Gedankensplitter: Herkunft, die nicht vergeht

«Die lange verleugnete Wahrheit über das, was ich war, kam zu mir zurück und zwang mir ihr Gesetz auf.»

Wir kommen in diese Welt und sie schreibt sich in uns fest. Wir gehen unseren Weg, doch nehmen wir mit, was wir unterwegs auflesen. Jean Paul Sartre schrieb in seinem Stück Saint Genet:

«Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.»

Als Existenzialist vertrat er die Meinung, dass wir sein können, wer wir wollen, dass das Leben keinen Sinn hat ausser dem, den wir ihm zuschreiben durch unser Dasein. Und doch: Wir sind, wer wir sind, auch aufgrund dessen, woher wir kommen. Und diese Herkunft prägt unser Sein bis tief in unsere Gene, sie ist in unserer Haltung, unserer Sprache, unserem Denken eingeschrieben und wirkt sich da aus. Zwar können wir die Herkunft verlassen, doch los werden wir sie nie.

Als ich Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» las, kamen mir unter der Dusche spontan folgende Zeilen in den Sinn, so dass ich diese verliess, um sie sofort aufzuschreiben:

«Es gibt Bücher, die sind für dich geschrieben. Sie tragen Sätze in sich, die zu dir sprechen, weil sie gleichsam auch aus dir sprechen. Sie scheinen dazu geschrieben worden zu sein, dass du dich in ihnen erkennst und dir endlich erklären kannst, was du bislang nur gefühlt hast, aber nicht erfassen und einordnen konntest – oder dich nicht trautest, es zu tun.»

Müsste ich ein Buch nennen, das mir wichtig ist, das mir am Herzen liegt, das ich nicht missen möchte, es wäre dieses.

***

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Suhrkamp Verlag, 2023.

Die autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.

Gedankensplitter: Ehrfurcht vor sich selbst

«Das Unrechte, das man getan hat, ist die Last auf den Schultern, etwas, das man trägt, weil man es sich aufgeladen hat.» Hannah Arendt, Denktagebuch

Hannah Arendt spricht hier im Sinne Sokrates’, welcher sagte, dass es besser sei, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. In einer Zeit wie heute, in der das Individuum zuoberst steht, in der das eigene Wohl vor dem der anderen gesichert sein will (was aber durchaus auch im Menschen angelegt ist), klingt das auf den ersten Blick widersinnig. Wie meint sie das?

Wenn ich Unrecht tue, bin ich mir dessen bewusst. In mir gibt es diese Stimme, die sagt, dass das, was ich tue, nicht richtig ist. Man kann sie Gewissen nennen, man kann sie aber auch Stimme der Vernunft sehen, wie Kant es sah, welcher die Vernunft als universalen inneren Massstab über richtig und falsch erachtete. Wenn ich also Unrecht tue, so wird das in mir zu einem Gefühl der Unstimmigkeit führen, weil ich grundsätzlich das Richtige tun will. Dieses Gefühl werde ich mitnehmen, auch wenn das Unrecht schon längst getan ist. Von diesem Gefühl kann ich mich nicht einfach lösen, weil ich mit mir zusammenleben muss. Also wirkt es in mir fort. Unrecht zu vermeiden ist also nicht nur Dienst am anderen, sondern vor allem auch an sich selbst. Ich kann mit mir nur in Frieden leben, wenn ich so handle, dass ich mit mir im Reinen bin. Man könnte sagen, richtiges Handeln geht auch zurück auf eine, wie Schiller sich ausdrückte, «rettende Ehrfurcht vor sich selbst».

Politisches: Demokratie muss gelernt und gelebt werden

«Je mehr wir miteinander streiten, desto weniger müssen wir uns empören.» Jörg Sommer

Wir sitzen zuhause vor unseren Bildschirmen, klicken uns durch die sozialen Medien, applaudieren bei denen, deren Meinung wir vertreten, blockieren die, welche uns nicht genehm sind. Idioten sind das, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Wir klagen auf den Staat, der uns Freiheiten streicht, uns ausnimmt, nichts tut für uns, vor allem nicht das, was wir wollen. Wir fühlen uns nicht gesehen und gehört und denken, dass «die da oben» sowieso machen, was sie wollen. Am Sonntag schlafen wir gerne aus, zu Wahlen oder Abstimmungen gehen wir bevorzugt nicht, was zählt schon unsere Stimme. Und wenn dann das Ergebnis nicht in unserem Sinne ist, fühlen wir uns bestätigt.

