Bis zum Letzten

Turm Oerlikon (4 von 7)

Bis zum Letzten

In Runden umrunden,
so Stufen um Stufen,
die Höhe bezwingen,
um fast wie von Sinnen,
den Turm zu erklimmen,
doch in mir die Stimmen,
sie kommen mit.

Himmelwärts streben,
die Weite erleben,
die Höhe erfahren,
und Ruhe bewahren,
trotz rasendem Herzen
und stechenden Schmerzen
ich halte Schritt.

Lasse nicht locker,
ich bin nicht das Opfer,
ich will, was ich tue,
und nehme die Schuhe
in meine Hände,
ertaste die Wände,
und dann dieser Schnitt.

Blut rinnt in Strömen,
ich höre sie höhnen,
lachend und spassend,
trotzdem anmassend
in Spott sich ergiessen
und diesen geniessen.
was für ein Ritt.

Ist das mein Leben?
Ich will mir’s nicht geben,
und breche nun aus hier,
wie aus nem Loch schier
den Turm hinauf strebend,
dann oben erbebend,
– nur noch ein Schritt.

©Sandra Matteotti

18. Mai

„Der gegenwärtige Moment ist voller Freude und Glück.“ (Thich Nhat Hanh)

Achtsam durchs Leben gehen, bedeutet, jedem Augenblick die volle Aufmerksamkeit zu geben. Meist sind wir ja in Gedanken ganz wo anders, denken über Vergangenes nach oder planen die Zukunft. Was, wenn wir ab und an einfach mal alles loslassen und hinschauen, was genau jetzt ist?

Was sehe ich?
Was rieche ich?
Was höre ich?
Was spüre ich?

Die Blume am Strassenrand hätten wir vielleicht fast übersehen, den Geruch der Orangenblüten am Baum nicht wahrgenommen und den Gesang des Vogels auf dem Ast nicht gehört. Wie viel Freude kann aus solchen Alltäglichkeiten wachsen?

Die bessere Wahl

Mann und Frau, die streiten sich,
betiteln sich gar bitterlich.
Er nennt’ sie Kuh,
sie grunzt ihm zu,
ganz ungeschönt und unsittlich.

Vergessen ist die ganze Liebe,
statt Küssen gibt es Seitenhiebe,
direkt auf den Nerv
mit Feuer und Verv‘,
die Worte durchlaufen keine Siebe.

So nimmt das Unglück seinen Gang,
was anfangs mal so schön begann,
zu Ende und aus,
der Mann aus dem Haus,
bei ihr lebt nun ein Dobermann.

Und die Moral von der Geschicht?
Streite als Mannsbild besser nicht:
Du gehst vor die Hund,
statt dir kommt ein Hund,
weil dieser der Frau nicht widerspricht.

©Sandra Matteotti

17. Mai

„Wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“ (Arthur Schopenhauer)

Nach einem schönen Tag kommt es oft vor, dass ich abends beim Nachtessen sitze und an den Tag zurück denke. Ich denke an all die schönen Momente, an die Freuden, die er mir brachte. Und dann kommt ein Gefühl der Dankbarkeit auf und nicht selten spreche ich es dann auch aus:

„Heute war ein schöner Tag!“

Damit ist das Schöne nochmals ganz präsent und das nach so einem Tag sowieso schon gute Gefühl verstärkt sich noch. Und auch wenn nicht alle Tage so schön sind, kann es helfen, die schönen bewusst wahrzunehmen. Die Dankbarkeit für das Gute hilft oft in schwereren Zeiten, die nötige Kraft, sie gut zu meistern, und auch Hoffnung auf wieder bessere Zeiten aufrecht zu erhalten.

Erich Kästner: Sachliche Romanze

Erich Kästner (1899 – 1974)

Sachliche Romanze*

Auf den Text muss hier leider aus urheberrechtlichen Gründen verzichtet werden, er kann aber HIER nachgelesen werden.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder wenn die Liebe gestorben ist

Ein traurig-schönes Gedicht über das Sterben einer Beziehung. In leisen Tönen, ohne Moralzeigefinger oder Anklage schreibt Kästner vom auseinanderdriftenden Miteinander und von der Wehmut, die bleibt. Wo ist die Liebe hin und wieso liess sie sich nicht halten? Vielleicht, weil man sie zu lange für selbstverständlich erachtete?

