Das Rezept für ein ausgefülltes Leben ist, die richtige Balance zwischen Sicherheit und Leidenschaft zu finden.
Kategorie: Gedanken
Beziehungen von gestern?
Früher wurden Beziehungen aus verschiedenen Gründen eingegangen. Liebe war selten zentral dabei, ökonomische und (familien)politische Überlegungen waren vordergründig. Durch die übliche und gesellschaftlich einzig akzeptierte Rollenverteilung war Frau, einmal geheiratet, gar nicht mehr in der Lage, sich anders zu entscheiden. Hätte sie es getan, wäre sie nicht nur gesellschaftlich geächtet gewesen, sondern auch wirtschaftlich ruiniert, hing sie doch am Mann dran. Sie war aber selber durchaus zu was gut, galt doch ein verheirateter Mann vor allem auch beruflich als gefestigter, hatte er noch eine Vorzeigefamilie, stieg er gar zum Bilderbuchmann auf. Was er nebenher so laufen hatte, kümmerte keinen, denn das hatte jeder, man wusste es, man sah drüber weg. Man hatte wohl nicht den Anspruch, dass es anders wäre, da man gar nicht die Hoffnung hatte, es könnte anders sein.
Die Zeiten haben sich geändert, die herkömmlichen Rollenmuster sind aufgeweicht und politische und finanzielle Heiratsgründe verpönt. Die Liebe zählt – und nur sie allein. Was auf Liebe gründet, soll ewig währen. Nebengeschäfte sind tabu. Dass es sie noch immer gibt, weiss man, will man aber nicht wirklich wahrhaben oder aber man hofft, dass der Kelch an einem vorüber zöge. Frau hat den Vorteil, einfach gehen zu können, sie hat heute Möglichkeiten und Wege, hängt nicht mehr zwangsläufig am Mann dran. Mann findet sich als nicht verheirateter in guter Gesellschaft, je höher die Karrierestufe – so liest man – in umso zahlreicherer.
Die Scheidungsraten sind gestiegen, Beziehungen sind nicht mehr Dauerware, sondern höchstens Etappen füllend. Woran liegt es? Bauen Beziehungen auf dem falschen Grund auf? Ist Liebe zwar wunderbar zu haben aber nicht dauerhaft? Ist es mit den Gefühlen zu Menschen wie mit dem Geschmack beim Essen? Das heutige Leibgericht ist morgen ersetzt? Wechseln wir nicht nur unsere eigenen Wesensarten, sondern damit auch das, was wir im Aussen suchen? Möglich wäre es.
Die heutige Unabhängigkeit von Mann und Frau könnten aber auch die Erwartungen ans Gegenüber wachsen lassen. Da ich den anderen nicht wirklich brauche, muss er noch viel besser sein, damit ich bleibe, denn ich muss ja nicht. Wenn man bleiben muss, sieht man (gezwungener Massen) über mehr hinweg als wenn man gehen kann. Sicherte früher das Bleiben das (zumindest gesellschaftliche) Überleben, so kann heute schneller der Gedanke aufkommen, dass Bleiben eher das Leben belastet. Wozu etwas behalten, das man nicht braucht und das nicht ist, was man gerne hätte?
Wozu also geht man heute noch Beziehungen ein, wenn man sie nicht mehr braucht (zum Überleben) und Liebe selten ewig hält? Ist der Mensch von heute Einzeltierchen mit zeitweiligem Bedürfnis nach Austausch, jegliche weiterführende Verbindlichkeit mehr Ballast denn Lust?
Pfauen und andere Tierchen
Sieht man das männliche Pfauentier mit stolz geschwellter Brust daher schreiten, den Schweif in bunter Farbenpracht gespreizt, förmlich schreiend nach Bewunderung, nimmt sich das eher blasse, kleine Weibchen daneben sehr unscheinbar aus. Ihn scheint das nicht zu stören, sie offensichtlich auch nicht, ist sie sich des Umstandes wohl auch nicht bewusst. Und so leben die beiden glücklich und einträchtig in ihren von der Natur zugedachten Rollen.
Da stehen wir Menschen und haben dieses Ding, das Bewusstsein heisst. Und wir merken all das, was die kleine Pfauenfrau nicht merkt. Und wir nehmen Anstoss daran. Zumindest heute und in unserer westlichen Zivilisation. Früher war auch hier die oben genannte Rollenverteilung normal, der Mann das grosse Tier nach aussen, die Frau im stillen Kämmerlein. Schulbildung war versagt, Weiterbildung sowieso. All das musste mühsam erkämpft werden. Dass dieser Kampf heute ab und an merkwürdige Blüten treibt, ist hier nicht Thema.
Der Mann[1] fühlte sich wohl in dieser Rolle, sah sich von den Frauen bewundert und in der starken Rolle des Ernährers, Beschützers und Mann von Welt. Er sonnte sich in seiner Rolle und noch mehr in der Bewunderung der Frau. Sie definierten sich und ihren Selbstwert dadurch. Durch die veränderten Bedingungen heute, in denen Frauen (rein theoretisch zumindest) dieselben Wege und Möglichkeiten offen stehen wie den Männern, sie diese auch gehen und ergreifen, kommt dieses Selbstverständnis ins Wanken. Was ist der Mann, wenn er nicht mehr der Grosse ist? Ist er dann noch ein Mann? Wird er noch als solcher wahr und ernst genommen?
Hannah Arendt hatte eine viel beschriebene Beziehung zu Martin Heidegger. Er der grosse und charismatische Professor, sie die kleine und unsichere Studentin. Die Beziehung blieb, als sie an eine andere Uni wechselte, auch später noch hatte sie Bestand. Zwischen den beiden galt die ungeschriebene Regel, dass sie ihm nie sagen durfte, dass sie auch nur eine Zeile selber geschrieben hatte. Nie durfte sie sich selber als (grosse oder erfolgreiche) Denkerin offenbaren, sie musste in der Beziehung die Kleine bleiben, die zwar seine Schriften kommentieren durfte (bevorzugt loben), selber aber nichts zustande bringt. Sie hat sich über viele Jahre daran gehalten. Als sie die Regel umging und ihm ein Buch von sich schickte, stiess sie auf Mauern.
Noch heute ist dieses Verhalten in vielen Köpfen drin. Der Mann als grosser Held möchte über der Frau stehen. Er möchte bewundert sein, denn daraus schöpft er noch immer seinen Selbstwert, damit identifiziert er noch oft sein Mannsein, weil es ds ist, was er kennt, das, was bislang die Regel war. Selbst wenn er das bestreitet, es drückt oft durch und ist mittlerweile auch Thema vieler Abhandlungen, Zeitungsartikel und psychologischen Studien geworden. Alte und hergebrachte Muster lassen sich nicht so einfach durch theoretische Wertänderungen ersetzen. All die Gedanken von Gleichberechtigung und Gleichstellung, von gleicher Augenhöhe und gleichen Möglichkeiten sind durchaus anerkannt und werden als wichtig erachtet. Im menschlichen Miteinander hinken wir emotional noch hinterher. Der Mann möchte tief drin immer noch seinen Federkranz mit geschwellter Brust präsentieren, die Frau soll bewundernd von unten aufschauen.
