Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen

Empfindlich war er wie eine Primadonna und eitel wie ein Tenor. Er war ichbezogen und selbstgefällig, kalt und rücksichtslos und bisweilen sogar grausam.

Dieses sehr hart ausfallende Urteil fällt Marcel Reich-Ranicki über Thomas Mann. Der so bezeichnete Schriftsteller erscheint in einem nicht wirklich positiven Licht, so einen Menschen würde man, so denkt man, meiden im eigenen Leben. Und doch geht von ihm eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann. Von der ganzen Familie. Reich-Ranicki zeichnet anhand von Thomas Manns Tagebüchern und Briefen sowie mit Blick auf seine Werke in kurzen Essays ein Bild von Thomas Mann. Er beleuchtet Thomas Manns Leben als Deutscher, als Ehemann, Vater und Schriftsteller. Und er zeigt dabei einen Menschen, der trotz seines Erfolgs auf der ständigen Suche nach Achtung und Anerkennung ist.

„Wir alle tragen Wunden“, heisst es in der „Entstehung des Doktor Faustus“, „ und Lob ist, wenn nicht heilender, so doch lindernder Balsam für sie.“

 Das Leben der Familie Mann ist geprägt von Thomas Manns Schreiben, alles scheint nur darauf ausgerichtet und davon geleitet. Diesem Schreiben ordnet er alles unter und alle müssen sich ihm unterordnen.

Sichtbar wird ein Mensch, der in sich selber gefangen scheint, der als einziges Ventil das Schreiben sieht. Sowohl in seinem Werk wie auch in seinen Tagebüchern drückt er die Gefühle aus, welche er zu leben nicht wagt. Im Leben prägt ihn eine Distanz, eine Kälte und Härte, Freunde hat er keine wirklichen, Kontakte sind lose und nur da gesucht, wo sie ihm dienen. An Egozentrik ist er kaum zu überbieten, alles wird darauf hin analysiert, was es ihm bringt.

Ein kurzer Blick fällt auch auf die Familie Thomas Manns, auf die geliebte älteste Tochter, welche sich nie aus seinem Bann lösen konnte, auf seine Frau, die ihr Leben dem seinen widmete, auf den ältesten Sohn, der in seinem Schatten nach Licht suchte und nicht fand. Ein Leben wie ein Roman, packend, mitreissend, faszinierend.

Fazit:

Ein lesenswertes Buch über einen grossen Schriftsteller. Reich-Ranicki schöpft aus einem tiefen Fundus von Wissen, Literaturliebe und sprachlicher Prägnanz.

(Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen, Fischer  Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002.)

Thomas Mann als Vater

Der Blick auf das Leben von Thomas Mann ist kein eindeutiger Blick. Es lässt sich nicht schnell sagen, was dieses Leben ausmachte, wie man es einordnen kann. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, was man sich als Schriftsteller, als Künstler wünschen konnte. Er präsentierte sich, wie er sich präsentieren wollte, die Menschen um ihn verkamen oft zu Statisten, waren das Publikum, das er so dringend brauchte zu seinen Repräsentationszwecken (dazu auch Reich-Ranicki 2002, S, 32ff.) Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig (Mann 2001, S. 51.ff). Verdächtig sah er sich, nicht liebenswürdig, Sah sich unter ständigem Rechtfertigungszwang. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. Und er war einsam. Zeit seines Lebens. Dies, weil er niemanden wirklich an sich heranlassen konnte, weil er gegen alles und alle eine Distanz aufrecht erhielt, weil er nur das zeigen konnte, was er als sein Bild selber erschaffen hatte, gefangen in dieser selbst  geschaffenen Existenz (Reich-Ranicki 2002, S. 34).

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drum herum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte (sie Thomas Manns Tagebücher).

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess dieses die Abneigung auch spüren. Den Rest duldete er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Doch auch er selber war unterdrückt. Von sich selber. Hatte er sich das so ausgesucht? War er wirklich frei? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht aus sich und diesem Leben heraus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben?

Was also  lief falsch? Wer ist schuld an dem Ganzen? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären “angepasster” gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber, konnte dieses Korsett auch für sich selber nicht sprengen, hatte Angst davor, weil er den totalen Zusammenbruch von allem befürchtete, würde er es tun.

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb über das Leben, das er nicht lebte, und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – seine Kinder fühlten diese kleinen Zeichen nicht, sie hätten mehr gebraucht. Sie warteten auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Sie blieben aus und fehlten wohl fürs Leben. Und so blieben wohl zwei Möglichkeiten: Sie stürzten sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder gingen diesen Weg, eines überlebte ihn nicht. Andere lebten das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn (dazu auch Mann 2009). Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen.

Der Tod war ein präsenter Genosse der Familie Mann. Thomas Manns Schwester hatte sich das Leben genommen, Freunde der Kinder trug man zu Grabe (Breloer/Königstein 2003, S: 78). War es die Zeit? Das Künstlermilieu schlechthin? Zeigt der Selbstmord von Thomas Manns Schwester, dass auch sie schon beschwerlich und oft unverstanden aufwuchsen um einen sehr distanzierten, kühlen Vater? Der kleine Hanno in den Buddenbrooks deutet so etwas an. Thomas Mann war nicht der Anfang der Kette, er trug schon Glieder hinter sich und damit Dinge in sich.

Hatten sie alle eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen, weder Thomas Mann den seinen noch seine Kinder ihn. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Oder war das ihre Möglichkeit, ihr Leben in die Hand zu nehmen, die einzige, die sie sahen und ergreifen konnten?

Reich-Ranicki 2002: Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen, Frankfurt am Main 2002.

Mann 2001: Thomas Mann: Über mich selbst, Frankfurt am Main 2001.

Heinrich Breloer, Horst Königstein: Die Manns. Ein Jahrhundertroman, Frankfurt am Main 2003.

Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg, Reinbek bei Hamburg 2009.

