Kürzlich am Küchentisch fanden im Hause Cosima wieder einmal die üblichen philosophischen Diskussionen statt. Auslöser war ein ganz profanes Thema: „Mama, was für Filme schaust du gerne im Kino?“ Also mein Sohn das nicht wüsste, stossen wir doch zu Hause beim Fernsehprogramm wie auch im Kino immer wieder an unsere Kompromissgrenzen. Er schaut alles gerne, das mit Action, Science Fiction, Agenten, Spannung zu tun haben, ich schaue – das Lied „weil ich ein Mädchen bin“ kommt mir grad in den Sinn – gerne Liebeskomödien oder aber Filme über die Shoah, das Dritte Reich, die Zeit des Krieges und der verfolgung. Dieses Interesse fängt nicht bei den Filmen an, das tut es in der Wissenschaft, erstreckt sich über die Literatur bis in den Film hinein. Mein Sohn schaut mich gross an und sagt mit noch grösserem Ernst: „Mama, wieso beschäftigst du dich mit diesen Dingen? Die sind vorbei und so traurig. Wir sollten fröhlich sein heutzutage und fröhliche Dinge schauen.“ Ich versuchte etwas von historischer Verantwortung und nicht vergessen dürfen zu erklären, die Argumente griffen wenig. Nicht dass mein Sohn nicht interessiert an Geschichte wäre, das ist er sogar sehr, die einzigen Bücher, die mein nicht lesendes Kind liest, sind Geschichtsbücher (vornehmlich über Römer). Trotzdem bleibt er dabei: Es bringt nichts, sich mit traurigen Dingen zu beschäftigen, die nehmen einem die Freude und es ist besser, zu lachen und fröhlich zu sein.
Nun ist es nicht so, dass ich nie lache, im Gegenteil. Aber die Beschäftigung mit diesen doch eher düsterern Themen nehmen einen grossen Platz in meinem Leben ein. Dass ich mich an dieses Gespräch erinnere, kommt nicht von ungefähr, sondern wurde durch den Blog eines lieben Freundes angestossen: http://lautenist.livejournal.com/58000.html?view=138640#t138640 Er stellt sich auch die Frage, ob es Voyeurismus ist, Freude am Leid anderer, wenn man sich damit beschäftigt.
Was packt mich an dem Thema – bei mir dem Thema der Judenverfolgung, der Vernichtung, des Leids von Millionen von Menschen? Es ist nicht ein Gefühl der Freude über ihr Leiden, eher schon Trauer, Wut, Entsetzen. Interesse ist nicht immer positiven Gefühlen geschuldet. Woher aber rührt die Trauer, die Wut? Icih denke, sie lässt sich auf das Unverständnis zurückführen, wie Menschen so sein können. Es ist das wissen Wollen, wie es dazu kommen kann. Was die einzelnen Menschen angestachelt hat. Ich möchte die Mechanismen dahinter erkennen, sie durchschauen – um immer wieder zu sehen: sie sind nicht zu verstehen. Vielleicht ab und an zu erklären. Ab und an zu bechreiben. Aber zu verstehen? Nicht im Herzen. Ganze Regale zu dem Thema habe ich gelesen, jedes neue Buch drängt sich mir wieder auf, jeder neue Film muss gesehen werden. Das Thema hat eine Gewalt. Und in mir den Zwang, dran zu bleiben. Aus einer inneren Pflicht heraus, einer Verantwortung. Als Mensch. Das, was mein Sohn nicht als Argumente gegen die Freude gelten liess, stimmt doch ein Stück weit für mich. Es darf nicht vergessen werden. Es muss weiter gehen. Weiter bedacht werden, dessen muss weiter gedacht werden. Es darf nicht sein, dass so viele Menschen in den Tod befördert wurden, damit man ie nachher noch ganz vergisst. Und damit quasi zum zweiten Mal tötet. Denn was bleibt, ist die Erinnerung. Die Überlebenden spürten die Pflicht, Zeugnis abzulegen, die Erinnerung zu bewahren ganz deutlich. Und wenn diese Überlebenden auch nicht mehr leben, ist es an den nachkommenden Generationen, weiter zu gedenken.
Trotzdem hat mein Sohn natürlich recht. Freude darf und soll sein. Wir tun niemandem einen Gefallen, uns die Freude am Jetzt zu nehmen, nur weil im Gestern Menschen litten – es auch im Heute noch tun. Was wir aber tun können ist, unsere Freude bewusst zu sehen, sie bewusst zu leben und dankbar zu sein, dass wir in der Lage sind. Und dabei nie zu vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, ein Privileg gar.
