Wert des Lebens

Was wirklich zählt in dieser Welt,
lässt sich ganz leicht erzählen.
Wie oft ist uns der Blick verstellt,
verirren wir in Wünschen, Plänen.
Seh’n, was fehlt und wollen hin,
schätzen nicht, was da schon steht,
in den Augen, aus dem Sinn,
wir wollen das, was wirklich geht..

Doch eines Tages, knüppeldicke,
holt uns schon das Schicksal ein,
reisst unser Sein in viele Stücke,
hinterlässt bloss Wut und Pein.
So langsam dämmert’s, wir seh’n ein,
dass was wir suchten und begehrt,
war nichtig und auch blosser Schein,
denn wo dein Herz sitzt, liegt nur Wert.

Heute und Gestern

Vergangenheit, die nie vergeht

ständig sich aufs Neue regt.

Erinnerung, die ewig bleibt,

einen in die Zukunft treibt.

Doch wäre sie vergessen auch,

weggeweht wie Schall und Rauch,

stets bliebe sie im Untergrund,

und triebe weiter – Stund um Stund,

ohne dass wir uns bewusst,

worauf nun unser Leben fusst.

Gegenwart wird nur erfahren,

wer das Gestern kann bewahren.

Auf und Ab

Getobt, geschrien, aufgestampft,

die Welt verflucht – gar laut und stark.

Gezürnt, zerfleischt und auch geweint,

das Sein gehasst und mich damit.

Sah alles grau, verflixt und öd,

fand and’res gut, nicht das, was war.

Wollte sein am andern Ort,

sann über Flucht und Neubeginn.

Hört‘ Argumente, nichts war gut,

wollt‘ mich verschliessen, trotzte gar.

Kopf in den Sand und weiter geh’n

und tun, wonach der Sinn mir stand.

Das Blut, das wogte hoch und höher,

die Ratio – sank tiefer stets.

Doch irgendwann, an Tales Sohle,

macht‘ sie Halt und ich damit.

So wie es war, konnt‘ es nicht bleiben,

irgendwas musste gescheh’n.

Sollte ich den Wünschen folgen

oder bleiben da, wo ich nun war?

Wo war mein Weg, wo war mein Glück,

sollt‘ ich nach vorn, musst‘ ich zurück?

Und mit der Zeit kam etwas Ruh‘,

kam Einsicht gar und auch Verstand.

Ich sah, was war und fand es gut,

sah all die Träume, die nur Schaum.

Dieser glänzt zwar, nie erprobt,

drum umso heller, umso greller.

Sah das Ist mit Fundament,

das gar schwer und bleiern wirkt,

so dass es hält und mich oft stützt.

Und endlich sank das Blut darnieder,

Stille kehrte langsam ein,

mit grossem Dank für diesen Grund,

der mir erlaubt solch‘ Quängelei’n.

Selbstschutz

Wie er mich anschaut. Was er wohl denkt? Seine Augen sind so lieb. Er sagt, er liebt mich. Über alles. Ich möchte es ihm glauben. Kann ich? Kann es wirklich sein, dass mich jemand liebt?

„Wieso?“

Nun sagt er nichts mehr. Irgendwie ist sein Blick traurig geworden. War meine Frage zu grob? Habe ich ihn verletzt? Ist diese Frage nicht berechtigt? Ich meine, es ist so schnell gesagt, dass man jemanden liebt. So schnell glaubt man es und vertraut drauf, um dann verletzt zu werden. Zudem, es muss doch einen Grund geben, dass er ausgerechnet mich liebt. Er wird ja nicht einfach aus einer Laune heraus sagen, dass er mich liebt, unbegründet, einfach aus dem hohlen Bauch heraus. Oder ist das Liebe? Ein unerklärliches Gefühl, ohne Grund? Heisst es nicht, dass nichts ohne Grund ist?

