Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land

Vom strebsamen Jurastudenten zum Betrüger wider Willen: In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» taucht der italienische Autor Gianrico Carofiglio in die Niederungen der Psyche ab.

 

Ist Betrug an einem Betrüger moralisch verwerflich oder ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit? Oder ist einer, der so was tut, nicht gar ein Robin Hood? Solche Fragen beschäftigen Guido, nachdem er als Komplize des Trickspielers Francesco an einem getürkten Kartenspiel teilgenommen hat.

In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» erzählt der italienische Autor Gianrico Carofiglio von Guido, einem vorbildlichen Studenten, der seinen Eltern ein folgsamer Sohn ist und ebenso vorbildliche Freundinnen mit nach Hause bringt. Eines Abends auf einer Party wächst der sonst Unscheinbare aber über sich hinaus, indem er seinen Bekannten Francesco durch einen gezielten Kinnhaken vor einem Angriff bewahrt. «Das war in gewisser Weise nicht ich», erinnert sich Guido.

 

Vergewaltigungsserie

Eine Einsicht, zu der er in der Folge noch öfters kommen wird. Guido taucht immer mehr in Francescos Welt des Falschspiels ein – das alte Leben muss einem neuen Platz machen. Parallel zu Guidos Geschichte wird der Leser mit einer Vergewaltigungsserie konfrontiert. Junge Mädchen werden nachts nach dem immer gleichen Muster missbraucht und laufen gelassen. Lange tappt der Leser im Dunkeln, was die beiden Geschichten verbindet. Erst als Guido darüber in der Zeitung liest und sich dabei die Frage stellt: «Was tust du da?», wird allmählich klar, dass er in irgendeiner Weise darin verstrickt ist.

Spannender Thriller

Gianrico Carofiglio, 1961 in Bari geboren, war in seiner Heimatstadt lange als Richter und Antimafiastaatsanwalt tätig, fungierte danach als Berater der italienischen Regierung und sitzt heute im italienischen Senat. Schon mit acht Jahren wollte er einen Roman schreiben, liess dieses Vorhaben aber abgesehen von ein paar nicht weiter verfolgten Versuchen bis ins Jahr 2000 ruhen. Die bis heute erschienenen vier Romane stiessen international auf grosses Interesse und brachten Carofiglio einige Preise ein.

Der Autor erzählt in einer klaren und schnörkellosen Sprache von Guidos Weg in den Abgrund. Er beleuchtet dabei nicht nur die Abgründe der Psyche, sondern auch die Realität in all ihren Schattierungen. Jeder ist gleichzeitig Täter und Opfer, je nach Perspektive. Damit hebt sich Carofiglios Psychothriller erfrischend ab von der aktuell vorherrschenden Killerliteratur, in der blutgetränkte Opfer und heldenhafte Fahnder die Hauptrolle spielen. Bei Carofiglio sind es vielmehr die Ambivalenz seiner Helden und das moralische Dilemma, die für nachhaltige Beklemmung sorgen. (Berner Zeitung)

Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land. Roman, übersetzt von Julia Eisele, Goldmann, 284 S. (Erschienen im Bund 09.07.2009 und in der Berner Zeitung)

 
 
 

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