Das Universum in mir – von Ordnung und Unordnung

Claudia lebt mit Paul zusammen. Eigentlich haben sie es gut zusammen. Eigentlich. Wenn da nicht die Ecken und Kanten bei Paul wären, die Claudia Monat für Monat etwas mehr stören. Wenn da nicht die Schwierigkeiten wären, die das Zusammenleben bringt, und die man eigentlich lieber nicht mehr hätte. Irgendwann ist das Mass voll, Claudia trennt sich von Paul. Sie findet, dass sie nicht ihr ganzes Leben mit diesen Schwierigkeiten kämpfen möchte, es müsse da draussen einen Menschen geben, der besser zu ihr passe.

Claudia lernt Klaus kennen. Klaus ist toll. Er bleibt toll. Sie ziehen zusammen. Sie leben zusammen. Und so langsam entdeckt Claudia ganz sanft Ecken und Kanten, die ihr bekannt vorkommen. Da war doch was. Wenn Claudia nun wirklich genau hinschauen würde, sähe sie, dass das genau die Ecken und Kanten sind, die schon Paul hatte. Und wenn sie noch genauer hinschaute, sähe sie, dass auch bei Paul die Ecken und Kanten erst über die Monate hinweg zu den Schwierigkeiten führte, die am Schluss Trennungsgrund waren. Und wenn Claudia ganz ehrlich mit sich selber wäre, müsste sie sich vielleicht eingestehen, dass es gar nicht wirklich Ecken und Kanten von Paul und Klaus waren, sondern sie durchaus auch ihren Beitrag zu den Schwierigkeiten leistete.

Was in Beziehungen oft deutlich zu beobachten ist, zeigt sich auch in vielen anderen Bereichen des Lebens. Wir suchen nach einem Ideal, das wir uns im Kopf schön ausgemalt haben und steuern es an. Irgendwann merken wir, dass das Ideal gar nicht so ideal ist, wie wir es uns ausgemalt haben. Das kann viele Gründe haben: Mal sind wir selber nicht in der Lage, es zu erreichen, mal sind die Umstände schwierig, mal liegen Hürden zwischen einem selber und dem Ideal, mal fühlt es sich auch bei Erreichen nicht gut an. Und man erkennt das, geht in sich, sucht neue Ideale und steht irgendwann oft vor denselben Hürden, vor denselben Hindernissen, sieht sich mit denselben Abweichungen vom Idealbild konfrontiert.

Beim ersten Mal kann man noch denken, dass das einfach dumm gelaufen ist. Beim zweiten Mal ist es vielleicht wirklich ganz dumm gelaufen. Beim dritten Mal könnte langsam ein Licht aufgehen, dass diese ewigen Schleifen, die am selben Punkt enden, mit einem selber zu tun haben könnten. Vielleicht steckt da eine Aufgabe drin, die man selber anzugehen hat, bevor man wirklich an den Punkt kommt, den man gerne hätte. Vielleicht ist noch etwas ungeklärt, tief drin in einem, muss man erst mal genau hinsehen und bei sich selber aufräumen, um dann nach aussen zu stossen und die eigenen Idealvorstellungen im Aussen zu suchen.

Das Aussen ist oft nur der Spiegel dessen, was tief drin in einem selber abgeht. Die Beziehung, die man zu sich selber hat, spiegelt sich nicht selten in der Beziehung mit den Menschen im Aussen wieder. Wenn man also immer an ähnliche Menschen gerät, muss man sich mal fragen, welchen Punkt davon man in sich selber trägt und gegen sich oder auch andere auslebt. Wenn man immer wieder neue Projekte an dieselbe Wand fährt, muss man vielleicht mal hinschauen, welche eigene Schwäche dies symbolisiert, wo man sich selber immer wieder gegen eine innere Wand fährt.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Wie soll man den lieben, wenn man sich selber gering schätzt? Wie soll man von ihm ernst genommen werden, wenn man es selber nicht tut? Wie soll er einen genau so haben wollen, wie man ist, und mit Respekt behandeln, wenn man selber ständig mit sich hart ins Gericht geht?

Ich bin das Universum und das Universum ist in mir.

Es gibt die Philosophie, dass alles eins ist, eine grosse Einheit. Alles, was wir um uns, in uns wahrnehmen, ist Teil dieses Ganzen, ist das Ganze, von diesem durchdrungen. Wenn ich also mit mir schimpfe, strahlt das auf meine Umwelt ab. Wenn ich meinem Gegenüber weh tue, ist der Schmerz auch in mir. Wenn ich die Dinge in mir nicht in Ordnung habe, können sie auch im Aussen nicht in Ordnung sein.  Ich kann sie im Aussen in Ordnung bringen, denn das Aussen ist eine Widerspiegelung des Inneren. Es ist sogar einfacher, sie da in Ordnung zu bringen, da oft der klare Blick auf das Innen verloren gegangen ist. Allerdings ist es auch leichter, vor der Unordnung im Aussen wegzurennen, in der Hoffnung, wo anders Ordnung zu finden. Dabei vergisst man nur, dass man die Unordnung im Innen mitnimmt und wieder ans Aussen abgeben wird. Bis man das System begriffen und sich der Aufgabe gestellt hat.

