12. Juni

„Gedenke der Quelle, wenn du trinkst.“ Aus China

Fliessend Wasser, genügend Strom, im Winter eine Heizung, im Sommer ein Eisfach für das kühlende Getränk – den meisten in unseren Breitengraden geht es gut. Die Grundbedürfnisse sind mehrheitlich gedeckt, meist noch viel mehr. Und: Wir nehmen es als selbstverständlich. Wie selbstverständlich wir darauf zurück greifen, merken wir dann, wenn etwas nicht mehr funktioniert.

Statt dann zu fluchen, könnten wir auch immer mal wieder auf unser Leben schauen und wertschätzen, wie gut es uns geht. Diese Einsicht weckt Dankbarkeit und diese wiederum Freude. Und wer möchte nicht ein bisschen Freude im Tag haben?

Neue Lerninhalte braucht das Kind

Es gibt ein Zitat von Buddha, welches in etwa so lautet:

„Ich lehre euch nicht alle Dinge, die ich weiss, denn ich glaube nicht, dass sie für eure Transformation, eure Heilung und euer Glück wichtig sind. Ich biete euch nur die Dinge an, die ihr wirklich braucht.“

Wie schön wäre es, in unseren Klassenzimmern ginge es genauso zu und her? Wie lebensnah und förderlich wäre es, Lehrer würden Kindern das vermitteln, was sie wirklich brauchen für ihr Leben, für ihr Bestehen in dieser Welt, statt sie mit (so oft unnützem) Wissen abzufüllen?

Wissen ist nicht per se zu verdammen, Wissen ist etwas Wunderbares. Doch es ist nicht primär wichtig. Primär müssten Kindern das lernen, was sie für ihr Leben in der Welt, wie sie sich ihnen präsentiert, brauchen. Faktenwissen, das jeder Computer besser memoriert, gehört da eher nicht dazu, eher sind Fähigkeiten, Werte und soziale Kompetenzen gefragt – all das, was Menschen vom Computer unterscheiden, all das, was Menschen in dieser Welt die Möglichkeit bietet, in ihr zu bestehen und in einem Miteinander zu existieren.

Kinder wollen lernen. Kinder lernen von Natur aus immer. Doch wenn man sie mit Gewalt, Zwang, auch Wut und gar Verzweiflung dazu bringen will, die von einem lebensfremden Bildungsplan auferlegten Inhalte in den Kopf zu beigen, verleidet man ihnen nicht nur oft das Lernen, man macht sie auch krank. Dies oft in mehrfacher Hinsicht. Es gab noch nie eine Zeit, in welcher Kinder so viel krank waren: Depressionen, Burnouts, Suchtkrankheiten – all diese und noch einige mehr sind auf dem Vormarsch. Kinder stehen unter Druck. Und sie merken tief drin wohl auch, wenn man ihnen nicht jegliche Intuition bereits ausgetrieben hat, dass das, was sie tagtäglich vorgesetzt kriegen, mit ihrem Leben herzlich wenig zu tun hat. Dies wohl umso mehr, je intelligenter sie sind, weil sie dann selber erkennen, dass all das Faktenwissen zu leicht abrufbar wäre, würde man sich dem Stand der Welt anpassen und sich nicht so verhalten in der Schule, als ob Computer und all das abrufbare Wissen nicht existierte.

Das heutige Schulsystem leidet unter einem Scheuklappendenken. Es versucht krampfhaft ein Lehrkonzept zu erhalten, das schon vor 200 Jahren überholt war. Es versucht krampfhaft, Wissensinhalte zu vermitteln, die in einer Zeit wie heute nicht mehr adäquat sind in der Form. Es versucht krampfhaft, sich selber weiter am Leben zu erhalten durch das Blockieren innovativer Zugänge zu einem neuen Lernen, zu einer neuen Form von Schule.