Die (menschliche) Natur ist träge in ihren Veränderungen und auch der Geist und das von diesem gesteuerte Verhalten reagiert nur langsam. Die Synapsen im Gehirn müssen sich erst neu bilden und festigen, bevor ein neues Verhalten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bis dahin hilft wohl nur, sich immer wieder bewusst zu werden, was man eigentlich will im Leben. Und das betrifft beide Geschlechter. Es sind nicht nur die Männer, die sich gerne brüsten, es gibt auch immer noch genug Frauen, die nur den als Mann achten, der genau das tut. Damit wird dieses Verhalten immer wieder von Neuem bestärkt und die Veränderung (auch der Gesellschaft und damit der tatsächlichen Möglichkeiten, nicht nur der theoretisch gedachten) wird nach hinten geschoben.
[1] Es ist durchaus klar, dass jeder Mensch anders ist und nicht jeder Mann dem anderen gleicht. Es geht hier mehr drum Tendenzen zu beschreiben als Individuen zu klassifizieren.
Geld regiert die Welt
Man denke sich ein Land, das niedrigere Steuern hat als die meisten der umliegenden Länder. Dazu ist es ein nettes kleines Ländchen, idyllisch gelegen und sauber aufgeräumt. Es bietet gewissen Komfort für die, welche sich diesen leisten können, dass es auch viele andere hat, die kaum überleben mit dem, was sie verdienen, wollen wir mal aussen vor lassen, das ist nun nicht Thema und passt nicht ins Konzept.
Nun denkt sich doch so mancher kluge Kopf, vor allem, wenn er noch ein paar Konten hat, die gut gefüllt sind und Umsätze macht, die ein paar Nullen am hinteren Ende aufweisen, dass er das Geld nicht abgeben, sondern behalten möchte. Wäre da nicht dieser üble Fiskus, der einem die Spass an der Freud verdirbt und immer was vom Kuchen abhaben will. Je nach Land eher viel. Doch der kluge Kopf ist ja nicht umsonst klug, er kennt dieses nette kleine Land, er zieht um. Nun ist er nicht einfach ein kluger Kopf, sondern der kluge Kopf einer Firma, die er mit umzieht. Dadurch, dass diese Firma nun im kleinen Ländle sitzt, zahlt sie viel weniger Steuern als sie im Ursprungsland und in vielen anderen Ländern gezahlt hätte. So weit so gut. Man könnte fast sagen, dass sie nun glücklich bis ans Lebensende leben und das eingesparte Geld in grossen Schlucken aus den aufgetischten Champagnergläsern trinken.
Doch weit gefehlt. Nun hat man zwar was eingespart. Der Sieg macht ein oder zwei Jahre glücklich. Dann fängt man an, nach links und rechts zu schauen und sieht: Ja hallo, die Firmen, die hier ihren Ursprung haben, zahlen weniger Steuern als wir. Wir armen Zugezogenen werden quasi geschröpft. Das geht ja gar nicht, dass die in diesem Land eine solche Ungleichbesteuerung befürworten. Wir könnten noch viel mehr an Steuern einsparen, wenn wir wie die behandelt würden. Dienst am Land und andere ethischen Überlegungen sind egal, dass jede Steuerersparnis dieser Firma die Steuerkasse des Staates schwächen würde, damit den Schwächsten der Gesellschaft, die wir ja nicht erwähnen wollten, noch mehr genommen würde, bleibt ebenfalls aussen vor. Das ist ist nur idealistisches Geschwafel, das interessiert an dieser Stelle nicht. Auch die hier genutzte Infrastruktur, die ja auch den Firmen zugute kommt und deren klugen Köpfen dienlich ist, soll das Land doch bitte selber finanzieren. Darauf kann man keine Rücksicht nehmen, zumal man ja am längeren Hebel sitzt argumentationstechnisch.
Die klugen Köpfe der zum Zwecke der Steuerersparnis eingereisten Firmen überlegen sich, was sie tun könnten, um diesen Umstand zu ändern. Und merken natürlich sehr schnell, dass kein Mittel so gut wirkt, wie Drohungen. Wenn wir diesem Land drohen, dass wir wieder gehen, wenn sie unsere Forderungen nicht erfüllen, werden die schnell einlenken. Dann verlassen wir sie nämlich mit wehenden Fahnen und sie verlieren sämtliche Steuereinnahmen (und ein paar Arbeitsplätze) und nicht nur den Teil, den wir einsparen könnten, wenn wir unsere Forderungen durchbringen.
Nun hat das Argument durchaus etwas für sich, rein rechnerisch geht es auf. Das sieht natürlich auch der Wirtschaftsverband dieses kleinen Landes und hält schnell Vorträge, die den Firmen nach dem Munde reden. Gebügelt und krawattet sitzen sie da, reden davon, dass die Schweiz sich das leisten kann, leisten muss. Sind ja nur ein paar Milliarden (dass am Anfang der Gespräche um die Unternehmenssteuerreform „nur“ von Millionen die Rede war, ignorieren wir hier). Für einen guten Zweck quasi. Wir müssen uns so verhalten, wie die anderen das wollen, sonst haben sie uns nicht mehr gern. Das haben sie eh schon nicht, nur wenn sie Steuern sparen können. Und davon wollen sie noch mehr haben, sonst entziehen sie uns das letzte Bisschen Liebe.
Und das Ende der Geschicht’? Die Vortragenden werden gut entlöhnt von den klugen Köpfen der Drohenden, weil sie die Sache unter Dach und Fach gebracht haben. Und so werden immerhin die glücklich und zufrieden leben, bis dass der Tod sie scheidet. Ethik und Moral ignorieren wir mal schön weiter. Die zählen in dieser Geschichte nicht, da alle, die darauf pochen entweder idealisierende Ignoranten der tatsächlichen harten Realität und Wirtschaft sind oder aber unvermögende Neider.
Welche Meinung zählt?
Wenn man alles nicht hören will, das nicht der eigenen Meinung entspricht, wird es über kurz oder lang ziemlich ruhig.
Allein oder miteinander?
Martin Heidegger verzog sich in die einsame Natur, um seine Gedanken zu sortieren. Nur da konnte er, wie er dachte, seine Philosophie, seine Weltsicht entwickeln. Hannah Arendt, die ihm sehr (und mehr als das) verbunden war, folgte ihm in vielem, war fasziniert von ihm und seinem Denken, seiner Art der Gedankenführung. In dem Punkt (neben durchaus anderen) widersprach sie ihm. Sie fand, das Leben sei immer ein gemeinsames, das man nur im Miteinander, durch Gespräche erfahren, durchschauen und überhaupt sinnvoll machen könne. Allein oder gemeinsam?
