Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Ich hatte tatsächlich die nebulöse Vorstellung, ich müsse nur genug vor mich hin träumen, dann würden irgendwann die Gedankenfetzen, Bilder, Töne und Geschichten schon ihren Weg aufs Papier finden.

Alice weiss genau, was sie will: Schreiben, Schriftstellerin sein. Dieser Wunsch wird noch mehr bestärkt, als sie in einem Urlaub in Mexiko auf eine bekannte Schriftstellerin trifft, die genau das tut, was sie eben nicht tut: Schreiben. Jeden Tag zieht sich die Meisterin, so nennt Alice sie insgeheim, zurück und schreibt, während Alice keinen Buchstaben zu Papier bringt. Um Eindruck zu machen und Aufmerksamkeit zu erregen, setzt sie sich fortan mit einem Heft hin und schreibt vor sich hin.

Das Vorhaben gelingt, die Meisterin bemerkt sie. Als sie abreist, lässt sie Alice zurück mit der Aufforderung, weiter zu schreiben, nicht aufzugeben und sie bald zu besuchen in San Francisco. Das einzige, was Alice schreibt, ist der Meisterin einen Brief, ab und an telefoniert sie ihrem grossen Vorbild und fliegt eines Tages unangekündigt nach San Francisco, um vor Ort von der Meisterin zu lernen.

Diebe und Vampire ist ein Roman über das Schreiben, ein Roman über das Leben einer jungen Frau, die vom Traum, Schriftstellerin besessen ist, aber mehr Gründe dafür findet, nicht zu schreiben, als zu schreiben.

„Ich habe Angst zu scheitern, platzte ich heraus. Ich habe Angst, dass ich nie gut sein werde, nie eine richtig, richtig gute Schriftstellerin sein werde. Ich habe Angst, dass man mich fertigmachen und über mich lachen wird, dass ich einen Traum habe, der so lächerlich ist, als wolle eine Taube eine Nachtigall sein.“

Es ist ein Buch, das von den Ängsten und Nöten des Schreibens handelt, ein Buch, das auch autobiographische Züge trägt zumindest, was den Schreibprozess, den Akt des Schreibens betrifft. Es ist aber auch ein Buch über das Scheitern, das Älterwerden – schonungslos, offen, teilweise etwas abstrus, teilweise verwirrend, weil nicht klar ist, was real und was Phantasie der Protagonistin ist, dabei aber unterhaltsam und flüssig zu lesen.

Fazit:
Die Geschichte einer jungen Frau, von ihrem Traum vom Schreiben und den Schwierigkeit, es wirklich zu tun. Ein Buch, das trotz einiger Schwächen Spass macht beim Lesen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Diogenes; 2. Edition (23. November 2016)
ISBN-Nr.: 978-3257243659
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Milena Moser – Nachgefragt

Ein kurzer Blick auf Milena Mosers Leben

Milena Moser in ihrem Garten in San Francisco (©David Butow)

Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013), Das Glück sieht immer anders aus (2017), Das schöne Leben der Toten (2019). Später zog Milena Moser zu ihrem Partner und heutigen Mann Victor nach Santa Fe, mit dem sie heute in San Francisco lebt.

Ich habe mich vor acht Jahren schon einmal über ihr Schreiben und Leben ausgetauscht (HIER das Interview), ich freue mich sehr, dass sich ein zweites Mal die Gelegenheit für einige Fragen bot.

Einblicke

Unser letztes Interview liegt 8 Jahre zurück, seit da ist viel in deinem Leben passiert. Wie würdest du das zusammenfassen?

Ich hab noch mal ganz von vorn angefangen ….

Du schreibst schon viele Jahre, dies sehr erfolgreich. Hat sich deine Beziehung zu deinem Schreiben in den Jahren verändert?

Nicht wirklich. Schreiben ist die einzige Konstante in meinem Leben.

Gab es Zeiten in deinem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingst du damit um?

Nein. Ich schreibe täglich, sonst fühle ich mich nicht wohl, irgendwie nicht richtig. Aber je älter ich werde, desto mehr Zeit nehme ich mir für Texte, die ich veröffentlichen will.

Ich traf dich vor vielen Jahren bei einem Schreibworkshop in Aarau, nun bietest du Onlinekurse im Schreiben an. Was reizt dich an dieser neuen Form?

Sie hat sich aufgezwungen, nachdem ich all meine Kurse absagen musste. Ohne die Pandemie hätte ich mich nie auf dieses Format eingelassen. Doch es hat sich mehr als bewährt, es hat unzählige Vorteile, die mir nicht bewusst waren. Viele Schreibende sind Einzelgänger, Individualisten, die eine Gruppenerfahrungen eher scheuen, die in ihrem eigenen Rhythmus arbeiten möchten. Der individuelle Austausch zwischen mir und dem Einzelnen ist auch viel intensiver, als das in einem Gruppensetting möglich wäre.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauf los und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich lasse mich treiben, oder eher: von einer Figur an die Hand nehmen und entführen. Diese Anfangsphase in der ich selbst nicht weiss, ob und was “dabei herauskommen wird”, ist eine atemlose, berauschende – ein bisschen, wie wenn man sich verliebt.

Wie schreibst du? Noch mit Papier und Stift oder alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel deiner Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Beides, ich versuche vor allem, unabhängig zu bleiben. Ich schreibe gern mit Bleisitift, weil es so etwas Vergängliches hat, das eine grosse Freiheit beinhaltet. Aber im professionellen Umfeld muss früher oder später alles im Computer enden.

Woher holst du deine Ideen für ein Buch?

