Was ist das Besondere an mir?

Ich war dieses Wochenende an einem Workshop. Das Thema war „Dharma“ – wie soll ich handeln, was stimmt für mich, ist mein richtiger Weg? Wer bin ich, was macht mich aus? Ich fand es spannend zu sehen, dass genau dieses Thema gewählt wurde, das auch mich immer wieder beschäftigt hat, sei es als philosophische Gedankenspielerei, sei es in Bezug auf mein eigenes, persönliches Leben.

Wie oft versuchen wir, in den Fussstapfen anderer zu gehen. Wir lernen einen Beruf, weil unsere Eltern das so wollen oder schon der Grossvater denselben hatte. Wir verhalten uns in Beziehungen so, wie wir denken, dass unser Gegenüber das von uns wünscht. Wir gehen Wege, weil die Gesellschaft diese als zu gehende definiert. Gar oft leiden wir, fühlen uns unwohl, irgendwie in uns und unserem eigenen Leben nicht zu Hause. Spätestens dann, wenn wir nicht mal mehr in uns selber zu Hause sind, wäre ein guter Zeitpunkt, hinzusehen und zu entdecken, was denn unser wirkliches Zuhause wäre. Was will ich im Leben? Was macht mich aus? Was kann ich und möchte ich in die Welt hinaus tragen?

Oft trauen wir uns nicht, die Dinge zu verwirklichen, die uns wirklich tief am Herzen liegen, weil wir vielleicht zu sehr gefangen sind in äusseren Zwängen, in inneren Ängsten. Vielleicht trauen wir uns schlicht nicht, zu uns zu stehen, weil es Angst machen kann, sich wirklich ganz selber zu sein. Was, wenn man dann abgelehnt würde? Was, wenn genau das, was einem wirklich nah ist, nicht klappt?

Gestern stolperte ich wie zufällig über ein Zitat, das ich schon lange kenne, das aber just prima in das Wochenende passte. Johann Wolfgang von Goethe scheint sich auch mit diesem Thema befasst zu haben, sagte er doch:

In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.

Es ist nie zu spät, anzufangen, denn Jetzt ist immer gerade in dem Moment, in dem man steckt.

Ich fragte gestern einen mir nahestehenden Menschen, was denn mich ausmache, was an mir besonders sei (dies war eine Aufgabe an diesem Wochenendworkshop). Die Antwort war, dass ich das, was ich tue, mit ganzem Herzen mache, mich voll in meinen Weg hineingebe und diese Begeisterung und Liebe auch weiter geben könne.

Ich hätte mich nie so beschrieben, erkenne mich aber wieder. Ich bin dankbar, zu wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auf meinem. Vielleicht ist heute auch genau der richtige Tag, sich und seinen Nächsten gewisse Fragen zu stellen:

Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo fühle ich mich zu Hause, was will ich tun?

Mein Leben

Es gibt Tage, da hadere ich. Denke, was ich alles aus meinem Leben hätte machen können, sehe erfolgreiche Menschen, reiche Menschen, berühmte Menschen und dann mich. Denke, was ich hätte anders machen können und müssen, um vielleicht auch einen Weg einschlagen zu können, der mehr Reichtum, mehr Anerkennung, mehr Status gebracht hätte.

So zu denken taugt nicht dazu, sich gut zu fühlen, im Gegenteil, es zieht runter. Man sieht all das, was man nicht hat, sehnt sich an Orte, an denen man ist und vielleicht auch nie sein wird. Man hadert mit Wegen, die man gegangen ist aufgrund von Entscheidungen, die man getroffen hat. Damals hatte man Gründe für die Entscheidungen, heute sieht man nur noch das Ziel, die man so erreichte.

Wenn der erste Sturm der Aufregung vorbei ist, frage ich mich jeweils: Wo möchte ich gerade jetzt lieber sein als da, wo ich bin? Was möchte ich lieber tun als das, was ich tue? Und meistens komme ich dann zum Schluss, dass das, was ich tue, genau dem entspricht, was ich tun will (ausser wenn es grad ganz schlimm die Steuererklärung oder das Bad putzen ist). Ich komme zum Schluss, dass da, wo ich bin, der Ort ist, an dem ich sein will – wäre es anders, könnte ich es ändern und habe das in der Vergangenheit auch einige Male getan – oder eben gelassen.