Wenn Schule überhaupt noch nötig ist – und ja, ich denke, in der heutigen Form ist sie das nicht -, müsste man zuerst einmal hinschauen, was Kinder wirklich brauchen. Heute und für morgen. Kinder haben Bedürfnisse: Das erste ist, geliebt zu werden. Werden Kinder geliebt, lieben sie auch – es entsteht eine Beziehung. Diese Beziehung ist die wichtigste Grundlage überhaupt. Auf ihr baut alles Weitere auf. Ein zweites ist, zu verstehen. Kinder sind von Natur aus neugierig. Sie wollen wissen, wieso Dinge sind, wie sie sind. Wer kennt nicht all die Fragen nach dem Warum? Wenn man ihnen diese Neugier lässt, wollen Kinder auch lernen. Und sie tun es ohne Druck, Gewalt und Strafandrohungen.

Würde in einer Schule eine Kultur herrschen, in welcher Menschen unter Menschen sind, sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnen, von einem Gefühl der gegenseitigen Akzeptanz und Liebe getragen, wäre die notwendige Basis für ein sinnvolles und aus eigenem Antrieb kommendes Lernen gegeben. Dann wäre es Kindern möglich, auf eine gesunde, weil ihrem Naturell entsprechende Weise zu lernen.

Würde zudem die Schule realisieren, dass die Lerninhalte sich den gegebenen Veränderungen, die noch dazu immer schneller voranschreiten und so eine Zukunft erahnen lassen, in welcher das bis anhin Gelernte wenig brauchbar und umsetzbar ist, könnte sie sich auf die wirklich wichtigen Inhalte konzentrieren: Fähigkeiten, Werte und soziales Verhalten. Das heisst nicht, dass fortan Wissen keinen Platz mehr haben sollte, aber es sollte mehr den Kindern überlassen sein, welches Wissen ihnen wichtig ist und auf welche Weise sie sich dieses aneignen können. Lehrer wären in einer solchen Schule nicht per se Vermittler, sondern zugewandter Wegbegleiter.

Ich bin überzeugt, dass aus einer solchen Schule lebenskompetente, gesunde und motivierte Persönlichkeiten ins Leben hinaus gingen und dieses in die Hand nehmen könnten und wollten. Ich bin überzeugt, dass solche Menschen nicht von Maschinen ersetzt werden können, weil sie nicht versuchen, mit diesen zu konkurrieren, sondern sich auf ihre eigenen Stärken berufen und diese einsetzen können. Ich bin überzeugt, dass damit eine Zukunft realisiert würde, in welcher Menschen friedlicher miteinander leben könnten und sie Maschinen nicht als Gefahr, sondern als wertvolle Unterstützung sehen könnten, welche ihnen möglich macht, mehr als Mensch unter Menschen und nicht als funktionierendes Rad im Getriebe zu agieren.

5. Juni

„Worauf wir auch immer warten mögen – Seelenfrieden, Zufriedenheit, Gnade, die innere Wahrnehmung der Fülle -, es wird kommen, doch nur dann, wenn wir bereit sind, es mit offenem und dankbarem Herzen zu empfangen.“ (Sarah Ban Breathnach)

Hast du schon mal ein Kind beobachtet, dass unbedingt eine Katze streicheln wollte, die nicht gestreichelt werden wollte? Es rennt der Katze hinterher und diese rennt davon. Das dauert, bis das Kind müde ist, sich hinsetzt oder abliegt. Und bei kleinen Kindern passiert es oft, dass sie dann einschlafen. Und: Nicht selten kommt dann die Katze und legt sich dazu.

Genauso ist es mit vielen Dingen in unserem Leben: Wir rennen ihnen verbissen und fast blind vor Eifer hinterher. Manche Dinge brauchen ihre Zeit und die richtige Haltung, dann passieren sie von selber. Das heisst nicht, man müsste nichts dafür tun, nur erzwingen kann man das meiste nicht.

