Ein entscheidender Augenblick

Sie war mittlerweile genügsam geworden. Sie hoffte nicht mehr auf die grosse Liebe, wenn Susanne sie wieder einmal verkuppeln wollte. Schon ein netter Abend wäre gut. Ab und zu fragte sie sich, ob ihre Freundin sie wirklich kannte. Die Zweifel lagen auf der Hand bei den vorgestellten Männern. Heute stand eine Dichterlesung an. Sie liebte Lyrik, weniger aber die Lyriker, die waren ihr seltsam fremd. Und: Der Auserwählte war der Künstler himself, sicher mit weissem Schal und gegelten Haaren.

Sie schaute sich im Spiegel an. Für ihre 50 Jahre sah sie noch ganz passabel aus. Dass sie trotzdem Single war, lag wohl eher daran, dass sie insgeheim gar keine Beziehung wollte. Zu kompliziert, zu anstrengend, zu viel Risiko. Und doch war da manchmal diese leise Sehnsucht, nicht allein zu sein, sich austauschen zu können, jemanden an der Seite zu haben, der sie versteht. Ob man das überhaupt konnte? Sie verstehen? Manchmal tat sie es selbst nicht.

Sie waren die ersten, die bei der Lesung ankamen. Dabei blieb es. Der Künstler sass vor den aufgereihten Stühlen, schaute suchend umher. Sie war sich nicht sicher, ob er froh war, dass sie gekommen waren, oder keine Zeugen dieses Vorkommnisses vorgezogen hätte. Was sollte er tun? Nicht lesen? Doch lesen? Sie fühlte förmlich, wie es in ihm drehte, wie sich Selbstzweifel, Unsicherheiten, Trauer und Wut unterhielten und sich gemeinsam gegen ihn verbündeten. Das Ganze rührte sie auf merkwürdige Weise an. Da schien eine Seele genauso verloren zu sein wie sie es selbst ab und zu fühlte.

Er hob den Blick und schaute ihr in die Augen. Mit einem Auge, mit dem anderen schielte er zu ihrer Freundin. Oder war es andersrum? Sie konnte es nicht genau sagen. Sie wusste nur: das war doch sehr kompliziert, anstrengend, verunsichernd. Schlicht: Nichts für sie!

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Dieser Text entstand im Rahmen der abc.etüden von Christiane, HIER die Schreibeinladung

Die Regeln: 3 Worte in max. 300 Worten, die Worte dieses Mal lauteten Dichterlesung, genügsam, verkuppeln. Sie wurden gespendet von Werner Kastens (hier sein Blog)

Lebenskunst: Das Gute schätzen

Heute Morgen floss ich durch meinen Morgenflow auf der Matte, spürte meinen Körper, fühlte, wie ich fest auf dem Boden stand, mich nach oben streckte, als wollte ich über mich hinauswachsen. Und dann nahm ich die Hände vors Herz und spürte diese Ruhe. Und Dankbarkeit. Und ich formulierte sie in Worte, dankte mir für meine Disziplin, jeden Morgen auf der Matte zu erscheinen. Ich dankte meinen Körper, dass er mich zuverlässig durchs Leben trägt, obwohl ich ihm nicht immer gut geschaut, ihn zeitweise eher schlecht behandelt hatte. Danach spürte ich den Boden noch intensiver, ich spürte, wie ich getragen bin und ich spürte ein Vertrauen in diese Basis, von der aus ich weiter wachsen darf. 

Von Bruder David Steindl-Rast stammen diese wunderbaren Worte:

„Dankbarkeit ist Denken im Einklang mit der kosmischen Intelligenz, die uns in dankbaren Augenblicken inspiriert. Sie kann mehr als eine Stimmung verändern, sie kann die Welt verändern.“ 

Oft nehmen wir das Gute für selbstverständlich, sehen nur die Mängel, und vergeben uns damit so viel. Dankbarkeit für das, was ist, bringt eine Kraft ins Leben, welche hilft, mit Herausforderungen besser umzugehen. Eine Kraft, die Ruhe bringt, wo vorher alles drehte, die Positives ins Zentrum rückt, wo vorher Angst und Not und Ohnmacht herrschten.

Wofür bist du dankbar? Was ist gut in deinem Leben?

Gedankensplitter: Unfassbar

Wer will ich sein, wie fasse ich mich? Wie werde ich für andere als die fassbar, die ich bin? Was muss ich tun, was muss ich lassen, damit sie mich auch richtig fassen? Wie seh ich mich, was soll verblassen? Ich suche mich und kann’s kaum fassen, weil ich mich oft ganz unfassbar empfinde.

Ich will das ändern, denke auch, ich muss. Denn: Das Unfassbare ist, was keiner will. Wir wollen Sicherheit, die Sicherheit des Wissens. Wir wollen wissen, wie der Hase läuft, wir wollen wissen, was passiert. Wir wollen wissen, wer da steht, und was von uns erwartet wird. Wie muss ich sein, wie komm ich an? Ich will nicht abstossen, nicht ausgestossen sein. Ich will mich fassbar machen, damit ich von den anderen gefasst werden kann, denn jedes Fassen ist auch ein Halten, ein Halt in der sonstigen Haltlosigkeit des Seins ohne Geländer und stützende Säulen. Es ist ein Stehen im Nichts und doch nicht allein. Es ist ein Sein im All, ein All-ein-Sein mit anderen als gefasstes Ich.

Und dann überlege ich wieder, was ich tun muss, um fassbar zu sein. Was verwirrt, was passt nicht in das Bild, was fällt raus? Was muss rein, was muss sein, was ist zu viel – und was zu wenig? Was muss ich aufgeben und wo gebe ich zu viel? Wo verliere ich mich im Aufgeben, wo fass ich zu viel. Und in all dem Suchen und oft Nicht-Fnden werde ich immer fassungsloser ob meiner Unfassbarkeit, die sich darin zeigt, dass alles, was ich mal fasse, bald zu eng wird, sich falsch anfühlt, an allen Ecken zwickt und kneift. Und ich fasse nicht, dass ich nicht fassbar bin, denn wenn ich in die Welt schaue, sehe ich viele Gefasste, Fassbare. Menschen, die erfasst haben, wer sie sind und sich in diesem Sein erfassen lassen durch ihr Tun, das der Fassung entspringt. Und ich merke noch mehr, wie unfassbar ich bin. Und ich bin fassungslos.