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Toto wurde übergeben. Das war sein Schicksal, er war so etwas wie das ungewollte Geschenk, das immer weitergereicht wird […]

Als zweigeschlechtliches Kind einer alkoholkranken Abgelöschten auf die Welt gekommen, findet sich Toto bald als ausgestossenes und ausgelachtes Nichts in einem Heim eines sozialistischen Staates wieder. Konfrontiert mit Härte und Kälte sowie dem Ausgeliefertsein an die Grausamkeiten des Lebens, stellt sich Toto ebendiesem Leben, das er nicht begreift. Er realisiert aber, dass im Zusammenleben mit Menschen Regeln und Gesetze herrschen, welche irgendjemand mal beschlossen hat, denen sich nun alle unterordnen , ohne nachzudenken.

Sie verfügen über dich, weil sie es so geschrieben haben, in ihren Märchenbüchern, damit sie sagen können: Es steht geschrieben, dass das Tier dem Menschen zu dienen habe und die Frau dem Mann, und das haben sich Männer ausgedacht, die gerne Fleisch fressen und Frauen prügeln, weil es ihnen hilft, mit diesem unwürdigen Leben zurechtzukommen […]

Toto eckt mit seinem immer freundlichen, immer sauberen, nichts Böses erwartenden und selber fühlenden Wesen an bei den Menschen, welche selber am Leben frustriert nur darauf aus sind, ihren Frust an anderen, schwächeren abzuladen. Er trifft auf eine Welt, welche vor Boshaftigkeit, Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit nur so strotzt. In seiner naiven, nichts wissenden Art sieht er die verschiedenen Gesellschaftssysteme des Sozialismus und des Kapitalismus sowie auch die Globalisierung in einer unverfälschten, aber auch hoffnungslosen Art. Freiheit gibt es nicht,  auf die eine oder andere Art ist jeder gefangen in einem System, welches nie dem Einzelnen dient, sondern sich selber zu erfüllen trachtet. Wenn sich einer diesem System nicht unterordnet, darüber oder daneben steht, ist er der Aussenseiter, welcher zu bekämpfen ist.

Der Weg Totos führt vom Nichts über die aufgezwungene Männlichkeit hin zur selbst gesuchten Weiblichkeit. Jede dieser Ausdrucksformen des eigenen Seins konfrontiert Toto mit neuen Problemen und Ungerechtigkeiten. Ein durch und durch trauriges Leben in einer durch und durch schrecklichen Welt.

 

Sibylle schaut hin. Sie ist unbarmherzig und durchdringend. Sie verschont nichts und schönt nichts. Sie beschreibt in einer klaren Sprache die Schwierigkeiten des Lebens in dieser Welt. Sie zeigt auf, wie die Schwierigkeiten wachsen, wenn man nicht in die vorgefertigten Schubladen passt. Trotz aller Düsterheit und Sachlichkeit entbehrt das Buch nicht einer gewissen Zärtlichkeit für die Protagonistin. Diese wird nicht blossgestellt, nicht zur Schau gestellt, sondern in ihren Schwierigkeiten dargestellt.

 

Fazit:
Ein schonungsloses Buch über eine durch und durch schlechte Welt. Das Leben in Freiheit wird als Illusion oder aber (Über-)Lebenskampf enttarnt.  Oft überzeichnet, gespickt mit Sarkasmus, Zynismus, Düsterheit trifft das Buch doch erschreckend zu in seiner Diagnose.

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 399 Seiten

Verlag: Hanser Verlag (30. Juli 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 21.90 / CHF 32.90

Zu kaufen bei: AMAZON.DE  und BOOKS.CH

100 Jahre Tod in Venedig

Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns Erzählung „Tod in Venedig“. Sie handelt von Gustav von Aschenbach, einem erfolgreichen Schriftsteller, der, längst verwitwet und ganz der eigenen Leistung verpflichtet, nach Venedig aufbricht, um sich da zu erholen. Am Strand fällt ihm ein schöner Knabe auf, in den er sich verliebt. Zwar wahrt er die nötige Distanz, doch wird er von dieser jäh erwachenden Leidenschaft so durchgeschüttelt, dass sein Innenleben aus der Bahn gerät. Er verliert jegliche Selbstachtung, infiziert sich mit Cholera und stirbt im Liegestuhl liegend, seinen Schwarm noch einmal betrachtend und sich einbildend, dieser hätte ihm zugewinkt.

Eine Skandalgeschichte, wenn man so will. Sie thematisiert ganz offen die Homoerotik, welcher Thomas Mann selber verfallen war, die er aber zeitlebens unterdrückt hat. Seine Kunst diente ihm als Ventil, das auszudrücken, was er nicht ausleben konnte. Eine Geschichte wird 100 Jahre alt und hat an Spannung, an Wirkung nichts verloren in diesen Jahren. 

Artikel zum Geburtstag:

FAZ: 100 Jahre Tod in Venedig: Pervers?

Deutschlandradio Kultur: Thomas Manns berühmte Künstlernovelle

 

Doktor Faustus: Thomas Manns Autobiographie des Schreibens

Er schrieb, skizzierte, studierte und kombinierte […]

Die grosse Präsenz dargestellten Schaffens legt den Gedanken nahe, dass der Prozess der Entstehung grundlegend ist für diesen Roman. Thomas Mann reflektiert zeit seines Lebens sein eigenes Sein und Arbeiten, hält in seinem Tagebuch säuberlich seine Fortschritte und Beschwerlichkeiten beim Schreiben fest. Trotzdem ist die Intensität, wie dies hier im Doktor Faustus geschieht, herausragend.

Thomas Mann schaltet in seinen Roman einen Erzähler ein, welcher sein eigenes Schreiben immer wieder thematisiert. Dieser Erzähler hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn zu überliefern, dies in seiner Position als dessen Freund.

Dies alles sage ich, um den Leser daran zu erinnern, unter welchen zeitgeschichtlichen Umständen die Niederschrift von Leverkühns Lebensgeschichte vonstattengeht, und ihn bemerken zu lassen, wie die mit meiner Arbeit verbundene Aufregung ständig bis zur Ununterscheidbarkeit in eins verschmilzt mit derjenigen, die durch die Erschütterung des Tages erzeugt wird.

