Entscheidungen über richtig und falsch

Wir zaudern oft bei Entscheidungen, weil wir uns fürchten, die falsche zu treffen und dann etwas für immer verloren zu haben, was vielleicht besser gewesen wäre als das, wofür wir uns dann im Endeffekt entscheiden. Bei kleinen Dingen mag das nicht so tragisch sein, ob meine Schuhe nun braun oder schwarz sind führt zu keinen Weltuntergang, höchstens zu einem kleinen gefühlten, wenn sie am Tag des Tragenwollens nicht zum Rest passen. Bei den grossen Entscheidungen wird es schon schwerer, da sie in unseren Köpfen eine grössere Tragweite für unser Leben haben und ein Fehlentscheid schlimmere Folgen hätte.

Wenn wir uns denn entscheiden und wirklich nicht alls so läuft, wie wir das gerne hätten, ertappen wir uns oft dabei, zurück zu schauen und uns für den damals getroffenen Entscheid zu tadeln, uns zu hintersinnen, zu denken: Hätte ich doch… Nur: wer sagt, dass es dann besser gekommen wäre? Vielleicht anders, vielleicht nicht mal. Vielleicht noch schlechter? Wir haben im Rückblick nur das im Blick, was wir uns damals als mögliche Wirkungen des damals verworfenen Entscheides vorstellten, nie aber, was wirklich daraus resultiert wäre. Der Rückblick in einer unliebsamen momentanen Situation führt noch dazu meist zu einer Verklärung der ausgemalten Wirkungen, selten zu einer wirklich rationalen Analyse. Und selbst die wäre, wie gesagt, reine Vorstellung, nie Realität.

Nun gibt es zwar Theorien, die die gesamte Welt als reines Produkt menschlicher Vorstellung darstellen. Das hat sogar was für sich in einer gewissen Weise, denn alles, was man heute auf der Welt sieht, zumindest das, was nicht unberührte Natur ist, entsprang irgendwann mal menschlicher Vorstellung. Jemand dachte, ein Haus zu bauen, heute sehen wir das Haus. Was wir heute sehen, entstand irgendwann einmal einem menschlichen Geist. Und so haben auch wir das Potential, in unserem Geist die Zukunft zu erschaffen.

Aber zurück zur Entscheidung: Selbst wenn wir einmal einen Weg eingeschlagen haben, der vielleicht nicht zu dem Ziel führte, das wir uns erhofft, erträumt haben, so hat uns der Weg doch zu neuen Erkenntnissen gebracht, er hat uns was gezeigt, er hat uns fortbewegt. An einen neuen Standpunkt. Und erst von dem Standpunkt aus können wir sehen, dass das Ziel, das wir nun erreicht haben, eben nicht das ist, welches wir haben wollen. Beim Ausgangspunkt konnten wir das so nicht wirklich wissen. Deswegen war der damalige Entscheid nicht falsch. Falsch wäre gewesen, stehen zu bleiben, denn dann wären wir nicht weiter gekommen, würden uns noch im Hin und Her unserer Entscheidungsfindung drehen und an Ort treten.

Nicht mal das Ziel ist falsch, es ist nur nicht so, wie gewünscht. Wir haben aber die Möglichkeit, eine neue Entscheidung zu treffen und einen neuen Weg auf uns zu nehmen. Einen, der von dem Standpunkt, den wir heute innehaben, weiter geht. Mit allen neuen gesammelten Erkenntnissen im Rucksack.

Manchmal entscheiden wir uns im Leben gegen etwas, das wir im Nachhinein bereuen, weil wir erst dann, wenn es weg ist, sehen, wie wichtig es in unserem Leben war. Vielleicht sind wir durch Ängste, Enttäuschungen, Probleme blind, das im Moment zu sehen und suchen einen anderen Weg. Wenn dann die Ängste schwinden, die Enttäuschungen wegfallen, die Probleme gelöst sind, öffnet sich der Blick auf das, was nun fehlt. Und wir bereuen, das aufgegeben zu haben. Selbst dann war das wohl der richtige Weg, denn die Ängste haben uns am Leben gehindert, haben den Blick verstellt. Und wenn es wirklich zu uns gehörte, in unserem Leben einen Platz haben soll, dann gibt es vielleicht irgendwann eine neue Chance.

Und selbst wenn nicht, hat es uns eines gelehrt: versuche immer zu sehen, was du hast, selbst wenn die Ängste gross sind, du mal enttäuscht wirst, auch mal Probleme da sind. Versuche den Blick für das Gute nie zu verlieren, denn genau das wird dir fehlen, wenn es nicht mehr ist. Oft neigen wir dazu, dem Unliebsamen viel mehr Gewicht zu geben, viel mehr Raum zu geben. Eigentlich schade. Es ist unsere Entscheidung, in jedem Moment, was wir wie gewichten wollen, worauf wir den Schwerpunkt in unserem Leben legen wollen. Am besten fangen wir gleich damit an.

Günter Grass und die Bösen

Günter Grass dichtete. Zu aktuellen Themen, hochaktuell, breit gestreut, prominent publiziert:

http://www.focus.de/kultur/buecher/was-gesagt-werden-muss-das-umstrittene-gedicht-von-guenter-grass-im-wortlaut_aid_732817.html

Im Wortlaut:

„Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.“
…
„Was gesagt werden muss“: Das umstrittene Gedicht von Grass im Wortlaut – weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/kultur/buecher/was-gesagt-werden-muss-das-umstrittene-gedicht-von-guenter-grass-im-wortlaut_aid_732817.html

Der Begriff Gedicht ist ja in heutigen Tagen sehr weit gefasst. Trotz aller zugesprochenen Weite und Breite fehlt mir in dem Schreiben der Gedichtscharakter, ich sehe das Dichterische nicht. Für mich wirkt es wie ein in etwas gehobenere Sprache verfrachtete Stammtischpolemik. Soviel zur Form, der Inhalt ist im letzten Satz angespreochen und wird es in der Folge noch mehr.

Was bewegt Herrn Grass zu diesem Schreiben? Was will er bezwecken? Geht es ihm wirklich um die ach so angespannte politische Lage, um den Weltenfrieden, um drohende Gefahren desselben? Ich kann es kaum glauben. Wäre dem so, hätte er verständlicher geschrieben und das geschriebene besser untermauert. Er schreibt von der Gefahr Israels, unterschlägt dabei aber, dass es Irans Machthaber war, der allen, die ihm nicht lieb und nett waren, die Ausrottung androhte, welcher Reden hielt, welche an seiner geistigen Gesundheit mehr als zweifeln liessen.

Man kann Israel seine Haltung Palästina gegenüber vorwerfen und ja, was da abgeht, ist mehr als unschön, ist eine Schande, ist gerade vor dem Hintergrund der Israelischen Juden unverständlich. Würde man doch denken, gerade mit der Vergangenheit wäre ein wenig mehr Sensibilität der Menschlichkeit gegenüber angebracht. Aus diesem Unrecht aber nun die allegmeine Gefahr für die ganze Welt abzuleiten, finde ich etwas weit gegriffen. Dass diese Gefahr von einem Ehemaligen der Waffen-SS ausgesprochen wird, welcher über lange Jahre über die eigene Vergangenheit schwieg, aber nicht still war, gegen andere zu schiessen, macht es wohl nicht besser.

