Ich bin ja eher unbedarft. Gehe so durch die Welt und mache, was mir gefällt. Ab und an tummle ich mich auch in sozialen Medien, habe da einige Freunde, Follower und dergleichen. Wie ich dazu kam? Ich weiss es nicht mal so genau. Ist halt passiert. Oder so. Aber: Ich möchte mich da austauschen, bin interessiert an Gedanken, anderen Weltsichten und freue mich über jede Diskussion, die entsteht.

Kürzlich stellte einer ein Bild ins Netz und schrieb: „Meine neue Autogrammkarte.“ Ich sass so da und fragte mich: „Wieso will man von dem ein Autogramm? Kennt man den?“ Ein anderes Mal stellte einer ein Bild ins Netz und ich erkannte darauf neben ihm eine Akteurin meiner täglich geschauten Serie (ein Laster hat ja jeder). Da ging mir erst auf, dass er da wohl mitspielt. Seit da stelle ich fest, dass ich mich wohl mit meinen Kommentaren bei Bildern zurückhalten sollte, denn: Da schreibt man nur „Du bist so toll!!!!!“ und „Du siehst heute mal wieder suuuuuper aus!!!!!“. Dazu sind die Profile wohl gedacht. Nicht ganz meine Welt.

Mein erstes Aha-Erlebnis in dieser Beziehung war, als ich zu einem Twitter-Treffen eingeladen war, weil ich als Erste auf einen Post geantwortet hatte. Vor Ort traf ich ganz viele, die die Einladende gut aus dem Radio kannten und ganz Fan waren. Ich hatte noch nie von ihr gehört. Der Tag war trotzdem toll, ich habe mir einfach nicht anmerken lassen, dass ich die einzige Banausin unter Wissenden war und wohl einem weiteren Fan den Platz weggeschnappt hatte.

Ich bin kein Fan. Von keinem. Ich mag Filme, Musik, Bilder, Bücher. Ich achte die Arbeit, die dahinter steckt. Aber Fan? Dann müsste ich auch Fan der Putzkraft im öffentlichen Klo am Bahnhof sein, wenn das sauber ist. Denn: Das ist mir wichtig. Aber vielleicht verstehe ich das Ganze einfach nicht. Wenn ich Fan wäre, dann wohl von Elvis – der hat leider kein Facebook-Profil.

Kürzlich auf Facebook. Jemand meinte, mir die Welt erklären zu müssen. Er hatte – mich nicht kennend – all meine Probleme erkannt, sah, dass ich einsam sei, nie ausgehe und dazu noch ein Alkoholproblem hätte. Er meinte es nur gut und lobte sich selber ob seiner Menschenkenntnis und seines Durchblicks. Ich müsse ihm vertrauen. Er wisse, wovon er spräche.

Besagter Mensch kannte mich nicht wirklich – eigentlich kannte er mich gar nicht. Er hatte das Eine oder Andere vielleicht auf Facebook gelesen, wusste aber weder, was ich alles so mache im Leben, noch wie ich lebe, gelebt habe, zu leben vorhabe. Er wusste gar nichts von mir – er interpretierte.

Nun war das nicht das erste Mal, dass mir solches passierte. Und jedes Mal: Bei Nachforschungen, wer denn da so aus dem Vollen der Menschenkenntnis schöpft, stiess ich immer auf Menschen, die gesundheitlich angeschlagen, beruflich eher unerfüllt und beziehungsmässig alleine waren. Das fand ich sehr traurig, nur: Es stellt sich mir die Frage, woher ihr Drang rührt, anderen die Welt erklären zu wollen?

Die Hausfrauenpsychologin in mir würde nun sagen, sie agieren aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Sie projizieren in andere rein, was ihnen selber fehlt oder wo sie Probleme haben (was sie immer auch sagten, dass sie sie (zumindest gehabt) hätten. Dazu kommt, dass ich eine Frau bin und als solche noch eher sensibel und nachdenklich veranlagt – das scheint zu provozieren. Nur: Weil man was reinliest, ist das nicht auch da.

Damit nicht noch viele Weitere in die Irre gehen: Mir geht es gut. Man muss sich keine Sorgen machen. Ich habe eine wunderbare Familie, habe, ich darf es sagen, meinen Traumberuf, habe Hobbies, die mich ausfüllen, die mir Spass machen, die ich mit Leidenschaft betreibe, und ich bin alles andere als alleine. Und ab und an bin ich sogar alleine und das sehr gerne. Ich kämpfe fast drum, mal allein sein zu können, weil ich es brauche – wann sonst soll ich meine Hobbies pflegen? Klar ist mein Leben kein Paradies, denn ich bin nicht der Mensch dafür. Lebte ich im Paradies, würde ich selbst da das Haar in der Suppe finden – meint zumindest mein Herr Papa. Damit mache ich mir und meinen Lieben das Leben nicht immer leicht – aber auch nie langweilig.

