Erika Mann – Der Zauberlehrling

Die gewisse Vorliebe, die er für mich hatte, lag daran, dass ich ein so grosser Aff’ war […] die zweite Eigenschaft, die mich ihm irgendwie nahebrachte, dass ich ganz schlichte Lösungen – manchmal, nicht immer, manchmal – wusste für Situationen, die schwierig schienen.

 

Erika Mann spricht und schreibt über ihren Vater, den Zauberer, Thomas Mann. Sie zeichnet ein Bild, dass sich gänzlich von denen ihrer Geschwister unterscheidet. Dies wohl vor allem deswegen, weil sie nie um dessen Zuneigung, um dessen Aufmerksam kämpfen musste. Sie war  – nach anfänglichem Unmut, weil er gerne einen Sohn als Erstgeborenen gehabt hätte – sein Liebling. Und wie der Vater sie, so vergötterte auch sie den Vater, brachte ihn zum lachen, sah ihm seine Schwächen nach, hatte für alles eine Erklärung, eine Entschuldigung.

 

Zwar kam es auch einmal in ihrer gemeinsamen Geschichte zu einem Zerwürfnis, als sich Thomas Mann in den 30er-Jahren nicht deutlich von den politischen Zuständen in Deutschland distanzierte, was sich aber wieder einrenkte. Erika Mann verschrieb ihr Leben ganz dem Vater Thomas Mann und dessen Werk. Dies über seinen Tod hinweg. Sie war die Hüterin seines Nachlasses, an ihr kam niemand vorbei.

 

Ein Buch, das eine andere Sicht auf den grossen Schriftsteller wirft. Es ist eine sehr subjektive Sicht, die vieles wohl mit den Augen der liebenden Tochter verklärt, aber auch eine private Sicht. Sie stellt nie bloss, legt aber trotzdem einen privaten Thomas Mann offen. Durch Interviews, Originalbriefe und Aufsätze gewinnt der Leser einen Eindruck vom Leben und Schaffen Thomas Manns, der sich zu den von den anderen Familienmitgliedern gezeichneten abhebt und diesen komplementiert.

 

Fazit:

Man spürt in diesem Buch die Liebe und die Achtung Erika Manns zu ihrem Vater. Ein schönes Buch einer humorvollen und intelligenten Frau und eine Hommage an einen herausragenden Schriftsteller und geliebten Vater. 

 

(Erika Mann: Mein Vater, der Zauberer, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2005.)

Der Zauberer stellt sich vor

Vielleicht liebe ich mein Leben nicht genug, um zum Autobiographen zu taugen.

Diese Worte stammen von dem Mann, der eigentlich nichts anderes tat, als über sein Schaffen und sein Leben zu schreiben, wenn auch meist in einem literarischen Werk oder Essay verpackt. Das vorliegende Buch enthält Reden, Lebensläufe und Aufsätze Thomas Manns, welche einen unverhüllten Blick auf sein Wirken zulassen. Sie zeigen einen Menschen, der sein Leben ganz dem Schreiben unterordnet. Sie zeigen aber auch einen Menschen, der trotz seines Erfolgs an sich zweifelt, getrieben ist vom Wunsch und der Sehnsucht nach Achtung und Anerkennung.

Denn selten wohl ist die Hervorbringung eines Lebens – auch wenn sie spielerisch, skeptisch, artistisch und humoristisch schien – so ganz und gar vom Anfang bis zum sich nähernden Ende, eben diesem bangen Bedürfnis nach Gutmaching, Reinigung und Rechtfertigung entsprungen, wie mein persönlicher und so wenig vorbildlicher Versuch, die Kunst zu üben.

Thomas Mann zeigt seinen Zuhörern und Lesern seine Zeit, seinen Werdegang, seinen Tagesablauf und sein Schreiben. Dabei ist immer zu bedenken, dass er ein Bild von sich darlegt, welches er darlegen will, dass er dieses mit dem Werkzeug zeichnet, welches er meisterhaft beherrscht: der Sprache. Und es ist ein Bild, das all die stilistischen Mittel auch trägt, die sein Werk ausmachen: Ironie, Humor, Prägnanz, Detailtreue – alles auf die Wirkung ausgerichtet, die beim Empfänger gewünscht ist. So mag das Bild vielleicht nicht immer ganz realistisch sein, es fehlen die Seiten, die verschwiegen werden wollen und glänzen die, welche präsentiert werden sollen, trotzdem spricht gerade das für die Authentizität des Berichts, denn genau so war er: ein Zauberer mit der Sprache, welcher immer die Worte aus dem Hut zaubert, die das Gegenüber erstaunen lassen.

Thomas Mann lebte zum grossen Teil für sein Schreiben und er sah dieses Schreiben als eine Form von Dankbarkeit:

Wir werden daran gewahr, dass Produktivität aktiv gewordene Empfänglichkeit ist, Dankbarkeit für das Leben, für das Glück und das Leiden, das es dem schöpferischen Menschen reichlicher spendet als anderen.

Fazit:

Thomas Mann beleuchtet sein Leben, sein Schaffen, einzelne Werke und gibt dem Leser somit Einblicke in sein Schaffen und die Motivationen, die hinter diesem stehen. Absolut lesenswert.

(Thomas Mann: Über mich selbst. Autobiographische Schriften, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994.)

