Es ist, wie es ist

Ich wurde kürzlich gefragt, wie es mir geht. Ich antwortete:

Ich kann nicht klagen, im Gegenteil. Mir geht es sehr gut, privat wie beruflich bin ich glücklich, so leben zu können, wie ich es mir wünsch(t)e. Ein grosses Privileg, das ich nie zu träumen gewagt hätte. Bin sehr dankbar dafür.

Dann las ich das nochmals und fand, das könne man nicht so stehen lassen, das klänge nicht glaubwürdig oder einfach übertrieben. Ich schob hinterher:

Logischerweise bleiben auch die Tiefs nicht aus, das Leben ist nie nur rosa

Das war nun schon besser. Aber irgendwie passte es noch nicht, da es nun eher negativ endete, ich aber doch wirklich nicht klagen kann. Also schob ich nochmals etwas hinterher:

…aber ich bin zufrieden!

Und dann sass ich da und war immer noch nicht zufrieden damit. Und vor allem fragte ich mich, wieso ich Mühe damit hatte, zu sagen, dass es mir gut geht. So ganz uneingeschränkt.

Logisch, das Leben ist nicht immer himmelhoch jauchzend. Ich bin ein eher turbulentes Gemüt, das von Emotionen geschüttelt wird, mal hoch, mal tief. Ich nehme mir Dinge zu Herzen, leide, schimpfe, tobe ab und an, komme drüber weg, fliege hoch, lache, tanze, lebe. Doch auch wenn ich gerade unten im Tal sässe, das Leben grundsätzlich ist gut, wie es ist. Ich könnte mir kein besseres wünschen. Ich wüsste nicht wie.

Vor allem glaube ich nicht an den ewig währenden Sonnenschein. Auch Schatten ist mal nötig, er regt zum Nachdenken an, treibt weiter, weil man das, was man sieht, angeht, für sich und das Leben Lehren zieht. Wären die Täler nicht, wozu wären Berge gut? Es gäbe sie nicht, alles wäre Ebene. Nie hätte man den Blick über alles, die Freude, die Erhabenheit, das Hochgefühl.

Woher aber rührte nun das Gefühl, das Glück und die Dankbarkeit für das eigene Leben nicht so stehen lassen zu können? Ich habe keine Ahnung, es fiel mir nur auf, verwunderte mich. Denn es ist wirklich so. Es geht mir gut und ich bin froh, ist es so. Es gab in meinem Leben wenig Zeiten, in denen ich das so uneingeschränkt hätte sagen können. Nicht dass ich keine Sorgen hätte momentan, nicht dass einiges noch besser sein könnte, keine Frage, es nagen gewisse Dinge. Aber es ist gut… und schon wieder tue ich es. Schwäche ab. Rechtfertige. Als ob es in der heutigen Zeit nicht angebracht wäre, zu sagen, dass es genau so gut ist, wie es ist. Besser geht immer, keine Frage. Schlechter aber auch. Viel schlechter sogar. Schön, ist es, wie es ist. Genau so.

Suizid – Verbrechen oder Recht?

„Nichts ist dümmer und letzlich auch krimineller, als ein kaum angefangenes Leben wegzuwerfen, ohne auch nur zu ahnen, welche Überraschungen und spannenden Erlebnisse es für einen bereithält. Die Sterbezeit beginnt doch erst, wenn Neugierde und Lebenslust dauerhaft nachlassen, wenn der Überdruss unüberwindlich wird“, hörte er des Vaters Stimme von fern her flüstern.

Hat der Vater – in diesem Fall Thomas Mann, wie ihn Michael Degen in seinem Buch „Familienbande“ nach dem Selbstmordversuch seines jüngsten und ungeliebten Sohn Michael sprechen lässt – recht? Ist es dumm und (in einem moralischen Sinne) kriminell, sein Leben eigenständig zu beenden, bevor die Uhr abgelaufen ist? Oder gibt es eine Altersgrenze, welche besagt, dass man es vorher nicht dürfe, danach der Schritt aber akzeptabler wäre? 

In Thomas Manns Familie war Selbstmord keine Seltenheit. Seine beiden Schwestern haben sich umgebracht und zwei seiner Söhne gingen diesen Weg ebenfalls. Klaus wählte diesen Weg wohl aus Verzweiflung, weil trotz seines Talents nichts so gelang, wie er sich das wünschte, weil die Drogen kein Entrinnen zeigten, weil das Leben ihn von einer Enttäuschung in die nächste führte, immer den dominanten und erfolgreichen Vater im Nacken, aus dessen Schatten er nie kam. Michael Mann war erfolgreich.  Als Musiker und als Professor für Germanistik. Und doch beendete er sein Leben lange nach seiner schweren Zeit als ungeliebtes Kind zu Hause bei den Eltern. Konnte er sich nie von den Verletzungen lösen, die dieses kalte und lieblose Elternhaus bei ihm zurückliess?

Darf man einfach dahin gehen und sich umbringen? Hat man das Recht, das Leben, das einem geschenkt wurde, mutwillig zu beenden? Glaubt man an Gott, ist das Leben ein Gottesgeschenk. Sich dem zu entziehen wäre in dem Fall Undank gegen den grossen Schöpfer. Doch was ist, wenn man nicht an Gott glaubt? Wem schuldet man sein Leben? Den Eltern? Haben sie einen gefragt, ob man leben will? Sie haben das für einen bestimmt, wie so vieles mehr im Leben. Sie bestimmen die Religion, in die man hineingeboren wird und in welcher man die ersten Jahre des Lebens verbringt, bestimmen die Regeln, moralischen Grundsätze und Wertvorstellungen, die im familiären Haushalt gelten und zu befolgen sind. Sie sagen, was gut ist und was schlecht und sie prägen damit ganz massgeblich das Heranwachsen und die Entwicklung einer Persönlichkeit. Irgendwann wird man flügge und entscheidet selber. Man kann sein Leben selber in die Hand nehmen und trägt fortan die Verantwortung für sein Leben. Kann man sich aber wirklich ganz lösen? Von allem? Der Blick auf die Familie Mann scheint eine andere Sprache zu sprechen. 

Muss man leben, wenn man dieses Leben nun mal hat? Gibt es eine Pflicht zu leben? Es gibt ein Recht zu leben, dieses Recht ist ein Menschenrecht und niemand darf es einem nehmen. Aber eine Pflicht? Und wenn ich das Recht auf mein Leben habe, habe ich dann nicht auch das Recht auf meinen eigenen Tod? Darf ich nicht frei entscheiden, was ich mit diesem Leben anfangen will, ob ich es weiter führen oder aber beenden möchte? Bin ich kriminell und dumm, wenn ich beschliesse, dass das Leben nicht lebenswert ist für mich, zu hart, zu grausam, zu kalt? Vielleicht auch hoffnungslos?

Bin ich schwach, wenn ich den Weg in den Suizid gehe, weil ich mich feige vor den Herausforderungen des Lebens drücke oder bin ich  mutig, da ich den Weg in den Tod gehe, den Weg also, den die meisten Menschen so sehr fürchten? Welche Angst wäre grösser als die vor dem Tod? Und wenn einer ihn wählt gegen das Leben, wie schwer muss ihm dann dieses Leben gefallen sein?