Neben dessen Leben erzählt er auch viel von dessen Schaffen. Der Leser gewinnt Einblick in die Entstehung der Werke des genialen Künstlers. Zu dieser romanimmanenten Häufung von Darstellungen von Schaffensprozessen schreibt Thomas Mann einen Roman über seinen eigenen Schreibprozess am Doktor Faustus.Im vorgestellten Buch wird Thomas Manns Schreibprozess analysiert und in der Folge den Schreib- und Schaffensprozessen Zeitbloms und Leverkühns gegenübergestellt. Die dabei offensichtlichen Parallelen werden auf ihre Aussage für das Buch und das Schaffen Thomas Manns geprüft.

Dem Teufelsgespräch kommt sowohl im Werk „Doktor Faustus“ sowie im vorliegenden Buch eine besondere Stellung zu.

Zu kaufen bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

Soll Genozidleugnung strafbar sein?

Mein Buch „Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem“ befasst sich mit dem Thema der Genozidleugnung und mit der Frage, welche ethischen, moralischen und rechtlichen Folgen diese in einer liberalen Gesellschaft haben müsse. Das Fazit sieht vor, dass moralisch eine Genozidleugnung ganz klar zu verurteilen sei, dass es auch rechtlich angegangen werden müsse. Die Frage, ob es dazu eines expliziten Strafrechtsartikels bedürfe, wurde dahingehend beurteilt, dass sowohl eine Bejahung wie auch eine Verneinung dieser Frage begründbar sei. Dies ist in er Tat so. Im Buch musste ich aufgrund diverser Umstände die These vertreten, dass ein solcher Artikel obsolet sei, da die rechtliche Verurteilung auf anderen wegen vollzogen werden könnte. Persönlich vertrete ich eher eine veränderte Sicht. Diese ist in diesem hier abgeänderten Fazit nachzulesen:

Ein Mensch, dem in seinem Leben ein traumatisierendes Unrecht wiederfährt, trägt dieses Unrecht in sich mit in die Gegenwart und in die Zukunft. Es wird immer Teil seiner selbst sein, bedarf einerseits einer Aufarbeitung, damit der Mensch überhaupt weiter existieren kann und dieses Trauma ihn nicht überwältigt, und andererseits stellt das traumatische Unglück einen Teil seiner Persönlichkeit dar, prägt es sein Wesen unweigerlich. Spricht man nun von historischem Unrecht in der Grössenordnung von Völkermord, welcher wie im Falle des Holocaust sogar Millionen von Menschen das Leben kostete, welcher die Menschen über viele Jahre hinweg in grossem Leid leben liess und der ganze Völker ins Unglück stürzte, so hat dieses Unglück nicht nur eine prägende Wirkung auf die einzelnen Individuen, sondern auch auf die ganzen Völker. Die von dem Unrecht betroffenen Menschen fühlen sich durch ihr Schicksal verbunden, die Völker fühlen sich durch dasselbe geprägt.

Nach der Herrschaft eines Unrechtsregimes geht es darum, einen adäquaten Umgang mit historischem Unrecht zu finden. Es geht darum, sich als neue Regierung zu positionieren und zu signalisieren, dass man sich von dem Unrecht des Vorgängerregimes distanziert. Es geht weiter darum, das Unrecht, das geschehen ist, zu verarbeiten und ihm mit den nötigen Massnahmen entgegen zu treten.

Sowohl für die Opfer wie für die Nachfahren der Opfer historischen Unrechts ist dieses Unrecht auch nach Beendigung der Unrechtshandlungen noch präsent. Die Erinnerung an dieses Unrecht ist etwas, das sie umtreibt. Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf historisches Unrecht bei den Überlebenden, die einen schweigen, weil sie die Emotionen, die mit dem Unrecht verbunden sind, nicht mehr weiter ertragen, sie haben innerlich abgeschaltet, um sich nicht ständig neu überwältigen zu lassen. Andere jedoch sehen es als ihre Pflicht an, an das Unrecht zu erinnern, da nur die Überlebenden noch Zeugnis ablegen können von dem Schrecklichen, was passiert ist. Sie sehen es als ihre Pflicht gegenüber ihren Mitopfern an, welche nicht mehr sprechen können, weil diese das Unrecht nicht überlebt haben. Und diese Pflicht zur Erinnerung, die trägt auch die Gesellschaft nach einem historischen Unrecht wie Völkermord. In dem man die Erinnerung an das Unrecht aufrechterhält, zeigt man den Opfern des Völkermords, dass man ihren Opferstatus anerkennt und sie in ihrem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, annimmt. Die Erinnerung und die Stellungnahme, dass das, was passiert war, Unrecht war, ist ein Dienst an den Opfern, eine Pflicht an den Opfern, welcher von den Überlebenden und der Gesellschaft als Ganzes gefordert ist.

Eine Leugnung dieser schrecklichen Vergangenheit kommt dabei einem erneuten Unrecht gleich. Wurden während des Völkermords Menschen und ganze Volkstämme umgebracht (in der Absicht, diese schlussendlich sogar vollständig auszulöschen), so versucht Völkermordleugnung nun auch noch den letzten Rest zu eliminieren, nämlich die Erinnerung an das Unrecht und damit auch die Erinnerung an die diesem zum Opfer gefallenen Menschen. Die Leugnung vernichtet dabei quasi in letzter Konsequenz und stellt so eine eigentliche Fortsetzung des Völkermordes dar.

Unter diesen Gesichtspunkten ist es moralisch gefordert, historische Wahrheit über historisches Unrecht zu erinnern, anzuerkennen und Leugnung desselben nicht zu tolerieren. Es darf nicht angehen, dass Menschen, die ein solches historisches Unrecht erlitten haben, ein zweites Mal zum Opfer gemacht werden und dass das historische Unrecht seine Fäden in die Gegenwart spannt.

Scheint die moralische Position klar, so steht die rechtliche Handhabe des Problems unter grösseren Fragezeichen. Die Frage, die sich hier hauptsächlich stellt ist, ob in einer liberalen Gesellschaft das Grundrecht der freien Meinungsäusserung eingeschränkt werden darf und jemand dafür bestraft werden darf, dass er behauptet, ein historisches Unrecht wie Völkermord hätte nie statt gefunden oder dieses wird nur schon verharmlost und unter andere Vorzeichen gesetzt. Ist es zulässig, eine Meinung unter Sanktion zu stellen? Und wenn ja, wo zieht man die Grenzen? Stellt der Holocaust eine Sonderform von Völkermord dar, da die Zeit des Nationalsozialismus und die darin verübten Verbrechen zu einer ganzen Reihe Folgen führten, welche die heutige Zeit prägen (Zu nennen wären Gesetzesreformen, Staatsgründungen, etc.).