Und dann denke ich an all das, was ich nicht mehr fassen kann, wenn ich mich für das entscheide, das mich eindeutig fassbar macht. Und ich denke an all das, was wegfällt. Und ich fühle in der Unfassbarkeit ein Stück Freiheit. Ich fliege zwischen den Welten und erfasse sie mit allen Sinnen. Ich tauche auf aus einer Welt und trage das Gefasste in die nächste. Ich bin nicht Inhalt im Gefäss, ich bin der Raum. Ich bin unfassbar frei im Sein und Tun. Und doch gefasst in dieses eine Sein und Tun als die, die tut und ist.  

Lebenskunst: Ausbrechen

«Why do you stay in prison
When the door is so wide open?” Rumi

Da ist dieser eine Wunsch, den du gerne erfüllt hättest, das Bedürfnis, das dir ein Anliegen ist, doch du sagst nichts, du schweigst. Du denkst, es steht dir nicht zu, es wäre vermessen, du hättest es nicht verdient. Du denkst, deine Bedürfnisse würden die anderer tangieren und verzichtest von vornherein. Du behältst deine Bedürfnisse für dich und bist traurig, dass sie nicht beachtet werden. Nur: Es weiss keiner davon.

Du arbeitest schon lange in der gleichen Firma, bist zuverlässig, machst deine Sache gut. Eine Lohnerhöhung wäre in deinen Augen längst angebracht, doch: Es passiert nichts. In dir wachsen Wut und Trauer, du fühlst dich nicht wertgeschätzt, nicht richtig wahrgenommen, übergangen. Nur: Es weiss keiner davon.

Du bist in einer Beziehung, die dich nicht glücklich macht. Schon lange ist der Wurm drin, aus Streitereien ist ein stilles Nebeneinander geworden, Verbindungen und Verbindlichkeiten sucht man vergebens. Du würdest gerne gehen, weisst aber nicht wohin und was dich da erwarten könnte. Du leidest still vor dich hin und bleibst doch, wo du bist. Du würdest gerne etwas ändern, denkst, der andere müsste das doch auch spüren und wollen. Nichts passiert, denn: Es weiss keiner davon.

«You must ask for what you really want.» Rumi

Wie oft schweigen wir, wenn es um unsere Bedürfnisse und Anliegen geht? Wie oft harren wir lieber aus, egal, wie leidvoll die Situation ist, statt etwas zu ändern? Wie oft unterdrücken wir unsere Wünsche, um die anderer zu erfüllen? Wie oft stecken wir zurück, damit andere den Vorrang haben? Wie oft gestehen wir uns selbst nicht den Wert zu, uns selbst ernst zu nehmen?

«Jeder Mensch gilt in der Welt nur so viel, als er sich selbst gelten macht.» Adolph Knigge

Wenn wir uns selbst nicht ernst nehmen, nicht für uns einstehen, unsere Bedürfnisse nicht wahrnehmen und ansprechen, können wir nicht erwarten, dass andere das tun. Erstens wissen sie oft nichts von alldem, zweitens müssen sie davon ausgehen, dass es nicht so wichtig ist, wenn wir nichts sagen, drittens ist es schlicht nicht ihre Baustelle – es wäre unsere. Die Käfigtür wäre offen, doch wir sitzen als Wächter davor, machen uns zu unseren eigenen Gefangenen und treten nicht in die Welt hinaus. Oft geben wir dann den Umständen die Schuld, schimpfen auf Menschen, die uns nicht wahrnehmen, oder hadern mit Situationen, die ungünstig sind. Dabei gibt es nur einen, der wirklich was tun könnte, der es in der Hand hätte: Wir selbst.

Lebenskunst: Im Einklang mit sich handeln

Meine Antennen sind permanent auf Empfang. Ich höre, was um mich rum ist, sogar ohne hinzuhören, ich sehe, was es zu sehen gibt. Das widerspricht dem yogischen Ziel des Zurückziehens der Sinne, um ganz bei sich zu sein. Folgt man der alten indischen Philosophie des Ayurveda, finde ich mich da aber ziemlich klar wieder im Typ Vata: Luftwesen. Kreativ, sprunghaft, begeisterungsfähig, mich schnell mal verlierend.  

Nun wäre es natürlich ein Leichtes, zu sagen: Super ich habe eine Erklärung, so bin ich, nehmt mich, wie ich bin. Nur: Will ich mich so nehmen? Grundsätzlich sicher, da ich ganz viel an diesen Eigenschaften mag, nur: Manchmal wäre etwas mehr Stabilität gut, manchmal möchte ich an Dingen bleiben und mich nicht durch alles ablenken lassen. Ich habe für mich gemerkt, dass es mir hilft, Tagesstrukturen zu setzen. Wenn ich mal wieder losgeflogen bin und mich von den Winden tragen liess, holen sie mich zurück und lassen mich wieder auf das besinnen, was ich mir vorgenommen habe.

Diese Strukturen muten für andere Menschen teilweise streng an, sie finden sie gar stur oder verstehen nicht, wieso ich sie brauche und nicht einfach frei in den Tag hineinlebe. Und ja, ich habe mich von solchen Aussagen auch schon angegriffen gefühlt und mich gefragt, ob ich wirklich komisch bin damit. Wenn jemand sagt, ich hätte so sture Strukturen, klingt das ja ziemlich langweilig, festgefahren – und so sehe ich mich gar nicht. Und genau da liegt der zu lösende Verwirrung:

Weil ich eben zu wenig Stabilität und Festigkeit habe, brauche ich die Strukturen. Wer mich nur von aussen sieht und hört, wird vielleicht nur diese Strukturen sehen und mich als (zu) festgefahren wahrnehmen. Dass diese aber aus etwas erwachsen, sieht man erst beim näheren Hinschauen. Und ich fühle es im täglichen Sein. So schön nämlich das freie Fliegen von einer Blume zur nächsten ist, es bleibt am Schluss des Tages doch ein unbefriedigtes Gefühl, weil dadurch zu viel von dem, was ich wirklich wollte, liegen blieb.