Ergo: Alles gut. Und wer mal wieder denkt, die Welt retten zu müssen – bitte nicht bei mir, der Kelch möge an mir vorüber gehen.

Facebook, Twitter und Konsorten sind ab und an mein Tummelplatz. Ich klicke mich durch Beiträge, stelle selber welche ein. Manchmal kommt es zu wilden Diskussionen, oft einfach zu einem schönen Austausch. Es sind schon Freundschaften entstanden durch diese Medien, teilweise ganz wunderbare, die ich nie mehr missen möchte. Eigentlich also eine gute Sache. Und hier hört man das Aber förmlich schreien: „Ich bin hier, es gibt mich, die andere Seite“.

Was mir immer wieder auffällt, sind Menschen, die nichts anderes zu tun zu haben scheinen, als irgendwelche abschätzigen, abwertenden, spitzigen Kommentare zu platzieren. Egal ob man ein Bild von einem Hund, von einem Essen oder von einem Hobby ins Netz stellt: Immer kommt ein Schlag vor den Bug. Darauf angesprochen ist das natürlich immer nur Humor – den man nur nicht versteht.

Humor ist ein weites Feld und nicht jeder teilt denselben. Das ist nichts Neues und auch kein grosses Problem. Wenn Humor immer nur aus negativen Parolen besteht, kann es zu einem werden. Was ich mich aber immer wieder frage, ist: Wieso muss man zwingend zu allem etwas Negatives sagen? Und kann man alles Negative immer mit Humor abtun oder steckt da nicht oft eine ganz grosse Portion Zynismus dahinter? Was treibt Menschen an, die glauben, anderen ihre zynischen Bemerkungen fortlaufend um die Ohren hauen zu müssen?

Was geht in einem Menschen also vor, der bewusst ständig die Gefühle anderer Menschen missachtet, um seinen Spass zu haben? Macht das wirklich Freude? Oder ist dieser Mensch selber so frustriert, dass er diesen Frust irgendwie loswerden muss – und da eignet sich am besten ein trotz allem zum grossen Teil anonymes Medium, wo man sich so richtig auskotzen kann und keine Konsequenzen trägt? Dem Chef kann man das Arschloch nicht ins Gesicht schreien, der Ehefrau die dumme Kuh auch nicht. Und wenn weder Chef noch Frau da ist, man frustriert allein zu Hause sitzt, gibt es erst recht nichts anderes, als irgend so ein dahergelaufener FB-Buddy, dem man mal schnell die Freude am eigenen Tun nimmt. Einfach so aus Spass. Muss der doch verstehen. Ist ja nur unglaublich lustig.

Diese Menschen gibt es nicht erst seit Facebook, die gab es schon früher. Früher war auch nicht alles besser, im Gegenteil. Und doch haben Medien wie Facebook die Hemmschwelle runtergesetzt, wie mir scheint. Das liegt wohl zum grossen Teil daran, dass man dem anderen nicht mehr in die Augen schauen muss. Dadurch melden sich das eigene schlechte Gewissen und das Schamgefühl ob der eigenen Verwerflichkeit nicht so sehr (wenn ein solches überhaupt noch spürbar ist).

Vielleicht hilft es in Zukunft, sich hinter dem Miesepeter dessen Herrchen vorzustellen, der laut ruft: Keine Bange, er beisst nicht, er will nur spielen. Und wenn man sich dann noch den wild hechelnden Zyniker vors innere Auge führt, dann hat man plötzlich auch Spass. Und lacht herzhaft mit ihm. Das ist zynisch? Hat was. Aber der andere wird es verstehen, es ist ja genau seine Art von Humor.

Man stelle sich ein grosses offenes Feld vor. Darauf stehen einzelne Krieger, die sich hinter Schutzschilden verstecken. Man sieht sie zwar da stehen, weiss aber nicht genau, wer oder was sich nun hinter dem Schild versteckt. Nun rufen die einzelnen Krieger hinter ihren Schutzschilden hervor. Die einen wollen nur spielen, die anderen sind ganz lieb, die dritten wollen geliebt werden und die vierten auffallen. Die fünften wissen, wie die Schlacht läuft, und wollen, dass alle das wissen, und die restlichen wissen nicht so ganz, was sie wollen, sind aber da, um es herauszufinden. Ob immer stimmt, was sie so rufen? Man weiss es nicht, man muss es hoffen und drauf vertrauen. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass immer einige sich nicht nur durch den Schutzschild tarnen, sondern diesen dazu nützen, ihre wahren Motive zu verbergen. Sie rufen Friede, Freude, Eierkuchen und gute Motive ins Feld und untergraben dieses dann im Versteckten mit ihren eigentlich anderen Absichten.

