sich hinterfragt, sollte er auf das Gute stossen. Sollte sehen, ob das, wie er handelt, dem entspricht, wie er sein will. Wäre dies nicht der Fall, könnte er mittels seines Willens das Handeln dahin steuern, so zu handeln, wie er es für seinen Wunsch des Seins als angebracht erachtete. 

Ist der Wille so stark? In jeder Sekunde unseres Seins? Kann mein Wille wirklich frei über mein Handeln bestimmen und ist dieses nicht auch anderen Einflüssen unterworfen? Solchen von innen wie von aussen? Was prägt das Ich? Was prägt mein Sein? Mein Handeln? Mein blosser Wille? Ist er Teil einer Kette von Faktoren? Wie sehen die aus? Kultur, Familie, Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse? Ist mein Wille frei von all diesen oder beeinflussen sie nicht nur mich, sondern auch den Willen? Wäre er frei, stünde er gleichberechtigt neben den restlichen Einflüssen. Wäre er beeinträchtigt, würde seine Kraft mit der steigenden Masse von Einflüssen an Kraft einbüssen. 

Was ist der Mensch? Was macht ihn aus? Wie frei ist er in der Bestimmung seines Seins? Seines Handelns?

 

Work on Progress…

In der Nähe meines Hauses prangt in  grossen Lettern ein Zitat von Max Frisch an der Wand:

Die Würde des Menschen besteht in der Wahl. 

Der Satz bringt zwei Grössen in Beziehung: Menschliche Würde und die menschliche Fähigkeit zu wählen.

Würde ist verwandt mit Wert. Nach Kant kann dieser Wert nur von innen kommen und die Würde des Menschen kommt diesem zu aufgrund seines Menschseins, seiner Vernunft, welche ihn vom Tier abhebt. Es ist also die Fähigkeit des vernünftigen – und auch moralischen – Handelns, die dem Menschen die Würde gibt, welche ihm eben dadurch auch zusteht als Ansehen bei den anderen. Die gegenseitige Achtung der Menschenwürde trägt massgeblich zu einer friedlichen Koexistenz von Menschen bei, weil sie sich ihrer Fähigkeit bewusst moralisch verhalten.

Schiller, welcher mit Kant nicht immer einer Meinung war, was Ethik und Ästhetik betrifft (Kallias-Briefe), sieht als menschliche Fähigkeit, welche diesen vom Tier abhebe, den freien Willen. Schiller sieht die Würde dann gegeben, wenn sich der Mensch über seine Naturtriebe erhebt und an ihrer statt die Moral hochhalte. Schon hier findet sich also der Konnex von Wahl/Willen und Würde. Es liessen sich noch einige dichterische und denkerische Grössen zitieren, welche in ein ähnliches Horn blasen. Ob wohl etwas dran ist?

Wir kommen auf die Welt, klein und unselbständig. Oft fühlen wir uns rechtlos, ausgeliefert. So viel ist zu lernen, so wenig wissen wir, vor allem: so wenig können wir bestimmen. Immer sind da die Eltern, welche sagen, wo es  lang geht, lang gehen muss, weil die grosse Welt von einem irgendwann erwartet, zu wissen, wie der Hase läuft. Und genau auf diese Hasenspur werden wir angesetzt. Wie sehr wünschen wir, endlich auch erwachsen zu sein, endlich auch sagen zu dürfen, wo wir stehen, gehen, sein wollen. Wir sehen diese Entscheidungsfreiheit als Erfüllung.

Dann werden wir älter und sehen: die Zwänge werden nicht weniger, an die Stelle der Eltern treten Arbeitgeber, wirtschaftliche Zwänge, Partner, die Gesellschaft. Irgendwer sagt immer, was er von uns will und wir haben meist zwei Möglichkeiten: es tun oder es lassen – wobei das Lassen oft seinen Preis hat. Dann stehen wir da und hadern. Hadern mit der grausamen Welt, die uns vor solche Entscheidungen stellt. Hadern mit dem Leben, das auch erwachsen nicht viel einfacher ist als als Kind. Damals waren es liebende Eltern, die nur unser Bestes wollten (wie wir heute sehen, früher hätten wir das natürlich abgestritten und ihnen alles Böse unterstellt – ausser in ganz hellen und dadurch seltenen Momenten, in denen wir es einsahen). Heute sind es Aussenstehende und nicht immer sind wir sicher, ob sie wirklich unser Bestes wollen und nicht eher ihr eigenes.