Folgt man der Argumentation dieser Arbeit, so kann Völkermordleugnung durchaus über den Paragraphen der Beleidigung und unter Umständen auch über Rassismusgesetze und gar als Verstoss gegen Grundrechte wie die Verletzung der Menschenwürde rechtlich verfolgt werden und man könnte sagen, ein eigener Völkermordparagraph wäre insofern hinfällig. Allerdings erscheint das erstens im Hinblick auf die Schwere des historischen Verbrechens unangemessen, dass etwas, das als eigentliche Fortführung desselben qualifizieren kann, nur über Umwege rechtlich belangt wird, und andererseits wäre es auch im Hinblick auf die Positionierung eines Staates und seiner Regierung angemessen, hier direkt und ohne Umwege zu reagieren. Völkermordleugnung stellt ein Unrecht dar, indem es die menschliche Würde antastet und Menschen erneut viktimisiert, welche schon einmal Opfer wurden. Sie stellt zudem eine Infragestellung einer heute eingenommenen gesellschaftlichen und politischen Haltung ein, dass solches Unrecht wie Völkermord nicht toleriert wird, dass es nie mehr passieren darf und man sich heute dagegen stellt. Würde man Völkermordleugnung akzeptieren und ihr nicht begegnen, setzte man so ein Signal in die entgegengesetzte Richtung und das wäre nicht gewünscht und kann im Interesse der gegenwärtig wie auch der zukünftig Lebenden nicht gewünscht sein. Zu argumentieren, dass Völkermordleugnung der freien Meinungsäusserung unterstellt sein müsse und somit von einem Grundrecht gedeckt sei, welches man nicht rechtlich antasten dürfe, wäre dabei eine Affront, da die freie Meinungsäusserung vor allem deswegen zum Grundrecht wurde, um genau solche Zustände, wie sie zu den Zeiten herrschten, die man nun durch die Leugnung verherrlichen oder verharmlosen will, in Zukunft nicht mehr möglich machen zu können.

 

(Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem)

Peter Hedges: Zeit der Versuchung

Ich war ein ungewöhnlich aussehender, etwas begriffsstutziger Knabe, der sich zu einer nicht so schlechten Partie mauserte, behauptet meine Frau bisweilen. Ich meine immer, mein etwas holpriger Start hat mich gezwungen, ein paar Kernqualitäten zu entwickeln – Freundlichkeit, Mitgefühl für die Benachteiligten und Verfolgten, eine Neigung, sich für neue und ungewöhnliche Ideen zu begeistern. All dies, da bin ich überzeugt, half mir in meinem Bestreben, mich Kate Oliver würdig zu erweisen.

Tim und Kate sind neun Jahre verheiratet und leben mit ihren zwei Söhnen in den Brooklyn Heights. Auch wenn das Geld knapp ist, sind sie glücklich. Bis sie eine neue Nachbarin bekommen: Anna Brody. Langsam und schleichend dringt sie in ihr Leben ein und bringt dieses ziemlich durcheinander. Was vorher zählte und wichtig war, wird plötzlich unterlaufen und hinterfragt. Ihre Liebe und ihre Ehe wird auf eine harte Probe gestellt. Beide fangen an, unzufrieden zu sein mit dem, was ist, suchen neue Wege, Abwege, auf welchen sie ins Schlittern kommen.

Aus der Perspektive von Tim, Kate und anderen Figuren aus ihrem Umfeld erfährt man eine Geschichte um eine Ehe, welche sich den Schwierigkeiten des Lebens stellen muss. Die Geschichte klingt spannend, der Stoff verspricht zu packen, die Erzählform ist vielversprechend und ermöglicht einem einen Blick auf das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Letzhin tauchte Tim aus unserem winzigen Badezimmer auf, einen zutiefst erschrockenen Ausdruck im Gesicht. Als ich ihn fragte, was denn los sei, wollte er damit nicht herausrücken. […] [Er] wischte sich die Tränen aus den Augen.  Ich kam näher, um ihn zu umarmen, und er gestand es mir. Er hatte im Bad gefurzt, und entsetzlicherweise war der Geruch diesmal anders als bei allen Fürzen, die er jemals gelassen hatte.

Leider packt die Geschichte nicht, sondern stellt sich als das heraus, was Tim erschreckte. Zwar interessiert es einen aufgrund des Klappentextes, was aus Tim und Kate wird, welche Rolle Anna dabei spielt, doch ist die Lektüre selber dazu zu langatmig, zu spannungsfrei, um dranzubleiben.

 

Fazit:

Ein Buch mit grossem Potential, das es leider nicht ausschöpft. Die Idee, eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, ist gut, der Plot vielversprechend. Die Geschichte hätte mehr Spannung vertragen.

Peter Hedges: Zeit der Versuchung, Goldmann Verlag, Übersetzung von Cornelia C. Walter, München 2010.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 384 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (20. September 2010)

Sprache: Deutsch

Übersetzerin: Cornelia C. Walter

Preis: EUR: 17.99 ; CHF 28.90

 

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Wenn Krimi Wirklichkeit wird

Es gab Situationen in meinem Beruf, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde, und dazu gehört der Tag, an dem ich das erste Mal eine Todesnachricht zu überbringen hatte.

Peter Schnieders blickt nach 43 Jahren bei der Kölner Polizei, 36 davon als Kriminalpolizist, zurück auf die Situationen und Fälle, die seine Polizeikarriere massgeblich prägten, weil sie ihn am meisten bewegten. Als Leser begleitet man den heute pensionierten Polizisten zu den Tatorten des Geschehens, erfährt mehr über die erforderlichen Schritte der Polizeiarbeit und sieht, wie diese weit weg von Kameras und Drehbuch abläuft. Der Leser sieht sich immer wieder konfrontiert mit den Abgründen des wahren Lebens, die insofern betroffener machen als es ein Krimi je tun könnte, da hier die Wirklichkeit erzählt wird.

