Bernhard Schlink: Das Wochenende

Ich flehe nicht um Gnade. Ich habe diesen Staat bekämpft, und er hat mich bekämpft, und wir schulden einander nichts. Wir schulden Treue nur dem eigenen Anspruch.

Nach zwanzig Jahren Haft ist der ehemalige RAF-Terrorist Jörn vom Bundespräsidenten begnadigt worden. Seine Schwester Christiane lädt für das erste Wochenende in Freiheit die alten Freunde auf ein abgelegenes Landgut ein. Alle Freunde haben früher mit der Revolution sympathisiert, dann aber ihren Platz im bürgerlichen Leben gefunden. So sitzen sie sich gegenüber, die, deren Leben weiter ging und der, dessen Leben stehen geblieben war. Während er noch immer dem Gedankengut von damals verhaftet ist, sich in der neuen Welt und in der Freiheit vor allem nicht richtig  wohl fühlt, suchen die alten Freunde ihren Standpunkt zwischen Distanz, Neugier und Nostalgie.  In der Auseinandersetzung mit Jörn werden sie aber immer mehr auch auf ihre eigene Biographie zurückgeworfen, erkennen die Schwachpunkte in ihrem eigenen Leben. Sie erkennen ihre Lebenslügen und erinnern ihre Lebensträume. Sie erkennen die Realität als Exil, in welches sie flüchteten, weil die Träume nicht lebbar waren. Stück für Stück für Stück wird die Vergangenheit wieder lebendig.

Wir bewahren die Jugend in uns, können zu ihr zurückkehren und uns in ihr wiederfinden, aber sie ist vergangen – Wehmut zog ihnen durchs Herz und Mitgefühl, füreinander und für sich selbst.

Es ist eine Geschichte über Schuld und Sühne, über richtig und falsch. Allerdings sind diese Urteile nicht klar verteilt, sondern jeder sucht für sich die Wahrheit im Ganzen. Jeder versucht, sich und sein Leben zu verteidigen, vor sich und vor anderen. Die wahre Verbundenheit und Freundschaft ist nicht mehr zu spüren, die Jahre haben zu viel Distanz geschaffen. Trotzdem will jeder seinen Beitrag leisten, ob aus Schuldgefühlen, aus Dankbarkeit, dass man selber einen anderen Weg hatte oder aus Nostalgie und Freundschaft heraus, wird nicht klar.

Das Stück spielt vornehmlich an einem Ort, in dem alten Haus auf dem Land, die Besetzung ist auf wenige Menschen beschränkt. So mutet es fast wie eine Aufführung auf einer Theaterbühne an. Die Themen sind vielfältig, oft nur am Rande angeschnitten. Vieles kommt nicht über Allgemeinplätze hinaus. Trotzdem ist Schlinks Erzählung nicht oberflächlich oder beliebig, sondern führt ohne Pathos oder wirklich schmerzvolle Anklage vor Augen, wie sich Lebensanschauungen verändern können im Laufe eines Lebens, was passiert, wenn sie das nicht tun und vor allem auch, dass sie nie ganz weg sind, sondern im Untergrund weiter ihre Fäden ziehen. Zentrales Thema dabei ist das Miteinander, sowohl im zwischenmenschlichen wie im staatlichen Gebilde. Nach welchen Regeln und mit welchen Maximen soll man zusammen leben? Wann lohnt es für den einzelnen, sich an die Regeln zu halten und wann muss er sie brechen?

 

Fazit:

Ein lesenswertes, kurzweiliges Buch, welches lehrreich ist ohne moralinsauer zu werden. Es spannt den Bogen über eine ganze Bandbreite an Themen wie Liebe, Krieg, Revolution, Vergangenheit und Gesellschaftsvertrag und präsentiert diese in einer klaren und flüssigen Sprache packt.

 

Bernhard Schlink: Das Wochenende, Diogenes, Zürich 2008.