*zitiert aus: Erich Kästner: Lärm im Spiegel, Atrium Verlag, Zürich 2017.

16. Mai

„Achtsamkeit schenkt uns Überblick, Ausgeglichenheit und Freiheit.“ (Jack Kornfield)

Ist es dir auch schon einmal passiert, dass du dich über etwas aufgeregt hast und dann plötzlich alles schief lief? Du stolpertest über die eigenen Beine, liesst ein Glas fallen, stiessest mit jemandem zusammen, hast den Bus verpasst… frei nach dem alten Gesetz: „Ein Unglück kommt selten allein.“

Nur: Sind das alles Unglücke? Sind es nicht eher Unachtsamkeiten? Waren wir nicht in Gedanken so sehr mit unserem Ärger beschäftigt, dass wir nicht mehr wahrnahmen, was um uns passiert, dass wir die Dinge nur noch achtlos erledigten?

Auch wenn dich mal Dinge beschäftigen: Lass sie da, wo sie hingehören. Wenn du jetzt etwas ändern kannst, ändere es und mach dann weiter. Wenn du jetzt nichts tun kannst, richte deine Achtsamkeit wieder auf das, was aktuell präsent ist. Dann bewahrst du den Überblick über das, was ist, stolperst nicht von einem vermeintlichen Unglück zum nächsten, so dass du dich immer noch mehr ärgerst, sondern kannst dir zum Überblick auch noch die Ausgeglichenheit wieder zurückerobern oder aber gar bewahren.

Und: Indem du das zur Seite schiebst, was im Moment nicht an der Reihe ist, bist du frei für all die Dinge, auf die du hier und jetzt einen Einfluss hast.

Ausgesprochen sprachlos

Ich bin all der Worte so müde,
ich mag nicht mehr schreiben,
schon Denken wird viel.

So vieles umwälzt sich
in all meinen Windungen
und dreht sich und mich damit mit.

So vieles ergoss sich
und floss über Seiten
und Blöcke hinaus.

Und nun bin ich lautleer
und auch mein Denken
schweigt mit mir mit.

©Sandra Matteotti

 

15. Mai

„Warum uns das Plötzliche oft überrascht? …Weil uns das Allmähliche entging.“ Otto Weiß

Wer hat nicht schon einen guten Freund, dessen Beziehung gerade in Brüche ging, klagen hören, dass er es nicht hätte kommen sehen? Und wer fiel dabei nicht auch schon selber aus allen Wolken und dachte, dass das wirklich nicht abzusehen war? All die kleinen Blicke, die spitzigen Bemerkungen, die leisen Unzufriedenheiten gingen unter. Und aus dem Nichts quasi kommt der Bruch.

Wenn du mit deinem Partner sprichst, hörst du ihm wirklich zu? Wenn ihr das gemeinsame Leben plant, habt ihr wirklich beide eine Stimme? Bist du zufrieden mit deinem Leben? Ist es dein Partner? Was weisst du eigentlich über euch beide? Wann hast du das letzte Mal genau in dich gehört? Und ihm zu?

Veränderungen kommen oft schleichend und werden uns so oft nicht bewusst. Das geschieht einerseits aus unserem Eingespanntsein in die Hektik des Alltags, aber auch, weil wir gar nicht genau hinschauen wollen: Es könnte uns nicht gefallen, was wir sehen, so dass wir lieber in der Illusion verharren, dass alles gut ist. Bis sie sich nicht mehr aufrecht erhalten lässt.

Nur: Früh genug hingeschaut, hätte man noch vielleicht einiges noch in der Hand gehabt, irgendwann ist es zu spät.

Wenn dir das Leben Zitronen schenkt

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Da wollte doch die Frau dem Manne
einen schönen Kuchen backen,
war auch schnell schon voll zu Gange,
brauchte schlicht nur sieben Sachen.