Der Stoff bietet viel Potential zum spannenden Bestseller, leider kommt die sprachliche Aufbereitung dem nicht nach. Das Buch verliert sich in detaillierten Beschreibungen des Polizeialltags. Als Leser sieht man wenig Handlung, wenig aktives und aktuelles Geschehen. Es will dabei wenig Spannung aufkommen, weil das Buch so eher an ein Sachbuch, denn an eine Sammlung von Erzählungen erinnert. Wenn man sich allerdings für den Polizeialltag  interessiert, die Welt der Krimis mit der Realität vergleichen will, ist man bei diesem Buch an der richtigen Adresse.

Fazit:

Sehr trocken geschriebener Stoff, der an sich Potential hätte, auch interessant wäre, aber durch die Sprache und die Art der Aufbereitung nicht zum Lesen animiert.

Peter Schnieders: Im Spiegel des Bösen. Ein Kriminalkommissar erzählt, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (15. Mai 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 17.99 ; CHF 28.90

 

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Imre Kertész: Dossier K.

Imre Kertész gibt vor, mit Dossier K. das erste Mal auf äussere Veranlassung statt aus innerem Antrieb geschrieben zu haben. Entstanden ist dabei eine Autobiographie. In Form eines platonischen Dialogs entwickelt er sein Leben, angefangen bei der Kindheit bis hin zu seinen literarischen Erfolgen. Er zeichnet dabei ein Bild einer Lebensgeschichte, die von Tiefgang, Nachdenklichkeit und Selbstzweifeln geprägt ist.

Als ungarisches Kind sich scheidender Eltern kämpft er von klein an gegen die Widerstände des Lebens, allen voran den Makel des eigenen Judentums, mit dem er sich nicht anfreunden, geschweige denn identifizieren kann. MIt 15 kommt er nach Auschwitz, von da nach Buchenwald und überlebt die beiden Konzentrationslager auf mysteriöse Weise. Er bezeichnet das eigene Überleben nicht als Schicksal, da er das Vorhandensein eines solchen generell ablehnt. Schicksal bedeute Sinn und genau diesen sähe man in vielen Ereignissen – vor allem dem Holocaust (ein Begriff, den Kertész ablehnt) – nicht. Kertész sieht sich als einen dem Leben Ausgelieferten:

Aber dass ich Schriftsteller geworden bin, setzt ja an sich eine eigentümliche Natur voraus. Ich meine damit, dass ich mich wahrscheinlich in einem anderen Stoffwechsel mit der Realität befinde als andere Menschen.

Imre Kertész war nicht von Anfang an erfolgreich. Er hielt sich mit banalen Theaterstücken und Übersetzungen über Wasser, stahl sich quasi die Zeit für das, was ihm am Herzen lag: das Romaneschreiben. Dabei fühlte er sich in der Tat wie ein Verbrecher:

Ein Künstler muss sein Werk in der gleichen Gemütsverfassung beginnen, in der ein Verbrecher seine Tat ausführt […] Wenn ich zu arbeiten beginne, wird die Welt zu meinem Feind.

Der mangelnde Erfolg – auch wenn Erfolg nie Grund und Sinn des Schreibens war – nagte des Öfteren an Kertész Selbstbewusstsein. Seine Frau hielt das Paar über Wasser, er selber sah sich daneben oft in der Position dessen, der tat, was er tun musste, dabei aber nicht von der Gesellschaft akzeptiert war, nicht im System integriert war.

[Die Vernunft sagte mir], dass ich meine Zeit sinnlos vergeudete und wie ein Schmarotzer lebte; und beide Argumente nahm ich todernst…

Trotzdem hielt er am Schreiben fest, konnte nicht anders, als zu schreiben. Die Schande des eigenen Überlebens war sicher einer der Beweggründe. Der Umstand, dass er auf ein Leben zurückblickte, das Stoff für Romane bot, liess ihn immer weiter schreiben. Trotzdem wehrte er sich dagegen, sein Schreiben autobiographisch zu nennen, da alles, selbst Erinnertes, wenn es auf Papier kam, Fiktion wurde. Mit dem Schreiben bewältigte er so nach und nach seine Geschichte. Alles, was auf Papier stand, war für ihn abgeschlossen und damit fast schon vergessen.

Ich habe immer nur den Roman geschrieben, den ich gerade schrieb, und der erschien mir jedesmal ebenso fraglich wie mein eigenes Ausharren, ja, mein eigenes Fortbestehen.

Ein Zeugnis eines bewegten Lebens, welches das  Bild eines Schriftstellers und seines Schreibens malt, voller Authentizität, Offenheit und Verletzlichkeit.

Fazit:

Eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt, die demütig macht, packt und mitfühlen lässt. Nicht pathetisch, nicht mitleiderregend, sondern menschlich und sympathisch.

(Imre Kertész: Dossier K., Hamburg 2008.)

Mit der Planierraupe an die Ostsee

Ich bin zufrieden mit dem, wie’s ist. Wenn man erst mal anfängt mit dem Unzufriedensein, dann sucht man immer weiter, bis man dann so unzufrieden ist, dass einem gar nichts mehr gefällt. Und dann ist man bloss noch zufrieden, wenn man unzufrieden ist.

Diese weisen Worte stammen von Ewald Fricker, der in einem kleinen Ort im Allgäu in einer Kiesgrube arbeitet und mit seiner Planierraupe, einer Fiat-Allis FL 10 C, das alljährliche Wettplanieren gewinnt. Ewalds Welt ist klein, sie besteht aus seiner nörgelnden, fast schon bösartig zu nennenden Mutter, seiner Planierraupe und seinem Akkordeon, das er meisterhaft spielt, obwohl er keine Noten lesen kann. Ewald ist sein ganzes Leben nicht aus Ratzisried rausgekommen, wo er nur als Dorfdepp bekannt ist.

Irgendwo ist jeder Mensch daheim. Jeder hat irgendeinen Marktplatz-Fleck auf der Seele. Kenn keinen, der’s nicht hätt.

Doch dieses Jahr ist etwas anders. Dieses Jahr hat Ewald Fricker ein besonderes Ziel: Er möchte an die Ostsee, um da an der Deutschen Meisterschaft im Präzisions-Planieren teilzunehmen. Er lässt sich durch nichts aufhalten und fährt eines Nachts mit seiner Raupe und seinem Akkordeon los Richtung Norden.