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Zweite Schattengeneration im Hause Mann

Als Sohn von Michael Mann in Amerika geboren, führte der Weg Frido Manns bald in die Schweiz, wo er nach einem kurzen Intermezzo in Österreich die Schule abschloss und ein Musikstudium aufnahm. Eine grosse Zeit wohnte er bei seinen Grosseltern, sehr zur Freude seines ihn vergötternden Grossvaters.

Er ist ein sehr ruhiger Grossvater, trotzdem präsent, auch wenn er wenig oder gar nicht spricht. Gelegentlich sprudeln Meinungsäusserungen oder Erzählungen aus ihm heraus, heiter, hell, prägnant; gesetzt und doch leicht und oft lustig. Und durch alles hindurch spüre ich, obwohl wir einander körperlich kaum berühren, seine durchgehende, verlässliche Liebe und Zärtlichkeit mir gegenüber, besonders bei den alltäglichen Begrüssungen oder Verabschiedungen.

 Frido findet auch einen Platz in Thomas Manns Schreiben. Im Werk Doktor Faustus erschafft dieser den fünfjährigen Nepomuk, genannt Echo, und lässt ihn im Werk qualvoll sterben. Frido Mann zahlt den Preis dafür, in dem er fortan die Blicke der Kundigen auf sich spürt und nicht weiss, ob sie bewundernd oder mitleidig sind. Der Doktor Faustus wird zum Stigma, welches er nie in einem klärenden Gespräch auflösen kann.

Dies ist vermutlich der Hauptgrund dafür, denke ich heute, dass ich meinem Grossvater lange jene literarische Vereinnahmung nachgetragen und mich deshalb mein halbes Leben über geweigert habe, seine Werke zu lesen.

Frido Mann erscheint als Suchender im Leben. Nach einem Musikstudium stürzt er sich in die Theologie, promoviert da, beginnt danach mit Psychologie, habilitiert. Dass er irgendwann noch zu schreiben beginnt, erstaunt in der Familie nicht, es scheint nicht anzugehen, dass ein Mann-Nachkomme nicht schreibt. Alle stehen sie im Schatten Thomas Manns und beklagen ebendiesen Schatten. Zwar ebnet Thomas Manns Ruhm und Bekanntheitsgrad so manchen Weg, öffnet manche Tür und bringt Interesse für die eigene Geschichte, trotzdem betonen seine Nachkommen oft lieber das Leiden im Leben, welches sie dem Schatten geschuldet sehen. Doch auch hier, im Falle Frido Manns:  Gäbe es diesen Grossvater, Thomas Mann, nicht, wäre dieses Leben wohl kaum je erzählt und gelesen worden.

Das Buch macht dem Titel alle Ehre, in einer Achterbahn schwirrt es zwischen näheren und ferneren Zeiten hin und her, führt durch diverse Orte, Studien und Lebensstationen, mischt Erinnerungen mit Briefen, verliert sich in Ausschweifungen und rettet sich durch kleine Anekdoten um Thomas Mann. Die Frage bleibt: wie viele Generationen prägt das Erbe eines solchen Vorfahren?

Fazit:

Zeugnis eines bewegten Lebens, welches den Anschein macht, dass in der äusserlichen Suche nach dem richtigen Platz im Leben die innere Suche nach der eigenen Identität repräsentiert ist.

(Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.)

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Michael Degen: Familienbande

[Es] ist festzstellen, dass ich für den Knaben bei Weitem die Zärtlichkeit nicht aufbringe, wie vom ersten Augenblick für Lisa, – was Wunder nehmen könnte.

Bibi, wie Michael Mann in der Familie genannt wurde, war ein von Anfang an ungewolltes Kind. Dass er auch ein schwieriges Kind war, das viel schrie und tobte, erleichterte seinen Stand in der Familie nicht. Der Vater, Thomas Mann, der ihn lieber hätte abtreiben lassen, brachte nicht nur keine Zärtlichkeit für ihn auf, er ekelte sich vor ihm und seinem Wesen, was der Junge deutlich in des Vaters Gesichtszüge geschrieben sah.

Jähzornig und zugleich sentimental und liebesbedürftig, lief er mit seiner zurückgewiesenen Liebe wie ein halbblindes Tierchen herum, stiess gegen Wände, die er sich selbst errichtet hatte.

Die fehlende Liebe liess ihn nie los, der ständig präsente Schatten des übermächtigen Vaters erdrückte ihn. Zuflucht fand er in Gewalt und Alkohol. Obwohl er selber erfolgreich wird als Musiker, kann er sich nie von der Verletzung durch den Vater befreien.

Nein, mich kränkt allein die Tatsache, wie verschwenderisch er anderen gegenüber mit dem Gefühl, das Sie Liebe nennen, umgeht. Ich stehe ewig in der zweiten Reihe, bin quasi der Zaungast […]

In seiner zweiten Karriere als Germanistikprofessor widmet er sich intensiv dem Werk des zugleich gehassten und geliebten Vaters. Dabei beschäftigt er sich mit dessen Tagebüchern, und wird erneut mit der Ablehnung und dem Ekel des eigenen Vaters konfrontiert.

Je mehr Bibi las, desto grösser wurde seine Verzweiflung. Was er als Kind nur ahnte; jetzt hatte er es schwarz auf weiss.

Die Erschütterung über diese offenkundige Abneigung erträgt er nicht mehr.