Ich sage nicht, Israel sei ein Unschuldslamm, das über jeden Zweifel erhaben sei. Welches Land ist das schon. Im Zusammenhang mit dem Iran aber Israel als die vorherrschende Gefahr zu sehen, finde ich undurchdacht, unabgestützt und überhöht. Die ganzen von Herrn Grass propagierten eigenen Kenntnisse über die atomare Lage in Israel und im Iran lässt die Frage offen, was ihn zu diesen Aussagen bringt, da sie weder von ihm selber abgestützt sind noch wirklich erwiesen, nur erahnt. Selbstüberhöhung? Geltungsdünkel?

Grass stellt sich in seinem sogenannten Gedicht dar als Menschen mit Gewissen, der es nicht mehr erträgt, zu schweigen vor all dem Unrecht in der von ihm dargestellten Welt. Zu lange hätte er geschwiegen, aus Angst vor den Reaktionen, vor allem der, des Antisemitismus bezichtigt zu werden. Damit nimmt er natürlich ein sehr berechnend gewähltes Argument in den Mund. Er macht quasi alle gegenteiligen Meinungen mundtod. Es ist ein häufig erwähntes Argument, man könne nichts gegen Isreal sagen, ohne des Antisemitismus angeklagt zu werden. Das mag in gewissen Punkten stimmen, die Sensibilität in diesem Bereich ist immer noch sehr gross, die Vorsicht auch. Teilweise zu recht, teilweise einfach als eingeprägtes Muster, welches Zeit braucht, sich zu normalisieren. Dass dem bei Lichte betrachtet aber nicht so ist, liegt auf der Hand. Israel ist genau so zu Unrecht fähig wie andere Staaten und diese dürfen auch erwähnt werden. Und sie werden es auch in den Nachrichten, wenn es um Vorstösse gegen Palästina geht, welche in den letzten Monaten doch sehr abgenommen haben, kaum mehr in den Medien vorherrschen.

Grass wird nicht möde, die Deutsche Vergangenheit noch mehr ins Zentrum zu rücken, in einem Nebensatz, bevor er auf die U-Boot-Lieferungen eingeht. Ist das nötig? Dient das der Sache? Eigentlicht nicht. Es hat mit dem momentanen Geschehen nichts zu tun. Insofern kann man es nur noch der Wirkung zusprechen, die die Weltkriege noch heute haben. Wenn das Thema zu wenig Pfeffer hat, zu wenig auffällt, erwähnen wir die Nazizeit und wumms, das Interesse ist da. Alles, was allein zu schwach ist, wird mit dieser Geschichte spannender gemacht, eindrücklicher gemacht. Ist das gerechtferitgt? Wertet man damit diese Zeit nicht mehr und mehr ab, indem man sie der eigenen Propagandawut unterordnet und sie dazu instrumentalisiert? Bereichert man sich damit nicht insgeheim und indirekt am Leid der damaligen Opfer, indem man ihr Leid wieder und wieder zur eigenen Stimmungsmache benutzt. Selbst wenn man es als Negativbeispiel benutzt, wird das Ereignis immer mehr abgestumpft, weil es zum allgemeinen Argument verkommt, das bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufgerufen wird.

Herr Grass ist der Heuchelei überdrüssig. Hört hört. Alle andern heucheln, nur er nicht. Er schreibt nun Gedichte dagegen. Und er dichtet gegen Staatsfeind Nummer 1, Israel, ein wenig gegen den Iran, und setzt den ganzen Rest, Palästina und uns, den beiden gegenüber. Eine eigenartige Polarisierung. Iran und Israel gegen den Rest der Welt. Wo genau liegen Syrien, Lybien, Afghanistan, Irak, die afrikanischen Unruhestaaten in diesem Bild? Wenn wir schon bei Atomwaffen sind: Iran und Israel als einzige Besitzer von solchen, der Westen soll kontrollieren? Ist Herr Grass sich sooo sicher, dass kein westliches Land Atomwaffen hat? Ich würde dafür nicht die Hand ins Feuer legen. Wer also will nun kontrollieren? Und wer heuchelt nun wirklich? Wirklich alle andern oder vielleicht doch Herr Grass? Um den es doch eher ruhig wurde in letzter Zeit?!

Ich darf das

Bin ich normal? Was ist normal? Wer legt fest, was normal ist, wie man normal sein soll, wie nicht? Und wenn es eine solche Norm gäbe, muss man sie befolgen? Wozu? Wem würde das helfen? Ich bin, wie ich bin. Manchmal schräg, manchmal grad, manchmal eigenbrötlerisch, manchmal gesellschaftsfähig, ab und an grummlig, oft fröhlich, manchmal nachdenklich, manchmal drauflos plaudernd. Ich bin gerne allein, ab und an einsam, ich bin gern unter Menschen, ab und an überflutet von ihnen. Ich mag Ordnung, räum nicht gern auf, mag es sauber, hasse zu putzen, ab und an packt mich aber die Aufräum- und Putzwut. Ich bin kreativ und spielerisch, dabei aber gerne organisiert. Ich mag keine festen Termine, weiss aber gerne, was mich erwartet. Ich bin spontan, aber mag selten Änderungen. Ich bin – einfach ich. Und ich darf so sein. Das ist die Erkenntnis von heute. Keine bahnbrechende, keine grosse, eigentlich eine banale. Aber ich finde sie wichtig.

Wie oft denken wir:
– Das kann ich so nicht machen.
– Ich kann das nun so nicht sagen, das ist falsch.
– Ich muss mich nun zusammenreissen, das gehört sich so.
– Wieso habe ich mich bloss verhalten, wie ich es tat, ich bin einfach komisch.
– Das war mal wieder typisch – alle machen, nur ich nicht.
– ….

Und so verstricken wir uns in unser Gedankenkino, schimpfen mit uns, trauen uns oft nicht, zu unseren Bedürfnissen zu stehen, weil wir denken, den/dem anderen quasi zu schulden, dass wir uns so verhalten, wie er das von uns erartet oder wie wir auch bloss denken, dass er es erwartet. Und wir geben dabei immer ein Stück von uns selber auf, weil wir uns nicht ernst nehmen, uns selber nicht den Wert zugestehen, zu uns zu stehen. Doch wer soll es tun, wenn wir es selber nicht tun? Können wir erwarten, dass die anderen immer zu uns schauen und dafür sorgen, dass wir nicht zu kurz kommen, nicht untergehen?

Ich propagiere keinen Egoismus auf Gedeih und Verderb. Egoismus hat in meinen AUgen die Komponente drin, dass man etwas aus eigennützigen Motiven heraus will, die meist mit einem eigenen Profit zu tun haben, die den anderen weniger wertschätzen, als er es verdient hat, weil wir ihn aus leiter Eigensucht gar nicht wirklich wahrnehmen. Es geht mir mehr darum, dass man sich auch selber ernst nehmen soll, wie man den anderen auch ernst nimmt. Und gerade in Beziehungen, seien es Freundschaften, Liebesbeziehungen, aber auch Geschäftsbeziehungen sollte man versuchen, sich selber treu zu bleiben. Wenn man das nicht kann, muss man die Beziehung hinterfragen und hinschauen, wieso es nicht geht.