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?

Pinneberg trifft sein Lämmchen und weiss, dass dies was anderes ist als die sonstigen Frauengeschichten. Lämmchen wird schnell schwanger, sie heiraten und ziehen zusammen nach Ducherow, wo Pinneberg eine Stelle innehat. Durch Intrigen der Frau des Chefs verliert er diese, die Reise geht alsbald nach Berlin, wo er durch die Hilfe des lebenslustigen Jachmann, Freund seiner Mutter, eine Stelle beim Ankleidegeschäft Mandel findet. Was zuerst als grosses Glück erscheint, entpuppt sich als immer grösserer Druck. Die Angestellten werden mit Absatzauflagen unter Druck gesetzt, so dass Pinneberg unter der Angst des Versagens immer kleiner und kleiner wird, bis er schliesslich ganz zusammenbricht. Er wird entlassen und ist fortan arbeitslos. War alles sonst schon weniger als knapp, so sind nun auch die letzten Notgroschen aufgebraucht. Pinnebergs und der mittlerweile auf die Welt gekommene Murkel schlagen sich durch die kalte Welt derer, welche am längeren Hebel sitzen und die kleinen Leute plagen und unterdrücken. Sie kämpfen gegen Amtsschimmel und Arroganz.

Ach, was hat es für einen Sinn? Er ist drin in diesem Betrieb, einer von sechs Millionen, schiebt er sich an den Schaltern vorbei, warum sich aufregen? Zehntausenden geht es schlimmer, Zehntausende haben keine tüchtige Frau, Zehntausende haben nicht ein Kind, sondern ein halbes Dutzend – weiter, Mann Pinneberg, nimm dein Geld und hau ab, wir haben wirklich keine Zeit für dich, du bist nichts Besonderes, dass wir uns nicht mit dir aufhalten können.

Trotz der schwierigen Situation sieht er doch immer auch das Positive, das er hat im Leben: sein Lämmchen und den Murkel. Kriegt er auch oft von aussen zu hören, es sei mutig, in der heutigen Zeit noch Familie zu haben, ist gerade diese Familie der einzige Kraftort dieses kleinen Mannes. Lämmchen ist es, die ihn immer wieder besänftigt, wenn er am Boden ist, der Murkel scheint als Freudenquell, für den es sich lohnt, zu leben. Pinnebergs haben ihre kleine eigene Idylle aufgebaut, welche der Welt trotzt.

Pinneberg sinkt tiefer, die Schmach nagt an ihm. Mehr und mehr fühlt er sich als Ausgestossenen der Gesellschaft. Lämmchen muss mit Flickarbeiten die Familie über Wasser halten. Er findet keine neue Arbeit, sein Selbstverständnis gerät ins Wanken. War er früher adrett gekleideter Angestellter, so sah er heute aus wie ein heruntergekommener Bettler.

Und plötzlich begreift Pinneberg alles […], begreift er, dass er draussen ist, dass er hier nicht mehr hergehört, dass man ihn zu Recht wegjagt: ausgerutscht, versunken, erledigt. Ordnung und Sauberkeit: es war einmal. Arbeit und sicheres Brot: es war einmal. Vorwärtskommen und Hoffen: es war einmal. Armut ist nicht nur Elend, Armut ist auch strafwürdig. Armut ist Makel, Armut heisst Verdacht.

Pinneberg schämt sich – schämt sich vor sich, vor der Welt und auch vor Lämmchen. Er traut sich nicht mehr unter die Augen der Menschen, versteckt sich im Dunkel. Die Welt erscheint nur noch kalt, er ist am Boden. Und wieder rettet ihn Lämmchens Liebe.

In einer einfachen Sprache, die der Geschichte und ihren Protagonisten angepasst ist, erzählt Hans Fallada vom kleinen Angestellten Johannes Pinneberg, seiner Frau Lämmchen (Emma Mörschel) und ihrem Murkel. er zeigt auf, mit welchen Demütigungen die kleinen Leute in der Weltwirtschaftskrise zu kämpfen haben, zeigt ihren Kampf ums Überleben und lässt den Leser hautnah daran teilhaben.

