Ich erinnere mich… an ein Kinderbuch

Ich bin kein Mensch, der gross Erinnerungen nachhängt oder oft von früher erzählt. Ich bin wohl mehr der Vergesser und Verdränger. In letzter Zeit stiess ich immer wieder über das Erinnern. Wenn ich so zurückdenke, war es sogar schon früher präsent, indem ich mich Erinnerungen und Zeugnissen von anderen Menschen befasste – aber nie mit den eigenen. Das möchte ich nun ändern. Ich möchte mein Leben in erinnerte Geschichten packen. Ich möchte sehen, wo überall Erinnerungen versteckt sind und darauf warten, ans Licht geholt zu werden. Hier meine erste, der weitere folgen werden.

Heile Welten

Ich erinnere mich, wie ich auf dem Bett liege und lese, mal wieder, mein Lieblingsbuch. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich es schon gelesen habe. Ich weiss nicht mal mehr, von wem ich es geschenkt gekriegt habe. Zwei Bände sind es. Ich bin sicher, dass ich gleich beide ausgepackt habe, eines der Bücher öffnete und die Nase reinsteckte. Das mache ich mit allen neuen Büchern so, noch bevor ich überhaupt einen Buchstaben lese. Ich liebe diesen Geruch.

Als ich die Bücher nun erneut lesen wollte, ich weiss nicht mal mehr, wie sie mir nach so langer Zeit wieder in den Sinn gekommen waren, fand ich sie nicht mehr. Hatte ich sie weggegeben? Oder gar fortgeworfen? Beides erschien mir fragwürdig. Ich konnte mich nicht erinnern, nur eines war mir klar: Ich wollte sie wieder haben.

Es schien aussichtslos. In der ersten Buchhandlung wurde ich damit abgespeist, dass man die Bücher weder kenne noch irgendwo finde. In der zweiten hiess es, die Bücher seien vergriffen und leider nicht mehr erhältlich. Wieso ich danach noch in eine dritte Buchhandlung ging, wusste ich nicht. Eigentlich hätte es dafür keinen Grund gegeben. Und doch lief ich hinein und war mehr als erfreut, als diese sogar ein Exemplar des von mir so gewünschten Buches auftreiben konnten.

„Die Turnachkinder“ – Ein Band spielte im Sommer, einer im Winter. Erzählt wurde die Geschichte einer Familie, erzählt wurde mitten aus dem Leben. Man las von Kindern, die spielten und lachten und gemeinsam Dinge erlebten. Einmal im Sommerwohnsitz, einmal im Winterhaus. Und obwohl ich das Buch schon so oft gelesen hatte, war das alles, was ich noch wusste. Ausser einem:

Jedes Mal beim Lesen fühlte ich mich wohl und irgendwie in eine heile Welt versetzt. Vielleicht konnte ich diese gerade jetzt gut brauchen. Vielleicht wollte ich die Bücher aus dem Grund so dringend wieder lesen, weil ich wieder in diese Welt eintauchen wollte, die mir selber gerade abhanden gekommen schien.

Und noch etwas passierter jedes Mal beim Lesen: Ich kriegte Lust, mit meiner Puppenstube zu spielen. Oft sprang ich schon während des Lesens auf, holte mein Puppenhaus hervor und begann, es einzurichten. Eigentlich was das überhaupt alles, was ich damit machte. Ich richtete es nur ein. Das gefiel mir daran

Mein Puppenhaus war ein zweistöckiges Haus. Unten gab es eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Klo. Von da führte ganz hinten eine schmale Treppe mit einem weissen, verschnörkelten Treppengeländer in den oberen Stock. Dort befanden sich ein Badezimmer, ein Schlaf- und ein Kinderzimmer. Sogar Licht gab es in dem Haus. Kleine Lampen liessen sich an Steckdosen anschliessen und wenn man den Schalter drückte leuchteten sie. Immer, wenn ich es eingerichtet hatte, freute ich mich auf die Nacht, um es dann im hellen Glanz erstrahlen zu lassen. Es war wunderschön.

Das mit der Puppenstube würde mir dieses Mal nicht passieren. Eigentlich war ich ja schon zu alt für die Bücher, für die Puppenstube war ich es aber definitiv. Zudem stand diese schon längst im Keller. Wie ein Zeichen dafür, dass die Kindheit nun vorbei war, eine neue Phase begonnen hatte.

Langsam tauchte ich wieder in die Geschichte ein. Und schon nach kurzer Zeit war des da, das Gefühl des Vertrauten, das Gefühl dieser unbeschwerten Welt des Spielens, des Lachens. Und ich war mittendrin. Ich sog das Buch förmlich in mich hinein, streckte dann und wann wieder die Nase hinein, was irgendwie etwas Tröstliches und auch etwas von Nach-Hause-Kommen hatte. Und dann schlich er sich langsam ein, ganz schleichend, fast schon zögerlich: Der Gedanke, dass es schön wäre, mein Puppenhaus wieder einzurichten. Ich schob ihn zur Seite, sagte mir, ich sei nun wirklich zu alt dafür und das sei Kinderkram.