Etwa so kommt mir aktuell die Internetlandschaft vor. Menschen tummeln sich im weiten Feld des weltweiten Netzes, sitzen gut versteckt hinter ihren Bildschirmen und trauen sich Dinge, die sie im realen Leben nie täten. Jeder plötzlich ein Held, jeder lebt aus, was er sonst nicht schafft. Gefühle anderer? Egal. Sollen sich nicht so haben, ist ja nur Spass, ist ja nur Internet. Und wenn es doch nicht so toll ist: Kein Problem, sind ja alle weit weg und können einem nix anhaben. Was schon im realen Leben schwer rechtlich zu verfolgen ist – Stalking und Mobbing – floriert in der Cyberwelt noch ungestörter. Selbsternannte Traummänner belagern ihre Traumfrauen vollumfänglich auf allen nur erdenklichen Wegen und Kanälen. Von sich überzeugte Besserwisser und Rächer des selbst erstellten Wahrheitsanspruchs schiessen gegen andere mit allen nur erdenklichen Waffen – und schaffen es teilweise sogar, eine Hilfsarmee zu gruppieren, die mitschiesst. Und alle rufen immer wieder hinter ihrem Schutzschild hervor: „Ich bin ein Lieber, ich weiss es nur besser und meine es gut. Wer das nicht sehen will, den bringe ich mit Einsatz und Gewalt dazu.“ Zwar resultieren aus der Gewalt im Netz weder Dolchstoss noch Kugelloch, doch die Verletzungen gehen tiefer, sie treffen die Seele.

Problematisch am Ganzen ist, dass sich mangels wirklicher Mittel, solche Übergriffe einzudämmen, meist nicht die Täter zurückziehen, sondern die Angegriffenen. Was so über kurz oder lang zurückbleibt im Feld, kann jeder selber erahnen. Wichtig wäre, sich gegen solche Angriffe zu wappnen, sie nicht durchgehen zu lassen. Die aktuell wohl einzige Massnahme dazu ist pure Ignoranz. Wer um jeden Preis auffallen will – und ohne Aufmerksamkeit macht der selbstdarstellerische Kampf keinen Spass -, sitzt so hoffentlich bald auf dem Trockenen. Und wer weiss, vielleicht geht er dann bald mit seinem Spiegel sprechen, da das Gegenüber dort das einzige ist, das noch auf ihn reagiert.

Zu hoffen bleibt, dass auch die Möglichkeiten im Netz bald besser werden, aktiv gegen solche Übel vorzugehen, damit das Internet wieder mehr Spielfeld wird und bleibt, statt zum Schlachtfeld zu verkommen.

Ich sitze vor meinem Computer, der Browser ist offen, auf einem Reiter sieht man den kleinen blauen Vogel von Twitter, auf dem anderen das blaue Quadrat mit dem F drin. Ich wechsle hin und her, twittere mit den einen, klicke „gefällt mir“ bei den anderen, überlege mir sinnige Sprüche, stelle Lieder ins Netz, damit sie jemandem gefallen mögen, ich wahrgenommen werde im ganzen Wirrwar der Gleiches tuenden Menschen vor ihren Bildschirmen. Vor mir ziehen Timelines durch, vieles übersehe ich, was bei einerseits über 1000 Freunden, andererseits bei über 600 Verfolgten nicht ausbleibt. Wie muss es erst denen gehen, die ein Vielfaches von meinen Kontakten haben? Und was bedeuten diese Kontakte überhaupt? Habe ich so viele Freunde? Verfolge ich so viele Menschen? Schliesslich und endlich nehme ich nur einen Bruchteil von allem wahr, mit den wenigstens komme ich in einen wirklichen Diskurs.

Andere  haben 100e von Reaktionen auf ihre Beiträge, bei mir befindet sich die Zahl meist im einstelligen Bereich und ab und an nicht mal das. Was sagt das über mich aus? Bin ich uninteressant? Unbeliebt? Kein sozialer Mensch? Im sogenannt realen Leben habe ich auch wenig Freunde, da stört es mich nicht, da meine Zeit für mehr nicht reichen würde. Meine Geduld schon gar nicht. Ich mag es nicht, ständig Menschen um mich zu haben, bin gerne zu Hause und für mich. Dass ich dann am Computer sitze und mit Menschen in der weiten Welt in Kontakt zu treten versuche, hat dabei eine etwas skurrile Note.

