Teilhaben am Leid anderer oder einfach mal fröhlich sein

Kürzlich am Küchentisch fanden im Hause Cosima wieder einmal die üblichen philosophischen Diskussionen statt. Auslöser war ein ganz profanes Thema: „Mama, was für Filme schaust du gerne im Kino?“ Also mein Sohn das nicht wüsste, stossen wir doch zu Hause beim Fernsehprogramm wie auch im Kino immer wieder an unsere Kompromissgrenzen. Er schaut alles gerne, das mit Action, Science Fiction, Agenten, Spannung zu tun haben, ich schaue – das Lied „weil ich ein Mädchen bin“ kommt mir grad in den Sinn – gerne Liebeskomödien oder aber Filme über die Shoah, das Dritte Reich, die Zeit des Krieges und der verfolgung. Dieses Interesse fängt nicht bei den Filmen an, das tut es in der Wissenschaft, erstreckt sich über die Literatur bis in den Film hinein. Mein Sohn schaut mich gross an und sagt mit noch grösserem Ernst: „Mama, wieso beschäftigst du dich mit diesen Dingen? Die sind vorbei und so traurig. Wir sollten fröhlich sein heutzutage und fröhliche Dinge schauen.“ Ich versuchte etwas von historischer Verantwortung und nicht vergessen dürfen zu erklären, die Argumente griffen wenig. Nicht dass mein Sohn nicht interessiert an Geschichte wäre, das ist er sogar sehr, die einzigen Bücher, die mein nicht lesendes Kind liest, sind Geschichtsbücher (vornehmlich über Römer). Trotzdem bleibt er dabei: Es bringt nichts, sich mit traurigen Dingen zu beschäftigen, die nehmen einem die Freude und es ist besser, zu lachen und fröhlich zu sein.

Nun ist es nicht so, dass ich nie lache, im Gegenteil. Aber die Beschäftigung mit diesen doch eher düsterern Themen nehmen einen grossen Platz in meinem Leben ein. Dass ich mich an dieses Gespräch erinnere, kommt nicht von ungefähr, sondern wurde durch den Blog eines lieben Freundes angestossen: http://lautenist.livejournal.com/58000.html?view=138640#t138640 Er stellt sich auch die Frage, ob es Voyeurismus ist, Freude am Leid anderer, wenn man sich damit beschäftigt.

Was packt mich an dem Thema – bei mir dem Thema der Judenverfolgung, der Vernichtung, des Leids von Millionen von Menschen? Es ist nicht ein Gefühl der Freude über ihr Leiden, eher schon Trauer, Wut, Entsetzen. Interesse ist nicht immer positiven Gefühlen geschuldet. Woher aber rührt die Trauer, die Wut? Icih denke, sie lässt sich auf das Unverständnis zurückführen, wie Menschen so sein können. Es ist das wissen Wollen, wie es dazu kommen kann. Was die einzelnen Menschen angestachelt hat. Ich möchte die Mechanismen dahinter erkennen, sie durchschauen – um immer wieder zu sehen: sie sind nicht zu verstehen. Vielleicht ab und an zu erklären. Ab und an zu bechreiben. Aber zu verstehen? Nicht im Herzen. Ganze Regale zu dem Thema habe ich gelesen, jedes neue Buch drängt sich mir wieder auf, jeder neue Film muss gesehen werden. Das Thema hat eine Gewalt. Und in mir den Zwang, dran zu bleiben. Aus einer inneren Pflicht heraus, einer Verantwortung. Als Mensch. Das, was mein Sohn nicht als Argumente gegen die Freude gelten liess, stimmt doch ein Stück weit für mich. Es darf nicht vergessen werden. Es muss weiter gehen. Weiter bedacht werden, dessen muss weiter gedacht werden. Es darf nicht sein, dass so viele Menschen in den Tod befördert wurden, damit man ie nachher noch ganz vergisst. Und damit quasi zum zweiten Mal tötet. Denn was bleibt, ist die Erinnerung. Die Überlebenden spürten die Pflicht, Zeugnis abzulegen, die Erinnerung zu bewahren ganz deutlich. Und wenn diese Überlebenden auch nicht mehr leben, ist es an den nachkommenden Generationen, weiter zu gedenken.

Trotzdem hat mein Sohn natürlich recht. Freude darf und soll sein. Wir tun niemandem einen Gefallen, uns die Freude am Jetzt zu nehmen, nur weil im Gestern Menschen litten – es auch im Heute noch tun. Was wir aber tun können ist, unsere Freude bewusst zu sehen, sie bewusst zu leben und dankbar zu sein, dass wir in der Lage sind. Und dabei nie zu vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, ein Privileg  gar.

Zusammenbleiben

Eine schlaflose Nacht brachte es mit sich, dass ich einen Film schaute, zuerst in der Hoffnung, dabei einschlafen zu können, dann mit immer mehr Gefallen am Gesehenen selber. Ein Kleinunternehmer, gutaussehend, Familienvater von drei Kindern, verheiratet mit einer eigentlich hübschen, ihm aber wohl zur Gewohnheit gewordenen Ehefrau, welche mehr an Alltag denn an Erotik denken liess, verliebte sich (nicht zum ersten Mal in seiner Ehezeit) in eine Frau (die, man hat es erahnt, nicht die seine war). Die Liason dauerte ein paar Monate, die Ehe daneben plätscherte dahin, die Frau fühlte sich allein gelassen, keifte, was sie nicht attraktiver machte für den Mann. Ganz Unschuld von Lande war sie auch nicht, auch ihre Ehekarriere war durchbrochen mit sicher zwei Affairen. Reingeschlittert aus dem Wunsch, begehert zu werden, aus der Vernachlässigung heraus, vielleicht auch aus Frust über den Alltagstrott.