Fazit:

Die packend geschriebene, fundiert aufgearbeitete Lebensgeschichte eines todtraurigen Jungen und Mannes, welcher an der Kälte und Lieblosigkeit seines Erzeugers zerbrach.

(Michael Degen: Familienbande, Rowohlt Berlin, Berlin 2011.)

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Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen

Empfindlich war er wie eine Primadonna und eitel wie ein Tenor. Er war ichbezogen und selbstgefällig, kalt und rücksichtslos und bisweilen sogar grausam.

Dieses sehr hart ausfallende Urteil fällt Marcel Reich-Ranicki über Thomas Mann. Der so bezeichnete Schriftsteller erscheint in einem nicht wirklich positiven Licht, so einen Menschen würde man, so denkt man, meiden im eigenen Leben. Und doch geht von ihm eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann. Von der ganzen Familie. Reich-Ranicki zeichnet anhand von Thomas Manns Tagebüchern und Briefen sowie mit Blick auf seine Werke in kurzen Essays ein Bild von Thomas Mann. Er beleuchtet Thomas Manns Leben als Deutscher, als Ehemann, Vater und Schriftsteller. Und er zeigt dabei einen Menschen, der trotz seines Erfolgs auf der ständigen Suche nach Achtung und Anerkennung ist.

„Wir alle tragen Wunden“, heisst es in der „Entstehung des Doktor Faustus“, „ und Lob ist, wenn nicht heilender, so doch lindernder Balsam für sie.“

 Das Leben der Familie Mann ist geprägt von Thomas Manns Schreiben, alles scheint nur darauf ausgerichtet und davon geleitet. Diesem Schreiben ordnet er alles unter und alle müssen sich ihm unterordnen.

Sichtbar wird ein Mensch, der in sich selber gefangen scheint, der als einziges Ventil das Schreiben sieht. Sowohl in seinem Werk wie auch in seinen Tagebüchern drückt er die Gefühle aus, welche er zu leben nicht wagt. Im Leben prägt ihn eine Distanz, eine Kälte und Härte, Freunde hat er keine wirklichen, Kontakte sind lose und nur da gesucht, wo sie ihm dienen. An Egozentrik ist er kaum zu überbieten, alles wird darauf hin analysiert, was es ihm bringt.

Ein kurzer Blick fällt auch auf die Familie Thomas Manns, auf die geliebte älteste Tochter, welche sich nie aus seinem Bann lösen konnte, auf seine Frau, die ihr Leben dem seinen widmete, auf den ältesten Sohn, der in seinem Schatten nach Licht suchte und nicht fand. Ein Leben wie ein Roman, packend, mitreissend, faszinierend.

Fazit:

Ein lesenswertes Buch über einen grossen Schriftsteller. Reich-Ranicki schöpft aus einem tiefen Fundus von Wissen, Literaturliebe und sprachlicher Prägnanz.

(Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen, Fischer  Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002.)

Thomas Mann als Vater

Der Blick auf das Leben von Thomas Mann ist kein eindeutiger Blick. Es lässt sich nicht schnell sagen, was dieses Leben ausmachte, wie man es einordnen kann. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, was man sich als Schriftsteller, als Künstler wünschen konnte. Er präsentierte sich, wie er sich präsentieren wollte, die Menschen um ihn verkamen oft zu Statisten, waren das Publikum, das er so dringend brauchte zu seinen Repräsentationszwecken (dazu auch Reich-Ranicki 2002, S, 32ff.) Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig (Mann 2001, S. 51.ff). Verdächtig sah er sich, nicht liebenswürdig, Sah sich unter ständigem Rechtfertigungszwang. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. Und er war einsam. Zeit seines Lebens. Dies, weil er niemanden wirklich an sich heranlassen konnte, weil er gegen alles und alle eine Distanz aufrecht erhielt, weil er nur das zeigen konnte, was er als sein Bild selber erschaffen hatte, gefangen in dieser selbst  geschaffenen Existenz (Reich-Ranicki 2002, S. 34).

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drum herum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte (sie Thomas Manns Tagebücher).

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess dieses die Abneigung auch spüren. Den Rest duldete er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Doch auch er selber war unterdrückt. Von sich selber. Hatte er sich das so ausgesucht? War er wirklich frei? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht aus sich und diesem Leben heraus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben?

Was also  lief falsch? Wer ist schuld an dem Ganzen? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären “angepasster” gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber, konnte dieses Korsett auch für sich selber nicht sprengen, hatte Angst davor, weil er den totalen Zusammenbruch von allem befürchtete, würde er es tun.

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb über das Leben, das er nicht lebte, und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – seine Kinder fühlten diese kleinen Zeichen nicht, sie hätten mehr gebraucht. Sie warteten auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Sie blieben aus und fehlten wohl fürs Leben. Und so blieben wohl zwei Möglichkeiten: Sie stürzten sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder gingen diesen Weg, eines überlebte ihn nicht. Andere lebten das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn (dazu auch Mann 2009). Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen.

Der Tod war ein präsenter Genosse der Familie Mann. Thomas Manns Schwester hatte sich das Leben genommen, Freunde der Kinder trug man zu Grabe (Breloer/Königstein 2003, S: 78). War es die Zeit? Das Künstlermilieu schlechthin? Zeigt der Selbstmord von Thomas Manns Schwester, dass auch sie schon beschwerlich und oft unverstanden aufwuchsen um einen sehr distanzierten, kühlen Vater? Der kleine Hanno in den Buddenbrooks deutet so etwas an. Thomas Mann war nicht der Anfang der Kette, er trug schon Glieder hinter sich und damit Dinge in sich.