Rita Zieschke, Disponentin der Kiesgrube und Geliebte des Chefs soll den Abtrünnigen samt Raupe zurückholen. Rita Zieschke muss bald einsehen, dass Fricker nicht von seinem Plan abzubringen ist.

Sie schlitterte hier in etwas hinein, was nicht auf ihre Idee und ihre Initiative zurückging, und Rita mochte es nicht, wenn sie zum Reagieren verdonnert wurde, von wem auch immer.

Eine abenteuerliche Reise beginnt, welche nicht nur quer durch Deutschland führt, sondern beide auch mit ihren Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert.

Eine Geschichte von einem, der ein Ziel hat und es verfolgt. Zwar kann er weder lesen noch schreiben, aber er spielt sein Akkordeon wie kein anderer und er weiss, wie mit einer Planierraupe umzugehen. Dass er seinem Ruf als Dorfdepp zum Trotz über eine eigene Weisheit verfügt, erstaunt nicht nur seine Mitreisende Rita Zieschke. Als diese merkt, dass er auch das Herz auf dem rechten Fleck hat, muss sie ihr Bild vom Leben und den Männern revidieren.

Fazit:

Eine kleine Geschichte ohne grosse Höhepunkte oder packende Spannung, die einem immer mal wieder ein Schmunzeln entlockt. Man fiebert mit Ewald Fricker mit und wünscht ihm seine Meisterschaft. Um das zu erleben, muss man weiterlesen – und tut es gerne.

Jockel Tschiersch: Rita und die Zärtlichkeit der Planierraupe, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 256 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (27. Februar 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442312817

ISBN-13: 978-3442312818

Preis: EUR 14.99; CHF 24.90

 

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Leben auf der Flucht

Am Nachmittag des Tages der geplanten Flucht aus Berlin, überkommt Margot auf dem Weg zur Wohnung ein komisches Gefühl. Irgendetwas stimmt nicht, dessen ist sie sich sicher. Und wirklich steht der Mann, der vorher mit schnellem Schritt an ihr vorbei ging, nun vor ihrer Haustür und wartet offensichtlich auf sie. Es gibt kein Zurück mehr, Margot muss an ihm vorbei, als ob sie alles nichts anginge und läutet bei einer Nachbarin, welche sie zum Glück reinlässt. Da erfährt sie die ganze Wahrheit.  Die Gestapo hat alle abgeholt, die Mutter, die zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause war, meldete sich freiwillig, um mit ihrem Sohn zu gehen. Zurück bleibt nur Mutters Tasche mit einer Bernsteinkette und einem kleinen Adressbüchlein mit Adressen, welche zum Zweck einer Auswanderung oder Flucht gesammelt worden waren. Und eine Botschaft: „Versuche, dein Leben zu machen.“

Margot sieht ihre einzige Chance im Untergrund. Sie entledigt sich des Judensterns, färbt die Haare Tizianrot und läuft dann ziellos durch Berlin. Plötzlich steht sie vor dem Haus ehemaliger Freunde und kann erst mal bleiben. Danach führt ihr Leben von Adresse zu Adresse, immer auf der Flucht, immer versteckt und in Angst. Der Preis für die Hilfe ist ab und an hoch, manchmal scheint es blosse Nächstenliebe oder aber verdeckte Ablehnung Hitlers. Ganz sicher ist sich Margot nicht. Während sie von den Deutschen verfolgt wird, sind es oft auch Deutsche, die ihr helfen. Schuld und Unschuld, Täter und Opfer sind Kategorien, die in diesem Buch nicht einfach im Grossen zu verteilen sind.

Eines Tages kommt Margot in eine Kontrolle und gibt zu, Jüdin zu sein. Es fühlt sich an wie eine Befreiung, denn endlich kann sie wieder zu ihrem Schicksal, ihrer Identität stehen, muss nicht lügen, alles verdecken. Die Folge ist das Ghetto in Theresienstadt, wo sie Adolf Friedländer wieder trifft. Sie geben sich gegenseitig Halt, überleben das Ghetto wohl nur deswegen, weil sie erst gegen Ende des Krieges dahinkamen. Das Kriegsende kommt mit der Befreiung, doch wie nun weiter? Hunger herrscht noch immer, Angst ebenfalls.

Die Hand meiner Mutter hatte mich geleitet. Das hatte ich mir immer gesagt, all die Jahre. Ich hatte unter ihrem Schutz gestanden, damit ich überlebte. Und ich hatte es geschafft. Jetzt musste ich den Gedanken zulassen, dass meine Mutter tot war. Ich hatte mich ihr immer nahe gefühlt – bis jetzt. „Versuche dein Leben zu machen.“ Galt das bis hierhin und nicht weiter?

Der Weg aus Theresienstadt erfolgt in Viehwaggons, das mittlerweile verheiratete Paar ist im Besitz eines Briefes aus Amerika, von Adolfs Schwester. Zusammen wandern sie in der Folge aus.

Fazit:

Ein mitreissendes Buch über die wohl dunkelste Seite unserer Geschichte. Erzählt ohne Pathos, ohne Weinerlichkeit, sondern mit einer Klarheit und Kraft, die berührt.

Margot Friedländer (mit Malin Schwerdtfeger): „Versuche, dein Leben zu machen“ Als Jüdin versteckt in Berlin, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Berlin 2008.

Dackel Herkules und die komplizierten Menschen

Mein Leben ist schön. Und es wird täglich schöner. Zufrieden räkle ich mich auf dem kleinen Rasenstückchen unseres Vorgartens und beobachte drei Männer dabei, wie sie schwere Kartons aus unserem Haus heraustragen und in dem grossen Lastwagen verstauen, der auf der Strasse davor parkt.

Dackelmischling Herkules’ Frauchen Carolin hat endlich den richtigen Mann gefunden, auch wenn der ein gebrauchter Mann ist. Was das genau ist, weiss Herkules noch immer nicht, sein bester Freund Herr Beck versucht es ihm aber zu erklären, so wie er ihm immer die Welt erklärt bei ihren Streifzügen durch den Garten. Er warnt Herkules auch, dass das Zusammenleben mit Menschen meist kompliziert ist, da Menschen kompliziert sind. Von Happy Ends hält Herr Beck gar nichts.

