Eine Geschichte: Alles aus Liebe (0)

Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse!
Friedrich Nietzsche

Einleitung

Hertha Müller schrieb mal, Schreiben sei ein innerer Halt. Ich gebe ihr recht und weiss nicht genau, wieso. Woran halte ich mich, während ich all das hier schreibe? Wo finde ich etwas, woran ich mich halten kann? Würde ich sonst fallen. Wohin? Ist es so schlimm, zu fallen? Was macht mir Angst? Oder bin ich schon unten und will hoch? Suche ich einen Halt, an dem ich mich hochziehen kann? Vielleicht ist der Halt auch von einer anderen Art: Durch das Schreiben werden Dinge fassbarer, die vorher lose und vage umherschwirrten. Vorher verwirrten sie mein Hirn, weil sie nicht zu greifen, nicht zu begreifen waren.  

Hannah Arendt schrieb, sie denke ohne Geländer. Sie verzichtet also auf den Halt. Sie meinte damit, dass sie ihre eigenen Gedanken dachte, ohne sich auf andere zu stützen oder an sich an diese zu halten. Kant beschwor den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Greife nicht auf schon Gedachtes zurück, sondern schau frei und frisch nach vorne. Es scheint, die eigenen Pfade sind nicht die einfachen. Sie sind nicht vorgespurt. Sie bergen Risiken.

Schreiben heisst für mich, verstehen. Durch das Aufschreiben stehen die Dinge vor Augen, ich kann sie betrachten und sie sagen mir etwas. Schreiben in dem Sinne soll mir etwas sagen. Und es ist ein Ausdruck dessen, was in mir ist. Bei dem hier Geschriebenen geht es nicht um Schuld, Klage oder Anklage, auch wenn das ab und zu so klingen mag. Es geht darum, zu verstehen, was gewesen sein könnte. Und vielleicht lässt sich daraus ableiten, was ist.

Schreiben muss wahrhaftig sein. Dem verpflichte ich mich. Das hier ist keine Autobiografie. Es ist nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Es ist ein Versuch, eine Geschichte zu erzählen. Stück für Stück, wie sie sich zeigen will.

(„Alles aus Liebe“, Einleitung)

Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt

Der Schriftsteller bei der Arbeit

«Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.» Franz Kafka

Andreas Kilcher wirft einen Blick hinter die Kulissen von franz Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und sein Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Andreas Kilcher analysiert Kafkas Lektüren, Interessen und die historischen und lebensnahen Kontexte und leitet daraus einen Bezug zu einzelnen Texten ab. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor.

«Ein gutes Buch ist der beste Freund.»

Wir lernen Kafka in diesem Buch als begeisterten und intensiven Leser kennen. Zwar blieb seine eigene Bibliothek immer überschaubar, in Briefen und auf Listen zeigt sich aber der Umfang seines Lesens.

«Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.» Franz Kafka

Der Philosophieprofessor und Schriftsteller Peter Bieri sagte über Literatur, dass sie im Leser etwas bewegen, etwas verändern müsse. Aus guter Literatur gehe man als anderer hervor. Das scheint auch Kafkas Meinung gewesen sein. Literatur bietet einen Blick in sich selbst, sie lässt einen die Möglichkeiten erkennen, was im Leben möglich ist, wie der Mensch sein kann. Sie lässt den Leser nachdenken, was davon in ihm selbst angelegt ist und bringt ihn so zu neuen Erkenntnissen.

«Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.» Franz Kafka

Als Kafka schon im Sterben lag, die Tage waren gezählt, fragte er den behandelten Arzt nicht nach der Anzahl verbleibender Tage, sondern, wie viele Erzählungen er wohl noch schreiben können würde. Da waren noch so viele in seinem Kopf. Der Arzt meinte nur: «Fangen sie gleich mit dem Schreiben an.»

Zwar habe ich dieses Gespräch aus einem Film, doch es könnte sich genauso abgespielt haben. Kafka lebte für sein Schreiben. Alles, was diesem im Weg war, plagte ihn. Lesen und Schreiben, eine untrennbare Liaison – sie gehörten für Kafka zusammen, das Schreiben wuchs aus dem Lesen heraus. Das zeugen die vielen intertextuellen Bezüge in Kafkas Werk, die Anspielungen, das leise Aufklingen von Themen und literarischen Bildern.