Lerncoaching

Lernen ist eigentlich eine Lebensform. Jeder Mensch kommt als lernendes Wesen zur Welt. Sieht man einen Säugling, wie er sich langsam aufrichtet, dann zu krabbeln und schliesslich zu laufen lernt, zeigt sich dies deutlich. Im Laufe der Zeit kann es aber dazu kommen, dass Menschen das Lernen verlernen. Die Gründe dafür können vielschichtig sein. Plötzlich steht man ein einem Punkt und will lernen, aber

  • man weiss nicht wie
  • es bleibt einfach nichts hängen
  • die Konzentration bleibt aus
  • man kann keine Motivation aufbringen
  • man leidet gar unter Prüfungsangst

 

Hier setzt das Lerncoaching an. Grundsätzlich ist zu sagen, dass nicht jeder Mensch gleich ist und es darum auch nicht eine einzig richtige Art zu lernen gibt. Das Lerncoaching als wichtiger Teil in einer Schule, in welcher autonomes Lernen gefördert wird, hilft, Lernstrategien und – techniken zu entwickeln, die zum individuellen Lerntyp passen. Wichtig beim Lernprozess sind aber nicht nur die Technik und die Strategie, sondern auch Themen wie Motivation, Ausdauer, Zielsetzungen, Konzentration und die geeignete Umgebung.

Das Lerncoaching hilft dabei

  • sich selber Ausbildungsziele zu setzen
  • die Verantwortung über den eigenen Lernprozess zu übernehmen
  • innerhalb verschiedener Ziele Prioritäten zu setzen
  • die geeignete Lernmethoden für die individuellen Ziele zu finden
  • sich zu motivieren
  • Lernfortschritte zu kontrollieren und einzuordnen
  • besser mit Frustrationen im Bereich des Lernens und der Schule umzugehen
  • mit Stresssituationen umzugehen
  • mit Prüfungsangst umzugehen

Wichtig ist die Einsicht, dass man für das eigene Lernen selber verantwortlich ist. Das lässt und erfordert ein gutes Mass an Autonomie. Die Aufgabe eines Lerncoachs ist es, den Lernenden auf dem Weg dahin zu begleiten. Zuerst finden der Lerncoach und der Schüler zusammen heraus, was für ein Lerntyp der Lernende ist. So verschieden Menschen sind, so verschieden können auch die passenden Methoden sein, die zu ihnen und den selbst gesetzten Zielen passen. Danach geht es darum, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen:

Welche Lernumgebung fördert das eigene Lernen, wie um welche Zeit fällt lernen am leichtesten, wie viel Zeit braucht man, um ein Ziel zu erreichen und welches ist die passende Methode, dies zu tun? Aufgrund solcher Fragen kann der Lernende seinen persönlichen Lernweg definieren und hat auch ein Mittel in der Hand, die eigenen Fortschritte zu prüfen.

Ein Lerncoaching ist also nicht an Fachbereiche gebunden und hilft auch nicht, ein spezifisches Prüfungsthema zu bearbeiten, sondern es hilft dabei, Lernenden die Fähigkeiten in die Hand zu geben, ihren eigenen Lernweg zum persönlichen Ziel zu finden und zu gehen.

4. Juni

„Ich bin dankbar, nicht weil es vorteilhaft ist, sondern weil es Freude macht.“ (Seneca)

Oft hört man, Menschen seien Egoisten. Sie täten nur, was ihnen nützt. Wieso also sollte man dankbar sein? Was man brauchte, hat man nun, alles weitere dient einem nicht mehr. Wobei: Tut es das wirklich nicht? Einerseits zeigt Dankbarkeit dem anderen Wertschätzung und macht ihn dadurch sicher geneigter, zu einem anderen Zeitpunkt wieder zu helfen.