Hatten sie alle eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen, weder Thomas Mann den seinen noch seine Kinder ihn. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Oder war das ihre Möglichkeit, ihr Leben in die Hand zu nehmen, die einzige, die sie sahen und ergreifen konnten?

Reich-Ranicki 2002: Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen, Frankfurt am Main 2002.

Mann 2001: Thomas Mann: Über mich selbst, Frankfurt am Main 2001.

Heinrich Breloer, Horst Königstein: Die Manns. Ein Jahrhundertroman, Frankfurt am Main 2003.

Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg, Reinbek bei Hamburg 2009.

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Toto wurde übergeben. Das war sein Schicksal, er war so etwas wie das ungewollte Geschenk, das immer weitergereicht wird […]

Als zweigeschlechtliches Kind einer alkoholkranken Abgelöschten auf die Welt gekommen, findet sich Toto bald als ausgestossenes und ausgelachtes Nichts in einem Heim eines sozialistischen Staates wieder. Konfrontiert mit Härte und Kälte sowie dem Ausgeliefertsein an die Grausamkeiten des Lebens, stellt sich Toto ebendiesem Leben, das er nicht begreift. Er realisiert aber, dass im Zusammenleben mit Menschen Regeln und Gesetze herrschen, welche irgendjemand mal beschlossen hat, denen sich nun alle unterordnen , ohne nachzudenken.

Sie verfügen über dich, weil sie es so geschrieben haben, in ihren Märchenbüchern, damit sie sagen können: Es steht geschrieben, dass das Tier dem Menschen zu dienen habe und die Frau dem Mann, und das haben sich Männer ausgedacht, die gerne Fleisch fressen und Frauen prügeln, weil es ihnen hilft, mit diesem unwürdigen Leben zurechtzukommen […]

Toto eckt mit seinem immer freundlichen, immer sauberen, nichts Böses erwartenden und selber fühlenden Wesen an bei den Menschen, welche selber am Leben frustriert nur darauf aus sind, ihren Frust an anderen, schwächeren abzuladen. Er trifft auf eine Welt, welche vor Boshaftigkeit, Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit nur so strotzt. In seiner naiven, nichts wissenden Art sieht er die verschiedenen Gesellschaftssysteme des Sozialismus und des Kapitalismus sowie auch die Globalisierung in einer unverfälschten, aber auch hoffnungslosen Art. Freiheit gibt es nicht,  auf die eine oder andere Art ist jeder gefangen in einem System, welches nie dem Einzelnen dient, sondern sich selber zu erfüllen trachtet. Wenn sich einer diesem System nicht unterordnet, darüber oder daneben steht, ist er der Aussenseiter, welcher zu bekämpfen ist.

Der Weg Totos führt vom Nichts über die aufgezwungene Männlichkeit hin zur selbst gesuchten Weiblichkeit. Jede dieser Ausdrucksformen des eigenen Seins konfrontiert Toto mit neuen Problemen und Ungerechtigkeiten. Ein durch und durch trauriges Leben in einer durch und durch schrecklichen Welt.

 

Sibylle schaut hin. Sie ist unbarmherzig und durchdringend. Sie verschont nichts und schönt nichts. Sie beschreibt in einer klaren Sprache die Schwierigkeiten des Lebens in dieser Welt. Sie zeigt auf, wie die Schwierigkeiten wachsen, wenn man nicht in die vorgefertigten Schubladen passt. Trotz aller Düsterheit und Sachlichkeit entbehrt das Buch nicht einer gewissen Zärtlichkeit für die Protagonistin. Diese wird nicht blossgestellt, nicht zur Schau gestellt, sondern in ihren Schwierigkeiten dargestellt.

 

Fazit:
Ein schonungsloses Buch über eine durch und durch schlechte Welt. Das Leben in Freiheit wird als Illusion oder aber (Über-)Lebenskampf enttarnt.  Oft überzeichnet, gespickt mit Sarkasmus, Zynismus, Düsterheit trifft das Buch doch erschreckend zu in seiner Diagnose.

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 399 Seiten

Verlag: Hanser Verlag (30. Juli 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 21.90 / CHF 32.90

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100 Jahre Tod in Venedig

Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns Erzählung „Tod in Venedig“. Sie handelt von Gustav von Aschenbach, einem erfolgreichen Schriftsteller, der, längst verwitwet und ganz der eigenen Leistung verpflichtet, nach Venedig aufbricht, um sich da zu erholen. Am Strand fällt ihm ein schöner Knabe auf, in den er sich verliebt. Zwar wahrt er die nötige Distanz, doch wird er von dieser jäh erwachenden Leidenschaft so durchgeschüttelt, dass sein Innenleben aus der Bahn gerät. Er verliert jegliche Selbstachtung, infiziert sich mit Cholera und stirbt im Liegestuhl liegend, seinen Schwarm noch einmal betrachtend und sich einbildend, dieser hätte ihm zugewinkt.

Eine Skandalgeschichte, wenn man so will. Sie thematisiert ganz offen die Homoerotik, welcher Thomas Mann selber verfallen war, die er aber zeitlebens unterdrückt hat. Seine Kunst diente ihm als Ventil, das auszudrücken, was er nicht ausleben konnte. Eine Geschichte wird 100 Jahre alt und hat an Spannung, an Wirkung nichts verloren in diesen Jahren. 