Siehe oben: Eine Figur taucht auf und nimmt mich mit.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Talent ist keine objektiv messbare Grösse. Der grösste Feind des Schreibenden ist der Selbstzweifel. Die Frage, was andere denken könnten. Das scheint mir generell das grösste Hindernis auf dem Weg zum Glück, nicht nur beim Schreiben.

Du lebst aktuell in San Francisco. Wie beeinflusst der Ort, an dem du lebst, dein Schreiben?

Unterschiedlich. In Santa Fe war es vor allem die Landschaft, die mich inspirierte. In San Francisco sind es eher die gesellschaftlichen Umstände oder Bedingungen.

Dein Mann Victor ist auch Künstler – wie empfindest du das Zusammenleben von zwei kreativen Menschen? Ist es Segen, weil man die Antriebe des anderen versteht, oder auch ab und an schwierig, weil doch zwei Menschen mit eigenen Ideen und Projekten aufeinander treffen?

Gerade jetzt, in dieser Ausnahmesituation ist es ein Segen für uns beide, dass wir diesen Bereich haben, in dem wir uns, trotz allen Einschränkungen, auch austoben können. Wir werden vielleicht für unsere Arbeit nicht bezahlt, aber wir können arbeiten. Wir können uns ausdrücken. Ausleben. Das nimmt enorm viel Druck von der Beziehung. Victor unterstützt mich ausserdem bedingungslos.

Dein neustes Buch handelt vom Tod. Wurde dieser erst durch die Krankheit von Victor ein Thema für dich oder war er auch schon früher präsent und ein mögliches Thema für ein Buch?

Auf diese Art nicht. Die Beziehung mit Victor wird ja nicht nur durch seinen Gesundheitszustand, sondern vor allem auch durch seine Kultur beeinflusst. Durch ihn habe ich einen ganz anderen Umgang mit dem Tod kennengelernt. “Das schöne Leben der Toten” ist nicht “mein” letztes Buch, sondern ganz klar ein Gemeinschaftswerk.

Ich las mal, wenn es den Tod nicht gäbe, wäre das Leben sinnlos, weil wir ohne Beschränkung nichts tun müssten und würden. Lehrt uns der Tod zu leben?

Der Tod gehört einfach dazu, man kann ihn nicht vom Leben trennen. Der Tod ist die einzige Gewissheit, die wir haben: Wir werden alle einmal sterben. Es ist also recht absurd, diese Tatsache verdrängen oder überspielen zu wollen. Der Tod ist Teil des Lebens.

Du schreibst, wenn wir den Tod nicht fürchten, wird das Leben leichter. Kann man die Furcht vor dem Tod ganz ablegen? Wünschenswert wird er ja selten, was macht ihn in deinen Augen leichter?

Ich habe, seit ich denken kann eine gewisse Todessehnsucht im Sinn von einer grossen Neugier, einer Ahnung, dass da durchaus noch was kommt… aber was? Angst macht mir nur der Tod der anderen, der Verlust geliebter Menschen. Die mexikanische Vorstellung, dass die Toten das schönste Leben haben, mildert diese Angst ein wenig. Die Trauer jedoch bleibt. Und wie gesagt, wünschenswert oder nicht, der Tod ist eine Tatsache. Man lebt auf jeden Fall besser, wenn man sich damit anfreundet!

Wenn du auf deine Bücher zurück schaust, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das dir am nächsten ging, am wichtigsten war und noch ist?

Nein. Mich beschäftigt immer das, was ich gerade schreibe, egal ob es veröffentlich wird oder nicht. Das Geschriebene ist geschrieben.

Die meisten Schriftsteller lesen auch viel – gibt es Bücher, die dich geprägt haben, die dir wichtig sind, Bücher, die du empfehlen würdest?

Lesen und Schreiben gehören untrennbar zusammen. Als junge Frau hat mich vor allem die französische Literatur inspiriert, die Surrealisten, die Oulipisten, die Pataphysiker. Nicht in dem Sinne, dass ich ihnen nacheifern wollte, aber sie zeigten mir, was möglich ist: Alles.

Was wäre dein Rat an einen angehenden Schriftsteller?

Wer schreiben will, muss – schreiben.

Colum McCann: Briefe an junge Autoren

„Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand“, sagte Rilke vor über einem Jahrhundert in Briefe an einen jungen Dichter. „Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich.“

Mit diesem Zitat eröffnet Colum McCann sein Buch und er stimmt Rilke zu. Nun mag man sich als Leser fragen, wieso er dann dieses Buch geschrieben hat. Er gesteht sogar kurz nach dieser Einführung ein, dass er mit der vorliegenden Zusammenstellung von Ratschlägen elend gescheitert sei, was aber nicht so tragisch ist, da er es „liebe, zu scheitern“.

Damit drückt er vielleicht etwas vom Wichtigsten aus, was ein (angehender) Autor wissen muss: Schreiben ist schwierig und nur dann, wenn man trotzdem immer wieder hinsitzt und schreibt, wird man ein Autor sein. Das Autorendasein ergibt sich nicht durch das Reden übers Schreiben, nur das Schreiben macht den Menschen zum Autoren. Und: In diesem kann er immer wieder scheitern.