Wenn ich nicht zu mir und meinen Bedürfnissen stehe, dann ordne ich diese ja quasi dem anderen unter. Wieso? Ist das DU mehr Wert als das ICH? Woher kommt diese Sicht? Wäre nicht ein Miteinander anzustreben, bei dem beide denselben Stellenwert haben und beide für sich einstehen dürfen, weil sie wissen, genau so getragen zu sein, geliebt zu sein? Klar gehören auch mal Zugeständnisse dazu, aber diese dürfen eine gewisse Grenze nie überschreiten, die, bei der es wirklich ans eigene geht, die Grenze, bei der man für sich sagen muss: Das ist meine persönliche Grenze, die kann nicht überschritten werden, weil es für mich sonst nicht stimmt. Und wenn ich dieses Gefühl für mich ernst nehme und dazu stehe, dann nimmt der andere das auch nicht als Abfuhr gegen sich wahr, sondern sieht es als meine Grenze und kann damit umgehen. Alles andere wäre nicht ehrlich. Und wer möchte schon eine unehrliche Beziehung führen? Die würde für beide nicht stimmen.

Und drum: Ich darf das. Ich darf genau so sein, wie ich bin. Und wenn ich selber bei mir Dinge sehe, Muster, die für mich nicht stimmen, dann darf ich die auch angehen und damit arbeiten. Kann meine Grenzen erweitern. Für mich. Weil ich es will, weil es für mich stimmt. Und weil es mich auch weiter bringt auf meinem Weg. Und doch bin ich dann immer noch ich, wie ich bin. Schön eigentlich.

Vorpreschen und zurückkrebsen

Es gibt die seichten Bäche, welche dahinplätschern, gleichmütig, ohne Höhen und Tiefen, einfach ruhig, besinnlich fast, beruhigend, still. Dann gibt es die Flüsse, die ziehen, ausbrechen, hochspritzen, Gischt produzieren, wieder zur Ruhe kommen, um bald wieder loszuströmen. Ich gehörte – wäre ich ein Gewässer – wohl zu der zweiten Sorte. Ich bin so ein himmelhochjauchzend-zutodebetrübt Wesen, welches sehr schnell begeistert ist von Dingen, um bald darauf zu merken, dass sie doch nicht so toll sind. Dabei stürze ich mich meist auf Dinge, die mir eigentlich gar nicht entsprechen, die aber wohl durch ihre Fremdartigkeit doppelt verlockend scheinen. Beispiel? Beispiel:

Ich bin ein sehr beweglicher, ausdauernder, aber nicht sehr kraftvoller Menschentyp. Vom Muskeltyp – so erklärte mir mal ein Fachmann – bräuchte ich viel mehr Aufwand, Muskeln aufzubauen, als andere Muskeltypen. Was also liegt näher, als mich für Asthanga Yoga, den kraftvollsten, kraftmässig herausforderndsten Yogastil zu interessieren? Nichts natürlich.

Fortan sah man mich nur noch waghalsige Videos von Handstandvariationen und anderen Kraftakten schauen, wehmütig blickend und im Kopf die Jahre kalkulierend, die es bräuchte, dahin zu kommen – feststellend, dass es wohl keine Jahre, sondern mehrere Leben wären. Ich haderte dann eine Weile mit dem Schicksal, fand es ach so unfair, dass ich nicht so kräftig gebaut bin wie die demonstrierenden (und wirklich wundervollen) Yogis aus den Videos, und ignorierte dabei, dass mir der Stil eigentlich auch sonst gar nicht entspräche, da er für meinen kreativen Geist zu strikt, zu festgelegt, zu wenig persönlich ist. Statt also zu sehen, dass ich einfach ein anderer Typ Mensch bin mit anderen Fähigkeiten und auch Bedürfnissen an meinen Yogastil, konzentrierte ich mich darauf, was mir fehlte, genau diesen auszuüben. Statt mich mit Freude dem zuzuwenden, in dem ich gut bin, haderte ich mit meinen Schwachstellen. Eigentlich schade.

Noch ein Beispiel? Beispiel:
Ich hatte die Möglichkeit, eine Woche ans Meer zu fahren, für quasi nichts, hätte da eine Woche lang Yoga bei vegetarischer Vollpension geniessen können und Ferienfeeling auskosten. Ich, die ich immer Meerbilder anhimmle, die ich immer denke „da will ich auch mal hin“, wenn ich Ferienfotos sehe. Und ich, die ich, wenn es hart auf hart kommt, nie weg will, weil mir verreisen eigentlich meist zu viel Stress ist und es dazu noch sehr viel zu organisieren gäbe. Ich haderte also mit meinem ach so komplizierten Wesen, welches nicht verreisen mag, welches diese Chance nicht packt, die jeder gerne hätte, verfluchte meine Art, entschuldigte meine Absage vor Freunden mit meinem komplizierten Wesen, der Abneigung gegen sture Strukturen, wie sie auf dem Retreat geherrscht hätten. Und fühlte mich dabei immer schlechter. Bis ich aufgeweckt wurde (Merci an dieser Stelle!). Bei Lichte betrachtet: Was hätte mir der Retreat gebracht? Ich kannte weder die Yogalehrerin, hätte mühselig Vertretungen für meine Stunden organisieren müssen, den Flug selber zahlen für eine Woche, die ich eigentlich so nicht wirklich für mich nutzen könnte. Worüber genau haderte ich also? Wieder über meine mir zugesprochenen Schwächen und Fehler. Ich erachtete mich als zu unflexibel, zu wenig ferienfreudig, als komisch, weil ich nicht himmelhochjauchzend im Hinblick auf eine Meerreise war(dass ich eigentlich auch fast lieber in den Bergen bin als am Meer hatte ich noch nicht erwähnt?). Dass eigentlich gute und rationale Gründe gegen die Reise sprachen, habe ich dabei völlig ausser Acht gelassen.

Und schliesslich und endlich: wieso denke ich ständig, ich müsse so sein wie andere? Wieso denke ich, wenn ich etwas nicht mag, das man – gemeinhin – mag, dass ich dann komisch, weniger liebenswert, weniger gut bin? Bin ich nicht gut, wie ich bin? Genau so? Eigentlich finde ich ja schon. Genau so. Wie jeder andere auch genau so gut ist. Auf seine eigene Weise. Mit seinen Stärken und Schwächen. Mit seinen Vorlieben und Abneigungen. Wenn ich etwas nicht mag, heisst das nicht, dass es nicht gut ist. Wenn jemand anders etwas mag, heisst das auch nicht, dass es gut ist. Er mag es, ich nicht. Punkt. Und beide sind wir gut und es ist, was es ist. Ein Ding. Wir machen es gut oder schlecht, indem wir es bewerten. Und wir haben die Wahl, wie wir die Bewertung vornehmen. Und damit auch die Wahl, wie wir uns fühlen dabei.

