Schmetterling und Maulwurf

Es waren einmal ein Maulwurf und ein Schmetterling. Sie trafen sich, fanden sich nett, beschlossen, den Weg zusammen zu gehen. Der Schmetterling liebte den Maulwurf, weil er genau so war, wie er sein wollte. Er bewunderte ihn, weil er die schönsten Löcher buddelte und darin leben konnte. Wie gerne hätte der Schmetterling das auch gekonnt und sein eigenes Unvermögen nagte oft an ihm.

Der Maulwurf liebte den Schmetterling, weil dieser so schön fliegen konnte. Wie oft hatte sich der Maulwurf gewünscht, auch fliegen zu können. Er sah sich im Geiste durch die Lüfte gleiten, stellte sich vor, wie die Wiesen und Wälder von oben aussehen würden. Und insgeheim dachte er ab und an, er wäre eigentlich auch ein Schmetterling, nur im falschen Körper.

Weil die beiden so gerne der jeweils andere gewesen wären, verstanden sie sich gut. Jeder konnte sich in den andern hineinfühlen. Doch es nagte an beiden, dass sie nicht waren, wovon sie mal träumten. Irgendwann hielten sie das innerliche Nagen nicht mehr aus und trennten sich. Zwar waren beide traurig, aber sie konnten nicht mehr damit umgehen zu sehen, wie der andere sich zermartert. Der Schmetterling war es müde, des Maulwurfs vergeblichen Flugversuche anzusehen, die immer im Fiasko endeten. Der Maulwurf ertrug es nicht, zu sehen, wie sich der Schmetterling immer wieder die Flügel stutzte beim Versuch, in Höhlen zu krabbeln.

So lebte jeder sein Leben, jeder lernte mehr über sich selber. Ab und an blickten sie zurück auf die gemeinsame Zeit, mit Wehmut, mit Liebe, mit Wut, mit Trauer. Und lebten wieder weiter, versuchten, ihr Leben aufzubauen. Bis sie sich wieder trafen. Und merkten, dass es doch einen Weg geben könnte. Der Maulwurf sagte zum Schmetterling: „Ich werde für dich Löcher graben, in die Tiefe steigen und dir erzählen, was ich da unten sehe.“ Und der Schmetterling sagte: „Ich werde für dich in die Lüfte steigen und dir erzählen, wie die Welt von oben aussieht.“

Auf diese Weise hatten sie die ganze Welt für sich, jeder trug seinen Teil dazu bei. Und sie merkten – jeder für sich – dass ihr Teil wichtig für das Ganze war, denn nur zusammen war es umfassend.
„Danke, dass du für mich gräbst, Maulwurf!“ – „Danke, dass du für mich fliegst, Schmetterling!“

Das muss Liebe sein.

Sinn und Wert

Ein weiser Mann erzählte mir mal folgendes:
Es gibt ganz viele Menschen, die sind Maulwürfe. Sie leben ihr Leben in ihren Höhlen, tun, was Maulwürfe tun und sind zufrieden in ihrem Sein. Dann gibt es einige Menschen, die sind Schmetterlinge. Sie hören von den Maulwürfen immer: „Komm endlich in die Höhle, tue, was wir tun, so gehört sich das, so ist das Leben.“ Und die Schmetterlinge denken dann: „Ich bin falsch. Ich muss mich ändern. Ich muss in diese Höhle.“
Insgeheim merken sie, dass sie in der Höhle nicht glücklich werden. Doch sie hören in sich drin die Stimme: „Ich muss in die Höhle, ich bin nicht normal.“

Einige Schmtterlinge fliegen wohl in die Höhle. Sie gehen ein. Andere fliegen weiter, überhören die Stimmen. Noch andere fliegen, hören die Stimmen – von aussen und innen – und hintersinnen sich. Immer wieder. Denken, sie sind nicht richtig. Denken, sie passen nicht in diese Welt. Denken, sie müssten anders sein. Wünschen sich ab und an, in Höhlen zu leben. Merken dann, dass sie es nicht können. Fliegen weiter. Freuen sich am Flug. Kurz. Um dann wieder zu denken: „Ich müsste in diese Höhle. Verdammt, was mache ich da?“

Es gibt Tage, da fühle ich mich wertlos. Da denke ich, die ganze Welt liefe genau gleich, gäbe es mich nicht.
Es gibt Tage, da hadere ich mit dem Schicksal, wünschte mir, ich wäre anders. Dann denke ich, nichts auf die Reihe zu kriegen, nicht normal zu sein, nicht so zu sein, wie man sein müsste.
Es gibt Tage, da sitze ich hier und frage mich, was das alles soll, was ich tue, wieso ich tue, was ich tue, für wen ich tue, was ich tue.
Es gibt Tage, da ist die Welt aus den Fugen und ich mit ihr.
Es gibt Tage, da ist alles aus dem Lot, ich weiss nicht mal mehr, was ein Lot wäre und wenn ich es sähe, würde ich es nicht für mich passend empfinden, gleichzeitig verfluchend, dass es nicht passt und mich verfluchend, weil es nicht passt und weil ich das nicht Passen verfluche.
Frei nach dem Schaf: Alles ist doof. Aber ganz alles. Sogar das Du, das da ist oder nicht, es ist in beiden Zuständen doof. Und noch mehr ist das Ich doof. Das ist immer da und genau so, wie es ist, doof ist. Und im Dasein noch doofer. Bin ich ein Schaf?

Muss der Schmetterling in die Höhle? Darf er fliegen? Was ist richtig, was ist falsch? Wer ist mehr wert? Schmetterling oder Maulwurf? Wer hat mehr Daseinsberechtigung? Worin besteht der Sinn des Lebens? Was ist besser?