«Nur die Demokratie kann uns frei machen, weil wir nur in der Demokratie Urheber der Mächte sind, die uns regieren.» Wendy Brown

Wir sind vom Bürger zum Konsumenten geworden, streben nach mehr Geld, Freiheit und Wunscherfüllung, wir sehen den Staat in der Pflicht, zu liefern, ohne dass wir etwas dafür tun. Dass dies nicht der Sinn von Demokratie ist, liegt auf der Hand, dass diese so nicht funktioniert, ist nicht fraglich. Solange wir nicht wissen, dass wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben, solange wir unsere Aufgabe der Selbstbestimmung und der Teilhabe an politischen Entscheiden nicht ernst nehmen, so lange sind wir Mittäter bei der Zerstörung unserer Demokratie und damit des Staatssystems, das von allen zur Verfügung stehenden doch das sinnvollste wäre.

«Demokratie […] ist eine Form kollektiver Selbstbestimmung, die alle Bürgerinnen und Bürger als gleiche und freie anerkennt. Mit anderen Worten: Demokratie basiert und realisiert Freiheit, Gleichheit und kollektive Selbstbestimmung. Sie ist also Prozess und Ergebnis.» Julian Nida-Rümelin


Was also tun? Wir müssen nicht mal schnell die Welt retten, aber wir sollten damit anfangen, die Demokratie zu retten, indem wir uns wieder als Bürger im Sinne von Citoyen verstehen. Das heisst, wir müssen wieder lernen, aktiv das Gemeinwesen mitzugestalten als Gleiche unter Gleichen und in Anerkennung der Verschiedenheit eines jeden. Oder wie Jean-Jacques Rousseau sich ausdrückte:

„Der Citoyen ist ein höchst politisches Wesen, das nicht sein individuelles Interesse, sondern das gemeinsame Interesse ausdrückt. Dieses gemeinsame Interesse beschränkt sich nicht auf die Summe der einzelnen Willensäußerungen, sondern geht über sie hinaus.“

Nun kommt man nicht einfach als Demokrat zur Welt, Demokratie will gelernt werden und das von klein an. Nur wenn erfährt, was es heisst, als Einzelner Teil eines Ganzen zu sein, mitzubestimmen und mitzugestalten, wird diese Fähigkeiten genügend einüben, um sie dann auch im Hinblick auf das politische Geschehen einzusetzen, so dass wir als pluralistische Gesellschaft unseren Staat und das Zusammenleben darin aktiv gestalten.

Wir müssen demokratische Schulen schaffen, Schulen, die Kindern gerecht werden, in denen sie aktiv beteiligt werden und bei der Umsetzung erfahren, was es heisst, Entscheidungen zu treffen, und die Konsequenzen zu tragen. Sie müssen lernen, Teil eines Ganzen zu sein und als je einzelner in seiner Einzigartigkeit anerkannt sein. Wir müssen Schulen schaffen, die wirklich bilden, nämlich Menschen bilden, die in der Welt, in die sie hineinwachsen, bestehen können, und die sich in dieser als Selbstwirksam erfahren.

Buchtipp:

Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet
Wie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.

Zum Autor und Mitwirkenden
Julian Nida-Rümelin lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im berufsbegleitenden Masterstudiengang Philosophie – Politik – Wirtschaft, als Honorarprofessor an der Humboldt Universität Berlin und als Gastprofessor an ausländischen Hochschulen. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften, und Direktor am Bayerischen Institut für digitale Transformation. Er ist Vorstand der Parmenides Foundation. Julian Nida-Rümelin publiziert regelmäßig Zeitungsartikel, Bücher und wissenschaftliche Aufsätze und hält Vorträge in Unternehmen und Verbänden.

Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Sein Buch „Ein Jahr zum Vergessen – Wie wir die drohende Bildungskatastrophe nach Corona verhindern können“ versteht sich als pädagogischer Weckruf, der nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie in den Blick nimmt, sondern grundsätzlich für eine Weiterentwicklung des Schulsystems entlang humanistischer Grundsätze und empirischer Forschungsergebnisse plädiert.

Angaben zum Buch:
Nida-Rümelin, Julian/ Zierer, Klaus: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet, Hirzel Verlag, Stuttgart 2023.

Politisches: Alles Menschen

Als ich kürzlich die Nachrichten der verschiedenen Portale las, stiess ich bei einem ganz weit unten, nach all den Prominews, nach Informationen zu sich paarenden Seekühen und der Mitteilung, dass Barbie und Ken durch den Film zu beliebten Kindernamen geworden sind, auf die Nachricht (mit ganz kleinem Bild und sehr wenig Text), dass ein Boot mit Migranten „verunglückt“ sei, 40 Menschen würden noch vermisst.

Diese Nachricht macht mich aus verschiedenen Gründen wütend:

Erstens ist die Platzierung in der Zeitung mehr als deplatziert, sie ist menschenverachtend und zeigt einmal mehr, welchen Wert Migranten in unseren Breitengraden haben. Der Umstand, dass sich diese Nachricht in keiner anderen Zeitung, die ich durchsuchte, finden liess, erst in den Radionachrichten hörte ich mehr dazu.