Irgendwann das Unvermeidliche: die Sache kam ans Licht. Vorher zwar erahnt, war nun klar für die Frau: da ist eine andere Frau. Und der Mann stand in der Situation, dass diese andere Frau eine Entscheidung haben wollte. Die Trennung wurde beschlossen, man redete erst emotional, den anderen verletzen wollend, vielleicht um ihm ein wenig von der eigenen Verzweiflung, die in diese Situation geführt hatte, abzutreten, dann sachlich. Trennte sich in derselben Nacht, die Frau noch nüchtern, er eher weniger, was ihm im Auto nicht gut bekam. Er landete in der Ausnüchterungszelle. Da weinte sie nun zu Hause aus Trauer über das, was sie verloren hatte, was doch nicht nur Alltag, Gewohnheit war, sondern auch Erinnerung, Lebensinhalt, eigenes Leben. Er tat das Gleiche in der Zelle, plötzlich bewusst, dass ihn doch mehr mit dieser Frau verbindet als die Kinder und die Zahl der Jahre. Am nächsten Morgen trennt er sich von der Nebenfrau, die ins Schlittern geratenen Geschäfte können dank der Hilfe der Nochfreu aufgefangen werden und am Schluss sieht man die beiden in den lange geplanten und immer verschobenen Urlaub fahren. Im Wissen, dass es nicht nur einfach werden wird und eitel Sonnenschein, aber doch nachdenklich geworden.

Die Filme und Bücher über das Zusammenbleiben scheinen sich zu mehren. Waren früher eher Kennenlerngeschichten aktuell, stolpere ich immer mehr über die, welche die Fortsetzung der Anfangsromantik thematisieren. Zufall? Zeichen der Zeit? Ich weiss es nicht, nutze es aber zu eigenen Gedanken.

Früher war mir eines klar: Ein Seitensprung wäre das unweigerliche Ende. Treue als oberste Maxime, ohne Toleranz. Ich bin älter geworden. Vielleicht ruhiger. Bestimmt ruhiger. Und wohl auch nachdenklicher. Zudem hat die Erfahrung des Lebens einiges mit sich gebracht. Eine Beziehung, welche aus Liebe entsteht, aus Romantik auch, aus vielen Wünschen und Träumen des Miteinanders, des Wachsens, gemeinsam, aneinander ist etwas Wertvolles. Das zu erkennen dürfte noch keine Hexerei sein. Was aber so blumig und schön anfängt, bleibt selten so, das Leben geht weiter, das Leben ist nicht immer einfach, äussere Einflüsse tun das ihre, innere Stimmungen zu erzeugen, nicht immer nur positive. Zwei Menschen sind nie identisch, Wünsche prallen aufeinander, Bedürfnisse, widersprechende, sich ab und an ausschliessende. Kompromisse sind wichtig, nicht immer befriedigend. Ab und an kommt die Sehnsucht nach Unabhängigkeit dazu, nach Neuem, nach Abenteuer. Verlockungen sind nicht selten, wenn gar Möglichkeiten da sind… wird das Schwierige noch schwieriger, der Schlussstrich scheint der einfachere Weg.

Das mag in jungen und umabhängigen Jahren noch zutreffen, doch selbst dann kommt nicht immer etwas Besseres nach. Je älter man wird, je mehr in einer Beziehung auch verbindet, desto weniger trifft es in meinen Augen zu, dass Gehen die bessere Alternative ist. Erstens wird alles erst mal Neue irgendwann alt, zweitens werden mit jedem neuen Menschen auch neue Probleme auftauchen und drittens ist im Alten nie alles nur schlecht, so dass einem irgendwas ganz schrecklich fehlen wird, wenn der Mensch erst mal weg ist. Dazu kommt – und das wiegt viel schwerer: Die Vertrautheit, die man über die Zeit aufgebaut hat, wird in einer neuen Beziehung nie so da sein. Selbst wenn man denkt, den Seelenverwandten getroffen zu haben, der einen blind versteht. Nach dieser anfänglichen Blindheit gehen beiden meist die Augen auf und von dem Verstehen bleibt nicht mehr ganz so viel, Unterschiede tauchen auf.

Es gibt viele Sprüche heute darüber, dass man viel zu schnell aufgibt, nicht mehr kämpft, sich nicht mehr zusammenrauft. Man möchte es als leere Weisheiten abtun, möchte dagegen halten. Das Argument der neuen Möglichkeiten der Frau, die das erst realisierbar machten, ist schnell bei der Hand, auch nicht ganz von derselben zu weisen. Und doch bleibt ein Funken Wahrheit dabei. Ob man heute wirklich glücklicher ist damit? Ich wage es zu bezweifeln.