Oft hört man, man solle sich auf sich besinnen, in sich gehen, da die Wahrheiten des eigenen Selbst finden und danach leben. Allerdings gibt es auch die These, dass wir uns durch den Blick von Aussen besser erkennen können, weil wir da den Spiegel sehen, das, was von aussen von uns sichtbar ist. Das verwehrt sich uns, da wir immer in uns gefangen sind und nicht unvoreingenommen aus uns heraustreten können. Insofern bräuchte man das Aussen, um das Innen, das aus uns herausspricht, erkennen zu können.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne andere Menschen wird er nicht leben können. Das konnte nicht mal Martin Heidegger, der zwar zum Schreiben in die Einsamkeit flüchtete, allerdings die Gemeinschaft (auch die von Hannah Arendt) durchaus brauchte, um eben produktiv zu sein, seine Gedanken zu finden und zu Papier zu bringen. Gerade von seinem Erstwerk sagte er, dass es ohne Hannah Arendt nicht entstanden wäre – allerdings auch nicht ohne seine Frau, die ihm den Rücken freihielt und ihm so überhaupt die Ruhe ermöglichte, die er brauchte.
Die Zeit heute ist schneller geworden. Informationen fliessen schneller, man muss sie schneller erfassen, verarbeiten, verwerten und sich dazu stellen. Das ermüdet, das härtet auch ab. Vielleicht ist die Ignoranz, die man vielerorts spürt, diesem Umstand geschuldet. Man will sich nicht mehr einlassen, weil sonst noch mehr auf einen einprasseln könnte, von dem man sowieso schon zu viel hat. Vor allem negative Dinge lässt man lieber aussen vor, man müsste sich sonst noch wirklich Gedanken machen, es könnte von einem eine Haltung gefordert sein und die könnten einen vor die Wahl stellen, ob man im eigenen Gärtchen bleibt oder dem Gewissen folgt, welches zu Mitgefühl und Anteilnahme aufruft.
Die neuen Medien erleichtern die Ignoranz. Zwar war das Innenleben noch nie so nach aussen gekehrt, man erfährt von anderen, wo sie ihr Essen kaufen, wann sie es wie zubereitet essen, mit wem sie es essen und was sie über den denken. Dass man nicht auch noch weiss, wie und wann sie es wieder loswerden, ist wohl eine Frage der Zeit (ab und an ist auch die Grenze schon überschritten). Nie war es aber auch so einfach, Dinge einfach zu überlesen – oder so zu tun als ob. Man liest sie und lässt sie im Nirgendwo des Datendschungels versanden. Dass hinter diesen Dingen Menschen sitzen, hat man wohl vergessen, verdrängt oder man denkt, die ja nicht wirklich zu kennen, da alles nur virtuell, nichts real sei. Wieso reale Anstrengung für eine virtuelle Welt verschwenden?
Ist diese Welt wirklich nur virtuell? Klar ist es über Datennetze verbunden, aber dahinter stehen reale Menschen mit realen Gefühlen. Und so sehr man die Welten trennen will, so eng sind die beiden verwoben. Die Trennung ist wohl eher dem eigenen Gewissen genehm, weil man sich dann aus der Affäre ziehen kann, denn wirkliche Realität. Und wenn die Trennung wirklich da ist, muss man sich auch fragen, wieso das so ist und was man sich dann von einer solchen virtuellen Welt erhofft, was man da will. Und vielleicht sind dann gewisse Inhalte gar nicht mehr angebracht, nämlich alles, was menschlich, nah und echt ist. Dann hätten wir eine virtuelle Kunstwelt ohne menschliche Authentizität. Ob man sich dann noch wohl fühlte darin?
Selbsterkenntnis
Wir haben nie nach uns gesucht – wie sollte es geschehen, dass wir uns eines Tages fänden? (F. Nietzsche, Genealogie der Moral)
„Wer suchet, der findet“ heisst es so schön im Volksmund. Manchmal findet man auch etwas, das man nicht gesucht hat. Des Weiteren gibt auch die Momente, in denen man sucht und sucht – die Nadel im Steckhaufen, doch sie bleibt verborgen. Alles Suchen scheint ins Leere zu laufen, höchstens vorübergehende Funderfolge zu liefern, keine überdauernden. Das mag ab und an frustrieren, wollen wir doch als Menschen alles wissen, alles kennen, über allem stehen. Wir sehen uns als Beherrscher der Welt, der Natur, stehen gerne über den Dingen und auch über anderen Menschen. Wer zuoberst steht, der hat gewonnen.
Der Mensch ist begrenzt, alles, was er findet, muss im Rahmen seiner Möglichkeiten – vor allem der sinnlichen – liegen. Zwar können wir die so wahrgenommenen Dinge weiter denken, sie durch unsere Gedanken weiter entwickeln, daraus Schlüsse ziehen, die über das direkt Wahrgenommene hinausgehen. Aber auch dieses Denken hat Grenzen, natürliche Grenzen. Der Mensch ist nicht auf die umfassende Wahrheit ausgerichtet, sondern darauf, zu überleben. Das weiss man spätestens seit Darwin, das war aber auch vorher schon immer wieder Thema und Theorie. Viele Philosophen wollten den Menschen über allem stehend sehen, ihn quasi zum Übermenschen erklären. Nietzsche hat den Menschen als Tier gesehen, der sich selber ständig überschätzt und überstilisiert. Schopenhauer hat dem Menschen seine Begrenztheit vor Augen geführt, indem dieser die Welt nur sieht, wie er sie wahrnehmen kann. Nie objektiv, immer durch die eigene Brille. Kant hat sich der subjektiven Weltsicht angeschlossen, in dem er fragte, ob man sicher sein kann, ob etwas grün ist oder nur das Auge eine grün gefärbte Glasscheibe, die den Gegenstand grün erscheinen lässt.
Was wissen wir von der Welt, woher nehmen wir so oft die Sicherheit, alles richtig zu sehen und zu wissen, wie der sprichwörtliche Hase läuft? Grundsätzlich können wir es nicht wissen, wir können es im allerbesten Fall ahnen, es uns ausmalen, aus schlüssigen Argumenten zu einer Meinung kommen, die eher Glaube als Wissen ist. Wir nennen es Wissen, weil wir unserer Argumentation glauben wollen und weil wir uns über Wissen definieren. Wissen ist Macht. Wer mehr weiss, wird es weiter bringen. Die, welche Nichtwissen zugeben, zaudern, werden den Fuss nie auf die höchste Stufe der Leiter bringen. Sie sind die ewigen Zauderer, die, welche es eben nicht wissen. Dass sie im Grunde genommen recht haben, ist dabei irrelevant.
Das mag alles stimmen, doch bleibt auch zu sagen, dass man sich für Dinge entscheiden muss, will man überleben – und nur darauf kommt es an in der Evolution. Wenn ich 5 Tage überlege, ob ich nun besser ein Brot oder einen Apfel esse, dabei nichts esse und das Trinken vergesse ob all des angestrengten Nachdenkens, wird die Frage irrelevant, da ich schlichtweg verdurstet bin. Das eigene Überleben fordert von uns Entscheidungen und die treffen wir nur dann, wenn wir das, wofür wir uns entscheiden wollen und sollen, als wahr und richtig erkennen und ihm aus diesem Grund folgen wollen und können. Dass wir dies können bedarf, dass wir wissen, wer wir sind und was wir wollen. Und schon haben wir das nächste Problem.