Herkules kann das nicht glauben und schimpft Herrn Beck einen alten Zyniker. Er sieht das Happy End deutlich vor sich, da er nun endlich eine ganze Familie hat mit Carolin, ihrem neuen Freund Marc und dessen Tochter Luisa. Was so idyllisch anfängt, wird bald wirklich kompliziert, als Marcs Exfrau Sabine auftaucht, welche nicht gut auf Carolin zu sprechen ist. Carolin teilt diese Abneigung. Dass Marcs Mutter, die vorübergehend in Marcs und Carolines Haus ein und aus geht, Position gegen Carolin einnimmt, macht das Zusammenleben nicht einfacher. Zwischen Carolin und Marc entsteht ein handfester Streit.

Als ob das nicht genug wäre, erlebt Herkules am eigenen Leib, dass es mit der Liebe wirklich nicht leicht ist. Er verliebt sich im Park in die wunderschöne Golden Retriever Hündin Cherie. Seine Gedanken drehen nur noch darum, wie er sie am besten von sich einnehmen kann. Dass ihn dabei seiner Grösse wegen niemand ernst nimmt, trägt nicht wirklich zu seiner Freude bei. Als dann auch noch Carolins alter Freund und Verehrer Daniel auftaucht, wird Herkules’ Leben wirklich schwierig:

Auweia. So schön friedlich dieses Bild auch ist – ich kann mich daran nicht erfreuen. Denn Caro ist doch Marcs Frau, nicht Daniels. Und auch, wenn sie von Marc nun nur das Schlechteste denkt – ich weiss ja, dass es nicht stimmt.

Herkules muss Herrn Beck recht geben: Das Leben ist kompliziert und die Menschen sind es erst recht. Herkules gibt aber alles, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Das Leben und Lieben von Menschen aus der Warte eines kleinen Dackelmischlings erzählt. Die Perspektive wirft eine erfrischend naive Sicht auf die sonst so normalen Dinge und lässt sie dadurch in neuem Licht erscheinen. Man könnte Herrn Beck ab und an fast recht geben: Wir Menschen sind kompliziert.

 

Fazit:

Sommerlich leichte Lektüre herzerwärmend und witzig erzählt. Das perfekte Buch, einfach mal abzuschalten und sich treiben zu lassen. Absolut lesenswert. Einzige Gefahr: man möchte nachher selber einen Hund, wenn man noch keinen hat.

Frauke Scheunemann: Katzenjammer, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (18. Juni 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442477921

ISBN-13: 978-3442477920

Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

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Vor dem Tod sind alle gleich

 „Würden Sie meine Trauerrede halten?“
Ich verstehe nicht recht, antwortete ich.
„Meine Trauerrede?“, fragte der alte Mann noch einmal. „Wenn ich gehe.“

Als der alte Rabbi Mitch diese Frage stellt, weiss dieser, dass er diese Bitte nicht ablehnen kann. Er sieht sich aber auch einer Aufgabe gegenüber, die schwer ist. Sein Leben hat sich seit damals, als er in der jüdischen Gemeinde in New Jersey lebte, stark verändert, der Glaube spielt in diesem neuen schnellen und erfolgreichen Leben keine tragende Rolle. Trotzdem ist der Rabbi ein grosser Mann, etwas zwischen Gott und den Menschen, auf alle Fälle aber über ihm. Und für ihn soll er die Trauerrede halten? Dazu will Mitch den Rabbi besser kennen lernen, persönlich kennen lernen.
Der ersten Frage folgen viele Besuche, teils in der Synagoge, teils beim Rabbi zu Hause.  Es wird gelacht, grosse Themen behandelt. Das Kennelernen dauert manche Jahre. Die Trauerrede ist schon lange nicht mehr treibende Kraft.
Dass Mitch just in dieser Zeit Henry kennen lernt – Zufall? Henry, ein ehemaliger Junkie mit Gefängnisvergangenheit, der alles getan hat, was der liebe Gott verboten hat, um nun als Priester in einer heruntergekommenen Kirche mit Loch im Dach die Gnade Jesus an die zu verkünden, die sie am meisten brauchen: die Obdachlosen, Randständigen, Verstossenen der Gesellschaft.
Ein Buch, das die Fragen des Lebens und Sterbens aufwirft, ohne wirkliche Antworten zu liefern. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, ohne dogmatisch zu sein. Ein Buch, das mitreisst, ohne auf die Tränendrüse zu drücken.

Und in mir wurde bewusst, dass wir in gewisser Weise alle ein Loch im Dach haben, eine Lücke, durch die Tränen tropfen und schlimme Erlebnisse eindringen. Wir fühlen uns verletzlich und sorgen uns, welches Unwetter uns als Nächstes zusetzen wird.

Fazit:
Ein Buch über die grossen Fragen des Lebens und Sterbens. Ein Buch, das die dunklen Seiten des Lebens zeigt, ohne plakativ oder reisserisch zu wirken, das die hellen Seiten zeigt und religiösen Fragen aufwirft, ohne dogmatisch oder missioniarisch zu werden. Absolut lesenswert!

Mitch Albom: Damit ihr mich nicht vergesst, Goldmann Verlag, München 2012. Neu als Taschenbuch ab Juli 2012)

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. August 2012)
Sprache: Deutsch
Preis: EUR: 8.99 ; CHF 14.90

Julia Stuart: Der verborgene Charme der Schildkröte

Was haben ein Kaplan, welcher erotische Romane schreibt, eine einhundertachtzigjährige Schildkröte, eine Wirtin, die ein Geheimnis in sich trägt und ein aufmüpfiges Gespenst gemeinsam? Sie alle sind Teil einer märchenhaften Geschichte rund um den Tower of London. Der Roman „Der verborgene Charme der Schildkröte“ erzählt vom Leben Balthazar Jones’, einem Wächter im Tower of London, und dessen Frau Hebe. Aus finanziellen Überlegungen bewirbt sich Balthazar für die Stelle als Beefeaters (so werden die Wächter landläufig genannt) und bekommt diese auch.

[Hebe Jones] schlug die Warnungen ihres Ehemanns in den Wind, dass sie fortan im Tower würden wohnen müssen. „Jede Frau träumt davon, in einer Burg zu leben“, log sie, ohne den Blick vom Herd abzuwenden.