Wir werden in unserer Welt sehr darauf getrimmt, hinter allem einen Sinn zu suchen. Der Sinn hinter den Dingen macht die Dinge mit dem Verstand fassbar. Und nur, was mit dem Verstand fassbar ist, ist auch real. Ist da. Kann man einordnen. Dann fühlt man sich gut. Sinn alleine reicht aber nicht. Es muss auch noch einen Wert haben. Und der sollte sichtbar sein. Fühlbar. Nutzbar. So funktioniert das Leben, die Gesellschaft.

Wir lernen das von klein auf. Gute Leistungen bringen Lob, bringen Geschenke, bringen Liebe oft. Schlechte bringen Tadel, bringen Enttäuschung der andern und damit bei uns selber. Wie viele Kinder fürchten die Zeugnisse, weil sie die Reaktion ihrer Eltern fürchten. Wie viele Kinder versuchen alles, es ihren Eltern recht zu machen, weil sie Liebe wollen. Weil sie zeigen wollen, dass sie die Liebe wert sind. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Aber was er lernt, verlernt er auch nicht mehr. Und so sitzen die Muster tief. Sie prägen. Hängen nach.

Und dann sitzt man da und denkt: „Ich muss genügen. Ich muss Leistung zeigen. Ich muss es wert sein. Ich will geliebt werden. Also wo ist diese verdammte Höhle, ich muss da rein. Ich will auch so sein.“ Und flattert dabei mit den Flügeln. Und findet das Flattern gut. Weil es ist, was entspricht. Und denkt: „Aber es bringt nichts. Es ist nur Flattern. Es baut keine Höhlen. Es hat keinen Wert. Und die andern sind so viele. Ich flattere hier alleine.“

Und da ist da einer. Der sagt: „Ich liebe dich, wie du bist. Ich will dich fliegen sehen. Flieg, kleiner Sommervogel, flieg.“ Und man denkt: „Das kann nicht sein, der irrt.“ Zu tief sind all die Muster, zu tief sind all die Prägungen. Und er wird nicht müde, zu betonen: „Flieg. Du bist ein Sommervogel, kein Maulwurf. Und Sommervögel sind gut so, wie sie sind. Sowie auch Maulwürfe gut sind, wie sie sind.“ Und man weiss, er hat recht. Und man weiss, so soll es sein. Und man denkt, das ist die Wahrheit. Und man hofft, man glaubt sie mal.

Ohne Worte

Ein weiteres Zeugnis verbaler Entgleisung… Bei allem Verständnis für die Unterstützung des eigenen Teams, bei allem Verständnis für den Frust bei der Niederlage, bei solchen Entgleisungen fehlt jedes Verständnis. Das hat mit Sport und Ehrgeiz nichts mehr zu tun, das ist purer Rassismus und ist zu verurteilen!

Asylantentsunami und Erschiessungsphantasien

Die SVP geht in eine neue Runde. Der Tagesanzeiger und die BaZ thematisieren die verbalen Entgleisungen von Beat Mosimann, welcher seinen rassistischen Gewaltphantasien auf Facebook und anderen Plattformen freien Lauf lässt. Er spricht von einem Asylantentsunami und zeigt seine Lösungsstrategien auf, welche bis hin zur standesrechtlichen Erschiessung führen. Muslime werden als Schädlinge bezeichnet, welche man entsorgen solle. Die Unterbringung in KZ ähnlichen Strukturen mit den dazugehöigen Auflagen vollenden das Bild.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust führt oft zu Fragen wie: Wie war so etwas möglich? Wie kann es soweit kommen? Was geht in Menschen vor, die so etwas tun? Die Ereignisse sind in ihrer Grausamkeit weit weg heute, auch wenn sie nach wie vor betreffen. Wenn man solche Auswüchse sieht wie die jüngsten Social Media Skandale, wird einem schlagartig bewusst: Das könnte jederzeit wieder passieren. Der Mensch scheint nichts aus der Geschichte gelernt zu haben.

Die SVP will nichts von alledem gewusst haben, zieht nun aber die Notbremse und will prüfen, wie man solche Dinge in Zukunft verhindern kann. Was trotzdem offensichtlich ist, dass die dahingehend „verwirrten und verirrten“, wie Toni Brunner sie nennt, meist aus der Partei kommen oder mit ihr sympathisieren. Wenn das von der SVP so nicht gewollt ist, sollte sie vielleicht mal über die Bücher gehen, wieso sie gerade die anzieht?!

Freiheit und Einsamkeit

Udo Jürgens singt „du sagst, du bist frei und meinst dabei, du bist alleine“. Ist der Preis für Freiheit Einsamkeit? Ist die Suche nach Freiheit ein Weg, der in die Einsamkeit führt? Führen muss?
Ich bin ein Mensch, der immer viele Freiheiten suchte im Leben, Zwänge mied, Druck auswich. Ich liebte die Freiheit, das zu tun, was ich tun wollte, suchte die Unabhängigkeit, weil sie mir genau das ermöglichte. Das Gefühl der Einsamkeit ist mit wohlvertraut. Es kommt immer mal wieder hoch. Wie eine Welle schwappt es über mich. Nimmt mich ein. Ist das der Preis, den ich zahle für meinen Lebensweg?

Rousseau schrieb, der Mensch sei frei geboren, liege aber überall in Ketten. Woher rühren diese Ketten? Sie sind, so Rousseau, dem Umstand geschuldet, dass Menschen widersprüchliche Bedürfnisse haben,  die sich gegenseitig stören. Das macht aus dem von Natur aus guten Menschen böse Menschen in der Mehrzahl, weil sie anfangen, sich sowohl gegenseitig als auch selber zu hassen. Die Ketten, welche der Staat errichtet, dienen dazu, das Zusammenleben so zu regeln, dass es friedlich sein kann. Dazu bedarf es einiger Ketten, denn die Bedürfnisse und Interessen des Einzelnen sollen zum Wohle des Kollektivs (und damit auch des Einzelnen) im Zaume gehalten werden.