Klar kann man einfach tun, was von anderen für richtig gehalten wird. Sie werden schon Recht haben und da sie alle überlebt haben (zumindest die heutigen Entscheidungsträger bis jetzt) kann ihr Entscheid so falsch nicht sein. Zumindest nicht tödlich und überleben ist schon mal die halbe Miete. Um aus Überleben Leben zu machen, braucht es aber eine Nuance mehr – nämlich das eigene Zutun. Wer bin ich und wer will ich sein? Das ist bei der „Brot oder Apfel“-Frage nicht wirklich relevant, bei tiefer gehenden Fragen wie „Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um?“, „Welcher Zweck heiligt welche Mittel?“, „Wo liegt die Grenze des Erlaubten? Wo die des Gewollten? Wo die des Gekonnten?“ wird es schon wichtiger.
Wir werden uns nie ganz erkennen können, dazu ist unser Denken und Sein zu beschränkt. Die moderne Hirnforschung kommt zu immer neuen Schlüssen, will aufdecken, wer der Mensch ist, wie er funktioniert. Sie behauptet ab und an, es gäbe gar kein „Ich“ im Menschen, alles sei blosse Aneinanderreihung von chemischen und physikalischen Prozessen. Auch sie bleibt die letzte Antwort schuldig, so wird es nach der hier vertretenen Auffassung auch immer bleiben. Das ist aber kein Beinbruch, denn die umfassende Wahrheit ist in meinen Augen nicht nötig. Wir leben gut mit der Meinung, dass es uns als „Ich“ gibt und wir über einen freien Willen verfügen, der es uns ermöglicht, die Dinge in Frage zu stellen, uns selber damit. Wir leben gut damit, zu glauben, dass wir wissen und wir uns an diesem Wissen orientieren können. Selbst wenn das alles eine Illusion sein sollte, wenn wir also keine freie Wahl haben, so bleibt doch eine Tatsache, dass es immer zwei Möglichkeiten gibt, zu entscheiden: Dafür und dagegen. Welche wir treffen, liegt irgendwie bei uns und damit an der Frage, wer wir sein wollen, wenn wir entscheiden, wie wir handeln sollen.
Liebe
Ich liebe ihn. Ich kann es ihm nicht sagen. Was wird er von mir denken? Wir kennen uns kaum. Und vielleicht liebt er mich ja nicht. Findet mich nett, ja, aber mehr? Was denkt er dann, wenn ich so raus presche, einfach sage, was ich fühle, was ich will. Er denkt, ich sei vorschnell, voreilig, er will gar nichts. Er findet mich lächerlich, belächelt mich. Vielleicht erzählt er seinem Freund. Er erzählt es allen, die lachen dann hinter meinem Rücken. Wenn ich komme, verstummen sie, weil sie vorher grad noch darüber lästerten, dass ich so eine naive verliebte Kuh bin. Nein, diese Blösse gebe ich mir nicht. Ich werde nichts sagen. Werde warten. Wenn nichts kommt, wird mich das bestätigen und ich werde froh sein, nichts gesagt zu haben.
Wie oft halten wir mit positiven Gefühlen hinterm Berg. Dem anderen zu sagen, was er falsch macht scheint fast einfacher, als die positiven Gefühle offenzulegen. Wir mauern uns ein, schützen uns vor Spott und Häme. Wir fürchten, uns blosszustellen, wenn wir zu uns stehen, weil wir denken, dass wir mit unseren Gefühlen schwach aussehen, vor allem, wenn sie nicht erwidert werden. Wenn ich liebe und nicht geliebt werde, so denken wir, dann ist der andere der Grosse, er ist mehr wert, weil er von mir geliebt wird, ich von ihm nicht. Wir setzen uns damit schon von vornherein in die kleine Position, in die des Schwächlings. Wir denken, unsere Fassade wahren zu müssen, indem wir mit dem Innersten nicht nach aussen treten. Wir nennen es Selbstschutz. Stellen ihn in den Dienst des Gesichts nach aussen, das es zu wahren gilt. Wir merken dabei nicht, dass wir uns selber klein machen, dass wir uns selber nicht Wert genug sind, zu uns zu stehen. Wie soll es ein anderer?
Sind Gefühle wirklich Ausdruck von Schwäche? Ist es wirklich Unterlegenheit, zu lieben und nicht widergeliebt zu werden? Ich denke nicht. Liebe ist das grösste Gefühl überhaupt. Dazu fähig zu sein hebt den so Fühlenden schon über sehr viele Menschen hinweg, die nur noch dem eigenen Profit nachrennen und diesem alles unterordnen, bis sie auf dieser Jagt nach Ruhm, Ehre und Erfolg straucheln und sich ganz tief in Loch sitzen sehen – allein und einsam.
Sind wir schwach und klein, nur weil uns der, den wir lieben, nicht genauso liebt? Hat das irgendetwas mit unserem eigenen Wert zu tun? Auch da denke ich, dass dies nicht der Fall ist. Klar tut es weh und klar wünscht man sich Liebe gegenseitig. Aber wenn man nur darauf abzielte, geliebt zu werden, wäre das Lieben kein Gefühl, schon gar nicht bedingungslos, es wäre ein Tauschgeschäft. Und so funktioniert sie nicht. Liebe fordert nicht, sie gibt. Und ja, man selber wird gerne geliebt. Aber es gibt sicher Menschen, die einen lieben. Nur gerade der eine nicht, den man nun halt gerne hätte. Damit muss man umgehen lernen. Das bedeutet nicht, Mauern bauen und keine Gefühle mehr nach aussen dringen zu lassen. Das bedeutet, sich selber zu lieben, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen. Dankbar zu sein, dass man sie hat und an sich zu glauben. Liebe ist kein Tauschgeschäft. Gegenseitige Liebe ist die Sahnehaube, Liebe an sich ist das, was das Leben lebenswert macht. Und wenn man sich wieder mal ungeliebt fühlt, sollte man einfach ganz ehrlich hinschauen und sehen, wer alles da ist, der einen liebt. Und meist sind das ganz viele Menschen. Und wenn es auch nur einer wäre – es beweist: man ist liebenswert.
Wichtig ist, das selber einzusehen und gleich anzufangen, sich selber so zu sehen und sich selber zu lieben. Wenn man das nicht tut, können noch so viele Liebende einem beteuern, wie toll man ist, man wird es nicht glauben und damit irgendwann Keile in diese Liebe drängen. Wenn man es tut, braucht es keinen, weil man zu sich steht. Aber jeder, der mit Liebe kommt, ist dann ein Geschenk, welches das Leben bunter macht – und lebenswert.