Muss man jemanden retten, der nicht mehr leben will oder sollte man seinen Entscheid respektieren? Welche Gründe sind Grund genug für diesen Schritt, wo ist er akzeptabel? Nie? Immer? Mal so, mal so?

Suizid ist ein grosses Tabuthema. Er wird als feige, als schwach, als rücksichtslos, als egoistisch gesehen. Immer aber steckt viel Leid dahinter. Leid bei dem, der den Weg wählt. Wie verzweifelt muss er gewesen sein? Er sah sah nicht mehr genug Licht, das ihn hielt, das Dunkel erdrückte ihn. Er sah nicht mehr genug Sinn, fühlte sich nur noch hilflos, ausgeliefert, allein, überfordert. Das Leben war schlimmer als die gröste Angst des Menschen: der Tod.

Nach der Tat ist das Leid beim Umfeld. Im Raum stehen all die offenen Fragen: Hätten wir was tun können? Haben wir versagt? War es unsere Schuld? Haben wir nicht hingeschaut? Wie konnte er uns das antun? Was hat er aufgegeben? Wieso er? Er hatte doch so viel. Und man fängt an zu sehen, was er alles (in den eigenen Augen) hatte. Erfolg, Geld, Familie – all das, was einem selber erstrebenswert vorkommt legt man in die Waagschale des Lebens und sieht den Tod als sinnlos und unverständlich. Vergisst dabei aber, dass der Gegangene wohl eine andere Rechnung hatte. Dass ihm etwas (Lebens-)Wichtiges fehlte. Dass er ohne dieses Etwas das Leben nicht mehr lebbar empfand. Und sich zu einem Schluss entschloss. Für sich.

Ich denke, Selbstmord ist immer egoistisch. Das ist nicht negativ gemeint, sondern soll heissen, dass es nicht gegen jemanden anders gerichtet ist. Mit Selbstmord will man niemandem etwas heimzahlen, keine Rache üben. Es ist eine Tat an sich für sich. Man will sich selber erlösen aus etwas, das man selber nicht erträgt, nicht ertragen will und vermutlich nicht ertragen kann. Die Schuldfrage ist dabei müssig, es kommt wohl zu viel zusammen. Bei den Söhnen Thomas Manns ist man schnell dabei, die Kälte, Härte und Dominanz des Vaters als schuldig zu sehen. Die Söhne zerbrachen daran. Mag sein. War er schuld? Liest man seine Tagebücher, litt er genauso und konnte nicht ausbrechen, kanalisierte sein Leiden im Schreiben. Die Schuld ginge damit eine Generation zurück – der Selbstmord der Schwestern würde diese Schlussfolgerung unterstützen. Und vermutlich könnte man auf die Weise Glied für Glied zurück gehen und sehen, dass keiner aus seiner Haut konnte, jeder aber wohl die Möglichkeit hatte, mit dem Erlebten umzugehen. Die einen schafften es, für sich einen Weg im Leben zu finden, die anderen sahen nur den Tod. Und alle gingen ihren Weg.

Von aussen zu urteilen ist einfach. Man steckt nie drin. Fühlt nie das Leid. Fühlt nie den Schmerz. Schlussendlich hat jeder die Verantwortung für sein eigenes Leben. Man kann da sein für den anderen, kann helfen, unterstützen, lieben, die Hand bieten. Am Schluss wird man akzeptieren müssen, welchen weg er wählt. Im Leben oder ausserhalb. 

 

Am Anfang war…

Ich hatte heute den ganzen Tag Ideen. Was will ich schreiben, wenn endlich Ruhe ist. Schreiben muss ich, ich warte den ganzen Tag auf den Moment, wenn alle schlafen, Ruhe einkehrt, nichts mehr muss, alles kann. Wenn meine Minuten kommen, die stillen, leisen, die, in denen keiner was will, keiner da ist, alle schweigen.

Ich wollte über das Schreiben schreiben, das mir so sehr Wunsch und Erfüllung ist, das Leben ist. Wollte über Thomas Mann schreiben, der das Schreiben als Lebensersatz nahm, weil er das Leben, das er leben wollte, nicht leben konnte, es sei denn, er hätte sich aus dem Platz werfen wollen, den er einnahm in der Gesellschaft. Schreiben war für ihn das Ventil für all die ungelebten, weil unlebbaren Gefühle und Lebensinhalte. Kunst stand dem Leben, dem Bürgertum gegenüber, war aber die einzige Art, wie er sein Leben leben konnte, leben wollte. Wie er das Leben ertrug.

Ich wollte über Arschengel (den Begriff bei Robert Betz stehlend)  schreiben, die das eigene Leben so schwer machen, weil sie einem Hürden legen, negative Gefühle bringen, alles erschweren. Wollte die Erschwernis gutheissen, weil sie weiter bringt. Weil man nur durch das, was drückt, hinschaut und sieht, was man ändern könnte, müsste, dass es nicht mehr drückt. Und so viel über sich selber gelernt hätte dann.

Ich schrieb es. Das eine wie das andere. Löschte wieder. Ging in mich. Fand alles banal. Es sollte ausdrücken, wer ich bin, was ich will. Sollte eine Hymne an das Schreiben sein, das mir so sehr Lebensinhalt ist, dass ich ohne Schreiben nicht leben wollte, könnte. Und alles war nur flach. Entsprach nicht dem, was es sein sollte, was es war.

Am Anfang war das Wort. Danach kamen viele neue Anfänge, alle klingen gut. Kraft, Tat, Mut. Doch den ersten Anfang nahm das Wort. Erst daraus wuchs der Rest. Gesprochen ist es flüchtig. Erst geschrieben trägt es Kraft, Beständigkeit. Gesprochen ist es laut, ist es einehmend, dominant. Geschrieben hat es Musse, hat es Zeit. Und damit überdauert es. Lässt Gedanken zu, lässt die Ruhe sich ausbreiten. In mir selber und in anderen.

Was geschrieben steht, wird wahr. Seine Erscheinung, schwarz auf weiss macht es real. Schreiben ist Zeugnis von dem, was in einem ist, was raus muss. Und irgendwo sitzt einer, liest es und denkt: So ist es, ich sehe das auch so. Oder denkt: Nein, Schwachsinn, es ist genau anders. Und beide denken nach. Über sich und die Welt. Und ich tu es auch, wenn ich ihre Gedanken lese. Und so gewinnen wir alle. Jeder für sich. Die Welt entwickelt sich im Diskurs. Worte sind flüchtig, bis sie geschrieben sind. Und drum schreibe ich. Muss schreiben. Und danke dafür. Was täte ich ohne das?

Richtig oder falsch

Alle anderen Kinder dürfen länger aufbleiben als mein Sohn. Alle anderen Kinder dürfen länger draussen bleiben. Die anderen Kinder haben auch weniger Regeln um TV, Computer und überhaupt. Sie dürfen all das, was mein Sohn nicht darf. Und mein Sohn findet das ungerecht. Bin ich zu streng? Sind wirklich alle anders oder sagt er es nur so?