Das erinnert mich an meine heutige Zensho-Lektüre, welcher sagte, dass Leiden nicht von aussen kommt, sondern immer von innen. Was wir denken steuert, was wir fühlen. Wir machen unsere Welt und wir haben die Wahl. Es ist die Art, wie wir auf die Dinge reagieren, es sind nie die Dinge an sich, welche zu den Gefühlen führen.

Neue Welt – alles besser heute?

Aus meinen Boxen klingt Leonard Cohen mit I’m your man… Er will alles für mich machen, singt er, mein Lover sein, sich für mich maskieren, mir die Hand reichen, wenn ich ihn als Partner will und liesse sich sogar aus Wut niederstrecken. Das klingt gut – überhaupt klingt das Lied gut. Diese Stimme, diese dahin schlendernde Musik, dieser Rhythmus, der einen mitwippen lässt, ein tolles Lied, tief, voller Gefühl und doch mit einer gewissen Leichtigkeit. Wenn ich da an die heutige Musik denke, wird mir ganz anders. Retortenmist gesungen von hergerichteten, auf Optik und Image getrimmten Sternchen am Himmel des Starrummels.

Ich stelle mir vor, wie Leonard Cohen vor Dieter Bohlen tritt, um beim Superstar mitzumachen. Wie er seine Gitarre nimmt, auf den Stuhl sitzt, anfängt zu singen. Eher ein Brummeln als ein Singen eigentlich, wenn ich genau hinhöre. Ob der in den Recall käme? Ob nicht die Höhen zu unsauber gesungen wären? Die Töne nicht exakt getroffen? Die Stimme nicht tragfähig genug, der ganze Mann nicht Mainstream genug wäre? Und wenn er die Hürde noch schaffen würde, dann in die Castingshows käme und Whithney Housten oder Abba singen müsste? Ob er nicht spätestens da rausfiele? Ich stelle mir Leonard vor, wie er einen Disco Mix sänge, tanzte dazu… und sehe ihn spätestens da rausfliegen. Da würden auch keine nett zusammengeschnittenen Stories über eine wilde Jugend, Drogen und dergleichen helfen, um den Mitleidsbonus zu kriegen.

Und dann? Was wäre dann? Gewinnen würde ein fahles Licht, das einigermassen richtig verschiedene Liedchen nachträllern kann. Diesem Lichtchen würde ein Image aufgepeppt, das in die neue Bravo passt, und fertig ist der neue Musikstar. Und nie würden wir Lieder wie „I’m yor Man“ hören.

Schade eigentlich. Zum Glück haben sich die alten gehalten, so dass ich die neuen getrost an mir vorbeisausen lassen kann. Und dann und wann findet sich auch heute eine Perle. Und schliesslich und endlich ist der Musikgeschmack verschieden, was auch gut ist. Und mit diesen Gedanken gehe ich wieder mit Leonard mitbrummeln, stelle mir dabei Elvis, die Beatles und Joe Cocker vor der Jury vor und finde, dass meine Tage doch recht abwechslungsreich und weit fassend sind, spannt man den Bogen von Goethe über Leonard Cohen zu Dieter Bohlen. Was würde Bohlen wohl zu Beethoven sagen?

Von Ost nach West

Die Frühstückslektüre bei Cosimas ist von Osten nach Westen gezogen. Waren vorher Zensho W. Kopps Aphorismen Teil des Morgenessens, sind wir nun zu deutschen Gedichten übergegangen und befanden einstimmig, dass auch die sehr erbaulich sind. Heute durften wir mit Herrn Goethe frühstücken und sinnierten über dessen gemaltes Band.

Mit dem Gedicht liegen wir natürlich gut in der Zeit, spricht es doch den Frühling an und die damit verbundenen Gefühle. Goethe baut in seinem Gedicht eine Atmosphäre auf, welche malerischer nicht sein könnte. Junge Frühlingsgötter streuen Blumen auf ein Band, welches noch luftig ist. Damit soll das Band wohl gesegnet werden, das Bild erinnert an Blumenkinder bei einer Hochzeit. Alles ist noch klein und luftig, noch nicht gefestigt. Die Blätter sind klein, das Band ist luftig, die Frühlingsgötter jung. Das lässt auf eine noch junge Liebe schliessen, vielleicht erst eine Schwärmerei? Das passt zum Frühling, in welchem alles erwacht, Blumen und Liebe.

Das Gedicht geht nun weiter und die Geliebte wird zum ersten Mal erwähnt. Der Windgott Zephyr soll ihr Kleid dem Blumenband umschlingen, so dass sie, munter und jung wie sie ist, so geschmückt vor den Spiegel treten kann. Dort sieht sie, selber einer Rose gleich, sich mit andern Rosen umgeben. Die Rose als Königin der Blumen kann hier als Metapher gelesen werden, indem sie ihre Schönheit, ihre Würde an die Geliebte abgibt. Diese ist die Königin des Herzens des Verliebten, welcher nur schon durch einen Blick auf sie Glück empfindet und dem Leben dankt dafür.

Nach dem Frühling, den Göttern, den Rosen und mittendrin der rosenhaften Königin des Herzens spricht Goethe nun die Geliebte selber an und fordert sie auf, zu sehen, was er für sie fühlt. Er bittet sie um ihre Hand und wünscht sich ein Band, das stärker ist als dieses erst hingeworfene Rosenband, welches luftig, schön, jung ist. Diese Strophe zeigt die Ernsthaftigkeit der Gefühle, die Tiefe, zeigt den Wunsch nach Bestand, nach Fortdauer. Was im Frühling beginnt, soll das Jahr erleben, in den Sommer, Herbst und Winter gehen.

Schön, den Tag mit so wunderschönen, poetischen Gedanken zu beginnen. Danke, Herr Goethe!

Zum nachlesen:

Mit einem gemalten Band

Kleine Blumen, kleine Blätter

Streuen mir mit leichter Hand

Gute junge Frühlingsgötter

Tändelnd auf ein luftig Band.

Zephyr, nimm’s auf deine Flügel,

Schling’s um meiner Liebsten Kleid!

Und so tritt sie vor den Spiegel

All in ihrer Munterkeit,

Sieht mit Rosen sich umgeben,

Selbst wie eine Rose jung.

Einen Blick, geliebtes Leben!

Und ich bin belohnt genung.

Fühle, was dies Herz empfindet,

Reiche frei mir deine Hand,

Und das Band, das uns verbindet,

Sei kein schwaches Rosenband!

(J.W. von Goethe, 1749 – 1832)

Wieviel Indien braucht’s zum Glück?

Was ein guter Yogi sein will, muss mindestens einmal nach Indien reisen, um die Lehren back to the roots aufzunehmen. Wer etwas auf sich hält, hat einen persönlichen Lehrer mit fremdländisch klingendem Namen, welcher in direkter Linie von einem der ganz grossen Gurus abstammt oder aber selber einer ist. Wer einen oder mehrere solche Namen führen kann, der zeigt damit quasi, dass er selber das Wahre, die Basis, das, was zählt, mit auf seinen Weg nimmt.