Es braucht kein Ayurveda dazu, nur schon das genaue Hinschauen, wie ich bin und was ich brauche, um das Leben zu führen und die Aufgaben zu erfüllen, die mir am Herzen liegen, reichen. Wenn ich also zu träge bin, mich kaum aufraffen kann, brauche ich energetisierende Mittel und Methoden, wenn ich zu viel, zu schnell, zu wild will, eher beruhigende, wenn ich mich zu schnell in kreativen Ideen verliere und immer wieder neue finde, stabilisierende. Im Wissen darum, dass ich tue, was mir gut tut, muss ich mich dann auch nicht verletzt fühlen, wenn das jemand nicht versteht, sondern könnte – sollte ich das wollen – es erklären. Oder: Ich kann dankbar und stolz realisieren, dass ich es geschafft habe, das für mich passende Mittel für meinen persönlichen Ausgleich zu finden.

Was für ein Typ seid ihr?

Lebenskunst: Dankbarkeit

«Danke doch lieber für das, was du bekommen hast; auf das andere warte und freue dich, dass du noch nicht alles hast.» Seneca


Eine neue Tasche, einen Partner, ein paar Kilos weniger, eine kleinere Nase, mehr Gelassenheit, mehr Kraft, weniger Macken – oft wollen wir ganz viel und denken, wenn wir es nur hätten, wären wir glücklicher. Dann wäre die Welt eine bessere, zumindest unser Leben in ihr wäre besser. Doch: Wenn wir etwas erreicht haben von all dem, kommt immer was Neues dazu – oder es ist noch genug da. Das wirkliche Glück will sich nicht dauerhaft einstellen. Es scheint, als ob immer was fehlte. Und ja, das stimmt, es fehlt etwas Essentielles: Die Dankbarkeit für das, was ist.

Wenn ich auf mein Leben schaue, ist daran so viel Schönes und Gutes. Ich habe ein schönes Dach über dem Kopf, habe wunderbare Beziehungen zu grossartigen Menschen, ich habe genug zu essen, die Möglichkeit, meiner Leidenschaft zu folgen. Ich hatte das Glück, gute Ausbildungen absolvieren zu können, mein Leben frei und unabhängig zu leben, und ich lebe in einem Land, das mir noch viel mehr Freiheiten zugesteht. Wie viel davon nehme ich als selbstverständlich wahr, denke nicht weiter drüber nach neben all dem Wünschen? Wie wäre es, einfach mal dankbar zu sein für all das, was nämlich alles andere als selbstverständlich ist für ganz viele Menschen auf dieser Welt?

Dankbarkeit ist ein Gefühl, das Glück bringt. Es ist undenkbar, wirklich unglücklich zu sein, wenn man ganz viel Dankbarkeit im Herzen fühlt für das, was ist. Das Gefühl der Dankbarkeit, immer wieder bewusst ins Gedächtnis gerufen, kann auch helfen, wenn wir mal wieder hadern. Wenn wieder einmal Wünsche da sind, die sich nicht erfüllen lassen, zumindest nicht gleich: Wieso nicht auf das Gegenteil konzentrieren? Weg vom Mangel an dem, was wir wollten, sondern hin auf die Fülle, was da ist?

Dankbarkeit hilft auch in schwierigen Lebenssituationen, wenn das Leben seine Krallen zeigt. Wenn wir leiden, weil Umbrüche stattfinden, die Gesundheit instabil ist, wir uns verletzt fühlen oder benachteiligt. Sich dann hinzusetzen, Tag für Tag, und aktiv ins Gedächtnis zu rufen, was neben all dem Schweren an Schönem im Leben ist, für das wir dankbar sein können, wird zwar nicht die unschönen Umstände beseitigen, es hilft aber, innerlich etwas mehr Ruhe und Kraft zu entwickeln, aus der heraus wir dann das Schwere besser (er-)tragen können. Ich habe in schwierigen Zeiten immer ein Dankbarkeitstagebuch geführt. Es hat mich durch die Zeiten getragen. Und wenn mir mal nichts in den Sinn kam, weil zu viel Dunkles die Sicht versperrte, blätterte ich in den alten Aufzeichnungen und fand immer etwas, das noch immer gut war, so dass ein wenig Licht ins gefühlte Dunkel kam.

Wofür seid ihr dankbar?

Lebenskunst: Das Leben als Reise

Kürzlich habe ich mich aufgeregt. So richtig. Ich hätte schimpfen und toben mögen, den ganzen Frust rausschreien. Ich konnte mich zwar zurückhalten, doch das eine oder andere Schnauben und ein paar süffisante Bemerkungen entwichen mir doch. Schon durfte ich mir anhören:

 „Ich dachte, Yoga mache gelassen?“

Meine Gedanken begannen zu drehen: Wo waren nun Gleichmut und Gelassenheit? Alles nur reine Theorie, die ich runterbete? Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, hätte viele Argumente gegen den Ärger und für innere Ruhe gehabt. Und doch: Als die Welt nicht so drehte, wie ich es gerne gehabt hätte, tobte es in mir. Ich schien förmlich aus purer Wut zu bestehen, alles andere war fast ausgeblendet, liess sich nur mit Anstrengung zurückholen, um langsam wieder zur Ruhe zu kommen. Und da fragte ich mich:

Bin ich ein schlechter Yogi? Ist es doch nur Mattenturnen statt Einkehr und Einsicht?