So schreibt denn auch Andreas Kilcher, dass Literatur nie aus dem Nichts entstehe, sondern immer aus anderen Büchern. Diese setzen sich im Unterbewusstsein fest und wirken daraus. Sie bilden eine (neben anderen) Grundlage des Denkens und dann des Schreibens. Damit deutet er darauf hin, was in vielen Schreibratgebern und von vielen Schriftstellern vertreten wird: Wer schreiben will, muss ein Leser sein. Kafka hat es vorgemacht.

Fazit zum Buch:
Einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk.

(Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit, C.H. Beck Verlag, München 2024.)

Gedankensplitter: Alles gut!

«Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.» Oscar Wilde

Manchmal treffe ich mich mit anderen Menschen, wir tauchen in den Abend hinein bei einem Essen und Gesprächen. Es kommt vor, dass ich ins Erzählen komme, dass ich ausbreite, was in mir vorgeht, meine Gefühle, Ängste, auch Unzulänglichkeiten ausbreite, weil es sich aus dem Gespräch heraus so ergibt. Es sind Abende, in denen ich eine Nähe und eine Verbundenheit spüre, weil eine grosse Offenheit im Raum ist und der Austausch ein wirklicher ist, ein sich Einlassen auf den anderen. Gegenseitig. Es sind Abende, die ein Gefühl des Getragenseins in einem Miteinander in sich tragen und die dieses über den Abend hinaustragen ins Leben hinein. Ich fühle mich genährt.

Und doch kann es vorkommen, dass ich mich am nächsten Morgen frage: Habe ich zu viel erzählt? Habe ich zu Tiefes preisgegeben? Mich zu sehr offenbart? Die Mauern zu sehr eingerissen. Mir kommt der Gedanke: Was könnte nun der andere über mich denken? Zu welchen Gedanken, Bewertungen wird ihn mein Erzähltes bringen? Muss ich mich in Zukunft bedeckter halten?

Ich merke, wie mich diese Gedanken im Gegensatz zu früher nur noch schnell streifen und ich zum Schluss komme: Nein, es ist gut, wie es ist. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Es war, wie es war, ist, wie es ist – und es darf so sein. Alles gehört zu mir. Und selbst wenn jemand meine Offenheit in einer Form gegen mich. Verwendet, so ist das seine Sache, nicht mein Problem. Und dann ist da nur noch dieses schöne Gefühl, einen wertvollen Abend erlebt zu haben.

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Mutter

Mutter:  ein Mysterium im Universum, eine Rolle mit vielen Zuschreibungen, ein Ideal, ein Wunsch, eine Sehnsucht, die Ursache allen Übels und der hochgelobte Quell von Honig und Milch. Und alles davon ist oft geglaubt und ebenso oft reine Fantasie.

Kaum etwas ist so behaftet und so beladen wie das Muttersein. Von der Natur so eingerichtet, dass gewisse körperliche Gegebenheiten dazu führen, dass etwas in einem Menschen wächst und später mal in die Welt entlassen wird, sieht man sich als austragendes Wesen vom Zeitpunkt der Empfängnis mit den diversesten Ansprüchen und Erwartungen konfrontiert. Die bedingungslose Liebe wird schon gefordert, bevor man die paar formierten Zellklumpen von blossem Auge sehen kann, das nun adäquate Verhalten von allen Seiten an einen herangetragen. Ist der neue Erdenbürger erstmal auf der Welt, nimmt das alles noch zu. Ein eigenes Leben? Vergiss es. Du hast nun für ein anderes Wesen da zu sein und zu sorgen. Daneben musst du selbstverständlich auch noch alles andere, was gesellschaftlich, privat und politisch gefordert ist, erfüllen. Das widerspricht sich oft? Egal. Dazu kommt: Kinder werden immer Kinder bleiben, also hört auch die Sorge nie auf – und die Zuschreibung. Alles, was dieses Kind irgendwann mal falsch macht, kann man auf die Mutter zurückführen. Weil sie war und tat, wie sie war und tat, ist das nun alles so.

Und so sitzen wir hier alle als Kinder von Müttern. Und ja. Sagen danke. In allen erdenklichen Tonlagen und Bedeutungsnuancen.  