Als mich dieser Gedanke aber nicht los liess, stieg ich in den Keller hinunter. Ich wollte nur schaue, ob das Haus noch da war. Da stand es. Etwas verstaubt zwar, aber ansonsten tadellos, die Möbel dazu waren gut verpackt. Ganz hinten im Keller thronte das Haus auf Kisten mit anderen Zeugen meiner Kindheit und schaute mich an. Eigentlich war es ja nichts Schlimmes, ein Puppenhaus einzurichten, sagte ich mir. Hatte ich nicht gerade kürzlich mein Zimmer umgestellt, weil ich überzeugt war, dass es auf eine andere Weise besser aussähe? Und ich fühlte mich danach wirklich zufrieden und wohl und glücklich. So ein Puppenhaus war quasi ein Übungsplatz. Ich konnte ja nicht ständig mein Zimmer neu einrichten.

Unter den verwunderten Blicken meiner Eltern holte ich die Puppenstube wieder aus dem Keller und stellte sie in meinem Zimmer auf die Kommode. Nun konnte es losgehen. ich schob kleine Tische hin und her, platzierte Stühle, hängte Bilder an die Wände, suchte den geeigneten Platz für Sofa und Kommoden und dekorierte alles mit kleinen Blumenvasen. Als ich fertig war, brach der Abend an, es dunkelte schon ein. Ich schaltete das Licht im kleinen Haus an und der ganze Zauber war wieder da. Zufrieden legte ich mich aufs Bett und las weiter.

Schön, dass gewisse Dinge sich nicht änderten.

Warum ich schreibe

Ich will in Worte fassen, was in mir ist, will erzählen, was mich interessiert, beschäftigt, zum Nachdenken anregt. Ich möchte mit-teilen, was ich sehe, höre, lese, weil ich denke, dass dieses Teilen und Mitteilen eine Verbindung schafft aus meinem Innern in Aussen, eine Verbindung, die über Grenzen hinweg möglich ist. Ich möchte rauslassen, was in mir ist und manchmal gehe ich es schreibend auch erst suchen und finde es so.

Durch das Schreiben lerne ich. Ich lerne etwas über mich und die Welt, ich lerne, wie es ist, sich etwas zu verschreiben und vor allem lerne ich auch immer wieder, im Hier und Jetzt und mit einer Sache befasst zu sein. 

Ich geniesse den Moment des Schreibens durch das Fliessen, das sich einstellt. In mir und aus mir heraus. Es ist, als ob eine direkte Leitung von tief in mir drin in meine Finger besteht. Doch wo fängt sie an? Im Kopf? Meist ist es kein bewusstes Denken mehr, das fand vielleicht vorher statt. Dinge setzten sich über die Zeit fest, formten sich zu Ideen, wurden meine Gedanken und fliessen dann irgendwann aus den Fingern. Es entsteht etwas Neues aus mir heraus und ich sitze da und freue mich während des Schreibens an diesem Entstehen.

Natürlich gibt es auch zielgerichteteres Schreiben, zum Beispiel bei Artikeln und Büchern, bei denen ich durchaus strukturierter vorgehe. Aber das ist wohl nur vordergründig und im Groben so. Wenn die Struktur mal steht, funktioniert das Schreiben wieder gleich. Lange passiert nichts, die Speicher füllen sich durch ganz viel Aufgenommenes, fast schon Aufgesogenes, Gesammeltes, Versammeltes, schon Vorhandenes, noch neu Hinzukommendes. Und aus diesem Speicher fliesst es plötzlich wieder – meist in einem Guss.

Diese Freude, diese Leidenschaft, die darin steckt und dabei immer wieder ans Tageslicht kommt, möchte ich nicht missen.

Ich sehe überall Geschichten. Ich beobachte Menschen, laufe durch Einkaufsläden, sitze in Cafés und sie liegen vor mir und warten nur darauf, aufgeschrieben zu werden. Vielleicht liegen sie aber auch in mir und werden durch das, was um mich ist, geweckt? Ich weiss es nicht.

Wenn ich aus Impulsen heraus einfach schreibe, fliessen die Buchstaben aus mir heraus. Das fühlt sich für mich stimmig und richtig und wichtig an. Sobald ich anfange, die ganze Sache zu vergeistigen, planen will, mir selber Vorgaben machen möchte, stockt der Fluss und die Tinte trocknet vor dem leeren Papier ein.

Wenn ich nicht schreibe, bin ich nicht ich. Dann fehlt mir der Boden, auf dem ich stehen kann. Indem ich mit dem Schreiben neue Welten schaffe, stehe ich fester und sicherer in meiner. Vielleicht, weil sie mir durch das Schreiben immer wieder erfahrbarer, klarer und präsenter erscheint.

Selbstliebe

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Vielleicht hast du einen neuen Partner, lernst dessen Familie oder Freunde kennen und willst bloss nichts falsch machen – sie sollen dich doch mögen. Vielleicht hat er dir vorher noch erzählt, wie wichtig ihm diese Familie ist – umso mehr willst du dich anstrengen, keine Fehler zu machen, den Erwartungen (die du nicht mal genau kennst, die du dir nur vorstellst, wie sie aussehen könnten) zu genügen. Als Mensch generell zu genügen und nicht irgendwie durch die Maschen zu fallen. Und so kommst du da an und bist unsicher. Und du versuchst diese Unsicherheit zu überspielen, entweder indem du gar nichts sagst, denn dann kann es zumindest nichts Falsches sein, oder aber redest wie ein Buch, um ja nicht langweilig zu wirken. Und beides bist eigentlich nicht du – aber wer bist du eigentlich? Und vor allem: Wieso denkst du, nicht der sein zu dürfen, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

Lass los, was du glaubst sein zu müssen, und umarme, was du bist.