Zucker, Mehl und auch noch Butter,
Eier, Salz und Pülverchen,
Zitronen, so kannt’ sie’s von Mutter,
alles das ins Schüsselchen.

Das ist nicht schwer, das krieg ich hin,
so dachte sie ganz sorgenfrei.
Nur kam ihr später in den Sinn:
von sieben Dingen fehlten zwei.

Der Kuchen aus dem Ofen kam,
von Kuchen sprechen war schon viel.
Es schaut betreten drein der Mann,
zum Tee noch Kuchen war sein Ziel.

Es blieb dann nur bei trocken Brot,
der Kuchen fand sein Bett im Kübel,
der Bäckerin ihr Wangenrot,
das kam vom Mannesspott – dem Rüpel.

Doch weiss man schliesslich nicht genau,
ob es nicht doch ‚ne Absicht war,
befand doch eben diese Frau,
für ihren Mann so Jahr für Jahr:

Er könnte mal den Bauch loswerden,
dafür fasten wär nicht schlecht.
Da käme doch wie nichts auf Erden,
so kein Kuchen grade recht.

Ein Schelm aber, wer Böses denkt,
es ist und bleibt nun wie es ist:
Wer sich von sieben zweie schenkt,
der bäckt nicht Kuchen sondern Mist.

©Sandra Matteotti

 

Achtsames Zuhören

„How do I listen to others? As if everyone were my Master speaking to me his cherished last words.

How do I listen to you? As if you were the Alpha and Omega of all sound.“
(Hafiz)

Wie hören wir anderen Menschen zu? Geben wir ihnen wirklich unsere volle Aufmerksamkeit oder suchen wir nur nach Stichworten, um unsere eigenen Meinungen kundzutun?

Erst wenn wir einem anderen aufmerksam und achtsam zuhören, wirklich wissen und verstehen wollen, was er uns zu sagen hat, erst dann ist eine wirkliche Beziehung möglich.

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Wie soll ich anderen zuhören? Als ob sie mein Meister wären, der zu mir seine letzten geschätzten Worte spräche.

Wie soll ich dir zuhören? Als ob du das Alpha und Omega von allem Klang wärst.

14. Mai

„Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.“ Henri Matisse

Wenn es uns nicht gut geht, neigen wir oft dazu, die Dinge nur schwarz zu sehen. Plötzlich erscheint alles in düsterem Licht, die Welt um uns wird dunkel. Nur: Die Welt hat sich nicht verändert, sie ist noch immer so, wie sie vorher war. Sahen wir sie in lichten Stunden hell oder in dunklen düster: Es ist nicht die Welt, die sich änderte, es ist unser Blick auf sie.

Wenn also wieder mal alles düster erscheint, kann es helfen, sich daran zu erinnern, was alles da war, als sie noch hell war. Und sich dann bewusst zu werden, dass das alles noch da ist, wir es nur sehen müssen. Und oft kann es helfen, einfach mal mit offenen Augen durch die Strassen zu gehen und die Blumen am Wegesrand zu bewundern. Und schon sieht die Welt ein wenig bunter aus.

Es lebe die Disziplin, oder: Ein selbstbestimmtes Leben

Einfach mal loslassen, dann wird das Leben leichter. Einfach mal Disziplin haben, dann erreichst du auch, was du willst. Einfach mal mit Liebe agieren, dann lieben dich auch die anderen und dir geht es gut. Einfach mal vergeben, was passiert ist, dann fühlst du dich gleich besser. Einfach mal….

Es gibt so viele gute Ratschläge und ja, sie haben alle recht. Man liest sie immer wieder, denkt bei sich, wie wahr sie sind. Und weiss es eigentlich. Und dann… kommt das Leben so real und man tut, was man immer tat und merkt hinterher: Mist, das wusste ich doch besser. Eigentlich.

Unser Leben findet ganz oft auf unbewussten Bahnen statt, indem wir reagieren, bevor wir eigentlich realisiert haben, was Sache ist. Das ist der Evolution geschuldet, wo es nicht förderlich war, lange zu überlegen, ob man nun als Gazelle davonrennen sollte, wenn ein Löwe kommt.