Hier ein paar Mutterbücher passend zum Tag:

  • Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter – wenn am Gewicht der Mutter das ganze Familienleben aufgehängt wird – vordergründig.
  • Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter – wie sich an eine Mutter erinnern, die schöner und toller war als alle, wenn auch kühl und distanziert? Wie mit ihrem Freitod umgehen? Eine Suche nach Antworten über das eigene Aufwachsen.
  • Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter – Eine Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die keine ist und doch präsent.
  • Edouard Louis: Die Freiheit einer Frau – ein schonungsloser und liebevoller Blick auf die eigene Mutter, die den Weg in die Freiheit sucht
  • Simone de Beauvoir: Ein sanfter Tod – ein persönlicher und tiefgründiger Blick auf das Sterben der Mutter und die Erinnerungen, die dadurch ausgelöst werden
  • Gisèle Halimi: Alles, was ich bin – vom Aufwachsen als ungeliebte Tochter
  • Albert Cohen: Das Buch meiner Mutter – wehmütige Erinnerungen an eine Mutter, im Bewusstsein, sie zu Lebzeiten zu wenig gesehen und geschätzt zu haben.

Damit wünsche ich euch einen schönen Tag.

Gedankensplitter: Liebe zur Literatur

«Wer Bücher liest, schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.» Johann Wolfgang von Goethe

Wenn ich mir die aktuellen Neuerscheinungen im Bereich Philosophie und Soziologie anschaue, frage ich mich manchmal: Welchen Lebensbezug hat all das noch? Wie oft betreffen die gestellten Fragen wirklich den Menschen in seinem Sein, in seinem Alltag, den jeder zu bestreiten hat? Sogar lebensrelevante Fragen der Politik und des Zusammenlebens werden auf eine Weise thematisiert, dass ihnen jeglicher konkrete Lebensbezug genommen ist. Verfasser der Bücher sind mehrheitlich sehr intelligente, oft namhafte Grössen des Universitätsbetriebs oder aber der frei forschenden Intelligenzia. Manchmal scheint es, als ob sie sich gegenseitig die Bälle zuspielten, wie ich dereinst auf dem Pausenplatz am Pingpongtisch.

Ich habe mich lange in diesem hochgeistigen Umfeld bewegt. Und ja ich tat es gerne, ich ging darin auf, weil es etwas war, das ich konnte. Es lag mir, mich in Gebiete zu vertiefen, sie zu erfassen und sie auf konzise Weise wieder von mir zu geben. Das gab mir eine Rechtfertigung für mein Tun, das ich mir hart erkämpft hatte als Klassenaufsteigerin, die ich war, geschlagen noch mit diversen Eigenheiten, die nicht mehrheitskompatibel waren. Es war ein Feld, in dem ich mich behaupten konnte. Ich hatte das dringend nötig, da ich ausser meinem Geist nicht viel hatte, auf das ich vertraute im Leben, vor allem nicht in Bezug auf mich und meinen Stand in diesem.

Nietzsche sagte einst, dass alle Philosophie obsolet sei, wenn sie nicht zum Leben tauge. Ob seine eigene diesem Anspruch genügte, mag ich bezweifeln, doch abgesehen davon stimme ich ihm zu. Schaut man in die Welt, sieht man da Probleme, die in neuen philosophischen Büchern und den meisten geführten Diskussionen kein Thema mehr zu sein scheinen. Die behandelten Themen in der Politik und in den Universitäten haben mit denen des wirklichen Lebens wenig gemein. Die ehemals linken Kreise, die sich um Armut sowie Ausnutzung und Diskriminierung von Unterprivilegierten bemühten, haben sich auf Nischen verlegt, mit denen sich die Mehrheit der Not leidenden Menschen nicht mehr identifizieren können, die rechten Parteien sahnen ab, weil sie vordergründig lebenspraktische Anliegen behandeln. Wir mögen am Schluss vielleicht eine Sprache definiert haben, die keiner mehr sprechen kann, und für alle Befindlichkeiten entsprechende Toiletten gebaut haben. Daneben darben alte Menschen in Armut, alleinerziehende Mütter wissen nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen, und einst hart erkämpfte Rechte (straffreier Schwangerschaftsabbruch z. B.), werden nach und nach wieder eliminiert. Ich bin mir der Plakativität dieser Aussagen bewusst, doch sie ist ebenso gewählt.