Sterne am Himmel
Heute sass ich so da und träumte mich durch die Welt. Ich stellte mir vor, wo ich hin könnte und was ich da alles erleben, erreichen wollte. Ich malte mir mein Leben in der neuen Welt bunter aus, als es hier je werden könnte, sah all die Möglichkeiten, Schönheiten, Neuheiten, Abenteuer in den glänzendsten Farben und Lichtern. Wie Sterne glitzerten sie am Himmel. Sterne, die ich greifen wollte, erfassen wollte, an mich reissen, nie mehr loslassen.
Die Sterne erschienen verlockend und unerreichbar. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr fehlende Tritte auf der Leiter hin zu den Sternen sah ich. Ich sah sie da oben, mich hier unten, sah sie glitzern, während meine Welt sich immer mehr verdunkelte. All die Wünsche, Pläne, Träume – unerreichbar? Ich an diese Welt gebunden, gekettet, darin eingesperrt?
Ich sah mich in einer Welt, in der so viel fehlte, das ich gerne hätte. Ich sah diese Welt, die so klein, so eng, so düster schien. Ich fühlte mich ihr ausgeliefert, gehalten nur von äusserlichen Ketten, da mich innerlich nichts an sie band. Zuhause, Heimat, Wurzeln – alles dieses hatte ich nie und fühlte ich nie. Nicht hier. Nicht jetzt. Nie und nirgends. Ich war nicht mal entwurzelt, ich war ganz und gar wurzellos und doch gebunden.
Was wäre, wenn ich einfach die Ketten sprengte, sie hinter mir liesse, ohne zurückzublicken drauf los liefe, den Sternen entgegen? Wenn ich mich befreite von all den Zwängen, all den Einengungen, mein Leben gestaltete, wie ich es mir wünschte? Die fehlenden Tritte auf der Leiter könnte ich bauen und so einen Schritt nach dem anderen näher an die Sterne gelangen, bis ich sie hätte, da wäre. Es wäre machbar.
Ich ging in mich und fragte mich, wieso ich das nicht schon längst gemacht hatte. Was hat mich gehindert? Andere? Ich? Ketten? Ängste? Vermutlich ein bisschen von allem. Und die Frage: Was, wenn die Sterne, bin ich erst da, wieder weiter weg hängen? Wenn sie quasi eine Fata Morgana meines eigenen Wunschdenkens sind und mir immer knapp vor der Nase hangen? Vielleicht sind Sterne ja dazu da, in der Ferne zu funkeln, um uns anzutreiben und zu schwelgen. Und wenn wir lange genug geschwelgt haben, besinnen wir uns wieder darauf zurück, was wichtig ist und was nur Illusion. Sterne am Himmel – was wäre noch, wären sie alle gepflückt? Der Himmel wäre schwarz und leer. Aber bräuchten wir die Sterne da oben noch, wenn wir alle für uns gewünschten in der Hand hielten? Wären wir dann glücklich?
Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt
Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt
Diesen Satz las ich gestern und fragte mich – wie immer, wenn ich so etwas lese, ich kann es ja nie einfach nur lesen und gut ist, nein, die Gedanken gehen weiter -, ob das stimmt. Und ich kam, wie so oft, zum Schluss, dass diese Frage der Klärung bedürfe, da man dabei zuerst definieren müsse, was verrückt bedeutet.
Als verrückt gelten Menschen dann, wenn sie der geltenden Norm oder der Norm der sie so bewertenden Menschen nicht entsprechen. Sie sind dann im wahrsten Sinne ver – rückt, von der Norm abgerückt, in eine Nebenstrasse abgebogen, die nicht zulässig ist – zumindest nicht als zulässig gesehen wird von denen, die werten. Je mehr Macht nun die Wertenden haben oder je grösser ihre uniforme Masse ist (was oft gleichbedeutend ist), desto schwieriger wird der Stand für den als verrückt erkannten Menschen. Er wird sich fortan ihren Blicken, ihrem Lachen, ihrer Verurteilung auf allen Ebenen ausgeliefert sehen. Im geringsten Fall ist das ein leises oder auch lauteres Belächeln, kann aber hin zu einem Verburteilen des ganzen Menschen führen oder gar zur Exklusion aus der Gesellschaft.
In früheren Zeiten wurden die weiblichen Exemplare verbrannt. Was nicht sein darf, darf nicht sein, weg damit und das radikal. Im Fegefeuer sollte dann wohl die Abartigkeit gleich mitverbrannt werden, nicht dass sie noch in Geisterform auf andere, am wenigsten bitte auf die ach so gesunde Gesellschaft übergreife. Danach wurde man menschlicher und steckte sie nur noch in Heime und Anstalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden sie verwahrt, von der Gesellschaft ferngehalten (oder diese von ihnen befreit, wie man den Blickwinkel auch richten wollte), in ganz schweren Fällen kastriert, damit auch ja keine Weiterverbreitung solchen Irrsinns passieren konnte.
Auch heute noch, wo man sich gar aufgeklärt und tolerant schimpft, sind die Normen starr. Es gibt Lebenswege, die als normal gelten und solche, die einfach verrückt sind, weil sie sich nicht in die ausgetretenen Pfade pressen lassen. Noch immer wird man beäugt, belächelt und argwöhnisch durchgekaut in den Kreisen der Normalen. „Wie kann der nur? Was denkt die sich? Hast du gesehen?“ Schon bei kleinen Kindern fängt es an. Sie müssen in ihrer Entwicklung in eine zeitliche Kurve passen, in der Grösse in eine Perzentile und im Gewicht proportional dazu. Tun sie das nicht, ist man mit einer Armee von Therapiemöglichkeiten (und oft –pflichten) bei Fuss, auch hier kann nicht sein, was nicht sein darf. Zwar sehe ich die Sorge um die Gesundheit unserer Kleinen ein, gewisse Entwicklungen sind ungesund und bedürfen der Hilfe, welche gut und wichtig ist, allerdings sollte man darüber den gesunden Menschenverstand nicht abschalten und im Auge behalten, dass Menschen durchaus langsamer und schneller sein können, dass nicht alle alles können, dass nicht jedes Sprachgenie zugleich auch Feinmechaniker sein muss oder kann und dabei Tonleitern über 4 Oktaven singt.
Eigene Wege zu gehen braucht Mut. Ab und an ist es auch der einzige Weg, den ein gewisser Mensch gehen kann, weil jeder andere für ihn noch schwieriger (oder unmöglich) wäre. Dann ist es doppelt schwierig, weil selbst ohne Mut keine Alternative bleibt.
Sind nun diese Menschen toll? Auch hier kommt es drauf an, was wir unter toll verstehen. Ein Mensch, der zu sich und seinem Weg steht, ihn geht, den Unbill der anderen auf sich nimmt und an sich festhält, ist toll (dass dieser eigene Weg niemandem schaden sollte und sich in gewissen gesetzlichen Normen bewegen sei vorausgesetzt, denn wenn ein Mörder sich plötzlich als Künstler und seine Toten als Werke sieht, wäre dieser Weg durchaus zu stoppen – früher hätte ich solche Einschübe weggelassen, heute nehme ich sie rein, weil sich immer findige Köpfe finden, die dann mit solchen Dingen kommen, die man offensichtlich nicht gemeint haben kann, wie ich denke). Ob er ein besserer Mensch ist, weiss ich nicht. Es gibt auch gute und tolle Menschen unter denen, die den Weg gehen, der als normal erachtet wird. Vielleicht ist es genau ihr Weg und er entspricht nunmal dem normalen oder aber sie fühlen sich mit ihm so wohl, dass dieses Wohlgefühl ausreicht, den Weg zu gehen, da der andere Weg sich schlechter anfühlte, auch wenn er besser entspräche. Dass etwas zur Norm wird, resultiert meist (im gesündesten Falle) daraus, dass es der Mehrheit entspricht.
