Christian Morgenstern: Heimfahrt einer einsamen Frau aus einer Gesellschaft

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Heimfahrt einer einsamen Frau aus einer Gesellschaft

Einsam fährt sie im Wagen nach Haus,
das Fest ist aus.
Der Schwarm zertrieb…
Wer hat sie lieb?

Sie schaudert und friert.
Wie sich so alles hinweg verliert
ins Unabsehbare,
ins Unverstehbare.

Wo bliebt, Freunde, ihr?

Nur die Furcht sitzt neben mir.
Was seid ihr so weit!
Mein Herz schreit – schreit – schreit.

Ein jeder mit seiner Lust,
ein jeder mit seiner Pein,

jedes Herz in seiner Brust
allein, allein, allein.

O wilder Vogel Seele,
den nie einer fängt!
o wilder Vogel Seele,

der nie sein Herz an andre hängt!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man einsam ist

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Vom Willen zum Leide

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900)

Vom Willen zum Leide*

Vom Willen zum Leide.
Vom Gesicht zum Räthsel.
Von der Seligkeit wider Willen.
Vor Sonnen-Aufgang.
Von der verkleinernden Tugend.
Vom Vorübergehen.
Das Winterlied.
Von den Abtrünnigen.
Die Heimkehr.
Von den drei Bösen
Vom Geist der Schwere.
Die Beschwörung.
Der Genesende.
Von der grossen Sehnsucht.
Von alten und neuen Tafeln
Und noch ein Mal!
Das andre Tanzlied.
Vom Ring der Ringe.

(Ende 1883)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn das Leben mal schwierig ist.

Ist es ein Gedicht? Oder doch nur die Disposition zum Zarathustra, in welchem Nietzsche in hymnischer Prosa über den Denker Zarathustra schreibt und diesem eigentlich die eigene Philosophie in den Mund legt, im Glauben, die zeitgenössische Leserschaft sei dem Werk nicht gewachsen, weswegen er es auch ein Buch für Alle und Keinen nennt? Ist es beides?

Zarathustra propagiert den Übermenschen, den Menschen, der über sich hinauswächst. Es soll ein schaffender Mensche sein, einer, der sich liebt und sich nicht verknechten lässt. Es soll ein Mensch sein, der das Leben liebt und den eigenen Fähigkeiten vertraut – und sie einsetzt in der Tat. Der Mensch soll seinem eigenen Willen gehorchen, nicht dem eines anderen. Er soll sich nicht unterwerfen lassen und selber Verantwortung übernehmen. Er soll mit Mut durchs Leben gehen.

Und wie einer dahin kommt, was es bedeutet, ein solcher Mensch zu sein, das verkündet Zarathustra und das lässt sich auch aus dieser Disposition rauslesen, die durchaus einen zugrundeliegenden Rhythmus hat. Sie beschreibt das Leben, mit allem, was es mit sich bringt: Leid, Rätsel, Seligkeit und Sehnsucht. Es gibt Böses und Schweres, Altes und Neues, einige gehen, andere kommen heim. Nur, wenn man all das annimmt, den Willen hat, es zu tragen, wie es kommt, dann wird man zu dem Menschen, der über sich hinauswächst, der das Leben meistert mit all seinen Hindernissen.

*zit. nach Friedrich Nietzsche: Nachlass 1882 – 1884, Kritische Studienausgabe Band 10

Der Säufer*

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Gläser
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Gläser gäbe
und nach tausend Gläsern keine Welt.

Der weiche Schlag beschwerter Zungen Worte,
die ohn’ Ziel und Zweck von Sinnen frei,
ist nie ein Tanz von Kraft, es fehlt die Mitte,
sie liegt betäubt in Weines Wiege da.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. – Dann geht ein Bild hinein,
geht durch des Suffes totgekämpfte Sinne –
und hört im Herzen auf zu sein.

*Was Beobachtungen an einem Abend und Rilke in Kombination so auslösen können**
**nicht ganz ernst gemeint***
***aber so ein bisschen schon

Bertolt Brecht: Sonett Nr. 19

Bertolt Brecht (1898 – 1956)

Sonett Nr. 19

Nur eines möchte ich nicht: dass du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, braucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, braucht ich, was du siehst

Und wenn du blind wärst, möchte ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt, als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!

So gilt kein „Lass mich, denn ich bin verwundet!“
So gilt kein „Irgendwo“ und nur ein „Hier“
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.

Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie’s immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

(1939)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Man kennt Brecht mehrheitlich anders, zynischer, politischer – aber: Er kann auch so. Eines meiner liebsten Liebesgedichte!

Liebe ist, wenn man auch in dunklen Stunden zueinander steht. Sie ist, wenn man sich dem anderen mit all seinen Schwächen zeigen kann und weiss, er ist da. Gebraucht zu werden und zu brauchen mögen unfrei machen, nur:  Was nützt schon alle Freiheit, wenn man am Schluss alleine ist, ungeliebt, nicht liebend? Udo Jürgens sang dazu mal: „Du sagst, du bist frei, und meinst dabei, du bist alleine…“. Tief im Herzen wollen wir wohl alle das gleiche.

Stefan Zweig: Morgenlicht

Stefan Zweig (1881 – 1942)

Morgenlicht

(1901)
Nun wollen wir dem Licht entgegen,
Das um die Purpurwipfel rollt.
Das Leuchten flammt auf allen Wegen
Und wächst und wird zum Morgengold.

Die glutumlohten Tannen singen
Und Jubel bricht aus jedem Klang,
Wie kampfbereites Fahnenschwingen
Braust durch den Wald der Höhensang.