Voilà, Falle Nummer 2: Eigene Be- und Verurteilung. Statt zu reflektieren, was, wie und warum passiert war, um daraus zu lernen, liess ich alles im Kopf drehen, schimpfte nun nicht nur auf das, was passiert war, sondern auch über mich und verabsolutierte meinen Fehler hin zu: Ich mache alles falsch. Zum Glück konnte ich das anhalten:

Ich habe mich hingesetzt und ein paarmal tief ein- und ausgeatmet. Das hat nicht die Situation geändert, es hat auch mein Verhalten nicht rückgängig gemacht. Es hat mir ein bisschen Ruhe zurückgebracht. Ich war sicher noch kein friedlich lächelnder Dalai Lama, aber ich war auch kein tobendes Rumpelstilzchen mehr. Ich erkannte die Muster, die Prägungen, die meinem Verhalten zugrunde lagen, sah die Situation als schwierig und meine emotionale Reaktion als wenig heilbringend an.  Ich hielt mir zugute, dass ich selbst schnell erkannt hatte, in welches Muster ich geraten war, dass ich es unterbrechen und ruhig werden konnte.

Nun: Ich bin nicht erleuchtet. Ich bin auch nicht der Superyogi. Ich bin auf meinem Weg. Und es ist ein guter Weg. Ich muss nicht perfekt sein. Ich bin, wie ich bin. Und das ist gut. Und morgen bin ich anders. Auch das wird gut sein. Und so geht die Reise fort. 

Lebenskunst: Den eigenen Weg finden

„Um Wasser zu finden, solltest du nicht überall kleine Löcher graben, sondern an einer einzigen Stelle bis auf den Grund bohren.“ (Nisargadatta Maharaji)

Die Welt bietet so viele Möglichkeiten, Dinge zu lernen. Alle sind sie reizvoll, alle sind sie inspirierend, in jedem Gebiet findet man Menschen, die einen beeindrucken in ihrem Tun und Können und Sein. So etwas würde man sich auch wünschen. Und so fängt man an, taucht in eine Sache ein, während man nebendran drei andere sieht, die auch toll wären. Und irgendwann wird es ein wenig harzig beim eigenen Weg und man sieht bei einem anderen, dass das einfacher wäre. Und wechselt. Das passiert vielleicht nicht nur einmal, sondern mehrere Male.


Das positive daran ist, dass man viel kennenlernt, viel mitnimmt auf dem Lebensweg. Auf der Strecke bleibt aber die wirkliche Tiefe in einer Sache. Man kratzt meist an der Oberfläche, taucht ein paar Meter, stösst dann zurück an die Oberfläche und kratzt an einer anderen Stelle. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, es kann sehr befriedigend sein. Wenn man aber wirklich tief gehen möchte, dann wird dieser Weg nie dahinführen.

Wirkliches Eintauchen, wirklich einen Weg zu gehen, mit all seinen Hürden, Schwierigkeiten und Herausforderungen, bedeutet, sich diesem Weg zu verpflichten. Es bedeutet, die Herausforderungen zu meistern, um dann die Früchte zu ernten, die durch die intensive Auseinandersetzung wachsen.

„Mein lieber Freund, du solltest in deinem Leben einen Mittelweg finden zwischen Geben und Empfangen.“ (Bhagavad Gita)

Ich hatte in meinem Leben beide Phasen, die des tiefen Eintauchens und die des eifrigen Suchens, Findens, Verwerfens, neu Suchens. Jedes neue Finden war mit einem Schub neuer Energie verbunden, mit Begeisterung, mit Enthusiasmus. Es war wie Fliegen auf einem Strom von Energie, der mich trägt. Das hielt selten an. Es lässt sich vielleicht vergleichen mit der Liebe: Wenn die erste Verliebtheit schwindet, zieht man auf zu neuen Ufern, um wieder zu schwelgen, verliebt zu schwärmen, im Hochgefühl zu baden. Eine tiefe Liebe wird so nie entstehen. Dazu müsste man sich auf einen Menschen einlassen. Tief einlassen. Mit allem, was gut ist. Mit allem, was schwer ist. Gerade beim Schweren zeigt sich, ob die Liebe trägt. Ob man auch fähig ist, sich tragen zu lassen und mitzutragen, denn beides ist nötig.

„Die persönliche Pflicht im Leben sollte man als seine Verantwortung für das eigene höchste Selbst ansehen.“ (Bhagavad Gita)

Genauso sehe ich heute den Lebensweg: Es ist ein Einlassen auf etwas, das mir selbst entspricht. Mein Leben leben bedeutet für mich, meine Aufgabe zu erfüllen in dem Sinne, dass ich das, was in mir ist, lebe, mich ihm verschreibe, auch wenn es nicht nur einfach ist. Im Yoga gibt es dafür den Begriff Svadharma: Seiner Berufung folgen, die eigene Aufgabe in dieser Welt gut erfüllen. Dabei gibt es keine höheren oder tieferen Aufgaben, sie sind alle wichtig, sowohl für das eigene Leben wie auch für das Zusammenleben als Gesellschaft.

Was ist deine innere Pflicht? Wo siehst du deinen Weg?

Lebenskunst: Panta Rhei

«Wer in denselben Fluss steigt, dem fliesst ein anderes und wieder anderes Wasser zu.» Heraklit

Heraklits Lehre vom Wasser ist eine Lehre vom Leben. Es gibt nichts, was einfach ist und bleibt, alles bewegt sich, verändert sich fliesst weiter, ändert sich in seiner Form. Eigentlich wünschen wir uns oft Kontinuität, diese wird auch als wichtige Eigenschaft bewertet, weil sie Verbindlichkeit und eine Form von Sicherheit mit sich bringt. Wir wissen, woran wir sind, bei uns und bei anderen. Nur: Das ist nicht nur nicht möglich immer, es entspricht auch den Tatsachen nicht.

Wenn ich an etwas festhalte, mich selbst aber verändere, werden irgendwann ich und das von mir Festgehaltene nicht mehr zusammenpassen. Wenn ich mich dann krampfhaft daran klammere, weil ich nicht aufgeben will, wofür ich mich mal entschieden habe, entferne ich mich langsam von mir selbst. Ich klammere an einem Selbst, das ich nicht mehr bin und ignoriere das, was ich geworden bin. Dass dies mit der Zeit Leid mit sich bringen wird, liegt auf der Hand.