Was ich aber ganz konkret durch diesen Film überlegte, war: wieso ist der Umstand der sexuellen Treue so relevant, so wichtig? Vieles andere wäre man bereit, zu verzeihen, aber bei dem sagt man: Game over. Ist Sexualität so viel wichtiger in einer Beziehung als Liebe, als Miteinander, als Freundschaft, als Vertrauen. Klar, dieses Vertrauen wurde verletzt durch einen Seitensprung, aber andere Vertrauensbrüche würde man leichter wegstecken. Sie wären schmerzhaft, aber nicht das Ende. Grundsätzlich sind sie aber alle dasselbe. Alle Vertrauensbrüche gehen darauf zurück, dass man etwas tat, von dem man wusste, der andere wäre verletzt, der andere würde leiden. Und man tat es doch. Heimlich. Weil man a) nicht verletzen möchte und b) nicht verlieren, was man hat. Sei es aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit oder doch auch Liebe. Trotz allem. Ich bin durch all das zum Schluss gekommen für mich, dass ich es heute wohl nicht mehr so rigoros sagen könnte. Klar erwarte ich nach wie vor Treue – genauso aber auch Ehrlichkeit auf anderen Ebenen. Ich habe keine Hierarchie mehr in diesem Wunsch. Die sexuelle Ehrlichkeit wiegt dabei nicht höher als jede andere, denn der Verlust an Vertrauen ist bei allen Brüchen derselbe. Wäre diese eine Ebene die alleinausschlaggebende, wäre es ja auch die einzige Ebene, die die Beziehung zusammenhält. Aber da ist so viel mehr. An Austausch, an Halt, an Gefühlen, an Herausforderung – und auch an Gewohnheit.

Gewohnheit hat oft einen langweiligen Touch. Alles muss immer neu sein. Aufregend. Dabei übersieht man, dass Gewohnheit auch ganz viel Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Und damit auch ein Stück Ruhe. Auch das kann wertvoll sein. Aufregend genug ist das Leben meistens selber. Und wenn der geliebte Mensch es auch ab und an ist, weil er es sein will, sich die Mühe gibt, es zu sein, dann ist eigentlich schon viel erreicht. Den Wert der Zeit wird Neues nie aufwiegen können. Beziehungen werden nie tief, wenn der Faktor Zeit fehlt. Und gerade diese Tiefe lässt wachsen – sich und den andern und beide zusammen. Drum sind eigentlich diese neuen Liebesgeschichten die interessanteren. Weil sie mehr über den Menschen an sich aussagen. Und damit auch über einen selber.

Das alles ist blosse Theorie. In diesem Punkt liebe ich die Theorie mehr als den Praxisbezug – wie es sich für eine Philosophin wohl auch gehört. 🙂

Endlich leben

Das Leben war oft grausam mir,
Hürden, ganze Berge standen.
Als ich begegnete dann dir,
sich alle meine Glieder wanden,
davon zu kommen, schnell und schneller,
da nicht sein konnt‘, was ich fühlte.
Doch es wurde hell und heller,
wie wenn Flut den Sand wegspülte,
der über mein Leben sich gelegt,
mich immer tief und tiefer drückte,
ihn aber trotzdem noch gehegt,
als ob er mich seit je beglückte.
Es war Zuhause mir, dies düstre Loch,
in das ich kroch tagaus, tagein,
und sehnte mich wehmütig doch,
das konnt nicht all’s gewesen sein.
Sachte fing ich an die Mauern
einzubrechen, Stein für Stein,
ab und an auch mit Bedauern,
liess ich nun das Licht herein.
Lernt‘ es schätzen, lernt‘ es lieben,
fühlte bald, wie gut es tut,
Sand und Dunkel war’n vertrieben,
in mir regt‘ sich neuer Mut.
Zwar kehrt die Angst zeitweise wieder,
dass das Dunkel kehrt zurück,
dass sie stimmen, all die Lieder,
die besing’n verlornes Glück.
Doch bleibt nur eins – es heisst, vertrauen,
dass du bleibst, ich werd’s erleben,
möchte lieben, auf dich bauen,
denn nur so ist leben Leben.

Hintenrum

Was kümmern mich Menschen, die hiner meinem Rücken über mich sprechen? Die schaue ich eh nur mit dem Hintern an.

Wieso sprechen so viele lieber hinter dem Rücken von andern, statt sich direkt mit dem Menschen auseinanderzusetzen? Wo liegt der Kick? Gibt es eine innere Befriedigung? Oder weiss man selber, dass das, was man sagt, eigentlich falsch ist, man es deswegen nicht vorne rum der entsprechenden Person ins Gesicht sagen kann? Weil man fürchtet, die Antwort könnte einen selber mehr treffen, als man den anderen trifft?