Die Philosophie hätte so viel zu sagen. Es ist eine Disziplin, die den Überblick hat, und das in einer Zeit, in der man alles in immer noch kleinere Einheiten fasst und die Interdisziplinarität ignoriert, obwohl die wirklich grossen Denker, die wir noch heute kennen, immer das grosse Ganze betrachtet haben und sich ihr Erfolg gerade daraus speiste. Es scheint fast, als hätte Hannah Arendt recht gehabt, als sie sinngemäss sagte, dass da, wo die Philosophie endet, die Literatur einsetzt, weil vieles nicht in abstrakten Begriffen zu erfassen sei, sondern in Geschichten erfahrbar werde.

Die gelehrten Philosophen, die in ihrem Elfenbeinturm sitzen und sich an ihren geistigen Höhenflügen ergötzen, rümpfen oft die Nase über die, welche Geschichten erzählen. Das erscheint ihnen als eine minderwertige Form des Ausdrucks und die Geschichten werden oft als Befindlichkeiten abgetan. Diese Geringschätzung von Autor und Form war auch der Grund, wieso einst Peter Bieri unter Pseudonym zum Romancier wurde. Er hatte recht daran getan, denn als es aufflog, sank er in der Achtung seiner Fachkollegen merklich. Er hat es zum Glück gut verkraftet und seinen Lesern (und seinen Studenten) viel geschenkt).

Wenn man bedenkt, dass der Mensch seit Urgedenken Geschichten erzählt, dass das Erzählen von Geschichten gar oft als den Menschen ausmachende Seinsweise definiert wird, verwundert diese Geringschätzung auf den ersten Blick. Auf den zweiten könnte man sie so deuten, dass man sich durch den abstrakt elaborierten Code über das Allgemeinmenschliche erheben und zum Übermenschen werden möchte. Und ja, wer träumt nicht vom kleinen bisschen Ruhm, vom erhabenen Moment als Pfau im Hühnerstall. Aber vielleicht ist es auch ganz anders:

Beim Schreiben über all das, fällt mir auf, wie sehr sich meine Sprache der Materie anpasst. Die vielen wissenschaftlichen Artikel und Beiträge haben sich in mein Schreiben eingebrannt. Während meine literarische Sprache einen eigenen Stil hat, der komplett anders ist, verfalle ich ohne es zu wollen oder bewusst zu wählen beim Schreiben eines sachlichen Themas in den Duktus der Fachsprache. Eine spannende Selbst-Beobachtung, die eine weitere Möglichkeit der Erklärung mit sich bringt.

Ich trug immer beide Lieben in mir: die zur Literatur und die zur Philosophie. Angefangen hat alles mit Literatur, danach schwang mal die eine, mal die andere oben auf. Missen würde ich keine wollen, doch merke ich, dass das Pendel mit zunehmendem Alter wieder dahin zurückschlägt, wo ich herkam: zur Literatur. Ich bin sehr dankbar für die Philosophie im Rücken, als Unterbau, als Denkschule, als Zettelkasten, auf welchen ich immer wieder zurückgreifen kann beim Lesen und Schreiben. Aber: Die Philosophie, wie ich sie heute erlebe, in all ihrer Abgehobenheit, ihrem Anspruch, ihrer Geziertheit, sie holt mich nicht mehr ab, sie spricht nicht mehr zu mir. Es ist und bleibt immer das gleiche, was mich umtreibt: Der Mensch in seinem Lebensumfeld, sein Sein und Mit-Sein. Ich suche es in den Büchern, ich finde es in der Literatur. Und ja, in ihr steckt alles drin: Philosophie, Kultur, Zeitgeschichte, Lebensrealität. Man muss sie nur finden. Und das kann jeder für sich selbst tun. Für mich ist das ein Stück Freiheit.

Inspirationen für die Woche – KW 18

Neue Woche, neue Inspirationen. Es war eine spannende Woche, eine, bei denen ich mich durch die verschiedensten Bücher blätterte und mich auch sonst inspirieren liess.

Aktuell kommt man kaum an Immanuel Kant vorbei, das Jubiläum hat wahre Text- und sonstige Fluten losgelöst. Ich habe vor nunmehr 21 Jahren beschlossen, damals schwanger in einer Kantvorlesung sitzend, dass mein Sohn doch bitte diesen wunderbaren Namen tragen soll: Immanuel. Er wurde für zu altertümlich befunden, so trägt er ihn nun als Zweitnamen. Immerhin.