Ich könnte mal ein Bild von meinem Computer auf Instagram stellen, geht es mir durch den Kopf. Damit man auch noch mit Bild sieht, was ich gerade mache. Nicht dass es speziell wichtig und interessant wäre, aber man stellt sich ja dar. Leben im Jahr 2014. Immer öffentlich, immer präsent. Kaum jemand, der sich diesen Medien entzieht. Böse Zungen behaupten, die Menschheit verarme, da sie nur noch zu Hause sitzt und kein reales Leben mehr hat. Ich bezweifle das. Ich habe über Twitter und Facebook einige tolle Menschen kennengelernt, die ich nun auch im realen Leben treffe. Wir gehen Kaffee trinken, plaudern, wandern, ins Kino, zum Essen. Natürlich bleibt es nicht aus, dass das Ganze über Twitter, Facebook und Instagram verbreitet wird, schliesslich ist man sich und den anderen das schuldig und endlich hat man über diese Kanäle überhaupt zu diesem Vergnügen gefunden. Wenn man sich dann im realen Leben trennt, schickt man via SMS – oder gleich über die öffentlichen Kanäle – noch ein Dankeschön hinterher, soviel muss sein.

Es fällt leichter, übers Internet zu sagen, was man denkt. Man ist anonymer, freier, kann sich hinter den Tasten und Bildschirmen verstecken. War man zu frech, kann man es als Missverständnis auf die Schriftlichkeit schieben, war man zu böse, kreiert man einen ebensolchen Charakter und bildet sich als Kunstprodukt, war man zu romantisch, lief man ins Messer, verlor man gar sein Gesicht, so war es immerhin nur das des Avatars, nicht zwingend das wirkliche. Man rettet sich dann in den Gedanken, dass einen da aussen eh kaum einer kennt, es also egal ist. Eigentlich. Trotzdem brodelt es im Innern. Genauso wie die mangelnden „gefällt mir“-Klicks und Favorisierungen.

Sind wir wirklich den technischen Errungenschaften ausgeliefert? Kinder des Social Media, die sich im wahren Leben kaum mehr zu bewegen wissen, wenn sie nicht in ein Gerät starren, sich nicht der grossen Öffentlichkeit darbieten können? Was treibt uns an? Das Gefühl, unscheinbar, zu klein zu sein, so dass wir mehr Aufmerksamkeit suchen? Das quasi anerkannte und akzeptierte ADHS der Erwachsenengeneration? Wenn dies geschrieben ist, wird es auf WordPress, Facebook und Twitter erscheinen, wird verbreitet werden und eventuell sogar gelesen. Wird man es mögen? Wird es gefallen? Wird jemand was dazu schreiben? Wozu schrieb ich es? Wieso? Weil ich es nicht anders kann? Ein Zwang? Das Streben nach Output, der beim Schreiben am grösseren Text oder gar Buch zu wenig schnell kommt, so dass ich mich in kleinen Texten ergiesse, die sofortige Reaktionen bringen, nicht erst Jahre des Schaffens bedingen, um irgendwann vielleicht genauso wenig gelesen zu werden? Twitter und Facebook also nur Ablenkungsmanöver von den grossen Dingen des Lebens, an die wir uns kaum ran wagen oder aber ab und an an ihnen verzweifeln?

Schliesslich und endlich ist Social Media das, was wir draus machen. Der Sog, den es entwickeln kann, nimmt mitunter suchtähnliche Züge an, man taucht ein in eine Welt, fühlt sich bald getrieben, immer auf dem neusten Stand sein zu müssen, da das Leben im Netz, in der eigenen Timeline, an einem vorbeirauscht, wenn man nicht hinschaut und man so etwas verpassen könnte. Es ist wie im Kindesalter, wenn man nicht ins Bett wollte, weil man dachte, all die spannenden Dinge im Leben passieren dann, wenn man nicht dabei ist. So zögerte man das ins Bett Gehen hinaus und hinaus. Genauso scrollt man sich in allen Lebenslagen durch die verschiedenen Timelines, schaut, wo wer was schrieb, antwortet kurz, egal, ob man gerade auf dem Klo oder beim Mittagessen mit Freunden sitzt. So viel Zeit muss sein, schliesslich spielt da das wahre Leben – zumindest ein Teil davon. Und es ist wahres Leben, auch wenn es virtuell ist. Wenigstens zum Teil.