Wenn ich mich in die yogischen (und auch buddhistischen) Philosophien stürze, lese ich überall, dass das Wahre nicht im Aussen zu suchen ist, dass ich wirkliches Glück nur in mir selber finden kann. Viele Geschichten erzählen von Bauern, die durch die Welt reisten und schlussendlich im eigenen Garten den Schatz fanden oder von Schülern, welche zu fernen Gelehrten fuhren, um am Schluss vom eigenen Vater die grösste Weisheit zu lernen. Zensho schreibt in einem seiner Bücher: Suche nicht, es ist alles schon da.

Ja was denn nun? Muss ich nun nach Indien oder kann ich gleich hier bleiben? Ich spüre mit schöner Regelmässigkeit den Drang, meine Koffer zu packen und den nächsten Ashram aufzusuchen. Am besten für einige Monate. Um auch wirklich da gewesen zu sein. Um auch wirklich meine Pflicht als guter Yogi erfüllt zu haben. Ab und an überkommt mich das Gefühl, als Nichtindiengereiste nicht zu den wirklichen Yogis zu gehören. Ich lese überall von den tollen Reisen, von den exotischen Namen, von den vielen Erlebnissen. Höre von fremden Kulturen, von neuen Erkenntnissen – und wenn es nur die ist, dass es zu Hause doch am Schönsten ist. Und selber kann ich nicht mitreden, da ich noch nie da war. Yoga nicht aus indischer Basis kenne, sondern nur von westlichen Lehrern gelernt und sogar vieles selber erforscht habe. Und in dem Gefühl des Minderwerts komme ich in einen Aktivismus, der mich treibt, der mich Flüge suchen lässt, Ashrams suchen läst, der mich Yogarichtungen und Gurus vergleichen lässt. Und merke in dem Aktivismus bald mal langsam und leise und immer deutlicher: ich will das eigentlich gar nicht. Das ist nicht meine Welt.

Was in der Theorie so toll, so fern, so neu, so aufregend klingt, ist in der Praxis nämlich ein Graus für mich. Ich reise nicht gerne. Reisen ist Stress. Ich bin ein Mensch, der am liebsten zu Hause ist. Der am liebsten seine vertraute Umgebung hat, seinen Ablauf, das, was er kennt. Ich mag mein Leben, wie es ist, suche wenig im Aussen, bin gewohnt, die Dinge mit mir selber auszumachen und mir Sachen selber zu erarbeiten. Ich lerne gerne von anderen Menschen, stosse aber häufig per Zufall auf die wertvollsten Lehrer und meistens sind sie nicht weit weg – sicher nicht in Indien (können sie nicht, da ich ja nie da war – es sei denn, sie würden sich vor meine Haustür verirren irgendwann, dann wäre meine Türe natürlich jederzeit offen und ich neugierig).

Aber was nun? Ist der Yogaweg damit für mich zu Ende? Werde ich nie ein guter Yogi sein ohne Indien? Ist mein Weg zum Glück ein unvollkommener, aussichtsloser, da er nicht zu den ursprünglichen Wurzeln zurück führt? Muss ich wirklich in mir fremde Welten eintauchen, um wirklich Yoga zu praktizieren, zu leben? Geht Yoga ohne Osten nicht? Haben die Stimmen recht, die sagen: du musst unbedingt mal nach Indien, das ist ein Erlebnis?

Ich denke ja und nein. Es mag ein Erlebnis sein – wie so manche Reise eines ist. Ob ich da Yoga authentischer leben lerne, wage ich für mich zu bezweifeln. Nach Indien zu gehen würde meinem Wesen widersprechen, es wäre nicht das, was ich für mich als gewollt sehe. Yoga und die Art zu leben, die die Philosophie des Yoga propagiert, ist mein Weg, ist das, was sich für mein Leben stimmig anfühlt. Ich bin und bleibe dabei ich und authentisch, in meinem Sein, in meinem Denken. Reisen anzutreten, nur um dazuzugehören, wäre nicht mein Ding, das wäre eine fremde Haut überstülpen, um etwas zu beweisen, das nicht ist, eigentlich ein Schein statt Sein. Und so bleibe ich hier, gehe weiter meinen Weg, lebe ihn – als ich.

Das lässt sich auf viele Bereiche im Leben anwenden, denke ich. Oft denken wir, gewissen Normen genügen zu müssen, um mithalten zu können. Wir streben Dinge an, die wir eigentlich nicht wollen, nur weil wir denken, sie haben zu müssen, um eben dazuzugehören. Wir unterordnen uns Strömungen, Trends, Regeln, die uns nicht entsprechen, um nicht aus der Norm zu fallen, um Ansprüchen anderer zu genügen. Oft verlieren wir uns dabei selber, verlieren unsere Authentizität. Wir verlieren unsere Einzigartigkeit. Das ist schade, denn uns gibt es nur einmal, andere gibt es viele. Und wäre ich wie alle andern, wo bliebe dann noch ich?

No Risk no love

Jeder hat wohl schon einmal wegen Liebesdingen gelitten. Gründe dafür kann es viele geben: Man wurde verlassen, betrogen, belogen, Erwartungen wurden enttäuscht, Hoffnungen zerstört, man verlor den Geliebten aus anderen Gründen oder musste sich vielleicht trotz Liebe trennen, weil es nicht passte, nicht ging. Zurück blieb ein verletztes Herz, eine weinende Seele. Manchmal auch Wut, Trotz, Trauer, Abscheu, Verletzlichkeit, Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit, Wehmut – das ganze Programm an negativen Gefühlen.

Je mehr Verletzungen man erlebt in seinem Leben, desto vorsichtiger wird man. Man weiss um den Schmerz und möchte diesen irgendwann nicht noch einmal erleben. Man möchte nicht noch einmal dastehen mit dem Gefühl: Schon wieder. Man möchte sich schützen vor Verletzungen, vor neuen Wunden, Narben. Zu diesem Zweck beginnt man, Mauern zu bauen, ganze Wälle werden aufgetürmt mit dem Zweck, nichts durchzulassen, was weh tun könnte. Fortan sieht man sich im inneren Zwiespalt, Liebe zu suchen, zu brauchen, aber sie nicht zulassen zu können, da man selber die eigenen Gefühle hinter der Mauer hält und die anderen nicht durchlässt. Und mit jeder doch passierten Verletzung wird die neue Mauer noch dicker, der neue Wall noch unbezwingbarer. Man guckt vorsichtig aus kleinen Gucklöchern raus, sieht, was verlockend scheint, wünscht sich so sehr, es zu erleben und glücklich zu werden, und spürt doch auch die Angst, erneut zu fallen nach dem Höhenflug.

Leider ist es so im Leben, dass man das Risiko zu fallen in Kauf nehmen muss, wenn man fliegen will. Es ist möglich, dass eine Liebe nicht hält – aus welchen Gründen auch immer. Sie aber aus diesem Grund nicht zuzulassen wäre traurig, denn damit würde man sich die Chance zu fliegen nehmen. Sich zu öffnen bedeutet immer ein Risiko. Ist man erst mal offen, kann der andere zu einem vordringen, kann in einen eindringen, kann darin anrichten, was immer er will (und wir zulassen). Und je näher wir den anderen Menschen lassen, desto verletzlicher werden wir. Niemand kann uns so tief treffen wie der, welcher ganz tief in unserem Herzen drin ist.