Was bedeutet nun also, wenn einer Freiheit will? Er muss sich aus dem Kollektiv entfernen, weil er sich mit der absoluten Freiheit von allen Ketten, Zwängen und Regeln nicht mehr ins Gefüge einpassen lässt. Und er will sich ja nicht einpassen, er will die Ketten sprengen. Beim Sprengen muss er sich bewusst sein, dass er damit auch die Gemeinschaft sprengt. Und dann ist der Preis die Einsamkeit.

Gibt es einen Mittelweg? Ein bisschen Freiheit für weniger Einsamkeit? Oder ist man am Schluss immer alleine? Vermisst man als Individualist in den Ketten die Freiheit und in der Freiheit die Gemeinschaft? Um in der Gemeinschaft ein wenig Sehnsucht nach der Einsamkeit zu spüren, die doch auch ihre schönen und guten Seiten hat? Ist das die ewige Suche nach dem, was fehlt? Oft spüren wir das, was fehlt, deutlicher als das, was ist.

Östliche Philosophien werden nicht müde, zu propagieren, dass man diese Sicht umkehren solle. Im Jetzt leben, das sehen, was ist, das geniessen, was ist, dafür dankbar sein. Der Ansatz ist sicher gut und richtig, doch was, wenn der Mangel schreit? Wenn er drückt und presst und manchmal fast erdrückt? Kann ich das einfach abstellen und mich dem Sein zuwenden? Wäre das nicht auch eine Art Selbstverleugnung, die mich von mir weg brächte? Wäre ich dann wirklich zufrieden, wäre ich dann wirklich ich? Oder gehört es einfach zu meinem Naturell, zu sehnen?

Goethe schrieb:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß was ich leide!

Er spricht von Sehnsucht und damit verbundenem Leiden, er spricht von Einsamkeit, weil der Geliebte weg ist. Er spricht vom Brennen in ihm drin, das die Sehnsucht entfacht. Und ich könnte wetten, er spürte genau diese Sehnsucht, dieses Brennen, als er dieses Gedicht schrieb. Und hätte er die Sehnsucht nicht, hätte er das Leiden nicht, wäre uns ein Gedicht (und wohl so manches andere Gedicht und Werk) verloren. Es wäre schade drum. Und so hat wohl auch die Sehnsucht ihr Gutes, auch wenn der Preis das Leiden und damit nicht gering zu schätzen ist.

Alles im Leben hat seinen Preis, man ist immer selber in der Lage, zu entscheiden, ob man ihn zahlen will. Diese Entscheidung zeigt auch, wie wichtig einem etwas ist – je nachdem, ob man sich dafür oder dagegen entscheidet, den Preis zahlt oder verzichtet.

Wer bin ich?

Wer denkt,
wenn ich  hier denke?
Wer spricht,
wenn ich hier sprech’?
Wer fühlt,
wenn ich was fühle?
Wer sieht,
wenn ich was seh’?
Wen liebst du,
wenn du mich liebst?
Wenn siehst du,
wenn du mich siehst?
Wer bin ich,
wo find’ ich mich?
Wer bin ich,
wo sahst du mich?
Kann ich es glauben,
was du siehst,
wenn ich noch suche,
noch nicht fand?
Kann ich es glauben,
dass du  liebst,
was ich noch suche,
hadre nur?
Wo ist das Licht,
das weist den Weg?
Wann endet Dunkel,
Das verhüllt?
Wo sind die Fragen,
ich will sie finden.
Wird je sein,
was ich doch will?
Wer kann ich sein,
wo will ich hin?
Wo ist der Weg,
wo meine Schuh’?
Wo ist der Mut,
ihn nun zu wagen?
Wo ist die Kraft,
ihn auch zu geh’n?
Ich kann nicht bleiben,
es ist vorbei.
Ich muss nun los,
muss es versuchen.
Zu lange schon
Trat ich im Nichts.
Zu lange schon
Regierte Angst.
Ein erster Schritt,
es ist nicht leicht.
Was grad noch war,
ist nicht mehr da,
was kommen wird,
noch Ahnung bloss.
In mir klafft nur
Ein schwarzes Loch.
Der Mut wird klein,
die Angst wird gross.
Kann ich vertraun,
kann ich es wagen?
Wer will ich sein,
wer kann ich sein?
 Kommt je der Tag,
an dem ich’s weiss?

Beleidigung oder einfach nur flapsig?

Italiens Torschütze regt die verbalen Entgleisungen nur so an. In einem Artikel des Schweizer Boulevardblattes strotzt es nur von Tiefschlägen:

Mehmet Scholl wird zitiert, der Balotelli einen Strassenköter nennt. Das sind doch die, welche vor der EM in Massen getötet wurden in der Ukraine. Die, welche in südlichen Ländern Schimpf und Schande ausgeliefert sind und meist elendiglich zugrunde gehen. Die, welche niemand haben will, weil sie Abschaum sind. So einer also soll der italienische Schütze sein. Klar, er wurde in ärmliche Verhältnisse geboren. Die werden auch plakativ beschrieben. Man liest von vergammeltem Fisch, damit das Grauen auch wirklich fassbar ist. Und der Artikel wird nicht müde, Balotelli einen Köter zu nennen. Ob der Glamour-Hund dagegen ein Kompliment ist? Irgendwie klingt es nicht so.

Was soll damit erreicht werden? Ist diese Art Journalismus zulässig? Kann man es einfach damit abtun, dass der Blick schlicht nicht oberstes Niveau ist? Reicht das als Entschuldigung? Oder müsste man nicht auch hier erwarten können, dass wenigstens die Regeln des Anstandes und gegenseitigen Respektes eingehalten werden? Rassismus ist strafbar. Ist das schon eine Form davon? Eine, die mithilft, die Grenzen zu verwischen, die mithilft, die Toleranz für sprachliche (und andere) Entgleisungen zu erhöhen?