Nun kann man diesen Teil – und das wird oft getan – mit moralischen und anderen Massstäben bewerten, sich darüber auslassen und alles verdammen. Schliesslich und endlich hat jedoch jede Generation ihre von der letzten Generation mit hochgezogener Augenbraue wahrgenommenen Auswüchse. Dies ist unserer, der nächste wird kommen. Wir werden dann immer noch in altangestammten Timelines scrollen, über die wiederum unsere Nachgeboren die Nase rümpfen ob ihrer Antiquiertheit, während diese schon viel weiter sind. Man darf gespannt sein.

Facebook ist ein schwieriges Pflaster. Es ist vor allem eines mit vielen Fettnäpfchen und  Stolpersteinen. Entweder sind diese sehr ausgeprägt, dass sie grundsätzlich nicht zu vermeiden sind oder aber ich bin in deren Umfahrung eher ungeschickt, fühle mich von den netten Risiken und Gefahren, auf deren Nebenwirkungen mich noch keiner aufmerksam gemacht hat, zu sehr angezogen. So oder so: ich falle drüber und lande drin – immer wieder.

Zuerst mal ist wohl die geschriebene Sprache schon generell eher anfällig für Missverständnisse. Ich sitze hier vor meinem Computer, haue in die Tasten und denke mir etwas bei dem, das ich schreibe (im besten Falle). Ab und an ziehe ich vielleicht die Augenbrauen zusammen, dann wieder lache ich. Meine Mimik widerspiegelt den in die Zeilen gelegten Sinn und die intendierte Konnotation. Hinter einem anderen Computer sitzt ein anderer, den ich mehr oder minder kenne (und er mich), er liest die Buchstaben so, wie sie am Schirm auftauchen, hat dabei seinen Hintergrund an Textverständnis und Erfahrung und liest so unweigerlich etwas aus diesen Zeilen, das nicht wirklich da steht. Zwar weicht seine Interpretation nicht willentlich oder gar bösartig von meinem Text ab, oft bewegt sie sich innerhalb der Wörter, sie unterschlägt diesen einfach eine Stimmung oder eine Meinung oder fügt beides hinzu. Wenn er das Lachen nicht mitdenkt kann etwas humoristisch gemeintes völlig anders wirken, dasselbe passiert auch bei anderen Auslassungen oder Zusätzen. Oft kann man es auflösen, die Welt (die sich sowieso nicht an Dingen wie Facebook aufhängen sollte, was aber wohl auch selten bewusst passiert)geht nicht unter. Ab und an erwachsen daraus grössere Geschichten und das ist sicher eine der Schwierigkeiten von Facebook.

Ein weiteres Problem, blenden wir mal die Interpretationssache aus, liegt in der Informationsflut, die wir täglich zu bewältigen haben und der wir auch andere aussetzen. Plötzlich ist er da, dieser Drang, alles sagen zu wollen. Vom Aufstehen über den ersten, zweiten, dritten Kaffee bis hin zum Klo und anderen Ausflügen wird alles feinsäuberlich geteilt. Nun wäre dies beim Kaffee, vor allem wenn er in der Folge auch real vor dem Empfänger dieser geteilten Welt stünde, sehr angenehm, andere Mitteilungen sind in dieser Hinsicht sicher schwieriger zu bewerten.

Auch als Leser hat man seine Schwierigkeiten: Je mehr Freunde man hat, desto mehr an Mitteilungen wird man von ihnen verpassen. Sie gehen zu schnell unter in dem ewig fliessenden Strom von Bildern, Musik, politischen Äusserungen, Humor, Sinnsprüchen, Essensberichten, Beziehungsständen und Tagesablaufsinformationen. Und wenn es als Leser passiert, dass man Dinge verpasst, kann der Schreiber ab und an doch sehr pikiert reagieren. Er fühlt sich ignoriert, möchte gesehen, gelesen, wahrgenommen werden. Er fühlt sich übergangen und das breitet negative Gefühle aus. Zwar streitet er diese ab, doch scheint es doch nicht ganz so unwichtig zu sein, es wird immerhin zum Thema – auf die eine oder andere Art. Und was, wenn man irgendwo immer kommentiert, der andere aber im Gegenzug nicht bei einem selber? Ist dann die Welt aus dem Gleichgewicht oder ist man nur starr, wenn man drauf hofft, gleich wichtig für ihn zu sein wie er für einen?