Dass es ein Risiko darstellt, sich zu öffnen, liegt auf der Hand. Aber ist es ein Fehler, sich zu öffnen? Ist das Risiko zu hoch? Ich denke nicht. Wenn ich liebe und diese Liebe zeige, lebe, dann mache ich nie etwas falsch. Ich bin, wie ich bin, ich habe Gefühle und zeige sie. Werden diese Gefühle nicht erwidert, ist das traurig, aber es ist nicht ein Zeichen dafür, dass es falsch war, zu den eigenen Gefühlen zu stehen, denn die waren da. Werden meine Gefühle verletzt, ich darin belogen, betrogen, habe ich immer noch nichts falsch gemacht. Ich war echt und ehrlich. Der, welcher log, betrog muss das mit sich selber ausmachen, denn ich denke, er hat das viel grössere Problem mit sich und seinem Leben, dass er es überhaupt nötig hatte, so zu handeln, wie er es tat. Es ist nie ein Fehler, zu seinen Gefühle zu stehen, traurig wäre, es nicht zu tun, denn damit nimmt man sich die Chance, das Glück zu finden, weil der, welcher es wert ist, nie tief genug ins Herz vordringen kann. Und ist er erst mal da und will da bleiben: was könnte schöner sein?

Keine Liebe ohne Risiko – aber ohne Liebe wäre alles nichts.

(Das muss der Frühling sein….ich werde rührselig 🙂 )

Yoga boomt – Yoga bringt Erleuchtung

Yoga erobert die Welt. Es wird als Allheilmittel gesehen, soll eine bessere Welt schaffen, soll vor allem den einzelnen von seinen Leiden (körperlich wie geistig) erlösen. Yoga ist in aller Munde und wer was auf sich hält, der macht Yoga. Wenn man nur alle Positionen gut einnimmt, dann kommt die Erleuchtung von selber. Und so pressen sich alle schwitzend, angestrengt in die verrücktesten Posen, drücken noch ein wenig mehr, wenn es nicht so will, wie man will, mogeln sich vielleicht ein wenig hinein, damit es auch noch ein bisschen besser aussieht – denn nur der, welcher wirklich alle schweren Posen schafft, wird die Erleuchtung finden. Wer ein guter Yogi sein will, der soll auch so aussehen.

Dann gibt es noch die Skeptiker, die meinen, Yoga sei nichts für sie, da sie zu wenig beweglich sind, zu wenig sportlich sind, zu dick, zu alt, zu gestresst, zu unruhig sind. Sie haben keine Zeit, keine Lust, keinen Mut. Sie denken, sie seien als Christen nicht in der Lage, diesem hinduistischen oder buddhistischen System zu folgen, fühlen sich von all den spirituellen Gedanken und esoterisch anmutenden Bräuchen abgestossen und befremdet und wehren sich ganz vehement, es auch nur zu versuchen. Weil: sie sind ganz anders, auf dem Boden, realistisch, westlich.

Nun kann man sagen: jeder ist verschieden, die einen wollen Yoga, die andern nicht. Grundsätzlich ja. Nur: was ist Yoga überhaupt? Sind es wirklich nur verrückte Verknotungen von Armen und Beinen, gesungene Oms und Schweigeminuten? Beihnhaltet Yoga automatisch auch Ganeshas, Buddhastatuen und verschlungene Tücher um den Hals? Schwebt ein Yogi fortan durchs Leben, allem bisher weltlichen den Rücken gedreht, um hier und da im Handstand zu meditieren oder im Spagat rohe Möhren zu knabbern, auf die Weltlichen Sünden (vormals Freuden genannt) herabzuschauen? Wohl kaum.

Beide hier genannten Gruppen von Menschen sind wohl vom Yoga gleich weit entfernt, sie leben diese Distanz nur nach aussen anders aus. Beide kreieren sie ein Selbstbild, dem sie entsprechen wollen. Sie sehen sich als Yogis und quälen sich im Glauben, nur so ein guter Yogi zu sein, in für sie eigentlich ungeeignete Posen hinein, missachten ihren Körper, forcieren ihren Geist, indem sie ständig damit beschäfitgt sind, zu denken, dass es doch noch weiter gehen müsse, dass der andere tiefer sinkt, dass der eigene Hamstring ein Fluch sei, weil zu unflexibel, dass man es diesen starren Beinen schon zeigen werde und nun mit Gewalt tiefer sinke. Und wenn es dann knackt, reisst, schmerzt – dann ist man nie selber schuld, nein, dann sind es die Umstände, dann ist es ein Unglück. Und man vergisst dabei, dass man nicht im Zirkus war, sondern im Yogastudio. Wäre es wirklich das Ziel, möglichst tief im Spagat zu sitzen, um erleuchtet zu sein, dann wäre jeder Kunstturner erleuchtet. Es muss also mehr dahinter sein.

Yoga ist mehr als nur Körper. Yoga ist die Einheit von Körper, Geist, Seele und Herz. Wenn ich nicht mit Liebe (zu mir selber und zu anderen) an etwas herangehe, kann daraus nichts Gutes entstehen. Wenn ich nicht mit meinem Bewusstsein meiner Tat folge, wird sie willkürlich, nicht tief und gewollt sein. Wenn ich im Geist schon irgendwo anders bin, statt bei meinem Tun, dann wird das Tun Nebensache und nie Hauptsache sein. Und ich (und andere) werden in ihrer Seele keine Freude empfinden. Nur wenn ich etwas tue, von ganzem Herzen, mit meinem Bewusstsein achtsein dabei, meinen Körper leite in der Tat, dann wird Freude entstehen – und dann wird der Weg zur Erkenntnis gehbar. Und dann kann ihn jeder gehen, der bereit ist, sich diesem Weg zu öffnen – im Leben und auf der Matte. Dann muss es kein Spagat sein, kein Knoten in den Beinen, keine sportliche Höchstleistung.

Die Asanas (Körperübungen) sind gut und wichtig, denn sie halten den Körper gesund, stark und flexibel – und sie helfen ihm auch, zu gesunden, stark zu werden und flexibel, wenn er es noch nicht ist. Alllerdings nur dann, wenn man sich wirklich mit allem, was das eigene Sein ausmacht, darauf einlässt. Ansonsten ist es kein Yoga, sondern Gymnastik – und durch falschen Ehrgeiz keine gesunde, da doch herausfordernde Gymnastik. Dass der eigene Ehrgeiz einem immer mal in die Quere kommt, ist wohl menschlich, zu lange waren wir auf Leistung, Ziele getrimmt. Kaum ein Yogi, der keine Verletzung auf seinem Weg mitnahm – ich schliesse mich da mit ein. Der Preis für diesen Ehrgeiz ist mitunter hoch. Wenn man daraus lernt, nicht zu hoch.

Yoga findet im Leben und auf der Yogamatte statt, indem wir sowohl die eigenen Grenzen spüren und achten, wie auch die der anderen. Es findet da statt, wo die Liebe für das Leben anfängt und man achtsam damit umgeht. Da, wo man bewusst einen Weg gehen will, der einen an einen Punkt führt, wo Leiden aufhören soll, weil man sich tagtäglich für den anderen Weg entscheidet, den der Freude, den des Bewusstseins und des Herzens im Tun und Sein.