Ich war in meinem Leben meistens in der wirklich glücklichen Lage, sehr frei entscheiden zu können, was ich tun will, womit ich mein Leben füllen möchte. Es gab kaum Grenzen, gab wenige Einschränkungen und wenn, dann keine, die ich hätte durchbrechen wollen. Ich war nie reich, auch nie berühmt, ich habe weder Status noch sonstige hochtrabenden Dinge, trotzdem habe ich das ganz grosse Glück, genau das tun zu können, was ich tun will. Und dabei erfahre ich von verschiedenen Seiten immer wieder wunderbare Reaktionen, teilweise von unerwarteter Seite Unterstützung, oft von ganz vielen Stellen Rückhalt, Zuspruch.

Wenn ich heute zurück schaue, habe ich viele verschiedene Dinge im Leben ausprobiert und auch durchgezogen und alle zusammen haben dahin geführt, wo ich heute bin. Mein Leben ist breit, ge- und erfüllt von den Dingen, die ich liebe. Ich habe im Yoga etwas gefunden, das ich als meinen Lebensweg anschaue, den ich weiter gehen, tiefer erforschen und daran wachsen kann. Die Philosophie begleitet mich dabei, ist sie einerseits Teil des Weges, andererseits auch Methode, den Dingen immer wieder neu auf den Grund zu gehen, sie nicht einfach hinzunehmen, sondern auf ihre Wirklichkeit hin zu prüfen. Die Literatur bringt Leichtigkeit, Kreativität und Spielerei ins Leben, lässt Geschichten entstehen, Welten sich entwickeln und neue Horizonte wachsen.

Alles in allem ist es einfach: Mein Leben. Und es ist gut, wie es ist. Es ist unbezahlbar.

Samira Zingaro – Nachgefragt

zingarosamiraSamira Zingaro (1980) studierte Medien- und Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie war als Journalistin für verschiedene Printmedien tätig und arbeitet seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen.
Samira Zingaro hat mir im Zusammenhang mit ihrem Buch „Sorge dich nicht!“ – Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid einige Fragen beantwortet.

 

Suizid ist auch heute noch ein Tabuthema, was interessiert Sie daran?

Grundsätzlich wird das Thema heute weniger tabuisiert als noch vor ein paar Jahren. Mich persönlich interessiert unter anderem, wie es Angehörigen gelingt, nach einem solchen Todesfall in der Familie weiterzuleben.

Wieso wollten Sie dieses Buch schreiben? Hat es eine Vorgeschichte?

Ich habe selbst ein Geschwister durch Suizid verloren und stellte daraufhin fest, dass es kaum Literatur gibt zum Thema Geschwistertrauer, noch weniger zu hinterbliebenen Geschwistern nach Suizid.

Was ist an der Geschwisterperspektive besonders? Wieso wählten Sie diese Perspektive?

Eine Geschwisterbeziehung ist eine interessante Konstellation: Sie kann zu den längsten im Leben gehören. Sie kann, muss aber nicht immer harmonisch sein. Ich wählte unter anderem diese Perspektive, weil Geschwister durch die gemeinsame Kindheit meist ähnlich sozialisiert werden. Auch gehören sie der gleichen Generation an. Ein Suizid wirft viele Fragen auf, bezogen auf ein Geschwister etwa: Wie grenzt man sich als Bruder oder Schwester von dem Entscheid des Geschwisters ab? Wie verhält man sich gegenüber den trauernden Eltern? Rückt die eigene Trauer durch die Sorge um sie in den Hintergrund? Im Gegensatz zu den Eltern stehen die hinterbliebenen Geschwister oft mitten im Leben, wenn ein Suizid passiert.

War es schwierig Betroffene zu finden? Wie sind Sie bei der Suche vorgegangen?

Die Suche nach Betroffenen war nicht so schwierig, es gibt in unserer Gesellschaft unzählige Hinterbliebene nach Suizid. Ich habe die Protagonisten einerseits selbst gefunden, anderseits wurde sie mir auch von Bekannten vermittelt.

Fühlten Sie selber Hemmungen im Gespräch mit den Geschwistern? Mit welchen Schwierigkeiten sahen Sie sich konfrontiert?

Die grösste Herausforderung war es, die Geschwister davon zu überzeugen, so viel Persönliches über sich zu erzählen. Ich musste das Vertrauen gewinnen und immer wieder überprüfen, ob ich ihre Geschichte, ihre Erinnerungen, Gedanken und Gefühle auch richtig verstanden habe.