Wenn die Mehrheit dasselbe will, tut und kann dann geht man in einer statistischen Welt davon aus, dass dies der Normalfall ist, das andere die Abweichung. Darin liegt eine gewisse Logik. Ich denke aber, dass genau hier der Knackpunkt ist. So lange wir in Statistiken über normal und abnormal (verrückt) entscheiden, so lange werden wir Menschen nicht als Menschen wahrnehmen sondern als Statistiken füllende Punkte, aus denen am Schluss ein Diagramm entsteht, aus der wir unsere Welt abzulesen glauben. Schlussendlich sind es aber alles Menschen mit ihren Eigenarten, Wesen und Bedürfnissen. Und jeder soll sich seinen Weg selber suchen dürfen und ihn gehen, ohne dabei belächelt zu werden – weder die Verrückten von den Normalen (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem niemand treffenden Ausdruck) oder aber die Normalen von den Verrückten, die sich als mutiger, besser, weil anders sehen.
Wenn die Menschen einsehen, dass es zwar verbreitetere und weniger verbreitete Lebensweisen gibt, diese aber alle Menschen entsprechen, die sie leben, dann kommen wir vielleicht dahin zu sehen, dass jeder auf seine Weise toll ist. Ist das zu idealistisch?
Grosse und kleine Welten
Die Welt ist schlecht und sie ist laut. Alle denken, je lauter sie schreien, desto besser werden sie gehört. Die leisen Töne sichern ungehört ins Nirgendwo, fast als wären sie nie gesprochen worden. Pessimisten unken, dass das immer so war und immer so sein würde. Der Mensch ist träge und faul, er geht lieber mit der Masse, folgt dem, der am lautesten die Parolen verkündet, weil den die meisten hören und ihm auch folgen. So geht die Masse im Gleichschritt, unhinterfragt, unbedacht, unbewusst – wie Marionetten.
Dass die Welt so sein mag, die Geschichte das belegt, die Gegenwart es bestätigt, mag stimmen. Dahinzugehen und die ganze Welt und alle Menschen ändern zu wollen, wäre ein Anspruch, der mit dem Kampf gegen Windmühlen vergleichbar wäre. Was aber immer in unserer Macht liegt, ist im Kleinen anzufangen, bei sich selber und in seinem Umfeld. Es ist nie zu spät, hinzuhören, wie man selber agiert und hinzuhören, was andere sagen. Man kann auch genauer hinhören, wenn man nur leise Töne hört, sie annehmen, aufnehmen, hinterfragen. Man kann mit einem neuen Bewusstsein ans Leben und ans Miteinander gehen und damit den leisen Tönen und ihren Verkündern wieder eine Plattform bieten. Und dabei entwickelt man vielleicht auch ein Bewusstsein für sich selber und dafür, was man im Leben will, wie man dieses gestalten will und wem oder was man wirklich Platz einräumen will, was draussen bleiben soll.
Nicht immer hat der recht, der am lautesten ruft, oft ist er nur am besten gehört. Wenn man im Kleinen anfängt, auf den Inhalt zu hören statt sich der Bequemlichkeit anheimzugeben, kann man im eigenen Leben sicher einige Weichen umstellen – für sie und seine Nächsten. Glaubt man der Yogaphilosophie, dann wird sich dieses Verhalten auch verbreiten. Vielleicht nicht im Sauseschritt, aber in kleinen nachhaltigen Schritten. Bewusstsein zieht Bewusstsein nach sich, das Erfahren von Dingen im Umfeld setzt sich im Inneren nieder und verändert da die Strukturen des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens. Dass die Welt von heute auf morgen revolutioniert ist, wäre utopisch, aber wieso will man immer gleich die Welt ändern?
Meist ist der Anspruch, das Grosse anpacken zu wollen und alles zu lassen, wenn das nicht geht, eine Flucht vor der eigenen Verantwortlichkeit. Das unmögliche Grosse gibt einem die Rechtfertigung, das Kleine zu lassen. Man muss sich nicht drum kümmern, weil man belegen kann, dass es eh nichts bringen wird, die Welt dieselbe bleibt. Für die ganze Welt mag das (sicher kurz- und mittelfristig) so sein, für die kleine Welt stimmt das in meinen Augen nicht. Wir haben sehr viel in der Hand, wir müssen es nur wahrnehmen und uns dessen bewusst werden. Oft sind die vielen kleinen Schritte für das eigene Sein unendlich heilsam, weil sie eine neue Qualität bringen. Wo vorher Geschrei und Gleichschritt herrschte, könnten plötzlich leise Klänge und Eigenverantwortung stehen. Und damit könnte ein Weg sich öffnen, den man selber gewählt hat, statt ihn nur blind mitzugehen. Man muss nur den ersten Schritt machen.
Israel und Palästina
Mein Sohn fragte mich, was passieren müsste, dass die Palästinenser und die Israeli friedlich leben könnten, dass der Krieg da beendet würde. Ich sagte, dass sie einsehen müssten, dass es genug Platz hätte für beide, dass sie einen Weg finden müssten, in einem Land miteinander leben zu können, jeder die Andersartigkeit des jeweils Anderen akzeptierend.
Mein Sohn meinte darauf, dass es aber vielleicht wirklich nicht genug Platz hätte für beide. Dass vielleicht wirklich einer weichen müsste, sich zumindest einschränken. Wie könnte man dann friedlich einfach miteinander wohnen? Wie war es zu dieser Situation gekommen?
Eines Tages suchten die Alliierten eine Lösung für die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg. Man einigte sich ziemlich schnell, sah sich im Recht und errichtete den Staat Israel. Man berief sich auf historische Tatsachen, die Juden waren schon mal hier, die gehören hier her. Dass auch die Araber hier gewesen wären, vielleicht schon früher, war irrelevant. Dass schon vor Vertragsbeschluss Unheil angekündigt wurde, ignorierte man. Man brauchte eine Lösung, fand auf dem Papier eine und setzte sie um.
Es kam, wie es kommen musste. Die schon Dagewesenen öffneten nicht einfach freudig die Türen, sondern sie liessen die Eindringlinge missmutig kommen. Der Platz wurde rarer, verschiedene Anspruchsrechte trafen aufeinander. Was soll daraus resultieren als Konflikt? Natürlich stellt man sich eine heile Welt vor, in der Blumen vom Himmel fallen und man die verlorenen Brüder willkommen heisst. Dieses Willkommen war aber keines, weil niemand von Brüdern wusste, keiner die daher Kommenden als solche sah. Man sah nur, was sie einem nahmen. Plötzlich sollte der Staat ihrer sein. Auch wenn es auf dem Papier von einem zweigeteilten Staat hiess – was schon schlimm genug war – Thema war nur immer der eine. Und der eine existierte nur, weil man dem anderen etwas weggenommen hatte.