Mein Sohn ist ein lieber Junge. War er immer. Sehr viel Charme, ruhig, will im Grunde seines Herzens niemanden verletzen. Und doch hat er eine Art an sich, die ab und an zu Tobsuchtsanfällen führt. Ein Nein, wo er es nicht angebracht findet und er vergisst sich, spürt sich nicht mehr, steigert sich in eine Spirale von Ausbrüchen verbaler Natur, immer beleidigender, immer lauter, immer wütender. Und natürlich ist man die Böse in dem Spiel, man hat das Nein gesetzt. Und selbst wenn man neun Mal ja sagte, einmal nein, das Nein prägt alles. Alles vorher ist vergessen, man ist böse, schlecht, gemein. Ab und an überkommt mich die Lust, von Anfang an nein zu sagen, denn irgendwann wird ein Nein kommen und der Tag ist eh im Eimer. Wieso nicht von Anfang an? Es bleibt das Gefühl zurück, dass man schlussendlich nur verlieren kann.

Und doch: ich liebe ihn, sehr. Er ist mein Sohn. Und ich würde ihn gerne ein Leben leben lassen, das glücklich ist, das erfüllt ist. Möchte seine Augen strahlen sehen. Möchte klar auch geliebt sein als Mutter. Die Rolle der Bösen liegt mir nicht. Es tut weh, angeschrien zu werden. Es tut weh, zu hören, man sei gemein. Alle seien besser. Klar weiss ich, dass er mich liebt. Klar weiss ich, dass das Phasen sind. Und doch: sie treffen. Das Gefühl von „ich mache doch, was ich kann und es reicht doch nicht“ kommt hoch. Und das macht wütend. Und hilflos.

Wir waren eigentlich immer alleine – er und ich. Sein Vater arbeitete viel und war ganz schnell ganz weg. Er arbeitet noch heute viel. Hat kaum Zeit. Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich da bin. Viele Dinge waren nicht möglich dadurch. Andere waren sehr Kräfte raubend. Tags das Kind, nachts die Arbeit. Zwischendurch Nebenjobs mit Kind unter dem Arm. Schlafen? Verschieben wir auf später, so in 20 Jahren könnte Zeit sein. Das ging nicht an die Substanz, da war gar keine mehr. Und doch: es reichte nicht. Irgendwann musste ich ein Nein geben. Und dann war es nicht mehr gut genug. Aber mehr ging nicht.

Und ich ertappte mich ab und an, den Vater zu beneiden. Mit seiner Freiheit. Mit seiner vielen Zeit für sich und seine Dinge. Ein „keine Zeit“ von ihm war fast Grund, ihn noch mehr zu verehren. Ein „keine Zeit“ von mir Grund, zu toben. Wer immer da ist, hat verloren, er steht auf verlorenem Posten. War ich zu rücksichtsvoll? Habe ich mich selber zu sehr untergeordnet, zu viel getan? Wo ist der Dank? Braucht es ihn? Müssen Kinder dankbar sein? Sie fragten nie danach, auf diese Welt zu kommen, wir haben sie hineingeworfen. Ist es also nicht an uns Eltern, ihnen das Leben auch schön zu machen? Ist es nicht meine (Herzens)Pflicht, ein glückliches Kind zu haben?

Kürzlich sprach ich mit einer kinderlosen Frau übers Kinder Haben. Ich beneidete ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit. Sie war dabei, sich langsam damit anzufreunden, dass Kinder wohl kein Thema mehr sind in ihrem Leben – was aber nicht tragisch war, einfach irgendwie anders gedacht, nun aber durchaus auch positiv gesehen. Sie sagte beiläufig: Auf der anderen Seite des Zauns ist das Gras immer grüner. Und mir war schlagartig klar: Das ist so. Ich beneide die Freiheit der Kinderlosen, beneide den Thron des unabhängigen Vaters, beneide all die, welche sich und ihre Bedürfnisse ausleben können, während ich meine immer zurückstecke, meine Kräfte ausreize, um dann doch zu unterliegen. Den Launen eines Kindes.

Doch genau dieses Kind sagt mir, dass es mich liebt. Dass es mich braucht. Sagt mir inmitten eines heftigen Streits, dass es nirgends anders als bei mir sein möchte. Es ist leicht, nach Freiheit zu schielen, wenn man die Liebe hat. Hätte man sie nicht, wäre die Freiheit wohl einsam. Oder man stilisierte Kinderärmchen hoch, die sich um den Nacken schlingen. Fände feuchte Küsse erstrebenswert.

Ist es nicht immer so im Leben, dass man das andere, das, was man nicht hat, ersehnt? Da sieht man die Vorzüge, das, was im eigenen Leben abgeht. Und dem anderen geht es genau so. Er hat zwar die von einem gewünschten Vorzüge, ihm fehlen aber die, welche man selber hat. Und so sind wir immer damit beschäftigt, nach dem zu schielen, was wir nicht haben. Kurze lichte Momente zeigen auch das Gute, keine Frage. Das hilft, weiter zu machen. Der Mensch braucht ja die kleinen positiven Bestätigungen.

Was ist nun also richtig oder falsch? Welches Lebensmodell das beste? Während ich das schreibe, schläft das Kind, welches vorher lautstark protestierte, dass es zu früh sei, um zu Bett zu gehen. Kein anderes Kind müsse so früh zu Bett, vor allem, da gerade Ferien und zudem Feiertag sei – noch dazu Nationalfeiertag. Eben dieses Kind hatte am Morgen einen Spaziergang zu einem On-and-off-Happening für Motzanfälle gemacht, die gefallenen Worte werden hier aus Hygienegründen nicht erwähnt. Eben dieses Kind kriegte dann doch das ersehnte Feuerwerk, weil das liebende Herz ein Einsehen hatte, die Prinzipien schweigen mussten. Eben dieses Kind konnte bis fast halb elf aufbleiben, während die Mutter fast unter den Tisch fiel vor Müdigkeit. Weil man es dem Kind recht machen wollte. Und? Am Schluss Toben. Es war mal wieder nicht genug.

Doch dann… das Kind geht zu Bett. Man merkt ihm das schlechte Gewissen förmlich an. Man hört, es liebe einen. Spürt die Ärmchen. Den Kuss. Weiss, es schläft. Und ist versöhnt. Und hofft auf bessere Tage. Im Wissen, es wird wieder so. Aber was wäre besser? Besser gibt es nicht. Anders. Aber nicht besser. Was ist nun richtig? Was falsch? Einmal mehr gibt es das nicht. Es ist, was es ist.

Lebenswünsche

Als Kind wünscht man sich, man könnte gross sein. Dann könnte man aufbleiben, so lange man will, niemand könnte einen zwingen, den Salat zu essen, es gäbe nur Eis und Schokolade. Und auch die Sonntagsspaziergänge wären nicht mehr Pflicht, man könnte zu Hause vor dem Fernseher sitzen, Tag und Nacht, ohne Beschränkung. Das Leben wäre genau so, wie man es sich selber erträumt, man wäre Herr seiner Zeit. Keine Eltern mehr, die befehlen, keine Eltern ,die ermahnen, die immer dann bremsen, wenn der Spass anfängt. Nur noch die eigenen Wünsche, der eigene Wille.