Zweitens ist es kein Unglück, wenn ein Boot kentert, auf dem sich 40+ Menschen befinden, weil sie aus dem Land, das ihre Heimat war, fliehen mussten. Das ist eine von Menschen gemachte Katastrophe. Das kann nur darum passieren, weil Menschen, die in grösster Not sind, die alles hinter sich lassen müssen, weil da, wo sie sind, kein Leben mehr möglich ist, und sie kaum Möglichkeiten haben, das zu ändern. Diese Not wird von einigen wenigen ausgenutzt, indem Unsummen für eine Flucht erhoben werden, die immerhin einen Ausweg erhoffen lässt, auch wenn er mehr als gefährlich ist. Viele Familien legen dann alles, was sie auftreiben können, zusammen, damit wenigstens einer rauskommt.

Ist dieser Eine dann mit vielen anderen (mehrheitlich zu vielen für die Transportmittel, die den Weg in eine bessere Welt versprechen) unterwegs stossen sie an Grenzen – an Landesgrenzen und an Grenzen der Menschlichkeit. Keiner will sie haben. Schaut man auf die jüngsten Verträge, die im Rahmen des Asylwesens geschlossen wurden, sprechen sie eine deutlich menschenverachtende Sprache. Hört man, dass auch die Schweiz Tunesien viel Geld bezahlt, dass sie dafür sorgen, dass die Migranten nie in die Schweiz kommen, bläst das ins gleiche Horn. Dies vor allem auch deswegen, weil der aktuelle tunesische Präsident Kais Saied mit rechtem Gedankengut die Bevölkerung gegen die Migranten aufhetzt, indem er von «organisiertem Bevölkerungsaustausch» spricht und andere Verschwörungstheorien bemüht, so dass es vermehrt zu rassistisch motivierten Übergriffen kommt. Auch werden Migranten in Tunesien in die Wüste verschleppt, wo sie elend sterben. Wir unterstützen ein solches menschenunwürdiges, menschenverachtendes System mit unserem Geld, damit wir uns um nichts kümmern müssen und unsere Hände in Unschuld (zu) waschen (vorgeben) können.

Nennt man nun ein gekentertes Boot ein Unglück, verklärt man all diese Hintergründe. Dann bewirkt man, dass der Empfänger der Nachricht vielleicht einen betroffenen Seufzer von sich gibt, und sich dann wieder den Nachrichten über Barbie, Ken und Seekühe zuwendet. Man bewirkt, dass man wegschauen kann, dass man nicht genauer hinschauen muss, dass man die Hintergründe ausblenden kann und damit die Schuld, die das eigene Land mit seiner Politik auf sich lädt, ignorieren kann. Dann werden weiter Menschen in zu kleinen Booten «verunglücken», während wir in der warmen Stube vor dem Fernseher sitzen.

„Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde.“ (Hannah Arendt)

Wenn es diese Menschen doch schaffen, auf ihren beschwerlichen Wegen in ein sogenannt sicheres Land zu kommen, ist ihre Odyssee bei weitem nicht zu Ende, dann fängt sie oft erst an: Man will sie nicht haben. Man prüft oft über lange Monate, Jahre, ob diese Menschen (immer Flüchtlinge genannt und damit als Kategorie und nicht mehr als einzelne Menschen mit Schicksalen, Trauer, Leid, Hoffnungen und Wünschen wahrgenommen) überhaupt das Recht haben, hier zu sein (und es mutet fast so an, als hofft man, Gründe dagegen zu finden). Wer ein solches Verfahren nicht mit positivem Ausgang übersteht, ist nicht legal, der muss gehen. Legalität als Entscheidung über das weitere (Über-?)Leben eines Menschen. Vergessen wird dabei folgendes:

„Legalität ist eine Frage der Macht, nicht der Gerechtigkeit.“ (Jose Antonio Vargas)

Ich bin mir durchaus bewusst, dass Migration eine Herausforderung darstellt für alle Beteiligten, auch für die aufnehmenden Länder. Ich bin mir bewusst, dass Lösungen nicht einfach zu finden sind und dass sie auch Umdenken und wohl Abstriche bedeuten würden. Doch sollten wir mit dem Umdenken beginnen, damit nicht noch mehr Menschen einfach ertrinken, nur weil sie sich erhoffen, was eigentlich allen Menschen zusteht aufgrund ihres Menschseins (und in den Menschenrechten verankert):  Ein würdevolles Leben.