Fazit:

Ein leises Buch, das unaufdringlich und diskret die Zustände der Welt zwischen 1930 und 1932 anhand der Geschichte der Pinnebergs aufzeigt. Absolut lesenswert.

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 62. Auflage, Hamburg 2011.

Dang Nghiem: Ich war einmal ein Fluss

Während des Krieges in Vietnam geboren als Tochter einer Vietnamesin, sieht sich Dang Nghiem als Produkt des Krieges. Ihre Kindheit ist geprägt von Armut, von Schlägen ihrer Mutter, von der Ausgrenzung durch andere Kinder und von einem Onkel, der sich an ihr vergreift, aber auch von der Liebe und Fürsorge ihrer Grossmutter. 1985 gelangt sie mit ihrem Bruder in die Vereinigten Staaten, wo sie die Schule abschliesst und ein Medizinstudium aufnimmt. Dang Nghiem engagiert sich in Projekten für Häftlinge, will den Menschen Heilung bringen. Der Tod ihres Lebensgefährten zeigt ihr, dass sie nicht in der Lage ist, andere Menschen zu heilen, wenn sie sich selber nicht heilt. Zu tief sind die Wunden ihres vergangenen Lebens. Die einzige Möglichkeit für die eigene Heilung sieht sie in einer Abkehr von der westlichen Welt hin und sie reist nach Plum Village, um Nonne zu werden.

Durch Achtsamkeitsübungen, Traumverarbeitungen und die vielen Lehren ihres Lehrers Thay (so der Name Thich Nhat Hanhs in Plum Village)  lernt Dang Nghiem, ihre Gefühle zu erkennen, ihre Leiden wahrzunehmen und sie nach und nach zu verarbeiten und zu heilen. „Wenn ihr Schmerzen habt oder euch körperlich unwohl fühlt, dann nehmt es wahr, umarmt es. Atmet ein und erkennt, dass dieser Schmerz nicht mit euch identisch ist – ihr seid nicht der Schmerz. Wir können für den Schmerz sein, ohne der Schmerz zu sein. Wir brauchen uns von ihm nicht auffressen zu lassen und ihn zusätzlich noch mit Gefühlen der Reue, der Schuld und des Zorns zu nähren.“  Diese Rede ihres Lehrers Thay zeigt ihr einen Weg, mit ihrem Kummer umzugehen. Dang Nghiem lernt, loszulassen, um nicht das eigene Leid durch die eigene Wahrnehmung und die eigenen Gedanken zu verstärken.

Durch einen Schicksalsschlag in ihrem eigentlich nach aussen perfekten Leben gelingt Dang Nghiem eine Wende für sich selber. Sie lernt, die eigenen Leiden zu erkennen und zu heilen. Sie lernt, dass sie sich nur in den Dienst anderer stellen kann, wenn sie selber gesund ist. Und sie geht diesen Weg zur eigenen Heilung durch all die Täler, die er führt mit Achtsamkeit und Bewusstheit.

Das Buch eines Lebens, das berührt, das nachdenklich macht und das einem Anregungen für den eigenen Lebensweg mitgibt.

Dank Nghiem: Ich war einmal ein Fluss, Theseus Verlag, 2012. (Rezension erscheint im Schweizer Yoga Magazin)

 

Brad Warner: Zen – Wrapped in Karma, Dipped in Chocolate

 

Wenn man an Zen denkt, stellt man sich ehrfürchtige Mönche vor, die gelassen lächelnd in ruhender Stille sitzen und die Welt an sich vorbei ziehen lassen. Man stellt sich erleuchtete Zenmeister vor, die über dem Leben stehen, denen das Leben nichts anhaben können und die für alles eine wohlklingende Antwort haben, welche sie ihren Schülern gütig und in kryptische Sprache verpackt präsentieren. Weltliche Dinge wie Sex, Drogen, Scheidung scheinen mit Zen unvereinbar, zumindest sieht man sie nicht als Thema desselben.