Man wird älter, die Pflichten nehmen nicht ab, sondern zu. Die Schule wird strenger, die Aufgaben mehr. Die Wünsche grösser, die elterliche Toleranz ätzender. Wenn man bloss 18 wäre, die Schule zu Ende, man sein eigener Herr und Meister, am besten mit eigenem Geld, so dass wirklich niemand mehr das Sagen hätte. Und man hat Glück, die Zeit arbeitet für einen. Man wird volljährig, mündig. Hat man das Pech, geht man aufs Gymnasium – kein eigenes Geld, Schule geht weiter. Mit etwas mehr Glück geht man in die Lehre. Aber der Lohn reicht auch nirgends hin. Wohnung, Krankenkasse? Essen sollte man auch noch? Wie kommt man da noch zum Feste feiern? Freie Nachmittage sind auch irgendwie plötzlich weg. Wo ist die ersehnte Freiheit? Das wurde ja nur schlimmer? Wie schön war es, Kind zu sein? Kein Lehrmeister, keine finanziellen Nöte, keine Sorgen um Wohnung, Essen, Kochen, Bügeln, Waschen, Putzen.

Und so merkt man dann, wenn es weg ist, wie schön es war, was man hatte. Und oft im Leben ist es so, dass man zu spät merkt, was gut war. Auffallen tut es, wenn es weg ist. Dann fehlt es und man sieht, was vorher selbstverständlich war. Und die Kehrseite der Medaille: Wir sehnen uns immer nach dem, was wir nicht haben, wünschen uns an eine Stelle, an der wir nicht stehen, weil wir uns ausmalen, wie es da sein müsste. Wissen tun wir es nicht, wir sind ja nicht dort. Wir stellen es uns vor und trauen unserer Imagination so sehr, dass wir das Hier und Jetzt vergessen und nur noch nach dem Gewünschten schielen. Sehnsüchtig. Verklärt. Hoffend, es möge bald kommen. Das Heute vergeht, das Erhoffte kommt vielleicht sogar – und es ist gar nicht so toll. Plötzlich sieht man, was das vormalige Heute, nun Gestern Tolles hatte. Das nun weg ist. Und man sehnt sich zurück. Trauert nach. Hat vergessen, dass man es nur wegwünschte, als es noch da war. Sieht nur noch den Verlust. Bis eine neue Hoffnung auftaucht, die das momentane Heute ablösen soll, weil sie so viel besser ist als das, was ist. Und man sehnt sich.

Wir eilen durchs Leben, getrieben vom Gefühl des Mangels, vom Gefühl, es komme was Besseres nach. Wir ignorieren, was ist und sehen nicht, wie gut es ist, weil wir immer weiter streben. Höher, besser, weiter. Wettbewerb pur. Leistung zählt und nur das Beste ist gut genug – nur gibt es immer noch etwas Besseres. Man nennt das Fortschritt und würde er nicht mehr sein, stagnierte die Welt. Man sieht das negativ. Stillstand ist Rückschritt. Wäre das so schlimm? Was ist vorne, was hinten? Was gut, was schlecht? Und hätte nicht der gewonnen, der sähe, was ist? Und es schätzte. Und dankbar wäre dafür, es zu haben? Egal, was käme oder war. Denn beides ist nicht – ausser in den Köpfen derer, die es sich ausmalen. Und die wissen es nicht, die zeichnen nur, was ihnen gefällt.

Kann man wählen, wer man ist?

Heute las ich ein Buch. Ein sehr trauriges Buch. Es handelte von einer durch und durch schlechten Welt, in welche die Menschen ungefragt hineingeworfen wurden. Eine Welt voller Hass, voller Abscheu, voller Demütigungen, vor allem Demütigungen derer, die nicht der gesellschaftlich erklärten Norm entsprachen. Die Welt war keine homogene, es gab verschiedene Systeme. Das eine war genauso schlecht wie das andere. Nahm das eine dem Menschen die Freiheit, zu wählen, unterlegte ihn Zwängen und Korsetten und liess ihm kaum Auswahl in irgend einem Bereich, versprach die andere vordergründig alles, hielt hintergründig nichts, da auch hier der Mensch Zwängen unterlag, um sich die sogenannten Freiheiten zu leisten, welche bei näherem Hinsehen erstens einen hohen Preis hatten und zweitens gar keine waren, da auch sie von aussen auferlegt waren. Egal, ob der Staat oder die Gesellschaft, die Eltern oder die Nachbarn die Regeln aufstellen, egal, ob sie geschrieben oder ungeschrieben sind, sie unterwerfen. Und wehe dem, der sich nicht unterwerfen lässt, er ist Ausgestossener. Weil nicht angepasst. 

Ich las mich mit Sorgenfalten durch das Buch. Es machte mich wütend. Ich fragte mich, wie man so abgelöscht, so negativ, so zynisch sein kann. Wie man eine so schwarze Welt zeichnen kann. Und ich fragte mich noch mehr, wie damit umzugehen sei, dass grundsätzlich nichts gelogen ist, dass es zwar Fiktion, dunkle und düstere Fiktion ist, aber in Tat und Wahrheit nicht so weit von der Realität entfernt ist. Ich habe diese Wahrheiten auch schon thematisiert, wurde dafür bitter und zu nachdenklich genannt. Und auch wenn ich die schönen Seiten des Lebens durchaus sehe, sie lebe, so sehe ich all die anderen auch. 

Gibt es Freiheit? Wie sieht sie aus? Welchen Preis hat sie?

Heute Abend schaute ich einen Film – die Lebensverfilmung eines Schriftstellers. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, würde man denken. Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig. Verdächtig, nicht lebenswürdig zu sein, weswegen er sich unter Rechtfertigungszwang sah. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. 

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drumrum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte. 

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess das auch spüren. Den Rest unterstützte er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Und er war selber unterdrückt. Von sich selber. War er frei? Hatte er das so gewählt? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht draus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben? 

Und hier sitze ich nun. Und frage mich: ist die Welt so schlecht? Wer ist schuld daran? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Bloss, er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären „angepasster“ gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber. Konnte nicht aus seiner Haut. War er also schuldunfähig? Doch wir brauchen doch einen Sündenbock. Irgend jemand muss verantwortlich sein, sonst gerät unser System ins Wanken. 

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – als Kind fühlt man diese kleinen Zeichen nicht, da wartet man auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Bleiben die aus, fehlt was fürs Leben. Dann gibt es wohl zwei Möglichkeiten: Man stürzt sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, oft Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder machten das – eines überlebte es nicht. Andere leben das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn. Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen. 

Hatten sie eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Und dann? 