Wenn ich etwas nicht vorne rum sagen kann, müsste ich mich fragen, wieso das so ist. Es gibt verschiedene Gründe:

  •  Ich will mit der Person nichts zu tun haben – dann stellt sich die Frage, wieso sie so wichtig ist, dass ich mich dennoch mit ihr beschäftige und ihr meine Zeit widme, indem ich über sie spreche.
  •  Ich weiss, dass das, was ich sage, nicht richtig ist – wieso will ich es dann erzählen? Was will ich damit erreichen? Rache? Selbstbefriedigung? Aber wird es eine sein, wenn ich wissentlich Lègen erzähle? Wenn ich jemanden mutwillig schlecht mache? 
  • Ich weiss, dass ich den anderen Menschen damit verletzen würde – wieso sage ich es dann hintenrum? Die Gefahr, dass er es über Ecken trotzdem erfährt und dann umso verletzter ist, liegt auf der Hand.
  • Es macht Spass – wo genau liegt der Spass, hinter dem Rücken anderer zu sprechen? Weil man dann ungehemmt lästern kann? Worin muss die Lästerei bestehen, wenn man die Inhalte nicht auch vorne rum loswerden kann und gemeinsam lachen? 

So gesehen gibt es wohl keinen wirklichen Grund, hintenrum zu sprechen. Tut man es doch, liegt das Problem eher bei einem selber als bei dem, über den man redet – meistens schlecht redet. Und vielleicht wäre es sinnvoll, die Zeit, die man für das Gerede aufwendet, sich also mit einem anderen beschäftigt, mal für sich selber einzusetzen und zu schauen, was einen treibt. Was einen antreibt, gegen andere zu schiessen. Man könnte unter Umständen sehr viel mehr über sich selber lernen dabei als man über den andern zu wissen glaubt.

Und sollte je über einen selber hintenrum geredet werden: was kümmert es schon, wer mit unserm Hintern spricht. Schön ist es, wenn vor den Augen die Menschen stehen, die einem wichtig sind.

Ich und du

„Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen!“
„Au ja, wann?“
„Mir egal, ich bin immer hier.“
„Ich bin auch hier.“
„Nein, du bist dort, hier bin ich.“
„Nicht wahr, ich bin hier, zudem bin ich  ich, du bist du.“
„Das stimmt doch einfach nicht. Ich bin ich und du bist du. Und ich bin hier, du nicht, ich seh dich nicht.“
„Weil du nicht hier bist, sondern dort.“
„Ich bin ich. Ich bin hier. Beweis erbracht.“
„Welcher Beweis?“
„Dass ich hier bin.“
„Sag ich doch, ich bin hier, du bist dort.“
„Nein, ich bin hier, und ich bin ich. Du bist du und du bist dort.“
„Du nervst!“
„Finde ich auch.“
„Wo sehen wir uns denn nun?“
„Na hier, bei mir.“
„Gut, also hier bei mir.“
 „Also, dann komm her.“
„Nein eben nicht, du musst kommen.“
„Wieso, ich bin ja schon hier.“
„Nein, du bist dort.“
„Ich komme nicht mehr draus.“
„Stimmt doch gar nicht, ich komme sehr wohl draus, du kommst nicht draus.“
„Du auch nicht?“
„Nein,du sagtest, ich komme nicht draus, aber ich komme draus.“
„Du bist doof.“
„Finde ich auch.“
„Endlich sind wir uns mal einig.“

Was trägt der Mensch?

Was passiert,wenn Bäche wachsen,
zu Flüssen werden,
Strömen gleich?
Wenn alles flieht
alles stürzt,
mit sich reisst?
Was passiert, wenn Mauern stürzen,
Dächer fallen,
Böden aufgehn?
Wenn alles drückt,
und alles drängt,
mich erschlägt?
Was passiert, wenn Fässer bersten,
alles strudelt,
mich ertränkt.
Wenn Fluten drohen
und Luft wegbleibt,
ich ersticke?
Was passiert, wenn nichts mehr ist,
nur Leere schreit,
ein grosses Nichts?
Wenn alles weg,
ich ganz allein
und haltlos bin?
Was passiert, wenn es nicht endet,
ohn‘ Erbarmen,
ohne Gnade,
Ich nur sehne,
nach dem Ende,
nach dem Aus.

Ode an die Belanglosigkeit

Ein Wort ist ein Wort. Das war einmal, wie mir scheint. Floskeln nehmen überhand. Dass man fragt, wie es einem geht, ohne es eigentlich wissen zu wollen, ist schon lange nichts mehr Neues. Im Englischen wird es schon synonym für „Hallo“ verwendet, im Deutschen sind wir nahe dran. Der Trend scheint weiter zu gehen und in allen Bereichen des alltäglichen Miteinanders Fuss zu fassen.

„Wir müssen uns bald mal wieder treffen!“ heisst bei Weitem nicht, dass man den anderen bald mal sehen wird, geschweige denn was von ihm hören wird. Es klingt nett, es ist vielleicht sogar so gemeint in dem Moment, ein bisschen zumindest, aber schliesslich und endlich doch eher nur so daher gesagt. Wozu eigentlich? Wieso erzählt man jemanden, ihn treffen zu wollen, wenn man das gar nicht wirklich vor hat? Denkt man, dem anderen damit einen Gefallen zu tun? Denkt man, so eine gute Tat für den Moment zu tun, egal, dass diese bei Nichteinhaltung zerstört wird? Denkt man, der andere hätte eine so dahergesagte Floskel so dringend nötig? Das wäre schon fast überheblich. Aber vermutlich ist es pure Gedankenlosigkeit. Nachdenken? Überholt. Sprache wird nicht mehr bewusst verwendet, sondern gewohnheitsmässig dahergeplappert. Oft hört man selber nicht mal mehr, was man wirklich genau sagt. Alles Automatismus.