Gemeinsam mit ihrer Schildkröte Mrs. Cook und dem Sohn Milo ziehen sie in den Turm ein und merken bald, dass die runden Wände das kleinste der Probleme in der neuen Behausung sind.  Doch dann stirbt Milo.

Seine Gedanken wanderten wieder zu der Nacht zurück, in der Milo gestorben war, und zu seinem schrecklichen, schrecklichen Geheimnis.

Mit dem Tod des gemeinsamen Sohnes Milo stirbt auch die Liebe Balthazar Jones, Beefeater und späterer Oberaufseher der Königlichen Menagerie im Tower of London, und dessen Frau Hebe Jones, Mitarbeiterin im Fundbüro der Londoner Untergrundbahnen, langsam.  Während Hebe über den gemeinsamen Verlust trauern möchte, zieht sich ihr Mann Balthazar immer mehr zurück, nicht zuletzt belastet von einer geheimnisvollen Schuld.

Als Hebe eines Tages ihre Koffer packt und dem ehelichen Schweigen entflieht, bleibt Balthazar Jones traurig zurück. Dass zur selben Zeit auch noch Mrs. Cook verschwindet, ihres Zeichens die älteste Schildkröte der Welt und Familienmitglied der Familie Jones, lässt bei Balthazar das erdrückende Gefühl der Leere und Einsamkeit zurück.

Einzigen Halt findet er bei den Tieren der neu im Tower eingerichteten Menagerie, bestehend aus Tieren, welche der Englischen Königin von Staatsoberhäuptern aus aller Welt geschenkt worden waren. Als die Tiere wieder zurück in den Londoner Zoo geschafft werden, schwindet auch noch der letzte Halt in Balthazars Leben.

Julia Stuarts Roman nimmt den Leser mit in die Geschichte des Towers of London, welche von den Enthauptungen der Hingerichteten bis hin zur Herkunft von Löchern in den Türen reicht. Er entführt zu den Einzelschicksalen der Menschen hinter abgegebenen Fundgegenständen und lässt ihn teilhaben am Leben eines Mannes, dem nach und nach die Liebe abhanden kommt.

 

Fazit:

Eine humorvolle Geschichte, die alles in sich trägt, was man sich wünscht: Feingefühl, Humor, Geheimnis, Geschichte. Trotz der oft grossen Tragik des Geschehens wird der bedrückende Kloss im Hals nie erstickend.

Julia Stuart: Der verborgene Charme der Schildkröte, Goldmann Verlag, München 2012.

Bernhard Schlink: Die gordische Schleife

Georg, ein Anwalt aus Karlsruhe, beschliesst mit seiner Freeundin Hanne ein neues Leben zu beginnen und alles hinter sich zu lassen.

Der Abschied von Karlsruhe war nicht gut gewesen; Streit mit dem Rechtsanwalt, mit dem Georg zusammengearbeitet hatte, Tränen und Vorwürfe von Hannes Exfreund, Krach mit den Eltern, Angst vor dem Abbruch aller Brücken. Was ein befreiender Aufbruch aus der heimatlichen Enge hätte sein sollen, wurde fast zur Flucht.

Während der Neuanfang in Paris nicht klappt, finden sie in Cucuron, einem kleinen Städtchen ein neues Zuhause, richten sich ein. Die Beziehung geht in die Brüche, nicht zuletzt, weil das Geld knapp ist. Hanne geht zurück nach Karlsruhe, Georg bleibt und schlägt sich mehr schlecht als recht mit Übersetzungen durch.  Eines Tages scheint das Blatt zu drehen, er kriegt plötzlich von einem Übersetzungsbüro Aufträge und später sogar die Möglichkeit, nach dem Tod des Besitzers ein anderes selber zu übernehmen. Dass er in Froncoise auch eine neue Liebe findet, macht das Glück perfekt. Die diversen Anzeichen des nahenden Unglücks übersieht Georg, bis er eines Nachts erwacht, das Bett neben sich leer findet und seine Liebe im Büro dabei ertappt, geheime Pläne, die ihm streng vertraulich zum übersetzen überlassen worden waren, zu fotografieren. Georg fand sich mitten drin in einer Verschwörung geheimer Mächte wieder, ausgeliefert, unfrei. War sein ganzes bisheriges Leben nur darauf ausgerichtet, keinen Druck von aussen zu erfüllen, will er sich diesem auch jetzt nicht ausliefern und weigert sich, zu kooperieren. Die Folgen sind gravierend. Seine Katzen werden getötet, in sein Haus eingebrochen, sein Büro ist nicht mehr sicher. Er wird im ganzen Ort diffamiert und muss irgendwann einsehen, dass er nicht bleiben kann.

Mit Hilfe eines Fotos macht er sich nach New York auf, um dort Francoise wiederzufinden. Die Suche erweist sich als schwierig und zu allem Übel merkt er, dass er verfolgt und beschattet wird. Er fühlt sich getrieben, ausgeliefert.

Ist das mein Leben geworden? Dinge geschehen, die ich nicht begreife und auf die ich nur mit Angst und mit unbeholfenen Bewegungen reagiere. Ich muss agieren statt reagieren – Georg hatte in den letzten Wochen oft darüber gegrübelt.

Georg entwickelt einen Plan, wie er an seinen Verfolgern, welche sein ganzes Leben zerstört und unfrei gemacht haben, Rache nehmen kann und zugleich zu Geld kommt. Er verhandelt mit verschiedenen Parteien, welche alle Interesse an geheimen Plänen zum Bau eines Kampfhelikopters haben und schafft es schliesslich durch einen geschickt eingefädelten Coup, heil aus dem Ganzen zu kommen. Unterzwischen hat er auch Francoise, die in Wirklichkeit Fran heisst, gefunden und die Geschichte endet in einem Happy End.

 

Fazit:

Spannende Geschichte, die einen unverhofft in das Milieu von Geheimdiensten, Agenten und Verfolgung entführt. Die eingewobene Liebesgeschichte ist mit leisen Tönen erzählt, endet am Schluss etwas sehr kitschig, wenn der Kitsch auch nur am Rande erwähnt wird.