Ich war oft in solchen Situationen. Sie kommen umso mehr vor, je wichtiger mir die sind, zu denen ich gehören will – aus welchen Gründen auch immer: Ich will jemandem gefallen, ich will jemandem genügen, ich will in eine Gruppe passe da ich sie toll finde – und vieles mehr. Immer dann, wenn für mich etwas persönlich davon abhängt, dazuzugehören, werde ich unsicher, ob ich dafür gut genug bin. Bei Wildfremden kann ich ich sein. Bei ihnen habe ich nichts zu verlieren, da ich von ihnen nichts erhofft habe. Und noch wichtiger: Ich erhoffe mir auch von mir und für mich nichts. Ich hoffe nicht, aufgenommen zu werden in eine Runde. Ich fürchte nicht, durchzufallen, verurteilt und verstossen zu werden. Ich fürchte nicht, nicht zu genügen.

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selber an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Und seien wir mal ehrlich: Wenn in einer Beziehung nur der andere seine Bedürfnisse anmelden und durchsetzen dürfte, wir selber nicht genügend wären, wenn wir all uns Sein und Wünschen und Brauchen hintenanstellen: Wäre das wirklich eine Beziehung, wie wir sie uns wünschen? Oder aber würden wir so viel lieber in so einer Beziehung leben als gar keine zu haben? Das ist wohl möglich – aber ob es gut tut? Es spricht zumindest nicht von einer grossen Selbstliebe, und ohne die, das glaube ich mittlerweile aus tiefem Herzen, ist eine wirkliche Verbundenheit nicht möglich.

Doch wo ging diese Selbstliebe verloren? Und wieso? Ich bin kein Freund vom Graben in der Kindheit. Ich bin auch keiner davon, einen Schuldigen in der Vergangenheit zu suchen, um nun Opfer in der Gegenwart sein zu können. Ich denke aber, wir haben unsere Prägungen, unsere Muster, und die haben einen Ursprung. Und wenn wir den finden, ist es vielleicht leichter, daran zu arbeiten, sie loszulassen, weil wir uns sagen können: Heute ist heute, gestern war gestern. Der jetzt vor mir stehende Mensch ist nicht der, welcher mich dazu brachte, genügen zu wollen oder gar zu müssen. Der jetzt vor mir stehende Mensch hat eine Chance verdient, als mitfühlender und toleranter Mensch wahrgenommen zu werden, indem ich ihm zeige, dass ich mich ihm öffne, im Vertrauen darauf, dass er dies mit einem fühlenden Herzen annimmt – mich annimmt, wie ich bin. Natürlich können wir das auch ohne die Kenntnis der Ursache, nur fällt es ab und an leichter anders.

Nun ist es durchaus so, dass wir uns nicht einfach allen Menschen gegenüber öffnen können und sollten. Nicht jeder Mensch ist der richtige Mensch für jede Art von Offenbarung. Es gilt zu unterscheiden, wo wir mit unserem Sein auf offene Arme und wo auf gefährliches Terrain geraten insofern, als manche Menschen vielleicht selber nicht mit einer solchen Offenheit umgehen können – oder wollen. Der alte Spruch

Trau,schau wem?*

hat durchaus etwas Wahres an sich. Und auch da bin wieder ich das erste Glied in der Kette. Ich muss vertrauen. In mich und mein Sein, dann in mein Urteil, wem ich trauen kann, und dann aber wirklich auch dem, den ich als vertrauenswürdig ansehe. Und das tue ich, indem ich mich gebe, wie ich bin. Offen und authentisch. Als ich. Dann kann eine Verbindung entstehen zwischen uns. Dann gehöre ich dazu. Und er auch zu mir. Es ist ja durchaus gegenseitig, was wir in unserer Angst, nichtzu genügen, oft vergessen.

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*Die Redewendung geht übrigens auf einen lateinischen Spruch zurück: „Fide, sed cui, vide.“, was zeigt, dass die menschlichen Probleme und Bedürfnisse im Miteinander sich seit der Antike wohl unswesentlich verändert haben….