Gedankensplitter: «Ich bin so frei»

Ein höflicher Satz. Ein Satz des Anstands, oft begleitet mit einer entsprechenden Geste. So hat sich das eingeprägt, das ist unsere kulturelle und damit unhinterfragte Sicht. Schaut man aber genauer hin, holt man die Wendung aus ihrer gewohnten und damit unreflektierten Bedeutung heraus, zeigt sich ein anderes Bild. Verwendet wird diese Wendung mehrheitlich dann, wenn man einen eigentlichen Grenzüberschritt höflich verpacken will. Man würde es nicht sagen, wenn man nicht tief drin wüsste, dass das, was man zu tun vorhat, eine Grenze überschreitet, nämlich die des anderen: Man tritt ihm zu nah. Man begrenzt dessen Freiheit indem man sich explizit die eigene gewährt. Damit ist diese Wendung in Tat und Wahrheit eigentlich eine höfliche Entschuldigung, die aber nicht nach einer passierten Handlung nachgereicht wird und damit eine Einsicht des eigenen Fehlverhaltens impliziert, sondern eine vorweggenommene Rechtfertigung für ein noch auszuführendes Tun.

Würde man stattdessen fragen: «Darf ich?» und (ganz wichtig) die Antwort abwarten, um sie dann auch wirklich als Richtschnur für das eigene Handeln zu nehmen, sähe die Sache ganz anders aus. Dann hätten wir zwei Menschen auf Augenhöhe, von denen einer etwas will, bei dem er an die Grenzen eines anderen stösst. Der andere hat dann die Möglichkeit, seine eigenen Bedürfnisse oder Abneigungen zu formulieren, in denen er gesehen und respektiert würde. Ansonsten werden diese ignoriert und übergangen.

Ist das alles reine Sprachklauberei, eine weitere Form eines woken oder identitären Sprachverhunzungsprogramms, wie sie heute oft angeklagt werden? Nein, es ist die Aufforderung, hinzuschauen, was wir wirklich tun und sagen, die Worte auf ihren tatsächlichen Inhalt und die damit verbundenen Implikationen zu prüfen. Es ist die Aufforderung, Abwertungen und Machtverhältnisse im alltäglichen Sprachgebraucht zu sehen und zu überwinden, da diese die Strukturen unserer Welt schaffen. Sprache schafft Wirklichkeit oder wie Ludwig Wittgenstein sagte:

«Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»

Die Art und Weise, wie ich spreche, offenbart viel von meinem Weltbild. Oft agieren wir unbewusst aus diesem heraus, weil wir schon die Sprache unbewusst verwenden. Wenn wir mit einem «Ich denke, also bin ich» durch die Welt gehen, unsere Gedanken als die richtigen sehen und diese den anderen überstülpen wollen, bleiben wir in unserer eigenen kleinen Welt gefangen und sehen die Weite hinterm Horizont nicht. Es entstehen Fronten von lauter Ichs, die die Welt erklären können, nur verstehen sie sich leider gegenseitig nicht, so dass jeder in seiner eigenen Welt vereinzelt lebt.

Wir müssen hin zu einem «Wir denken, also sind wir» kommen, im Wissen, dass der gemeinsame Blick auf eine Sache diese erst wirklich sichtbar macht – nämlich von verschiedenen Seiten. Indem wir unser Denken durch eine zugewandte und respektvolle Sprache mit dem Denken anderer zusammenbringen, schaffen wir eine gemeinsame Welt, in der jeder seinen Platz findet, weil durch das gegenseitige Verständnis und die Erweiterung des eigenen Blicks ein Miteinander möglich wird. So finden wir eine gemeinsame Sprache und schaffen damit eine gemeinsame Welt. Dann ist diese Welt grösser, da die Grenzen meiner Sprache nicht mehr die Grenze meiner Welt ist, sondern sie sich ausweitet hin zu den Grenzen unserer Sprache, die eine gemeinsame Welt begründen.

Gedankensplitter: Ehrlich leben

«Tue, was sich in deinem Herzen richtig anfühlt, kritisiert wirst du so oder so.» Eleanor Roosevelt

Und plötzlich merkte ich: Ich habe genug, ich mag nicht mehr. Was mal Freude war, verkam zur Pflicht, was mal Leidenschaft war, wurde zur Aufgabe. Und dann dachte ich, ich kann das nicht einfach ändern, schliesslich gehört das zu mir und ich werde damit identifiziert. Und als ich mal aufhörte, kamen gleich die Stimmen:

«Du hast doch immer…», «War das gelogen?», «Du kannst doch nicht…»

Sie kamen von aussen und verlagerten sich ins Innen. Da wühlten sie weiter, vor allem mich auf. Getrieben von widerstrebenden Gedanken sass ich da, fragte mich, ob ich weiter tun müsste, was ich schon immer tat. Mit ach so rationalen Argumenten kam ich zum Ergebnis, dass man sich ja immer ändere, dass das ja wohl legitim sei, dass… und ich kam mir vor mir selbst vor wie ein leerer Phrasendrescher.

Und irgendwann sagte ich zu mir: «Es reicht!»