Nun ist auch eine Veränderung nicht immer ohne Leid. Oft werden wir auch von aussen auf das festgesetzt, was wir einmal waren. Sind wir nun plötzlich durch eine Veränderung anders geworden, verlieren andere Menschen den Faden, sie haben die Entwicklung nicht nur nicht durchgemacht, sie haben sie vielleicht auch nicht gewollt – vor allem, wenn ich mich auf eine Weise verändert habe, die sie tangiert, weil ich vielleicht selbstbewusster geworden bin, auch mal nein sage, meinen eigenen Kopf habe und dieser meinen Weg bestimmt Das mag schmerzhaft sein, zeigt aber auch viel: Wer nicht bereit ist, mit mir meinen Wandel mitzuleben, der will in einem leblosen Dasein verharren. So wenig, wie ich jemandem in den Tod folgen wollte, so wenig sollte ich ihm meine Lebendigkeit opfern, indem ich mich weiter in den vorgespulten Mustern bewege, denn: Sie sind nicht mehr ich, ich bin in ihnen nicht mehr zu Hause.

«Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.» Heraklit

So hat sich über die Jahre auch bei mir immer wieder eine Veränderung angezeigt, Dinge kamen, Dinge gingen, Lebensinhalte wurden wichtig, schwanden wieder, um neuen Platz zu machen. Und manchmal kommt einer wieder hervor, der über lange Zeit prägend, tief und wichtig war, lebenswichtig: Yoga und die östliche Philosophie, die Meditation und der Buddhismus. Zwar waren sie nie ganz weg, aber sie haben sich über ein paar Jahre nun nur auf meine Übungen auf der Matte jeden Morgen beschränkt. Zwar wusste ich immer, wie viel mir fehlte, ich spürte immer diese Sehnsucht in mir, aber ich konnte all dem nicht nachgeben. Bis ich es nun wieder tat. Und da war es: Dieses Gefühl: Nun bin ich zu Hause Ich bin nicht mehr am selben Ort, wie ich aufhörte, ich bin nicht mehr dieselbe auf der Matte, Yoga hat eine neue Qualität bekommen, auch das ist nicht mehr dasselbe Es ist tiefer, es ist grösser, es ist noch wichtiger als je zuvor. Und fast will mir scheinen, dass diese Zeit dazwischen genauso zu meinem Yogaweg gehörte wie die intensive Zeit vorher und jetzt. Sie hat mich Dinge gelehrt, hat mir vieles gezeigt, hat mich wandeln und wachsen lassen.

Am Schluss ist es doch nur ein Leben, ein Selbst und ein Fluss. Und doch auch wieder nicht.

Lebenskunst: Gewaltlosigkeit

Vor einigen tausend Jahren lebte Patanjali, ein indischer Gelehrter und er schrieb neben anderen Werken auch das Buch, das noch heute einen grossen Stellenwert in der Yogaphilosophie hat: Die Yogasutras. 195 Sutras, welche den Weg hin zum Ziel des Yoga, hin zur Einheit mit allem zeigen, den Ort, an dem das geistige Kreisen und irdische Suchen und Irren und Hasten und sich Aufreiben ein Ende findet.

Patanjali beschrieb den Yoga als achtgliedrigen Pfad, an dessen Anfang ethische Prinzipien stehen: Die Yamas und die Niyamas, Prinzipien des Umgangs mit anderen und solche für den Umgang mit mir selbst. Das erste Yama, der erste Schritt auf diesem Weg also, heisst: Ahimsa. Landläufig wird es mit Gewaltfreiheit übersetzt, dem biblischen Gebot des «du sollst nicht töten» verwandt.

Bei so alten Schriften liegt die Frage immer nahe: Was hat das mit mir heute zu tun. Bei ahimsa liegt das auf der Hand: Wenn wir lesen, man soll gewaltfrei leben, weil Gewalt nur Leid schafft, wird wohl jeder gleich zustimmen und den tiefen Sinn und Wert darin erkennen. Doch was kommt nach dem Kopfnicken? Wo bleiben die Handlungen? Leben wir wirklich gewaltfrei? In die Welt geschaut, sieht man Krieg und Streit, man sieht Ausbeutung und Zerstörung. Gewaltfreiheit sähe anders aus, es hätte eher mit Frieden, mit Miteinander, mit Bewahrung und Aufbau zu tun. Aber ja, die grosse weite Welt und wir kleinen Wesen – was können wir schon tun.

Wir könnten hinschauen. Bei uns selbst. Leben wir wirklich gewaltfrei? Fleischkonsum ist das offensichtlichste Problem, das dem gegenübersteht: Indem wir Tiere töten, um sie zu essen, wenden wir Gewalt an. Wir könnten diese immerhin reduzieren durch einen bewussteren Konsum. Vielleicht muss es nicht täglich das Billigfleisch aus dem Discounter sein, das aus einer qualvollen Massentierhaltung stammt, sondern es reicht einmal die Woche ein Stück vom Biobauern?

Es geht aber noch weiter: Wie gehe ich mit mir um? Wie oft stehe ich vor dem Spiegel, kritisiere Falten, Speckröllchen, graue Haare, die zu grosse Nase, die schielenden Augen, die ungraden Zähne – und was es sonst noch alles gibt. Ich schelte mich über Verhaltensweisen, die vielleicht unglücklich waren, werfe mir Versäumnisse und Unkenntnis vor – die Liste liesse sich verlängern. Und: Meistens, wenn wir mit uns selbst so kritisch und destruktiv umgehen, ist unser Blick auf die anderen ebenso: Wir lästern über zu enge Hosen bei zu dicken Hintern, über zu junge Partner und zu alte Eltern, wir kritisieren Verhaltensweisen, die unseren Massstäben und Lebensmaximen widersprechen, belächeln zu naive Gedanken und dumme Fehler. Wir führen Krieg. Kleinkrieg gegen uns und andere.

Patanjali schreibt:

«Wer fest in der Gewaltlosigkeit gründet, in dessen Gegenwart lassen andere von Feindseligkeit ab.» (II.35)

Vielleicht sind wir gar nicht so klein? Vielleicht können wir was tun? Indem wir bei uns hinschauen, für und mit uns liebevoller werden, Gewalt aus dem Spiel lassen? Indem wir gegen andere milder werden, sie leben lassen? Und dann das alles ausstrahlen und in die Welt tragen? Vielleicht verändert sich was – wenn auch nur im Kleinen erst? Aber: Kleines zieht Kreise, wird gross.