Schweizer Schlafzimmer in der Statistik

20 Minuten hat sich heute in des Schweizers Schlafzimmer begeben und statistisch dargelegt, wovon Herr und Frau Schweizer träumen und was sie wirklich tun – oder auch nicht. Folgt man dem Blatt, wird der Schweizer durchschnittlich einmal pro Woche aktiv. Beachtet man dabei, dass viele Frauen den Orgasmus nur vortäuschen dabei, fragt man sich, ob man nicht genauso gut den örtlichen Theaterverein besuchen könnte wöchentlich.

Folgt man dem Text weiter, steht, dass man eigentlich mehr möchte, fast schon von Pfadfindermanier ist die Rede (allzeit bereit). Wieso dann fast 30 Prozent auf Eiszeit setzen wird leider nicht weiter erläutert. Immerhin ist man trotzdem damit zufrieden, zeigen sich doch nur 12% der Frauen und 15% der Männer säuerlich, über die Hälfte sei sogar happy. Das Resultat scheint nicht nur mich zu befremden, auch Daniel Regli, Psychotherapeut und Dozent an der Uni Bern sieht in dieser Zufriedenheit eher Wunschdenken als Wahrheit. Das zeigt sich dann auch in der Fortsetzung, wo plötzlich die Dauer, der Aufbau sowie der Akt selber unter Beschuss stehen. Da fragt sich dann doch, wo bleibt da die Zufriedenheit, die gerade noch propagiert wurde? Denkt man dann noch an das Theaterspiel am Anfang zurück, stehen nur noch grosse Fragezeichen vor den Augen.

Locker flockig geht es weiter, Partnerhäufigkeit wie zahlenmässige Zusammensetzung des Liebesspiels sind ebenso Thema wie verschiedene Praktiken und Handarbeit. Und ganz am Schluss liest man sogar, dass nicht nur Frauen spielen, auch Männer täuschen vor.

Nach so vielen Zahlen und statistischen Werten bleibt noch die Frage: Wem bringt das nun etwas, was lernen wir daraus? Sind wir zufriedener, wenn wir uns über dem Schnitt sehen? Sind wir beruhigt, wenn wir uns in der Eiszeit nicht alleine fühlen? Das Leben als Statistik – wirklich erotisierend wirkt das auf alle Fälle nicht.

Soziale Medien als Tummelplatz

Die Tageswoche thematisiert heute das Thema Rassismus im Zusammenhang mit den sozialen Medien. Wieso da von halben Rassisten die Rede ist, verstehe ich allerdings nicht. Was genau soll ein halber Rassist sein? Kann man nur halbwegs rassistisch argumentieren? Und wie sähe das aus? Geht man davon aus, dass ein Mensch nie nur gut oder schlecht ist, nie nur zu verurteilende Züge hat, so stellt jeder Mensch ein Mischwesen dar. Trotzdem ist ein Mensch, der rassistisches Gedankengut vertritt ein ganzer Rassist, kein halber. Sonst gäbe es auch Teilschwangere (wobei es Teilzeitmütter gibt – in meinen Augen ebenfalls ein Definitionskonstrukt, das nicht aufgeht).

Soweit so gut. Der Artikel befindet, dass die sozialen Medien Rassisten eine Plattform geben, ihr Gedankengut unter die Menschen zu bringen. In Statusmeldungen bei Facebook oder Tweets in Twitter wird geschimpft, gepöbelt und diffamiert, frei von der Leber und meist unbehelligt. Der Skandal um den Kristallnachtstweet war eine Ausbahme, die Folgen hatte. Vieles andere bleibt ungeahndet. Wieso ist das so?

Ein Grund ist sicher die fehlende Kontrollinstanz. Wenn nicht Leser solcher Mitteilungen eingreifen und aktiv werden, rutschen die rassistischen Bemerkungen langsam in der Timeline nach unten und versanden. Vor dem Versanden haben sie sich allerdings in gleich denkenden Köpfen festgesetzt, diese wieder angeheizt und neue Meldungen produzieren lassen. Ein weiterer Grund ist wohl, dass soziale Medien Spasstummelplatz sind. Man tauscht sich locker flockig aus. Bringt einer eine kritische Meinung, ist er Spassbremse. Und niemand will das sein, was die Zurückhaltung grösser werden lässt. Zu Lasten derer, die unter die Räder kommen, weil sie und ihre Ehre und Integrität dem Spassfaktor geopfert werden. Schweigen, um dazuzugehören.

Die unkontrollierte und schnelle Verbreitung von Gedanken ist wohl der herausragende Faktor bei sozialen Medien. Man schart 100e von Freunden um sich, kennt die wenigsten, nimmt an, wer sich meldet und wird damit mit so vielen Meldungen pro Tag zugetextet, dass man selber gar nicht mehr alles fassen kann. Trotzdem durchlaufen fortan die Gedanken das Netz, teilweise ungelesen, oft auch gelesen. Und der, welcher sie schreibt, fühlt sich  gehört, verstanden, akzeptiert in seinem rassistischen Gedankengut und macht weiter. Geduldet, weil niemand mehr die Zeit hat, überhaupt hinzusehen. Und wenn jemand es sieht, lässt er es stehen. Kritische Stimmen will man nicht hören, die sind öde.

Einfach ein Zeichen der Zeit? Darf in einer liberalen Gesellschaft, die durch solche Medien schneller, unmittelbarer wurde, jeder seine Meinung frei von Einschränkungen in die Welt twittern? Sind die Schranken von Rassismus und Diskriminierung dem Spassfaktor unterworfen worden? Greift das Argument, keine Zeit zur Prüfung aller Freunde zu haben, wirklich? Wäre es nicht Pflicht, hinzusehen? Zu agieren? Einzustehen für Recht und Gerechtigkeit? Auch in solchen Medien? Gerade da?