„Kannst du mir nicht sagen, wieso du mich liebst? Habe ich so wenig, das dir in den Sinn kommt?“

Wieso er nichts sagt? Ob ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe? Vielleicht waren es wirklich nur leere Worte? Wobei, so schätze ich ihn nicht ein. Ich glaube ihm, dass er mich liebt. Ich sehe es in seinem Blick, seinen Gesten, seinem ganzen Verhalten. Aber das könnte auch alles gespielt sein. Wobei, was hätte er davon? Er könnte es soviel einfacher haben ohne mich. Ich bin so schwierig, so kompliziert. Hinterfrage ständig, lasse nichts auf sich beruhen, will überall dahinter sehen, misstraue allem und jedem, mir selber eingeschlossen. Und doch behauptet er, er liebe mich. Ist bei mir, sagt, er bleibe.

„Was schaust du mich so an?“

Ich möchte ihm glauben, möchte mich einfach in seine Arme stürzen, mich an ihn schmiegen. Möchte ihm sagen, dass ich ihn liebe, möchte ihm sagen, dass ich ihn brauche, weil er mir gut tut. Ich möchte ihm sagen, dass es nichts schöneres gibt, als von ihm geliebt zu werden und dass ich nichts mehr möchte, als dass er bleibt.

„Hat es dir die Sprache verschlagen?“

Ich möchte ihm sagen, dass ich Angst habe. Dass ich mich fürchte, wieder verletzt zu werden. Dass ich mich fürchte, zu vertrauen und dann wieder alleine dazustehen. Ich fürchte, nicht nochmals die Kraft zu haben, eine Enttäuschung zu überstehen. Mein Herz krampft zusammen beim Gedanken, ich könnte ihn verlieren. In mir scheint alles schwach zu werden, ein Kloss im Hals, ein Stein im Bauch. Die Arme werden kraftlos, hängen runter, die Beine schwanken. Nur schon beim Gedanken, ihn zu verlieren.

„Dann kann es mit der Liebe wohl nicht so weit her sein, wenn du nicht mal weißt, wieso du mich liebst.“

Ich drehe mich um, gehe weg. Ich spüre seinen Blick im Rücken. Ich drehe mich nicht um. Es ist besser so.

Liebe ist…

Bild

Liebe kennt keine Grenzen,

sie stellt keine Bedingungen.

Liebe macht keine Auflagen,

sie wertet nicht.

Liebe kennt keine Vorurteile,

sie verletzt nicht.

Liebe trägt,

wo niemand sonst es tut;

sie unterstützt,

wo Hilfe nötig.

Liebe steht,

wo alle fallen;

sie hält zu einem,

wenn alle weg sind.

Liebe gibt Kraft,

wo deren Ende erreicht ist;

sie gibt nie auf,

auch wenn alles schon verloren scheint.

Liebe ist,

was sie ist,

ohne Schein und ohne Lüge,

einfach wahr.

Die Mütze des Riesen

Es war einmal ein König, der hatte eine wunderschöne Tochter. Ihr Haar war glänzend wie sein Goldschatz, ihre Haut rosig zart und ihre Augen leuchteten wie zwei klare Bergseen. Auch war sie sehr intelligent und weltgewandt. Doch der König konnte keine Freude an ihr haben, denn er fand keinen Bräutigam für sie, den zu nehmen sie bereit gewesen wäre. Ihre Ansprüche waren nämlich sehr hoch. Der Mann, der ihr Zukünftiger sein wollte, musste zuerst eine schwere Mutprobe bestehen.

In einem Tal, nicht weit weg vom Königsschloss, lebte in einer Höhle ein gewaltiger Riese. Jeden Abend verliess er seine Höhle, um sich Nahrung zu besorgen. Mit seinem riesigen Schatten legte er dabei Finsternis über das ganze Tal und versetzte so die Bewohner desselben in Angst und Schrecken versetzt, ob nicht sie selbst sein nächstes Mahl darstellten. Die Mutprobe bestand nun darin, dem Riesen seine Mütze wegzunehmen und sie der Prinzessin zu bringen. Doch um diese zu bekommen, müsste man ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen, denn erschiessen nützte nichts, der Riese hatte den Ruf, unsterblich zu sein.

Schon mancher junge Mann war in das Tal geritten, doch alle waren sie wieder umgekehrt, als sie den gewaltigen Schatten sahen.