Wie sieht ein Leben aus, das man in die Hand genommen hat. Das ein gutes Leben ist, ein normales? Und wenn ich ein normales, ein der Norm entsprechendes, Leben führe, habe ich es dann frei gewählt, es nicht einfach nur einer gesellschaftlich geforderten Masstabelle unterworfen? Und je nach System, in das ich geboren bin, divergiert diese Tabelle. Im Sozialismus hiess das marschieren im Gleichschritt, ohne Aufmucken, ohne eigene Gedanken, im Kapitalismus hiess das, seine Zeit und Leistung zu verkaufen, um sich leisten zu können, was man sich in so einem System leisten können muss. 

Und damit bin ich beim Buch vom Tag zurück. Und bei der Frage: Ist diese Welt wirklich düster und schlecht? Haben wir eine Wahl oder stecken wir fest? Können wir tun, was wir wollen, irgendwas passt immer nicht? Leben wir so, wie wir es wollen, zahlen wir den Preis des ausgestossen Seins, passen wir uns an, werden wir zu Marionetten des Systems. Am Schluss leiden wir immer – am einen oder anderen. 

Soll ich diesen Blog nun so pessimistisch enden lassen? Oder ihn in Wohlgefallen auflösen, indem ich sage, dass das Leben immer auch schöne Momente bereit hält, die man geniessen soll, an denen man Kraft tanken soll für die Unbilden, die auftauchen? Wäre das nicht kitschig? Weil es eigentlich nicht stimmt? Klar stimmt es, dass es glückliche Momente gibt. Doch ändern diese nichts an den äusseren Gegebenheiten. Die Welt ist keine leichte. Das Leben ist nicht einfach. Freiheit als solches gibt es nicht. Zwänge sind überall – von aussen und innen. Sich ihnen zu widersetzen hat seinen Preis. Und selbst, wenn man den Preis bezahlen will, leidet man dann und wann, weil jeder Preis schmerzt. Aber das ist das Leben. Niemand sagte, es sei einfach. 

Keine Zeit

Zuerst wollte ich über das Alter schreiben. Das Thema, das vernachlässigt dahin dümpelt, weil nur Leben und Tod interessieren, sich niemand mit dem Alter und den Gebrechen, dem Umstand des nicht mehr gebraucht Werdens und allem mehr beschäftigen will. 

Dann kam mir die Idee der Kindheit. Ist man Kind, sehnt man sich nach Freiheit, nach dem älter werden, Erwachsen sein. Man denkt, ist man mal gross, ist alles gut, man kann selber entscheiden und ist frei. Ist man dann gross, denkt man, wie schön es nur war, als man noch klein war, keine Pflichten hatte, nicht entscheiden musste, einfach sein konnte. Das Thema hatte so was von „und was man hat, das will man nicht und was man will, das hat man nicht.“

Dann kam mir das Thema… das habe ich vergessen, Aber ich hätte sicherlich auch was drüber geschrieben… in den Sinn. Und so wechseln die Themen, man denkt sich rein, schreibt sich raus, geht weiter. Das Leben dreht, im Kopf, im Sein, und immer geht es weiter. Und immer denkt man: es fehlt die Zeit, für das, was wirklich wichtig wäre. Das, was man wirklich machen möchte. Wären da nicht all die andern Dinge, die ablenken, weil sie kurz interessieren. 

Sind es die Dinge? Wohl kaum. Es ist die eigene Wahl. Man entscheidet, wie man seine Zeit einteilt. Man ist Herr des Lebens. Regisseur. Nur vergisst man das dann und wann. Unterwirft sich. Dem Aussen. Vergisst das Innen. Oder man flieht davor, weil man Angst hat. Angst, es nicht zu erfüllen, nicht zu genügen. Verliert sich im Beiläufigen, um nicht ans Wirkliche zu gehen. Ginge man dran, müsste man sich beweisen. Und könnte scheitern. Die kleine Lebenslüge von „keine Zeit“. Sie hilft, selbst gemacht Ängste zu verdecken.

Gerade sah ich meine Hände im Spiegel. Skeletthände. Heute las ich etwas von Wurstfingern. Welche sind schöner? Wer bestimmt es? Wer gibt überhaupt die Namen? Wer wertet ständig dieses Leben und uns selber? Was ist überhaupt Wert?

Ich gehe nun schlafen. Ganz wertfrei. Mal sehen, welche Themen da hochkommen. Die Zeit nehme ich mir einfach mal. 

Gerade im TV läuft so ne sanft seichte deutsche irgendwas. Komödie? Tragödie? Eindeutig ist das nie, immer aber ist es psychologisch geschwängert. Der kleine Junge mit abwesendem Vater, schwangerer Mutter, aufmüpfiger Grossmutter, Problemen in der Schule.. Am Schluss brennt der Garten. Und alle sind wieder happy. Oder so. 

 

 

 

Schreibend verschrieben

Irgendwie scheinen viele Menschen eine schwere Kindheit gehabt zu haben. Wo ich hinhöre, taucht das auf: Meine Kindheit war nicht schön, sie war schwer, beschwerlich, die Schwere drückt oft nach, lastet auf den Schultern, auf den Seelen. Die Zeitungen sind voll von schweren Kindheiten. Sei es bei Sportlern, bei Schauspielern, aber auch bei Verbrechern – alle erzählen davon. Die einen, um Verständnis für ihre Taten zu erhalten, die anderen? Um zu zeigen, dass sie auch normale Menschen sind? Nicht nur auf der Sonnenseite? Sich ihren Erfolg erkämpft haben? Ist es wie Thomas Mann einst sagte, dass man sich als Künstler ständig rechtfertigt für das, was man tut, weil man mit dem Künstlertum irgendwie da steht, wo man nicht stehen sollte, vom normalen Leben aus gesehen? Es macht den Anschein.

Meine Kindheit war schön. Klar hatte sie auch Punkte, an denen ich nagte. Klar war nicht alles Sonnenschein. Ist es nie. Gewisse Dinge hängen nach. Gewisse sind vergessen. Gewisse Muster haben sich eingeprägt und viele Eigenarten, auch schwierige, gründen sicher in der Zeit. Glaubt man Freud, ist alles da verwurzelt und treibt nun seine Blüten. Aber auch Unkraut kann schöne Blüten treiben. Schlussendlich hat man es immer in der Hand. Lass ich die Vergangenheit meine Zukunft bestimmen oder nehme ich diese selber in die Hand?

Vieles kann schwer wiegen. Auch gibt es Dinge im Leben, die hart sind, die erschüttern, die Grundfesten wackeln lassen. Doch man kann sie, passieren sie, nicht ändern. Sie sind, wie sie sind. Man kann nur damit umgehen lernen und für sich entscheiden, wie man weiter gehen will – für sich. Verzweifle ich darüber, was passiert ist, werde ich des Lebens nicht mehr froh. Ich stecke den Kopf in den Sand, indem ich immer und immer nur noch am Vergangenen weiter verzweifle. Dadurch ist die Gegenwart nicht existent und eine Zukunft für mich wird es nie geben. Es ist nur noch Vergangenheit. Alles. Und diese ist voll präsent. Oder aber ich schaue hin, was war, gebe dem einen Platz in meinem Leben und halte den Rest frei für die Gegenwart, lebe diese und gehe in eine Zukunft, die ich präge. Es bleibt mitunter nicht aus, dass die Vergangenheit wieder hoch kommt. Ereignisse erinnern einen. Situationen rufen etwas auf. Aber der Rest des Lebens ist frei.