Dann wartet die nächste.

7 Comments

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  1. … das ist eigtl. die Grundproblematik meiner Märchenbuchidee …
    was ist mit Hänsel & Gretel …?! Wie finden sie gemeinsam und doch getrennt nach Hause …?!
    Ein wirklich großartiger Beitrag einer wahren ‚Yogini‘ … In der ‚Atmung‘ liegt (einer) der Schlüssel … 🙂

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  2. Du schreibst:
    „Wie soll man den lieben, wenn man sich selber gering schätzt?“
    Was spricht dagegen? Man nimmt die Liebe des anderen vielleicht als unerwartetes und/oder unverdientes Geschenk an. Und wieso sollte jemand, der mit sich selbst nicht im Reinen ist zur Liebe unfähig sein?
    (hier spreche ich auch aus persönlichem Interesse: Du sprichst mir hier die Fähigkeit zu lieben ab. Und das sehe ich nun mal gar nicht so)

    „Wie soll man von ihm ernst genommen werden, wenn man es selber nicht tut?“
    Auch hier: Was spricht dagegen?
    (auch hier habe ich ein persönliches Interesse: ich nehme mich nicht besonders ernst – schliesslich bin ich in Raum und Zeit kaum mehr als ein Fliegenschiss. Nichtsdestotrotz kann es durchaus sein, dass irgend jemand meint, ich hätte eine Bedeutung – zum Beispiel meine Katze.)

    „Wie soll er einen genau so haben wollen, wie man ist, und mit Respekt behandeln, wenn man selber ständig mit sich hart ins Gericht geht?“
    Respekt nun ist eine Frage des Anstandes (und der Logik) und hat nun wirklich nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, ob ich selbstkritisch bin oder nicht. Bedeutet es nicht, dass ich, wenn ich postuliere, man solle sich selbst toll finden im Umkehrschluss, Selbstkritik auszublenden? Bedeutet das nicht, sich in eine Innenwelt zu flüchten und gemachte Erfahrungen nicht als Anlass zu nehmen, sich selbst zu hinterfragen? Sich also als „fertig“ zu betrachten? Kann es nicht eher sein, dass man im Anderen die gleiche Unsicherheit, den gleichen Lernprozess sieht, den man selbst durchläuft, dass man andere Entscheidungen im Leben wahrnimmt und darum respektiert? Eben, weil man den anderen von sich aus betrachtet. Er selbst mag das komplett anders sehen.

    Das schopenhauer’sche „Das bist Du“ – der Blick auf den anderen als Spiegel des Ich ist insofern richtig als ich durch meine Sicht bestimme, was der Gegenüber für mich ist. Ich definiere in mir meine Umwelt. Die Umwelt spielt da natürlich mit hinein, denn es kann sich nichts spiegeln was ich nicht sehe. Ich denke, das ist logisch und nachvollziehbar. Ich halte es aber für falsch zu denken, die Wirklichkeit definiere sich durch mich. Sie definiert sich nur für mich – durch mich. Und das Bild, das andere haben, muss nicht zwingend gleich sein. Denn hier irrt Schopenhauer. Die Verbindung zu meinem Umfeld ist nicht die eines allumfassenden Ganzen – meine Verbindung zu dem Käfer in Fernost, der grade einen Baum hochkrabbelt, dürfte eher marginal sein. Selbst in meinem engen Umfeld gibt es Verbindungen, die enger und welche, die weiter gefasst sind. Es ist meine (mehr oder weniger) freie Entscheidung, mit meinem Umfeld in eine Verbindung zu treten. Doch auch umgekehrt tritt das Umfeld mit mir in Verbindung. Das kann ich ignorieren, ablehnen oder auch annehmen. Auf eine Aktion von Aussen hin kann ich entscheiden, ob und wie ich damit umgehe. Genauso umgekehrt kann ich entscheiden, mit der Umwelt in Kontak zu treten und die Art und Weise wählen, wie ich das tue. Die Wahl ist ein Ergebnis meiner gemachten Erfahrungen und wie ich sie einsortiere.