 

Brad Warner räumt auf mit diesen Mythen. Kaum ein Zen-Meister lebt Gegensätze so ausgeprägt und offensichtlich wie er: Punkrock, Monsterfilme und Buddhismus existieren friedlich nebeneinander. Warner schlägt damit die Brücke zwischen anrüchiger Gegenwartskultur und ehrwürdiger Tradition. In seinem dritten Buch Zen – wrapped in Karma Dipped in Chocolate schreibt er in gewohnt flapsiger Sprache, die von Kakophonie und Kraftausdrücken nur so strotzt von der Zeit seines Lebens, welche die wohl schwierigste war. Er beschreibt, wie sein gewohntes Leben aufhörte zu existieren, wie er nach und nach von allem Abschied nehmen musste, was sein Leben ausmachte und wie seine Welt aus den Fugen brach: 2007 starb erst seine Mutter, kurz darauf seine Grossmutter. Der Job, der ihn nach Japan gebracht hatte und auch zurück in Amerika sein Auskommen sicherte, löste sich nach und nach auf, bis Warner ganz ohne Job dastand. Warners Frau eröffnete ihm, dass er ihr nicht Manns genug sei und trennt sich von ihm und Menschen, die er seine Freunde nannte, enttäuschen ihn. Gründe genug, daran zu verzweifeln, Brad Warner ging einen andern Weg, den in die Meditation. Er zeigt auf, wie schwer es ist, sich auf die Meditation einzulassen, wenn der Kopf voll ist mit der ganzen weltlichen Misere, er wirft die Frage auf, ob Meditation überhaupt eine angemessene Reaktion auf all das Elend ist oder nur eine spirituelle Realitätsflucht. 

Zen hilft ihm, den unnötigen Ballast loszuwerden und sich emotional zu entrümpeln. Zurück bleibt ein realistischer Rahmen, in welchem die Welt gesehen werden kann. Neben all dem räumt Warner auf mit den selbsternannten V.I.P.s der Zenmeister, lässt deren glänzende Fassaden bröckeln und zeigt, dass Zen zu lehren und zu praktizieren eine in höchstem Grade menschliche Angelegenheit ist, welche von Menschen vollbracht wird, die selber im Leben stehen und damit umgehen müssen. Warner präsentiert also keine schnelle Allheilmethode zum Glücklichsein, sondern er zeichnet Zen als einen Weg, dem Leiden zu entgehen, indem man dieses Leiden an der Wurzel ausreisst. „Nur der Weg dahin sieht absolut nicht so aus, wie du dir vorstellst, dass er aussehen sollte“, sagt Brad Warner dazu. Warners Buch macht deutlich, dass die Philosophie des Zen nicht von der Praxis zu trennen ist, Zen ist Zazen, ist Meditation. Durch sie erkennen wir, dass wir alle Antworten ständig in uns tragen: „Die Antwort darauf, was das Leben ist, ist das Leben selbst.“

 

Fazit:

Zen wird in diesem Buch ins alltägliche Leben geholt, teilweise in einer etwas rüpelhaften Sprache, aber immer authentisch. Kurzweilige Lektüre mit einigen Anregungen zum Nachdenken.

