Ein Hoch auf die Freiheit, oder: Wieso das Burkaverbot nichts damit zu tun hat

Ein Thema ist in aller Munde: Das Burkaverbot. Stimmen werden laut, es müsste dringend umgesetzt werden, denn als Zeichen der Unterdrückung – als solches werden Burkas hingestellt – seien Burkas nicht mit unseren westlichen Werten vereinbar. Auf welche Werte beruft man sich genau? Mehrheitlich wohl auf zwei: Die Gleichstellung von Mann und Frau (im Sinne von „alle Menschen sind gleich und keiner dem anderen Untertan) und auf die Freiheit (die der Frau wird als eingeschränkt betrachtet).

Für unsere Breitengrade ist das Bild einer von Kopf bis Fuss verhüllten Frau in der Tat eher fremd und der Gedanke, sich freiwillig so zu kleiden, erscheint abwegig. Und: Was wir uns nicht vorstellen können, das kann es nicht geben, woraus folgt: Nie und nimmer tragen diese Frauen das freiwillig, die müssen quasi gezwungen werden dazu. Wer aber zwingt? Als Täter steht schnell der Mann auf dem Tapet, dieser stützt sich auf den Koran, ergo haben wir die zwei Hauptverdächtigen: Religion und Männer. Und die armen Frauen sind die Opfer im Umzug, die sich von beiden unterbuttern lassen. Mit dieser Argumentation spricht man den Frauen jegliche Kompetenz, selber zu denken ab. Es kann nicht sein, dass sie selber den Koran so auslegen und sich für diese Kleidung entscheiden. Es kann auch nicht sein, dass sie für sich in dieser Art Kleidung etwas sehen, das ihnen entspricht. Es muss Unterdrückung sein, denn sonst würden sie mit hochhackigen Schuhen und knappem Mini durch die Gegend laufen.

Ich möchte nicht verneinen, dass es Länder gibt, die sehr patriarchalisch aufgebaut sind, in denen Frauen kaum einen oder keinen Stellenwert haben. Es gibt viele Länder, in denen noch heute Buben die Krone der Schöpfung, Mädchen der vernachlässigbare Abschaum sind, den man genau so behandelt. Dies sind aber bei weitem nicht nur Länder, in denen die Burka an der Tagesordnung ist. Ich möchte aber auch nicht verneinen, dass es Männer gibt, die ihre Frauen in Burkas zwingen. Idioten, die ihre Frauen unterdrücken, gibt es auf der ganzen Welt, die brauchen dazu auch keine Burka. Sie können sich auch an einem zu kurzem Rock, an einem zu grossen Dekolleté, an zu vielen Kilos auf den Rippen oder einem schlecht geführten Haushalt stören und entsprechend reagieren. Wollen wir das auch verbieten? Bloss: Wie erkennt man es auf der Strasse?

Was bei der ganzen Diskussion um das Burkaverbot auffällt, ist, dass es nicht um die Burka an sich geht, sondern nur darum, sie auf unseren Strassen, in unseren Ländern zu verbieten. Was die Frauen dann zu Hause machen, ist egal, das kümmert wenig. Vielleicht so ein bisschen, aber nicht wirklich sehr. Geht es also bei der ganzen Diskussion wirklich um die Rechte der Frau oder aber mehr um unsere eigenen Befindlichkeiten? Ist es nicht viel mehr so, dass uns der Anblick von so viel fremder Kultur so verstört, dass wir uns mit uns selber nicht mehr wohl fühlen? Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um? Was fordert das von uns und wie reagieren wir darauf? All diesen Fragen können wir entgehen, wenn wir das Fremde einfach verbannen. Dann haben wir wieder unsere schöne kleine Welt, die wir kennen und in der wir uns wohl fühlen.

Um der Freiheit willen eine Kleidung zu verbieten, ist in etwa so, wie das Wasser aus dem Swimmingpool zu lassen, wenn man schwimmen gehen will.