In solchen Situationen überkommt uns schnell das Gefühl, keine Wahl zu haben. „Ich muss ja, was soll ich sonst?“, denken wir und fügen uns in unser Schicksal. Und mit jedem „Ich muss“ wächst das Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins. Und damit auch das Gefühl des eigenen Wertes, der eigenen Würde.

Je kleiner wir uns fühlen, desto anfälliger werden wir für Hilfsversprechen. Was den Anschein macht, uns wachsen zu lassen, wird dankbar angenommen, als Strohhalm. Seien es Religionen, die Halt durch den allwissenden und alles mit Sinn versehenden Gott versprechen, seien es Heilversprechen von irgendwelchen selbsternannten Heilanden und Scharlatanen (böse Zungen sehen zwischen den Optionen keinen Unterschied) oder seien es Aufschwungparolen von Diktatoren, die dem Volk die Befreiung von allem Übel versprechen, dabei nur die eigene Macht im Sinn haben. Dass man damit den letzten Zacken Würde mitverliert, weil fortan keine Möglichkeit der Wahl mehr besteht, sondern nur noch das erlaubt ist, was diktiert wird, fällt dann meist zu spät oder gar nie auf.

Haben wir eine Wahl? Natürlich. Wir könnten uns gegen die vermeintlichen Zwänge entscheiden. Wenn wir bereit sind, den dafür geforderten Preis zu zahlen. Wir müssen nicht treu sein, wenn wir das gemachte Nest aufs Spiel setzen wollen. Wir müssen nicht arbeiten, wenn wir die soziale Ächtung nicht scheuen. Wir müssen nicht moralisch handeln, wenn wir den Gesellschaftsausschluss nicht fürchten. Wir müssen unsere Kinder nicht aufziehen, wenn sie unsere Grenzen sprengen, wir können sie in Heime geben. Sofort. Wir haben die Wahl. Eine Wahl besteht immer. Doch wir haben auch innere Werte, Wünsche, Handlungsmaximen. Die Gelehrten streiten noch, ob die naturgegeben sind oder kulturell bedingt. Vermutlich eine zufällig gute Mischung von beidem. Auf alle Fälle erkennen wir als vernünftige Menschen, dass nicht alle von aussen erstellten Maximen und Regeln schlecht sind, sondern sie uns auch dienen. Und insofern wollen wir sie haben. Und verhalten uns so, dass sie auch auf uns selber angewendet werden. Aber wir haben so gewählt. Wir können nicht dahin gehen und uns als arme Opfer des Systems sehen, das uns unterdrückt. Wir wollten den Preis nicht zahlen, den es gekostet hätte, anders zu wählen. Vielleicht auch, weil wir es als unter unserer Würde ansehen würden, entgegen den Vorstellungen unserer Vernunft zu handeln. Wir haben selber einen Massstab in uns, der uns steuert. Auch der ist vielfältig zusammengesetzt – Kultur, Eltern, eigene Anteile und Gedanken. Aber prägend und leitend.

Wir sind also grundsätzlich frei, zu wählen. Wir können immer entscheiden, was wir wollen und danach handeln. Goethe sagte in diesem Zusammenhang:

Die grösste Freiheit ist es, das zu wollen, was man muss.

Es gibt Zwänge im Leben, die von aussen gegeben sind. Doch auch dann hat man die Möglichkeit, sich dagegen zu entscheiden. Wenn man aber mit der eigenen Vernunft erkennt, dass diese Zwänge, dieses Muss einen Sinn ergibt, für das Individuum sowie das Kollektiv (und damit wieder für das Individuum), kommt man an den Punkt, zu sagen, dass man das auch will. Und der Zwang, in dem man steckt, für eine gute Sache ist. Und vielleicht ist dann nicht mehr so viel Ohnmacht da, sondern auch das Wissen: ich könnte anders entscheiden, aber ich entscheide selber genau so, wie ich es tue. Den Preis muss man immer zahlen, wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass man ihn freiwillig zahlt – so oder so. Sei es durch Verzicht auf etwas, das gerade verlockend erscheint, sei es durch das Durchsetzen des eigenen Wollens gegen alle Widerstände, was wiederum vielleicht mangelnde Akzeptanz zur Folge haben könnte. Die Frage ist, ob die, welche nicht akzeptieren wollen, wirklich Wert sind, auf sie Rücksicht zu nehmen. Und wenn ja, vielleicht zu fragen, wieso man so sehr will, was man will. Und aufgrund dieses Hinterfragens vielleicht auch etwas über sich selber lernt, das einem hilft, die richtige Wahl zu treffen, sie sich selber Wert zu sein. Die eigene Würde hochhaltend.