Eines schönen Tages ritt ein junger Bauernsohn auf seinem Maulesel zum Schloss. Er hatte von der Schönheit der Prinzessin gehört und konnte seither nicht mehr schlafen, entbrannt vor Liebe zu ihr. Als er vor den König gelassen wurde, sagte er: „Ihre Majestät, ich werde den Riesen besiegen und ihrer Majestät, der Prinzessin, die Kappe besorgen. Bereitet schon alles zur Hochzeit vor!“

Und so ritt er am folgenden Tag auf seinem Maulesel in das Tal hinein. Dort besuchte er die Dorfälteste und wollte etwas über den Riesen von ihr wissen. Auch hatte er gehört, sie hätte magische Kräfte.

Die Alte sprach zu ihm: „Mein Sohn, glaubst du wirklich, dir wird gelingen, was so viele vor dir vergeblich versuchten? Fühlst du dich mutig genug, wenn der Schatten über das Tal gleitet, nicht einfach wegzurennen, sondern dich dem Riesen zu stellen?“ Der junge Bauernsohn antwortete: „Ja, ich werde es schaffen, denn ohne die schöne Prinzessin ist mein Leben nichts mehr wert.“

Da sprach die Alte: „Nun gut, du scheinst die Fähigkeiten zu haben, um die Mütze zu erhalten. Ich will dir helfen.“ Und sie gab ihm einen Kranz aus Rosen, den er nur aufzusetzen brauchte und schon wäre er unsichtbar.

So setzte sich der Jüngling unter einen Baum und wartete dort, bis die Sonne genug tief stand, damit der Riese seine Höhle verliess. Schon bald war es soweit. Eine Finsternis, wie man sie in der dunkelsten Nacht nicht kennt, legte sich über das Tal. Eine Gänsehaut lief dem Jungen über den Rücken. Noch zögerte er, ob er es wirklich wagen sollte. Doch dann dachte er an die schöne Prinzessin, und mutig wagte er den Aufstieg zur Höhle. Als er oben war, legte er sich den Rosenkranz auf den Kopf und wartete in der Höhle auf die Heimkehr des Riesen. Inzwischen war es Nacht geworden. Doch der Riese kam nicht.

Plötzlich kam ein kleines Zwerglein auf die Höhle zu, in einem Körbchen trug es Beeren. Als es in die Höhle herein kam, nahm der Jüngling den Rosenkranz vom Kopf, so dass er wieder sichtbar wurde. Wie der Zwerg ihn sah, zuckte er zusammen und fing an zu zittern.

Da sagte der Jüngling zu ihm: „Hab keine Angst, ich tu dir nichts. Aber sag, wie kommt es, lieber Zwerg, dass du mich fürchtest, jedoch den Riesen nicht, der hier haust?“ Der Zwerg antwortete ihm: „Hier wohnt gar kein Riese, das alles ist ein Irrtum. Ich will es dir erklären. Früher lebte ich im Tal bei den Menschen. Doch weil ich so klein bin, haben sie mich immer gequält. Da habe ich Angst bekommen und bin in diese Höhle geflüchtet. Aber von irgendwas muss ich leben und so gehe ich abends, wenn niemand mehr hier heraufkommt, Beeren sammeln. Da die Sonne um diese Zeit sehr tief steht, wird mein Schatten aber so gross, dass er das ganze Tal bedeckt und die Menschen in Angst versetzt. Das tut mir leid, denn ich möchte sie nicht erschrecken, doch ich kann es nicht ändern, denn ich fürchte mich vor ihnen. Wenn ich am Tag meine Höhle verliesse, würde ich vielleicht einen treffen.“

Das verstand der Bauernsohn und er sagte zum Zwergen: „Hör zu, ich brauche unbedingt deine Mütze, um sie der Prinzessin zu bringen. Aber ich will dir auch helfen. Wie du siehst, tue ich dir nichts. Vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten. Komm mit mir ins Schloss. Ich ernenne dich zu meinem Schatzmeister. Dort wird dir auch bestimmt niemand anders etwas tun.“

Der Zwerg war einverstanden, und so zogen die beiden los. Beim Schloss angekommen erklärte er dem König und der Prinzessin alles. Gleich am nächsten Tag wurde Hochzeit gefeiert und alle waren glücklich. Der junge Bauernsohn, der nun König war, liess die Alte, die ihm den Rosenkranz gegeben hatte, zum Schloss rufen. Sie hatte gewusst, dass hinter dem vermeintlichen Riesen nur ein Zwerg steckte. Zum Dank für ihre Hilfe durfte auch sie am Schlosshof bleiben, als Beraterin des Königs. Und so lebten sie noch viele Jahre glücklich und zufrieden.