5 Inspirationen – Woche 3

Es ist ein neues Jahr, doch irgendwie hat sich gar nicht viel verändert. Das ist ja meistens so. Wir setzen uns zeitlich Termine wie Geburtstage, Jahresenden und -anfänge und dann soll alles anders sein. Dabei war nur eine normale Nacht dazwischen. Noch immer ist Corona in aller Munde, die Möglichkeiten sind beschränkt, die Aussichten ungewiss. Ich versuche weiter, das zu sehen, was geht, das bewusst wahrzunehmen, was gut ist – so auch heute wieder die fünf Inspirationen der letzten Woche.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich stiess im Netz auf einen Artikel über die täglichen Routinen von Schriftstellern, ein Thema, das mich schon lange interessiert: Wie tut ein Schriftsteller das, was er tut? Ich schrieb auch meine Masterarbeit zu diesem Thema am Beispiel von Thomas Mann. Die Herangehensweisen an das Schreiben sind oft unterschiedlich, und doch finden sich auch Parallelen. Etwas, das ich oft las, dass viele Schriftsteller eine tägliche Routine haben, dass sich die Tage und das Schreiben in immer gleichem Rhythmus abspielt. Diese Verpflichtung dem eigenen Schreiben gegenüber scheint, so interpretiere ich das, eine grundlegende Voraussetzung zu sein für das erfolgreiche Schreiben (im Sinne eines wirklich stattfindenden und zu einem Ergebnis führenden). In dem Zusammenhang finde ich es auch spannend, die Schreibplätze von Schriftstellern zu sehen – dazu gab es in der NY Times mal einen Artikel: Hier
  • Gerald Hüthers Buch „Würde“ hat mich zum Nachdenken angeregt – nicht zum ersten Mal: Hier die Rezension. Was bedeutet Würde eigentlich? Ist sie eine absolute Grösse oder aber eine individuelle Bestimmung? Können wir als Einzelne würdevoll leben oder bedürfen wir der Gesellschaft dazu? Ist ein Leben im Alleingang würdevoll oder zeigt sich Würde gerade auch im Miteinander?
  • Freundschaft – diese Woche wurde mir einmal mehr bewusst, wie wichtig Freunde sind, wie wichtig, irgendwie lebensnotwendig es ist (in meinem Leben teilweise wirklich wortwörtlich), welche zu haben. Menschen, die da sind Die auch ehrlich sind. Die dir deine Schwächen durchaus zeigen, aber dich trotzdem lieben und dich damit begleiten. Bei denen du weisst: Ich muss mich nur melden, da kommt was zurück. Ich kann drauf zählen. Ich bin sehr dankbar, in meinem Leben Menschen kennengelernt zu haben, die ich wirklich Freunde nennen darf. An einem Tag, an dem ich Freunde brauchte waren welche da. Und ich las zufällig (?) dieses Gedicht:

Der Freundschaft Immergrün
Glücklich, was in Lieb und Treue
sich hienieden einst verband
und sich immerfort aufs Neue
noch wie weiland wiederfand!
 
Schön wie eine liebe Sage
klinget die Erinnerung
und im Zauber schöner Tage
fühlt das Herz sich wieder jung.
 
So nur gibt′s für uns kein Altern,
kein Verwelken, kein Verblühn,
wenn wir treu verbunden halten
fest der Freundschaft Immergrün.
(Hoffmann von Fallersleben, * 02.04.1798, † 19.01.1874)

  • Dankbarkeit – die Freundschaft führt mich gleich zum nächsten. Aristoteles nannte das grösste Gut des Menschen die Glückseligkeit. Damit war durchaus etwas anderes gemeint das das heute alltägliche Glück – und doch… ich würde die Dankbarkeit höher einstufen. Jeden Tag zu sehen, wofür wir dankbar sein können, ist eine Gabe und eine Wohltat. Ich sage nicht, dass damit jeder Schmerz und jedes Leid aus dem Leben weggewischt ist, aber: Selbst wenn wir leiden, selbst wenn Dinge weh tun: Wir haben immer auch gute Dinge im Leben. Es hilft oft schon viel, sich diese wieder ganz bewusst vor Augen zu führen. In ganz dunkeln Stunden im Leben habe ich immer wieder damit begonnen, mich abends hinzusetzen und fünf Dinge aufzuschreiben, wofür ich an dem Tag dankbar war. Ich habe immer fünf Dinge gefunden. Die mussten nicht gross sein. Ein schönes Gespräch beim Einkaufen, eine Blume am Wegesrand, ein Hundespaziergang bei Sonnenschein, ein Lächeln, ein schönes Lied, das Erinnerungen weckte… ich hätte sie übersehen in all dem Tagesgeschehen und dem drückenden Leid. So aber brachten sie ein Gegengewicht – ein Wohlgefühl sogar. Und das tat gut. Und genau das hatte ich so dringend nötig. Und ja, vielleicht ist auch das schon ein kleines Quäntchen Glück.
  • #the100dayproject – Es ist nicht neu, es findet glaube ich schon viele Jahre statt. Es geht dabei darum, 100 Tage einem Projekt zu widmen und dies dann in den sozialen Medien zu zeigen. Die Idee dahinter ist nicht neu: Wenn man etwas lang genug macht, entwickelt sich eine Routine, man wird besser. Da man aber mit solchen Projekten oft alleine ist und bei einem Durchhänger alles schwer wird, soll die Gemeinschaft der Mitstreiter helfen, die Motivation zu behalten. Es gibt dafür ein bezahltes Programm, aber das ist für mich gar nicht nötig. Das offizielle Projekt startet am 31. Januar, aber eigentlich kann man zu jedem Zeitpunkt anfangen. Nur schon die eine Frage finde ich wertvoll: Was ist mir so wichtig, was möchte ich so gerne, dass ich mich für 100 Tage verpflichten würde, es zu tun. Um selber zu wachsen. Um selber tiefer zu gehen und zu sehen, ob es wirklich meins ist. Oder auch schlicht: Um Spass zu haben. Ich habe ein paar Ideen für meinen Instagram-Account. Ich kann nicht garantieren, dass ich es jeden Tag machen werde, denn dann und wann werden Aktualitäten dazwischen kommen… aber ich bin gespannt. Und ich lasse mir die Zeit bis zum 31. Januar noch für die definitive Entscheidung.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 2