Rassismus akzeptiert?

Ein Schweizer Politiker verbreitet fragwürdige, stark rassistische Sätze über Twitter. Ein kurzer Aufschrei, er wird aus allen Stellen ud Ämtern entlassen. Einen Tag später herrscht Stille. Deutschland spielt gegen Italien, Europameisterschaft. Noch nie las ich so oft das Wort „Neger“ und hörte abfällige Bemerkungen über Menschen anderer Hautfarbe. Ist Rassismus in der Schweiz heutzutage Kavaliersdelikt? Ist mit dem Stempel „ich will ja nur Spass“ alles erlaubt?

Diese Tendenz ist in meinen Augen bedenklich. Man nimmt es hin, dass Menschen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe wegen verspottet oder gar todgewünscht werden. Man schweigt, verschliesst die Augen. Klar droht bei diesen Äusserungen keine Gefahr. Sie sind Ausgeburt unserer unüberlegten Schnellschusskommunikation über Medien wie Facebook und Twitter. Wo werden sie enden? Was säen sie? Die Gegner schweigen, die Befürworter werden sie schlucken, auf den Haufen der eigenen Diffamierungen werfen und irgendwann wird der gross sein. Sie werden sich zusammen scharen. Die Parolen vorbringen. Und dann? Und selbst wenn nicht… Was passiert hier? Wieso interessiert das niemanden?

Dasselbe in einem anderen Land hätte zu tagelangem Entsetzen geführt. Die Medien sämtlicher Länder schreiben mehr über die Kristallnachtaffäre als die Schweizer Presse, die Presse des Landes, in dem der Skandal passierte. Wieso ist das so? Wieso schweigt die Schweiz, wo sie sprechen müsste? SInd wir so liberal, dass uns nichts etwas angeht? Muss die so hochgehaltene Toleranz und Meinungsfreiheit auch hier hinhalten? Wir enthalten uns. Schweigen. Vielleicht stirbt so alles?

Bedenklich. Traurig! Ich hoffe, dass irgendwann eine Generation heranwächst, die den Mund aufmacht. Die nicht mehr toleriert, dass nur schon solche Äusserungen bei einem Fussballmatch stillschweigend hingenommen werden. Von Kristallnachtsmeinungen ganz zu schweigen.

Himmel hoch jauchzend – zu Tode betrübt

Es gibt Tage, da könnte ich die ganze Welt umarmen. Ich bin dankbar für das Leben, das ich lebe, für die Möglichkeiten, die ich hatte und habe. Ich sehe mich als Glückspilz und es sprudelt förmlich aus mir raus. In dieser Zeit geht alles leichter von der Hand, mein Umfeld ist zufrieden, wir lachen, lieben uns, der Tag nimmt seinen Lauf mit all den schönen kleinen Dingen am Wegesrand. Schön wäre, wenn nun wie im Märchen der Abspann käme: Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute in Friede, Freude und essen Eierkuchen, strahlen mit der Sonne um die Wette und halten sich an den Händen, Ringelreihen tanzend. Doch das Leben ist kein Märchen.

Plötzlich dreht der Wind. Wo vorher Sonne schien, ziehen Wolken auf, ab und an ein wahrer Platzregen, Wirbelsturm. Alles düster, alles fies. Die Mundwinkel verziehen sich von fünf vor zwölf (was es wohl auch war) zu fünf vor halb sieben, drei Tage Regenwetter sind ein Dreck dagegen. Und irgendwie klappt nichts mehr. Was vorher noch einfach so flutschte, geht nicht mehr, die zufriedenen Umfeldmenschen werden anstrengend, motzig, am Wegesrand fällt mir nichts mehr auf, da ich mit anderem beschäftigt bin und dass das Leben kein Märchen und schon gar kein Zuckerschlecken ist, scheint offensichtlich.

Der Auslöser für solche Dinge? Keine Ahnung. Ein Wort, eine Nachricht, ein Blick, etwas, das nicht ging, eine enttäuschte Erwartung, unfaires Verhalten anderer. Der ganz normale alltägliche Wahnsinn halt, der mich aus meiner eigenen Welt reisst und mich mit den Tücken des Lebens konfrontiert. Was dagegen hilft? Auch keine Ahnung. Erst grummle ich vor mich hin. Schimpfe auf die Welt, die Menschen, mich selber. Dann igle ich mich ein, wurstle vor mich hin. Dann setzt sich langsam Ruhe. Und irgendwann geht die Sonne wieder an. Und es geht aufwärts. Das kann Stunden dauern, Tage, selten länger. Aber es nervt. Ab und an. Und dann wünschte ich mir ein sonniges Gemüt tagein, tagaus, immer lächelnd, immer nett. Wünschte mir, mir nicht alles ständig so zu Herzen zu nehmen, nicht immer mich selber und das Leben zu hinterfragen, sondern locker flockig durch die Welt zu gehen. Dann frage ich mich, wieso ich bin, wie ich bin. Und höre von rundrum, ich denke zu viel. Tue ich das? Kann man das abstellen? Wo?

Will ich das? Eigentlich nicht. Ich mag mein Denken, mag meine Logik, meinen Verstand und meine Kreativität. Sind die Schwankungen der Preis dafür? Ab und an denke ich es. Ein weiser Mann sagte mir mal, alles hätte seinen Preis. Er hatte wohl recht. Die Frage sei, so der Mann weiter, ob man bereit sei, den Preis zu zahlen. Das zeige, wie viel einem etwas wert sei. Bin ich bereit? Habe ich eine Wahl? Wohl kaum. Ich habe nur die Wahl, wie ich damit umgehen will. Und da bleiben zwei Möglichkeiten:

  • Mich annehmen, wie ich bin
  • Mit mir hadern und schimpfen und anders sein wollen

Beide sind möglich, nur wird die zweite Möglichkeit das Problem nicht lösen, sondern noch eines dazu bringen. Möglichkeit eins sollte nicht absolut stehen. Ich denke, man kann an solchen Schwankungen arbeiten. Allerdings sehe ich, dass eben genau die Grummelphasen auch sehr viel an Energie, kreativer Energie freisetzen. Und genau die möchte ich nicht missen. So bleibt wohl nur: Annehmen, durchstehen, rausnehmen, was fliesst und dran glauben, dass es wieder hoch geht.