Und ich hatte die Antworten auf die Einwände: Ja, ich habe immer und das gerne. Es war also nie gelogen. Gelogen wäre, wenn ich nun weitermachen würde, wie bisher, denn dann würde ich eine alte Leidenschaft vorspielen, die erloschen ist. Und doch: Ich kann. Drum tue ich es.

Hannah Arendt sagte, dass mit jedem Menschen etwas Neues in die Welt kommt, dass jede Geburt ein neuer Anfang sei. Wir haben in unserem Leben viele mögliche Geburtsmomente, wir können neu anfangen und Neues schaffen. Das ist ein Geschenk und wir sollten es annehmen.

Gedankensplitter: Das Schöne wollen

« Es taumelt eine von Verdummung trunkene, verwahrloste Menschheit unter Ausschreien technischer und sportlicher Sensationsrekorde ihrem gar nicht mehr ungewollten Untergang entgegen»

Diese Worte wählte Thomas Mann 1955 in seinem «Versuch über Schiller anlässlich dessen 150. Geburtstag. Sie wären heute noch genauso passend, es scheint, die Welt ist, stillgestanden. Ich korrigiere: Die Welt hat sich (leider?) weitergedreht, doch wir Menschen sind stillgestanden und schauen ihr zu beim Untergang. Hier und da hört man ein schwaches «Man kann halt nichts tun.» Es erinnert mich immer an das «Man konnte halt nichts tun.» aus anderen Zeiten, aus dunklen Zeiten, aus Zeiten, aus denen wir offensichtlich wenig gelernt haben, schaut man sich in der Politik um.

Friedrich Schiller glaubte an die Moral, er glaubte an einen unbedingten Willen zur Moral, zu einer ästhetisierenden Moral. Indem der Mensch sich mit schöner Kunst beschäftige, finde er den Zugang zur Freiheit und zu vernünftigem Handeln, das auf moralischen Einsichten gründet. Das befördere nicht nur das Glück des Einzelnen, sondern das aller. 

Thomas Mann attestierte Schiller einen

„Willen zum Schönen, Wahren und Guten, zur Gesittung, zur inneren Freiheit, zur Kunst, zur Liebe, zum Frieden, zu rettender Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst»

Und vielleicht ist das der Weg hin zu einer Welt mit weniger Angst, zu einer Welt mit mehr Miteinander, zu einer Welt, in der der Mensch Mensch ist und als solcher zählt als Gleicher unter Gleichen. Das wäre Freiheit. Das wäre Menschenwürde. Sie stehen allen zu. 

Gedankensplitter: Selber denken

„Moral ist der Ausdruck der Hoffnung, dass unsere Welt besser werden kann, als sie ist, und der Wille, herauszufinden, wie man die Welt verändert, ohne alles noch schlimmer zu machen Aufklärung ist die Forderung an jeden Einzelnen, bei genau dem anzufangen, was er selber ändern kann, also tatsächlich vernünftig zu handeln als vom Paradies zu träumen.“ Bettina Stangneth

Wenn wir heute von Moral sprechen, denken wir an den erhobenen Zeigefinger und Verhaltensnormen, die das perfekte Verhalten in einer perfekt gewollten Welt fordern. Dass diesem Anspruch kein Mensch genügen kann, liegt in der Natur desselben, dass im Wissen um die Erwartungen und das eigene Scheitern daran die Moral in Verruf kommt, folgt unweigerlich. Von Moralaposteln ist die Rede, von moralinsauren Zeitgenossen. Und: Das stimmt grösstenteils auch. Oft ist in so rigiden Forderungen mehr Selbstprofilierungsdenken als wirkliche Sorge um das gute Zusammenleben angelegt. Kann man sich dann mit solchen Forderungen noch zu Gruppen formieren, der gegenüber ein gemeinsamer Feind steht, nämlich einer, welcher den eigenen Anforderungen nicht genügt, kann es gefährlich werden.

„Ich trau dem Wir nicht. Das Wir ist sehr hungrig nach dem Ich.“

Mit diesen Worten beschreibt MIchel Friedman seine Sicht auf Gruppen, die er als grösstes Problem ansieht. In Gruppen verschwindet der Einzelne, er wird zu einem Teil des Kollektivs. Sobald wir uns in Gruppen formieren und diesen Gruppen blind folgen (um dazuzugehören), geben wir das eigene Denken auf. Wir verzichten also auf das, was Hannah Arendt als grundlegend für ein moralisches Verhalten hält. Nur wenn wir uns unseres eigenen Verstandes bedienen, wie Kant es formulierte, haben wir Zugang zu dem Gefühl von richtig und falsch, das tief in uns angelegt ist, wozu wir keine Regeln von aussen bedürfen. Wenn wir aus diesem Gefühl heraus handeln, wenn wir uns für das richtige entscheiden, können wir uns als Menschen unter Menschen begegnen, die einander nichts Böses wollen, dann können wir in Beziehung treten im Vertrauen, unversehrt zu bleiben. Dann ist die Welt noch kein Paradies, aber wir machen sie vielleicht ein Stück besser da, wo wir es können. 