Artikel zum Geburtstag:

FAZ: 100 Jahre Tod in Venedig: Pervers?

Deutschlandradio Kultur: Thomas Manns berühmte Künstlernovelle

 

Doktor Faustus: Thomas Manns Autobiographie des Schreibens

Er schrieb, skizzierte, studierte und kombinierte […]

Die grosse Präsenz dargestellten Schaffens legt den Gedanken nahe, dass der Prozess der Entstehung grundlegend ist für diesen Roman. Thomas Mann reflektiert zeit seines Lebens sein eigenes Sein und Arbeiten, hält in seinem Tagebuch säuberlich seine Fortschritte und Beschwerlichkeiten beim Schreiben fest. Trotzdem ist die Intensität, wie dies hier im Doktor Faustus geschieht, herausragend.

Thomas Mann schaltet in seinen Roman einen Erzähler ein, welcher sein eigenes Schreiben immer wieder thematisiert. Dieser Erzähler hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn zu überliefern, dies in seiner Position als dessen Freund.

Dies alles sage ich, um den Leser daran zu erinnern, unter welchen zeitgeschichtlichen Umständen die Niederschrift von Leverkühns Lebensgeschichte vonstattengeht, und ihn bemerken zu lassen, wie die mit meiner Arbeit verbundene Aufregung ständig bis zur Ununterscheidbarkeit in eins verschmilzt mit derjenigen, die durch die Erschütterung des Tages erzeugt wird.

Neben dessen Leben erzählt er auch viel von dessen Schaffen. Der Leser gewinnt Einblick in die Entstehung der Werke des genialen Künstlers. Zu dieser romanimmanenten Häufung von Darstellungen von Schaffensprozessen schreibt Thomas Mann einen Roman über seinen eigenen Schreibprozess am Doktor Faustus.Im vorgestellten Buch wird Thomas Manns Schreibprozess analysiert und in der Folge den Schreib- und Schaffensprozessen Zeitbloms und Leverkühns gegenübergestellt. Die dabei offensichtlichen Parallelen werden auf ihre Aussage für das Buch und das Schaffen Thomas Manns geprüft.

Dem Teufelsgespräch kommt sowohl im Werk „Doktor Faustus“ sowie im vorliegenden Buch eine besondere Stellung zu.

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Peter Hedges: Zeit der Versuchung

Ich war ein ungewöhnlich aussehender, etwas begriffsstutziger Knabe, der sich zu einer nicht so schlechten Partie mauserte, behauptet meine Frau bisweilen. Ich meine immer, mein etwas holpriger Start hat mich gezwungen, ein paar Kernqualitäten zu entwickeln – Freundlichkeit, Mitgefühl für die Benachteiligten und Verfolgten, eine Neigung, sich für neue und ungewöhnliche Ideen zu begeistern. All dies, da bin ich überzeugt, half mir in meinem Bestreben, mich Kate Oliver würdig zu erweisen.

Tim und Kate sind neun Jahre verheiratet und leben mit ihren zwei Söhnen in den Brooklyn Heights. Auch wenn das Geld knapp ist, sind sie glücklich. Bis sie eine neue Nachbarin bekommen: Anna Brody. Langsam und schleichend dringt sie in ihr Leben ein und bringt dieses ziemlich durcheinander. Was vorher zählte und wichtig war, wird plötzlich unterlaufen und hinterfragt. Ihre Liebe und ihre Ehe wird auf eine harte Probe gestellt. Beide fangen an, unzufrieden zu sein mit dem, was ist, suchen neue Wege, Abwege, auf welchen sie ins Schlittern kommen.

Aus der Perspektive von Tim, Kate und anderen Figuren aus ihrem Umfeld erfährt man eine Geschichte um eine Ehe, welche sich den Schwierigkeiten des Lebens stellen muss. Die Geschichte klingt spannend, der Stoff verspricht zu packen, die Erzählform ist vielversprechend und ermöglicht einem einen Blick auf das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Letzhin tauchte Tim aus unserem winzigen Badezimmer auf, einen zutiefst erschrockenen Ausdruck im Gesicht. Als ich ihn fragte, was denn los sei, wollte er damit nicht herausrücken. […] [Er] wischte sich die Tränen aus den Augen.  Ich kam näher, um ihn zu umarmen, und er gestand es mir. Er hatte im Bad gefurzt, und entsetzlicherweise war der Geruch diesmal anders als bei allen Fürzen, die er jemals gelassen hatte.

Leider packt die Geschichte nicht, sondern stellt sich als das heraus, was Tim erschreckte. Zwar interessiert es einen aufgrund des Klappentextes, was aus Tim und Kate wird, welche Rolle Anna dabei spielt, doch ist die Lektüre selber dazu zu langatmig, zu spannungsfrei, um dranzubleiben.

 

Fazit:

Ein Buch mit grossem Potential, das es leider nicht ausschöpft. Die Idee, eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, ist gut, der Plot vielversprechend. Die Geschichte hätte mehr Spannung vertragen.