Was ist der Mensch?

Was ist der Mensch, wie soll er sein?

Was macht ihn gross, wann ist er klein?

Sind es die Berge auf der Bank,

was ist gefragt, dick oder schlank?

Zählen  Titel oder Schönheit,

Sein allein oder zu zweit?

Ist Egoist er oder nett?

Wie sich kleiden, stets adrett?

Grosses Auto, teures Haus?

Oder macht das gar nichts aus?

Zählen wirklich inn’re Werte,

grosses Herz, das unbeschwerte?

Oder sind Struktur und hoher Rang,

grosses Anseh’n von Belang?

Ist angepasst, was er muss sein,

zählt wirklich Sein oder nur Schein?

Wer sagt es mir, wo muss ich hin,

wie muss ich sein, dass ich gut bin.

Wer setzt das Mass, wo ist die Norm,

gibt es Schablonen, eine Form?

Blosser Schein

Worte fliessen,
ganze Salven,
wissen besser,
wissen alles.
Bringen Schmus
und Schleimerei,
bis Taten warten,
warten lassen.

Wollten da sein,
schickten Herzen,
Freundschaft sei es,
Zuneigung.
Dahin gesagt,
man traute drauf.
Sitzt alsbald da
und nichts war wahr.

Alleine bleibt man
lebt dahin,
Alles and’re
blosser Schein.
Es fällt bald auf,
man schickt sich drein,
wer nichts erwartet,
fällt nicht rein.

Was es ist

Claudia stand am Bahnhof und wartete. Um sie herrschte emsiges Treiben, Leute gingen, Leute kamen, alle stürmten sie an Claudia vorbei, ohne sie zu bemerken, in sich versunken, ohne Zeit, ohne Ruhe, nur dem eigenen Ziel zugewandt, den Moment missachtend. Claudia hatte Zeit. Sie war zu früh. Sie war immer zu früh. Das hatte sie von ihrem Vater geerbt. Ihr Vater war sehr streng und tolerierte keine Unpünktlichkeit. Sie erinnerte sich an einen Vorfall, als sie 10 Minuten zu spät heim kam und er mit ihr schimpfte, als ob sie ein Kapitalverbrechen begangen hätte. Er liess sie nicht mal erklären, wie es dazu gekommen war. Es war auch nicht aus Sorge, weil er dachte, ihr hätte was passiert sein können, es war einfach nur der Umstand, dass sie ihn 10 Minuten hatte warten lassen. Respektlos nannte er sie. Gedankenlos. Eigensüchtig. Das tat weh. Sie wollte es immer recht machen. Allen. Das schien unmöglich. Sie wusste es. Und doch versuchte sie es weiter.

Es zog am Treffpunkt im Bahnhof. Sie blickte die Rolltreppen hinauf und sah den dunklen Himmel über sich. Anfangs Januar wurde es früh dunkel, die Tage waren kurz. Ungeduldig blickte sie zur Uhr. Noch 15 Minuten. Dann musste er kommen. Sie freute sich sehr. Vor zwei Monaten hatte sie Thomas kennen gelernt. Sie hatte einen Beitrag im Internet von ihm gelesen, der ihr Herz berührt hatte mit der Tiefe und dem Wissen, die darin steckten. Sie hatte nicht umhin gekonnt, ihm zu schreiben und ihm das zu sagen. Nach dem Abschicken ihrer Nachricht hatte sie sich gescholten, gedacht, sich lächerlich gemacht zu haben. Und doch – sie hatte nicht anders gekonnt. Thomas fühlte sich aber gar nicht gestört und sie auch nicht lächerlich. Im Gegenteil, er hatte eine sehr liebenswürdige Mail zurück geschrieben. Und bald folgte eine Mail der anderen, sie tauschten sich aus, über München, wo er wohnte, über Literatur, über Kunst, Philosophie, sich selber. Das Leben schlechthin. Sie ertappte sich, wie sie täglich mehrmals die Mailbox anschaute, ob etwas von Thomas gekommen war. Wie gross die Freude, wenn es so war. Wie gross die Enttäuschung, wenn nicht. Und wie gross die Ungeduld bis zum nächsten Nachschauen.