Sie führten die Gespräche mit den betroffenen Geschwistern teilweise über Jahre, wie erlebten Sie diese lange Zeit? War das Thema ständig präsent oder mussten Sie es zu jedem Gespräch neu heraufholen?

Die Gespräche über all diese Monate hinweg waren sehr bereichernd. Es ist klar, dass das Thema Suizid während der Treffen und im Schreibprozess sehr präsent war, da ich aber neben dem Schreiben noch beruflich eingespannt war, habe ich mich zwischendurch immer auch mit anderen Themen beschäftigt.

Hat sich Ihre eigene Sicht auf das Thema Suizid verändert durch diese Gespräche?

Vielleicht insofern, dass ich nun viel mehr über dieses Thema weiss.

Was erhoffen Sie sich durch das Buch? Was wollen Sie damit bewirken?

Die Geschichten im Buch sollen Mut machen, denn sie erzählen von Hinterbliebenen, die trotz dieses Schicksalsschlags nicht nur überleben, sondern weiterleben. Auch sollen die Porträts für mehr Verständnis sorgen, denn oft wissen Bekannte nicht, wie mit Trauernden umzugehen.

Haben Sie Reaktionen erhalten?

Ja, bis jetzt habe ich sehr viele positiven Rückmeldungen erhalten.

Ist die heutige Gesellschaft wirklich so aufgeklärt, wie wir gerne glauben oder stecken wir doch noch in stark verurteilenden Wertemassstäben fest?

Eine interessante Frage. Die unterschiedlichen Geschichten und Begegnungen zu Suizid zeigten mir, dass zu diesem Thema immer noch sehr viel Stigmata und rasch gefällte Urteile vorherrschen. Suizid wird zum Teil immer noch als Versagen gewertet – Versagen des Suizidenten, aber auch Versagen der Angehörigen.

Oft hört man, Suizid sei feige, einer Ihrer Interviewten meinte, er hätte seinem Bruder den Mut, den endgültigen Schritt zu gehen, nicht zugetraut. Was ist es denn nun? Feigheit oder Mut? Oder etwas Drittes?

Was Suizid für jemanden bedeutet, muss jeder für sich entscheiden. Für mich haben beide Wörter, Feigheit oder Mut, viel mit Bewertung zu tun und ich masse mir nicht an, einen solchen Schritt zu bewerten. Der Porträtierte brauchte das Wort Mut nicht im heroischen Sinne. Es braucht vielmehr Kraft, etwas zu tun, das mit dem Überlebenswillen, dem Urtrieb des Menschen, so gar nicht kompatibel ist. Warum sich jemand umbringt, kann nur der Suizident selbst für sich sagen.

Noch eine kritische thematische Frage: Es gibt ein Recht auf das eigene Leben – es ist, wie die Würde, unantastbar. Heisst das, dass auch ich selber mein Leben nicht antasten darf oder aber, dass mein Recht auf mein Leben auch das Recht auf dessen Ende beinhaltet?

Das ist eine philosophische, vielleicht auch religiöse Frage. Welche Haltung beim Thema Suizid jemand einnimmt, muss jeder für sich entscheiden. Wichtig erscheint mir aber zu erwähnen, dass jeder, der sich das Leben nimmt, immer auch Angehörige hinterlässt, die mit der grossen Belastung weiterleben müssen.

Was ist ihr persönliches Fazit zu diesem Thema und ihrem Buch?

Es ist wenig ergiebig, danach zu fragen, warum sich jemand das Leben genommen hat, auch wenn Angehörige die Frage oft lange quält.

Was würden Sie sich wünschen im Umgang mit diesem Thema?

Mehr Sensibilität, weniger Spekulationen.

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese ausführlichen Antworten!

Samira Zingaro: „Sorge dich nicht!“

Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid

Das Leben geht weiter – aber wie?

„Ich nehme mir jedes Jahr an ihrem Todestag frei, das weiss mittlerweile auch mein Arbeitgeber. Das ist mein Ritual, es ist mein Tag, es ist ihr Tag. Dann setze ich sie wieder auf den Olymp.“

Wenn sich jemand das Leben nimmt, bleiben Menschen zurück. Familie, Freunde, Bekannte. Vor allem auf Familien hat Suizid eine enorme Wirkung, er reisst eine Lücke in ein System, das sich nachher neu organisieren muss. Eltern und Geschwister müssen mit dem Verlust, ihrer Trauer und der Frage nach dem Warum, die oft von Schuldgefühlen begleitet ist, umgehen.

Samira Zingaro befasst sich in ihrem Buch „Sorge dich nicht!“ mit der Situation der Geschwister nach einem Suizid. Wie trauern sie, was geht in ihnen vor, wie geht ihr Leben nach so einem Verlust weiter?

„Hinterher ertrage ich es manchmal fast nicht, dass ich so naiv war und annahm, dass er einen Weg aus seiner Krise finden würde. Ich hätte nicht gedacht, dass er so weit gehen würde.“

Das Buch vereint verschiedene Porträts von Geschwistern, die nach den Suizid ihres Bruders oder ihrer Schwester ihr Leben weiter führen mussten. Zingaro traf diese Geschwister teilweise über einen längeren Zeitraum, sprach mit ihnen, hörte ihnen zu. Entstanden sind sieben Geschichten, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie zeigen, dass Trauer unterschiedlich ist und der Umgang mit dem Tod ebenso. Sie zeigen auch, dass Suizid auch heute noch ein Tabuthema ist, mit dem sich die Menschen schwer tun.
Abgerundet wird das Buch durch ein Interview mit Ebo Aebischer-Crettol, dem Pionier der Internet-Seelsorge, und dem Psychiater Thomas Reisch, seit Jahren zum Thema Suizid forschend, welche ihre Erfahrung mit dem Thema Suizid darlegen.

Fazit:
Sachlich, auf den Punkt gebracht. mit dem nötigen Feingefühl und viel Offenheit geht Zingaro ein sensibles Thema an. Empfehlenswerte Lektüre.

Zum Autor
Samira Zingaro (1980) studierte Medien- und Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie war als Journalistin für verschiedene Printmedien tätig und arbeitet seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier

ZingaroSorgeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 172 Seiten
Verlag: rüffer & rub Sachbuchverlag (11. Oktober 2013)
Preis: EUR 28.80 ; CHF 38.90

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Das Universum in mir – von Ordnung und Unordnung

Claudia lebt mit Paul zusammen. Eigentlich haben sie es gut zusammen. Eigentlich. Wenn da nicht die Ecken und Kanten bei Paul wären, die Claudia Monat für Monat etwas mehr stören. Wenn da nicht die Schwierigkeiten wären, die das Zusammenleben bringt, und die man eigentlich lieber nicht mehr hätte. Irgendwann ist das Mass voll, Claudia trennt sich von Paul. Sie findet, dass sie nicht ihr ganzes Leben mit diesen Schwierigkeiten kämpfen möchte, es müsse da draussen einen Menschen geben, der besser zu ihr passe.

Claudia lernt Klaus kennen. Klaus ist toll. Er bleibt toll. Sie ziehen zusammen. Sie leben zusammen. Und so langsam entdeckt Claudia ganz sanft Ecken und Kanten, die ihr bekannt vorkommen. Da war doch was. Wenn Claudia nun wirklich genau hinschauen würde, sähe sie, dass das genau die Ecken und Kanten sind, die schon Paul hatte. Und wenn sie noch genauer hinschaute, sähe sie, dass auch bei Paul die Ecken und Kanten erst über die Monate hinweg zu den Schwierigkeiten führte, die am Schluss Trennungsgrund waren. Und wenn Claudia ganz ehrlich mit sich selber wäre, müsste sie sich vielleicht eingestehen, dass es gar nicht wirklich Ecken und Kanten von Paul und Klaus waren, sondern sie durchaus auch ihren Beitrag zu den Schwierigkeiten leistete.

Was in Beziehungen oft deutlich zu beobachten ist, zeigt sich auch in vielen anderen Bereichen des Lebens. Wir suchen nach einem Ideal, das wir uns im Kopf schön ausgemalt haben und steuern es an. Irgendwann merken wir, dass das Ideal gar nicht so ideal ist, wie wir es uns ausgemalt haben. Das kann viele Gründe haben: Mal sind wir selber nicht in der Lage, es zu erreichen, mal sind die Umstände schwierig, mal liegen Hürden zwischen einem selber und dem Ideal, mal fühlt es sich auch bei Erreichen nicht gut an. Und man erkennt das, geht in sich, sucht neue Ideale und steht irgendwann oft vor denselben Hürden, vor denselben Hindernissen, sieht sich mit denselben Abweichungen vom Idealbild konfrontiert.

Beim ersten Mal kann man noch denken, dass das einfach dumm gelaufen ist. Beim zweiten Mal ist es vielleicht wirklich ganz dumm gelaufen. Beim dritten Mal könnte langsam ein Licht aufgehen, dass diese ewigen Schleifen, die am selben Punkt enden, mit einem selber zu tun haben könnten. Vielleicht steckt da eine Aufgabe drin, die man selber anzugehen hat, bevor man wirklich an den Punkt kommt, den man gerne hätte. Vielleicht ist noch etwas ungeklärt, tief drin in einem, muss man erst mal genau hinsehen und bei sich selber aufräumen, um dann nach aussen zu stossen und die eigenen Idealvorstellungen im Aussen zu suchen.

Das Aussen ist oft nur der Spiegel dessen, was tief drin in einem selber abgeht. Die Beziehung, die man zu sich selber hat, spiegelt sich nicht selten in der Beziehung mit den Menschen im Aussen wieder. Wenn man also immer an ähnliche Menschen gerät, muss man sich mal fragen, welchen Punkt davon man in sich selber trägt und gegen sich oder auch andere auslebt. Wenn man immer wieder neue Projekte an dieselbe Wand fährt, muss man vielleicht mal hinschauen, welche eigene Schwäche dies symbolisiert, wo man sich selber immer wieder gegen eine innere Wand fährt.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Wie soll man den lieben, wenn man sich selber gering schätzt? Wie soll man von ihm ernst genommen werden, wenn man es selber nicht tut? Wie soll er einen genau so haben wollen, wie man ist, und mit Respekt behandeln, wenn man selber ständig mit sich hart ins Gericht geht?

Ich bin das Universum und das Universum ist in mir.

Es gibt die Philosophie, dass alles eins ist, eine grosse Einheit. Alles, was wir um uns, in uns wahrnehmen, ist Teil dieses Ganzen, ist das Ganze, von diesem durchdrungen. Wenn ich also mit mir schimpfe, strahlt das auf meine Umwelt ab. Wenn ich meinem Gegenüber weh tue, ist der Schmerz auch in mir. Wenn ich die Dinge in mir nicht in Ordnung habe, können sie auch im Aussen nicht in Ordnung sein.  Ich kann sie im Aussen in Ordnung bringen, denn das Aussen ist eine Widerspiegelung des Inneren. Es ist sogar einfacher, sie da in Ordnung zu bringen, da oft der klare Blick auf das Innen verloren gegangen ist. Allerdings ist es auch leichter, vor der Unordnung im Aussen wegzurennen, in der Hoffnung, wo anders Ordnung zu finden. Dabei vergisst man nur, dass man die Unordnung im Innen mitnimmt und wieder ans Aussen abgeben wird. Bis man das System begriffen und sich der Aufgabe gestellt hat.

Dann wartet die nächste.

Lisa See: Tochter des Glücks

Mutterliebe überwindet alle Grenzen

Alles, was ich über meine Geburt, meine Eltern, meine Grosseltern und mich selbst zu wissen glaubte, war eine Lüge. Eine dicke, fette Lüge. Die Frau, die ich für meine Mutter hielt, ist eigentlich meine Tante. Meine Tante ist in Wirklichkeit meine Mutter. Der Mann, den ich als meinen Vater liebte, war überhaupt nicht mit mir verwandt. Mein richtiger Vater ist ein Maler aus Shanghai, den meine Mutter und meine Tante vor meiner Geburt geliebt haben. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs

Als Joy hinter die Geheimnisse ihrer Herkunft kommt, will sie ihren Wurzeln auf den Grund gehen und reist aus Amerika, wo sie aufgewachsen ist, nach China, um ihren Vater zu suchen. Sie ist zuerst sehr angetan von dem kommunistischen Land, in welchem ihr leiblicher Vater sich als Propagandamaler einen Namen gemacht hat. Als ihr Vater aufs Land geschickt wird, wo er sein Leben mit Malunterricht für Bauern ausfüllt, begleitet ihn Joy begeistert und bringt sich in das Leben auf dem Land ein, arbeitet auf dem Feld mit, verliebt sich in einen Bauernsohn, heiratet ihn. Nach der Hochzeit nimmt die hohe Zeit ein jähes Ende, Joy sieht sich mit Armut und Hunger konfrontiert, fängt an, das System zu hinterfragen, was unter Maos Regime nicht gern gesehen und höchst gefährlich ist.

Pearl, Joys Ziehmutter (und eigentliche Tante), weiss um die Gefahren im China dieser Tage, sie tut alles dafür, ihre Tochter wieder zur Vernunft und zurück nach Amerika zu bringen.

Joy mag vielleicht nicht meine leibliche Tochter sein, aber sie gehört zu mir, und ich würde alles für sie tun.

Tochter des Glücks ist die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln und ihrem Platz im Leben. Es ist ebenso die Geschichte einer bedingungslosen Mutterliebe  und der Beziehung zwischen Mutter und Tochter.  Hintergrund dieser Familiengeschichte ist die Situation in China zwischen 1957 und 1962. Als Leser wird man Zeuge der Nöte der Landbevölkerung, sieht den Hunger, die Armut und die Unterdrückung durch das maoistische Regime, welches alles daran setzte, wirtschaftlich zur Grossmacht zu werden und Grossbritannien und die USA zu übertrumpfen.

Lisa See erzählt eine tiefgründige, mitreissende und emotional aufwühlende Geschichte auf eine feinfühlige, leise Art ohne Pathos oder übersteigerte Emotionalität. Die Figuren des Romans sind mit viel Liebe gezeichnet, die Szenerie anschaulich und fast fühlbar plastisch dargestellt.

Fazit

Eine emotionale, tiefgründige, gut recherchierte und literarisch grossartig geschriebene Geschichte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Lisa See
Lisa See wurde in Paris geboren und wuchs in Los Angeles, in Chinatown, auf. Sie entstammt einer chinesisch-amerikanischen Familie. Sie arbeitete dreizehn Jahre lang als Journalistin, betreut als Kuratorin mehrere große Ausstellungen, die sich mit interkulturellen Beziehungen zwischen Amerika und China beschäftigen. Im Jahr 2001 wurde sie von der Organisation Chinesisch-Amerikanischer Frauen als »National Woman of the Year« ausgezeichnet; im Herbst 2003 erhielt sie den »Chinese American Museum´s History Makers Award«. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Los Angeles. Von Lisa See erschienen sind Auf dem Goldenen Berge (erhielt 1995 die »Notable Book«-Auszeichnung der New York Times), Der Seidenfächer, Töchter aus Shanghai.

 

SeeTochterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag (22. April 2013)
Übersetzung: Elke Llink
ISBN-Nr.: 978-3570100301
Preis: EUR  19.99 / CHF 32.90

Zu kaufen bei Ihrem Buchhändler vor Ort oder online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Kraft, das Leben anzugehen

Wir gehen durchs Leben und das Leben fliesst so dahin. Wir hadern mit allem, was nicht passt und schimpfen, zetern, gehen weiter. Ab und an erfreut uns was, wir nehmen es zur Kenntnis, gehen weiter. Das Leben nimmt seinen Lauf, die Zeit verrinnt, vollgepackt mit Pflichten, Arbeit, Streben nach allem, was erstrebenswert scheint oder uns als solches vorgemacht wird. Und wenn das Streben nicht fruchtet, hadern wir wieder und sind unzufrieden.

Ab und an schimpfen wir mit uns selber, dass wir nicht erreichen, was wir gerne hätten. Wir schelten uns zu dumm, zu faul, zu sehr mit Unglück behaftet. Wir neiden anderen, was sie haben, weil wir es auch gerne hätten oder ab und an sogar nur, weil sie es haben. So einfach. Sie haben es, sind glücklich (oder scheinen so) und wir sehen dieses Glück und hätten das auch. Und wir finden  tausend Gründe, wieso wir es mehr verdient hätten, dieses Glück zu haben, als sie .

Und irgendwann ist dieses Leben vorbei. Und wir blicken vielleicht zurück. Und denken an die schönen Dinge und sind hoffentlich zufrieden.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Sie könnte aber auch erst anfangen. Wenn wir mal hinsehen, so ganz genau, und analysieren, womit wir hadern, was unser Leben wirklich – so ganz wirklich – beinhaltet – und wonach wir streben, so fällt – ich möchte fast wetten – auf, dass das, womit wir hadern, oft Kleinigkeiten sind, sicher keine Lebenswichtigkeiten. Das, wonach wir streben, sind oft Äusserlichkeiten wie Besitz, Erfolg, Geld, Ruhm, Ehre, Zuneigung (aufgrund von Leistung oder Aussehen oder anderem).

Schauen wir das Leben an, wie es ist, sehen wir uns wohl mit Menschen konfrontiert, die das Glück hatten, in ein Land geboren zu werden, in dem  mehrheitlich Frieden herrscht. Es sind Menschen, die ein Dach über dem Kopf haben, zu essen, einen Computer (sonst könnten sie das nicht lesen), Internet (dito), somit wohl fliessend Strom und wie ich denke auch Wasser. Sie können lesen, weil sie genug Bildung geniessen durften, es zu lernen. Und es gibt sicherlich noch ganz viel mehr, das positiv in die Waagschale geworfen werden könnte, das aber im Alltag einfach als selbstverständlich untergeht. Wer dankt schon jeden Tag dem Mann, dass es ihn gibt, dass er zuhört, wenn Probleme da sind? Wer dankt dem Kind, vor allem, wenn es mal ungezogen ist, dass es gesund ist und einen liebt, wie man ist, einem auch die Fehler verzeiht, die man macht? Wer ist dankbar für den Strom aus der Dose und die Schulbildung, die hinter einem liegt, statt nur die doofen Lehrer Revue passieren zu lassen und einen innerlichen Freudentanz aufzuführen, dass das Kapitel abgeschlossen ist?

Das Leben ist kein Ponyhof und es birgt vieles an Leid, an Unschönem, an Schmerz und Ungewolltem. Die Buddhisten sagen gar, das Leben sei Leid. Sie sagen aber auch, dass es Lösungen gibt für dieses Leid. Und in meinen Augen fangen diese Lösungen immer bei einem selber an. Wir können die Welt nicht ändern. Wir können oft nicht mal unser kleines Umfeld grundsätzlich ändern. Wir können uns aber bewusst werden, was alles gut ist in unserem Leben. Wir können dankbar sein dafür, dass so vieles gut ist. Und dass auch schwierige Zeiten (wenn auch oft erst im Nachhinein sichtbar) eine positive Seite mit sich brachten, weil man etwas gelernt hat, etwas erkannt hat, gewachsen ist. Und ja, es gibt auch diese ganz fiesen, miesen Dinge, die weder Sinn noch Zweck noch Erklärung haben, die einen einfach heimsuchen, umstossen, fertig machen. Es gibt kein Warum und kein Wofür. Jeder kennt sie, jeder hat sie wohl.

Aber es gibt daneben die anderen Dinge, die darüber nicht vergessen werden sollten. Vielleicht wäre es heilsam, jeden Abend aufzuschreiben, was an diesem Tag gut war. Immer 5 Dinge. Wenn man geübt ist, 10. Später 15. Und dann kann man das Licht löschen und in Dankbarkeit für diese 5, 10 oder 15 Dinge einschlafen. Am nächsten Tag hat man immer noch genug Kraft, die anderen anzugehen. Und wer weiss: Vielleicht werden sie weniger. Vielleicht auch weniger drückend. Vielleicht bleiben sie aber genauso schlimm wie sie es am Tag zuvor waren, aber man hat in und für sich ein wenig Kraft geschöpft, sie anzugehen.

Politik mit dem Tod

Ein Flieger des Schweizer Militärs stürzt ab, einer der Insassen ist ein deutscher Militärarzt, der sein ganzes Herzblut in seine Arbeit steckte, der sein Leben nun bei diesem Unfall verloren hat. Die Schweizer Politiker haben nichts besseres zu tun, als diesen Unfall für ihre Propagandazwecke zu nutzen; die einen schimpfen unter Berufung auf das Unglück gegen Fliegereinsaätze und die anderen regen sich auf, dass ein Deutscher im Schweizer Militär sitzt, und wollen gegen die Masseneinwanderung Propaganda machen. Auch das auf dem Unglück eines Menschen.