Kant ist aktuell, immer. Und ja, um gleich die Kritik vorwegzunehmen: Er war rassistisch und frauenfeindlich. Der Zeit geschuldet, obwohl er es auch hätte besser wissen können. Egal. Es bleibt genug, das zu bedenken ist, da es schlicht gut ist. Man muss nicht immer das Kind mit dem Bade ausschütten. Keiner ist über jeden Zweifel erhaben und wäre es einer, ihr wisst schon, solle er den ersten Stein werfen….

Hier ein paar aktuelle Bücher zum Einstieg:

  • Gabriele Gava, Achim Vesper: Kants Philosophie (C.H.Beck 2024) – ein Einblick in das Leben und Schaffen Kants, eine Erläuterung der zentralen Begriffe und Ansätze seines Denkens anhand seiner wichtigsten Werke.
  • Ursula Michels-Wenz: Klarsicht mit Kant (Insel Verlag 2024) – kleine Denkhäppchen aus Kants Denken, ein guter Einstieg für zwischendurch
  • Omri Boehm, Daniel Kehlmann: Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant (Propyläen Verlag 2024) – zwei kluge Köpfe reden darüber, was wir noch heute von Kant zu Themen wie Rassismus, Kolonialismus, Gerechtigkeit, das Böse und vielen mehr lernen könnten
  • Marcus Willaschek: Kant. Die Revolution des Denkens (C.H.Beck 2024) – eine gelungene, informative, kompetente und gut lesbare Einführung in Kants Philosophie und viel Anregung, als Leser selber mitzudenken

Folgendes Buch kann ich euch zudem ans Herz legen, es hat mich beim Lesen sehr berührt:

Sigrid Nunez: Der Freund

Als ihr Freund stirbt, hinterlässt er nicht nur eine grosse Lücke in ihrem Leben, sondern auch seinen vor Trauer depressiven Hund, eine Deutsche Dogge. Abgesehen davon, dass sie Gefahr läuft, ihre Wohnung in New York zu verlieren, weil da keine Hunde erlaubt sind, wollte sie nie einen Hund haben. Sie war Katzenmensch. Die Geschichte eines Zusammenwachsens, einer Liebe, die tief geht und viel ans Licht holt. Gedanken zum Schreiben, zum Tod, zu Liebe und Freundschaft, zum Denken und zu den Unterschieden zwischen Mensch und Tier. Und ja, auch eine Geschichte vom Loslassen.

Ich habe auch wieder einen Podcast gehört, den ich euch empfehlen möchte:

Vor einiger Zeit stiess ich aus irgendeinem Grund, den ich nun nicht mehr weiss, über sieben Ecken wohl, auf ein Buch: Dana von Suffrin, Nochmal von vorne. Das Buch klang spannend, so dass ich es bestellte. Einen Tag nachdem es im Briefkasten war, suchte ich einen neuen Podcast und stiess auf die neuste Folge von «Dear Reader» mit Mascha Jacobs. Ihr Gast? Dana von Suffrin.  Als persönliches Buch hatte sie neben anderen Joseph Roth dabei mit seiner Erzählung «April». Gleich stürzte ich zum Bücherregal, zog Roths Erzählungen heraus, schlug die Geschichte auf und stiess auf diesen wunderbaren Satz (ich habe ihn kürzlich schon hier reingestellt, weil er so wunderbar ist):

«Die Aprilnacht, in der ich ankam, war wolkenschwer und regenschwanger. Die silbernen Schattenrisse der Stadt strebten aus losem Nebel zart, kühn, fast singend gegen den Himmel.»

Und hier der Link zum Podcast:  HIER

Habt eine gute Woche!

Gedankensplitter: Von Entschlüssen und Gewohnheiten

Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, von gewissen Dingen zu lassen, mich nicht mehr zu sehr unter Druck zu setzen, mein übersteigertes Pflichtgefühl, das nur aus mir selbst entspringt, zu mässigen, wenn schon nicht abzulegen. Und immer wieder ertappe ich mich dabei, nach einer kurzen Zeit des Gelingens langsam wieder ins alte Fahrwasser zu geraten. Lernresistent? 

Da ich die Dinge nicht nur ablegen will, weil sie unnötig sind, sondern weil ich merke, dass sie mir schlicht nicht gut tun, was sich einerseits psychisch in einer Angespanntheit, Deprimiertheit, Melancholie ausdrückt, andererseits aber auch körperliche Folgen hat, ist es umso ärgerlicher, dass ich daran festhalte. Masochistin?