Die Mails flossen bald täglich mehrmals zwischen Zürich und München hin und her. Thomas war Galerist in München. Er schrieb daneben an einem Lebenswerk über die Löcher in Menschenseelen und deren Ursachen. Jeder hat ein Loch im Leben. Das war auch Claudias Überzeugung. An einem Punkt kranken Menschen und oft ist es mangelnde Liebe, mangelnde Aufmerksamkeit. Daraus resultiert die oft verzweifelte Suche danach – oft bis hin zur Selbstaufgabe. Claudia war von Thomas in den Bann gezogen. Ihr ganzes Denken drehte um ihn. Als er sie eines Abends das erste Mal anrief, fügte sich dem Bild noch ein Teilchen hinzu. Seine Stimme war weich, warmherzig und sein Dialekt herzerwärmend. Sie liebte den Münchner Dialekt schon lange, seinem war noch ein Stück Wien beigemischt, was dem Ganzen eine spezielle Note gab. Claudia telefonierte eigentlich nicht gerne. Früher hatte sie ihr Vater ausgelacht, weil sie gleich nach der Schule mit Schulfreundinnen telefoniert hatte, was ihm ein Rätsel gewesen war, da sie sich ja eben erst getrennt hatten. Seit sie erwachsen war, telefonierte sie kaum noch. Sie wüsste nicht, wen sie anrufen sollte. Zudem kamen Anrufe meist dann, wenn man beschäftigt war. Selten sitzt man nur da und tut nichts, selten ist man bereit, einen Anruf entgegen zu nehmen, weil sonst grad nichts läuft.

Der Zeiger der grossen Bahnhofsuhr rückte nur langsam vorwärts. Es war ja immer so: Wenn man was erwartet, geht es umso länger, bis es eintrifft. Neu war diese Erkenntnis wahrlich nicht. Eigentlich mochte Claudia keinen solchen Sprüche. Sie waren zwar wahr, aber wenig originell. Doch was war heutzutage noch neu? Alles war schon mal dagewesen. Jeder Gedanke schon mal gedacht. Der Mensch erlebt selten mehr was Neues – je älter er wird, desto mehr Erfahrungen hat er schon und wiederholt sie nur noch in wechselnder Besetzung. Eigentlich eine trübe Sicht und Claudia wollte nicht Trübsal blasen, denn sie freute sich. Trotzdem konnte sie selten aus ihrer Haut. Sie war ein nachdenkliches Gemüt und alles, was ihr begegnete, regte immer zu 100 neuen Gedanken an. Und so konnte es kommen, dass sie vom einen zum andern floss gedanklich, ohne Unterlass, oft sprunghaft, so dass ihr niemand mehr folgen konnte. Oft sie sich selber nicht.

18.05 – nun musste der Zug angekommen sein. Claudia merkte, wie ihr Herz unruhiger schlug. Sie spähte neugierig in die Masse. Dann wieder zwang sie sich, wo anders hinzusehen. Sie wollte nicht allzu erwartungsvoll erscheinen. Sie könnte jemanden beobachten, dass es fast so aussah, als ob sie gar nicht wirklich wartete, sondern beschäftigt wäre. Das würde cool wirken. Aber sie musste nicht cool sein. Thomas war es auch nicht. Endlich mal ein Mann, der eben nicht cool war, sondern echt. Sie hatte in ihrem Leben genug andere kennen gelernt. Und ja, sie gab es zu, die hatten ihren Reiz. Sie konnten so schön blenden und sie liess sich viel zu oft und zu schnell blenden. Nicht weil sie geblendet werden wollte, im Gegenteil, sondern, weil sie eben nie davon ausging, dass etwas nicht wahr sein könnte. Vermutlich war sie naiv. Ihr Vater warf ihr das immer vor. Sie hörte innerlich seine Stimme: „Kind, du bist sonst so intelligent, wieso menschlich so dumm? So dumm kann man doch nicht sein.“ Offensichtlich doch…