Dankbarkeit gibt auch mir selber ein gutes Gefühl. Ich habe die Möglichkeit, dankbar zu sein, das bedeutet, mir ist etwas Gutes widerfahren. Das aktive Wahrnehmen desselben verdoppelt noch das Gefühl des „Mir geht es gut.“

Nun nur aus diesen Gründen einen Dank auszusprechen, wäre aber nicht nur berechnend, es würde auch wenig bringen, denn: Was nicht gefühlt ist, zeigt auch keine Wirkung. Nie bei einem selber, selten bei anderen.

2. Juni

„Denken und danken sind verwandte Wörter; wir danken dem Leben, in dem wir es bedenken.“ (Thomas Mann)

Ich habe in einer schwierigen Zeit damit begonnen, jeden Abend den Tag Revue passieren zu lassen und drei Dinge zu suchen, für die ich dankbar bin. Und: Egal, wie schwierig der Tag war, ich fand immer drei Dinge. Nicht immer grosse, ab und an kleine, fast schon banale, aber doch wohltuende.

Diese Praxis der aktiven Dankbarkeit hat mir sehr geholfen, das Leben umfassender zu sehen. Sie hat mir geholfen, auch in dunklen Momenten die lichtvollen Momente wahrnehmen zu können. Und über die Zeit hinweg merkte ich, wie ich besser mit den Herausforderungen umgehen konnte, die das Leben brachte, einfach, weil tief in mir immer auch Dankbarkeit mitschwang für das Gute, das jeden Tag präsent ist – wenn man es sieht.

1. Juni

„Wäre das Wort „Danke“ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“ (Meister Eckhart)

Es gibt ein Lied, in welchem es heisst: „Danke für diesen guten Morgen, danke, für jeden neuen Tag….“ Und ja, es ist kein hochstehendes Lied, eher so ein banales mit einer simplen Melodie, einem einfachen Text. Sowas belächelt man gerne. Bis man innehält und denkt: Wie, wenn nicht so?

Ist nicht jeder neue Tag ein Geschenk? Eines, mit dem man eigentlich nicht rechnen kann und es doch tut? So selbstverständlich? Und wenn dann nicht alles so läuft wie geplant, hadert man noch. Ohne zu überlegen, dass schon der Tag eigentlich ein Geschenk war.

Wir müssen nun nicht alle mit einem Dauergrinsen durch die Welt laufen, gewisse Tage sind schwieriger als andere, und doch: Jeder Tag ist ein Geschenk und keiner ist selbstverständlich. Wir haben jeden Tag einen Grund, dankbar zu sein.

Fragen, nicht Antworten

„Wichtig ist, nie aufzuhören zu fragen.“ (Albert Einstein)

„Wieso ist die Banane krumm?“
„Wo geht die Liebe hin, wenn sie geht?“
„Was passiert mit dem Licht im Kühlschrank, wenn die Tür schliesst?“

Wann haben wir aufgehört, Fragen zu stellen? Wann haben wir aufgehört, Antworten zu suchen zu den Fragen und stattdessen im Internet zu suchen? Wann haben wir aufgehört, Phantasie zu haben und stattedessen Autoritäten zu folgen?

Für uns ist es nicht mehr wichtig, wichtig ist nur noch, wie wir wieder zurück kommen. Unsere Kinder hätten noch eine Chance, das Fragen nicht zu verlernen und das Phantasieren zu behalten. Wollen wir sie ihnen nicht geben? Und mit ihnen wieder dahin zurück kommen?

Wer glaubt, alle Antworten zu kennen, ist kaum mehr als ein Besserwisser, sicher aber kein Weiser. Wenn schon Sokrates wusste, dass er nichts weiss, er drum Fragen stellte und keine Antworten lieferte, wer würde es besser können? Zumal: Das Orakel von Delphi sah Sokrates als klügsten Menschen….vermutlich gerade drum, weil er Fragen stellte.

Wenn du also wieder einmal denkst, alles zu wissen: Stell dir die einfache Frage: Weiss ich das wirklich? Ist es nicht bloss eine Meinung? Und wenn dir wieder mal jemand weismachen will, dass er alles weiss und das noch besser: Frag dich auch: Weiss der das wirklich, oder ist es nicht schlicht seine Meinung?