Und so bin ich wieder an einem Punkt, an dem ich von Neuem denke, dass ich es nun endlich tue: Raus aus dem Leben mit all dem, was nicht gut tut und nicht zwingend darin sein muss. Und ja, dieses Mal wird das gelingen. Wirklich! Utopistin?

Ach, vielleicht einfach ich. 

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Die Wahl, wie man leben will

«Jede Zeit wie jeder Mensch hat ein gewisses Gedankenfeld, über das hinaus nichts wahrgenommen wird.» Bertha von Suttner

Eigentlich ist es schon lange bekannt: Wir nehmen nur einen kleinen Bruchteil dessen wahr, was ist. Vor allem was einen selbst betrifft, hat man oft blinde Flecken, Dinge, die von aussen offensichtlich sind, die man selbst nicht sieht. Diese blinden Flecke bei sich und in der Wahrnehmung des Aussen sind vielem geschuldet: Der Zeit, in der wir leben, der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, und verschiedenen anderen Prägungen aus Erfahrungen und Erlebnissen. Wir sind geprägte Menschen und agieren aus diesen Prägungen heraus. Sind wir ihnen ausgeliefert?

Teilweise wohl schon, zumindest so lange, bis wir uns bewusst werden, dass wir sie haben und sie zu ergründen suchen. Dass dies nicht immer angenehm ist, liegt auf der Hand. Wer im Dunkeln buddelt, kann auf Dreck stossen. Den wollen wir oft nicht sehen, wollen uns die Hände nicht schmutzig machen. 

«Bedenke, was du bist: vor allem ein Mensch, das bedeutet, ein Wesen, dass keine wesentlichere Aufgabe hat als seinen freien Willen.» Epiktet

Im Buddhismus heisst es, dass die schönste Lotusblume aus dem Sumpf kommt. Es braucht wohl immer beide Seiten, um Leben zu kreieren. Die dunklen, düsteren Seiten zu verneinen, zu verurteilen, wird an keinen guten Ort führen, denn das macht uns zu Sklaven dieser Arbeit. Sie anzunehmen, hinzusehen, ihre Funktion anzuerkennen, aber ihnen dann nicht mehr Macht zu geben, sondern unser Sein und Tun aktiv dem Guten hinzuwenden, wäre die bessere Alternative. So würden wir zu den Menschen, die wir sein wollen, im Wissen, dass alles in uns steckt, aber wir die Wahl haben, was wir leben wollen. 


Gedankensplitter: Schokoladenseiten des Lebens

Kürzlich dachte ich so mir, ob nicht oft die Ferien, die wir verlebten, in den Erzählungen im Nachhinein am schönsten sind. Sind wir nicht oft darauf bedacht, ein möglichst strahlendes Bild von uns selbst zu zeichnen, um in den Augen der anderen gut dazustehen? Alles, was nicht schön ist, was schief geht, werten wir als persönliche Niederlage, die wir nicht zeigen wollen. Es wird aber auch von uns erwartet: Wenn wir schon das Glück haben, in die Ferien gehen zu dürfen (und Ferien sind immer positiv konnotiert, Arbeit als Pflicht und Muss – dass es auch Menschen gibt, die das anders sehen, kann und will man nicht verstehen), dann sollen wir uns gefällig auch freuen, dankbar sein und das zeigen. Es gab einen Auslöser für diese Gedanken:

Ich bin seit einiger Zeit in Spanien, an einer wirklich traumhaften Lage in einem ebensolchen Haus. Das Wetter war die ganze Zeit bewölkt, es regnete sogar viele Tage und auch der Wind trieb sein stürmisch-himmlisches Spiel. An den kühlen Tagen sass ich bei 16 Grad in meinem Arbeitszimmer, da dieses schlecht isoliert ist – für eine Frostbeule wie mich nicht ganz leicht.