Die coole Masche lag ihr nicht. Sie blickte doch wieder in die Richtung der Gleise, hoffnungsvoll. Sie sah in ein Meer von Köpfen, blonde, braune, schwarze, weisse, herausragende, untergehende – und in den einen herausragenden. Nicht weil er besonders gross wäre oder sonst auffällig, sondern, weil er es war. Er sah genau so aus wie auf dem Bild. Dick eingemummt – es war bitterkalt –  kam er ihr entgegen. Er umarmte sie zur Begrüssung. Wie alte Freunde. Irgendwie waren sie das. Oder was waren sie eigentlich?

Was war es, das sie verband? All die Mails, die Telefonate? Das schönste Telefonat war vor einem Tag gewesen. Sie war zum Silvester eingeladen gewesen und Punkt Mitternacht klingelte ihr Handy: Thomas. Er wünschte ihr einen guten Rutsch, sagte, wie sehr er sich freute auf ihr Treffen, auf seinen Besuch in Zürich. Claudia freute sich ebenso.

Nun war er also da. Sie liefen Seite an Seite durch die Gassen Zürichs zum Hotel, in dem Thomas ein Zimmer reserviert hatte. Er wollte nur schnell die Koffer abgeben, danach wollten sie essen gehen. Es war alles vertraut. Sie sprachen, als ob sie sich ewig kennen würden. Irgendwie taten sie das auch. Sie hatten über so viel geredet, über so viel geschrieben. Beim Essen ging das Gespräch weiter. Sie lachten, scherzten, schauten sich in die Augen. Er hatte liebe Augen. Wie auf dem Bild. Sie fühlte sich so nah, so aufgehoben, so geborgen. Sie fühlte, da sass ein Mann, ein Mensch, der sie wahrnahm. Wie sie war. Der sie so akzeptierte und toll fand. Sie kannte das nicht. Bislang kannte sie nur das Gefühl, nicht zu genügen. Es war immer zu wenig oder zu viel. In allem. Zu dumm, du gescheit, zu gross, zu klein, zu laut, zu leise. Einfach immer zu. Nie gut. Zumindest empfand sie es so. Bei Thomas war das anders.

Der erste Anruf nach dem Besuch war schön. Aber wehmütig. Die Stimme so nah, der Mensch so fern. Und doch so nah. Die Nähe zwischen Claudia und Thomas wuchs ständig. Sie hatten eine innere Verbundenheit, weil jeder beim anderen fand, was er im Leben sonst vermisst hatte. Verständnis, Zuneigung, Echtheit, Tiefe. Claudia war traurig, dass Thomas schon wieder weg war, vor allem, weil sie nun ihren Geburtstag alleine verbrachte. Er hatte ihr ein Geschenk dagelassen, einen Gedichtband von Erich Fried. Ein wunderbares Buch, es hiess „Was es ist“ – was war es? Was war es, das Thomas und Claudia verband? Liebe? Es fühlte sich so an. Was sollte es sonst sein? Was spräche gegen Liebe?

Claudia merkte, wie gut ihr Thomas tat. Und auch er sagte, dass sie seinem Leben einen neuen Sinn gebe, einen, welchen er sich immer gewünscht hatte. Beide konnten tiefe Löcher in sich und im Leben stopfen durch die Präsenz des anderen. Die gegenseitigen Besuche waren immer viel zu schnell vorbei, zurück blieben Vermissen und doch Glück über das Wissen, dass der andere auch in der Ferne nah war. Sie hatten schon ein paar Mal darüber geredet, wie es wäre, wenn Claudia nach München käme. Sie könnte in Thomas‘ Galerie arbeiten, wenn sie wollte, in der Hauptsache aber ihre Projekte verfolgen. Einfach zusammen sein, das wäre es, was sich beide wünschten. Zuerst aber stand noch ein Besuch in München an. Thomas hatte eine Vernissage organisiert. Claudia freute sich. Es war das erste Mal, dass sie dabei sein konnte bei so einem Anlass.