Selim Özdogan: Kopfstand im Karmataxi

 

„…die Sehnsucht nach Sinn wiegt möglicherweise in jedem Alter jenseits der Kindheit gleich schwer und man sieht die Dinge klarer, wenn man noch nicht zu vielen irrigen Annahmen aufgesessen ist.“  

Was ist der Sinn des Lebens und wo findet man ihn? Was ist Erleuchtung und welcher Weg führt dahin? Das hier vorgestellte Buch schildert die fast schon verzweifelte Suche nach Erleuchtung, nach Erkenntnis, nach Durchblick und nach Sinn des Lebens. Der Weg führt über Drogen, Hochschulvorlesungen, Alkohol, exzessives Gewichtheben und Zen hin zu Yoga. Allerdings endet er da nicht, sondern er scheint erst anzufangen, indem nun das ganze Erleuchtung versprechende System durchleuchtet und mit dem Verstand zerpflückt wird.

Nachdem das ruhige Sitzen in der Zenmeditation nicht die gewünschten Ergebnisse geliefert hat, stellt Yoga einen nächsten Versuch dar, dem Lebenssin auf die Spur zu kommen. Obwohl ein erster Versuch vor Jahren gescheitert ist, gibt Özgür Yolcu Yoga eine zweite Chance. Er fühlt sich nicht glücklich, obwohl er sich ein Leben geschaffen hat, wie er es sich wünscht, frei, unabhängig, selbstbestimmt. Er hadert mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten, versinkt in Selbstzweifeln. Er sehnt sich nach Glück, einem sich zuverlässig einstellenden Wohlgefühl. Nach einigen Yogastunden fühlt er es zum ersten Mal. Etwas verändert sich, er fühlt sich gut – und das Gefühl hält an. Özgür belässt es nicht bei den Asanas, sondern vertieft sich in die Philosophie des Yogas, welche er mit viel Ironie, Skepsis und Verstandesakrobatik angeht. Die regelmässigen Yogastunden zeigen erste Fortschritte, so dass er die Dosis nach und nach steigert. Nebenher widmet er sich den Yamas und Niyamas, fragt sich, welchen Sinn Pranayama macht, wenn man das Leben gar nicht verlängern will, sinniert darüber, weswegen er keinen Guru findet und was Grenzen sind. Während Özgür auf der körperlichen Ebene vom Yoga überzeugt ist, zweifelt er noch immer an der geistigen, weil er da keine Veränderung spürt. Trotzdem geht er weiter auf dem Weg, hinterfragt sich und die Welt und seinen eigenen Weg in dieser Welt.

 

Fazit:

Ein Buch, das flüssig geschrieben und leicht lesbar einen Yogaweg aufzeigt, der sich von den sonst üblichen Lobeshymnen der Schauspielerautobiographien abhebt. Mit viel Selbstironie, Authentizität und kritischem Verstand stellt Selim Özdogan das östliche System in Frage, ohne es zu verurteilen, aber auch ohne es unreflektiert zu verherrlichen.

 

Selim Özdogan: Kopfstand im Karma-Taxi. Bekenntnisse eines Pranajunkies. Edition Spuren,  Winterthur 2012. (Rezension erschienen im Schweizer Yoga Magazin)

Rainer Dresden: Beim ersten OM wird alles anders

„Über Männer, die im Lotossitz laut atmen und Om singen, habe ich noch nicht einmal gelächelt; ein derartiges Verhalten erschien mir völlig artfremd.“, schreibt Rainer Dresden in seinem witzig-ironischen Buch über seinen Weg vom Yoga-Ignoranten hin zum begeisterten Yoga-Anhänger. Yoga sei Frauensache, davon ist er spätestens in den 70er-Jahren überzeugt, nachdem er die Bücher und Sendungen der damals populären Yoga-Pionierin Kareen Zebroff gesehen hat. Er begrüsst gar die abflachende Yogabegeisterung und die aufkommende Aerobicwelle in den 80er-Jahren. Nicht dass er da hätte mitmachen wollen, aber das Zuschauen empfindet er durch die andere Art der Trikots und Frisuren attraktiver.