Ein weiterer Punkt sind die verschmähten realen Freunde. Sie lesen etwas im FB, was ihnen so noch nicht bekannt war und fühlen sich plötzlich übergangen oder nur noch als einer von vielen Facebookfreunden, statt der reale gute Freund, der sie dachten zu sein. Sie fragen sich und einen, wieso man nichts gesagt, sie nicht eingeweiht hat, stattdessen aber der ganzen (Facebook)Welt davon berichtet. Sie sind traurig, wütend, verletzt. Und man sieht den Punkt, doch fragt man sich, wann man eigentlich in diese Pflicht kam, sich mitteilen zu müssen? Und ob ein Satz im FB schon so tief geht wie eine persönliche Mitteilung zu einem Freund. Und wann genau der passende Zeitpunkt gewesen wäre dafür. Und ab und an weiss man gar nicht, was man zu gewissen Dingen sagen kann, eine Momentaufnahme macht aber einen Satz draus, der in die Facebookwelt passt, aber noch kein Thema für ein Gespräch ist?

Als ob es bis dahin nicht schwierig genug gewesen wäre, kommen nun noch die wirklichen Risiken und Gefahren. Facebook sei ein Beziehungskiller, es knüpfe Bänder zu Menschen, die sonst nie so leicht entstanden wären und lasse dann etwas entstehen, was so nicht hätte sein sollen in Anbetracht des realen Beziehungsstand, welcher sich in der Folge oft drastisch ändern könne – und es auch oft täte. Das mag gut sein. Ich erhielt gerade gestern ein sehr nettes Angebot einer jungen Frau aus Dakar, sie wollte mich gerne kennen lernen, mir Bilder schicken, sie fand mich nett – das auf Deutsch und Englisch und in kurzen Abständen mehrfach mit demselben Text (das sollte wohl die Ernsthaftigkeit des Ansinnens unterstreichen und die Grösse des Wunsches ausdrücken). Ich fühlte mich in der Tat sehr zugetan und geschmeichelt, war man doch mit so ernsthaften Absichten in den Weiten des Facebook ausgerechnet auf mich gestossen. Nun gut, das Geschlecht stimmte hier in meinem Fall nicht ganz, aber es gibt ja auch die Vorstösse des anderen Geschlechts, die teilweise ähnlich klingen wie das der hochverehrten Interessentin von gestern. Manchmal gibt es aber auch schlichte Vorstösse, die mit einer einfachen und deutlichen Sprache daherkommen: „Hi Sexy.“ Die anschliessende Frage nach dem Befinden ist harmlos, der abschliessende heisse Kuss schon eher sehr forsch, aber wir lernen ja, unsere Gefühle auszudrücken, offen und ehrlich zu sein – so war das in dem Falle bestimmt gemeint.

Doch auch ganz im Ernst hilft Facebook natürlich, Menschen über den Globus miteinander zu vernetzen. Man lernt sich über Diskussionen, gemeinsame Themen und Ideen kennen, fühlt sich durch Hobbies verbunden, gerät in einen Austausch und fühlt sich darin verstanden. Das knüpft Bänder, die im realen Leben (vor allem oft über die Distanzen) nicht entstanden wären. Sicherlich kann das eine Gefahr darstellen für bestehende Beziehungen, da man so auf eine grössere Anzahl von Menschen trifft. Trifft der richtige Mensch (davon gibt es ja nicht nur einen) zur richtigen Zeit (auch der Zeiten sind mehrere) auf die richtige Stimmung, könnte da schon etwas entstehen, was so nicht beabsichtigt oder gar gesucht war. Doch meistens steckte wohl tief drin der Wunsch, etwas zu füllen, was genau auf diese Weise gefüllt wird. Was man dann daraus macht, ist aber immer noch die eigene Entscheidung, es passiert nichts einfach so.

So oder so bleibt Facebook, was es ist: Eine witzige Sache, die mit etwas Vorsicht zu geniessen ist, die man nicht ganz unhinterfragt immer für bare Münze nehmen sollte, deretwegen man das reale Leben nicht völlig aufs Abstellgleis stellen sollte. Trotzdem ist es aber schlicht unterhaltend und ab und an auch sehr bereichernd und neue Sichtweisen eröffnend.

Wer bin ich, was macht mich aus? Diese Frage ist wohl eine der zentralen im Leben. Oft kann man sie nicht abschliessend beantworten und beruft sich auf einzelne Rollen, die man spielt. Man ist Mutter, Hausfrau, Leseratte, Frau, Buchhalterin, Polizistin, heisst Corinne, vielleicht auch Chantal. Vielleicht ist man auch Mann und heisst Paul, ist Versicherungsvertreter, homosexuell oder Buddhist. Oder alles miteinander? Und was davon ist nun das Ich? Was zählt in all dem, worauf liegt der Schwerpunkt?