Claudia stand am Rand des Geschehens, neben ihr Thomas‘ beste Freundin. Eine sehr nette Frau, die Thomas viel bedeutete. Claudia konnte es verstehen. Die Gäste bestaunten die Bilder, der Künstler sass in der Mitte des Geschehens, lächelte freundlich, sichtlich zufrieden mit seinem Werk und der Wirkung, die es erzielte. Die Gesichter, die ein und ausgingen, sah man sonst in Derrick oder im Alten, alte Bekannte aus dem Wohnzimmer der Kindertage, als die Serien noch häufiger liefen. Unter den Gästen auch ein Schriftsteller mit seiner neuen Freundin. Claudias Nachbarin am Rande beäugte das Paar kritisch und konnte nicht verstehen, was sich ein Mann dabei dachte, sich eine so viel jüngere Freundin zu suchen. Dekadent nannte sie es. Dumm dazu, da sie wahre Gefühle kategorisch ablehnte in solchen Fällen, in seinem Fall Dummheit, in ihrem Geltungsdrang als Motive nannte. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich zumindest. War das wirklich das übliche Bild? Wohl schon. Sie hatte sich die Gedanken auch schon gemacht. Sie war sich nicht sicher, wie sie dazu stand. Aber sie musste sich klar werden.

Thomas war zufrieden mit der Vernissage. Er war sichtlich aufgeräumter Stimmung. Sie sassen im Restaurant bei ihm um die Ecke, tranken ein Glas Wein und liessen den Tag Revue passieren. Thomas nahm Claudias Hand. Er blickte ihr in die Augen. Er dankt ihr, dass sie gekommen war. Es hätte ihm viel bedeutet. Generell bedeute ihr seine Anwesenheit sehr viel. Endlich sei das Loch in seinem Herzen zu. Und er fühle sich wieder ganz. Thomas fragte Claudia, ob sie zu ihm ziehen wolle. Ob sie sich vorstellen könnte, seine Frau zu werden. Und bei ihm zu bleiben. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich. Sie bat sich Bedenkzeit aus. Der Abschied nahte, die Zugfahrt nach Hause war dieses Mal noch trauriger. In Claudias Kopf drehten die Gedanken. Sie fuhren Karussell. Was war richtig, was falsch? Was ist es? Was kann ich? Was soll ich? Was darf ich? Würde sie ja sagen, wäre Thomas der Dumme, sie die Geltungssüchtige. 31 Jahre. Das war eine Menge. Die Welt würde sie anstarren. Verurteilen. Aburteilen. Und mit der Welt Thomas beste Freundin. Thomas würde das nicht gut wegstecken. Das wusste Claudia instinktiv.

Es war die wohl schwierigste Mail gewesen, die sie je geschrieben hatte. Und die Antwort von Thomas war noch schwieriger – zu verkraften. Er brauche Zeit. Das wegzustecken. Abstand. Claudia musste es akzeptieren. Es zerriss sie förmlich. Nun war er weg. Weit weg. So fern. Er, der ihr näher gewesen war als selten jemand. Täglich ferner, in Gedanken täglich nah. Im Herzen sowieso. Sie konnte die Distanz nicht ewig halten. Nach ein paar Wochen schrieb sie ihm. Wollte wissen, wie es ihm ging. Er antwortete prompt. Aus einem Mail pro Tag wurden zwei, wurden Anrufe, wurde ein Besuch – wurde die erneute Frage, ob sie käme. Wurde der erneute Bruch. Der erneute Schmerz. Wurden erneut wieder vereinzelte Mails. Ein Besuch wurde besprochen – er wurde nie realisiert. Dann Schweigen. Tiefes Schweigen. Sie schrieb. Nichts kam. Sie schrieb wieder. Keine Antwort. Dann ein Anruf. Es sei alles in Ordnung. Er sei im Spital. Routine.