Einiges an Mustern kriegen wir schon durch die Gene mit, anderes lernen wir aus Erfahrung. Ganz selten reagieren wir direkt aus dem Moment heraus. Wir sind quasi eingefahren in vorgefrästen Spuren, die wir abspulen wie eine Schallplatte ihre Rillen hat, die dann von der Nadel verfolgt werden.

Nun sind wir nicht blöd und lesen und lernen, und merken, was uns gut tun würde. Und wir stimmen allen Theorien zu, propagieren sie oft gar… und merken dann im Leben, dass es nicht ganz so einfach ist. Ein Vorsatz ist schnell gefasst, ihn umzusetzen ist Knochenarbeit. Und ja, so geht es auch mir. Ich turne täglich mein Sportprogramm durch, im Wissen, dass ich mich danach besser fühle. Da ich dafür relativ früh aufstehen muss, um es vor meinem restlichen Tag durchzubringen (später hätte ich weder Zeit und noch weniger Lust dazu), gibt es jeden Morgen einen kurzen Moment, an dem ich (nicht wirklich positiv) innehalte und mich frage: „Muss das heute wirklich sein?“ Ich stelle mir die Frage nie ernsthaft, sondern stehe dann sofort auf und tue, was getan werden muss. Man nennt es Disziplin. Sie ist gross und wichtig und ich bin dankbar, sie zu haben. Gäbe es eine Tugend, die ich als fördernswert erachten würde, wäre es Disziplin. Mit ihr lässt sich eigentlich alles andere erreichen. Weil man durchbeisst.

Disziplin allein hilft aber nichts. Vor dieser steht die Frage:

Was will ich im Leben wirklich erreichen?

Und danach:

Welchen Preis kann und will ich dafür bezahlen?

Ganz oft ist der Preis, den wir bezahlen, viel zu hoch für das, was wir anstreben. Wie viele Frauen kauen lustlos auf geschmackslosen Salatblättern rum, um ja kein Gramm zuzunehmen? Und: Hätte je ein Mann sie von der Bettkante gestossen, nur weil der Bauch nicht nach innen, sondern nach aussen zeigte? Ich plädiere hier nicht für masslose Völlerei, sondern schlicht dafür, die eigenen Massstäbe mal zu hinterfragen.

Der Blick aufs eigene Leben ist wichtig und wertvoll: Was tue ich tagtäglich und was tue ich mir damit an? Tue ich mir was Gutes oder quäle ich mich ohne ersichtlichen Grund? Ein Leben, das nicht zu mehr Wohlgefühl führt, ist kein Leben sondern eine Plackerei. Schau also, was dir gut tut und tu es. Das heisst nicht, dass das immer einfach ist. Ab und an ist die Schokolade zuviel und der Salat wäre angemessener. Aber: Nur noch Salat kann kein Leben sein (und ja, ich liebe Salat, ich steh nicht so auf Süsses… und doch….).

Das Leben ist kein Ponyhof. Aber ab und an braucht es schlicht eine Selbstüberwindung. Man wird dafür mit einem guten Gefühl belohnt. Das lässt sich sogar chemisch messen mit gewissen Hormonen, die dann quasi im Dreivierteltakt tanzen und für Hochstimmung sorgen. Nur: Die Hochstimmung ist situativ und damit zeitlich begrenzt. Wichtig ist bei allem immer die Frage:

Ist der Preis, den ich dafür zahle, zu hoch?

Wenn auf mittlere und lange Frist die Lebensqualität leidet für ein kurzes Zwischenhoch, so berauschend es auch sein mag, ist er dies sicher. Dann befindet man sich im Grunde genommen auf der Stufe eines Süchtigen, der für einen selig machenden Schuss die Zukunft aufs Spiel setzt. Ob man das wirklich tun will, muss jeder selber entscheiden. Und ja, auch wenn man merkt, dass man es nicht will, ist der Weg, das zu ändern, nicht immer leicht.

Verhaltensänderungen sind immer schwer, brauchen Zeit, Geduld und Mut. Es sind oft Täler zu überwinden, kurzfristige Bestätigungen müssen ignoriert werden, Unangenehmes durchgezogen. Die gute Nachricht: Es ist möglich. Die schlechte: Keiner sagte, es sei leicht.

