Moral – universell oder individuell?

Beim menschlichen Zusammenleben gibt es Regeln. Viele davon sind in Form von Gesetzen aufgeschrieben und damit verbindlich, einige existieren als moralische Grundsätze, die darlegen, wie man sich verhalten soll im Verband, damit es allen gut geht. Doch worauf gründen diese Grundsätze? Sind sie in uns Menschen angelegt als Kern unseres Seins? Die buddhistische Psychologie geht davon aus. Sie sagt zwar, dass dieser Kern verschüttet sein kann und wir keinen Zugang dazu haben, aber: Jeder kann sich diesen Zugang verschaffen, wenn er es will. In der westlichen Philosophie ist vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg der Glaube an eine absoolute und universell gültige Moral abhanden gekommen. Hannah Arendt erklärt den Verlust damit, dass vor dem Dritten Reich moralische Grundsätze herrschten, die während desselben in ihr Gegenteil verkehrt wurden, um danach wieder zurückzudrehen. Was Menschen in der einen Zeit gut und richtig fanden, stiessen sie in der anderen mit Füssen.

Wie entscheiden wir, was wir gut und richtig finden? Welche Instanz gibt den Ausschlag? Es ist wohl das Gewissen, das uns vor der Handlung abwägen lässt, was zu tun ist, danach richtet, was wir getan haben. Doch worauf gründet dieses Gewissen? Entsteht es durch Konventionen in der Zeit, in der wir leben, oder ist es eben wirklich Teil von unserem Wesen, als geistige, allgemein und immer gültige Grundlage? Und was passiert, wenn wir gegen unser Gewissen entscheiden?

Ein Beispiel:

Ein Mann plant eine Überraschung für seine Frau und lügt sie deswegen an, obwohl er weiss, dass sie Lügen hasst und es ihm übel nähme – egal, ob es für sie gemeint ist oder nicht. Sein Gewissen meldet sich und weiss: Das wird sie nicht toll finden, wenn sie es rausfindet. Es bestehen aber gute Chancen, dass es nicht rauskommt.

Soll sie sich nicht so haben, war ja nur gut gemeint? Sollte er ehrlich bleiben und notfalls etwas anderes machen, wenn es so nicht klappt, weil er respektiert, was sie sich wünscht und nicht dagegen handelt? Ist das Beispiel so banal, dass es eh keinen kümmert?

Ein Mann hat sich an der Börse verspekuliert und damit viel Geld verloren. Zwar brauchen die beiden das Geld nicht dringend, aber es war als Notgroschen gedacht und damit unantastbar. Seiner Frau lag viel an diesem Polster – zur Absicherung. Da die Frau sich nie um die Finanzgeschäfte kümmert, traut er sich nicht, ihr was zu sagen, zumal sie es nie rausfinden würde – käme kein solcher Notfall.

Immer noch eine Bagatelle? Ein Vertrauensbruch? Sein Gewissen sagt ihm, er hat Mist gebaut, nur: Zu ändern ist das nun nicht mehr.

In einer Ehe ist der Wurm drin. Es ist alles eingespielt, man hat sich arrangiert, aber wirklich glücklich ist man nicht mehr. Trotzdem kommt eine Trennung aus vielen Gründen nicht in Frage. Da Mann und Frau sehr unabhängige Lebensabläufe haben, merkt die Frau nicht, dass sich der Mann ab und an mit einer anderen Frau trifft. Das tut ihm gut, das macht ihn glücklich, so dass er auch mit seiner Ehe wieder besser klar kommt, da er gelassener ist. Seine Frau würde das nie gutheissen, auch wenn sie die Beruhigung im Alltag schätzt.

Akzeptabel, weil es so eigentlich allen besser geht? Ist unbedingte Ehrlichkeit höher zu schätzen als ein bisschen Zufriedenheit im Leben?

Im Buddhismus wäre die Antwort klar: Die Unwahrheit ist ein Gift, das die eigene Psyche angreift. Wirkliches Glück ist damit nicht möglich, nicht mal dauernde Zufriedenheit. Das Gewissen, so ist man sich sicher, wird einen innerlich zerfressen. Unterdrückt man es, findet es Wege, an anderen Orten für Unruhe zu sorgen und so Leid über einen zu bringen. Da man hier das Glück sowieso im Innen sucht, nie im äusseren Erlangen von Objekten der Begierde (welcher Art auch immer), wäre das Glück durch die Lüge sowieso ein eher vorübergehendes und auch illusionäres als wirklich tief empfunden.

Doch: Wie sehen wir das im Westen? Wahrheit eine Tugend, ein Prinzip, das man hochalten soll? Schulden wir das der Moral? Woher rührt diese? Sind es die Konventionen unserer (christlichen) Ethik, die uns dazu auffordern, oder aber doch etwas tief in uns, das uns aushöhlen würde, ignorierten wir es?

 

 

 

 

Bewusstes Handeln – Utopie?

Und dann sind da noch die, welche dir privat schreiben auf Facebook. Die dir ja nicht sagen wollen, was du tun sollst, aber es doch ganz anders tun würden. Und das müssen sie dir nun schreiben, ohne damit zu sagen, dass sie richtig und du falsch liegst. Es brennt ihnen wohl nur auf der Seele. Und muss raus. Nur kann man ja nicht alles einfach so sagen, wie es grad brennt. Drum schiesst man voraus, dass man eigentlich nichts zu sagen hat und es einen auch nichts angeht, man aber doch mal schreiben will, weil man sich so dachte, es müsste doch mal gesagt sein.

Damit alles auch ja nicht in den falschen Hals kommt, schiebt man noch ein „Versteh mich nun bitte nicht falsch“ vor. Sollte alles also so ankommen, wie man es vielleicht sogar zwar dachte, aber nicht wollte, dass es Reaktionen mit sich bringt, hat man schon mal vorgesorgt. Man kann einfach nur noch sagen: „Das hast du gaaaaaanz falsch verstanden. Das war so niiiiiiiiie gemeint.“

Die Frage, die sich mir stellt, ist: Wenn man schon denkt, etwas könnte falsch verstanden werden, wieso formuliert man es nicht so lange um, bis es unmissverständlich ist? Wer bestimmt, was falsch verstanden und was richtig ist? Ein kluger Geist sagte mal:

Eine Aussage gehört zur Hälfte dem, der sie ausspricht, und zur Hälfte dem, der sie hört.

Dessen sollte man sich im Klaren sein, wenn man etwas sagt. Damit sind falsch oder richtig obsolet, es bleibt individuell. Wenn man also etwas sagt, muss man sich im Klaren sein, dass der andere etwas daraus macht beim Hören. Das Resultat ist vielleicht nicht gewollt, aber damit nicht falsch.

Die nächste Frage, die sich mir stellt, ist: Wieso denken ganz viele Menschen, sie wüssten besser, wie die Welt dreht, als andere das tun? Und wenn jemand denkt, dass ihn die Welt des anderen nichts angeht, wieso sagt er dann was? Und wenn er was sagen will, wieso schiebt er den ganzen Vorbau davor? Wäre die Welt nicht wunderbar, würden sich die Menschen zuerst überlegen, was sie sagen oder tun wollen, sich dann der Konsequenzen bewusst werden, um dann zu handeln (wobei auch Nicht-Handeln ein Handeln ist)?

„Absolute Beginners“

Wir alle fangen irgendwann mit etwas an. Sehen all die Grossen, die schon lange vor uns begonnen haben. Denken: Wir sind kleine Lichter, nie werden wir es dahin bringen. Nur: Jeder fing irgendwann irgendwo mit irgendwas an.

Dieses Lied war mein absoluter Anfang mit David Bowie. Ich hörte es, ich war noch jung. Sehr jung. Ich informierte mich. Internet gab es nicht. Wer war er? Wofür trat er ein? Er überzeugte mich. Er war authentisch. Folgte keinem Strom ausser dem eigenen. Nun folgte er seinem eigenen Lebensstrom. Ich bin traurig. Ich kannte ihn nicht. Und doch….

Möge er mit Major Tom durchs Universum fliegen – und glücklich sein. Ich geh ne Runde weinen. Und höre seine Musik. Krebs ist scheisse. Man möge mir den Ausdruck verzeihen.

Gestern – Morgen – Heute

 

Hier sitze ich, habe eine ganze Serie von Liebesschnulzen hinter mir, bin also eher rührselig und denke: Das ist die richtige Stimmung für Rück- und Ausblick.

Der Rückblick lässt sich relativ einfach zusammenfassen: Es war ein schwieriges Jahr. Es war ein Jahr voller Brüche, Hindernisse, Neuorientierungen. Das machte es zu einem spannenden Jahr mit vielen Highlights, vielen Erkenntnissen, aber auch zu einem Jahr mit Tiefschlägen, Tiefgängen und Trauertälern. Den tiefsten Graben durchschritt ich wohl grad kurz vor Schluss, zum Glück bewahrheitete sich der Spruch:

 Wenn irgendwo eine Tür zufällt, geht irgendwo ein Fenster auf.

Das Fenster hat sich aufgetan, als ich ganz dringend Licht suchte in all der dominanten Dunkelheit. Ein neues Projekt kam mir praktisch ins Haus geschneit, eines, wie ich es mir seit Jahren gewünscht hatte. Auch kristalisierte sich mein Weg sonst klarer heraus, so dass der Ausblick auf das neue Jahr ein hoffnungsvoller, ein freudiger ist: Er steht unter dem Motto

 Follow your bliss

Das versuchte ich immer, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Allerdings ist zu sagen: Auch die Nicht-Erfolge brachten mich weiter. Im Nachhinein. Ich wäre nie da, wo ich nun bin, wären sie nicht gewesen. Trotzdem hätte ich manchen Tiefschlag gerne übergangen. Aber nun denn: Ich bin dankbar für das, was ist.

Und so sind wir nach Rück- und Ausblick bei dem angelangt, was wirklich zählt im Leben: Das Hier und Jetzt. Alles, was war, ist vorbei. Ich kann drauf schauen, kann sehen, wohin es führte, nämlich ins Jetzt, aber es ist vorbei. Egal ob gut oder schlecht – es ist vorbei. Alles, was kommt, sind Pläne, Ziele, Wünsche, Hoffnungen. Sie sind realistisch – mal mehr, mal weniger – aber nicht da. Leben tu ich heute. Und dieses Heute ist reich an Gefühlen. Heute überwiegt bei mir die Dankbarkeit – für das, was ist, für das, was dahin führte, für das, wohin es deutet. Zuerst aber dafür, was ist.

An dieser Stelle ein ganz grosses Dankeschön an alle, die hier auf Denkzeiten mitlasen, mitdachten, mitdiskutierten. Ich habe von vielen Gedanken, Einwänden, Kommentaren gelernt, mich über sie gefreut, aus ihnen auch Kraft geschöpft.

Danke!

Demokratie war gestern

Der Kanton Aargau will eine Busse über die, welche nichts in die Urne werfen bei Abstimmungen und Wahlen. Der Aufschrei lässt nicht auf sich warten. Das sei keine Lösung, heisst es. In mir geht die Popcorn-Maschine der Gedanken in Betrieb:

Wer kann sich aufregen ausser denen, die nicht stimmen gehen? Die anderen würde das ja nicht kümmern….

Mein Einwand, dass Demokratie heisse, sich zu beteiligen, dass nicht immer viele nach Wahlen und Abstimmungen jammern können, dass das Ergebnis falsch sei, wenn der Grossteil der Bevölkerung gar nicht an der Urne war, kommt gleich, stösst nicht auf offene Ohren, Klar:

Kann man Demokratie erzwingen?

Mein Argument, dass Geld hilft, Demokratie zu leben, da Geldbussen mehr schmerzen als Demokratie lockt, führt zu folgendem Einwand:

Die Gezwungenen könnten einfach leere Stimmzettel einwerfen oder aber aus Jux und Frust Mist ankreuzen….

Und an dem Punkt frage ich mich:

Ist, wenn man so denkt, Demokratie nicht längst als gescheitert zu sehen?

Was kümmert die Busse einen, der eh stimmen geht? Und wieso nehmen so viele Menschen ihr Recht auf Mitbestimmung nicht wahr? Dass sie vielleicht nicht gewinnen könnten? Wenn dem so wäre, müssten wir SOFORT die Diktatur als einzig mögliche politische Form sehen. Überall sonst muss irgendwer mitentscheiden… und das will man ja offensichtlich nicht, solange es freiwillig ist, und gezwungen werden will man auch nicht.

Dummheit zahlt sich aus

Heute habe ich mich weitergebildet. Ich habe gelernt, dass eine Frau aus Korea sich dumm und dämlich verdient mit Youtube, indem sie mit totem Fisch schmust, eine Möhre mit den Zähnen raspelt, laut kreischend aus Parisern Farbe auf ein Bild kleckst und diese dann – immer noch kreischend – am Kleid reibt, um es einzusauen. Das ist eine Ausnahme? Bewahre.

Da ist die Frau, die ihr Gesicht in Brot drückt. Millionen Menschen klicken das an. Ein Mann flüstert. Nichts Besonderes, nichts Geistreiches, zu keinem speziellen Thema – aber: Alles, was er so sagt, flüstert er. Schweizerdeutsch. Vielleicht ist das toll für Ausländer (Deutsche finden unseren Akzent ja oft niedlich und lachen das laut raus), für mich eher normal. Die Reaktionen übertreffen alles (mit gesundem Menschenverstand zu erahnende): Von Hirnorgasmus ist die Rede. Die Klicks brechen die Millionengrenze.

Das sind nur ein paar Beispiele, es gäbe sicher noch mehr. Ich überlege, ob es wirklich sinnvoll ist, mein Kind in die Schule zu schicken, dass es was lernt: Dummheit zahlt sich aus, wie es aussieht.

Wer braucht mich eigentlich?

Es gab mal eine Zeit, da studierte ich. Und weil ich keine reichen Eltern hatte, musste ich arbeiten, um mir das Studium zu finanzieren. Das Studium dauerte dadurch etwas lange, denn ich musste mir nicht nur Studiengebühren finanzieren, sondern auch eine Wohnung in Zürich, Essen, Versicherungen (ohne geht gar nicht, sagte meine Mama, ihres Zeichens Versicherungsfachfrau), Krankenkassen (damals sicher günstiger als heute, aber immer noch teuer, wenn man nix hat) und so vieles mehr.

Wenn ich mich beworben habe, kriegte ich die Stelle ziemlich sicher. Ich arbeitete in Gasthöfen (servierte Essen), in Pubs (zapfte Bier, spielte Seelentröster und machte Stimmung), bei Heizöl-Riesen (pflegte die Datenbanken und fungierte als Poweruser und Instructor für neue Programme), als EDV-Lehrer (brachte Kindern und Grosis die Grundlagen bei, anderen Zertifikatskurse), bei Zeitungen und Zeitschriften als Freischaffende (ständig auf Achse, teilweise Seiten füllend), in Banken als EDV-Sachbearbeiterin (bastelte und pflegte Datenbanken) und in Anwaltskanzleien (tippte als Assistentin und recherchierte als Paralegal). Das alles als junge Frau, nach der Matur, mitten im Studium.

Heute bin ich nicht mehr ganz so jung, kann sicher mehr als dann, habe mehr erfahren, mehr erlebt und gelernt, bin gewachsen. Und genau das scheint mir zum Verhängnis geworden zu sein. Keiner will mehr eine promovierte Frau im besten (ich sag das mal, an irgendwas muss man sich ja halten) Alter einstellen, die noch dazu einen Titel hat. Gründe (wirkliche) kommen kaum. Wenn überhaupt eine Absage kommt, heisst es: „Besser geeignet“ (worauf fusst das? Häkchen beim Anforderungsprofil?).

So oft heisst es, dass Steuergelder verschwendet werden für Nonsense. Ich habe studiert. Das kostete den Steuerzahler. Ich würde nun gerne arbeiten und mein Wissen, mein Können, meine Fähigkeiten einsetzen. Ich beherrsche Apple und Windows, ich kann mich ausdrücken, habe Weiterbilldungen in Projektmanagement, kann mit Menschen, will mit Menschen. Aber das will keiner haben. Klar kann ich weiter selbständig wursteln. Das funktioniert. Ich weiss aber nur zu gut, dass es das nicht bei jedem tut und ich für mich hätte es gerne anders. Woran liegt es?

Bin ich ein Mensch, den die (Arbeits-)Welt nicht braucht? Wer braucht mich überhaupt? Klar, mein Sohn. Mein Hund auch. Die Katzen würden es nicht zugeben (ok, eigentlich schon), aber auch sie. Nur die Welt da draussen, die braucht mich nicht.

Das klingt autobiographisch? Das mag es sein (Stellenangebote gerne an mich direkt). Aber es trifft auf ganz viele zu.

Ethik am Arbeitsplatz oder bloss gut klingende Worte?

Nehmen wir die Firma XXX. Sie baut Stellen ab und Manager Heinz muss das umsetzen. Er muss also dahin gehen und Menschen entlassen. Er muss ihnen sagen, dass es für sie keine Stelle mehr gibt in dem Unternehmen, weil dieses sparen muss. Zwar schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen und verzeichnet Gewinne, aber: Um die zu sichern, müssen Einsparungen her. Köpfe müssen rollen. Was ist Manager Heinz für ein Mensch? Ein skrupelloser? Ein böser? Einer, der eigentlich lügt, da der Kopf (und der Kopf ist nicht bloss ein Kopf, es ist ein Mensch, der die Stelle braucht, um zu überleben, es ist ein Mensch, der unter Umständen zu Hause eine Familie hat, die angewiesen ist auf ihn und darauf, dass er diese Stelle hat) grundsätzlich gar nicht rollen müsste, sondern es nur tut, weil gewisse Firmen ihren Ertrag über alles stellen.

Kürzlich diskutierte ich mit einem Bekannten über die heutige Arbeitswelt und darüber, dass die Bedingungen in dieser immer härter würden. Mein Bekannter sagte mit Inbrunst in der Stimme „Ich würde nie Manager werden können.“ Ich fragte ihn, ob er das auch noch sagen würde, wenn er die Wahl hätte, arbeitslos zu werden und somit seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Er antwortete mit ja.

Ich schaute ihn an und fragte wieso. Die Begründung war: „Dazu muss man skrupellos sein.“ (Ok, er sagte „ein Arschloch). „Als Manager musst du Menschen anlügen, du musst sie entlassen, ihnen bis dahin das Blaue vom Himmel versprechen, wenn es der Firma dient. Das kann und will ich nicht. Ich lüge nicht.“

Meine Frage, ob er noch nie gelogen hätte. Ob er vor allem seine Familie, seine Frau noch nie angelogen hätte, liess er im Raum stehen und fand, dass ihm Ethik wichtig sei. Er könne nicht Menschen einfach anlügen, nur um selber eine bessere Position zu haben. Nun ehrt ihn dies sicherlich, doch frage ich mich folgendes:

Bringt man es wirklich nur als skrupelloser Mensch in höhere Positionen? Ist der Weg wirklich immer nur mit Lügen gepflastert? Gibt es in all den Managerreihen nur Arschlöcher und keine Menschen mit Herz und Mitgefühl? Ich kann es kaum glauben, aber weiter: Wenn es so wäre und man diese Reihen aus diesem Grund auch den Arschlöchern überlässt, statt sie selber auszufüllen und nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, ist man dann nicht selber schuld, wenn es eben gerade so ist, dass nur die dort sitzen (und damit das Managerbild überhaupt zeichnen)? Irgendwer wird die Aufgabe übernehmen, wem also tut man einen Dienst, wenn man sich selber mit solchen Argumenten davon distanziert?

Ich bin mir bewusst, dass man mit dem Argument „wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer“ nicht alles rechtfertigen kann, aber wenn etwas getan werden muss, weil es keine Alternative gibt, dann ist es sicher zumindest bedenkenswert. Und zu guter Letzt die Frage: Der ethische Bekannte stellt das Wohl fremder Menschen mit seiner Entscheidung über das Wohl seiner eigenen Familie, in welcher er eine Rolle übernommen hat. Er will anderen Menschen nicht die Stelle kündigen, weil die daran hängen, ihre Familien an ihnen hängen, würde es aber selber in Kauf nehmen – um das nicht tun zu müssen. Ist das Ethik? Oder ist es einfach selbstherrliches Märtyrertum, das gut klingt? Oder etwas Drittes?

 

Von Sofamotzern und anderen Querulanten

Einer meiner Freunde teilte einen Beitrag eines Vaters, der mit seinem Sohn im Baumarkt war und beim Rauskommen merkte: Das geliebte Like-a-bike des Sohns war weg…

Was mir aufstiess? Es wurde in den Kommentaren nicht gegen den Dieb geschossen, sondern gegen den Vater. Dieser hatte zwar weder eine Anzeige gemacht, sondern nur die Rückgabe (sogar gegen Entgelt) gewünscht, und auch sonst keine wirklich bösen Worte gefunden, aber: Er hatte das Bike nicht abgeschlossen, mit dem Nennen des Markennamens Werbung gemacht und noch vieles mehr. Vom heimischen Sofa wurde geurteilt und geschossen.

Ich lese das oft in letzter Zeit. Wenn jemand ein Unrecht aufzeigt, wird das Unrecht zwar nicht negiert, aber gleich der Aufzeigende beschossen. Er zeige nur auf, täte aber nichts. Das Urteil ist zwar nicht fundiert, nur angenommen, aber es kommt als Angriff daher. Die eigenen Taten des Angreifers bleiben aussen vor, dass er nicht mal auf das Unrecht hinwies war wohl nicht nur Bequemlichkeit oder Ignoranz, sondern sicherlich einem guten Grund geschuldet. Aber:

Schon das Hinschauen ist eine Haltung. Aus dem Hinschauen können mehr Hinschauende gewonnen werden, daraus eine Handlungsabsicht und daraus eine Handlung. Irgendwo muss man mal anfangen. Wenn aber schon der Anfang belächelt, verurteilt und abgeputzt wird, sind wir bald da, wo alles sang- und klanglos durch geht. Weil die, welche an allem was rumzumeckern haben, das Terrain geebnet haben.

Die Würde des Menschen….und das Bundesgericht

Ein Mann vergewaltigt 24 Frauen und kommt ins Gefängnis. Aus irgendwelchen Gründen wird der Vollzug gelockert und der gute Mann fällt über die nächsten Frauen her, betäubt sie und vergeht sich an ihnen. Wieder wird er verurteilt, des Weiteren wird eine lebenslange Verwahrung wegen besonders schwerer Beeinträchtigung – sowohl psychisch wie physisch – der Opfer. Das fühlt sich gut und richtig an, doch dann geht das Ganze vors Bundesgericht.

Dieses sieht in der Tat keine besonders schwere Beeinträchtigung. Zwar kann nun das Basler Gericht, welches den Fall nun wieder zurück haben darf, immer noch eine Verwahrung anordnen, allerdings wird diese immer wieder neu geprüft. Unter Umständen kann die Verwahrung dann ein Leben lang dauern, nur fehlt ein wenig der Glaube daran, wenn man sieht, dass bei ihm nach einer Prüfung auch eine Vollzugslockerung gestattet wurde. Nun könnte man natürlich zynisch sein und sagen, dass in dieser zum Glück kein Opfer besonders schwer beeinträchtigt wurde nach Massgabe des Bundesgerichts, allerdings bleibt hier sogar dem Zyniker das Wort im Halse stecken.

Das Urteil des Bundegerichts ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Opfer, es zeugt auch von mangelnder Empathie und fehlender Fähigkeit, eine solche Tat einzuschätzen und einzuordnen. Zwar sind Urteile aufgrund von Gesetzen und nie aufgrund von Gefühlen (und sei es nur Mitgefühl) zu fällen, was gut, wichtig und richtig ist, aber hier wurde nicht nur menschlich versagt, auch rechtlich ist dieses Urteil alles andere als eine Meisterleistung und es zeichnet ein falsches Bild. Es suggeriert, dass die körperliche und psychische Integrität und damit auch die Würde des Menschen, welche ja unantastbar sein sollte (so steht es in unserem Grundgesetz) mit Füssen getreten werden kann. Nicht ungestraft, nein, eine Strafe kriegt er, aber die Beeinträchtigung ist nicht besonders schwer.

Der Gedanke, dass ich gerne wüsste, wie sich die Menschen, die so geurteilt haben, fühlen würden, wäre das ihnen geschehen, ob sie das immer noch als nicht wirklich besonders schlimm abtäten, durchzuckt mich. Ich schäme mich, ihn nur schon zu denken, denn wünschen kann ich das niemandem. Umso unverständlicher ist es mir, dass jemand die Schwere des Verbrechens in Frage stellt. Eine Frau wird überrumpelt, betäubt und wacht irgendwann auf und merkt, wie ihr geschehen ist. Sie konnte nichts tun, sie hatte keine Wahl. Sie weiss nicht, was ihr passiert ist, sie weiss nicht wieso – sie muss nun aber damit leben, dass es möglich war, dass es passiert ist und: dass es wieder passieren könnte. Was sonst noch alles in ihrem Kopf, in ihren Gefühlen vorgeht, möchte ich weder in Worte fassen noch genau durchdenken. Zurück bleibt nur die Trauer und die Frage: Was, wenn nicht das, stellt dann überhaupt noch eine „besonders schwere Beeinträchtigung“ dar?

(Hier die Ursache für mein Unverständnis)

Heranwachsende Söhne

Als ich Kind war, gab es keine Markenklamotten. Schuhe, Hosen, Jacken – alles „No Name“. Alles schön, alles toll, sauber. Aber keine Marke. Mein Vater hielt von Marken nichts. Man zahle nichts ausser dem Namen, meinte er. Ich litt damals, verstehe ihn heute und sehe es gleich.

Mein Sohn mag Marken. Weil: Alle haben die. Ich weiss, wer alle sind. Ich weiss aber auch, wie es sich anfühlt, wenn man nicht hat, was „alle“ haben. Ich kauf’ ihm kaum Marken, ab und an doch. Einiges kriegt er geschenkt, dafür bin ich sehr dankbar, es geht doch ganz schön ins Geld.

Wie es bei Kindern so ist: Sie wachsen. So trug besagtes Kind die schönen blauen „Nike Air“-Sportschuhe gerade mal einmal, dann waren sie zu klein. Die tolle schwarze Jeans hatte zwar keinen Namen, dafür aber einen gigantischen Schnitt. Nur: Das Kind passte nicht mehr rein.