Zu früh gefreut, möchte man sagen, Yoga kam wieder auf und er entkommt ihm nicht mehr. Eine zu unbedacht geäusserte Bemerkung darüber, dass er den Yogakopfstand beherrsche bringt ihn in seine erste Yogastunde, welche nicht die letzte sein soll. In seinem ersten Übermut bucht er gar sogleich einen Yogaurlaub in Griechenland, welcher ihn vor die Aufgabe stellt, eine eigene Yogamatte zu besorgen. Fortan sieht man ihn mit rosa Matte unter dem Arm durch München laufen.

Schon bald ist Yoga nicht mehr aus seinem Leben wegzudenken. Mehr noch: Rainer Dresden kommt zum Schluss, dass er eigentlich schon immer Yogi war, auch wenn er sich dessen nicht bewusst war. Dass er sich auch nach einem Jahr Yoga-Unterricht weigert, gemeinsam beim OM mitzusingen, tut dem keinen Abbruch, denn Yoga heisst auch, seine Grenzen zu akzeptieren und nichts zu erzwingen.

Beim ersten OM wird alles anders handelt von der „Kunst, Yoga zu lernen und doch Mann zu bleiben“. Obwohl Yoga in Indien ursprünglich von Männern praktiziert wurde, sind es heute vorwiegend Frauen, die sich in den örtlichen Yogastudios tummeln. Das Bild, dass Yoga eine Frauensache sei, hält sich hartnäckig in den Köpfen der männlichen Spezies, wie es auch in Rainer Dresdens Kopf war. In seinem Buch beschreibt er, wie er auf den Yogaweg kam und was er auf diesem erlebte. Dabei behält er einen nüchternen Blick, zeigt auf, dass nicht überall, wo Yoga drauf steht, auch Yoga drin ist und die wirtschaftlich orientierten Versuche, Yoga mit allen Themen des sonstigen Lebens zu kombinieren, nicht immer glücklich sind.

Das Buch glänzt durch anschauliche Beschreibungen und witzige Anekdoten. Der Leser begleitet Rainer Dresden zu seinen Yogastunden, schwitzt mit ihm, ertappt sich ab und an, lesend eine Haltung nachzumachen, fiebert der ersten Nackt-Yogastunde entgegen und erkennt sich sicherlich an vielen Stellen wieder. Mit viel Humor und überhaupt nicht dogmatisch werden auch Themen wie Vegetarismus und andere yogischen Prinzipien angeschnitten. Ein Lesegenuss, welcher hoffentlich den einen oder anderen Mann dazu bringt, zur Matte zu greifen und sich in den Handstand zu schwingen.

Fazit:

Kurzweiliger Lesespass, der einen kleinen Überblick darüber gibt, was Yoga ist und versucht, mit einigen Klischees aufzuräumen.

Rainer Dresden: Beim ersten OM wird alles anders, Südwest, München 2010. (Rezension erschienen im Schweizer Yoga Magazin)

Harry Mulisch – Das Attentat

 

Als kleiner Junge muss Anton miterleben, wie seine Eltern und sein Bruder umkommen, wie sein Zuhause in Flammen aufgeht. Er geht durch die Mühlen der Nazis und kommt schliesslich zu seinem Onkel, wo er aufwächst. Der Krieg ist bald in weiter Ferne, keine Erinnerung, keine rede mehr davon. Anton studiert Medizin, lebt sein Leben unpolitisch, ohne Zeitung, ohne Nachrichten, ohne Teilnahme am aktuellen Geschehen.

 

Schweigt die Vergangenheit auch vordergründig, so schwelt sie doch im Innern weiter, trägt ihre Früchte, prägt Antons Sein:

 

„Wenn er über die Zeit nachdachte, was er manchmal tat, sah er die Ereignisse nicht aus der Zukunft kommen und durch die Gegenwart in die Vergangenheit gleiten, sondern aus der Vergangenheit kommend sich in der Gegenwart entwickeln und auf eine ungewisse Zukunft zubewegen.“(169/170)

 

Über die Jahre hinweg wird Anton immer wieder mit der Vergangenheit konfrontiert und langsam vervollständigt sich das Puzzle der verhängnisvollen Nacht und Anton kriegt Einblicke in das, was wirklich vorgefallen ist.