Während ich das hier schreibe, schneit es draussen ohne Unterlass, Romanshorn versinkt im Schnee. Während ich Winter eigentlich nicht so gerne mag, freut sich mein kleiner Hund so sehr über diesen Schnee, dass ich gar nicht anders kann, als mich auch zu freuen. Am liebsten aber sitze ich drin und lese, ab und an einen Blick über die Schneelandschaft streifen lassend.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ein Podcast, der mich sehr beeindruckte, war der Podcast Hotel Matze mit Martin Suter. Martin Suter, bekannter Schweizer Autor von Büchern wie „Lila, Lila“, „Die dunkle Seite des Mondes“ und vielen mehr spricht mit Matze Hielscher übers Schreiben, über die Gründe hinter seinem Schreiben, über seinen Werdegang und vieles mehr. Beim Hören sieht man das schelmische Grinsen des Autors förmlich vor sich, das Interview war eine wahre Freude und ich habe auch den einen oder anderen Gedanken für mich mitgenommen.
  • Man könnte meinen, es sei unpassend bei diesem Wetter ein Buch mit dem Titel „Das Buch eines Sommers“ (Bas Kast, hier die Rezension) zu lesen – aber: Weit gefehlt. Das Buch regt zum Nachdenken an, lädt zur Einkehr ein. Wann könnte man das besser als im Winter, wenn das Wetter draussen ungastlich ist und man zu Hause im Warmen mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzt?
  • Bei Austin Kleon las ich mal das Zitat: „First fake it, than make it“ (aus dem Buch „Alles nur geklaut“). An dieses Zitat erinnerte mich der Artikel, den ich kürzlich las: How to get inspiration from others without copying their creation
  • Eigentlich wäre ich aktuell noch im warmen Spanien, mir fehlen Sonne, Licht und Farben und auch das südländische Gefühl lässt sich in der winterlichen Schweiz nicht wirklich einstellen. So holte ich mir ein wenig Süden ins Wohnzimmer mit dem Fado – zwar nicht aus Spanien, aber Portugal ist ja nicht weit weg. Zudem: Mir gefällt die Mischung aus Melancholie und Lebensfreude, das so tief spürbare Gefühl in den Liedern. Was bedeutet euch Musik? Mir war sie immer sehr wichtig. Sie fängt mich auf in meinen Gefühlen.
  • Etwas, das mich immer wieder inspiriert und anregt, sind Notizbücher. Ich kann nicht genug von ihnen haben – und: Es gibt auch so viele wunderschöne. Was ich an Notizbüchern schön finde, ist die Möglichkeit, eigene Welten zu erdenken und sie niederzuschreiben. Oder zu zeichnen, was ich auch oft tue. Auch unterwegs habe ich immer ein Notizbuch dabei. So gibt es nie Momente der Langeweile. Ich zeichne, schreibe, lasse meine Gedanken ziehen, notiere, was mich anspringt. Ich kann das nur empfehlen. Ich hatte ganze Regale vollgeschriebener und bemalter Notizbücher. Bei meinem letzten Umzug habe ich mich von den meisten getrennt, nur ein paar wenige kamen mit. Es werden schon wieder mehr in den Regalen, ein Ende ist nicht in Sicht.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 1

Nun geht auch schon die erste Woche des neuen Jahres zu Ende. Die Woche war bei mir sehr intensiv, sie war geprägt von Einkehr, von Fragen an mich und mein Tun. Erstens habe ich mir vorgenommen, bewusster durchs Leben zu gehen, mir bewusster, zweitens ist ein Geburtstag ja immer auch die Gelegenheit zu fragen: Bin ich die, welche ich sein will, mache ich, was mir entspricht?

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Morgenseiten: Ich habe wieder begonnen, jeden Morgen gleich nach meiner Yogapraxis zu schreiben. Bei diesem Schreiben geht es darum, zehn Minuten ohne Unterbruch zu schreiben, was einem ohne Nachdenken einfach in den Sinn kommt – ohne Korrektur und Bewertung.
  • Die Morgenseiten werden schön beschrieben in Doris Dörries Buch „Leben Schreiben Atmen – eine Einladung zum Schreiben“. Dieses Zusammentreffen ist eher zufällig, ich hatte damit nicht gerechnet, als ich begann, dieses Buch als Hörbuch zu hören. Mir gefällt der autobiographische Ansatz des sich Erinnerns, die kleinen Anekdoten aus dem Leben, anhand derer Doris Dörrie aufzeigt, wie Schreiben zu einem bewussteren Wahrnehmen des eigenen Lebens führen kann.
  • Ein Gedicht von Joseph von Eichendorff fand ich auch sehr inspirierend:
    Wünschelrute
    Schläft ein Lied in allen Dingen,
    die da träumen fort und fort,
    und die Welt hebt an zu singen,
    triffst du nur das Zauberwort.