Wie krank und pietätlos ist diese Welt eigentlich, dass man nicht mal vor dem Tod eines Menschen innehält und ihn für eigene Zwecke ausschlachtet? Wie grausam und kalt agieren hier Politiker, indem sie alles instrumentalisieren, um ihre eigene Haltung zu untermauern? Die Rechtfertigung, es sei zum besten des Landes (das jeder für sich zu wissen in Anspruch nimmt), lasse ich nicht gelten, denn dafür müsste man mit Argumenten auffahren, die sachlich sind und die damit eine wirkliche Grundlage für die je eigene Meinung bieten.

Wie beruhigend wäre es doch, wenn die Politik, die sich um das Wohl eines Landes bemüht, von sachlichen Argumenten, menschlichen Gefühlen und gesundem Menschenverstand geleitet wäre. Eine Utopie?

Humor und Mitgefühl

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Das impliziert, dass man lacht, obwohl es einem nicht gut geht. Trotzdem. Es klingt, als ob das gut ist so, gewollt.

„Niemand will dich weinen sehen, also lache, sonst stehst du alleine da. „

Diesen Rat erhielt ich als kleines Mädchen. Menschen wollen keine Probleme, die hätten sie schon selber, sie wollten Menschen, die feiern, fröhlich sind, positiv. Und wahrlich: Tauchen Probleme auf, reduzieren sich die Freunde oft. Man hört und sieht es überall.

Spass muss sein.

Muss er? Immer? Ist Ernst überholt? Antiquiert? Langweilig? Borniert? Sicher wohl abgelehnt.

Heute kann man alles durch den Kakao ziehen. Wer nicht lacht, hat den Witz nicht begriffen oder ist einfach zu steif. Humor kennt keine Grenzen und wo sie doch sind, werden sie gebrochen und die Brechenden fühlen sich als grosse Pioniere. Alle düsteren Themen werden plötzlich der Spasskultur anheim gegeben.

Szenenwechsel

Krieg, Unfrieden, Streitereien, Anonymität, Skrupellosigkeit, Unmenschlichkeit, Intoleranz. Ein paar Stichworte, die in der heutigen Gesellschaft häufig zu hören sind. Es gäbe derselben noch viele mehr. Keiner hört hin, keiner fühlt mit, jeder ist sich selbst der nächste, jeder schaut auf seinen Profit. Die Stimmen werden laut, man müsse wieder mehr für ein Miteinander einstehen, müsse wieder mehr am Leid der anderen teilnehmen, könne sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.

Kinder sterben, Alte verhungern, Kranke serbeln dahin. Nahrung fehlt, Geld fehlt, Würde fehlt. Wir sehen im Internet, TV und in Magazinen Bildern von Zerstörung, von Leid, von Tod. Wir blättern um, zappen weiter, klicken uns zur nächsten Seite. Unbeirrt,  nicht betroffen.

Wir seien abgebrüht, heisst es, wir seien abgestumpft durch die Überflutung durch Informationen. Unser Hirn müsse sich schützen, um nicht unterzugehen, es könne nur noch die wirklich wichtigen Dinge annehmen und darauf reagieren. Die Hürden werden höher gesetzt, es braucht immer noch mehr Blut, noch mehr Leid, noch mehr Gewalt, um etwas auszulösen.

Szenenwechsel

Ein Unglück passiert und man hört davon. Was nun?

Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

Einfach mal einen Witz machen, wer nicht lacht ist selber doof? Oder war das Unglück nur ein Witz? Man war ja nicht dabei… Würde man nun in Tränen ausbrechen, stünde man schön blöd da… Augen zu und durch, als hätte man nichts gesehen. Damit wahrt man das Gesicht und sollte was sein, kümmert sich sicher ein anderer… und war es was, macht sicher bald jemand einen Witz darüber und man kann noch zünftig lachen, um zu zeigen, dass man voll up to date und mit Humor gesegnet ist.

Ich könnte nun schreiben, dass es dieser Welt gut tun würde, wenn die Menschen wieder achtsamer mit sich umgehen, dass sie sich überlegen, wem gewisse Witze wirklich etwas bringen und ob sie nicht nur einfach deplatziert, weil auf dem Leid vieler Menschen aufgebaut sind. Ich könnte mir wünschen, dass Worte bewusster gewählt und Gefühle tiefer gespürt würden, könnte hoffen, dass das Mitgefühl wieder vermehrt Einzug hielte und man auch nach all den grässlichen Bildern überall nicht aufhören könnte, zu trauern, wenn Unrecht und Leid passieren. Ob das jemand lesen wollte?