Peter Hedges: Zeit der Versuchung, Goldmann Verlag, Übersetzung von Cornelia C. Walter, München 2010.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 384 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (20. September 2010)

Sprache: Deutsch

Übersetzerin: Cornelia C. Walter

Preis: EUR: 17.99 ; CHF 28.90

 

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Wenn Krimi Wirklichkeit wird

Es gab Situationen in meinem Beruf, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde, und dazu gehört der Tag, an dem ich das erste Mal eine Todesnachricht zu überbringen hatte.

Peter Schnieders blickt nach 43 Jahren bei der Kölner Polizei, 36 davon als Kriminalpolizist, zurück auf die Situationen und Fälle, die seine Polizeikarriere massgeblich prägten, weil sie ihn am meisten bewegten. Als Leser begleitet man den heute pensionierten Polizisten zu den Tatorten des Geschehens, erfährt mehr über die erforderlichen Schritte der Polizeiarbeit und sieht, wie diese weit weg von Kameras und Drehbuch abläuft. Der Leser sieht sich immer wieder konfrontiert mit den Abgründen des wahren Lebens, die insofern betroffener machen als es ein Krimi je tun könnte, da hier die Wirklichkeit erzählt wird.

Der Stoff bietet viel Potential zum spannenden Bestseller, leider kommt die sprachliche Aufbereitung dem nicht nach. Das Buch verliert sich in detaillierten Beschreibungen des Polizeialltags. Als Leser sieht man wenig Handlung, wenig aktives und aktuelles Geschehen. Es will dabei wenig Spannung aufkommen, weil das Buch so eher an ein Sachbuch, denn an eine Sammlung von Erzählungen erinnert. Wenn man sich allerdings für den Polizeialltag  interessiert, die Welt der Krimis mit der Realität vergleichen will, ist man bei diesem Buch an der richtigen Adresse.

Fazit:

Sehr trocken geschriebener Stoff, der an sich Potential hätte, auch interessant wäre, aber durch die Sprache und die Art der Aufbereitung nicht zum Lesen animiert.

Peter Schnieders: Im Spiegel des Bösen. Ein Kriminalkommissar erzählt, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (15. Mai 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 17.99 ; CHF 28.90

 

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Imre Kertész: Dossier K.

Imre Kertész gibt vor, mit Dossier K. das erste Mal auf äussere Veranlassung statt aus innerem Antrieb geschrieben zu haben. Entstanden ist dabei eine Autobiographie. In Form eines platonischen Dialogs entwickelt er sein Leben, angefangen bei der Kindheit bis hin zu seinen literarischen Erfolgen. Er zeichnet dabei ein Bild einer Lebensgeschichte, die von Tiefgang, Nachdenklichkeit und Selbstzweifeln geprägt ist.

Als ungarisches Kind sich scheidender Eltern kämpft er von klein an gegen die Widerstände des Lebens, allen voran den Makel des eigenen Judentums, mit dem er sich nicht anfreunden, geschweige denn identifizieren kann. MIt 15 kommt er nach Auschwitz, von da nach Buchenwald und überlebt die beiden Konzentrationslager auf mysteriöse Weise. Er bezeichnet das eigene Überleben nicht als Schicksal, da er das Vorhandensein eines solchen generell ablehnt. Schicksal bedeute Sinn und genau diesen sähe man in vielen Ereignissen – vor allem dem Holocaust (ein Begriff, den Kertész ablehnt) – nicht. Kertész sieht sich als einen dem Leben Ausgelieferten:

Aber dass ich Schriftsteller geworden bin, setzt ja an sich eine eigentümliche Natur voraus. Ich meine damit, dass ich mich wahrscheinlich in einem anderen Stoffwechsel mit der Realität befinde als andere Menschen.

Imre Kertész war nicht von Anfang an erfolgreich. Er hielt sich mit banalen Theaterstücken und Übersetzungen über Wasser, stahl sich quasi die Zeit für das, was ihm am Herzen lag: das Romaneschreiben. Dabei fühlte er sich in der Tat wie ein Verbrecher:

Ein Künstler muss sein Werk in der gleichen Gemütsverfassung beginnen, in der ein Verbrecher seine Tat ausführt […] Wenn ich zu arbeiten beginne, wird die Welt zu meinem Feind.

Der mangelnde Erfolg – auch wenn Erfolg nie Grund und Sinn des Schreibens war – nagte des Öfteren an Kertész Selbstbewusstsein. Seine Frau hielt das Paar über Wasser, er selber sah sich daneben oft in der Position dessen, der tat, was er tun musste, dabei aber nicht von der Gesellschaft akzeptiert war, nicht im System integriert war.

[Die Vernunft sagte mir], dass ich meine Zeit sinnlos vergeudete und wie ein Schmarotzer lebte; und beide Argumente nahm ich todernst…

Trotzdem hielt er am Schreiben fest, konnte nicht anders, als zu schreiben. Die Schande des eigenen Überlebens war sicher einer der Beweggründe. Der Umstand, dass er auf ein Leben zurückblickte, das Stoff für Romane bot, liess ihn immer weiter schreiben. Trotzdem wehrte er sich dagegen, sein Schreiben autobiographisch zu nennen, da alles, selbst Erinnertes, wenn es auf Papier kam, Fiktion wurde. Mit dem Schreiben bewältigte er so nach und nach seine Geschichte. Alles, was auf Papier stand, war für ihn abgeschlossen und damit fast schon vergessen.

Ich habe immer nur den Roman geschrieben, den ich gerade schrieb, und der erschien mir jedesmal ebenso fraglich wie mein eigenes Ausharren, ja, mein eigenes Fortbestehen.