    Mögen wir die Lieder in den Dingen hören und uns dran erfreuen.
  • Persönliche Herausforderungen – Ich habe mir auf Instagram selber eine „Challenge“ (es gibt auf Instagram auch ganz viele organisierte Challenges, bei denen man mitmachen kann) auferlegt: 100 Tage zeichne ich einen Vogel. Egal in welchem Stil, einfach ein Vogel muss es sein. Was ich nach nun 35 Tagen gemerkt habe:
    • Reduktion entfaltet Kreativität.
    • Wiederholung tut dasselbe
    • Neugier entwickelt sich aus dem Wunsch, neue Wege zu begehen
    • An etwas dran zu bleiben bringt eine neue Art Ernsthaftigkeit ins Tun
    • Ich liebe Vögel (gut, das war nicht neu)

      Eine solche persönliche Herausforderung kann ich wirklich empfehlen. Das kann auch unabhängig von sozialen Medien passieren, muss rein gar nichts mit Kunst oder Kreativem zu tun haben.
      Mögliche Projekte, die mir spontan in den Sinn kommen: 100 Tage jeden Tag
    • ein Gedicht lesen
    • etwas aus dem Haushalt werfen, um zu reduzieren
    • sich etwas sagen, das man an dem Tag gut gemacht hat
    • für etwas dankbar zu sein
    • Morgenseiten zu schreiben, um zu sehen, ob das etwas wäre
    • die eigene Kaffeetasse zeichnen
  • Der Podcast „Inside the Edge“ mit Tami Simon. Ich hörte die Folge mit Rebecca Walker und Lily Diamond, in dem es darum ging, wie man dem eigenen Leben eine neue Geschichte zugrunde legen kann. Das Prinzip ist nicht neu, schon Paul Ricoeur nannte die Identität eine narrative, weil sie sich aus den Geschichten zusammen setzt, die wir uns selber erzählen. Und wenn man mal hinschaut, was man sich so alles erzählt und unzufrieden damit ist, dann könnte man sich doch fragen, ob das wirklich alles war – oder ob die eigene Lebensgeschichte nicht ganz viel beinhaltet, das im Alltag einfach ausgeblendet ist, wenn wir unsere Geschichten erzählen. Und wer weiss: Vielleicht ergäbe eine neu erzählte Geschichte ein ganz neues Leben. Die Gedanken sind nicht aus dem Podcast, sondern die meinen basierend auf meinen Studien zur narrativen Identität, was aber bei der Suche nach einer eigenen Geschichte helfen könnte, ist das Buch, das Rebecca Walker und Lily Diamond herausgegeben haben: What’s your Story?

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Inspirationen und Ausblicke

So wie das Jahresende oft zu Rückblicken und Bilanzen anregt, steht das neue für Anfänge und Neues – und beides geht meist Hand in Hand. So auch bei mir in Bezug auf meinen Blog. Ich habe schon letztes Jahr damit begonnen, meine Blogs zusammenzuziehen und mich auf einen Blog zu konzentrieren: Denkzeiten. Für dieses Jahr habe ich neue Ideen für Inhalte, schon Bestehendes wird ausgebaut, etwas in Vergessenheit geratenes wird wieder belebt, Neues kommt dazu.

Bleiben werden die leisen Poesien und auch die eigenen Gedichte. Ebenso wird es weiter schräge Vögel und andere Illustrationen (auch mit Geschichten, Gedichten) geben. Die Interviews werden regelmässiger erscheinen, Buchtipps möchte ich wieder vermehrt im Blog besprechen und neu: Jeden Freitag möchte ich einen Beitrag mit fünf Dingen publizieren, die mich in dieser Woche inspiriert/beeindruckt/bewegt haben. Damit fange ich nun heute schon an, ausnahmsweise an einem Sonntag.

Fünf Dinge, die ich euch ans Herz legen möchte:

  • Ich habe zum wiederholten Male Franz Berzbachs Buch „Die Kunst, ein kreatives Leben zu leben“ gelesen. Eine schöne Aussage daraus finde ich folgende:

    „Sie sind zwar nicht immer ihres Glückes Schmied, aber noch weniger sind sie NUR Opfer der Umstände.“
  • Der Film „Werk ohne Autor“ hat mich bewegt, beeindruckt und zum Nachdenken angeregt. Das Schicksal des Protagonisten Kurt Barnert, welches in jungen Jahren massgeblich durch das Nazi-Reme geprägt und belastet war hat ganz viele Fragen in den Raum gestellt, über die ich schon lange nachdenke und es auch weiter tun werde. Der Film ist übrigens angelehnt an die Biographie von Gerhard Richter, den ich als grossartigen und tiefgründigen Künstler sehr schätze.
  • Angeregt durch den Film hörte ich den Monopol-Podcast über Joseph Beuys „Sind wir alle Künstler?“ Beuys würde dieses Jahr 100, wie aktuell sind seine Gedanken heute noch?
  • Dann liess ich mir das Buch von Wilhelm Schmid vorlesen „Unglücklich sein. Eine Ermutigung“ (zu finden auf Spotify). Schmid sieht darin das permanente Streben nach Glück als Weg zum Unglück. Das Leben, so Schmid, besteht nicht nur aus Schönem und Glücklichem, auch das Negative gehört dazu. Wären die Menschen ihr Leben lang nur glücklich gewesen, so Schmid, sässen sie noch heute auf den Bäumen. Dass Auch aus Negativem etwas wachsen kann – mehrheitlich sogar mehr als aus dem Positiven – ist nicht neu, aber es ist immer wieder heilsam, es zu hören und zu verinnerlichen.
  • Zu guter letzt folgt noch ein einzelnes Zitat:

    „Du selbst zu sein in einer Welt, die dich ständig anders haben will, ist die grösste Leistung.“ (Ralph Waldo Emerson)

    Ich wünsche mir, diese Leistung so oft wie möglich erbringen zu können.

Ich hoffe, es ist etwas für euch dabei! Vielleicht mögt ihr mir schreiben, was euch so inspiriert hat letzte Woche?

Frohe Weihnachten

Nun ist es also so weit. Dieses Jahr waren die Weihnachtstage wohl noch mehr Thema als sonst, da sie durch all die Einschränkungen, Bestimmungen und Ge- und Verbote im kleinen Rahmen stattfinden müssen – oft anders als gewohnt.

Ich hoffe, ihr habt für euch einen Weg gefunden, der für euch stimmig und schön ist, diese Tage zu verbringen. Ich wünsche euch von Herzen frohe Weihnachten und eine besinnliche und frohe, lichtvolle Zeit.

Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken für all die, welche immer wieder reinschauen, auch mal einen Kommentar und/oder Gruss da lassen. Es ist schön, zu sehen, dass das, was ich tue, bei anderen Menschen ankommt und gesehen wird.

Herzlich, Sandra

Das Jahr, das war – ein Blick zurück

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, immer wieder eine gute Gelegenheit, zurückzublicken, Bilanz zu ziehen, Einsichten zu formulieren und auf Aussichten zu hoffen aufgrund von Plänen, die man aus allem heraus schmiedet.

Müsste ich für das Jahr ein Wort finden, das es beschriebe, wäre es wohl „Fragezeichen“. Wie vieles kam aus dem Nichts und vorher unvorstellbar, wie oft verstand ich Dinge nicht, arrangierte mich mit Situationen, versuchte, mir einen Reim aus allem zu machen und stand doch an. Wie oft hinterfragte ich mich selber, kam auch da auf keine abschliessende Antwort. Und irgendwann beschloss ich, das Jahr genau so zu nehmen: Als Entdeckungsreise in einem praktisch allumfassenden Suchen und (auch mich) finden.

Solche Suchen, sind sie wirklich tief und unbarmherzig, gehen selten ohne Herausforderungen und auch Schmerz vonstatten – das war auch in meinem Selbst-Entdecker-Jahr so. Es gab ein paar Täler und Tiefschläge, es gab ganz oft Selbstzweifel und Wehmut und Trauer. Es gab Hoffnungslosigkeiten und Gefühle der Hilflosigkeit, es gab Zeiten der Sinnsuche (und des nicht Findens). ABER: Es gab ganz viel Schönes, Wunderbares, Geschenktes, Erarbeitetes, Gefundenes.

Ich startete ins neue Jahr in meiner Paradiesheimat Spanien. Ein wunderbarer Silvester, eine ganz tolle Zeit danach, mein Geburtstag als Versprechen, wie das Jahr aussehen kann, da in Liebe gefeiert. Ein paar Zeichen standen auf Sturm – schon da. Aber ja… es stand ein gutes Jahr vor mir. Im Frühjahr meinte es das Leben wieder gut, ich durfte für einige Woche zurück nach Spanien. In der Schweiz war Corona in aller Munde, in Spanien merkte ich wenig davon. Ich wurde krank. Schwer. So schwer, dass ich zeitweise dachte, ich würde lieber sterben, als noch eine Nacht länger so zu leiden. Corona war kein Thema beim Arzt. Es ging langsam aufwärts – eine Stunde inhalieren, zwei Stunden schlafen. So kam ich durch die nächste Woche. Und dann mit grösseren Schlaffenstern weiter. Es mag komisch klingen, aber ich habe mir die Zeit eingerichtet, dass sie auch Positives hat. Ich habe die Inhalationszeiten genutzt, mich mit Schönem und Wertvollem für mich zu beschäftigen. Das fehlte mir fast, als ich endlich wieder wirklich schlafen konnte.

Dann schloss Spanien die Grenzen und riegelte die Haushalte ab. Statt wie geplant anfangs April kam der erste mögliche Rückflug anfangs Juni, dazwischen harter Lockdown. Stallpflicht. Ich nutzte die Zeit zur Experimentation. Ich probierte, was ich zu probieren lustig war. Kam von Zeichnungen in die gemalte Abstraktion, von da zu zarten Botanik-Aquarellen, zurück in die expressive Porträt-Malerei… und flog dann irgendwann zurück. Und hatte keine Ahnung mehr, wer ich nun sei und was ich wirklich wolle. Und ich war erschöpft. Total. Egal, wie ich schlief, ich konnte nicht mehr. Ich war am Ende und kraftlos. Und machte weiter. Was sonst? Ein Modell, das ich seit Jahren erprobe.