Claudia hörte Alarmglocken. Er hatte immer schon Probleme gehabt. Bauchweh. Unwohlsein. Wollte zum Arzt. Ihretwegen. Weil sie drängte. Und er durch sie einen Sinn sah. Den er dann verloren hatte. Nun war er wohl gegangen. Gut. Er würde sich melden, meinte er. Claudia freute sich drauf. Nur meldete er sich nicht. Ob sie ihm nochmals schreiben sollte? Oder ihn in Ruhe lassen? Sie konnte nicht. Was er wohl machte, womit er sich wohl beschäftigte? Sie suchte im Netz die Homepage seiner Galerie.

Der Boden öffnete sich, schien sie zu verschlingen. Sie fühlte nichts mehr – nur Leere. Ein grosses, gewaltiges Nichts. Das sie erstickte. Sie kriegte keine Luft mehr. Das konnte nicht sein. Das musste ein Irrtum sein. Noch weiter weg. Einfach gegangen. Ohne ein Zeichen. Einfach verlassen hatte er sie. Einfach so. Wobei: Deswegen wohl der Anruf. Doch ein Zeichen. Deshalb das eindrückliche „pass auf dich auf“. Er war weg. Einfach gestorben. Claudia starb ein Stück mit.

Vier Jahre später, Claudia blätterte wieder einmal in Frieds Gedichtband, sah sie sich die erste Seite des Buches an. Und sah, was sie davor noch nie gesehen hatte:

Was es ist…..

In Liebe Thomas

Geschrieben vor seinem ersten Besuch bei ihr. Es war ihm damals also gleich gegangen wie ihr. Sie hatte es nicht gewusst. Hatte die Signatur nie gesehen. Sah sie jetzt. Durchlebte alles noch einmal. War es richtig gewesen? Falsch? Was war es gewesen? Was war es noch? Es ist, was es ist.

© Sandra Matteotti

Wellenschlag

Wellen schlagen,

reissen nieder,

Stürme brechen,

in die Welt.

Zerstören, töten

alles Leben,

das noch ist

für kurze Zeit.

Dunkelheit beherrscht

mein Denken

und mein Fühlen.

Fühl ich noch

wenn ja, was ist?

Kälte, Härte,

eiserne Gewalt,

klammert sich

mein Herz erstarrt,

wird klein

bis dass es bricht,

in tausend Stücke,

Scherben gleich,

klirrend scharf,

entschwindend bald.

Die irgendwann

am Himmel steh’n

als Sterne klar

und niederseh’n

auf die da unten,

die zerbersten,

sterben,

durch die Wellen,

die zerschlagen,

niederreissen.

So bin ich

Wenn alles schläft
und niemand wacht,
Ruh’ sich senkt
und Stille lacht,
erwacht mein Geist
und trägt mich fort
in Welten weg,
die sonst verwehrt,
und warten drauf,
mir Raum zu sein,
der nur entsteht,
Wenn alles schweigt.

Wenn alles schläft,
und niemand wacht,
der Vorhang fällt,
die Zeit erwacht,
die meine ist,
nur mir allein,
ich füll’ sie aus,
nehme sie ein,
erwache selbst,
aus Alltagstrott
und tauche ein
in meinen Hort.

Wenn alles schläft
Und niemand wacht,
Gedanke fliesst,
und Freud’ entsteht,
das Herz mir tanzt
im Busen wild,
der Kopf wird heiss
die Kunst nur spriesst,
entsteht mein Leben,
täglich neu,
ich lebe auf,
ich bleib mir treu.

Wenn du weg bist

Nicht Kilometer trennen,

die Seelen treiben weg.

Wo vorher Liebe war und Licht,

ist Stille bloss und Leere.

Wolken hangen, tief und dunkel,

statt der Sonne, die du warst.

Tage, die schier endlos scheinen,

ausgelutscht und öde nun.

Einsamkeit – sie will erdrücken,

Ersticken droht mir – nach und nach;

Ich will es schreien, dass du’s hörst,

doch es bleibt still, es kommt kein Ton.

Und plötzlich fühl’ ich mich nur  noch allein,

sollt’ es das gewesen sein?