30. Mai

„Aufmerksamkeit, mein Sohn, ist,
was ich dir empfehle;
bei dem, wobei du bist, zu sein mit ganzer Seele.“
Friedrich Rückert

Ich habe kürzlich einen Kuchen gebacken. Sieben Zutaten waren zu verwenden, zwei habe ich vergessen, da ich – husch husch – noch nebenher andere Dinge machte. Nun war das kein Drama, es gab einfach keinen Kuchen zum Kaffee, dafür viel Gelächter über das Versäumnis, aber:

Manchmal geht auch etwas in die Hosen, weil wir schlicht zu viel nebenher tun, das gravierende Konsequenzen hat. Und wie leicht wäre es gewesen, das zu vermeiden, hätten wir uns nur ganz auf das konzentriert, was wir gerade taten.

Nicht ohne meinen Philosophen

Wenn ich früher jemandem erzählte, dass ich Philosophie studiere (und Germanistik dazu), kam postwendend die Frage: „Was macht man denn damit?“ Spätestens seit Precht weiss man, dass man bei entsprechendem Aussehen im Fernsehen als Allerwelt- und Für-alle-Themen-Philosoph gross rauskommen kann. Und nein, ich bin kein Precht-Verächter, ich finde gut und sinnvoll, was er tut und wie er es tut. Ich finde es grossartig, wie er es schafft, relevante Themen in einer Weise aufzubereiten, die zwar nicht neu, aber verständlich ist. Viele werfen ihm den ersten Teil vor, nur: Es ist alles schon mal gedacht worden, wirklich neu ist wenig. Was neu wäre, wenn all das Gedachte mal ankäme und zur Umsetzung gelangte. Aber das ist eine andere Baustelle, die hier heute nicht Thema ist.

Da nun nicht alle Fernsehphilosophen werden können, bleibt die Frage noch immer da. Und nun kam die neue Lösung: Grosse Konzerne wie Google, Facebook und Konsorten heuern Philosophen an. Sie sollen nicht etwa die 1673. Version der internen Firmenethik verfassen, sondern den Unternehmen aus einer Sinnkrise helfen. Nun machen sie alles so gut und doch wandern die Jungen ab… es geht ihnen also etwa so wie Müttern von Pubertierenden. Und nun soll die vormals verschmähte Philosophie helfen.

Das klingt nun vielleicht eher polemisch, und ja, ich bin mit mir selber im Zwiespalt. Eine Seite würde gerne jubeln und sagen: „Das sage ich doch schon lange. Schon Platon sagte es…“ Die andere ist skeptisch. Oft, wenn etwas zum grossen Retter erklärt wird – gerade, wenn es ein vormals belächeltes Objekt war (Subjekt liess man es kaum je werden) -, sind das Momentaufnahmen aus einer Verzweiflung. Und die ebbt irgendwann ab. Oder aber sie flacht die Inhalte des Hochgejubelten ab, indem denen die Tiefe genommen und sie mit plakativen Sprüchen mehrheitstauglich gemacht werden. Beides würde ich der westlichen Philosophie nicht wünschen (die östliche ging den Weg im Westen schon zu sehr, wie ich finde).

Ich bin durchaus der Meinung, dass was gehen muss. Und ich bin ebenso der Meinung, dass die Philosophie helfen könnte. Der Blick auf den Menschen und was ihn ausmacht, sollte gerade in einer Zeit, in der Maschinen zum Konkurrenten werden, ein zentraler werden. Wir müssten uns fragen, was wir eigentlich haben, das uns einzigartig macht, was wir fördern, leben müssen, weil es uns hilft, als Menschen unter Menschen zu bestehen. Aktuell sind wir wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft: Wir pochen auf Wissen, das jede Maschine besser memoriert, lehren Dinge, die von Maschinen genauso gut, wenn nicht besser ausgeführt werden könnten. Was wir immer mehr vernachlässigen? Sozialkompetenzen, Werte, Beziehungen – das ganze meschliche Dasein da, wo nicht mehr Fakten und Zahlen zählen, sondern das Miteinander, das Sein im Dasein und das Fühlen desselben.