Dankbar bin ich für ein Umfeld, das mich nicht so schwierig empfindet, wie ich das ab und an tue. Dankbar bin ich für die, welche mich mögen, lieben, da sind und mir immer das Gefühl geben, ich sei gut, wie ich bin. Vor allem dann, wenn ich ins Hadern verfalle. Und so bleibt am Schluss die Erkenntnis, dass alles immer zwei Seiten hat. Und diese Seiten immer wieder selber zwei Seiten. Und so blättern sich die Seiten auf zu einem ganzen Leben, das bunt und farbig ist und lebendig. Und eigentlich ist das gut so und genau so, wie ich es haben möchte. Ich bin ein Glückskind!

Beschneidung – Körperverletzung oder religiöse Tradition?

Der Entscheid des Kölner Landgerichts, dass die Beschneidung von Jungen strafbar sei, stösst nicht überall auf Begeisterung. Das Amtsgericht hatte noch befunden, die Beschneidung sei Ausdruck einer Zugehörigkeit und damit statthaft, stellte sich das Langericht Köln auf den Standpunkt, dass die Beschneidung nicht dem Kindswohl diene, sondern eine Körperverletzung darstelle. Der jüdische Zentralrat verurteilt den Entscheid des Landgerichts als „beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“. Der muslimische Zentralrat enthält sich bislang einer Stellungnahme.

Während die Beschneidung von Mädchen bereits seit einigen Jahren rechltich nicht mehr zulässig ist, war die Beschneidung von Knaben bislang medizinische Grauzone. Immer wieder gab es Diskussionen, ob man nicht auch der Beschneidung des männlichen Nachwuchs Einhalt gebieten solle, sofern diese nicht medzinisch angezeigt sei. Allerdings haben sich sowohl der muslimische wie auch der jüdische Zentralrat dagegen gewehrt und den Kritikern Diskriminierung und Bevormundung vorgeworfen.

Wo liegt der Unterschied zwischen der Beschneidung von Jungen und Mädchen? Die Argumente gleichen sich ziemlich:

  • Hygiene
  • Religion
  • Tradition

Bei Mädchen kommt noch der Anspruch auf Treue in der Ehe dazu, so dass man ihnen die Geschlechtsorgane abschneidet, um ihnen die Lust an sexuellen Aktivitäten nimmt. Dies wird vor allem aus feministischen Kreisen als Unterdrückung der Frau gewertet. Allerdings beklagen beschnittene Frauen selten ihre Sexualität, will man Artikeln zu dem Thema glauben. Dazu kommt, dass in den traditionellen Regionen vornehmlich Frauen Frauen beschneiden. Sind sie alle unterdrückt?

Was unbestritten ist, dass eine Beschneidung – egal ob bei Jungen oder Mädchen – ohne medizinische Versorgung und sterile Gerätschaften eine Gefährdung für Leib und Leben darstellt, die nicht zu tolerieren ist. Die meisten gesundheitlichen und lebensbedrohlichen Folgen stammen von unhygienischen und unprofessionellen Eingriffen. Ein solcher Eingriff ist verständlicher Weise als Gefährdung von Leib und Leben zu werten. Wie sieht es aber aus, wenn ein Arzt mit dem entsprechenden Können und Werkzeug den Eingriff vornimmt? Was bleibt?

Ein nicht medizinisch indizierter Eingriff sein eine Grenzüberschreitung, die körperliche Integrität des Kindes werde tangiert. Es ist ein Eingriff gegen die körperliche Unversehrtheit. Nur: wo fängt die an, wo hört die auf? Was ist mit abstehenden Ohren? Ein rein ästhetisches Problem ohne medzinische Indikation. Was mit der Operation einer nicht medzinisch gefährlichen Trichterbrust? Was mit Ohrlöchern? Nasenlöchern? Andern Piercings? Tattoos? Wo ist die Grenze? Und wenn man all das weiter toleriert, was rechtfertigt dann ein Verbot der Beschneidung? Oder war es endlich mal Zeit, für das Recht des Kindes am eigenen Körper einzustehen?

Kinder sind immer abhängig, da sie selber noch nicht handlungsfähig sind. Den Eltern obliegt die Pflicht, für ihr Kind nach bestem Wissen und Gewissen innerhalb rechtlicher Grenzen zu entscheiden. Die Grenzen sind meist da gesetzt, wo das Kindswohl tangiert ist. Doch wie setzt sich Kindswohl zusammen? Sicherlich auch durch die eigene Identität, welche durch die Gemeinschaft, in welcher ein Kind lebt, geprägt ist. Traditionen und Religion sind stark Identätsbegründend. Das Wirgefühl einer solchen Gemeinschaft verhilft zu Halt und Stabilität, welche für den Menschen und vor allem für Kinder wichtig sind. Gemeinschaften wiederum haben verbeindende Rituale, welche in ihren Traditionen und ab und an in Büchern verankert sind. Die Beschneidung ist eines davon. Nun wandelt die Zeit und gewisse Dinge erscheinen überholt. Doch wer entscheidet, was überholt ist? Kann das ein Gemeinschaftsfremder tun? Sich über die Gemeinschaft setzen und befinden, was geht und was nicht?