Energien

Wir sind alle eins, alle gehören wir derselben Kraft an, sind dieselbe Energie. Energie ist überall, in allem, was lebt ist sie, sie ist das Leben, die Essenz, ein grosses Ganzes.
Energie war auch das Thema dieser Woche. Einerseits machte ich einen Kurs in Asiatischer Energiemassage,in Thaimassage, welcher Energien freisetzen sollte, sowohl im Therapeuten wie im Massierten. Andererseits wurde ich konfrontiert mit Menschen, welche sich um Energien sorgten, bevorzugt um die eigenen, welche sie von den fremden gestört wissen wollten.

Geht man von der Einheit von allem aus, von der Verbundenheit allen Lebens, ist die Aussage, dass fremde Energien störend sind, einen beeinträchtigen, einen negativ tangieren, eigentlich paradox, denn die Energie der andern ist dieselbe wie die eigene. Und geht man von der Resonanztheorie aus, so sieht man im Aussen immer das, was man innen lebt, so dass man sich eigentlich fragen müsste, wieso man andere Energien als negativ erachtet.

Was mir aber ganz besonders auffiel – und nicht nur dieses Mal: die Menschen, die andere Energien als negativ erachten, sich vor negativen Energien fürchten, sind meist die, welche am meisten davon verströmen. Sie stehen da, kein Lachen im Gesicht, keine Freude in den Augen, nur Ernst, Verbissenheit, Argwohn. Ob das schützenswert ist? Woher kommt diese Angst vor negativen Energien?

Sicher einerseits aus dem Gefühl, von den andern getrennt zu sein. Man sieht sich und die andern als separierte Wesen, die nichts miteinander zu tun haben. Man sieht sich als Menschen im Käfig, dessen Türe man sorgsam abschliesst, um ja nicht tangiert zu werden von andern. Und meist kommt aus dieser Sicht viel Mehr Leid als aus jeder Energie von aussen kommen könnte.
Eine andere Quelle ist der Glaube, selber höher zu sein als die anderen. Man denkt, selber an einem Punkt zu stehen, den die anderen nicht haben. Man will diesen Punkt nun vor dem vermeintlich minderwertigen schützen. Eigentlich eine sehr überhebliche und wenig liebevolle Sicht. Denn: was macht einen Menschen höher als den anderen? Geld? Ausbildung? Erkenntnisse? Ist man je höher als andere? Sind wir nicht einfach verschiedene Ausprägungen der ein und derselben Energie?

Es gibt im Leben immer Menschen, die einem näher stehen als andere, die einem sympathischer sind als andere, zu denen man den Draht eher findet als zu den andern. Nie können alle Menschen beste Freunde sein, aber wieso muss man die anderen ablehnen? Ich habe mich oft ertappt dabei, aus Situationen heraus negative Gefühle zu entwickeln gegen Menschen. Meist, weil ich mich selber unsicher fühlte und mich so schützte. Oft steigerte ich mich auch in die negativen Gefühle in mir hinein, ärgerte mich über andere, schimpfte auch mal. Wenn ich dann aber in einem ruhigen Moment einen Schritt zurück trat und genau hinschaute, mich bemühte, bewusst zu sehen, was wirklich war, mich auch bemühte, eine positive Haltung einzunehmen, merkte ich immer, dass es mir viel besser geht, wenn ich die anderen Mensche mit Liebe bedenke. Wenn ich sie als liebenswerte Wesen erachte und positiv bleibe. Und oft kam dann auch eine positive Haltung zurück. Auch da müssen nicht immer tiefe Freundschaften entstehen, aber ein Umgang in Frieden und mit Respekt, denn der tut allen gut.

Das ist der Weg, wie wir es selber in der Hand haben, aus unserer Welt eine friedlichere zu machen. Und dann müssen wir uns auch nicht vor negativen Gefühlen schützen, denn was wir in die Welt schicken, wird auch wieder zu uns zurück kehren.

Durch Einheit zum Glück

Es gibt Menschen, die definieren sich über ihren Körper. Wenn sie genau die Figur haben, die sie haben wollen, sind sie glücklich, wenn alles so aussieht, wie es in ihrer Vorstellung aussehen soll, sind sie glücklich – denken sie, denn meist ist es nicht so und sie denken nur, sie wären, wenn denn alles so wäre. Und legen sich ins Zeug, dahin zu kommen, essen nicht mehr, essen zu wenig, mühen sich ab, plagen sich, legen sich gar unters Messer. Und wenn sie sogar erreichen, was sie anstreben, ist die Gefahr gross, dass sie dann etwas Neues finden, das dringend geändert werden muss.

Es gibt Menschen, die definieren sich über ihren Verstand. Logik, Intellekt, Analyse führt zum Glück, denn nur sie können die richtigen Entscheidungen treffen, nur sie finden die Antwort. Im Osten ist man von dieser Sicht wenig überzeugt, sieht in ihr gar das Übel der meisten Leiden. Der Verstand ist nie allwissend, sondern legt gar einen Schleier der Unkenntnis, der Illusion – den Schleier der Maya – über einen. Und doch versuchen wir ständig krampfhaft, mit dem Verstand, mit dem Geist unsere Welt zu erfassen, die Menschen einzuteilen, herauszufinden, was gut ist und was schlecht ist.

Unter dem Strich sind beide Typen gleich unglücklich. Sie sind einerseits verhaftet mit einem Teil von sich, der sie nie zum Glück führen wird. Oft ignorieren sie den andern Teil nicht nur, die verschiedenen Teile sind gar im Widerstreit. Der Geist versucht, den Körper zu formen, dem Körper wird mehr Zuwendung gegeben gegenüber dem Geist, welcher vernachlässigt verkümmert. Dabei haben viele Philosophien propagiert, dass nur das Zusammenspiel beider wirklich glücklich machen kann, da man nie einen Teil von sich ignorieren sollte. Schon in der Bibel steht im Paulus:

„Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begeheren des Geistes richtet sich gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, so dass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt.“

Wenn wir ständig vom inneren Streit belastet sind, wird zu viel Energie dahin abgelenkt. Nicht zu unrecht heisst es:

„Mens sana in corpore sano.“

Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Und das gilt auf beide Seiten. Ein gesunder Geist wird gebraucht, den Körper gesund zu halten, denn wird der Geist krank, wird das im Körper Spuren hinterlassen. Ist der Körper gesund, kann sich der Geist entfalten. Ist der Körper krank, wird das im Geist Spuren hinterlassen, da er ständig damit beschäftigt ist, sich um die Zipperlein des Körpers zu kümmern.

Wenn wir also eine Basis für ein gutes Leben schaffen wollen, gilt es, sich um Körper und Geist zu kümmern, zu sehen, dass beide gesund sind, dass beide in sich ruhen. Nur wenn wir uns als Ganzes Sorge tragen, stehen wir auf einem gesunden Fundament, welches als Grundlage für unser Leben, für unser Glück im Leben dienen kann. Denn nur ein gesunder Körper und ein gesunder Geist ermöglichen uns, frei von Beeinträchtigungen, frei von negativen Gedanken und Gefühlen und Empfindungen durchs Leben zu gehen.