20 Comments

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  1. Da gebe ich dir völlig Recht, Sandra. Es gibt überall auf der Welt Idioten, für die Frauen Gebrauchsgegenstände sind. Mit und ohne Burka. Liebend gern im Minirock. Und wir verteidigen die europäischen Werte? Die Gleichheit von Mann und Frau? Als ob es die bei uns gäbe! Die Freiheit? Die Politik ist drauf und dran, die hinten und vorne zu beschränken!

    Der Moslem braucht wirklich keinen Koran, um seine Frauen unter die Burka zu kriegen, dort steht nämlich gar nichts davon. Und wie viele Frauen in Indien, im Iran usw. auf die Straße gehen, verschweigen wir lieber verschämt, sonst könnten sie bei uns vielleicht auch auf die Idee kommen, auf die Straße zu gehen….

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  2. Ich rede hier von der Vollverschleierung, die auch in Straßenverkehr nicht zugelassen werden darf. Wenigsten die Augen müssen frei sein!
    Aber wir können unsere geltende Gesetze ja jetzt, nach religionsangehörigkeit umschreiben.
    Und nur weil ich diese Meinung vertrete bin ich kein Idiot! Bei solchen Äußerungen fängt das schlechte Niveau an!

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    • Beleidigungen müssen nicht sein, die Frage war sicher nicht so gemeint, wohl eher etwas provokativ (wohl gestützt auf den „PUNKT“, der jegliche Diskussion zum Schweigen bringen will).

      Die Frage ist: Wenn wir ein Verbot der Vollverhüllung haben, müssen wir dann über ein Burkaverbot diskutieren? Ist die Diskussion und sind die hochschaukelnden Gefühle nicht vielmehr eine Art, Ängste zu schüren, Stimmung zu machen, Dinge hochzustilisieren, die im Grunde wenig relevant wären, es erst durch die Diskussion werden? Was genau ist an einer solchen Burka WIRKLICH störend (solange ich sie nicht anziehen muss)? Ich kann nur von mir sprechen: Der Anblick ist mir fremd, er löst in mir Fragen aus. Ich wollte schreiben, er ist beängstigend, aber nein, Angst löst er nicht aus, es ist klar ein gewisses Unwohlsein, das ich aber auf das Ungewohnte gründe.

      Worum es mir hier aber vor allem ging, waren die Argumente, die immer angeführt werden in der Diskussion – und diese erachte ich als vorgeschoben.

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      • Bei mir ist das Unwohlsein darauf zurückzuführen, dass ich dem Gegenüber nicht ins Gesicht schauen kann. Ja nicht mal sehen kann, wie mein Gegenüber aussieht. Geschweige denn seine Mimik oder Körpersprache lesen kann. DAS stört mich an der vollständigen Vermummung meines Gegenübers. Dabei ist mir auf mir schnurzegal, welcher Religion diesees Gegenüber angehört. Ich will schlicht sehen können, mit wem ich es zu tun habe.

        Wäre es denn wirklich nur das Ungewohnte, das Angst macht, wenn da plötzlich Männer in Cagoulen in der Stadt rumlaufen?

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        • Ich bin halt noch nie in die Situation gekommen, überhaupt mit einer Frau in einer Burka Kontakt zu haben, geschweige denn ins Gespräch zu kommen. Wenn, sah ich sie von weitem. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir nie Gedanken drüber machte, dass ich ihr bei einem Gespräch nicht ins Gesicht schauen könnte…

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          • Ich habe auch noch nie eine Frau in der Burka getroffen. Das ist mit ein Grund, weshalb ich mir auch nicht anmassen würde, für sie oder in ihrem Namen zu sprechen.
            Ich kann nur für mich selber sprechen und ich sage: Ich mag nicht mit Menschen zu tun haben, deren Gesicht ich nicht sehen kann. Egal ob Burka, Töffhelm oder Sturmhaube. Ich mag nicht mal Fastnachstverkleidungen, bei denen man die Person nicht mehr erkennt.