Das mag nun sehr esoterisch angehaucht klingen, ist aber alles andere als so gemeint. Ich bin ein sehr rationaler Mensch, der aber auf die ganz harte Tour gelernt hat, was fehlende Beziehungen und Zugewandtheit (in der Schule und privat) auslösen können. Und es gibt Studien, die das belegen. Der Mensch ist ein Beziehungstier. Der Mensch ist sozial. Ohne soziale Beziehungen geht der Mensch ein. Und genau das ist seine Schwäche. Und seine Stärke. Genau da hebt er sich von Maschinen ab. Maschinen können (fast) alles. Aber sie sind NIE sozial. Sie sind berechnet berechnend. Nun sind auch Menschen durchaus ab und an berechnend. Ich denke aber, sie sind es, weil sie in einem System aufwachsen, das aus Menschen Maschinen machen will.

Nur: Wir kommen nun in eine Zeit, in der Maschinen immer überlegen sein werden. Wenn es darum geht, Maschine zu sein. Vielleicht ist genau das das Glück. Der Mensch muss sich zurück besinnen. Auf sich. Und vielleicht ist es ein Glück, dass man irgendwann merkt, dass man das schon ganz früh tun sollte. In der Schule. Kinder müssen keine kleinen Computer sein, sie müssen Menschen bleiben dürfen. Kürzlich las ich einen Artikel* darüber, dass spielen das Hirn mehr fördert als jede Förderung (die Punkte könnte man gut weglassen, es sind immer Forderungen dahinter). Das wusste schon Schiller, wenn er sagte, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt. Wir aber schaffen das Spiel immer früher ab, indem wir Kinder in die Frühförderung schicken, den Kindergarten verschulen. Wir entmenschlichen den Mensch und nehmen ihm damit die einzige Chance, die er hat, gegen Maschinen zu bestehen.

Vielleicht haben Google und seine Freunde doch recht: Philosophen an die Macht! Ich denke aber nicht. Es bräuchte nur ein wenig gesunden Menschenverstand und ein Herz auf dem richtigen Fleck. Und dann den Mut, alte Wege zu verlassen. Das wünsche ich mir.

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*https://mymonk.de/spielen-lassen/?fbclid=IwAR17GvT_6penv0RHI2FKVaf1M4W63KdQ5Ifm4az0kxDdaO0Z2i8r6fKPLxk

Erich Mühsam: Angst packt mich an

Erich Mühsam ( 1878 – 1934)

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll grosser Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist

Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, aber man kann und muss im Leben nicht alles alleine tragen. Oft fühlen wir uns klein und schämen uns unserer Nöte, aber: Hilfe anzunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.

29. Mai

„Alles läßt sich überwinden durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet.“ Adolph Freiherr von Knigge

Jemand hat dich geärgert? Wieso schenkst du ihm noch mehr von deiner Zeit, indem du über ihn nachdenkst? Jemand hat dir Unrecht getan? Wieso vergeudest du deine Zeit mit Racheplänen, statt dir etwas Gutes zu gönnen? Das Schicksal meinte es nicht gut mit dir? Du kannst es nicht ändern, aber indem du nur noch daran denkst, wird auch die Zeit, die du mit Schönem füllen könntest, davon beeinträchtigt.

Das Leben ist nicht immer schön und bunt und wunderbar, mitunter setzt es uns zu. Das können wir oft nicht ändern. Was aber in unserer Hand liegt, ist, wie viel Energie wir an das weniger Schöne verschenken.