Auch das ist Yoga. Das wichtigste steht im ersten Sutra:

«atha yoga-anusanam.»

Jetzt ist die Zeit für Yoga. Fangen wir mit der Gewaltlosigkeit an.

Lebenskunst: Ausdauer führt zum Ziel

«Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.» Buddha

Seit vielen Jahren steige ich jeden Morgen auf meine Yogamatte und mache da die immer gleichen Übungen. Eine Freundin fragte mich mal, ob ich ihr Yoga zeigen könnte, etwas, das sie zu Hause für sich üben könne Ich zeigte ihr einen Sonnengruss, übte ihn mit ihr immer wieder und sagte dann, sie solle nun jeden Morgen diese Form des Sonnengrusses machen. Nach drei Tagen rief sie mich an und fand, das sei doch eher langweilig, jeden Morgen das gleiche zu machen, ob es nicht noch mehr gäbe. Das gibt es natürlich. Viel mehr.

Geht man zurück zu Patanjali (er schrieb eines der Grundlagenwerke des Yoga), gab es gerade mal eine Yogaübung: Den Schneidersitz. Es ist die einzige Körperübung, die beschrieben ist und sie hat ausgereicht, um das Ziel des Yoga zu erreichen: Einheit – mit sich und der Welt. In dieser einen Haltung ist also alles, was es braucht, den Yogaweg zu gehen und zum Ziel zu gelangen. Etwas später kam man dann zum Schluss, dass diese Asana (so heissen die Stellungen im Yoga) nicht ausreicht, den Körper gesund zu erhalten, was nötig ist, um sich ganz der Konzentration, der Innenschau, der Versenkung und dem Erreichen der höchsten Ruhe zu widmen. Die Asanapraxis, der unseren heute ähnlich, wurde erfunden. Mittlerweile gibt es eine Unzahl von Asanas und es werden wohl noch immer auch neue erfunden.

Es stellt sich also die Frage: Warum um Gottes Willen mache ich jeden Morgen dieselben? Ich bin damit meistens ungefähr eine Stunde auf der Matte, die könnte ich sicher abwechslungsreicher gestalten, würde man meinen. Aber nein: Ich habe so schon genug Abwechslung. Dass meine Yogapraxis unterschiedlich lange dauert, hat verschiedene Gründe: Einerseits fliesst mein Atem nicht immer gleich. Bin ich aufgewühlt, aufgeregt, fliesst er schneller. Das lässt sich mit Atembewusstsein teilweise ausgleichen, aber nie über eine Stunde hinweg konstant. In solchen Zeiten dauert meine Praxis weniger lang, da die einzelnen Stellungen und Bewegungen sich dem Fluss des Atems anpassen. Dann gibt es immer wieder Erkenntnisse, die ich aufschreiben möchte, um später damit weiterzuarbeiten. Das Wichtigste aber scheint mir, dass ich durch die immer gleiche Praxis näher bei mir selbst bin. Ich vergleiche mich nicht mit anderen, sondern ich sehe, was bei mir gerade los ist. Jede einzelne Asana dient als Gradmesser für mein Befinden. Jede Asana hat eine bestimmte Wirkung, spricht etwas anderes in mir an – körperlich und geistig. Je nachdem, wie ich mich in einer Asana fühle, wie sie gelingt (zum Beispiel die Balanceübungen), merke ich, wie es mir geht, wo ich stehe an diesem Tag. Das wäre in viel kleinerem Ausmass der Fall, würde ich mir jeden Tag ein neues Programm ausdenken. Selbst dann ist viel an Innenschau und Erkenntnis möglich, aber für mich ist das so der beste Weg.

Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Was aber sicher immer gleich ist: Wenn du etwas erreichen willst, musst du dranbleiben. Pattabhi Jois sagte einst, Yoga sei 1% Theorie und 99% Praxis und Schweiss. Picasso sagte etwas ähnliches über die Kunst. Es kommt also nicht drauf an, für welchen Weg du dich entscheidest, wichtig ist, ihn dann zu gehen, nicht nur ein paar Schritte.  

Lebenskunst: Sehen, was ist

«Führe mich vom Unwahren zum Wahren, führe mich von der Dunkelheit ins Licht. Führe mich von dem, was tot ist, zu dem, was lebendig ist.» Upanishaden

Wenn ich durch die Strassen laufe, sehe ich Bäume, Häuser, Autos. Ich stecke alles in Schubladen, in die Schublade der Begriffe: Baum, Auto, Haus. Näheres Hinsehen erübrigt sich. Scheinbar. Ich sehe Menschen in ihren Kleidern, ihrer Mimik, ihrer Frisur. Und ich bilde mir ein Urteil, ich bilde mir ein, zu wissen, wer sie sind. Ich erlebe sie, wie sie etwas tun und bewerte es mit gut oder falsch. Auch da erübrigt sich das nähere Hinschauen. Scheinbar.

Bei Lichte betrachtet sehen wir so gar nichts, wir folgen nur unseren eigenen Vorstellungen davon, wie die Welt ist, kategorisieren die Welt nach mentalen Konstrukten wie gut und schlecht, und verschliessen uns so der Wirklichkeit, wie sie ist. Gut und schlecht sind keine Eigenschaften von irgendetwas, es sind blosse Zuschreibungen, die auf Erfahrungen, Konventionen, Einstellungen beruhen – also menschengemacht, subjektiv und von der Vergangenheit geprägt.

Auf diese Weise tue ich nicht nur anderen Menschen Unrecht, auch ich selber nehme mir die Möglichkeit, die Vielfalt und Schönheit der Welt zu sehen, wie sie ist. Ich nehme mir die Möglichkeit, auf das zu reagieren, was wirklich passiert, indem ich eigentlich noch aus der Vergangenheit heraus reagiere – was sehr oft zu leidvollen Situationen führt. Vielleicht wäre es ein erster Schritt, wenn ich das nächste Mal etwas in gut oder schlecht einteile, hinzusehen: Wieso ist das schlecht? Wer sagt das? Daraus könnte eine offener Sicht und damit auch ein lebendigeres Leben entstehen, weil nicht schon alles in praktischen Schubladen verpackt erscheint, sondern frei tanzen darf.