Man kann argumentieren, dass sich die Gemeinschaft innerhalb eines Landes befindet, in dem diese Gemeinschaft willkommen ist, in dem aber die Gesetze der entsprechenden Kultur gelten. Diese Kultur (im Falle Deutschlands und anderer westlicher Staaten) besagt, dass die körperliche Unversehrtheit oberstes Gebot ist. Beschneidung kommt in unserer Kultur nicht vor, sie wird als Eingriff gewertet. Man könnte also Integration fordern, Anpassung an die eigenen Gesetze. Allerdings fällt das schwer bei religiös begründeten Ritualen, da Menschen-/Grundrechte höher zu werten sind als nationale Rechte. Sie sind in der Hierarchie der Gebote und Verbote zu oberst, alles andere darf nicht widersprechen.

Wer kennt die Antwort und wer hat das Recht, sie vollumfänglich und absolut gültig zu erteilen?

 

Den vollständigen Artikel findet man im Internet unter der URL
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,841084,00.html

Zum Thema
—————————

Initiative: Bundesländer wollen Genitalverstümmelung zur Straftat
erklären
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,659639,00.html

Genitalverstümmelung: „Ihr Körper muss das Zeichen der Klinge tragen“
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,744488,00.html

Ländervergleich: Wo es für Frauen am gefährlichsten ist
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,768517,00.html

Frankreich: Eltern wegen Beschneidung ihrer Töchter verurteilt
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,836561,00.html

 

Die Schweiz, ein Klassensystem?

Die SVP hat eine neue Idee: Künftig sollen die Schweizer nach Urschweizern und Eingebürgerten unterschieden werden. Damit das besser geht, soll ein Vermerk in den Pass. Man hätte sich in der Schweiz die Probleme eingebürgert, da Menschen mit Migrationshintergrund mehr Sozialhilfe empfingen, mehr Delikte verüben. Überspitzt gesagt: Alles Schlechte kommt von aussen. Und dem will man nun mit Statistiken auf den Leib rücken. Hätte man die klare Sichtbarkeit über die Herkunft der Menschen, könnte man die prozentuale Beteiligung an den Fällen statistisch darstellen und in der Folge besser fassen.

Die Idee an sich weckt schon schlechte Gefühle. Es klingt nach staatlichem Abstempeln von Menschen, nach Kategorisierung in Menschen erster Klasse und Menschen zweiter Klasse. Wagt man einen Blick in die Geschichte, verstärken sich die Gefühle: Stempel in Pässen… das hatten wir schon einmal. Die Juden im Dritten Reich wurden auch damit bedacht. Jeder als Jude definierte Mensch musste im Pass einen Stempel tragen. Das reichte bald nicht mehr. Das nächste war die Armbinde. Was schwebt der SVP da vor? Binden mit Schwarzen Schafen?

Was aber soll mit den so gebrandmarkten passieren? Dass es nicht bei der Statistik bliebe, liest man fast zwischen den Zeilen, denn eine Papierstatistik alleine hilft noch nichts. Es mag zwar nett sein, Diagramme zu zeichnen, Vergehen und Herkunft miteinander in Verbindung zu setzen und daraus farbige Kuchenstücke zu kreieren. Das alleine wird auf Dauer nicht reichen. Die weitere Folge könnte ein Vorstoss sein, Bürgerrechte wieder zu entziehen. Nur: das könnte man sogar ohne Stempel im Pass. Mit einem Gesetz im Stil von „Wenn ein Eingebürgerter innerhalb einer Frist straffällig wird, verliert er seine Bürgerrechte.“ Das wäre heikel. Das im Kollektiv zu machen wohl noch mehr. Der Justizdirektor Martin Graf tendiert zu dieser Annahme (laut Tagesanzeiger). Das war auch mein erster Gedanke.

In Anbetracht der staatspolitischen und staatsrechtlichen Überlegungen sehe ich dies allerdings als (so hoffe ich doch) schwer umzusetzen. Ich denke eher, es ginge dann um eine noch viel höhere Schwelle bei der Einbürgerung. Hätte man erst schwarz auf weiss, was man gerne so hätte (und man kriegt fast jedes Resultat statistisch hin, wenn man nur die Fragestellung entsprechend legt und die Auslegung den eigenen Zielen folgend formuliert), wäre wohl der nächste Schritt, die nun als These vorgelegte Behauptung „Wir haben uns die Probleme eingebürgert!“ (Zitat von SVP-Parlamentarierin Barbara Steinemann im Zürcher Kantonsrat am 25. Juni 2012) als Begründung dafür zu nutzen, dass Einbürgerungen viel härteren Kriterien ausgesetzt werden müssten. Das ist ja schon lange Ziel der SVP und wird in stark SVP-lastigen Gemeinden schon so ab und an sp praktiziert.

All die Spekulationen über mögliche Folgen ungeachtet, bleibt zu sagen: Eine solche Motion, wie sie die SVP im Zürcher Kantonsrat vorbrachte, ist ein grosser Schritt in eine Ecke, die bedenklich ist. Dies nicht nur wegen der Assoziationen zu einer der schwärzesten Zeiten der europäischen Geschichte, sondern schon aus ethischen Gesichtspunkten. Die Motion führt zur Brandmarkung von Menschen, teilt diese in Klassen ein. Es wäre dann nur ein echter Schweizer, wer als solcher geboren wurde, der anfere ein Schweizer zweiter Klasse quasi. Klar kann die SVP dagegen halten, das hätten sie nie so gesagt und es sei ein Schuft, wer so denke. Die Geschichte der SVP und ihr Gedankengut und ihre Parolen sprechen eine deutliche Sprache, die diesen Schluss durchaus zulässig machen – fast schon nahelegen. Dass eine Partei wie die Grünliberalen sich an diesen Karren anhängen, lässt diese noch junge Partei in einem sehr schlechten Licht erscheinen. Schade drum. Ich hoffe, es finden sich genug Parteien, die vehement dagegen sind. Es wäre bedenklich, mit solchen Zeichen und solchem Verhalten im Ausland gesehen zu werden.

