Sinn und Wert

Ein weiser Mann erzählte mir mal folgendes:
Es gibt ganz viele Menschen, die sind Maulwürfe. Sie leben ihr Leben in ihren Höhlen, tun, was Maulwürfe tun und sind zufrieden in ihrem Sein. Dann gibt es einige Menschen, die sind Schmetterlinge. Sie hören von den Maulwürfen immer: „Komm endlich in die Höhle, tue, was wir tun, so gehört sich das, so ist das Leben.“ Und die Schmetterlinge denken dann: „Ich bin falsch. Ich muss mich ändern. Ich muss in diese Höhle.“
Insgeheim merken sie, dass sie in der Höhle nicht glücklich werden. Doch sie hören in sich drin die Stimme: „Ich muss in die Höhle, ich bin nicht normal.“

Einige Schmtterlinge fliegen wohl in die Höhle. Sie gehen ein. Andere fliegen weiter, überhören die Stimmen. Noch andere fliegen, hören die Stimmen – von aussen und innen – und hintersinnen sich. Immer wieder. Denken, sie sind nicht richtig. Denken, sie passen nicht in diese Welt. Denken, sie müssten anders sein. Wünschen sich ab und an, in Höhlen zu leben. Merken dann, dass sie es nicht können. Fliegen weiter. Freuen sich am Flug. Kurz. Um dann wieder zu denken: „Ich müsste in diese Höhle. Verdammt, was mache ich da?“

Es gibt Tage, da fühle ich mich wertlos. Da denke ich, die ganze Welt liefe genau gleich, gäbe es mich nicht.
Es gibt Tage, da hadere ich mit dem Schicksal, wünschte mir, ich wäre anders. Dann denke ich, nichts auf die Reihe zu kriegen, nicht normal zu sein, nicht so zu sein, wie man sein müsste.
Es gibt Tage, da sitze ich hier und frage mich, was das alles soll, was ich tue, wieso ich tue, was ich tue, für wen ich tue, was ich tue.
Es gibt Tage, da ist die Welt aus den Fugen und ich mit ihr.
Es gibt Tage, da ist alles aus dem Lot, ich weiss nicht mal mehr, was ein Lot wäre und wenn ich es sähe, würde ich es nicht für mich passend empfinden, gleichzeitig verfluchend, dass es nicht passt und mich verfluchend, weil es nicht passt und weil ich das nicht Passen verfluche.
Frei nach dem Schaf: Alles ist doof. Aber ganz alles. Sogar das Du, das da ist oder nicht, es ist in beiden Zuständen doof. Und noch mehr ist das Ich doof. Das ist immer da und genau so, wie es ist, doof ist. Und im Dasein noch doofer. Bin ich ein Schaf?

Muss der Schmetterling in die Höhle? Darf er fliegen? Was ist richtig, was ist falsch? Wer ist mehr wert? Schmetterling oder Maulwurf? Wer hat mehr Daseinsberechtigung? Worin besteht der Sinn des Lebens? Was ist besser?

Wir werden in unserer Welt sehr darauf getrimmt, hinter allem einen Sinn zu suchen. Der Sinn hinter den Dingen macht die Dinge mit dem Verstand fassbar. Und nur, was mit dem Verstand fassbar ist, ist auch real. Ist da. Kann man einordnen. Dann fühlt man sich gut. Sinn alleine reicht aber nicht. Es muss auch noch einen Wert haben. Und der sollte sichtbar sein. Fühlbar. Nutzbar. So funktioniert das Leben, die Gesellschaft.

Wir lernen das von klein auf. Gute Leistungen bringen Lob, bringen Geschenke, bringen Liebe oft. Schlechte bringen Tadel, bringen Enttäuschung der andern und damit bei uns selber. Wie viele Kinder fürchten die Zeugnisse, weil sie die Reaktion ihrer Eltern fürchten. Wie viele Kinder versuchen alles, es ihren Eltern recht zu machen, weil sie Liebe wollen. Weil sie zeigen wollen, dass sie die Liebe wert sind. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Aber was er lernt, verlernt er auch nicht mehr. Und so sitzen die Muster tief. Sie prägen. Hängen nach.

Und dann sitzt man da und denkt: „Ich muss genügen. Ich muss Leistung zeigen. Ich muss es wert sein. Ich will geliebt werden. Also wo ist diese verdammte Höhle, ich muss da rein. Ich will auch so sein.“ Und flattert dabei mit den Flügeln. Und findet das Flattern gut. Weil es ist, was entspricht. Und denkt: „Aber es bringt nichts. Es ist nur Flattern. Es baut keine Höhlen. Es hat keinen Wert. Und die andern sind so viele. Ich flattere hier alleine.“

Und da ist da einer. Der sagt: „Ich liebe dich, wie du bist. Ich will dich fliegen sehen. Flieg, kleiner Sommervogel, flieg.“ Und man denkt: „Das kann nicht sein, der irrt.“ Zu tief sind all die Muster, zu tief sind all die Prägungen. Und er wird nicht müde, zu betonen: „Flieg. Du bist ein Sommervogel, kein Maulwurf. Und Sommervögel sind gut so, wie sie sind. Sowie auch Maulwürfe gut sind, wie sie sind.“ Und man weiss, er hat recht. Und man weiss, so soll es sein. Und man denkt, das ist die Wahrheit. Und man hofft, man glaubt sie mal.

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