Und: Nur so sind wirkliche Begegnungen mit anderen Menschen möglich, da ich wirklich hinsehe, wer sie sind.

Lebenskunst: Glück

«Das Glück ist keine leichte Sache: es ist sehr schwer, es in uns selbst, und unmöglich, es anderswo zu finden.» Arthur Schopenhauer

Aristoteles sah sie als oberstes Ziel eines gelingenden Lebens: die Glückseligkeit. Im folgten über Jahrtausende viele Menschen, alle auf der Suche nach dem Glück, danach, was das Leben zu einem schönen macht. Es wurden Thesen aufgestellt, Definitionen verfasst, Regale mit gefüllt mit vielen Büchern – und doch scheint es nicht gefunden worden zu sein, denn es entstehen ständig neue Bücher. Fruchten die Anleitungen nicht? Oder halten sich die Menschen einfach nicht dran?

Die buddhistische Sicht auf das Glück ist eine einfache: Glück ist in uns allen angelegt, wir erlangen es nicht, indem wir den Dingen im Aussen nachrennen. Glück ist ein Zustand innerer Erfüllung, nicht die Befriedigung des unerschöpflichen Verlangens nach äusseren Dingen.

Das ist natürlich sehr ärgerlich, haben wir doch die letzten Jahre und Jahrzehnte damit verbracht, genau das zu tun: Etwas zu wollen, etwas anzustreben, etwas zu kaufen. Zwar haben wir auch gemerkt, dass es mit dem Glück dann doch nicht weit her war. Im besten Fall zeigte es sich für einen kurzen Moment, doch auch dann war es schnell wieder weg. Doch es ist nicht zu spät:

Will man sich auf die Suche nach dem Glück machen, gilt es, die Sicht von aussen nach innen zu verlagern und den eigenen Geist zu schulen. Wir müssen erkennen, wie der Geist funktioniert und vor allem, was uns gut tut und was nicht. Das klingt einfach, ist aber eine langwierige Angelegenheit.

Eine Lebensweise zu pflegen, durch die man dauerhaftes Glück erreicht, ist eine Kunst. Es erfordert ständiges Bemühen, eine unablässige Schulung des Geistes und die Entwicklung einer Reihe von menschlichen Qualitäten wie etwa Geistesruhe, Achtsamkeit und selbstlose Liebe. Darin sind sich die westliche und die östliche antike Philosophie einig. Bei den Stoikern ist das oberste Ziel im Leben, zu einer gelassenen Haltung, einer inneren Ruhe zu kommen. Ist dies erreicht, ist das Glück automatisch da. Glück ist danach also nicht etwas, das wir anstreben sollen, sondern es ist das Nebenprodukt einer eigenen Haltung, eines Seins.

Dies deckt sich sowohl mit dem yogischen Denken wie auch dem buddhistischen, es wird von der neuen wissenschaftlichen Forschung untermauert. Das Schöne daran: Man muss es nicht einfach glauben, man kann es erfahren, indem man etwas dafür tut. Wenige Minuten der Bewusstwerdung, der Meditation, des Zur-Ruhe-Kommens reichen, um nach und nach zu einer Veränderung führen hin zu einem Gefühl von mehr Ruhe, mehr Wohlbefinden – und sogar Glück.

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Buchempfehlung zu dem Thema:

Matthieu Ricard: Glück

Ricard versteht es, ein grosses Thema auf eine verständliche, tiefgründige und gut lesbare Art zu vermitteln. Er greift bei seinen Darlegungen auf ein immenses Wissen westlicher und östlicher Philosophie zurück, er zitiert die neue wissenschaftliche Forschung und legt die buddhistische Sicht dar, die sich in vielen Punkten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Dabei bleibt er nicht in der trockenen Theorie, sondern erläutert diese mit anschaulichen persönlichen Erlebnissen.

Neben den theoretischen Erklärungen finden sich auch Anleitungen für die eigene Meditation zu Hause, so dass man sich gleich hier und jetzt auf den Weg zum eigenen Glück machen kann. Ein wahrlich wunderbares Buch, das in keinem Regal fehlen sollte!

Zum Autor: Matthieu Ricard
Matthieu Ricard arbeitete als Forscher auf dem Gebiet der Molekularbiologie, ehe er seine Berufung zum Buddhismus erkannte. Seit 25 Jahren lebt er als buddhistischer Mönch in den tibetischen Klöstern des Himalaya. Er übersetzt Werke aus dem Tibetischen und ist der offizielle Französischübersetzer des Dalai Lama.

Lebenskunst: Dinge achtsam tun

«Unser Leben ist nicht schön, weil wir perfekt sind. Unser Leben wird schön, weil wir unser Herz in alles stecken, was wir tun.» Sadhguru

Oft denken wir, wenn wir nur schöner, reicher oder erfolgreicher wären, wäre unser Leben schön. Selbstoptimierung ist ein modernes Wort für diese Sicht: Werde das perfekte Du und die Welt liegt dir zu Füssen – und wenn sie schon da liegt, wie könnte dann das Leben nicht schön sein? Nur, bei Lichte betrachtet: Nehmen wir an, ich wäre nun wunderschön. Was an meinem Leben wäre genau schöner? Kopfschmerzen hätte ich wohl immer noch dann und wann. Vielleicht würden sich ein paar mehr Männer nach mir umdrehen, aber das wäre auch nicht die Welt – die würde sich wohl genauso wenig um mich kümmern wie vorher, zumal ich nicht die einzige wäre, die wunderschön durch sie läuft. Vielleicht wäre der Blick in den Spiegel ein erfreulicherer – zumindest für eine kurze Zeit, denn die Chancen wären gross, dass mir bald etwas Neues auffiele an mir, das mir nicht gefällt – und alles ginge von vorne los.