Ich bin sehr dankbar. Ich hatte in all der Zeit einen lieben Menschen an meiner Seite, den ich wohl als Geschenk und Glück meines Lebens bezeichnen darf und möchte. Zwar verstand und versteht er nicht immer, was in mir vorgeht, aber wer könnte das schon – ich hadere schon damit. Er war da. Und bot mir den Boden und den Platz und die dargebotene Hand. Immer wieder.

Auf alle Fälle rappelte ich mich auf, durchlief eigentlich im Schnelldurchlauf noch all meine Suchphasen von vorher, verlor mich, fand mich vordergründig, suchte weiter, fand, verlor… verzweifelte, schöpfte Kraft, verzweifelte noch mehr…. immer wieder fragte ich mich, was ich tun muss, wo ich hin will, was Sinn ergibt, wer ich bin, wieso ich nicht bin, wo ich will – ohne zu wissen, wo das sein könnte… oder: Es war immer wieder irgendwo anders.

Und dann kam ich doch an. Und merkte, was ich will, was mir Spass macht, was ich gehen lassen muss, was ich pflegen will… wenn ich alles von aussen aussen vor lasse, wenn ich nur auf mich höre, was mir wirklich gefällt in meinem eigenen Tun, wenn ich nur schaue, wo ich herkomme, was mir was bedeutet, was ich will…spricht es eine so deutliche Sprache. Ich bin ein Mensch der Geschichten, ich bin ein Mensch, der in Bildern sprechen will, der aber auch Texte liebt. Ich bin ein Mensch der Sprache, im Wissen, dass ich den Text allein nie stehen lassen mag, ich bin ein Mensch der Linie, ich mag Flächen wenig. Ich mag das Langsame und Langwierige nicht, ich bin ein Mensch des Moments, der spontanen Reaktion. Es mag nicht die grosse Kunst sein, es ist eher das kurze Hinsehen oder aber das in Linien Darstellende. Ich mag den Ausdruck in der Kürze – das ist in der Sprache so, darum meine Liebe zur Lyrik oder aber zur Fabel oder dem Märchen, ich mag auch den bildhaften Ausdruck aus der Reduktion.

Auf den Punkt.

So bin ich. Das klingt ab und an hart. Das tut mir immer leid, denn: Das bin ich nicht und so meine ich es nicht. Aber ich mag den Schmus drumrum nicht. Und er liegt mir nicht. Ich schweige lieber, als dass ich ihn bringe. Und oft schweige ich zu lange, weil ich nicht weiss, wie ich das, was brennt, ausdrücken will… und dann… schiesst es raus.

Und so habe ich für das neue Jahr ganz viele Pläne und Wünsche:

  • Meinen Weg weiter gehen. MEINEN!
  • Geduldiger werden (bitte schnell!!!!!)
  • Selbstsicherer werden
  • Gelassener werden (ebenso schnell!!!!!)
  • an mir arbeiten (das ist immer gut, damit möchte ich nie aufhören)

Und so schliesse ich meinen Rückblick. Er war nicht umfassend, er würde sonst noch beinhalten, dass ich glücklich bin, über dieses merkwürdige Jahr (vermutlich sogar durch Corona) eine Mutter kennen- und lieben gelernt zu haben, wie ich das nie für möglich gehalten hätte (und ebenso wenig erwartet war das gegenseitig), dass sich meine sonst schon sehr übersichtliche Familie um einen sehr wichtigen und zentralen Punkt in meinem Leben reduziert hat (ich werde darauf nicht weiter eingehen, es ist schmerzhaft genug und doch als Fakt akzeptiert). Und: ich habe dieses Jahr ein neues Zuhause bezogen, das sich so sehr nach Zuhause anfühlte, wie noch keines zuvor.

Es gab sicher noch viel mehr. Was noch bleibt ist nochmals ein grosses Danke. An den wichtigsten Menschen in meinem Leben, der immer da ist, mit seinem Dasein Halt gibt. Es ist schön, einen Menschen im Leben zu haben, wo man sich nur schon im Wissen um sein Dasein zu Hause fühlt. Das Glück habe ich seit bald 3 Jahren. Und nach allem, was ich hatte, bin ich mir bewusst, was für ein Glück das ist. Und ja, es ist ein genauso grosses Glück, jemanden zu haben, dem man die eigene Liebe zeigen darf. Ich bin nach wie vor überzeugt: Zu lieben ist das grössere Geschenk als geliebt zu werden. Was aber ein Geschenk ist im Lieben: Dass die Liebe angenommen wird und auf fruchtbaren Boden stösst. Und all das wurde mir dieses Jahr zuteil.

Was ich mir für das nächste Jahr wünsche: Dass das so bleibt. Und: Dass ich auf diesem Boden gestärkt meinen Weg gehe. Wohin er auch führen mag. Pläne habe ich, ich bin neugierig, gespannt und auch freudvoll. Und ich weiss: Es wird auch beim Rückblick in einem Jahr nicht nur eitel Sonnenschein sein. Aber: Das war eines meiner besten Jahre. Trotz allem. Dafür bin ich dankbar.