Und lauter werden alle Weisen
Und jedes Wesen sucht sein Lied,
Die Schaffenskraft des Lichts zu preisen,
Das nun ins volle Leben glüht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht für den Morgen

Mascha Kaléko: Memento

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.

(1945)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn jemand gestorben ist oder schwer krank ist

Es gibt wenig, das schwerer wiegt, als der Gedanke an ein Leben ohne die, welche man liebt.

(Zitiert nach Mascha Kaléko, Sämtliche Werke und Briefe, S. 227)

Rainer Maria Rilke: Die Liebende

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

Kleine Deutungen – Erich Fried: Heimweg von Delphi

Das Gedicht „Heimweg von Delphi“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier.

Im vorliegenden Gedicht haben wir ein lyrisches Ich, das seine Grösse daran erkennt, dass es die eigene Kleinheit sieht, seine Stärke daran, dass es sich die eigene Schwäche einsieht. Seine Klugheit aber zeigt sich daran, zu vergessen, dass es eben klein, schwach, dumm und vergesslich ist. Aufgrund seiner Ratio, seiner Vernunft neigt das lyrische Ich zu einer Selbstüberschätzung, die das Ich blind werden lässt gegenüber den eigenen Schwächen und Fehlern.

Der Titel weist auf das Orakel von Delphi hin. Die Inschrift am Apollotempel von Delphi lautet „Erkenne dich selbst“ (griech.: gnothi seauton, Γνῶθι σεαυτόν). Ursprünglich gemeint war damit, dass der Mensch seine eigene Begrenztheit erkennen solle (im Gegensatz zu den Göttern). Ziel dieser Erkenntnis sollte sein, nicht zu Selbstüberschätzung zu neigen, sondern bescheiden zu bleiben. Die Forderung zur Selbsterkenntnis wurde von verschiedenen Philosophen aufgenommen. Während die Philosophen vor Platon eher zur Bescheidenheit und zum Akzeptieren des eigenen Platzes in der Welt rieten, sah Platon nur noch den Körper als beschränkt, in ihm aber eine unsterbliche, gottähnliche Seele wohnend.

Das Orakel von Delphi hatte einst Sokrates als weisesten Mann Athens bezeichnet, was dieser nicht verstehen konnte und sich auf die Suche nach jemandem machte, der weiser als er selber wäre – er fand keinen. Im Zusammenhang damit entstand das wohl bekannteste Diktum von Sokrates, dass er wisse, was er nicht wisse. Da er immerhin dieses wisse, könne er vielleicht doch als weiser Mann gelten, so seine Schlussfolgerung – wir kennen sie nur aus Platons Überlieferungen.[1]

Erich Fried hat sich in verschiedenen Gedichten und Texten mit Sokrates beschäftigt. Dabei fällt immer wieder seine Skepsis gegenüber der Vernunft auf. Fried spricht ihr die Fähigkeit ab, die wirkliche, „letzte Wahrheit“ über das Sein zu erkennen. Das zeigt sich auch in diesem Gedicht deutlich: Während die erste Strophe die eigentliche Selbsterkenntnis zeigt, wie sie das Orakel von Delphi mit seinem „Erkenne dich selbst“ fordert, kehrt das lyrische Ich zurück zu seinem Verstand und verschliesst sich gegenüber jeglicher Selbsterkenntnis.

Frieds Aussage: Wir, die wir uns für so klug halten, sehen eigentlich das Wesentliche nicht. Wir verschliessen unsere Augen vor der wirklichen Wahrheit, indem wir uns aufgrund unserer Ration eine zurechtbasteln. Analytisch, kompromisslos, deutlich – ein echter Fried halt!

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[1] Platon: Apologie des Sokrates (21d): Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.

Ein neues Hobby

Er: „Was machst du denn so Anstrengendes, dass du schon zum dritten Mal laut stöhnst?“

Sie: „Du weisst doch, dass ich mir ein neues Hobby zulegen wollte, weil ich finde, dass jeder Mensch etwas haben sollte, mit dem er sich vom Alltag erholen kann, mit dem er ein bisschen mehr zu sich selber findet und ausgeglichener ist.“

Er: „Also ich habe nichts solches.“

Sie: „Das merkt man gut, darum bist du so unausgeglichen.“

Er: „Wenn du das sagst – aber was machst du denn nun zur Selbstfindung?“

Sie: „Ich klöpple, muss aber feststellen, dass es extrem langwierig ist, mit diesem Geklöppel eine einigermassen grosse Decke zu bekommen – das ist fast wie wenn ein dünnes Rinnsal durch ein Flussbett strömt und das Meer füllen sollte.“

Er: „Und du willst nun mit Klöppeln das Meer füllen?“

Sie: „Du verstehst mal wieder gar nichts.“

Er: „Du hast vom Meer gesprochen, aber was auch immer du füllen willst, Selbstfindung braucht halt Zeit.“

Er hatte kaum war das letzte Wort ausgesprochen, da wurde er auch schon von einem Klöppelhagel getroffen.

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Für die abc.etüden, Woche 48.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für Textwoche 46.17 kommt von Frau Myriade vom Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée, die Wörter lauten: Flussbett, langwierig, klöppeln.

 Der Ursprungspost: HIER

 

Der Lauf der Welt

Wie gern würd ich
mal laut aufschrei’n,
das ganze Leid,
das mich grad drückt,
der Welt mitteil’n.

Wie gern würd’ ich
nur sagen mal,
was Sache ist,
wo Not am Mann,
was wichtig ist.

Wie gern würd’ ich
aufzeigen auch
wo Mangel herrscht
und grosses Leid.
Doch leider nur,

sieht keiner hin,
denn alle sehn,
nur das was sie
grad selber
drückt.

©Sandra Matteotti