So frei halt, wie man es zulässt. Denn sobald man die Vergangenheit ausgeschaltet hat, melden sich die gegenwärtigen Stimmen. Die von Gesellschaft, von Markt, von Kultur. Als deren Mitglied muss man seine Rolle spielen. Sich einordnen. Tut man das nicht, ist man wieder da, wo Thomas Mann den Rechtfertigungsgrund sah. Man tut, was nicht dem Leben entspricht, wie es allgemein als (damals bürgerlich, heute wirtschaftlich) normal erachtet wird. Und man befindet sich in ständigem schlechtem Gewissen. Will zeigen, dass man durchaus was tut. Nicht nur nutzlos, tatenlos ist. Und gibt oft lieber auf, als weiter zu strampeln. Und doch. Das geht nicht. Man hat es sich nicht ausgesucht in dem Sinne, man ist einfach, wie man ist. Da scheint ein anderer Plan zu sein, etwas, das sich durchsetzt in einem. Nicht von aussen. Von innen heraus.

Man möchte das nicht, kämpft dagegen. Die Argumente sind schnell bei der Hand, sie kommen von aussen, sind sachlich, lebensnah, klingen gut. Überzeugen nicht. Man geht zurück. Nach innen. Schöpft neuen Mut. ist zuversichtlich. Fällt zurück. Ein Kreislauf. Denkt: Was, wenn es nicht klappt? Denkt, was, wenn ich es doch nicht kann? Was, wenn ich einer Illusion aufsitze? Alle lachen. Spotten? Vor allem die, welche jetzt schon argwöhnisch gucken? Oder die, welche einem nur eine Niederlage wünschen – förmlich darauf warten, aus welchen selbst gesuchten Gründen auch immer. Aber vielleicht ist man nicht gar so frei – dann nicht, wenn es darum geht, das eigene zu verleugnen. Dann wehrt sich dieses. Setzt auf Trotz, auf Widerstand. Und man selber flieht es. Flieht in Nebenhandlungen, verzettelt sich, verläuft sich, verliert sich. Strampelt, findet wieder, strampelt weiter. Und trifft auf Goethe:

In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.

Johann Wolfgang v. Goethe

Soll ich Hern Goethe widersprechen? Ich habe – jugendlicher Übermut? – sein Gesamtwerk gelesen – für eine Prüfung. Ich habe mein Forschen einem Verehrer von ihm, Herrn Mann, verschrieben. Und beide blasen sie ins gleiche Horn. Und so viele mit ihnen. An ihnen bewundere ich, was ich selber fühle und an mir verurteile. Damit nicht sagend, ich sei wie sie. Vor allem nicht so gut. Kein Vergleich. Der ist nie statthaft und sowieso nichts sagend. Schlussendlich ist man immer nur, wer man ist. Und das ist gut so. Trotzdem kann man lernen. Von andern. Und sich damit auch nicht mehr alleine fühlen mit seinen Gefühlen. Und Ängsten. Und Zweifeln. Und das ist schon mal gut. Und so schreibe ich weiter. Forsche weiter. Gehe meinen Weg, verschreibe mich diesem. Schreibend verschrieben.

Wie ist der Mensch?

Der Mensch ist von Natur aus böse, drum braucht es die Gesetze, den Staat, die diese Boshaftigkeit, die aus purem Egoismus entspringt, einzudämmen. Nur durch ein Netz an Regeln und Verhaltensmaximen schafft es der Mensch, einigermassen friedlich zu koexistieren. Noch schlimmer, er schafft es nicht mal dann. Kriege überfluten die Erde, Menschen, die auf eigene Macht und eigenen Profit aus sind, instrumentalisieren andere mittels wohlklingender Heilsversprechen oder angsteinflössender Prophezeiungen, den designierten Feind zu bekämpfen. Helfen tut es selten den Instrumentalisierten, sie sind Opfer des Systems. Helfen tut es denen, die das Geld und die Macht hatten, das anzuzetteln, was sie anzettelten. 

Eine schwarze Sicht? Pessimistisch? Mag sein. Ich tendiere ja in einer absolut blauäugigen Naivität immer wieder dazu, zu glauben, niemand wolle einem was Böses, die Welt sei gut und die Menschen wollen alle geliebt werden und lieben dementsprechend auch. Dass vor allem der zweite Teil so nicht stimmt, ist mir leider oft im Leben hautnah gezeigt worden. Wie oft wurde ich verletzt, wie oft musste ich erkennen, auf ein falsches Spiel, auf Intrigen, auf falsche Worte und Heuchelei hereingefallen zu sein oder gar manipuliert für eigene Zwecke eines anderen. Den Fehler suchte ich dann meist bei mir, dachte, mich nur falsch verhalten zu haben, nicht gut genug gewesen zu sein. Wenn ich das einmal nicht dachte, war mein Fehler immerhin, es nicht gesehen zu haben, auf etwas hereingefallen zu sein. Was nun schwerer wiegt, die eigene Naivität oder der Glaube an das eigene Versagen, bleibe dahingestellt.  Aber: eigentlich müsste ich es mal lernen und wissen: Der Mensch ist böse. 

Und doch stimmt das so nicht. Es gibt viele tolle Menschen. Liebe Menschen. Menschen, die zu unrecht in einen Topf geworfen werden mit denen, die lügen (zu andern, wohl aber auch zu sich selber), betrügen, hintergehen und ausnutzen. Wie oft im Leben stiess ich schon auf Engel, auf Menschen, die einfach nur toll waren. Also was nun? Ist der Mensch gut und wird böse? Oder ist der Mensch böse und es gibt gute Ausnahmen, Engel halt? 

Vermutlich ist beides in einem angelegt, in jedem von uns. Alles hat zwei Seiten, die diametral verschieden sind. Diese Komplementarität macht das Ganze erst ganz. Alles ist angelegt, die Ausprägung liegt in unseren Händen, ist aber meist gespurt durch Kultur, Erleben, Erziehung, Einflüsse sonstiger Art. Ich bin aber nach wie vor der Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich geliebt werden will. Und ich denke weiter, dass genau da der Knackpunkt liegt. Ist die Liebe da, das Gefühl, in dieser Welt angenommen, willkommen zu sein, dann ist man zufrieden – mit sich, mit der Welt. Wenn man aber in diesem Bereich einen Mangel sieht, sich im Nachteil sieht, traurig ist, nach Liebe sucht, sie vermisst… dann passiert was in einem. Dieser Mangel muss behoben werden, denn er ist nicht auszuhalten. Säuglinge gehen ohne Liebe ein. Kleinkinder entwickeln Ticks, werden krank, sterben ab und an auch. Liebe ist Lebenselixier, ist wohl sogar Leben. 

Was also tun, wenn sie fehlt, wenn man sich alleine fühlt, nicht wahrgenommen, nicht angenommen fühlt? Man muss diesen Schmerz, der in einem entsteht irgendwie behandeln. Dafür gibt es verschiedene Strategien:

1) Man lebt ihn aus. Weint, schreit, jammert, klagt – um dann wieder weiter gehen zu können. 

