Wer die Wahl hat…

Die Würde des Menschen besteht in seiner Wahl.

Dieser Satz von Max Frisch zierte lange Zeit das Haus neben dem, in welchem ich wohnte. Jeden Tag, wenn ich daran vorbei lief, las ich ihn aktiv und stimmte ihm innerlich zu. Der Satz wurde mittlerweile überstrichen und ich bin umgezogen, geblieben ist meine Liebe zu dem Satz und die tiefe Zustimmung.

Es ist mir wichtig, die Wahl zu haben. Die Freiheit, zu wählen, gehört für mich zu meinem Leben. Ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen. Dass der Weg nicht immer linear war, blieb nicht aus. Wird meine Wahl eingeschränkt, fühle ich mich aus meinem Leben vertrieben. Es ist, als ob jemand das Ruder in meinem Boot übernommen hätte und nun rudern will. Weil er wüsste, wo ich hin müsste. Nur: Selbst wenn ich es selber nicht wüsste, wie sollte es jemand anders besser wissen als ich?

Alles, was mich einengt, zwingt mich in die Flucht. Alles, was mich steuern will, lässt mich gegensteuern. Manche nennen es Trotz, ich nenne es Selbsterhaltungstrieb, da ich nur ich bin, wenn ich den Weg selber definiere. Sonst bin ich eine Marionette und das will ich nie sein.

Ich habe Ideale und auch Vorstellungen. Die mögen utopisch sein, nicht gesellschaftlichen Massstäben entsprechen, vielleicht auch idealistisch klingen. Aber ich will die umsetzen. Es zumindest versuchen. Wenn es nicht klappt oder nicht so toll ist, wie anfänglich vorgestellt, kein Problem, ich plane um. Aber nie, ohne es vorher versucht zu haben. Und von jedem Versuch bleibt etwas hängen. Jeder Versuch, auch einer, der nicht das anfangs anvisierte Ziel erreichte, brachte weiter. Schön war immer, wenn ich die Versuche selber abbrechen konnte, nicht abbrechen musste. Das war nie ein Versagen, es war ein Gewinn. Weil: Ich hatte die Wahl und ich habe sie getroffen. Frei.

Ich habe in meinem Leben einiges probiert. Vieles habe ich wieder aufgegeben, gewisse Dinge blieben. Was immer blieb, war das Schreiben. Dass ich es heute leben darf, liegt daran, dass ich nie an dieser Wahl zweifelte. Ab und an am Erfolg derselben, nie aber am Schreiben selber. Ich ohne Schreiben, das gab es nie und wird es nie geben. Die Inhalte sind nicht immer gleich, aber das Schreiben bleibt. Sollte ich mal nicht mehr schreiben, bin ich tot. Ich wünsche mir, mitten im Satz zu sterben. Dann hätte ich bis ganz am Schluss das getan, was ich tun will, immer tun wollte, was mein Leben ist.

Ich bin dankbar, die Wahl zu haben. Ich bin dankbar, sie immer gehabt zu haben. Das Leben war nicht immer einfach, was sicher auch ab und an an meiner Wahl lag. Immerhin: Ich habe sie frei getroffen, nach bestem Wissen und Gewissen, ab und an ein wenig unbedarft, manchmal vielleicht auch überstürzt oder aus Launen heraus, aber immer ich. Ich bin ich, wenn ich die Freiheit habe von und die Freiheit zu. So beschrieb mich heute eine wunderbare Frau. Und sie hat mich voll durchschaut.

3 Comments

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  1. „Ich ohne Schreiben, das gab es nie und wird es nie geben.“ erklärst du und das ist gut so. Das freut uns sehr.

    In Abwandlung deiner Zeilen erkläre ich: „Sollte ich mal nicht mehr dein Geschriebenes lesen und hin und wieder kommentieren, bin ich tot. Ich wünsche mir, beim Lesen mitten in einem Satz von dir zu sterben.“ So oder so ähnlich.

    Einer, der Siegfried Lenz gut kannte, sagte: „Zur Freundschaft geboren, zum Schreiben bestellt.“ So denke ich auch von dir.

    Siegfried Lenz sagte mal: „Die Literatur hat nichts von ihrer Funktion eingebüßt, zur Erkenntnis des Menschen in der Zeit beizutragen. Es kommt ihr weniger darauf an, Fragen des Daseins zu lösen, als Fragen an das Dasein zu stellen.“

    Das tust du und faszinierst uns immer wieder damit.

    Auch sagte er mal: „Der Leser ist ein unbekanntes Wesen, unberechenbar, unkalkulierbar. Man kann ihn nicht gewinnen, indem man ihn – bewusst – mit leicht löslichem Wortzucker bewirtet.“

    Solch Wesen sind wir… und du hast uns gewonnen…

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  2. „Weil er wüsste, wo ich hin müsste. Nur: Selbst wenn ich es selber nicht wüsste, wie sollte es jemand anders besser wissen als ich?“ – Das ist sicher so. Nur weiss man manchmal selber nicht ganz so recht, wohin man wirklich will. Und in einem Gespräch mit jemandem „Fremden“, lässt sich das manchmal klarer und/oder schneller festlegen. Entscheiden, wohin und auf welchem Weg muss wohl jeder selber. Jeder ist seines Glückes eigner Schmied. Die Verantwortung für sich selber muss jeder selber tragen, die nimmt einem ja auch niemand ab.

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    • Meinungen von aussen können hilfreich sein, da man von aussen ab und an klarer sieht, als wenn man zu verstrickt ist. Aber wie du sagst: Die endgültige Entscheidung sollte bei einem selber liegen, denn nur dann geht man den Weg, den man gehen will. Die Gefahr besteht immer, Wege zu gehen, weil man denkt, anderen damit einen Gefallen zu machen. Das kann in gewissen Punkten gut und richtig sein, bei der Lebensgestaltung erachte ich es als wenig glückbringend – für alle Beteiligten.

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