 

Ein Buch über Schuld, Unschuld, Wahrheit, Täter und Opfer. Es zeigt auf, dass die Grenzen verschwimmen und klare Zuteilungen nicht möglich sind.

 

Alle taten, was sie taten – aus der Zukunft ein Urteil über die damals Handelnden zu fällen ist oft schwer wenn nicht unmöglich.

 

Fazit:

Ein lesenswertes Buch, das nachdenklich stimmt ohne schwer zu werden, das mitfühlen lässt, ohne auf die Tränendüse zu drücken.

Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land

Vom strebsamen Jurastudenten zum Betrüger wider Willen: In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» taucht der italienische Autor Gianrico Carofiglio in die Niederungen der Psyche ab.

 

Ist Betrug an einem Betrüger moralisch verwerflich oder ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit? Oder ist einer, der so was tut, nicht gar ein Robin Hood? Solche Fragen beschäftigen Guido, nachdem er als Komplize des Trickspielers Francesco an einem getürkten Kartenspiel teilgenommen hat.

In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» erzählt der italienische Autor Gianrico Carofiglio von Guido, einem vorbildlichen Studenten, der seinen Eltern ein folgsamer Sohn ist und ebenso vorbildliche Freundinnen mit nach Hause bringt. Eines Abends auf einer Party wächst der sonst Unscheinbare aber über sich hinaus, indem er seinen Bekannten Francesco durch einen gezielten Kinnhaken vor einem Angriff bewahrt. «Das war in gewisser Weise nicht ich», erinnert sich Guido.

 

Vergewaltigungsserie

Eine Einsicht, zu der er in der Folge noch öfters kommen wird. Guido taucht immer mehr in Francescos Welt des Falschspiels ein – das alte Leben muss einem neuen Platz machen. Parallel zu Guidos Geschichte wird der Leser mit einer Vergewaltigungsserie konfrontiert. Junge Mädchen werden nachts nach dem immer gleichen Muster missbraucht und laufen gelassen. Lange tappt der Leser im Dunkeln, was die beiden Geschichten verbindet. Erst als Guido darüber in der Zeitung liest und sich dabei die Frage stellt: «Was tust du da?», wird allmählich klar, dass er in irgendeiner Weise darin verstrickt ist.

Spannender Thriller

Gianrico Carofiglio, 1961 in Bari geboren, war in seiner Heimatstadt lange als Richter und Antimafiastaatsanwalt tätig, fungierte danach als Berater der italienischen Regierung und sitzt heute im italienischen Senat. Schon mit acht Jahren wollte er einen Roman schreiben, liess dieses Vorhaben aber abgesehen von ein paar nicht weiter verfolgten Versuchen bis ins Jahr 2000 ruhen. Die bis heute erschienenen vier Romane stiessen international auf grosses Interesse und brachten Carofiglio einige Preise ein.

Der Autor erzählt in einer klaren und schnörkellosen Sprache von Guidos Weg in den Abgrund. Er beleuchtet dabei nicht nur die Abgründe der Psyche, sondern auch die Realität in all ihren Schattierungen. Jeder ist gleichzeitig Täter und Opfer, je nach Perspektive. Damit hebt sich Carofiglios Psychothriller erfrischend ab von der aktuell vorherrschenden Killerliteratur, in der blutgetränkte Opfer und heldenhafte Fahnder die Hauptrolle spielen. Bei Carofiglio sind es vielmehr die Ambivalenz seiner Helden und das moralische Dilemma, die für nachhaltige Beklemmung sorgen. (Berner Zeitung)

Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land. Roman, übersetzt von Julia Eisele, Goldmann, 284 S. (Erschienen im Bund 09.07.2009 und in der Berner Zeitung)