2) Man stürzt sich in Aktivitäten, die einen so ablenken, dass man vergisst, dass da ein Schmerz war.

3) Man betäubt sich – mit Drogen, mit Alkohol, mit Essen, mit irgendeinem Surrogat, das hilft, zu vergessen, zu verdrängen

4) Man fügt anderen Schmerz zu, weil man sich dann kurz Befriedigung verschafft, der eigene Schmerz überdeckt ist vom Triumph, über den anderen gesiegt zu haben, ihm auch weh getan zu haben. Der Schmerz des anderen löst den eigenen Triumph aus, der kurzzeitig den eigenen Schmerz vergessen lässt. 

Ich denke, Punkt 4 ist häufig vertreten. Vor allem in Fällen, wo mal Liebe war, nun keine mehr ist. Und wenn es dem anderen noch gut geht, dann erst recht. Kann doch nicht sein, dass der zufrieden ist, man selber nicht. Dem muss man schnell ein wenig das Leben schwer machen. Ihm eins reinwürgen. Dann fühlt man sich gleich besser. Leider nicht für lange. Doch das merkt man erst später. Und dann ist natürlich wieder der andere schuld. Oder die Nachbarn. Oder der Postbote. Oder der Mitarbeiter, Chef, die Politik, das System, die ganze Welt. Man selber? Besser mal suchen, wer es noch sein könnte. Nur wird man im Aussen nie finden, wer es wirklich war, so dass man selber endlich zufrieden ist. Man wird auch nie die Liebe finden, die man sucht, wenn man so agiert, weil man immer nur noch verbissener wird, nur noch härter. Anziehend ist das nicht. Liebenswert noch weniger. Zwar wären gerade die Menschen die, welche eben am meisten Liebe bräuchten, um aus ihrer Spirale zu kommen. Aber leider stossen sie mit ihrem Verhalten alle weg. 

Es gibt einen Satz in Bezug auf Kinder:

Nimm mich dann in die Arme, wenn ich es am wenigsten verdient habe. 

Genau der tritt auch hier in Kraft. Da es aber schwer fällt, den in den Arm zu nehmen, der einen gerade mal so richtig in die Tonne gehauen hat, kann man kaum aus seiner Haut. Man kann sich aber bewusst sein, dass dieses in die Tonne hauen mehr mit dessen Problemen zu tun hatte als mit der eigenen Person. Und mit dem Denken vielleicht für sich selber ein wenig Frieden finden. Und dem anderen wünschen, dass er irgendwann seine Probleme in den Griff kriegt, einsieht, dass nur er selber für sich zufrieden sein kann. Und wenn er es nicht ist, liegt das selten an den anderen. Es ist die eigene Einstellung zu dem, was um einen und mit einem passiert.

Klar gibt es Schicksalsschläge, klar gibt es Ungerechtigkeiten. Das Leben ist oft hart, unfair und gemein. Es ist oft voller Hürden, Fallen und Löcher. Und doch: es gibt auch viel schönes und wir haben es in der Hand, was wir sehen wollen, worauf wir unser Befinden stützen wollen. Damit sage ich nicht, das Schwere solle man ausblenden, das wäre nicht gut, denn verdrängen hilft nie, sondern schafft nur unbewusste Strategien, die meist in die Irre führen. Das Schwere soll man angehen, es bearbeiten und verarbeiten, immer im Bewusstsein, dass es nicht alles ist, nicht das ganze Leben, dass da noch viel Schönes ist. 

Diese Sicht hilft übrigens auch prima, wenn man über jemanden flucht, schimpft, dem alles Böse wünscht, ihm am liebsten irgendwie an den Karren fahren würde, denkt, das gäbe einem Befriedigung. Tut es nicht. Zumindest nicht für lange. Am meisten hilft, zu denken: Was kann ich für mich tun und nicht, was kann ich gegen den anderen tun. 

Fragen, Fragen, Fragen

Was sind Probleme im Leben? Wann leidet man? Wann ist Leiden legitim? Wann das Schicksal hart? Wer setzt das Mass? Darf ich klagen, dass mir das Essen nicht schmeckt, wenn ich weiss, auf anderen Erdteilen verhungern Menschen in Scharen. Darf ich jammern, das Leben sei ungerecht, weil es sich mir nicht so darbietet, wie ich es gerne hätte, vielleicht Hürden hat, die ich bei anderen nicht sehe, nur bei mir, wenn ich weiss, dass andernorts kein Leben möglich ist, weil Krieg herrscht und man schon froh ist, zu über-leben? Verpflichtet mich der Umstand, in einem westlichen zivilisierten Land mit Sozialsystem geboren zu sein zu Dankbarkeit und Zufriedenheit, weil fast jede andere Lebenssituation um Welten schlimmer wäre als die meine? Oder habe ich ein Recht auf mein Leid, meine – im grossen Zusammenhang nichtigen, für mich gewichtigen – Probleme, einfach, weil sie meine sind, mein Leben im Jetzt und Hier prägen, ausmachen? Was ist angebracht, was Jammern auf hohem Niveau und damit fast schon niveaulos?

Eigentlich habe ich alles im Leben, was ich mir nur wünschen kann. Es geht mir gut, ich bin soweit gesund, lebe da, wo ich leben will, tue das, was ich tun will (meistens, ab und an stelle ich das Wollen in Frage, aber nicht des Wollens Willen, sondern aus anderen Gründen – man könnte hier gleich am Anfang weiter lesen und all die Fragen stellen, die ich stellte). Ich hätte also allen Grund, als ewig strahlendes Honigkuchenpferd durch die Welt zu laufen, grinsend „es geht mir gut“ zu singen und den Herrn einen lieben Mann sein zu lassen (wenn es den denn gäbe, was ich nicht denke, aber tolerant genug bin – logischerweise -, das andere anders sehen zu lassen und mich zurückzuhalten mit intellektuellen Argumentationsketten, wieso es ihn nicht geben kann und das Glauben seiner Existenz absolut verfehlt sei – um es nicht dumm zu nennen, was noch weniger schön wäre). Tue ich aber nicht. Mist aber auch.

Ab und an überkommt es mich. Die ganze Schwere des Lebens. Dann sitze ich da und grummle. Vor mich hin, mit anderen. Eigentlich bin ich zufrieden. Eigentlich. Nur bringt mich alles in eine angespannte Haltung. Der kleinste Auslöser reicht – der Auslöser muss nicht mal wirklich Auslöser sein, es reicht schon, dass was kommt. Das kann sein, was es will – ich sitze da und bin genervt. Bin frustriert. Bin getroffen. Reagiere. Je nach Situation anders, selten angepasst, meistens über. Finde ich. Ich finde mich schlimm. Und das bringt mich noch mehr auf die Palme. Ich genüge mir und meinen Ansprüchen an mich nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich sollte gelassen sein. Über den Dingen stehen. Und vor allem lächeln, denn es geht mir ja gut. Ich habe ja alles.