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    • Voltaire schrieb dazu, „ Das Recht zu sagen und zu drucken, was wir denken, ist eines jeden freien Menschen Recht, welches man ihm nicht nehmen könnte, ohne die widerwärtigste Tyrannei auszuüben. Dieses Vorrecht kommt uns von Grund auf zu; und es wäre abscheulich, dass jene, bei denen die Souveränität liegt, ihre Meinung nicht schriftlich sagen dürften.“

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      • In dem Punkt bin ich bei Dir, um die religiösen Interessen und Gesetze durchzusetzen wird ständig die Religionsfreiheit VORGESCHOBEN.
        Und ja, ich finde es mehr als befremdlich wenn z.B. Kinderehen gerade in einer Religion völlig legitim und normal sind! Das wurde solange geduldet und dass im Zuge der Religionsfreiheit.

        Was ist z.B., wenn einem eine Vollverschleierte Frau in’s Auto rennt, weil sie ein eingeschränktes Sichtfeld hat? Wenn man Pech hat, wird einem noch ein rechtsradikaler Hintergrund unterstellt.
        Eine Motoradfahrerin darf auch nicht mit einem völlig schwarzen Helm und geschlossenem Visier an den Bankschalter.

        Was gilt jetzt, dass Religionsgesetz oder das demokratische rechtsstaatliche Gesetz in Germany? Und für wen hat es Gültigkeit?

        Wenn sogar verfolgte muslimische Frauen, die von ihren Familien vom Tode bedroht sind, weil sie sich gegen Grausamkeiten wehren, sollte man endlich mal handeln und Grenzen setzen.

        Liebe Sandra,
        ich finde es gut wenn wir diskutieren und unsere Sichtweisen formulieren!

        Ich habe jetzt Religionsfreiheit mal in Wikipedia nachgelesen und es ist in der Tat sehr vielfältig ausgelegt und bietet somit immer eine Begründung für legetimierung, selbst wenn es sich um Kinderehen handelt und um Sex mit Kindern. Vielleicht ist dass auch der Grund, warum es solange gedauert hat bis man dieses Gesetz mal in Angriff genommen hat! Schrecklich, was diese Kinder mitmachen, trotz Gesetz. Denn auch hier gilt, wo kein Kläger auch kein Richter!

        Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Resttag!

        LG Babsi

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        • Danke für diesen ausführlichen Kommentar. Ich finde die Diskussion spannend und wichtig.

          Ich habe ja in meinem ganzen Text nirgends geschrieben, ob ich Burkas nun toll finde oder nicht. Ich habe nur die Argumente dagegen in Frage gestellt… Natürlich resultiert daraus auch, welche Argumente man dagegen oder dafür anbringen könnte. Wir kommen wohl irgendwann bei der Menschenwürde an, welche unantastbar sein sollte nach Grundrecht. Bei der Kinderehe, bei körperlichen Verstümmelungen sehe ich das gebrochen. Ich weiss aber, dass ich damit unsere hiesigen Werte verabsolutiere – philosophisch könnte man das hinterfragen. Die Frauenunterdrückung ist global ein Thema, das unabhängig von der Burka existiert. Dass da Handlungsbedarf ist, darin sind wir uns einig. All die Themen, die du hier aufbringst, sind wichtig und richtig und wir liegen auf einer Linie, aber sie haben nicht grundsätzlich mit der Burka was zu tun. Und da sehe ich die Problematik: Es werden Scheinkämpfe um nichts geführt, während es Themen gäbe, die drängen würden. Wie viel Energie wird mit dieser ganzen Burkasache verbraten, wie viele Ängste werden geschürt, wie viel Ablehnung provoziert? Und all die unterdrückten Frauen, die du nennst, sind auch Musilmas.