Vielleicht ist das ein Zeichen der Zeit. Eine Zeit, die selber immer schneller und haltloser wird. Was früher fürs Leben gedacht war, reicht heute höchstens für Abschnitte davon. Was früher verbindlich war, ist höchstens noch Wahrscheinlichkeit. Der einzelne Mensch fühlt sich selber haltlos und kann aus dieser Haltlosigkeit heraus keine eigenen Verbindlichkeiten mehr aufbauen. Er versucht, innerlich frei zu bleiben, um so jeder Eventualität gewachsen zu sein. Er sieht das Leben mit den vielen Änderungen und sorgt vor. Jedes eigene Festlegen wäre dabei eine Statik, die man nicht zu tragen wagt. Weil man sich selber offenbaren würde dabei in einem grossen Nebel von Ungewissheit. Weil man damit eine Stellung beziehen würde, die man nicht sicher halten kann. Und nie weiss, wie lange sie überhaupt haltbar ist. Lieber auf der sicheren Seite bleiben. Alles offen lassen. Sich nicht festlegen. Mal sehen, was kommt. Notfalls kann man noch einlenken. Und so wird aus dem „Wir sehen uns mal!“ ein „Alles ist möglich!“ Leider verliert so das Wort auch die Bedeutung. Und damit endet Kommunikation irgendwann im Sumpf der Inhaltslosigkeit. Zurück bleiben blosse Buchstabenhülsen, deren Meinung so weit ist, dass sie nicht mehr fassbar ist.

Was in dem Ganzen auch mehr und mehr abnimmt sind Werte wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit – und allen voran Anstand und Respekt dem anderen gegenüber. Da die Welt oft Spiegel ist, darf man sich dann aber auch nicht wundern, wenn man in dem Ganzen immer haltloser wird, da andere genauso handeln, sich den eigenen Gepflogenheiten anpassen. Und so gehen immer mehr Menschen als Individualisten ohne echte Bindungen durchs Leben, halten diesen Wandel als grösstmögliche Freiheit hoch und sehen nicht, wie viel Leere sie damit in und um sich aufbauen. Schliesslich und endlich ist und bleibt der Mensch ein soziales Wesen. Nicht nur  Säuglinge überleben nicht, wenn ihnen keine Liebe und Zuneigung entgegengebracht wird, das zieht sich bis ins Erwachsenenalter hinein. Jeder Mensch verkümmert langsam, wenn er einsam durchs Leben geht. Nicht einsam ist man nicht in grosser Gesellschaft, sondern in wahrer. Verschliesst man sich dieser, bleibt Einsamkeit – selbst im grössten Getümmel.

Durchgehende Pferde

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen? Wenn eine Frau einen Mann nicht kriegt, weil er eine andere will, beschuldigt sie die Frau, ihr was weggenommen zu haben und versucht fortan, sie schlecht zu machen. Kriegt ein Mann eine Frau nicht, geht er mit seinen Freunden eins trinken und denkt sich, was der andere kann, kann ich auch: das war noch nicht die Richtige.

Grimms Märchen heute, Schneewittchen aktuell. Die Thematik wird wohl nie aussterben, sie ist ewig aktuell. Woher rührt sie? Die Königin im Märchen war schön, unbestritten, der Spiegel sagte sogar, sie sei die Schönste, einfach mit einer Ausnahme. Statt sich nun zu freuen, dass man wirklich schön ist, geht man dahin und konzentriert alles auf die eine, welche noch schöner ist. Die muss weg. Es darf nicht sein, dass man selber nicht die schönste Frau ist. Und fortan dreht alles Denken nur um die Ungerechtigkeit der Welt, um die Ungerechtigkeit des Lebens und wie man diese beheben könnte. Und wenn man diesen Mechanismus genauer betrachtet, sieht man, dass man selber drauf und dran ist, sich das Leben zu vergiften. Mit Neid. Mit Missgunst. Mit negativen Gedanken. Und diese Gedanken vergiften auch einen selber. Liest man das Märchen, sieht man die Königin förmlich vor sich mit eisernem Gesicht, zusammengekniffenen Augen. Dass dies nicht wirklich Schönheit fördernd ist, liegt auf der Hand.

Doch auch im wirklichen Leben trifft man auf solche Mechanismen. Frau will einen Mann, der ist nicht interessiert. Es muss eine andere Schuld sein. Und statt zu sehen, dass da draussen noch viele, passendere Männer wären, als der, welcher schlicht nie interessiert war, stürzt man sich mit Geheul auf die andere Frau, die am eigenen Übel schuld sein muss. Frau will ihr heimzahlen, was ihr selber vermeintlich Ungerechtes wiederfuhr. Dabei werden die Fakten grossräumig umfahren, der eigene Groll, die eigenen verletzten Gefühle, der eigene Neid steuern fortan das Schiff. Ich nannte es nun nicht Schlachtschiff, das klänge etwas gar pathetisch – aber irgendwie doch passend. Meistens überleben die Sündenböcke. Sie kriegen einfach das ganze Arsenal an weiblicher Hinterlist und Subtilität zu spüren. Wäre ja gelacht, wenn man der als Persona non grata definierten Rivalin nicht das Leben etwas schwer machen könnte. Ob man sich dabei besser fühlt? Ich denke nicht. Tief drin bleibt der Stachel, den man sich selber zementiert hat. Das einfache Annehmen des Umstandes, dass man auf ein Pferd gesetzt hatte, das nicht durchs eigene Tor lief, mag schmerzhaft sein, doch die ganze Geschichte, die man darum aufbaute, haben diesen Schmerz zementiert, hat das Messer mehrmals umdrehen lassen. Hat alles anwachsen lassen. Das Pferd kam nicht nur nicht durchs eigene Tor, die eigenen Pferde galoppierten im Sauseschritt davon.