 

Wir alle entwerfen für uns selber ein Bild von uns, wie wir uns sehen und noch eines, wie wir gerne wären. Problematisch wird es, wenn die beiden Bilder weit auseinander klaffen und ebenso schwierig ist es, wenn eine der von uns als zentral erachteten Rollen wegfällt. Wenn die Arbeit aufhört, die Kinder ausfliegen – die Welt gerät ins Schwanken und man hat sich selber verloren mit dem Wegfall der Rolle. Was bleibt, wenn das Zentrale weicht?

 

Das nächste Bild, das wir zeichnen, ist das nach aussen. Wir stellen uns dar, geben gewisse Dinge preis, andere eher nicht. Wir stellen uns vor und zeigen uns dann von „unserer guten Seite“ – oder gerade umgekehrt, wenn wir im Sturm-und-Drang-Alter sind voller Rebellion und Aufstand. In irgendeiner Form positionieren wir uns zur Welt und machen so oder so immer dasselbe: Wir reagieren auf das Aussen in einer Form, die wir diesem Aussen angemessen erachten.

 

Im Zeitalter des Internets sind diese eingenommenen Rollen noch viel relevanter geworden. Man tummelt sich auf Plattformen und wird überall gefragt, wie man heisst, was man arbeitet, was man mal gearbeitet hat, ob man eine Beziehung hat und sogar, ob die schwierig ist. Man presst sich in Rollen, um dadurch in die dazugehörige Schublade zu passen. Wenn das eigene Bild nicht nach aussen soll, nimmt man sich ein Pseudonym und schreibt nicht mehr als Charlotte, sondern als Susanne. Von aussen erscheint ein neuer Mensch. Es lebe die Welt des Rollenspiels. Was echt ist, was nicht, die Grenzen sind schwimmend. Worauf kann man noch vertrauen? Sind wirklich alles nur noch gespielte Rollen? Schöne neue Welt.

 

Rollen geben Halt und bieten wohl auch Schutz. Indem ich mich zu einer Rolle bekenne, mich mit ihr identifiziere und mich nach aussen in ihr zeige, gebe ich den anderen etwas in die Hand, woran sie mich messen können. Ich weiss dadurch, was sie von mir erwarten, weil sie sich auf diese eine Rolle stürzen und mich als diese nehmen. Oft schmerzt das mit der Zeit, weil man sich nur einseitig wahrgenommen sieht und merkt, wie viel von einem selber dabei auf der Strecke bleibt. Auch Dinge, die einem wichtig wären, die aber nicht mehr zum Tragen kommen. Es kann auch schwierig sein, wenn man sich der eigenen Rolle dann und wann nicht gewachsen fühlt oder fürchtet, man könnte sie irgendwann nicht mehr ausfüllen. Was dann? Wer wird einen dann noch wahrnehmen? Das war doch das einzige, was man nach aussen kundtat, so wurde man gesehen. Was also, wenn die Schublade nicht mehr passt, man herausfällt? So gesehen können Rollen auch Druck erzeugen, sie können förmlich erdrücken. Schlussendlich ist jede Schublade auch nur eine bessere Holzkiste und man schafft sich damit quasi selber den Sarg, der irgendwann im selbst geschaufelten Grab versinkt.

 

Wer also bin ich? Sicher immer mehr als meine Teile und sicher etwas anderes als ein durch wenige Stichworte oder Rollen beschriebenes Bild. So lange ich mich hinter einer Rolle verstecke, mich mit Namen oder Berufsbezeichnungen verkaufe oder gar profiliere, muss ich mich nicht wundern, wenn keiner mich wirklich sieht. Das mag ab und an toll sein, oft gar eine Ahnung von Versteckspiel, Schauspielerei, vielleicht sogar Überlegenheit vermitteln, ob das tief drin wirklich ausfüllt, bleibt dahin gestellt.

Der gläserne Mensch ist schon lange eine bekannte Tatsache, man hat sich fast schon damit abgefunden. Kameras filmen uns bei alltäglichen Gängen zur Post, Bank oder beim Einkaufen, die Cumuluskarte und neu auch die Supercard helfen, mein Einkaufsverhalten kennenzulernen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, Amazon schickt mir Büchervorschläge anhand der Auswertungen meiner vergangenen Einkäufe, Facebook und Twitter schlagen mir neue Freunde vor, da sie meine alten kennen. Alle kennen sie mich, mein Verhalten, meine Gewohnheiten. Das ist nicht toll, wohl aber nicht zu ändern. 