Gedankensplitter: Authentisch sein

Viele kennen ihn wohl, den Satz: «Was werden bloss die anderen denken?» Dieser Satz war keine Frage, es war ein Hinweis darauf, dass etwas Ungehöriges im Gange war, und es gab eine richterliche Instanz: Die anderen, die die Stimme der Moral verkörpern. Sätze wie dieser haben die Angewohnheit, sich in einem festzusetzen. Fortan leben sie gemütlich im eigenen Sein, breiten sich aus und melden sich zu allen möglichen Gelegenheiten wieder zu Wort. Man möchte etwas tun, und zack: «Was werden bloss die anderen denken?»

Wir versuchen uns oft, anzupassen, wollen dazugehören, geben dafür Dinge auf, von denen wir denken, dass sie nicht genehm sind. Dass wir uns damit stückweise selbst aufgeben, nehmen wir in Kauf, wollen wir doch nicht Fremde sein und bleiben in dieser Welt, sondern einen Platz in ihr haben – es ist nicht nur ein Wollen, es ist ein Brauchen. Nur: Auch dann noch wird es Situationen geben, in denen wir in Konflikt geraten mit anderen Wertvorstellungen. Auch dann noch werden wir nicht allen gefallen. Nicht zu gefallen bei allem Bestreben, gefällig zu sein, ist ungleich schmerzhafter, weil man dann alles verloren hat: Sich selbst und das, was man damit erreichen wollte.

Vielleicht darf der Satz «Was werden die anderen denken?» bleiben, man darf ihm aber antworten. Zum Beispiel mit «Lass sie reden!» Wegzukommen von der Fremdbestimmung hin zu einer authentischen Lebensweise ist sehr befreiend. Das wird nie allen gefallen, nur: Wer soll der Massstab sein? Wer einen wegen seines So-Seins ablehnt, beweist damit nur die eigene Intoleranz, sagt aber nichts über einen selbst aus. Mit Humor geht das alles noch viel besser, Epiktet machte es vor:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Als Verschiedene Gleiche sein

«Jeder Mensch hat ein eigenes Mass, gleichsam eine eigene Stimmung aller seiner sinnlichen Gefühle zu einander.» Johann Gottfried Herder

Das Leben in diversen Gesellschaften bringt viele Probleme mit sich. Wir sehen das an den täglichen Problemen des Zusammenlebens. Es herrscht ein Gefälle von oben und unten, einige wenige Menschen haben Macht, einige fühlen sich ohnmächtig, die Mehrheit schwimmt irgendwo in diesem Spannungsfeld, wobei die Dichte hin zur Ohnmacht zunimmt, je näher man zur Macht kommt, desto weniger tummeln sich da. Das gleiche Bild zeigt sich beim Ansehen, bei Geld, bei den Möglichkeiten, das eigene Leben nach eigenen Massstäben und Fähigkeiten zu leben.

Der Mensch als soziales Wesen ist dazu genötigt, Regeln als Ordnungsstruktur und Leitplanken des eigenen Verhaltens zu haben, die das Zusammenleben ermöglichen. Doch sind wir weitergegangen, als das blosse Zusammenleben zu ermöglichen, wir haben Normen aufgestellt, die festlegen, was nicht nur in einem pragmatischen Sinne nötig ist, sondern in einem dogmatischen gefordert wird. An ihnen ist ausgerichtet, ob jemand dazugehört oder ausgestossen ist. Daran wird gemessen, ob jemand genehm ist oder unbequem. Es ist der Versuch, etwas zu homogenisieren, das von der Natur nicht homogen vorgesehen ist. Dass dies mitunter dramatische Auswüchse hat, konnten wir in der Geschichte mehrfach auf grausame Weise sehen.

Jeder Mensch ist einzigartig und in dieser Einzigartigkeit liegt seine Bestimmung, seine Schönheit und seine Würde.

«Die Würde des Menschen ist unantastbar.»

Diese menschliche Würde gilt es zu schützen, sie ist das höchste Gut, an welchem sich alles ausrichten sollte. Wir werden in diversen Gesellschaften nur friedlich zusammenleben können, wenn wir anerkennen, dass jeder Mensch in seinem Sosein seine Daseinsberechtigung hat. Wir können den anderen nicht an unseren Massstäben messen, sondern nur an seinen. Er hat ein Recht auf diese wie wir auf die unseren. Nur so sichern wir gegenseitig unsere Freiheit, unsere Autonomie, unser Sein. All das ist nicht sicher zu haben auf Kosten anderer.