Es befreit wohl, zu denken, der andere wollte einen nicht, weil jemand Drittes so böse war und einem im Weg stand, statt zu sehen, dass man selber nicht gewollt war. Das hilft, das Selbstbild zu kitten. Dass man damit Dritten Unrecht tut, scheint das kleinere Übel. Ein Übel, das unter dem Deckmantel des vemeintlich eigenen Unrechts rechtfertigt.

Familienzuwachs

Klein wie er ist, erkundet er seit heute Mittag sein neues Zuhause, immer beobachtet vom neuen grossen Onkel. Mein kleiner Panter folgt dem Graubärchen auf Schritt und Tritt, schaut, was dieser alles zu erforschen hat. Vermutlich ganz nach dem Motto „Durch die Augen eines Kindes sieht man die Welt nochmals neu“. Auf alle Fälle hörte ich kaum je Fauchen oder sonstige Kampf- und Unlaute, Näschen berührte Näschen, einer hoppelte, einer lauerte, gespielt haben sie gar zusammen mit einem Faden. Schön, wieder Leben in der Bude zu haben. Linus zeigt sich von seiner besten Seite, lässt dem Kleinen alles durch, ohne böse zu werden, ohne ihn zurechtzuweisen, geduldig, väterlich, gutmütig. Mein Kater, wie ich ihn kenne. Vielleicht erinnert er sich noch an Pascha, der ihn genauso aufgenommen hat vor fast 4 Jahren. Nun ist es an ihm, das weiter zu geben.

Willkommen bei uns, kleiner Kater!

Tränen, Neid und andere Leiden

Heute kam der Spross von Cosima nicht wie sonst fröhlich heim, statt des beschwingten „Hallo“ klang ein wenigerliches Brummeln von der Tür. Besorgt stürmte ich ihm entgegen, dachte schon, was alles Arges mit dem armen Kind passiert ist, sah ihn schon im Geiste mit blauen Augen, verprügelt von grobschlächtigen, bösen Halbstarken vor mir stehen. Er war unversehrt. Auf die Frage, was denn los sei, kriegte ich mit tränenerstickter Stimme zu hören, er hätte eine schlechte Note gekriegt. Nun gut, ich malte mir 2er und 1er aus, tröstete das Kind, das könne mal passieren, davon gehe die Welt nicht unter, um zu sehen, dass es soooo schlecht gar nicht war, einfach keine Superleistung. Wieso also die Tränen? Andere wären besser gewesen, meinte das traurige Kind. Während ich froh war, dass er in einem Fach, in welchem er bis vor kurzem Mühe hatte, eine gute, nicht bahnbrechende, aber gute Note schaffte, war er traurig, weil er im Vergleich mit anderen unterlag. Das machte mich traurig.

Wie oft machen wir uns das Leben schwer, weil wir uns nach aussen vergleichen. Der sicherste Weg ins Unglück ist gerade dieser Vergleich. Klar kann es anspornen, zu sehen, dass andere besser sind, klar kann es motivieren, dem nachzueifern. Wenn der Vergleich aber dazu führt, das selber Erreichte nicht mehr wertzuschätzen, sich schlecht und klein zu fühlen, dann ist der Vergleich nicht gut. Ich erklärte dem Filius, dass jeder Mensch Möglichkeiten hat. Einer mehr, der andere weniger. Wichtig ist es, diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Wenn ich das tue, was in meinen Möglichkeiten liegt, und die Leistung erbringe, die mir möglich ist, dann ist das gut. Und ich kann zufrieden sein. Ein anderer hat vielleicht andere Möglichkeiten. Super. Meine Möglichkeiten werden aber nicht mehr, nur weil der andere mehr davon hat. Sie genügen nur mir selber nicht mehr.

Ich kenne Selbstzweifel auch – wer nicht. Kenne vor allem auch das Gefühl, nicht zu genügen, nicht schön/klug/sportlich/beliebt genug zu sein.  Und durch das ständige Hochhalten des Gefühls übersah ich oft, was ich eigentlich alles hatte. Und was gut war. Und toll war. Und worüber ich hätte dankbar sein können. Ich übersah, dass ich gar nicht perfekt sein muss und doch genüge. Dass ich gar nicht alles können muss und doch genug kann. Das zu realisieren war ein sehr befreiendes Gefühl, weil es Ruhe brachte.