Ein Zeugnis eines bewegten Lebens, welches das  Bild eines Schriftstellers und seines Schreibens malt, voller Authentizität, Offenheit und Verletzlichkeit.

Fazit:

Eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt, die demütig macht, packt und mitfühlen lässt. Nicht pathetisch, nicht mitleiderregend, sondern menschlich und sympathisch.

(Imre Kertész: Dossier K., Hamburg 2008.)

Mit der Planierraupe an die Ostsee

Ich bin zufrieden mit dem, wie’s ist. Wenn man erst mal anfängt mit dem Unzufriedensein, dann sucht man immer weiter, bis man dann so unzufrieden ist, dass einem gar nichts mehr gefällt. Und dann ist man bloss noch zufrieden, wenn man unzufrieden ist.

Diese weisen Worte stammen von Ewald Fricker, der in einem kleinen Ort im Allgäu in einer Kiesgrube arbeitet und mit seiner Planierraupe, einer Fiat-Allis FL 10 C, das alljährliche Wettplanieren gewinnt. Ewalds Welt ist klein, sie besteht aus seiner nörgelnden, fast schon bösartig zu nennenden Mutter, seiner Planierraupe und seinem Akkordeon, das er meisterhaft spielt, obwohl er keine Noten lesen kann. Ewald ist sein ganzes Leben nicht aus Ratzisried rausgekommen, wo er nur als Dorfdepp bekannt ist.

Irgendwo ist jeder Mensch daheim. Jeder hat irgendeinen Marktplatz-Fleck auf der Seele. Kenn keinen, der’s nicht hätt.

Doch dieses Jahr ist etwas anders. Dieses Jahr hat Ewald Fricker ein besonderes Ziel: Er möchte an die Ostsee, um da an der Deutschen Meisterschaft im Präzisions-Planieren teilzunehmen. Er lässt sich durch nichts aufhalten und fährt eines Nachts mit seiner Raupe und seinem Akkordeon los Richtung Norden.

Rita Zieschke, Disponentin der Kiesgrube und Geliebte des Chefs soll den Abtrünnigen samt Raupe zurückholen. Rita Zieschke muss bald einsehen, dass Fricker nicht von seinem Plan abzubringen ist.

Sie schlitterte hier in etwas hinein, was nicht auf ihre Idee und ihre Initiative zurückging, und Rita mochte es nicht, wenn sie zum Reagieren verdonnert wurde, von wem auch immer.

Eine abenteuerliche Reise beginnt, welche nicht nur quer durch Deutschland führt, sondern beide auch mit ihren Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert.

Eine Geschichte von einem, der ein Ziel hat und es verfolgt. Zwar kann er weder lesen noch schreiben, aber er spielt sein Akkordeon wie kein anderer und er weiss, wie mit einer Planierraupe umzugehen. Dass er seinem Ruf als Dorfdepp zum Trotz über eine eigene Weisheit verfügt, erstaunt nicht nur seine Mitreisende Rita Zieschke. Als diese merkt, dass er auch das Herz auf dem rechten Fleck hat, muss sie ihr Bild vom Leben und den Männern revidieren.

Fazit:

Eine kleine Geschichte ohne grosse Höhepunkte oder packende Spannung, die einem immer mal wieder ein Schmunzeln entlockt. Man fiebert mit Ewald Fricker mit und wünscht ihm seine Meisterschaft. Um das zu erleben, muss man weiterlesen – und tut es gerne.

Jockel Tschiersch: Rita und die Zärtlichkeit der Planierraupe, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 256 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (27. Februar 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442312817

ISBN-13: 978-3442312818

Preis: EUR 14.99; CHF 24.90

 

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Leben auf der Flucht

Am Nachmittag des Tages der geplanten Flucht aus Berlin, überkommt Margot auf dem Weg zur Wohnung ein komisches Gefühl. Irgendetwas stimmt nicht, dessen ist sie sich sicher. Und wirklich steht der Mann, der vorher mit schnellem Schritt an ihr vorbei ging, nun vor ihrer Haustür und wartet offensichtlich auf sie. Es gibt kein Zurück mehr, Margot muss an ihm vorbei, als ob sie alles nichts anginge und läutet bei einer Nachbarin, welche sie zum Glück reinlässt. Da erfährt sie die ganze Wahrheit.  Die Gestapo hat alle abgeholt, die Mutter, die zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause war, meldete sich freiwillig, um mit ihrem Sohn zu gehen. Zurück bleibt nur Mutters Tasche mit einer Bernsteinkette und einem kleinen Adressbüchlein mit Adressen, welche zum Zweck einer Auswanderung oder Flucht gesammelt worden waren. Und eine Botschaft: „Versuche, dein Leben zu machen.“

Margot sieht ihre einzige Chance im Untergrund. Sie entledigt sich des Judensterns, färbt die Haare Tizianrot und läuft dann ziellos durch Berlin. Plötzlich steht sie vor dem Haus ehemaliger Freunde und kann erst mal bleiben. Danach führt ihr Leben von Adresse zu Adresse, immer auf der Flucht, immer versteckt und in Angst. Der Preis für die Hilfe ist ab und an hoch, manchmal scheint es blosse Nächstenliebe oder aber verdeckte Ablehnung Hitlers. Ganz sicher ist sich Margot nicht. Während sie von den Deutschen verfolgt wird, sind es oft auch Deutsche, die ihr helfen. Schuld und Unschuld, Täter und Opfer sind Kategorien, die in diesem Buch nicht einfach im Grossen zu verteilen sind.