Mein Sohn und ich stellten uns so vor, wie wir uns fühlen würden, wenn plötzlich jemand an der Tür klingelte und sagen würde, die Schweizer Regierung hätte beschlossen, dass unsere Vormieter wieder in unsere Wohnung dürften. Sie wären vor uns dagewesen und aus national wichtigen Gründen sähe man eine solche Massnahme als wertvoll an, zumal sonst das Problem bestünde, dass diese Familie auf der Strasse wäre, kein Zuhause hätte, was nach dem ganzen Leid, das sie und Ihresgleichen in den letzten Jahren hatten, nicht zumutbar wäre und man ihnen als Zeichen des Respekts von Staates Wegen helfen wolle, helfen müsse.
Die Not leuchtet ein: Da muss ein Zuhause her. Zuhause bildet sich aus Erinnerungen, aus Werten, die sich überliefern im Zusammenhang mit einem Volk. Was also sollte Israel im Norden Kanadas? Da waren die Juden nie gewesen, da hatten sie keine Wurzeln. In Israel schon. Nur sassen da nun andere. Worte von Miteinander und Nächstenliebe sind toll, die fühlt man und findet man gut. Nur wenn sie einem das Zuhause streitig machen, wird das wohl schwieriger.
Und so sitze ich noch immer hier und frage mich: Wie soll man das lösen? Wer ist im Recht? Opfer sind sie alle irgendwie. Und Opfer schlagen um sich, weil sie sich verteidigen wollen. Und beide Seiten haben einen Wunsch: Ihr Zuhause zu bewahren, eines überhaupt zu haben. Wer ist hier also der Böse? Wer der Gute? Und wie will man da von aussen kommen und Stellung beziehen? Vom warmen Zuhause aus lässt sich das gut entscheiden. Man steckt nie drin und fühlt nie mit. Man hat Theorien, die blumig und gut klingen. Sie mögen sogar viel Wahres in sich tragen. Das Menschliche Leben besteht nicht nur aus Faktenlagen und theoretischen Argumentationsketten. Beschlüsse von aussen können noch so überlegt sein, sie vernachlässigen oft das elementar Wichtige: Die menschlichen Befindlichkeiten, die Bedürfnisse, Schwächen und Gefühle.
Gibt es eine Lösung? Ich weiss es nicht. Ich möchte nicht urteilen wollen, würde mir aber Frieden wünschen. Denn bei allem Verständnis für beide Seiten, verlieren durch diese Auseinandersetzung schlussendlich beide mehr, als sie überhaupt noch gewinnen können.
Wiedergutmachung
Kürzlich kam es zu einer Diskussion darüber, ob die Schweiz den ehemaligen Verdingkindern Geld zahlen müsse, ob es mit einer Entschuldung nicht getan sei. Die Stimmen wurden gleich laut, dass man natürlich nur mit Geld aufwiegen könne, was je passiert ist. Das Unrecht war gross, keine Frage, die damaligen Kinder litten, viele haben die Narben in die Gegenwart (oder schon in den Tod) mitgenommen. Macht Geld da was gut? Wiegt es etwas auf? Ist dann alles wieder gut?
Heute las ich den Entsetzensschrei über eine geforderte Steuererhöhung für höhere Einkommen. Die dies Fordernden wurden als Neidhammel bezeichnet, die den besser gestellten den Lohn nicht gönnen. Wie man in der heutigen Zeit noch mehr Steuern fordern könne.
Zurück bleibt die Frage: Wer soll alles bezahlen? Keiner will Steuern bezahlen, Unecht soll mit Geld abgegolten werden, die Infrastrukturen ausgebaut, alles muss funktionieren. Lebt man in einem EU-Staat, muss man noch andere Staaten sanieren (sofern man nicht saniert wird, dann kümmert man sich wohl auch weniger um das Gestern, sondern kämpft mit dem Heute).
Geld regiert die Welt. Am Besten fliesst es vom Himmel, denn es muss einfach da sein, sonst geht gar nicht. Ein „es tut mir leid“ reicht nicht, es muss Geld fliessen. Geld zahlen will aber keiner. Es ist irgendwie verdammt einfach, vom Moralstandpunkt aus zu sagen, wo Geld hinfliessen soll, wenn man das Geld nicht selber zahlt. Täte man das, sähe es sicher anders aus. Moral ist ein verdammt zweischneidiges Schwert. In der Theorie glänzen wir alle drin. Haben Theorien, Ideale. Sehen uns als Widerstandkämpfer im Dritten Reich und Rächer der Opfer im Heute. Praktisch bleiben es leere Worte, die die Handlung anderen zuschreiben.
Nun kann man sagen, mit dem Wort fängt der Kampf an. Zuerst muss etwas benannt sein, bevor es sich setzt, Wirkung zeigt, Handlungen folgen. Nur müsste beim Aussprechen des Wortes in meinen Augen schon die Tragweite der geforderten Handlung miteinbezogen werden. Nur zu fordern, ohne zu sehen, wo die Forderung hinläuft, könnte böse Abstürze zur Folge haben. Aber für den Fall gibt es sicher wieder genug, die in der Theorie alles besser gewusst hätten oder aber einfach nur die Folgen ohne die dahinter liegenden Forderungen anschauen und sie verurteilen.
Gibt es Widergutmachung? Nein, nicht im kollektiven Rahmen. Im Einzelfall kann man geschehenes Unrecht nach Normen abgelten. Gut ist es dann noch nicht, aber das Unrecht wurde sanktioniert. Das ist das Prinzip des Rechts angewendet auf den Einzelfall. Bei kollektivem Unrecht im Stile eines Kriegs, eines Völkermords kann man sicher auch allgemein gültige Gesetzeslaute formulieren. Aber nur da, wo es um allgemeine Forderungen geht. Und auch dann ist nicht alles wieder gut. Wieder gut wird es nie. Man kann es nur in Zukunft besser machen. Und die Fehler der Vergangenheit einsehen. Und beide Seiten müssen lernen, damit umzugehen.
Zu feste Bänder
Eines Morgens wachte sie auf und merkte, dass sie im falschen Film war. Der Film ging schon lange, es war nicht mehr ganz ersichtlich, wann er begonnen hatte, sich in eine Richtung zu entwickeln, mit der sie eigentlich nicht übereinstimmte. Sie war in diesem Film langsam vom Regisseur zum Statisten geworden. War sie je Regisseur gewesen? Sie hatte es bis vor kurzem meistens gedacht. Oder vielleicht hatte sie auch gar nicht gedacht, sondern hatte sich treiben lassen. Schon da nicht Fährmann, eher treibendes Holz.