          Mit solchen Burkadiskussionen wird aber meist Stimmung gegen den Islam als Ganzes gemacht. Und damit schüttet man dann das Kind mit dem Bade aus. Meinst du, irgendein besorgter Bürger, der laut im Chor „Burkas weg“ grölt, interessiert sich danach noch für unterdrückte muslimische Frauen?

          Ich danke dir für diesen Austausch! Ich finde ihn sehr spannend und bereichernd! Hab einen wunderbaren Tag, liebe Grüsse Sandra

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  3. Der erste Kommentar ist eigentlich für Frau Kunstschaffende (die ich weder für Rechts noch für einfältig halte), denn die Diskussion über das Burkaverbot ist zumindest absurd, da wir in Deutschland keine Burkaträgerinnen haben. Das Kleidung keine Gesetze verletzen darf, erinnert mich an einen 7. Sinn (Verkehrstipps), in dem deutsche Frauen darauf aufmerksam gemacht werden nicht mit sexy Schuhen zu fahren, um keinen Unfall zu bauen. Ich denke auch heute fährt noch jede Frau mit den Schuhen die sie mag. Das solche Frauen Führerscheine besitzen glaube ich indes nicht und solche Verbote über Kleidung nützen niemandem, denn wir verbeissen uns da in Nebensächlichkeiten die weder Regierungsprobleme lösen, noch Frauenrechte stärken, allenfalls ist es Futter für die Leichtgläubigen und einem gefährlichen rechten Pack, die damit auf Menschenfang gehen.

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    • „Verbote über Kleidung nützen niemandem“ – ok, bitte dann aber konsequent Leserbriefe schreiben und protestieren, wenn demonstrierende Jugendlich verhaftet werden, weil sie ihr Gesicht verhüllen!

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        • „Unrecht zu tun, ohne erkannt zu werden“ finde ich gut. Bei den Zaffaraya-Demos und Fichen-Demos und Armeeabschaffungsdemus und Tschernobyldemos und Dampfzentrale-Demos und Reithallendemos wollten wir einfach nur friedlich demonstrieren, ohne vom Staat fichiert zu werden oder in der Schule und im Lehrbetrieb Repressionen befürchten zu müssen. Und wenn es zu Tränengaseinsatz kam wollten wir nasse Tücher vor Nase und Mund binden, um uns zu schützen.
          Mit „Unrecht tun wollen“ hatte das absolut nichts zu tun.

          Aus welchem Grund sollten Burka & Co. erlaubt werden, aber das Gesicht verdecken, um sich selbst zu schützen, verboten bleiben? Müssen Demonstrierende in Zukunft einfach sich eine Burka besorgen, und dann wäre die Vermummung in Ordnung?

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  4. Es geht bei der Frage ja nicht darum, das Fremde zu verbannen, sondern darum, ihm ins Gesicht sehen zu können. „Mit offenem Visier“ ist ein europäischer Ausdruck der zeigt, dass man in friedlicher Absicht und ohne Feindseligkeit einander gegenüber steht. Sein Gesicht zeigen. Einander in die Augen schauen.
    Mir ist grundsätzlich egal, welche Kleidung jemand in seiner Freizeit trägt (im öffentlichen Dienst, insbesondere im Lehramt ist es mir nicht egal). ABER: Bei uns zeigt man sein Gesicht. Das gehört sich so. Punkt, aus, Ende der Debatte.

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    • Auch wenn ich mich sehr spät in die Diskussion einschalte; es gilt als unhöflich, sich mit jemandem zu unterhalten und dabei eine Sonnenbrille zu tragen ( von medizinischen Gründen mal abgesehen). Weil man dem Gegenüber nicht in die Augen sehen kann. Und da soll es weiterhin erlaubt sein, eine Burka zu tragen, unter der sich weiß Gott wer verbergen kann? Da kann ich beim besten Willen nur den Kopf schütteln.

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