Was aber bringt mir dann das schöne Leben? Ich denke, das kann nur aus mir selbst heraus entstehen. Nicht dadurch, was ich bin, sondern was ich tue – und vor allem: Wie ich es tue. Wenn ich beiläufig oder gar widerwillig Dinge verrichte, wird das sicher schwer mit dem schönen Leben. Tue ich Dinge, die mir Freude bereiten, aus vollem Herzen, fühlt sich das schön an. Wenn sie sogar gelingen, noch schöner – wobei das zweitrangig sein sollte, denn das Tun an sich ist schon befriedigend, weil ich in ihm aufgehe.

«Wenn ich stehe, stehe ich, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich esse, esse ich.»

Nun können wir meist nicht nur Dinge tun, die uns Spass machen, es gibt auch alltägliche Verrichtungen und Pflichten, die auf uns warten. Thich Nhat Hanh rief immer wieder dazu auf, alles, was wir tun, bewusst zu tun. Sei es abspülen, Wäsche waschen, den Boden kehren: Tue es bewusst und sei mit deiner Aufmerksamkeit ganz dabei, was du tust.

Nehmen wir das Abwaschen: Wir nehmen einen Teller in die Hand, halten ihn unter den Wasserstrahl, fühlen, wie das Wasser über unsere Hände läuft, drehen den Teller in unseren Händen und reinigen sorgfältig seine Oberfläche vom Dreck. Wir drehen ihn weiter und trocknen ihn sorgsam ab, das Tuch in unseren Händen spürend, gewahr, wie die glänzenden Wasserflächen langsam trocken werden. Dann stellen wir ihn achtsam in den Schrank zurück, ohne das übliche Geklirr, sondern sorgsam still. Wie viel anders sich das anfühlt, als den Teller zu nehmen, innerlich genervt vom Tun schon an das nächste denkend, ihn gedankenlos hin und her zu drehen, abzutrocknen und mit Geklirr zu verräumen. Wer nun denkt, er hätte eine Geschirrspülmaschine, das werde also nichts mit dem achtsamen Tun: Das geht auch mit Zähne putzen, Betten machen, Boden wischen, etc.

Vielleicht dauert es ein wenig länger auf diese Weise, aber dieses Tun wird in dir ein Wohlgefühl auslösen. Und was wäre ein schönes Leben anderes, als ein Leben, in dem wir uns mit uns und dem, was wir tun, wohl fühlen?

Tagesgedanken: Begegnen statt beharren

«Das mit der Wahrheit muss verschwinden. Solange die Wahrheit in den Köpfen der Menschen ist, ist da immer der andere, den ich umbringen muss, denn er hat sie nicht, ich habe sie ja.»

Dies sagte sinngemäss Heinz von Foerster. Es klingt auf den ersten Blick witzig: Die Wahrheit muss verschwinden. Doch denkt man weiter, fängt ein leises Nicken an. Blickt man auf die Welt und wie Menschen miteinander umgehen, nimmt das Nicken zu. Jeder denkt, er hätte die Wahrheit gefunden und propagiert sie nun nicht nur als seine, sondern als absolut gültige. Jeder, der widerspricht, muss natürlich im Unrecht sein, denn zwei Wahrheiten, die sich unter Umständen sogar widersprechen, kann es nicht geben. Wo die Gewissheit herkommt, dass die eigene Wahrheit wirklich die richtige ist, dass sie der Weisheit letzter Schluss ist, das muss nicht weiter begründet werden. Das ist einfach so. 

Was ist eigentlich Wahrheit? Wie findet man sie? Wie weiss man, dass sie es ist? Diese Frage stellt man sich seit Jahrtausenden. Aesop kam zu folgendem Schluss: 

«Jede Wahrheit hat zwei Seiten. Wir sollten uns beide Seiten anschauen, bevor wir uns für eine entscheiden.»

Wahrheit wird oft als Machtmittel benutzt (Wissen ist Macht): Wenn ich weiss, wie der Hase läuft, stehe ich über dir. Nur: Woher nimmt man diese Überzeugung? Was ist überhaupt zuerst: Unsere Wahrheit oder unser Machtdenken? Kehren wir nicht oft die ganze Sache um und propagieren um der Macht Willen eine Wahrheit, die wir als die richtige hinstellen, um die eigene Position zu stärken? Statt unsere Vernunft zu nutzen, um im Diskurs mit Anderen gemeinsame Wege zu finden, setzen wir sie ein, um eigene Zwecke zu erreichen. Adorno resignierte ob dem Umstand, schrieb seine negative Dialektik und pflegte fortan eine pessimistische Weltsicht. Habermas versuchte später, neuen Wind in die Frankfurter Schule zu bringen und teilte die Vernunft in zwei Teile: Die zweckrationale und die kommunikative. Aber auch er ist noch nicht sicher, welche gewinnen wird.

Nun, wir haben es in den Händen: Indem wir uns bewusst werden, wie wir im Umgang mit anderen Menschen agieren, ob wir sie mit Argumenten totschlagen wollen oder aber ob wir mit ihnen in einem quasi kommunikativen Tanz die verschiedenen Wahrheiten umgarnen und eine gemeinsame Melodie finden. Mir ist bewusst, dass dies einfacher klingt, als es ist, sind wir doch alle sozial geprägt und haben damit die zweckrationalen Muster in uns drin, nach denen wir dann, ganz dem Leistungsstreben unserer Gesellschaft verpflichtet, agieren. Aber wir sind ihnen nicht blind ausgeliefert, wir haben es in der Hand, die Veränderung zu suchen und uns neu zu besinnen, wie wir mit anderen umgehen wollen. Hannah Arendt sagte dazu:

«Wahrheit gibt es nur zu zweien.»

Wir haben auf diese Weise nicht mehr die Wahrheit für uns gepachtet, aber wir gewinnen die Möglichkeit, neue Wahrheiten kennenzulernen. Und wir haben mehr noch die Chance, anderen Menschen wirklich zu begegnen, was nur passiert, wenn wir in einen Dialog treten, in welchem beide einander zuhören und offen bleiben, um den anderen und seine Sicht der Welt kennenzulernen. Ein würdiger Ersatz für eine eigentlich nutzlose (da nur propagierte, selten aber wirklich gesicherte) Wahrheit, die nur als Totschlagargument taugt.

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Literatur zur weiteren Lektüre: