Samira Zingaro – Nachgefragt

zingarosamiraSamira Zingaro (1980) studierte Medien- und Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie war als Journalistin für verschiedene Printmedien tätig und arbeitet seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen.
Samira Zingaro hat mir im Zusammenhang mit ihrem Buch „Sorge dich nicht!“ – Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid einige Fragen beantwortet.

 

Suizid ist auch heute noch ein Tabuthema, was interessiert Sie daran?

Grundsätzlich wird das Thema heute weniger tabuisiert als noch vor ein paar Jahren. Mich persönlich interessiert unter anderem, wie es Angehörigen gelingt, nach einem solchen Todesfall in der Familie weiterzuleben.

Wieso wollten Sie dieses Buch schreiben? Hat es eine Vorgeschichte?

Ich habe selbst ein Geschwister durch Suizid verloren und stellte daraufhin fest, dass es kaum Literatur gibt zum Thema Geschwistertrauer, noch weniger zu hinterbliebenen Geschwistern nach Suizid.

Was ist an der Geschwisterperspektive besonders? Wieso wählten Sie diese Perspektive?

Eine Geschwisterbeziehung ist eine interessante Konstellation: Sie kann zu den längsten im Leben gehören. Sie kann, muss aber nicht immer harmonisch sein. Ich wählte unter anderem diese Perspektive, weil Geschwister durch die gemeinsame Kindheit meist ähnlich sozialisiert werden. Auch gehören sie der gleichen Generation an. Ein Suizid wirft viele Fragen auf, bezogen auf ein Geschwister etwa: Wie grenzt man sich als Bruder oder Schwester von dem Entscheid des Geschwisters ab? Wie verhält man sich gegenüber den trauernden Eltern? Rückt die eigene Trauer durch die Sorge um sie in den Hintergrund? Im Gegensatz zu den Eltern stehen die hinterbliebenen Geschwister oft mitten im Leben, wenn ein Suizid passiert.

War es schwierig Betroffene zu finden? Wie sind Sie bei der Suche vorgegangen?

Die Suche nach Betroffenen war nicht so schwierig, es gibt in unserer Gesellschaft unzählige Hinterbliebene nach Suizid. Ich habe die Protagonisten einerseits selbst gefunden, anderseits wurde sie mir auch von Bekannten vermittelt.

Fühlten Sie selber Hemmungen im Gespräch mit den Geschwistern? Mit welchen Schwierigkeiten sahen Sie sich konfrontiert?

Die grösste Herausforderung war es, die Geschwister davon zu überzeugen, so viel Persönliches über sich zu erzählen. Ich musste das Vertrauen gewinnen und immer wieder überprüfen, ob ich ihre Geschichte, ihre Erinnerungen, Gedanken und Gefühle auch richtig verstanden habe.

Sie führten die Gespräche mit den betroffenen Geschwistern teilweise über Jahre, wie erlebten Sie diese lange Zeit? War das Thema ständig präsent oder mussten Sie es zu jedem Gespräch neu heraufholen?

Die Gespräche über all diese Monate hinweg waren sehr bereichernd. Es ist klar, dass das Thema Suizid während der Treffen und im Schreibprozess sehr präsent war, da ich aber neben dem Schreiben noch beruflich eingespannt war, habe ich mich zwischendurch immer auch mit anderen Themen beschäftigt.

Hat sich Ihre eigene Sicht auf das Thema Suizid verändert durch diese Gespräche?

Vielleicht insofern, dass ich nun viel mehr über dieses Thema weiss.

Was erhoffen Sie sich durch das Buch? Was wollen Sie damit bewirken?

Die Geschichten im Buch sollen Mut machen, denn sie erzählen von Hinterbliebenen, die trotz dieses Schicksalsschlags nicht nur überleben, sondern weiterleben. Auch sollen die Porträts für mehr Verständnis sorgen, denn oft wissen Bekannte nicht, wie mit Trauernden umzugehen.

Haben Sie Reaktionen erhalten?

Ja, bis jetzt habe ich sehr viele positiven Rückmeldungen erhalten.

Ist die heutige Gesellschaft wirklich so aufgeklärt, wie wir gerne glauben oder stecken wir doch noch in stark verurteilenden Wertemassstäben fest?

Eine interessante Frage. Die unterschiedlichen Geschichten und Begegnungen zu Suizid zeigten mir, dass zu diesem Thema immer noch sehr viel Stigmata und rasch gefällte Urteile vorherrschen. Suizid wird zum Teil immer noch als Versagen gewertet – Versagen des Suizidenten, aber auch Versagen der Angehörigen.

Oft hört man, Suizid sei feige, einer Ihrer Interviewten meinte, er hätte seinem Bruder den Mut, den endgültigen Schritt zu gehen, nicht zugetraut. Was ist es denn nun? Feigheit oder Mut? Oder etwas Drittes?

Was Suizid für jemanden bedeutet, muss jeder für sich entscheiden. Für mich haben beide Wörter, Feigheit oder Mut, viel mit Bewertung zu tun und ich masse mir nicht an, einen solchen Schritt zu bewerten. Der Porträtierte brauchte das Wort Mut nicht im heroischen Sinne. Es braucht vielmehr Kraft, etwas zu tun, das mit dem Überlebenswillen, dem Urtrieb des Menschen, so gar nicht kompatibel ist. Warum sich jemand umbringt, kann nur der Suizident selbst für sich sagen.

Noch eine kritische thematische Frage: Es gibt ein Recht auf das eigene Leben – es ist, wie die Würde, unantastbar. Heisst das, dass auch ich selber mein Leben nicht antasten darf oder aber, dass mein Recht auf mein Leben auch das Recht auf dessen Ende beinhaltet?

Das ist eine philosophische, vielleicht auch religiöse Frage. Welche Haltung beim Thema Suizid jemand einnimmt, muss jeder für sich entscheiden. Wichtig erscheint mir aber zu erwähnen, dass jeder, der sich das Leben nimmt, immer auch Angehörige hinterlässt, die mit der grossen Belastung weiterleben müssen.

Was ist ihr persönliches Fazit zu diesem Thema und ihrem Buch?

Es ist wenig ergiebig, danach zu fragen, warum sich jemand das Leben genommen hat, auch wenn Angehörige die Frage oft lange quält.

Was würden Sie sich wünschen im Umgang mit diesem Thema?

Mehr Sensibilität, weniger Spekulationen.

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese ausführlichen Antworten!

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