Auch bei Erwachsenen ist das ständige Schielen zum andern und was dieser hat weit verbreitet. Es könnte ja sein, dass der andere irgendwo übervorteilt ist. Es könnte ja sein, dass man selber zu kurz kommt. Dass der andere mehr hat, was einen schliessen läst, dass man selber zu wenig haben muss.  Frauen können das zur Perfektion treiben. Mit einem prüfenden Blick von oben nach unten und von unten nach oben. Was hat sie, was ich nicht habe. Und hat sie was, greift man in die Trickkiste. Und hat sie nichts, lächelt man triumphierend. Schade nur, dass der Triumph tief innen nichts zählt. Weil man sich in diesem Vergleich immer minderwertig fühlen wird. Weil man nie die andere abwertet damit, sondern sich selber. Wäre man mit sich zufrieden, hätte man es nicht nötig. Dann könnte man dem anderen Menschen lassen, was ihm ist und selber  mit dem eigenen zufrieden sein. Man würde sich nicht mehr schlecht fühlen im Vergleich, sondern sich miteinander freuen. Ohne Neid. Man würde nicht mehr nach aussen demonstrieren wollen, wie toll man doch ist, nur um nicht die eigenen Zweifel zu laut werden zu lassen. Ohne zu merken, dass sie gerade so immer lauter werden und es nur diejenigen da draussen schert, die genauso verzweifelt versuchen, ihre eigenen Zweifel klein zu halten. Aber vielleicht lernt das mancher nie, reicht ein Leben nicht aus. Mein Filius hat noch gute Chancen, er ist noch Hänschen, noch nicht Hans. Ich wünsch‘ es ihm!

Wer bin ich?

Wer bin ich eigentlich? Ich frage nach und höre in mich. Was macht mich aus? Was ist mein Kern? Mein Ich? Lange hätte ich gesagt, ich bin Studentin, wenn ich gefragt wurde. Ich identifizierte mich mit meinem Studium, liebte dieses Leben, das Forschen, das Lernen, das Leben an der Uni, meine Bücher, meine Arbeiten. Ich liebte die Kreativität, die in diesem Leben Platz hatte, die damals noch grosse Selbstbestimmtheit des Studiums. Ich habe mein Studium zelebriert, gelebt, ausgekostet. In allen Winkeln, Facetten. Hätte mir gewünscht, es würde nie enden. Der erste Schnitt kam mit der Geburt meines Sohnes. Zwar war ich immer noch im Studium, doch dieses war nicht mehr ganz so frei und kreativ, sondern ein Organisieren um die Bedürfnisse eines Kleinstkindes herum. Der zweite Bruch war rigoroser: Das Studium war irgendwann (böse Zungen meinten endlich) fertig – leider möchte ich fast sagen. Denn mit dem Studium fiel unglaublich viel Lebensinhalt weg. Es fiel Selbstverstädnis weg. Es fiel weg, was ich bislang als Konstante durch mein Leben trug. Zurück blieben Fragezeichen: Wie weiter?

Ich hatte Glück, ich konnte weiter machen. Mich wieder in Bücherberge versenken. Wieder lesen, schreiben, forschen. War irgendwie immer noch Studentin, einfach nun eine Stufe weiter. Zwar war es nicht nur Kreativität und Wohlgefallen, sondern sehr viel Kraft, Energie, Stress, Druck, Überforderung auch. Tagsüber Kleinkind, nachts Wissenschaft forderte ihren Tribut. Aber ich war dankbar. Und fühlte mich ganz eins mit dem, was ich tat. Das war ICH. Doch auch das nahm ein Ende. Ich wurde wieder fertig. Zwar ein Erfolg und ich bin dankbar dafür und stolz darauf. Aber wo blieb nun das ICH? Dessen Inhalt?

Ich bin Mutter. Das werde ich bleiben, keine Frage. Doch was, wenn mein Kind auszieht? Dann ist das Muttersein wohl nicht mehr so präsent und mein Leben nicht mehr so stark dadurch geprägt, wie es das jetzt ist – situationsbedingt. Auch das Muttersein scheint eine Rolle in meinem Leben zu sein, ein Teil davon, aber nicht das Ich.

Und bei all dem ständigen Wegfallen, wo doch das Ich zurück bleibt, fragt man sich, was genau dieses Ich ist. Und merkt auch immer wieder, dass es nicht leicht ist, das wirklich zu sagen und frei zu bestimmen. Denn neben all den eigenen Bildern, die man von sich hat, den eigenen Wünschen, wie man das Leben leben möchte, stösst man immer auch an Forderungen und Bilder der Gesellschaft, der Aussenwelt. Merkt, mit welchen Schubladen, Urteilen und Kategorien gehandelt wird und sucht den Platz, der zu einem passt. Immer wieder denkt man, dass man einfach ist, wie man ist, den eigenen Wegen folgt, unabhängig davon, was andere denken, sagen, wollen. Man sieht sich mit dem eigenen Leben konfrontiert und weiss, dass man es schlussendlich sowieso alleine und selber leben muss. Wieso also auf andere hören, sich anderen anpassen? Doch dann sieht man sich konfrontiert mit der Aussenwelt und merkt, dass das gar nicht immer so einfach ist, weil man schnell in einer Position ist, sich rechtfertigen zu müssen.

Auf der einen Seite stehen die, welche finden: Mach was Gescheites aus deinem Leben, ordne dich in die Gesellschaft, in die Wirtschaft ein. Auf der anderen Seite die, welche alle so Denkenden als Kapitalisten und Spiesser abtun. Und mittendrin eine ganze Horde Menschen, die ihre eigenen kleinen Bilder und Schubladen lauthals vertreten. Und irgendwo man selber. Und wenn man nicht per se der einen oder anderen Schublade zugehört und fleissig mitbrüllt, kann der Lärm ziemlich ohrenbeträubend sein.