Zufriedenheit

Ich bin zufrieden. Alles ist gut, wie es ist, das Leben ist toll, ist genau das Leben, das ich haben will, womit ich mich wohl fühle. Ich habe den Partner, den ich mir wünsche, habe den Beruf, der mich ausfüllt, habe das Kind, das ich liebe, wohne an einem schönen Ort, es geht mir gut. Ja, ich bin zufrieden. Wie oft denkt man genau das im Leben? Und wie oft denkt man, dass eben alles nicht so ist, wie man es gerne hätte, dass alles besser wäre, hätte man nur einen anderen Beruf, einen anderen Partner, ein braveres Kind, wohnte an einem schöneren Ort und überhaupt. Die andern haben es immer besser als man selber, denkt man dann… und hadert mit dem Leben.

Gerade in Beziehungen findet sich diese Unzufriedenheit oft. Der Partner an der Seite ist nicht der, den man sich wünscht. Oder man hat gar keinen und wünscht sich einen. Oder aber man hat einen und möchte ihn nicht mehr – weil er eben nicht ist, wie er sein soll. Bin ich, wie ich sein soll? Wie soll er denn sein? Perfekt? Bin ich es? Wohl eher nicht. Aber der andere müsste es sein. Müsste all meine Bedürfnisse abdecken, müsste immer verfügbar sein oder eben nicht, wenn ich meine Ruhe möchte. Er müsste gut aussen, sportlich sein, wild sein, zärtlich sein, anhänglich sein, Freiraum geben, meine Interessen teilen, nicht kleben, für andere attraktiv sein, dies aber nicht bemerken – eine Eier legende Wollmilchsau. Und wenn nur eines dabei fehlt, dann sind wir unzufrieden. Und wir sehen das Fehlende ständig, es springt förmlich ins Auge bei jeder Gelegenheit. Dass alles andere gut wäre (oder viel) ist vergessen, das eine Ding fehlt. Und das nagt. Und es wird immer wichtiger, es wird oberste Priorität, egal, wie klein es ist im Vergleich zum Rest. Es treibt uns an und um. Und wir sehen überall um uns nur noch Menschen, die genau das haben, was uns fehlt und springen drauf an, sehen es sehnsüchtig, wünschen uns einen anderen Partner, sehen ihn überall… und übersehen dabei wohl oft, was wir wirklich hätten, würden wir es nur zu schätzen wissen.

Ab und an hilft es, einen Schritt zurück zu treten und zu sehen, was da ist. Wirklich hinzusehen und bewusst wahrzunehmen, welches Glück man eigentlich im Leben hat. Und nicht nur ständig zu sehen, was noch fehlt. Fehlen wird immer etwas. An uns selber, an andern, am Leben selber. Zu warten, dass das Leben komplett wäre, alles genau so wäre, wie man sich das selber in den schönsten und blumigsten Träumen ausmalt könnte zum Warten auf Godot werden. Glücklich macht das nicht. Glücklich würde einen auch das Leben nicht machen, in dem alles da ist, nichts mehr fehlt – denn würden die Träume fehlen, die noch zu erreichenden Ziele fehlen. Man wäre Orientierungslos und übersättigt. Und irgendwie gar nicht mehr lebendig.

Vielleicht sind es genau die kleinen Unperfektheiten, die uns das Leben schätzen lehren? Die uns bewusst machen, auch mal hinzuschauen und zu sehen, was ist, wirklich ist. Und das zu schätzen. Und zu achten. Und dazu Sorge zu tragen.

Alle sind eins – ich bin du und du bist ich

Heute las ich bei Zensho über die Frage „Wer bin ich?“. Die Frage sei komisch, als ob die Welle das Meer frage, wer sie sei und das Meer antworte: Du bist ich, du bist das Meer. Wir alle seien dieselbe Wirklichkeit und nähmen uns nur irrtümlich voneinander getrennt wahr. Und durch diese separate Wahrnehmung entstehe alles Leid. Heisst es.

Ich glaube auch, dass wir im Grunde verbunden sind, alle die eine grosse Wirklichkeit, dieselbe Energie sind. Alle sind wir Materialisierungen ein und derselben Energie. In der Materialisierung aber, so denke ich, sind wir eben doch getrennt und nicht mehr eins. Wir haben uns manifestiert als Individuum, das im Grunde zwar eine gleiche Basis hat wie die anderen Individuen, nun aber eine eigene Ausprägung besitzt.

Was wäre die Konsquenz, wenn wir alle eins wären? Ich wäre du und du wärst ich? Alles, was deins ist, wäre ja dann meins. Meins deins. Eigentum wäre aufgehoben. Rechte gäbe es keine mehr, da wir alle ein Recht auf alles hätten, da alles auch eins wäre. Oder wie weit geht das Einssein? Wo hört es auf? Wir können uns als Teil des Ganzen sehen, das Ganze ist irgendwie auch in uns drin, aber trotzdem bleiben wir wir. In dieser Welt, in der wir leben.

Was hilft uns diese Philosophie des Einssein? Sie hilft uns, Verständnis für den andern zu haben. Sie hilft, Mitgefühl und Liebe zu empfinden und zu bewahren. Wenn der andere genau so ist, wie ich es bin, sehe ich uns als verbunden und fühle mich ihm nah. Es fällt dann leichter, gut für ihn zu fühlen, gut gegen ihn zu handeln, als wenn ich ihn als komplett anders erachetet. Indem ich ihn als gleich sehe, weiss ich, er hat auch seine Ängste, wie ich sie auch habe, er hat auch Schwächen, Stärken, Unsicherheiten, Freuden. Er ist Mensch, wie ich. Nicht mehr, nicht weniger. Das gibt mir etwas Sicherheit und lässt mich besser fühlen. Wäre er komplett anders, wäre ich unsicher, denn ich könnte nicht durchschauen, wie er ist, was er ist, er wäre fremd und Fremdheit schürt Ängste, Abwehr, Misstrauen. Alles das wollen wir aber nicht, sondern wir wollen gute Gefühle, wollen uns öffnen, wollen leben, lieben. Und dazu hilft die Sicht des All-Eins. Die auch nicht verkehrt ist. Nur eben eine absolute Wahrheit darstellt, die von der relativen unserer Welt, in der wir leben, überlagert ist.

Ich denke, die Kunst liegt darin, die eigene Individualität wahrzunehmen, zu leben, zu achten auch, dabei aber das Bewusstsein zu haben, dass wir alle verbunden sind. Durch Energie, durch Wirklichkeit, durch blosse Existenz. Wir brauchen die andern, alleine sind wir schwach und hilflos. Nur wenn wir uns auf die anderen verlassen können, sie sich im Gegenzug auf uns, sind wir überhaupt lebensfähig. Und vielleicht steckt genau darin auch eine Antwort auf meine Frage von gestern: Wieso haben wir Beziehungen? Weil wir im Miteinander stärker sind als alleine. Weil wir nicht geschaffen sind, alleine zu sein. Weil Liebe ein Lebenselixier ist und uns erst lebendig macht.