Gedankensplitter: Die Macht der Worte

«Nur durch Kommunikation können Menschen ein zivilisiertes, friedliches Leben miteinander gestalten. Die Brückenbildung des Wortes, auch des streitigen Wortes, ist elementar.» Michel Friedman

Worte haben eine Macht, eine Wirkmacht. Sie können verletzen, sie können treffen, sie können umschmeicheln, liebkosen. Worte können ein Pflaster für die Seele sein oder eine Mördergrube, in die man fällt. Worte können Brücken bauen oder Mauern einreissen. Sie können Gefängnisse errichten und Trennwände bilden. Worte sind unser Zuhause, sie machen unsere Welt aus. Mit unseren Worten stellen wir uns in die Welt und zeigen uns dieser als die, die wir sind, weil wir durch die Worte in sie hinein treten. 

„Die Worte, die du sprichst, werden zu dem Haus, in dem du lebst.“ (Hafiz)

Wir sind, was wir sagen, und wenn wir uns selbst sagen, wer wir sind, dann glauben wir uns das. Darum ist es wichtig, gut hinzusehen, welche Botschaft wir uns über uns selbst mitteilen, denn sie malen das Bild, das wir von uns selbst haben. Genauso wichtig ist es, die Worte gut zu wählen, die wir an andere richten, denn mit ihnen malen wir das Bild, das sich den anderen zeigt von uns. 

Gedankensplitter: «Jeder ist jemand.»

Der Schriftsteller George Tabori sagte einst:

«Jeder ist jemand.»

In diesem Satz steckt eigentlich die ganze Menschlichkeit, die ganze Ethik, derer es für ein friedliches Zusammenleben von verschiedenen Menschen als Gleiche bedürfte. Jeder Mensch, egal, woher er kommt, was er glaubt, was er fühlt, wie er aussieht, was er will und was er braucht oder nicht kann, ist jemand. Und als dieser Jemand gehört er zu uns, ist er ein Teil dieses «Uns». Er ist zwar ein anderer, vielleicht auch ein Fremder, aber kein Ausgestossener, sondern ein Zugehöriger. 

Früher hat man diese Gemeinschaft in religiösen Gruppen, familiären Verbänden oder auch in anderen kleinen Organisationn aktiv leben können. Man hatte den öffentlichen Raum als Zusammenkunftsort, wo man als Verschiedene aufeinandertraf und die gemeinsamen Belange diskutierte. All das ist in der angestammten Form weggefallen. Geblieben sind vereinzelte Individuen, die auf dem Papier eine Gesellschaft bilden, von der sie sich mehr und mehr emanzipieren wollen – und dabei in die Haltlosigkeit und oft auch in die Einsamkeit fallen. 

Wenn wir nur schon anerkennen könnten, dass jeder jemand ist, dass er damit den Respekt verdient, den wir für uns selbst wünschen, weil auch wir jemand sind und als jemand wahrgenommen werden wollen, ist schon viel gewonnen. Den anderen wahrnehmen als jemanden, ihm zuhören, ihn sehen als dieser Jemand. Das ist ein Geschenk und wir sollten grosszügig damit umgehen. 


Gedankensplitter: «Memento mori»

«Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds
Wenn wir uns mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns»
Rainer Maria Rilke

Kaum ein Thema meiden wir wohl so wie den Tod. Viele fürchten ihn, die meisten ignorieren ihn, indem sie ihn aus dem Bewusstsein streichen, manche tun alles, um ihn möglichst zu vermeiden – ganze Forschungszweige beschäftigen sich damit, ewige Jugend, Vermeidung des Alterns, Hinauszögern des Sterbens zu ermöglichen. 

«Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.»
Marie von Ebner-Eschenbach

Was macht uns Angst am Tod? Das eigene Nicht-Sein? Das Aufhören von etwas, das für uns so zentral ist, nämlich das Sein des eigenen Selbst? Der Tod nimmt uns was. Er nimmt uns die Möglichkeit, all das noch zu erleben, was wir, sind wir erst tot, nicht mehr erleben können. Dabei ist der Tod an sich weder gut noch schlecht, da nicht nur das Freudvolle nicht mehr sein wird, sondern auch das Leidvolle. Und doch denken wir beim Tod mehrheitlich an all das, was wir noch wollten, was wegfällt. 

Irvin D. Yalom sagte in diesem Sinne, dass sich die Angst vor dem Tod aus der Fülle der ungelebten Wünsche speist. All das, was wir gerne tun wollen und in die Zukunft schieben, trägt zur Angst bei. Und wenn wir dann irgendwann auf dem Sterbebett liegen, denken wir: Hätte ich doch… ich wollte doch noch. 

«Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat.»
Jean-Jacques Rousseau

Wieso nicht einfach mal tun? Wieso nicht Wünsche leben, statt sie für später zu notieren? Wieso statt einer Bucking List einen konkreten Umsetzungsplan erstellen und umsetzen? Was hält uns zurück? Sind es wirkliche Hindernisse oder nur Dinge, von denen wir glauben, sie zu müssen, die wir aber in Tat und Wahrheit auch ändern könnten – natürlich mit Einbussen, bei denen sich dann die Frage stellt: Was ist mir mehr wert?