Eines Tages kommt Margot in eine Kontrolle und gibt zu, Jüdin zu sein. Es fühlt sich an wie eine Befreiung, denn endlich kann sie wieder zu ihrem Schicksal, ihrer Identität stehen, muss nicht lügen, alles verdecken. Die Folge ist das Ghetto in Theresienstadt, wo sie Adolf Friedländer wieder trifft. Sie geben sich gegenseitig Halt, überleben das Ghetto wohl nur deswegen, weil sie erst gegen Ende des Krieges dahinkamen. Das Kriegsende kommt mit der Befreiung, doch wie nun weiter? Hunger herrscht noch immer, Angst ebenfalls.

Die Hand meiner Mutter hatte mich geleitet. Das hatte ich mir immer gesagt, all die Jahre. Ich hatte unter ihrem Schutz gestanden, damit ich überlebte. Und ich hatte es geschafft. Jetzt musste ich den Gedanken zulassen, dass meine Mutter tot war. Ich hatte mich ihr immer nahe gefühlt – bis jetzt. „Versuche dein Leben zu machen.“ Galt das bis hierhin und nicht weiter?

Der Weg aus Theresienstadt erfolgt in Viehwaggons, das mittlerweile verheiratete Paar ist im Besitz eines Briefes aus Amerika, von Adolfs Schwester. Zusammen wandern sie in der Folge aus.

Fazit:

Ein mitreissendes Buch über die wohl dunkelste Seite unserer Geschichte. Erzählt ohne Pathos, ohne Weinerlichkeit, sondern mit einer Klarheit und Kraft, die berührt.

Margot Friedländer (mit Malin Schwerdtfeger): „Versuche, dein Leben zu machen“ Als Jüdin versteckt in Berlin, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Berlin 2008.

Dackel Herkules und die komplizierten Menschen

Mein Leben ist schön. Und es wird täglich schöner. Zufrieden räkle ich mich auf dem kleinen Rasenstückchen unseres Vorgartens und beobachte drei Männer dabei, wie sie schwere Kartons aus unserem Haus heraustragen und in dem grossen Lastwagen verstauen, der auf der Strasse davor parkt.

Dackelmischling Herkules’ Frauchen Carolin hat endlich den richtigen Mann gefunden, auch wenn der ein gebrauchter Mann ist. Was das genau ist, weiss Herkules noch immer nicht, sein bester Freund Herr Beck versucht es ihm aber zu erklären, so wie er ihm immer die Welt erklärt bei ihren Streifzügen durch den Garten. Er warnt Herkules auch, dass das Zusammenleben mit Menschen meist kompliziert ist, da Menschen kompliziert sind. Von Happy Ends hält Herr Beck gar nichts.

Herkules kann das nicht glauben und schimpft Herrn Beck einen alten Zyniker. Er sieht das Happy End deutlich vor sich, da er nun endlich eine ganze Familie hat mit Carolin, ihrem neuen Freund Marc und dessen Tochter Luisa. Was so idyllisch anfängt, wird bald wirklich kompliziert, als Marcs Exfrau Sabine auftaucht, welche nicht gut auf Carolin zu sprechen ist. Carolin teilt diese Abneigung. Dass Marcs Mutter, die vorübergehend in Marcs und Carolines Haus ein und aus geht, Position gegen Carolin einnimmt, macht das Zusammenleben nicht einfacher. Zwischen Carolin und Marc entsteht ein handfester Streit.

Als ob das nicht genug wäre, erlebt Herkules am eigenen Leib, dass es mit der Liebe wirklich nicht leicht ist. Er verliebt sich im Park in die wunderschöne Golden Retriever Hündin Cherie. Seine Gedanken drehen nur noch darum, wie er sie am besten von sich einnehmen kann. Dass ihn dabei seiner Grösse wegen niemand ernst nimmt, trägt nicht wirklich zu seiner Freude bei. Als dann auch noch Carolins alter Freund und Verehrer Daniel auftaucht, wird Herkules’ Leben wirklich schwierig:

Auweia. So schön friedlich dieses Bild auch ist – ich kann mich daran nicht erfreuen. Denn Caro ist doch Marcs Frau, nicht Daniels. Und auch, wenn sie von Marc nun nur das Schlechteste denkt – ich weiss ja, dass es nicht stimmt.

Herkules muss Herrn Beck recht geben: Das Leben ist kompliziert und die Menschen sind es erst recht. Herkules gibt aber alles, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Das Leben und Lieben von Menschen aus der Warte eines kleinen Dackelmischlings erzählt. Die Perspektive wirft eine erfrischend naive Sicht auf die sonst so normalen Dinge und lässt sie dadurch in neuem Licht erscheinen. Man könnte Herrn Beck ab und an fast recht geben: Wir Menschen sind kompliziert.

 

Fazit:

Sommerlich leichte Lektüre herzerwärmend und witzig erzählt. Das perfekte Buch, einfach mal abzuschalten und sich treiben zu lassen. Absolut lesenswert. Einzige Gefahr: man möchte nachher selber einen Hund, wenn man noch keinen hat.

Frauke Scheunemann: Katzenjammer, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (18. Juni 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442477921

ISBN-13: 978-3442477920

Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

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