Eine ganz neue Dimension dieses Spiels entdeckte ich aber in den letzten Jahren, seit mein Kind in der Schule ist. Das Kind kam eines Tages mit einem Blatt nach Hause, auf dem ich feinsäuberlich meine Geburt und die nachfolgenden Stillerfahrungen notieren sollte, inklusive Stilldauer und weiteren Informationen. Ich bin sonst durchaus ab und an kooperativ, mitunter auch mitteilungsfreudig, aber ich suche mir gerne aus, wann ich was wem erzähle und eine mir unbekannte Lehrerin gehört nicht zu dem Kreis, der an meinen intimsten Details teilhaben sollte. Das Kind verstand zum Glück meine Beweggründe und trug das Blatt mit meiner Antwortverweigerung brav zur Schule. Ich dachte, damit sei die Sache gegessen. Der nächste Anschlag kam: Unsere Ernährungsgewohnheiten in Bezug auf Milchprodukte sollten in einer Wochentabelle notiert werden: Wann isst Familie Cosima wie viele Einheiten welches Milchprodukts. Mit der Aufforderung zur Offenlegung kam auch noch die klare Anweisung, wie viele Einheiten es zu sein hätten. Damit die Kinderchen sich auch wirklich dran halten, erzählte die gute Frau Lehrerin, wie wichtig das sei, dass sie sonst alle krank würden, wenn nicht heute, so sicherlich morgen. Zudem würde man unweigerlich dick, verzichtete man auf diese Milchprodukte. Nun vertrage ich Milchprodukte eher schlecht, früher noch schlechter als heute. Ich mied diese also früher ganz, heute esse ich sie in Massen. In der chinesischen Medizin lernte ich zudem, dass Milch den Körper verschleimt. Diesen Effekt sah ich bei meinem Sohn auch mal ziemlich deutlich, als er mit einer Erkältung kämpfte. Zuerst wollte ich brav schweigen und überlegte sogar kurz, die Tabelle zu fälschen. Doch dann schrieb ich ihr eine lange und ausführliche Stellungnahme zu dem Ganzen (ernährungstechnisch). 

Heute nun kriegte ich ein Schreiben der städtischen Gesundheitsdienste. Schlularzttermin fällt an. Dazu wollten sie alles über vergangene (wenn es ginge auch zukünftige, ich bin mir sicher) Krankheiten, Unfälle und sonstigen Gebrechen wissen. Dazu noch eine Kopie der bisherigen Impfungen. Danach musste man ankreuzen, wozu man sein Einverständnis gibt, die Auswahl war so, dass man kaum um die Impfung beim Schularzt herum kommt. Nun darf man mich nicht falsch verstehen, ich bin selber Wissenschaftler und bis zu einem gewissen Grad der Wissenschaft angetan. Ich impfe, weil ich davon ausgehe, dass die, welche die Impfungen erfinden, ihre Sache gut machen und mehr von der Materie verstehen als ich. Diesen Mehrverstand spreche ich den meist nicht medizinisch ausgebildeten Impfgegnern einfach mal ab. Ich weiss, reine Spekulation, meine eigene Hypothese, ich stehe dazu und baue darauf. Trotzdem möchte ich mein Kind nicht im Rahmen einer Schulkontrolle impfen lassen, das tut unser Kinderarzt, mit dem ich das angeschaut habe und dem ich vertraue.

Heute hatten wir Ärger mit dem Internet. Ein Anruf mit dem Kundencenter des Anbieters kam sogar über die Warteschlaufe hinaus, bis hin zu einem Mitarbeiter. Am Telefon führte er uns durch gewisse Schritte, sah dabei, wann unser Modem an war, wann aus. Mein Iphone weiss, wo ich wann bin, mein Facebookaccount schreibt, wo ich welchen Status schreibe, Twitter weiss das auch, Google kennt meine Bilder, hat auf dem Drive meine Dokumente, managt meinen Kalender, die Cloud synchronisiert den anderen Kalender sowie meine Kontakte und Lesezeichen. Bei diversen Seiten kann ich mich gleich mit dem Facebookaccount anmelden, der nun auch meine privaten Adressen und Telefonnummern freigibt. Ich bin umstellt, durchleuchtet, ein gläserner Mensch. 

 

Vom Begriff her hörte ich das schon ein paar Mal, in Tat und Wahrheit erschreckt es mich bei jedem Mal, wenn es akut bewusst wird, erneut. Meist verdränge ich es, denke nicht dran. Wozu auch, es lässt sich nicht ändern. Und doch: Will ich das? Eigentlich nicht. In diesem Zusammenhang kommt mir immer der Ausspruch meines Sohnes in den Sinn:

Mama, ich will nie zu Facebook, Facebook ist doof. Ich will mal ein Mann mit Geheimnissen sein.