Hast du Angst vor dem Tod? Und: Was willst du unbedingt mal noch machen und schiebst es hinaus? Und wieso?


Lebenskunst: Die innere Burg

„Was ist also zu tun? Das Beste aus dem zu machen, was in unserer Macht liegt, und den Rest so zu nehmen, wie es von Natur aus geschieht.“ Epiktet

Als Menschen sind wir soziale Wesen und von anderen abhängig. Ohne sie entgeht uns alles, was uns zu Menschen macht, ohne Beziehungen bleiben wir und die Welt uns fremd. Nun reicht es nicht, dass da einfach andere Menschen sind, zwischen mir und diesen Menschen muss eine Verbindung entstehen, eine Beziehung, in der ich mich als mich angenommen fühle. Was, wenn das nicht klappt?

Du bist, wie du bist und du bist nicht genehm
Du bist, wer du bist, und du wirst nicht geseh’n.
Du wirst ausgemessen und sorgsam geprüft,
man schaut nur von aussen, mehr will man nicht seh’n.

Das reicht schon zu wissen, ob du wirklich passt.
Du denkst dir nichts Böses, du möchtest nur sein.
Und merkst ganz tief drin, ich gehör’ hier nicht rein.
Du fühlst dich alleine, verlassen und leer.

Du fühlst dich verloren, und möchtest weggeh’n.
Du stellst dir die Frage: «Wo soll ich nur hin?
Wo ist der Ort bloss, für mich, wie ich bin?»

Allen werde ich nie gefallen, danach zu streben hiesse, mich immer wieder selbst zu verletzen durch falsche Hoffnungen und Erwartungen und die darauffolgenden Enttäuschungen. Es bleibt wohl nur eines: Ich muss mir immer wieder klar werden, wer ich bin und was ich will und brauche im Leben. Und dann muss ich sehen, ob ich das in solcher Form kriege an dem Ort, wo ich bin, oder ob ich vielleicht am falschen Platz bin. Gäbe es einen passenderen? Vielleicht reichen auch schon kleine Anpassungen aus, um einen Ort zu einem passenden zu machen.

Auch helfen könnte, mir ein Schutzschild zu errichten, eine innere Burg, in der ich für mich geborgen bin, wenn ich mich im Aussen nicht mehr zurechtfinde. Eine Möglichkeit, mich zurückzuziehen, in mich zu gehen, bis ich wieder zur Besinnung komme: Ich bin, wie ich bin, und das ist gut so. Und dann trete ich wieder hervor und schaue, ob das auch noch andere finden. Und wenn ich mich auf die konzentriere, statt immer jene im Blick zu haben, die mich ablehnen, stehe ich plötzlich in einer Welt, in der ich mich wohlfühlen kann.

Bücherwelten: Mutter

Man soll sie lieben, achten, Respekt haben. Eine zu sein, bedeutet Liebe, Fürsorge, (Selbst-?)Aufgabe. Kaum ein Begriff, eine Rolle ist so befrachtet mit Ansprüchen, Zuschreibungen und Erwartungen wie die Mutter. Sie wird verklärt und verflucht, sie ist an allem schuld und für vieles verantwortlich. Man könnte meinen, wenn man so viel drüber weiss oder zumindest «geregelt» hat, sei alles klar und einfach, doch wie so oft in diesen Fällen fangen genau da die Probleme an: Was, wenn man diese Punkte nicht erfüllt? Was, wenn man einfach nicht fühlt, was man fühlen soll? Was, wenn diese engste aller Beziehungen einfach nicht entsteht? Oder aber irgendwann verloren geht?

Fragen über Fragen und ein Thema, über das es sicher viel nachzudenken gäbe. Die folgenden vier Bücher haben alle in einer Form mit dem Thema „Mutter“ zu tun:

Bonnie Garmus schreibt über eine Frau, der nichts ferner lag, als Mutter zu werden, die diese Rolle dann aber alleinerziehend mit Tatkraft und selbstbestimmt auf ihre persönliche Weise ausfüllt. 

Anneleen Van Offel schreibt von einem Band der Liebe, das durch Distanz zerrissen wurde, und dessen sich die Mutter nach dem Tod des Sohnes wieder versichern will.

Thommie Bayer erzählt von einem Sohn, der sich seiner Rolle im Leben der Mutter gewahr wird und in diesem Bewusstwerden auch die Mutter für sich besser kennenlernt. 

David Rieff wollte über das Sterben seiner Mutter schreiben und zeichnete stattdessen ein starkes Bild einer grossartigen Frau mit all ihren Herausforderungen, ihrer Tatkraft, ihrer Widerspenstigkeit und ihrem Mut.

Habt einen schönen Tag!