Beleidigung oder einfach nur flapsig?

Italiens Torschütze regt die verbalen Entgleisungen nur so an. In einem Artikel des Schweizer Boulevardblattes strotzt es nur von Tiefschlägen:

Mehmet Scholl wird zitiert, der Balotelli einen Strassenköter nennt. Das sind doch die, welche vor der EM in Massen getötet wurden in der Ukraine. Die, welche in südlichen Ländern Schimpf und Schande ausgeliefert sind und meist elendiglich zugrunde gehen. Die, welche niemand haben will, weil sie Abschaum sind. So einer also soll der italienische Schütze sein. Klar, er wurde in ärmliche Verhältnisse geboren. Die werden auch plakativ beschrieben. Man liest von vergammeltem Fisch, damit das Grauen auch wirklich fassbar ist. Und der Artikel wird nicht müde, Balotelli einen Köter zu nennen. Ob der Glamour-Hund dagegen ein Kompliment ist? Irgendwie klingt es nicht so.

Was soll damit erreicht werden? Ist diese Art Journalismus zulässig? Kann man es einfach damit abtun, dass der Blick schlicht nicht oberstes Niveau ist? Reicht das als Entschuldigung? Oder müsste man nicht auch hier erwarten können, dass wenigstens die Regeln des Anstandes und gegenseitigen Respektes eingehalten werden? Rassismus ist strafbar. Ist das schon eine Form davon? Eine, die mithilft, die Grenzen zu verwischen, die mithilft, die Toleranz für sprachliche (und andere) Entgleisungen zu erhöhen?

2 Comments

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  1. Klar ist so ein Sprachgebrauch ein Teil von Rassismus. Man kann es natürlich immer drehen und wenden und dann rechtfertigen.
    Fussball ist jedoch innerhalb der Gesellschaft auch eine Art von Millieuausdruck. Emotionen gehen über. Vor, während und nach dem Spiel. Und zeigt sich als Spiegel der Eigenen Gesinnung und Geisteshaltung. Fussball ist Sport für grosse Geister. Fussball hat in der Geschichte die Menschheit weder besser gemacht, noch sonst die Gesellschaft auf ein neues Level gebracht.
    Für viele ist Fussball eine Aufstiegsmöglichkeit, die sich nur für wenige erfüllt. Scholl war auch so einer. Nie die hellste Leuchte. Aber nie um einen Spruch verlegen. So dumm er auch sein möge, der muss raus. Ihm persönlich war schon immer egal ob damit jemanden beleidigt oder entwertet. Es zeigt aber auch aus was für Holz so ein deutscher Fussballer gestrickt ist. Die Intelligenz beschränkt sich meistens auf den Fuss. Der Kopf ist als Dreingabe für den Kopfball noch zu gebrauchen. Viel denken muss man beim spielen nicht. Da herrscht Schwarmkoordination vor.
    Somit hält ein Scholl mit solchen Aussagen uns allen einen Spiegel vor, wie so der „normale“ Mann auf Deutschlands Strasse inzwischen spricht und denkt. Geschichtswissen und das Bewusstsein über Tabus ist dank RTL und der Gleichen inzwischen dermassen zusammengeschrumpft, dass die Shoah auf allem Ebenen nur noch ein Dunst ein Nebel ist, der sich bald verzogen hat. Und die Geschichte vergessen geht. Und Steigbügelhalter dazu ist sogar die Politikerkaste Israels die immer wieder aufs neue Deutschland in Geiselhaft der Geschehnisse nimmt. Da spielen immer weniger mit. Und einen neue Wut entsteht. Denn als Täter lassen sich immer weniger bezeichnen. Vor allem wenn der umgekehrte Eindruck entsteht.. Zurecht. Denn irgendwann ist Schluss. Und es muss in ein Miteinander münden und nicht in einem Gegeneinander. Leider scheint der Zug auf der letzteren Schiene unterwegs zu sein.
    Aber zu Mehmed Scholl. Er denkt nicht viel. Sagt leider um so mehr. Wenn es wenigstens was brächte, damit die Leute selber nachdenken, was der so alles unter einem medialen Deckmantel der EURO2012 raus lässt. Aber da verlangt man vielleicht von dem geneigten Fussballpublikum etwas zu viel? Brot und Spiele. Sie wollen ihre Snacks futtern und unterhalten werden. Koste es was es wolle. Um die leidliche Realität ihres Lebens für eine kurze Zeit zu vergessen. Dabei gäbe es schlauere Aktivitäten. Aber ein Buch lesen könnte zum Nachdenken anregen und das eigene Leben verändern. Aber dazu ist das bestehende wohl einfach zu bequem. Da kennt man sich aus und der Rest ist einem egal. Passive Gesellschaftsverweigerung könnte man das einerseits nennen. Andererseits ist man so das perfekt manipulierbare Individuum das unsere Lenker benötigen um schalten und walten zu können wie sie wollen. Das System ist das Gleiche wie anno dazumal in der NS Zeit. Das heutige ist insofern perfekter, da sich jeder frei fühlt das zu tun was er möchte. Theoretisch. Denn in Wirklichkeit nutz keiner die Freiheit. Und wenn, wird er sehr schnell aus dem Verkehr gezogen. Gib dem Affen seinen Scholl und binde seine Aufmerksamkeit, damit er nicht auf dumme Ideen kommt.

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    • Du hast wohl schon recht. Die Shoah und das damit verbundene Unrecht gerät immer mehr in Vergessenheit. Und wo es nicht vergessen ist, herrscht Genervtheit, man hätte es langsam gehört und gesehen, irgendwann müsse gut sein, ein Schlussstrich her. Wenn man die jüngsten Entgleisungen sieht, wird bewusst, dass ein Schlussstrich das letzte ist, was her muss. Im Gegenteil. Es muss weiter erinnert werden. Gerade nun, da die letzten Überlebenden langsam aussterben. Stürbe die Erinnerung auch, wäre die Tat vollbracht. Dann wäre die Vernichtung endgültig. Selbst wenn gewisse Menschen lernresistent sind, darf die Hoffnung nie sterben, dass der ewig weiter gestreute Same der Erinnerung Blüten wachsen lässt, die aufzeigen, dass gegenseitige Ausgrenzung nie die Lösung sein kann. Wie du sagst, ein Miteinander wäre nötig. Es geht heute nicht mehr darum, Täter anzuklagen. Es geht darum, keine neuen Täter heranzuzüchten.

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