Als ich an einem frühen Morgen rausschaute, ging die Sonne hinter dem Berg auf, der Himmel war blau, das Meer lag malerisch still drunter. Ich machte ein Foto und stellte es ins Netz. Dieses Bild vor meinem Fenster hielt genau 10 Minuten an, danach kamen Wolken, Nebel, Regen und Sturm. Aber das war das Bild, das ich von meinem Tag postete. Ist es auf den Sozialen Medien nicht oft so? Es wird der Schein eines Glücksmoments ins Licht gerückt und die Summe solcher Momente als ganzes Leben verkauft. Der Betrachter sitzt vor seinem Bildschirm und denkt an die eigenen vielen weniger glitzernden Momente und fühlt sich der Ungerechtigkeit des Lebens ausgesetzt. Würde man all die ins Netz stellen, würde man damit kaum 1000e von Likes erhalten, ausser, man verpackt auch die in eine im Grossen und Ganzen sehr privilegiert aussehende Bilderwelt.

Vor einigen Tagen wurde ich gefragt, wie es mir ginge, wie es in Spanien sei, sagte ich, dass es mir ausser einer verlebten Lebensmittelvergiftung sehr gut gegangen war und noch ging, nur das Wetter hätte nicht ganz mitgespielt. Ich erzählte von den Stürmen und den Regenschauern, nicht als Klage, doch ich war gefragt worden und das war die Realität. Da hörte ich: «Du sitzt an einem so schönen Ort und beklagst dich?» Nein, tue ich nicht, aber soll ich wirklich eitel Sonnenschein erzählen, wenn Regen fliesst?

«Es geht mich nichts an, was andere über mich sagen und denken.» Anthony Hopkins

Vermutlich ist es ja so: Wer an mir etwas Negatives finden will, der wird das wohl ohne Mühe tun. Wie viel Zeit habe ich in meinem Leben damit verbracht, Menschen beweisen zu wollen, wer ich bin und dass das in Ordnung ist. Es reicht, wenn ich es weiss, und es gibt viele, die das auch so sehen.

Gedankensplitter: Der sichere Ort

„In der Trostlosigkeit der Provinz muss man sich etwas schaffen, das wir… ‘Querencia’ nannten, einen Ort, an dem man sich gegen alles gesichert fühlt.» Simone de Beauvoir («In den besten Jahren)

Im Spanischen gibt es den Begriff „querencia“. Er bedeutet, sich einen Ort zu schaffen, an dem man sich geborgen und sicher fühlt, ein Zuhause für die eigene Seele quasi. Ich mag dieses Bild. Es trägt in sich die Sehnsucht nach der Geborgenheit und auch die Möglichkeit, die für sich selbst zu schaffen, selbst – und gerade, wenn – es im Aussen unangenehm, gefährlich, betrüblich scheint. Das kann das eigene Bett sein, das Sofa, ein Stuhl am Küchentisch, ein Baum im Wald – es ist ein Ort, den man für sich dazu bestimmt, dieser Zufluchtsort zu sein. Manchmal baut man ihn sich auch im Innern. Man bildet Mauern, hinter denen man sich verschanzt, so dass nichts von all dem, was einen traurig macht, stört, verunsichert, mehr durchdringt. Leider dringt dann auch viel Schönes nicht mehr durch, wir werden verschlossen, undurchdringlich, sind abgekapselt vom wirklichen Empfinden dessen, was ist und was gut ist, guttun könnte. 

„Auch der grösste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt.“ Laotse

Wo ist die Grenze? Wo kann ich Mauern einreissen, wo brauche ich sie? Welche Mauern haben ihre Funktion erfüllt und ich brauche sie nicht mehr, welche sind noch immer dringend nötig? Manchmal hilft es vielleicht, zuerst ein Fenster in die Mauer zu schlagen, aus dem man rausschauen kann. Vielleicht ist es manchmal der erste kleine Schritt, der hilft, weitere zu gehen. Es muss nicht alles aufs Mal sein, nicht immer von jetzt auf gleich. Auch kleine Schritte führen zum Ziel. Manchmal sogar nur die. 

Kleine Deutung: Else Lasker- Schüler: Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen…
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.

Du, wir wollen uns tief küssen…
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.

Es gibt Gedichte, die finden immer wieder eine Zeit, in die sie passen, sie weisen über den eigenen Zeitrahmen hinaus in die Ewigkeit, in der sich wiederholt und immer wiederholen wird, was im Menschen angelegt ist. Wir können noch so hehre Wünsche und grosse Theorien haben, der Mensch wird sie durchbrechen und seinen (An-)Trieben folgen, die nicht selten auch Verderben und Krieg mit sich bringen.