Zur selben Zeit findet man bei Twitter eine Meldung eines SVP-Politikers, der Moscheen und die Kristallnacht innerhalb von 160 Zeilen in Beziehung setzt. Der klare Wortlaut ist Streitsache und liegt bei der Staatsanwaltschaft. So oder so: schaut man auf die Geschichte der letzten Jahre in dieser Partei, so stehen schon grosse Fragezeichen am Firmament. Ist das tragbar? Ist das das, was mit Meinungsfreiheit toleriert werden muss? Kann man ein Recht, das entstand, um eben Randgruppen und Minderheiten zu schützen vor der Unterdrückung der grossen und starken Stimmgruppen, darauf verwenden, genau gegen diese kleinen Gruppen zu schiessen und zwar auf eine Weise, die deren Persönlichkeitsrechte verletzen? Mein Fazit bleibt: bedenklich und beängstigend.

Woran misst sich Wert?

Der Blog von Gesine von Prittwitz hat mich auch heute wieder zum Nachdenken gebracht. Vielleicht bin ich eher am Thema vorbei gerauscht und auf eigene Gedanken gekommen, trotzdem möchte ich Ihren Blog als Stein des Anstosses (absolut positiv) nennen.

Der erste Gedanke zur Aussage „ich hasse kostenlos“ war, dass ich das immer gegenteilig erlebe. Wie oft werde ich gefragt, ob ich nicht schnell für jemanden etwas schreiben könnte, etwas durchlesen könnte, etwas korrigieren könnte. Dabei wird natürlich angenommen, ich mache das mal schnell nebenbei, für lau, es läge mir ja quasi. In diesem Zusammenhang hasst niemand kostenlos, im Gegenteil, es wird sogar so erwartet…

Dann las ich weiter und sah, dass es im Blog darum ging, dass das, was einfach kostenlos dargeboten wird, nichts wert sein soll, weil eben nicht gewollt, nicht gezielt und exklusiv. Die Aussage “Ich hasse kostenlos” und die damit verknüpfte Assoziation von Geld und Wert kann ich so nicht stehen lassen. Ist alles nur wertvoll, das Geld kostet oder einbringt? Ist es nicht gerade diese Mentalität, welche vielen Menschen zu schaffen macht bei ihrem Selbstwert sowie bei ihrem Status in der Gesellschaft? Ist ein Verwaltungsrat oder CEO eines Grosskonzerns mit Jahresgehalt von Millionen dementsprechend mehr wert als die Putzfrau des Spitals? Die Krankenschwester leistet weniger für die Gesellschaft, die Menschen an sich als der Bankdirektor?

Und um den Bogen zu schlagen: Ist Kunst, die kostet wertvoller (nicht nur als Geldanlage) als Kunst, die nicht kostet, die im Hinterhof entsteht? Hat nur der Künstler, der profitabel künstlert Kunststatus, der andere ist Hobbyist? Was ist Kunst? Vermarktbare und verwertbare Produktion?

Ich denke, die heutige Gesellschaft driftet sehr in diese Richtung. Sag mir was du verdienst und ich sage dir, was du wert bist – ob du überhaupt wert bist, dass ich mit dir spreche. Fehlt das Geld, fehlt oft das Umfeld bald damit. Billig wird mit Ramsch gleichgesetzt, einfach auch, weil das natürlich von grossen Ladenketten so vorgemacht und in den Köpfen festgesetzt wird. Alles, was nichts taugt (vor allem für den Profit des Unternehmens, weil es zu viel teuren Lagerplatz füllt ohne in warmer Semmel-Manier wegzugehen) wird verramscht. Bücher dabei oft mit Stempel drauf: Mängelexemplar. Abgestempelt. Als Müll gebrandmarkt. Was mal mit Eifer geschrieben wurde, dümpelt auf dem Ramschtisch.

Wie kam man dazu, nun plötzlich die Renner so anzubieten, wie man früher den Ramsch verhökerte? Das hat wohl viele Gründe: Massenproduktion ist günstiger als Einzelanfertigung. Je grösser die Auflage, desto geringer die Kosten pro Exemplar. Des Weiteren gaukelt eine grosse Masse eines Buches mit knalligem Plakat drüber vor, das Buch sei ein Renner, drum hätte man so viele davon, dass es auch ja reiche. Und keiner will der sein, der gerade das Buch nicht gelesen hätte, wenn es denn dann in aller Munde wäre. Spiegelbestseller. Buch des Jahres. Neuerscheinung des Millionenverkäufers. Das muss man gelesen haben. Noch hat es Stapel. Also auf sie mit Gebrüll. Mit Wert hat das wohl wenig zu tun. Aber auch nicht mit Unwert. Es ist eine Zeiterscheinung. Und nicht die positivste in meinen Augen.

Was ist Wert? Was verdient das Prädikat wertvoll? Wem geben wir wieviel Wert und nach welchen Kriterien? Keine einfache Frage. Vor allem nicht allgemein beantwortet. Grundsätzlich würde ich mal auf die Schnelle sagen: Wert für hat ein Mensch oder eine Sache dann, wenn sie mir gut tut. Das ist nicht im Sinne von “Ich kann davon profitieren” gemeint, sondern eher im Sinne von “ein gutes Gefühl vermitteln”. Genauso möchte ich mir selber Wert sein, mich mit solchen Dingen zu umgeben. Und vor allem auch, mich anderen gegenüber so zu verhalten, dass sie eben auch ein gutes Gefühl haben. SO würde wohl vieles in dieser Welt an Wert gewinnen. Und dann könnte sogar ein Buch, das irgendwo gratis abgegeben wird, sehr wertvoll sein, während auch die Platinvergoldete Ausgabe eines für mich unlesbaren Buches noch keinen Wert (für mich) hätte.