Rainer Maria Rilke: Die Liebende

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

Der Tod als Chance fürs Leben

Wenn man mir einen Tag schenken würde, ich einfach tun könnte, was mir am Herzen liegt, ich danach sterben würde. Was täte ich? Ich stiess heute beim Schauen eines Films auf die Frage und überlegte. Und ja, vielleicht täte ich nicht mal wirklich etwas anderes, als ich es aktuell immer tue. Ich möchte die Zeit mit meinen liebsten Menschen verbringen, möchte lachen, essen, geniesen. Ich möchte lesen, diskutieren, fotografieren, den Sonnenuntergang anschauen. Möchte tanzen, Musik hören, auf meiner Gitarre spielen. Und ja, das sind keine spektakulären Dinge, es sind die kleinen Freuden des Alltags, für die ich dankbar bin, sie erleben zu dürfen. Weil sie mir genau so entsprechen. Aber es gab andere Zeiten in meinem Leben.

Ich steckte und stellte zurück, versuchte zu genügen, zu erfüllen, eigene und fremde Erwartungen. Ich war gefangen in einem Hamsterrad, Sklave eines eigenen Perfektionismus, dem ich nie entsprechen konnte. Die Messlatte war hoch. Zu hoch. Wenn ich was tat, musste es zu was gut sein. Kürzlich kaufte ich mir eine Gitarre und übe nun. Nur zur eigenen Freude. Was für eine Befreiung. Das würde ich an meinem letzten Tag auch tun wollen.

Aber es geht nicht nur mir so. Wie oft hörte ich schon in meinem Umfeld: „Wenn ich…. dann werde ich….Kaum einer hat es getan. Die einen sind gestorben, anderen entsprachen die so lange gehegten und erzählten Träume doch nicht wirklich.

Wenn man etwas wirklich will, von tief innen heraus, gibt es wohl nur eine richtige Zeit, sich den Traum zu erfüllen: Jetzt. Damit sage ich nicht, dass alles immer und überall möglich ist, die Frage ist bei vielem aber auch, wieso man davon träumt. Sind es wirklich tiefe Wünsche oder eher Phantasien, um etwas zu entkommen, das im Leben grad schwer ist?

Wieso träumen wir unsere Träume? Was steckt dahinter? Wirkliche Wünsche oder sind sie ein Zeichen für etwas in unserem Leben, das nicht passt? Wenn es wirkliche Wünsche sind, was hält uns ab, sie zu verwirklichen? Und: Hält uns wirklich was ab oder haben wir insgeheim doch Angst, weil sie Neues in unser Leben brächten, wie gewohnte Pfade verlassen müssten?

Wenn ich morgen sterben würde, wie lebte ich den heutigen Tag? Wir können viel vom Tod lernen, allem voran, wie wir leben wollen. Es heisst, die Angst vor dem Tod sei die grösste Angst überhaupt, sie stehe hinter allen anderen Ängsten, aber eigentlich ist der Tod auch ein Geschenk: Er zeigt, dass die Zeit hier auf Erden kostbar ist. Wenn wir ihn nicht verdrängen würden, so im Stil von „mir passiert das nicht“, würden wir bewusster mit der Zeit umgehen, die wir haben.

Noch ist es nicht zu spät. Wir alle können uns die Frage stellen, was wir an unserem letzten Tag tun würden. Und wir können es jetzt schon tun. Vielleicht nicht heute, aber sicher morgen oder am Wochenende. Oft gehört dazu auch, hinzuschauen, wovor wir Angst haben, denn ganz oft ist die Angst es, die uns im Wege steht, heute schon so zu leben, wie wir es tief drin gerne würden. Wir müssen nicht erst den Tod vor Augen haben, um unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten, wir müssen den Mut haben, es in die eigene Hand zu nehmen und herauszufinden, was wir wirklich wollen.

Was würdest du tun, wäre dies heute dein letzter Tag? Wann tust du es?