Else Lasker-Schüler weist auf das Grauen in der Welt hin, in der wir leben, sie zeigt aber auch, dass gerade in einer solchen Welt die Liebe und der geliebte Mensch einen Halt darstellen können. Das eigene Überleben hängt am Miteinander, nur durch dieses findet man Halt, findet man das Schöne, kann man die tiefsten Sehnsüchte leben, während da draussen die Welt wartet, an der wir einmal sterben werden.

Ein trauriges Gedicht, umso trauriger, weil es keine Phantasie, sondern bittere Wahrheit transportiert. Aber auch ein Aufruf an den Einzelnen, in seinem eigenen Umkreis auf das Gute und die Liebe zu bauen, um wenigstens diesen Kreis zu einem besseren Ort zu machen.

Gedankensplitter: Leben und Schreiben

Du fragst, warum mein Leben Schreiben ist?
Ob es mich unterhält?
Die Mühe lohnt?
Vor allem aber, macht es sich bezahlt?
Was wäre sonst der Grund? …
Ich schreib allein
Weil eine Stimme in mir ist, Die will nicht schweigen.
Sylvia Plath

Schon früh fand sie ihre Bestimmung und haderte doch ein Leben lang damit: Dem Schreiben. War es ihr einerseits das wichtigste, beklagte sie andererseits, dass sie dadurch ihre anderen Rollen im Leben nicht nach den eigenen Massstäben der Perfektion ausfüllen konnte. Dieser Zwiespalt zwischen Leben und Schreiben durchdringt auch ihr Werk, es ist so also das zentrale Thema ihres Schreibens und ihres Lebens.

Ich denke, jeder, der sein Leben dem Schreiben widmet, kennt diesen Drang, schreiben zu wollen. Und es gelingt mal besser, mal schlechter, ihm nachzukommen, ohne dabei zu viel zu vernachlässigen. Nur: Ohne zu schreiben fehlte so viel vom eigenen Sein und Sinn, dass dadurch die Kraft für den Rest auch abhanden kommt. Ein Konflikt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

***

Buchtipp:
Simone Frieling: Sylvia Plath. Jeder sollte zwei Leben haben, erbersbach & simon 1922.

Ein gelungener Einstieg in das Leben und Schaffen einer grossartigen, melancholischen, tiefgründigen, vielschichtigen Schriftstellerin. Simone Frieling beschreibt mit vielen Tagebucheinträgen, Briefen und Zitaten Plaths Beziehung zu ihren Eltern, die komplizierte Beziehung zu ihrem Ehemann Ted Hughes wie auch ihre immer wiederkehrenden Zweifel und inneren Konflikte.

Gedankensplitter: Die eigene Haltung ergründen

«Es hiess…. sie sei ein gefallenes Mädchen… Von gefallenen Männern hörte man bei uns nie. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen.» Emmy Hennings

Hat sich wirklich so viel verändert? Wenn zwei dasselbe tun, ist es wirklich dasselbe im Auge der Gesellschaft? Sind nicht noch immer die Frauen die Beäugten in einer von Männern definierten und von vielen (auch Frauen) weiter verteidigten Welt? Und immer wieder schauen wir weg, weil das Hinschauen die Forderung stellte, aufzubegehren. Und wir fragen uns: Was bedeutet das für uns? So hier und heute? Es ist einfacher, gegen die heute definierten Täter der Vergangenheit zu richten und sich gegen sie zu stellen. Im Hier und Jetzt gehen wir oft den Weg der Norm, den der Anpassung, weil wir denken, keine Wahl zu haben. Die Wahl haben wir wohl, nur gefallen uns die Konsequenzen oft nicht. Und dann sagen wir, dass wir nicht konnten, aber schon gewollt hätten. 

Kann man es verübeln? Muss man es? Ist es feige? Oder einfach lebenspraktisch? Das sind alles Wertungen, die von aussen draufgestülpt werden. Ich glaube, der erste Schritt wäre das Eingeständnis: Ich hätte gekonnt, hatte aber zu viele persönliche Gründe, die mich hinderten. Wenn diese Ehrlichkeit schon mal da wäre, wäre ein zweiter Schritt viel einfacher: Sich anders zu entscheiden, weil ja ganz viele sich eingestehen würden, dass sie eine Wahl hätten. Und ehrlich würden. Und damit vielleicht auch gemeinsam einstehen würden, so dass die Konsequenzen teilweise wegfielen. 

Eine Utopie? Ein Weg?