Aber so bin ich nicht. „Kind, wieso bist du nur immer so. Alle andern sind anders. Nur du.“ Ja, nur ich. Und ich mag es nicht. Und das bringt mich in diesen Situationen erst recht auf die Palme. Ich möchte gut sein und fühle mich nur schlecht. Und hadere mit mir und reagiere dann über. Auf die anderen. Auf deren harmlose Auslöser. Sie löffeln meine Suppe aus. Und merken es nicht mal? Was, wenn sie aufwachen? Oder bin ich zu hart mit mir? Wieso schelte ich mich, wenn anderen nicht mal auffällt, dass ich was falsch machte? Oder sie es zumindest nicht übel nehmen. Wieso bin ich so streng, wo andere drüber weggehen? Und genau diese Strenge macht alles meist noch schlimmer, weil ich im Hadern,  im Verurteilen meiner Schwäche gefangen, Dinge gereizter angehe.

Ein Blog voller Fragen. Und nun sollte folgerichtig die Antwort kommen, die da lautet: Ich bin prima, wie ich bin. Ich nehme mir vor, fortan liebevoller mit mir umzugehen. Ich werde gelassen sein, mir und anderen gegenüber. Werde meine Schwächen als Teil von mir akzeptieren und sie liebevoll umarmen. Werde lächeln und das Leben lieben. Ich werde ein neuer Mensch – im Einklang mit mir und dem Leben und überhaupt.

Aber damit kann ich nicht dienen. Ich habe die Antworten nicht. Ich habe nur die Fragen. Und es werden immer mehr. Zwar klingt es schön, fortan nur noch zu lächeln und gelassen zu sein. Aber das ist nicht das Leben, wie ich es empfinde. Das ist nicht das Leben im Spannungsfeld von hoch und tief, das ich lebe. Seit Jahren. Nicht pathologisch. Einfach lebendig. Mal nachdenklich, mal überschwänglich. Mal still, mal laut. Mal versöhnlich, mal angriffig. Immer versucht, niemanden zu verletzen. Ab und an verletze ich doch – meist wohl mich selber. ich kann stur sein, bockig, aufsässig, penetrant. Ich kann ausflippen, explodieren. Kann sticheln, so fein ist keine Nadel. Und zeige wohl damit immer, dass ich selber gerade leide. Das Aussen ist Spiegel des Innen. Und das müsste man verdecken. Man ist ja gross und angepasst. Lächelt. Ich werde wohl nie man sein. Aber eigentlich macht das auch nichts. Meistens. Und ab und an, wenn ich damit hadere, es nicht zu sein, vergeht diese Phase zum Glück auch recht schnell wieder. Noch Fragen? Klar, eine ganze Menge. Und das ist gut so.

Muss endlich mal Schluss sein? – Erinnerung an die Shoah

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als Auschwitz selbst…
und das ist, wenn die Welt vergisst, dass es einen solchen Ort gab.

Henry Appel, Auschwitz –Überlebender

Zeit für einen Schlussstrich?

In den letzten Jahren, bald schon Jahrzehnten, werden immer wieder Stimmen laut, es sei genug getan in Sachen Erinnerungsarbeit und Aufklärung bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus. Die Forderung wurde immer wieder laut, die Dinge endlich ruhen zu lassen, nach vorne zu schauen. Dass man nach vorne schauen muss, ist klar, doch beim Blick nach vorne sollte nie vergessen werden, was in der Vergangenheit war. Vor allem die Fehler sollten präsent bleiben, um wenigstens die Hoffnung zu haben, gewisse – vor allem die grossen, schrecklichen – in der Zukunft zu vermeiden. Des Weiteren gibt es auch Ereignisse, die um ihrer selbst willen Erinnerungswert und Erinnerungspflicht in sich tragen. Und gewisse Ereignisse vereinen die beiden Gründe zur Erinnerung. Die Shoah gehört in meinen Augen in die letzte Kategorie. Ein historisches Ereignis, das eine so immense Tragweite hat, sowohl für die Opfer wie auch für die Nachwelt, darf nicht in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung muss aufrecht erhalten werden. Zudem gibt es immer wieder neue Erkenntnisse und die Fragen, die diese dunkle Seite der Geschichte aufwerfen, sind nie erschöpfend beantwortet.

Pflicht der Erinnerung

Wenn man aktuelle Geschehnisse interpretieren und bewerten will, spielt das historische Gedächtnis immer eine Rolle. Dies beruht darauf, dass nichts für sich gesehen eine Bedeutung oder einen Sinn hat, sondern diese immer erst von aussen auferlegt werden. Diese Sichtweise vertritt u.a. auch der amerikanische Kulturanthropologe Marshall Sahlins, welcher Bedeutung als etwas sieht, das man Ereignissen und Gegenständen erst zuspricht. Nach Sahlins beruht Meinung auf zwei Umständen: dem, was sich aus der Vergangenheit gesetzt hat und den Absichten für die Zukunft. Diese beiden Elemente begründen das, was Sahlins ein Bedeutungsschema nennt, nach welchem Menschen die Dinge beurteilen, welche sie umgeben. Würden wir die Vergangenheit also einfach vergessen, ruhen lassen, fehlte uns ein Aspekt der Bedeutungsgebung für heutige Ereignisse und Umstände und damit auch ein Einschätzungskriterium dafür, was um uns vor sich geht.

Eine Gesellschaft ist zudem immer geprägt von dem, was war. Nur die Kenntnis dessen, was war, wird erklären, was heute ist. Wenn es sich bei der Vergangenheit um ein historisches Verbrechen handelt, ist es noch viel wichtiger, daran zu denken, es in Erinnerung zu behalten. Vor allem gehört es zu unserer Pflicht heute, das Ereignis als historisches Verbrechen zu sehen und jegliche Leugnung dieses Umstandes zu ahnden. Dies unterliegt der Verantwortung und sollte eine Pflicht des Menschen als Mensch sein, die er sich selber, der Gesellschaft wie auch – und vor allem – den Opfern eben dieses Verbrechens schuldet.

Umgang mit der Vergangenheit

Der Umgang mit der Shoah war nicht von Anfang an da. Zuerst herrschte Schweigen und Tabuisierung. Erst nach und nach, mit den Jahren, begannen einzelne Kreise, die Vergangenheit zu thematisieren und damit aufzuarbeiten. Und mit dieser Aufarbeitung kam auch ein Diskurs auf, der schlussendlich allen half, sowohl den Nachkommen der als Täter kategorisierten sowie auch den überlebenden Opfern und deren Nachkommen. Es half, im Heute das Miteinander zu entkrampfen, weil die sturen Bilder von gut und böse, hier die Opfer, da die Täter, langsam verwischt werden konnten und an ihre Stelle auch wieder individuelle Menschen treten konnten. Das Bild des Deutschen als nur bösen Menschen und des Juden als nur armes Opfer hätte die Kerbe weiter eingebrannt und schlussendlich das Leben beider Kollektive immer tiefer vergiftet.

(Der ausführliche Text findet sich in „Sandra Matteotti: Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem„. Dort sind auch die zitierten Stellen korrekt aufgeführt)