Umlernen ist ein Prozess. Das geht in Schritten:

  • Erkennen, was ist
  • Vergleichen, wie es in die eigenen Lebenseinstellungen passt
  • schauen, wie es wirklich passen würde
  • Wege finden, die Lücke zu schliessen
  • den Weg gehen
  • nach falschen Abbiegungen zurückkommen
  • weitergehen

Und das immer wieder neu. Und so stehe ich jeden Morgen auf, absolviere mein Sportprogramm, weil ich weiss, dass ich mich danach besser fühle. Zwar weiss ich das verstandesmässig schon beim Aufstehen, doch vom Gefühl her regiert noch die Bequemlichkeit und Trägheit. Da hilft nur eines: Augen zu und durch. Je länger ich das durchziehe, desto mehr wird es zur Gewohnheit, zu einer, die ich selber gewählt habe. Auf diese Weise werde ich zum Steuermann in meinem eigenen Leben und lasse mich nicht von unbewussten Gewohnheiten leiten.

Dinge erreichen, Gewohnheiten durch selbstgewählte ersetzen zu können gibt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit. Zudem wächst das Selbstvertrauen und die Motivation, weitere Ziele anzupacken und die Zuversicht, sie auch erreichen zu können.

13. Mai

„Ein Mensch ohne Aufmerksamkeit ist gar nicht geschickt, in der Welt zu leben.“ Philip Stanhope, 4. Earl of Chesterfield

Wer ist nicht schon über eine Schwelle gestolpert oder hat etwas fallen gelassen? Wir nennen sie die kleinen Missgeschicke des Alltags, tun sie mit einem Lachen ab und leben weiter wie bisher – es sei denn, es passiert ein schwerer Unfall aus so einem Missgeschick heraus.

Worauf aber gründen diese Missgeschicke? Sie sind die Folgen unserer Unachtsamkeit: Wir laufen durch die Welt und beachten sie nicht, weil wir im Geist ganz woanders sind. Wir sehen weder die Schwellen unter unseren Füssen noch die Pfosten vor unseren Köpfen. Wer schon Menschen mit ihren Handies durch die Strassen laufen sah, wird sich darüber nicht wundern.

Wieso aber denken wir, geistig immer wo anders sein zu müssen als wir sind? Wenn wir einen Ausflug machen, teilen wir das auf Facebook Freunden mit, sind also eigentlich im Geiste bei denen. Wieder zu Hause denken wir an den Ausflug zurück, trauern ihm nach, weil er schon vorbei ist. Und so leben wir eigentlich nie wirklich im Hier und Jetzt, sondern befinden uns ständig an verschiedenen Orten körperlich und geistig.

Wie wäre es, das genau heute mal zu ändern?

12. Mai

„Wie viele Freuden werden zertreten, weil die Menschen meist nur in die Höhe gucken und, was zu ihren Füßen liegt, nicht achten.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

„Dream big“ – Egal ob Werbung, Lebensratgeber oder Lebenscoachs, alle rufen zum gleichen auf: Denke gross, wünsche viel, strebe nach mehr und Höherem. Und ja, wir sind dafür empfänglich, wollen wir doch selber das ganz grosse Glück. Was wir dabei oft übersehen, sind die kleinen Freuden. Sie, die eigentlich das Leben ausmachen und die diesem so viel Schönheit geben können.

Es spricht nichts gegen hohe Ziele, sie können beflügeln. Wenn wir aber nur nach dem Hohen und Grossen streben, bleibt uns vieles verwehrt. All die kleinen Alltagsfreuden werden untergehen in deren Schatten. Und sind es nicht oft die kleinen Dinge, welche die grössten Freuden mit sich bringen?

Menschen, gefragt, wie sie ihren letzten Tag verbringen wollten, wüssten sie, dass der Tod wartet, wünschen sich oft einen ganz normalen Tag inmitten ihrer Freunde. Nichts Grosses, nichts Spektakuläres, einfach leben. Das könnten wir jeden Tag tun und uns daran freuen. Heute wäre ein guter Tag dazu.