    Der Schluss allerdings, dass die Probleme, die ich habe, mit mir zu tun haben, ist natürlich richtig. Immer. Denn ich bestimme, was mir ein Problem macht und was nicht. Und somit ist der Ansatz, bei sich selbst zu suchen, sicher gut. Doch finde ich, er beisst sich zwingend mit der oben gemachten Forderung, sich selbst zu akzeptieren, platt gesagt, sich selbst toll zu finden. Denn wenn ich mich selbst toll finde: warum sollte ich an mir arbeiten und versuchen, ein „besserer Mensch“ zu werden?

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    • Danke für deinen umfassenden Kommentar, Thomas. Dass wir bei der Frage unterschiedlich denken, ist nicht neu, das haben wir ja schon öfters besprochen. Ich möchte folgende Punkte herausnehmen, bin mir bewusst, dass ich deiner langen Ausführung damit nicht gerecht werde und nicht alle Punkte behandle:

      1) Ich habe nirgends dir persönlich etwas abgesprochen, da dieser Text alleine meine Meinung darstellt, mein Denken von den Dingen, meine Sicht von Liebe, Menschsein, Miteinander.

      2) Ich habe nie behauptet, dass der einzelne Mensch (oder ich selber) im Ganzen eine unglaublich wichtige Sache ist, im Gegenteil denke ich, dass er nicht über allem steht, damit aber keiner wichtiger ist als der andere, auch keiner unwichtiger.

      3) Ich habe nie behauptet, Selbstkritik sei nicht erwünscht oder sogar abzulehnen – wer mich kennt und meinen Blog ab und an liest, weiss das durchaus. Das in diesen Text hineinzulesen erachte ich als Interpretation, die nichts mit dem Text, sondern mit dem Interpretierenden zu tun hat.

      4) Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man sich annehmen sollte, wie man ist, mit allen Schwächen und Stärken, denn das ist nun mal der Ausgangspunkt, an dem man hier und heute steht. Das heisst nicht, dass man hier und genau so stehen bleiben müsste, aber ich bin der Meinung – und das ist nur meine Meinung und die hat nichts mit dir oder sonst jemandem persönlich zu tun, sondern widerspiegelt meine Weltsicht -, dass eigenes Wachsen und sich Entwickeln nur geschieht, wenn man von dem ausgeht, was im Moment ist. Nur immer dahin zu sehen, was man gerne wäre, dabei zu ignorieren, was man ist, hiesse, ein Haus ohne Berücksichtigung des momentanen Fundaments bauen zu wollen. Der Gedanke „ich bin dann gut, wenn ich anders bin“ ist eine Illusion, da man nie weiss, wie man wirklich ist, wenn man anders ist, zumal man nicht mal wirklich weiss, wie man heute ist. Das weiss man nur, wenn man hinschaut, sich hinterfragt, kritisch, aber auch liebevoll. Gewalt und Härte gegen sich wie gegen andere ist in meinen Augen kein Weg, den ich propagieren möchte.

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  3. Erstaunlich! Eure beiden Positionen spannen – auch & gerade in ihrer Tiefe & Wahrheit – den Bogen von Ich zum Du, vom Dual zum Einen (zwischen Null und Eins, evtl auch Ying&Yan) etc.
    Ich denke, jeder Mensch (und natürlich bleiben Zweifel, Schwächen usw. uns immanent) kann (sich) lieben, eben WEIL er lieben kann …
    Die Botschaft des Neuen Testamentes ‚Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst‘ wird mithin & dadurch Lebendiger (in und durch uns) … LG

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  4. Vielleicht liegt das „Geheimnis“ darin, dass man den anderen liebt, so wie er ist, aber wenn es der andere auch tut, dann sieht man den anderen auch so, wie er ist – also auch inklusive der Ecken und Kanten – und dann „arbeitet“ man gemeinsam auch an diesen Ecken und Kanten. Das geht vielleicht dann auch leichter, wenn man weiss und akzeptiert, dass der andere nicht nur das ist, was ich sehe, sondern unendlich viel mehr – von mir selbst sollte ich das auch wissen. Und wenn es immer wieder Neues zu ent-decken gibt, dann relativieren sich die bekannten Ecken und Kanten. Natürlich muss man auch nicht alles akzeptieren. Was auch für beide gilt.
    Den anderen lieben, so wie er/sie ist, heisst auch nicht, den status quo zu akzeptieren und damit festzuschreiben, sondern offen zu sein für alles, was darüber hinaus noch im andern verborgen ist. Liebe heißt – und das ist der einzige „Liebesbeweis“ – dass die Welt eine andere geworden ist. Und diese ganze neue Welt im anderen gegenwärtig ist – eben ALLES (wie du, liebe Sandra, es an anderer Stelle viel schöner in einem Wort formuliert hast).

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