Grundsätzlich weiss ich, was ich will. Weiss auch, wo ich hin will. Was ich tun will. Was mein Leben ist. Ab und an ertappe ich mich dabei, all den Stimmen zuzuhören, den inneren wie äusseren und zu denken: Ich müsste doch…mich anpassen, andere Wege gehen. Denke, sie könnten recht haben, sie sind laut. Und wer laut ruft, muss doch überzeugt sein von dem, was er sagt. Sonst würde er leise flüstern. Ich entwickle Aktivismus, versuche, den Stimmen zu folgen, meine Wege zu verlassen, anzupassen, neu zu orientieren. Ich will doch dazu gehören. Nicht alleine stehen und gegen Stimmen kämpfen. In einer Schublade ist es geschützt und sicher. Man hat Wände, die Halt geben, einen Boden, der stützt. Man ist in Gesellschaft. Nicht allein. Weiss, wer man ist, was man ist. Bis – ja bis: die Schublade rausgezogen wird, weil das Kind ausfliegt, das Studium zu Ende geht oder man Platzangst kriegt. Und oft hat man von Anfang an Platzangst und traut sich nicht aus der Schublade raus, sitzt drin und lebt mit dem beklemmenden Gefühl. Vielleicht gewöhnt man sich sogar daran.

Ich habe beschlossen, es mal mit Ohrstöpseln zu versuchen. Das hilft gegen die Stimmen von aussen. Die von innen behalte ich, denn ab und an mag ich sie sogar. Sie haben mir grad diktiert.

Zeit

Sekunde folgt Sekunde,
fliessen in Minuten,
ergiessen sich in Stunden,
werden zu Tagen,
Wochen ziehen sich,
hinein in Monate.
Zeit steht
im steten Fluss,
unendlich scheinend,
träge liegend.
Namen ändern,
sie bleibt gleich,
immer da,
immerdar,
ich in ihr,
sie um mich. 
(SM)

IPad – oder: Ein Mann hat es erfunden

Es gibt ja so Dinge, die muss man einfach haben. Die sind cool, Kult, hip – wie auch immer man es nennen will, sie gehören zu dem, der was auf sich hält. Das Iphone war das erste. Ich habe auch eines. Seit nun 5 Jahren. Ich wollte das gar nicht. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Irgendwie geht es mir mit allem Fallobst so.

Ich erinnere mich an meinen ersten Computerkauf. Papa und Cosima zogen los, dem Kinde einen Computer kaufen. Der Papa wusste auch, wie es Väter so an sich haben, Bescheid, und riet zu einem Mac, da alle Mac hätten. Ich war die einzige in meinem Umfeld mit Mac. Dass er zu dem Schluss kam, lag auf der Hand, da in einem graphischen Beruf tätig. Aber sonst stiess ich überall auf Hohn und Spott und Unverständnis. Das war mir egal, ich mochte meinen Computer. Trotzdem wechselte ich irgendwann zu Windows, um ein paar Jahre später wieder zurückzugehen.

Auch diese Rückkehr war nicht ganz aus eigenen Stücken. Ein guter Freund, erklärter Mac-Liebhaber fand, es ginge nicht an, dass ich auf einem hässlichen Gerät wie einem PC arbeite und vermachte mir sein Zweitgerät, das er nicht brauchte, ein MacBook Pro. Zuerst fristete es im Schrank sein Dasein, bis ich es irgendwann hervorholte und in Gebrauch nahm. Tja, und dann – kam das Iphone.

Selbiger Freund kam irgendwann mit einem an – sagte, es bei mir zwischenlagern zu wollen. Es wurde eine Dauerobhut. Anfänglich fand ich das Teil schrecklich. Der Touchscreen liess mich noch mehr Tippfehler machen (ja, ich war selber erstaunt, dass das geht). Aber auch daran gewöhnte ich mich, ich scheine evolutionär gut angepasst. Dann kam das Ipad.

Ich sah es überall, stand ab und an kurz vor dem Kauf, verwarf den Gedanken, da man es ja eigentlich nicht braucht. Aber auch dieses Teil zog ein bei uns, zuerst zum austesten, mittlerweile hat auch das Gerät Asylstatus. Und das Fazit: man braucht es wirklich nicht. Was aber ganz offensichtlich ist: Das Teil ist frauenfeindlich. Man kann damit nur ein Programm aufs Mal bedienen. Mehrere Fenster offen haben und nebeneinander bedienen? Geht gar nicht. Und ich finde, das geht ja gar nicht. Das muss definitiv ein Mann erfunden haben, dem dieser Mangel qua seines Mannseins nicht auffiel. Dem kam wohl gar nie in den Sinn, dass man zwei Dinge gleichzeitig tun können möchte. Aber das ist zwingend. Dringend. Dass der Touchscreen etwa gleich ätzend ist wie der des Iphones lass ich mal aussen vor. Und doch. Ich geb es zu. So ein ganz wenig: Spass macht es ja schon. Und es ist auch cool. Irgendwie. Und ich mag es auch. Eigentlich.