Sie sitzt im Bett und träumt von neuen Ufern. Von Ufern, die anders wären als die Festung, in der sie gerade sass. Sie sah Landstriche, die hell und sonnig waren, die ein Gefühl von Freiheit in sich trugen. Sie sah ein neues Leben an einem neuen Ort vor sich und sie zeichnete dieses Leben in den buntesten Farben, in allen Formen, auf alle Weisen. Sie griff in die Farbtöpfe, kleckerte, klotzte ab und an gar. Weg mit den Hindernissen, weg mit den Hemmnissen. Sie dachte an all ihre Träume und Wünsche, dachte an das Leben, das sie mal leben wollte und sah hin, wo sie gelandet war. Und die Schere dazwischen liess sie in Abgründe blicken.
Sie beschloss, dass es nicht so weiter gehen konnte, dass die gemalten Bilder nicht nur Bilder bleiben sollten, sondern Realität werden. Sie wollte es angehen, wollte endlich auch im Leben aufwachen, nicht nur am Morgen nach einer wenig erholsamen Nacht. Sie wollte endlich leben, nicht nur überleben. Sie machte sich auf, voller Tatendrang, ging in den Tag hinein, im Hinterkopf die neuen Ziele, die neuen Welten. Sie wollte Neues finden, Aufregung, Abwechslung, sie wollte ihr Leben finden, es ausfüllen, nicht als Füllmittel für die Leben anderer dienen.
Und sie traf auf Menschen, fühlte sich endlich wieder frei und unbeschwert. Sie fühlte sich beflügelt, spürte, wie ihr Herz vor Aufregung Salti schlug. Sie spürte das Kribbeln im Bauch, fühlte sich verliebt in dieses neue Leben. Dass auch ein Mensch in ihren Blick kam, der dieses Gefühl verstärkte, liess das neue Leben noch besser werden. Sie sah, dass es möglich war, sah, dass ihre Träume lebbar waren, das Leben mehr bereit hatte als sie in ihrem Gefängnis lebte. Sie sah, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und wieder fühlen konnte, wieder lebendig sein durfte und Wünsche Erfüllung finden können.
Sie müsste nur noch die letzten Bänder zum alten Leben abschneiden und nach vorne in das neue Leben gehen. Ein Schnitt und sie wäre frei und könnte ganz hineingehen. Nochmals neu anfangen. Sie blickte zurück und sah, was alles nicht gut war. Sie schaute nach vorne, sah, was alles lockte. Und doch: sie schaffte es nicht, die Bänder zu zerschneiden. „Was, wenn alles nur Schein ist und zerbricht? Was, wenn alles eine Illusion?“ Das Schlechte kannte sie, das hatte sie lange gelebt und sich dabei nicht nur schlecht gefühlt. Es war zwar nicht ihr Wunschleben, aber es war die Sicherheit des Bekannten. Sie versuchte eine Zeit lang, beides parallel laufen zu lassen. Doch der Spagat zehrte an allen Sehnen und Nerven. Und so legte sie sich zurück ins Bett, zog die Decke über den Kopf, verabschiedete sich von dem neuen Leben und flüchtete sich in die Dunkelheit der Nacht.
Allein
Da sass sie nun, ein Glas Wein vor sich, eine Schale mit Nüssen daneben. Sie dachte an die letzten 24 Stunden und wie Schritt für Schritt das bisherige Leben sich verabschiedet hatte. Sie sah zurück auf das erste Unverständnis, als klar war, was kommen würde, fühlte den Kloss im Magen wieder, der sich damals ausbreitete, sie in den Boden zu drücken schien, immer schwerer wurde, kaum zu tragen war. Sie spürte noch den trockenen Hals, räusperte sich beim Gedanken daran, wusste aber nichts zu sagen – zu wem auch, da war niemand. Mehr.
Sie blickte auf den Wein, rot und samtig schmiegte er sich an die Wand des Glases, füllte es aus, sie hatte zuviel eingeschenkt. Doch wieso kleinlich sein, sie musste nicht teilen und war nur noch müde. Sie hoffte, der Wein würde sich in ihr genauso anschmiegsam zeigen und ihr den Wunsch, sich selber irgendwo anzuschmiegen, anzulehnen, geborgen zu sein, nehmen.
Ich gehe. Die Worte hallten nach. Ich muss es tun. Wie Messerspitzen trafen sie. Und ich? Hatte sie gefragt. Ein Blick, ein Schulterzucken. Es ist nicht gegen dich. Ich kann nicht anders. Du bist so stark. Sie wollte nicht stark sein. Sie konnte nicht mehr. Immer nur stark sein, es von allen Seiten hören, es immer wieder neu beweisen müssen, weil keine andere Wahl blieb. Sie schickte sich rein, sie würde es eh nicht ändern können. Ab und an begehrte sie wieder auf, suchte nach anderen Wegen. Hoffte auf Lösungen. Stritt, schrie, weinte. Beruhigte sich. Resignierte.
Die Tage gingen dahin. Der Tag kam näher. Ein Zurück gab es nicht. Sie nahm es ihm übel. Sie fühlte sich übergangen, verraten, belogen, betrogen um ein Leben, das sie anders im Blick gehabt hatte. Fallen gelassen, auch wenn beteuert wurde, das sei nicht wahr. Es fühlte sich so an. Immer noch. Immer mehr.
Der Tag war da. Er packte. Er ging. Sie blieb zurück. Tränen hatte sie keine. Ab und an wollte ein Kloss wachsen. Sie verdrängte ihn. Sie musste funktionieren. Gute Miene zum Spiel machen. War es ein böses? War es überhaupt Spiel? Es fühlte sich verdammt ernst an. Sie fühlte sich leer. Wo war das Leben, das mal greifbar schien? Wo die Zukunft, die erhofft? Wozu hatte man all das auf sich genommen? Wieso war man den Weg so weit gegangen, wenn man am Schluss sowieso alleine war?
Das Gefühl wurde stärker, dass man schlussendlich immer alleine ist. Egal, wo man ist, mit wem. Egal, was gesagt und beteuert, was beschworen und in schöne Worte gekleidet wird. Am Schluss sind erst die Nächsten dran und ganz am nächsten ist sich jeder selber. Selbst wenn jeder gerne besser wäre, gerne anders wäre, vielleicht sich sogar in seinem sich selber der Nächste Sein anders sieht, es für sich in bessere Gewänder, schönere Worte, beschwichtigende Argumente kleidet: Am Schluss ist man alleine, weil jeder für sich selber schaut. Weil jeder, der es mal erlebt hat, weiss, dass die anderen es ebenso tun. Und er es drum auch tut. Den Letzten beissen die Wölfe, wer wollte das sein?
Und so sass sie da, nahm das Glas, schaute nochmals versonnen in das tiefe Rot und setzte es an. Der fruchtige Geruch des Rioja drang ihr in die Nase, beim ersten Schluck füllte das samtige Gefühl des Weines den Mund, eine leichte Schärfe zog in die Nase, Wärme glitt den Hals hinab. Was war, das war. Zurück blieb Leere. Sie wird sich irgendwann füllen. Irgendwie. Vielleicht.Allein