„Verzweifeln Sie nicht. Schreiben Sie weiter. Bleiben Sie mit dem Hintern auf dem Stuhl sitzen. Bringen Sie Wörter auf die Seite. Tun Sie, was Sie lieben. Kämpfen Sie. Seien Sie beharrlich.“

In kurzen Absätzen schreibt McCann über die erste Zeile, den Schrecken der weissen Seite, die Erschaffung von Figuren und Dialogen – und vieles mehr. Und immer wieder die Aufforderung, zu schreiben. Viel zu schreiben. Und zu lesen, viel und Verschiedenes zu lesen, um dann wieder zu schreiben. Und beim Schreiben solle man mutig sein, nicht zu sehr an den Dingen hängen, wenn man merkt, dass sie nicht funktionieren. Es könne sein, dass man nach einem Jahr Arbeit und mehreren hundert Seiten merkt, man muss alles löschen und neu anfangen. Der Autor hat eine ganz grosse Aufgabe:

„Die Fähigkeit aufzubringen, an das Schwierige zu glauben. Zäh um die Erkenntnis zu ringen, dass Erfolg Zeit und Geduld braucht.“

Briefe an junge Autoren ist kein Schreibratgeber im üblichen Sinne. Column McCann sieht sich eher als Begleiter, als einer, der schreibt, dabei das ein oder andere über die Jahre gelernt hat und nun ein bisschen davon weitergeben will. Entstanden sind leicht lesbare, mit viel Humor und Selbstironie gewürzte kurze Texte rund ums Schreiben, Texte, die anregen, die Mut machen wollen, die dem verzweifelt vor dem leeren Blatt sitzenden jungen Autor sagen wollen: Wir waren alle an dem Punkt, wir kommen wieder an den Punkt, es gibt nur eines: Weiter schreiben.

Fazit:
Ein wunderbares Buch eines grossartigen Geschichtenerzählers über das Schreiben, – humorvoll, unterhaltsam, inspirierend. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. Für seine Romane und Erzählungen erhielt McCann zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Hennessy Award und den Rooney Prize for Irish Literature. Zum internationalen Bestsellerautor wurde er mit den Romanen «Der Tänzer» und «Zoli». Für den Roman «Die große Welt» erhielt er 2009 den National Book Award. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch; 1. Edition (19. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3499291401
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Gegensätze ziehen sich an – oder: Zum Valentinstag

Ich hab’ so diesen einen Mann,
nicht weil ich mehr nicht haben kann,
weil einer reicht, es ist genug,
behaupte ich, mit Recht und Fug.

Ich habe also diesen Mann,
der sich nur Reime merken kann,
nicht Zahlen, Namen, Worte so,
es braucht was mehr, so irgendwo.

Da steht er dann, zitiert den Faust,
die Brust weit raus, ganz aufgebauscht,
den Jahrestag, ich wusst es zwar,
der war ihm nicht mehr ganz so klar.

So gehen wir durch diese Zeit,
und tun das gerne auch zu zweit,
im Wissen, wer der andre ist,
den man mit Vorsicht nur bemisst

nach eignem Mass, mit eignem Sinn,
er ist nicht so, wie ich halt bin,
das macht ihn aus, das ist schlicht er,
klagt‘ ich es an, wer wär ich, wer?

Ich merk mir Zahlen, merk mir Zeit,
des Esels Brück’ geht mir zu weit,
bin schlicht ganz klar, bin grad heraus,
liebe aber auch den Faust,

so sind wir beide, wie wir sind,
nicht immer nur das liebe Kind
des andren Wunsch, des andren Sein,
und sagen doch: „Auf immer dein!“

©Sandra von Siebenthal

Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind

„Als Kind habe ich Menschen mit grossen Familien beneidet, alles schien mir so warm und selbstverständlich zu sein, wie ein Nest, aus dem man nicht herausfallen kann. Meine eigene Familie kam mir dagegen zerbrechlich vor.“

Maxim Leos Berliner Familie ist sehr überschaubar, der Rest der Menschen seiner Verwandschaft ist über den ganzen Erdenball verteilt, an spannenden Orten, wie Maxim als Junge denkt, während er im langweiligen Deutschland sitzt. Die Verteilung hatte ernste und tragische Gründe, die Machtübernahme der Nationalsozialisten liess der Familie keine andere Wahl, wollte sie überleben. Für einen kleinen Jungen war das nicht immer verständlich und teilweise schmerzhaft.

„Heute kann ich selbst durch die Welt reisen und meine Familie besuchen, aber je näher ich meinen Leuten in der Ferne komme, desto mehr fehlen sie mir hier, zu Hause. Ich fühle mich wie ein Scheidungskind, das immer hofft, eines Tages könnten wieder alle zusammen sein.“

Anlässlich der Hochzeit von Maxims Bruder kommt die Familie in Berlin zusammen und es wird offenkundig: Die Geschichte hat alle betroffen und auch erschüttert, die Trennung hat auf alle eine prägende Wirkung gehabt und die Sehnsucht sitzt bei allen tief – bei jedem auf seine Weise.

„An diesem warmen Septemberabend wurde mir klar, wie tief die Sehnsucht der anderen nach ihrer verlorenen Heimat ist. Wie sehr sie die Nähe und Zugehörigkeit brauchen, Erinnerungen suchen.“¨

Maxim Leo reist durch die Welt auf den Spuren seiner Familie. Er sucht die Lebensgeschichten der einzelnen Mitglieder zusammen, erzählt von ihren ursprünglichen Träumen, Wünschen und vom Weg, den sie schliesslich gingen. Er gräbt in der Geschichte und legt einerseits das Schicksal einer Generation von Menschen offen, andererseits die ganz persönlichen Lebensgeschichten der einzelnen Familienmitglieder. Sein Hauptaugenmerk liegt in diesem Buch auf drei Frauen, seiner Grosstante Ilse und deren Cousinen Hilde und Irmgard.

Es gelingt Maxim Leo, trotz der Tragik der Thematik einen gut lesbaren, sachlichen und doch menschlichen Ton anzuschlagen. Im Stil einer Reportage beschreibt er die Flucht vor dem Regime, die neuen Lebensentwürfe in der Fremde, die Höhen und Tiefen der verschiedenen Leben. Zwar wird man als Leser Zeuge von vielen Schicksalen und verhinderter Lebenswünsche, daneben aber auch von Lebenswillen, Kraft und Kampfgeist.

Ein gelungenes Buch, ein Buch über Menschen, denen das Leben viel genommen hat, ein Buch über Menschen, die Opfer eines Unrechtsregimes wurden, ein Buch, das von den Sehnsüchten und Wünschen von Menschen handelt, welche ein Leben weit weg vom ursprünglichen Lebensentwurf suchen mussten, und ein Buch über Menschen, die dieses Leben fanden und lebten.

Fazit:
Ein Buch über eine Familie, die durch das Regime des Nationalsozialismus auf der ganzen Welt verstreut ist, ein Buch über die Sehnsucht von Menschen, die sich nach Nähe und Miteinander sehnen, ein Buch über den Wert eines Zuhauses. Und vieles mehr. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Maxim Leo, 1970 in Ost-Berlin geboren, ist gelernter Chemielaborant, studierte Politikwissenschaften, wurde Journalist. Heute schreibt er Kolumnen für die Berliner Zeitung, gemeinsam mit Jochen Gutsch Bestseller über sprechende Männer und Alterspubertierende, außerdem Drehbücher für den »Tatort«. 2006 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis. Für sein autobiografisches Buch »Haltet euer Herz bereit« wurde er 2011 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. 2014 erschien sein Krimi »Waidmannstod. Der erste Fall für Kommissar Voss«, 2015 »Auentod«. Maxim Leo lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch; 2. Edition (14. Februar 2019)
ISBN-Nr.: 978-3462000405
Preis: EUR 12 / CHF 18.90

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5 Inspirationen – Woche 6

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Erich Fromm: Die Kunst des Liebens – es ist nicht das erste Mal, dass ich das Buch lese, und doch packt es mich immer wieder in seiner Klarheit, in seiner Einsicht. Der Mensch, ein Wesen, das Zugehörigkeit und Verbindung braucht wie die Luft zum Atmen, so Fromm, leidet unter seiner Abgrenzung gegen andere Menschen und gegen die Natur. Es gibt verschiedene Wege, diese Abgrenzung aufzulösen: Orgiastische Zustände, Konformität und eben Liebe. Das Bewusstsein, dass wir alle verbunden sind und nur in dieser Verbindung leben können, hilft, sie zurück ins Leben zu bringen. Ein schönes Zitat dazu:„Es gibt im anderen Menschen nichts, was es nicht auch in mir gibt. Dies ist die einzige Grundlage für das Verstehen der Menschen untereinander.“ (Erich Fromm)Das fällt nicht einfach zu, das ist eine Kunst, die wie jede andere neu gelernt und gepflegt werden will.
  • Ich brauche mehr Gelassenheit. Das wurde mir wieder einmal bewusst. Dabei kam mir ein Zitat in den Sinn, das genau das ausdrückt:
    “ Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Reinhold Niebuhr)

    Wie oft hadere ich mit Dingen, die noch gar nicht real sind, reagiere aus Ängsten heraus, die auf wenig realen Füssen stehen, oder rege mich über Dinge auf, die schlicht nicht in meiner Hand liegen. Und wenn sie das tun, sollte ich mich nicht aufregen, sondern etwas ändern. Ich arbeite dran….
  • Eine wahre Freude war die Rede von Neil Gaiman, die er 2012 vor einer Abschlussklasse hielt: Make good Art! Er plädiert dafür, sich eigene Ziele zu setzen und darauf zuzugehen – aus ganzem Herzen und mit Freude. Er windet Fehlern einen Kranz, denn sie zu machen bringt einen weiter. Sei du selber, sprich mit deiner Stimme, denn alle anderen Stimmen gibt es, die deine ist das Einzigartige in der Welt – so Neil Gaiman! Eine grossartige Rede voller Witz, Einsichten, Bescheidenheit, Inspiration.
  • Ich mochte sie immer sehr, doch in der Flut des Lesestoffes und da es doch viele tolle Dichter und Schriftsteller gibt, ging sie ein wenig unter. Diese Woche hätte Else Lasker-Schüler ihren 152. Geburtstag gefeiert und ich las ein paar Gedichte von ihr – und sie berührten mich tief, liessen mich innehalten, eintauchen, durchatmen, mich freuen. Schön, solche unverhofften Momente ganz für sich zu finden und zu geniessen.
  • Kochen – Ich liebe es, auf Rezeptseiten zu stöbern und neue Gerichte zu finden. Zwar koche ich höchst selten streng nach Vorschrift, finde immer etwas, das ich für mich austausche oder „optimiere“, und doch bin ich auch diese Woche wieder auf Gerichte gestossen, die ich so von selber nie gekocht hätte, die aber von Anfang bis Ende ein Erlebnis waren: Die Suche nach dem Rezept, die Jagd nach den teilweise komplizierten Zutaten, die Planung der Zubereitung, die effektive Zubereitung und die Freude, wenn es gelingt. Im Kochen liegt für mich schlicht viel Kreativität, Vorfreude und beim Gelingen erst noch Genuss.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Else Lasker-Schüler (11.2.1869 – 16.1.1945)

Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor. 

Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.  Da sie in ihrer Freizeit gerne zeichnete, hat sie ihre Gedichtbände zum Teil sogar selber illustriert. Ihre künstlerische Ader zeigt sich auch in ihrem Breifwechsel mit Franz Marc, bestanden doch die Briefe mehrheitlich aus einer Kombination von Bild und Text – Zeichnungen, die in Marcs Schaffen einflossen.

Zwei meiner Lieblingsgedichte von Else Lasker-Schüler:

Ein alter Tibetteppich
Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Mein blaues Klavier
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Bertold Brecht (10. 2. 1898 – 14. 8. 1956)

Bertold Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. 

Sein Schaffen fing früh an, schon mit 15 gab es erste Veröffentlichungen in der mit einem Freund herausgegebenen Schülerzeitung. Danach flossen die Buchstaben weiter, es entstanden Gedichte Prosatexte und Dramen. Während des ersten Weltkrieges waren diese eher patriotisch geprägt, doch schon bald ebbte die Verklärung des Krieges ab.

Während Brecht eigentlich Medizin und Philosophie studierte auf dem Papier, sah man ihn öfter in Literaturvorlesungen denn in medizinischen. Sein Hauptinteresse galt allerdings dem eigenen Schaffen, aus seiner Feder flossen in der Zeit seine wohl bekanntesten Gedichte sowie mehrere Dramen, die es auch zur Aufführung schafften. 

Sein politisches und gesellschaftliches Interesse zeigte sich immer auch in seinem Schreiben, Literatur war in Brechts Augen Gebrauchsliteratur, sie musste einen Wert haben, welchen er unter anderem darin sah, durch sie gesellschaftliche Strukturen sichtbar zu machen. 

Brechts Werk fiel den Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten zum Opfer, Brecht selber floh nach Paris, dann führte sein Weg über Dämemark, Schweden, Finland schliesslich in die USA, wo er aber nicht glücklich wurde, hegte er doch eine Abneigung gegen das Land und fand auch kaum Möglichkeiten, zu arbeiten. 1947 reiste Brecht nach Paris und dann nach Zürich, von wo er schliesslich wieder nach Berlin ging. Er sollte ein Reisender bleiben.

Brecht starb am 14. August 1956 in Berlin.

Zwei Liebesgedichte von Brecht:

Schwächen
Du hattest keine
Ich hatte eine:
Ich liebte.

Die Liebenden
Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Marco Missiroli: Treue

„Deine Frau ist mir gefolgt.“
„Meine Frau.“
„Bis hierher.“ Sofia sah ihn an: „Professore?“
Er warf eien Blick auf die Tür des Seminarraums.
„Sie ist im Hof, glaube ich.“
Carlo Pentecoste trat ans Fenster und erkannte Margheritas amarantroten Mantel, den sie seit dem zweiten warmen Frühlingstag trug.“

Carlo und Margherita sind ein schönes und ein glückliches Paar, er Dozent für Literatur, sie Inhaberin einer Immobilienagentur. Als Carlo eines Tages auf der Universitätstoilette mit einer jungen Studentin erwischt wird, behauptet er, dieser nur nach einem Schwächeanfall geholfen zu haben. Der Vorfall bleibt als Stachel in der Beziehung. War wirklich alles nur ein Missverständnis? Oder ist entgegen der Behauptungen mehr passiert?

Carlo und Margherita gehen unterschiedlich mit dieser Geschichte um, doch auf ihre Weise wird sie für beide eine Obsession. Und sie löst Fragen aus: Nimmt eine Affäre dem Ehepartner etwas weg? Ist eine unterdrückte Leidenschaft nicht schädlicher als das Ausleben derselben? Muss man etwas wirklich leben, um es loswerden zu können, oder kann man es auch sonst aus dem Leben verbannen? Wo fängt ein Seitensprung an, was ist wirklich Betrug?

„Was konnte ein neuer Körper ihrer Ehe überhaupt anhaben?“

Marco Missiroli stellt die grossen Fragen der Liebe. Wie viel Freiheit ist erlaubt, wie viel Geheimnis erträgt sie, wo hört sie auf? Woher kommt die Sehnsucht nach Neuem, wenn man doch glücklich ist? Er erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die trotz ihrer gegenseitigen Liebe mit dem Wunsch nach Neuem kämpfen, die sich und die Beziehung hinterfragen und sich den Herausforderungen, welche dadurch entstehen, stellen müssen. Indem er diese Geschichte immer wieder aus anderen Perspektiven erzählt, sieht man als Leser hinter die Kulissen des reinen Geschehens, man nimmt teil an den Gedanken und Abwägungen jedes Einzelnen. Das macht das Buch spannend und hintergründig, wird ab und zu aber auch etwas chaotisch, da die Perspektiven oft mitten im Absatz wechseln, so dass man sich als Leser wieder zurechtfinden muss, wo man sich im Zusammenspiel der Figuren gerade befindet.

Treue ist ein Roman ohne grosse Höhen und Tiefen, er plätschert ruhig dahin und lässt dadurch Zeit und Raum für die Gedanken der Protagonisten. Missirolis Sprache ist einfach und gut lesbar, sie passt sich dem Lauf der Geschichte an, in einzelnen Passagen vergreift er sich allerdings im Wort, bezeichnet er doch die Sexualität als vögeln (was aber auch der Übersetzung geschuldet sein kann und dann nicht dem Autor zugeschrieben werden dürfte), was irgendwie nicht zum restlichen Sprachduktus passen will. Trotz vieler Innensichten bleiben die Figuren merkwürdig fremd, es fällt schwer, sich mit ihnen zu identifizieren, was aber nicht bedeutet, dass die Fragen, die sie sich stellen, nicht zu eigenen Fragen werden. Als Leser wird man oft auf sich zurückgeworfen, der eigene Blick auf die Fragen der Protagonisten wird herausgefordert.

Fazit:
Die Geschichte von zwei Menschen, die trotz Eheglück mit den Verlockungen der Abwechslung und mit geheimen Sehnsüchten kämpfen. Teilweise etwas chaotisch, aber durchaus empfehlenswert.

Über den Autor
Marco Missiroli, 1981 in Rimini geboren, lebt in Mailand und schreibt für den Kulturteil des »Corriere della Sera«. Er ist Verfasser mehrerer Romane wie »Obszönes Verhalten an privaten Orten« (2017), die Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten. Mit »Treue« gewann Missiroli 2019 den Premio Strega Giovani und stand auf der Shortlist des Premio Strega. »Treue« erscheint in über 30 Ländern, eine auf dem Roman basierende Netflix-Serie startet 2021.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Wagenbach, K (28. Januar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3803133304
Preis: EUR 23 / CHF 35.90

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Lebenssinn?

Wird die Raupe je gefragt,
was sie im Leben will?
Ist einzig nur der Schmetterling
der Raupe ganzer Sinn?

Zählt Werden mehr,
als Sein je wird?
Wo geht man hin,
wenn man mal stirbt?

Kommt schliesslich dann das Paradies,
ist Leben hier nur leben bis?
Ist Streben das, was wirklich zählt?
Und wer hat dieses so gewählt?

Was ist genug,
was wird’s nie sein?
Bin ich speziell,
oder gemein?

Es drängt so manche Frag’ sich auf,
meist nimmt das Schicksal seinen Lauf,
bevor die Antwort sich dir zeigt,
und fast bin ich dazu geneigt,

zu sagen, dass das ständig Fragen,
zu nichts taugt in diesem Leben,
Denn die Antwort ist und bleibt:
„So ist es halt im Leben eben.“

©Sandra von Siebenthal

neue einsichten

und ab und an
verrenn ich mich,
blockiere dann
den weg zurück.

ich sitze da
und denk gequält,
was grad passiert,
war dumm gewählt.

da muss ich durch,
das weiss ich schlicht,
und sitz nun hier,
ich affe, ich.

ich kratze mich
an kopf und brust,
verliere bald
daran die lust.

ach wär ich doch
ne dumme kuh,
ich kaute friedlich,
machte muh,

hielt mich für klug
und so gescheit,
und säh null fehler
weit und breit.

ich hadere
noch vor mich hin,
doch dann kommt mir
so in den Sinn,

dass jeder mal
sich irren kann,
und dieses mal
war ich halt dran.

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Für die abc.etüden, Woche 06/07/21: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 06/07.21 kommt von Torsten mit seinem Blog Wortman

Verwendete Worte für die Extraetüden Affe, neu, blockieren

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 06/07/21

5 Inspirationen – Woche 5

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert? Fast hätte ich es verpasst, ich wusste zwar irgendwie immer mal wieder, dass Freitag ist, aber ich war in diversen Gedanken und Aufgaben gefangen… bis es gerade eben ausploppte… die Inspirationen. Ich sammle sie zum Glück durch die Woche, hier sind sie:

  • Der Artikel „Wieso du darüber schreiben solltest, was du liest“ hat mich diese Woche dazu angeregt, selber eine Liste meiner Bücher, die ich 2021 lese, zu machen. Ich schreibe zwar schon über die einzelnen Bücher und mache das auch gerne, da es mich dazu anregt, das Buch nochmals für mich vor Augen zu führen, aber ich finde die Idee, alle Bücher mal aufgelistet zu sehen, um meine Lesereise zu sehen, schön. Hier findet ihr die Seite, wo ich das fortan tun werde: Bücher 2021
  • Der Podcast „Gin and Talk“ mit Doris Dörrie hat mich diese Woche inspiriert. Wer mich ein wenig kennt, weiss wohl mittlerweile, dass ich diese Frau generell sehr spannend, inspirierend und toll finde in ihrer frischen, humorvollen, mitreissenden Art. Ein Stelle aus dem Podcast hat mich speziell angesprochen: Doris Dörrie braucht immer wieder Momente, in denen sie einfach da liegt und nichts tut. Ohne diese gehe es auch nicht mit dem Schreiben, mit der Inspiration. Und oft denke sie dann, sie sei faul. Dass sie das nicht ist, darauf deuten doch 26 Bücher und 33 Filme, die sie bis heute auf die Beine gestellt hat. Mir zeigt das, dass ich mir durchaus auch mal ruhige Momente gönnen darf. ich fühle mich oft wie unter Strom, denke immer noch zu wenig gemacht zu haben. Nicht umsonst heisst es wohl „In der Ruhe liegt die Kraft“.
  • Noch ein weiterer Podcast hat mich diese Woche inspiriert: Ildiko von Kürthis „Frauenstimmen“ mit Maria Furtwängler. Es ging um Themen wie den eigenen Umgang mit Erwartungen anderer, um die Tendenz, den Schwerpunkt auf Schwächen zu legen, die man ausmerzen will, statt die eigenen (und die anderer Menschen) Stärken zu fördern sowie auch um Maria Furtwänglers Engagement für den Feminismus, für eine Welt, in der Menschen gleichberechtigt miteinander leben können. Für diese Belange setzt sich ihre Malisa Stiftung ein https://malisastiftung.org/Für mich nahm ich zwei Dinge mit: Dass gerade wir Frauen, die ian vielen Belangen das Privileg haben, uns für eine gleichberechtigtes Leben für uns selber einzusetzen, in der Pflicht sind, solidarisch zu sein und denen eine Stimme zu geben, die das nicht können. Das zweite war Maria Furtwänglers Erzählung, wie sie früher immer als kühle Blonde betitelt wurde, was sie immer bestreiten wollte, bis sie merkte, dass sie anderen nicht die Sicht nehmen kann, die sie von einem haben wollen. Jeder Versuch dazu ist verlorene Energie.
  • Das Buch von Anselm Grün: Das kleine Buch vom guten Leben
    Eigentlich hängt ganz viel von uns selber ab: Worauf richten wir unser Augenmerk? Wie verhalten wir uns zu dem, was passiert? Wir können nicht alles ändern, aber wir können entscheiden, wie wir dazu stehen. Das fällt nicht immer leicht, oft sind wir zu geprägt, sitzen unbewussten Mustern auf. Aber es gibt kleine Mittel, es gibt Werte, die wir uns auf die Fahne schreiben können. Und vielleicht wird das Leben etwas bunter: Was ist gut aktuell? Gibt es etwas, wofür ich dankbar sein kann? Was macht mir Freude? Kann ich mehr davon in mein Leben bringen? Bin ich grosszügig? Liebe ich? Das Buch ist ein Kleinod – ich kann es nur empfehlen.
  • Eine Dokumentation im Schweizer Fernsehen. Die gesellschaftliche Schere zwischen arm und reich. Und ja, sie stimmte nachdenklich. Die Schweiz ist ein reiches Land im internationalen Vergleich. Und doch gibt es Familien, die am Ende des Monats für Tage kein Geld mehr haben. Trotz drei Jobs. Ich habe vor einiger Zeit das „Handbuch Armut Schweiz“ der Caritas lektoriert und kannte viele Studien und Zahlen. Auch die gefährdeten Gruppen, zu der ich durchaus gehöre. Ich hörte heute einen Podcast mit Ferdinand Schirach, der sich um Recht und Gerechtigkeit drehte. Und – es ist nicht neu – das ist nicht dasselbe. Nach unserem Recht sollte für alle gesorgt sein. In Tat und Wahrheit fallen Menschen durch die Maschen – aus verschiedenen Gründen. Was wäre gerecht? Mir kam ein privates Netz in den Sinn. Aus Dankbarkeit etwas zurückgeben. Im Wissen, es verdient zu haben als Mensch, etwas annehmen dürfen.
    Ich möchte den Staat nicht abschaffen, er ist gut und wichtig und er muss das Allgemeine regeln, alles andere wäre nicht machbar. Er differenziert schon so gut es geht. Bietet ein mögliches Höchstmass an Sicherheit. Den Rest müssten wohl Menschen machen. Eine Utopie? Vielleicht.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Doris Dörrie: Alles inklusive


„Ich war einsam, meine Mutter war einsam, und wir wussten es voneinander, das war das Schlimmste.“

Ingrid versucht an einem Hippiestrand in Spanien für sich und ihre Tochter Apple den Lebensunterhalt durch den Verkauf von selbstgemachtem Schmuck zu verdienen. Ingrid ist unglücklich, Apple ist unglücklich, und beide fühlen sich allein. Als Ingrid auf Karl trifft, geht sie mit ihm eine Affäre ein, wobei sie insgeheim hofft, dass er ihre Zukunft sein könnte. Karl, selber verheiratet und Vater von Tim, sieht in Ingrid auch eine Rettung und eine Flucht. Am Ende stehen alle vor den Scherben eines Unglücks, das ihr aller Leben für immer verändern wird: Karls Frau ertränkt sich im Pool. Wie sollen Sie mit diesem Schicksal weiter leben?

30 Jahre später ist Ingrid wieder in Spanien und trifft zufällig auf Karl.

„Ich möchte mir vorstellen, dass einfach nichts weiter geschehen ist zwischen damals und jetzt, als sässen wir an den gegenüberliegenden Enden eines langen Tisches, mit einem unbefleckten weissen Tischtuch zwischen uns, das wir nun langsam von beiden Seiten her zusammen rollen.“

„Alles inklusive“ ist die Geschichte verschiedener Menschen, die alle mit ihrem Leben hadern, daran verzweifeln, falsche Entscheidungen treffen, sich selber ins Unglück reiten. Alle wirken sie auf ihre Weise verrückt und doch auch wie Menschen mit ihren Abgründen und Hoffnungen. Es ist die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, die nie eine wirklich gelebte und gefühlte war und doch Boden für viele Anschuldigungen mit sich bringt. So sagt Ingrid einmal über ihre Tochter:

„Hauptberuflich nimmt sie mir mein Leben von damals übel.“

Doris Dörrie gelingt es, ohne Moralkeule und hochgehobenen Zeigefinger menschliche Schwächen zu erzählen, trotz vieler Tiefschläge und auch verkorkster Lebensentwürfe driftet das Buch nie ins Schwere ab. Es ist wohl gerade die Leichtigkeit des Erzählens, die einen immer weiter lesen lässt, auch wenn die Geschichte ab und an etwas langatmig und gar abstrus wird. Kleine Heiterkeiten wie ein Hund namens Dr. Freud oder launige Beschreibungen und Assoziationen entlocken beim Lesen immer wieder ein Schmunzeln, durch das man gerne über kleine Schwächen hinwegliest.

Fazit:
Nicht die beste Leistung der Autorin, aber durch die Leichtigkeit des Erzählflusses und den klaren Blick auf die menschlichen Kuriositäten durchaus ein Lesevergnügen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Diogenes; 5. Edition (26. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3257241938
Preis: EUR 12 / CHF 27.90

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Von orangen Füssen und Käse

Orange erinnert mich an Käsefüsse. Nicht ein klein wenig riechende Füsse, sondern so richtig nach überreifem Käse, der so leicht vor sich hinmodert, stinkende. Verglichen mit einem Ton, wären sie der laute, anhaltende Schrei, welcher die Umgebung bis in die Tiefen erschüttert, wie durch Lautsprecher verstärkt, dröhnen sie und lassen alles erschauern.

Orange Käsefüsse sind keine drahtigen, knochigen Füsse, sondern richtig weichmütige, solche, in die man den Finger bohren kann und es bleibt noch lange eine Kuhle. Nur dass keiner einen Finger in solche stinkenden Füsse stecken möchte, aber das ist egal, würde es einer tun, wäre es genau so.

Ich mag keine Füsse. Ich finde Füsse eklig. Sie müssen nicht mal stinken, um eklig zu sein, es reicht schon, dass es Füsse sind. Füsse sind das am weitesten vom Kopf entfernten. Vielleicht bin ich zu stark Kopfmensch und die Füsse sind mir durch ihre Distanz zu fremd. Als Menschen neigen wir ja dazu, das uns Fremde zu verurteilen, zumindest verdächtig zu finden. Was so weit weg von uns ist, kann und ja nicht geheuer sein. Da kommt der Geruch solcher orangen Stinkefüsse gerade recht, bestätigt er doch die vorgefertigte Meinung von ekligen Füssen.

Komisch ist, dass ich Käse mag. Ich mag vor allem den rezenten Käse, den, der ein bisschen stinkt. Kinder sind da mehr geradeheraus und finden nicht, dass er ein bisschen stinkt, sondern dass er bestialisch stinkt und man ihn nicht unter der Nase durchbrächte, ohne einen üblen Brechreiz zu provozieren. Das verstehe ich nicht. Sie finden dann, der stinke wie Käsefüsse, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, finde ich Käsefüsse doch übelst, den Käse aber eine Delikatesse.
Es ist eine verkehrte Welt!

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Für die abc.etüden, Woche 05/21 – dieses Mal Extraetüden: 5 Begriffe in maximal 500 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 05.21 kommt von Ludwig Zeidler und Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7

Verwendete Worte für die Extraetüden: orange, weichmütig, backen, Lautsprechererschüttern.

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 05/21

Anselm Grün: Das kleine Buch vom guten Leben


„Gut ist, was mir gut tut. Aber was tut mir wirklich gut? Und was ist gut – für mich und für andere? Was ist es wert, dass ich mein Leben danach ausrichte? Welche Haltungen braucht es dazu?

Anselm Grün geht in diesem kleinen Buch der Frage nach, was ein gutes Leben ist und wie wir dieses leben können. Er beruft sich dabei auf die Religionen und Philosophien aus aller Welt, zitiert literarische Werke und alte Weisheiten. Für ein gutes Leben, so Anselm Grün, braucht es nicht viel, ausschlaggebend ist die innere Haltung, das, wonach wir unser Leben ausrichten.

„Ob unser Leben gelingt, hängt davon ab, dass wir den richtigen Werten folgen. […] Werte sind Quellen, aus denen wir schöpfen können, damit unser Leben erblüht und gelingt.“

Am Anfang von allem steht die Achtsamkeit. Wenn wir nicht achtsam mit uns und dem Leben umgehen, wird es an uns vorbeiziehen, wir verlieren uns selber. Achtsamkeit bedingt den klaren Blick auf das, was ist. Wo stecke ich fest, in welchen Abhängigkeiten bin ich gefangen? Was tue ich täglich und wie tue ich es? Wonach richte ich mich aus und tut mir das gut? Danach geht die Reise durch die verschiedenen wichtigen Werte weiter, Themen wie Alter, Alleinsein, Dankbarkeit, Freundschaft, Genuss, Loslassen und Gesundheit werden auf eine kurze und doch eindrückliche Weise behandelt.

Als Leser wird man immer wieder dazu angeregt, nachzudenken, das eigene Leben zu hinterfragen. Wo halte ich mich krankhaft fest? Womit stehe ich mir und meinem Glück im Weg? Was könnte ich ändern? Wo bräuchte ich mehr Mut und wo mehr Nachsicht?

Anselm Grün überzeugt durch eine tiefe Weisheit, durch eine Belesenheit und einen offenen Blick ohne religiöse, philosophische oder lokale Grenzen. Das gute Leben wohnt dem Menschen inne, unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu einer wie auch immer gearteten Gruppierung. Und jeder hat es selber in der Hand, sein Leben in bestmöglicher Weise zu einem guten Leben zu machen.

Fazit:
„Das kleine Buch vom guten Leben“ ist ein Kleinod an kurzen Texten, die zur Selbsthinterfragung anregen und so dabei helfen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Klug, weise und sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Anselm Grün studierte zunächst Philosophie und Theologie und danach BWL. Er ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, geistlicher Begleiter und Kursleiter in Meditation, Fasten, Kontemplation und tiefenpsychologischer Auslegung von Träumen.
Seine erfolgreichen Bücher zu Spiritualität und Lebenskunst sind weltweit in über 30 Sprachen übersetzt. In ihnen vereint sich die tiefe Religiosität des Benediktinerpaters mit der reichen Lebenserfahrung eines besonderen Menschen.
Sein einfach-leben-Brief begeistert monatlich zahlreiche Leser (www.einfachlebenbrief.de)

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Verlag Herder (11. Mai 2005)
ISBN-Nr.: 978-3451070440
Preis: EUR 8 / CHF 12.90

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