Aber… und nun kommt’s… ich passte in beides rein. Und ich trug wohl das erste Mal in meinem Leben Nike Turnschuhe. Und die Jeans war auch toll. Leider ist das Kind mittlerweile in Hosen und Schuhen über mich hinausgewachsen, aber die beiden Stücke, die liebe ich heiss.

Das perfekte Kind

In der Schule meines Sohnes gibt es Einträge. Für jedes Vergehen kriegen die Kinder einen. Als Vergehen zählt, wenn das Kind zu spät kommt. Das finde ich sinnvoll, denn Pünktlichkeit ist wichtig. Erstens wird das Kind später im Berufsleben Pünktlichkeit brauchen, da sonst der Job schneller weg ist, als er gefunden wurde, andererseits stellt Pünktlichkeit auch Respekt dem Gegenüber dar, denn: Pünktlichkeit beinhaltet einen vereinbarten Termin und eine Vereinbarung impliziert mindestens zwei Partien. Einer von beiden wartet bei der Unpünktlichkeit des anderen. Dies in Kauf zu nehmen stellt für mich Respektlosigkeit dar und die mag ich gar nicht.

Als Vergehen zählt ebenso, wenn das Kind seine Aufgaben nicht gemacht hat. Auch das verstehe ich, denn Aufgaben werden erteilt und sie stellen Pflichten dar, die man abarbeiten muss. Das liegt in der Natur der Sache, in diesem Fall eines Abhängigkeitsverhältnisses. Sicher muss nicht jede Aufgabe gedanken- und kommentarlos akzeptiert werden, dieser Nachtrag ist aber sicherlich sinnvoller für mündige Menschen im Berufsleben als für Schüler in der Schulsituation (alle Abers verkneif ich mir und diskutiere ich an diesem Punkt nicht weiter).

Ebenfalls als Vergehen zählt, wenn das Kind alles gemacht hat, allerdings sein Blatt in einem anderen Zimmer hat als dem gerade benützten. Wären Schulzimmer wie zu meiner Zeit, wäre das gar nicht möglich gewesen, allerdings geht mein Kind in eine Schule, in der ich schon bei der Aufteilung der Zimmer den Überblick verloren habe, geschweige denn mir hätte merken können, wann ich wo womit sein müsste. Und auch da kriegt das Kind dann einen Eintrag.

Ich werde nichts sagen, ich werde mich hüten, aufzumucken, denn sonst kriege ich wieder von Lehrer-Bemitleidern zu hören, ich würde des Lehrers Zeit über Gebühr strapazieren. Auch weiss ich, dass es eh nichts bringen würde in den Mühlen unserer Schulmaschinerie, aber: Wenn ich für jede Vergesslichkeit einen Eintrag kriegen würde, wären meine Hefte voll. Wenn ich denke, wie oft ich in die Küche laufe und da angekommen vergessen habe, was ich überhaupt wollte, wie oft ich zum Coop fahre und dann ohne das, was ich dringend kaufen sollte, dafür mit vielem anderen nach Hause komme, wie oft ich ähnliches produziere, dann wären meine Hefte gut gefüllt.

Ich bin nicht perfekt. Kinder müssen es wohl sein. Sonst kriegen sie einen Eintrag. Den ich unterschreiben muss. Und das stösst mir mehr als sauer auf! Ich bin sehr für Anstand, Respekt, Ordnung. Mein Kind ist gut erzogen, es tobte nie durch Züge, isst manierlich, seit er sitzend essen kann, er hat Anstand andern Menschen gegenüber, ich war da eisern, weil es mir wichtig ist, aber: Es ist ein Mensch, es ist ein Kind, es ist nicht perfekt. Und das sollte es auch nicht sein müssen. Ich finde dieses Perfektionsstreben mit angedrohtem Tadel höchst bedenklich und absolut motivationstötend.