Kraft, das Leben anzugehen

Wir gehen durchs Leben und das Leben fliesst so dahin. Wir hadern mit allem, was nicht passt und schimpfen, zetern, gehen weiter. Ab und an erfreut uns was, wir nehmen es zur Kenntnis, gehen weiter. Das Leben nimmt seinen Lauf, die Zeit verrinnt, vollgepackt mit Pflichten, Arbeit, Streben nach allem, was erstrebenswert scheint oder uns als solches vorgemacht wird. Und wenn das Streben nicht fruchtet, hadern wir wieder und sind unzufrieden.

Ab und an schimpfen wir mit uns selber, dass wir nicht erreichen, was wir gerne hätten. Wir schelten uns zu dumm, zu faul, zu sehr mit Unglück behaftet. Wir neiden anderen, was sie haben, weil wir es auch gerne hätten oder ab und an sogar nur, weil sie es haben. So einfach. Sie haben es, sind glücklich (oder scheinen so) und wir sehen dieses Glück und hätten das auch. Und wir finden  tausend Gründe, wieso wir es mehr verdient hätten, dieses Glück zu haben, als sie .

Und irgendwann ist dieses Leben vorbei. Und wir blicken vielleicht zurück. Und denken an die schönen Dinge und sind hoffentlich zufrieden.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Sie könnte aber auch erst anfangen. Wenn wir mal hinsehen, so ganz genau, und analysieren, womit wir hadern, was unser Leben wirklich – so ganz wirklich – beinhaltet – und wonach wir streben, so fällt – ich möchte fast wetten – auf, dass das, womit wir hadern, oft Kleinigkeiten sind, sicher keine Lebenswichtigkeiten. Das, wonach wir streben, sind oft Äusserlichkeiten wie Besitz, Erfolg, Geld, Ruhm, Ehre, Zuneigung (aufgrund von Leistung oder Aussehen oder anderem).

Schauen wir das Leben an, wie es ist, sehen wir uns wohl mit Menschen konfrontiert, die das Glück hatten, in ein Land geboren zu werden, in dem  mehrheitlich Frieden herrscht. Es sind Menschen, die ein Dach über dem Kopf haben, zu essen, einen Computer (sonst könnten sie das nicht lesen), Internet (dito), somit wohl fliessend Strom und wie ich denke auch Wasser. Sie können lesen, weil sie genug Bildung geniessen durften, es zu lernen. Und es gibt sicherlich noch ganz viel mehr, das positiv in die Waagschale geworfen werden könnte, das aber im Alltag einfach als selbstverständlich untergeht. Wer dankt schon jeden Tag dem Mann, dass es ihn gibt, dass er zuhört, wenn Probleme da sind? Wer dankt dem Kind, vor allem, wenn es mal ungezogen ist, dass es gesund ist und einen liebt, wie man ist, einem auch die Fehler verzeiht, die man macht? Wer ist dankbar für den Strom aus der Dose und die Schulbildung, die hinter einem liegt, statt nur die doofen Lehrer Revue passieren zu lassen und einen innerlichen Freudentanz aufzuführen, dass das Kapitel abgeschlossen ist?

Das Leben ist kein Ponyhof und es birgt vieles an Leid, an Unschönem, an Schmerz und Ungewolltem. Die Buddhisten sagen gar, das Leben sei Leid. Sie sagen aber auch, dass es Lösungen gibt für dieses Leid. Und in meinen Augen fangen diese Lösungen immer bei einem selber an. Wir können die Welt nicht ändern. Wir können oft nicht mal unser kleines Umfeld grundsätzlich ändern. Wir können uns aber bewusst werden, was alles gut ist in unserem Leben. Wir können dankbar sein dafür, dass so vieles gut ist. Und dass auch schwierige Zeiten (wenn auch oft erst im Nachhinein sichtbar) eine positive Seite mit sich brachten, weil man etwas gelernt hat, etwas erkannt hat, gewachsen ist. Und ja, es gibt auch diese ganz fiesen, miesen Dinge, die weder Sinn noch Zweck noch Erklärung haben, die einen einfach heimsuchen, umstossen, fertig machen. Es gibt kein Warum und kein Wofür. Jeder kennt sie, jeder hat sie wohl.

Aber es gibt daneben die anderen Dinge, die darüber nicht vergessen werden sollten. Vielleicht wäre es heilsam, jeden Abend aufzuschreiben, was an diesem Tag gut war. Immer 5 Dinge. Wenn man geübt ist, 10. Später 15. Und dann kann man das Licht löschen und in Dankbarkeit für diese 5, 10 oder 15 Dinge einschlafen. Am nächsten Tag hat man immer noch genug Kraft, die anderen anzugehen. Und wer weiss: Vielleicht werden sie weniger. Vielleicht auch weniger drückend. Vielleicht bleiben sie aber genauso schlimm wie sie es am Tag zuvor waren, aber man hat in und für sich ein wenig Kraft geschöpft, sie anzugehen.

6 Kommentare zu „Kraft, das Leben anzugehen

  1. Guten Morgen Sandra… Ich lese Denkzeiten oft kurz vor dem Einschlafen, so wie dieses letzte Nacht. Ich kann wirklich “alles unterschreiben“ und sehe es auch so oder so ähnlich, was du da so treffend analysierst und wunderbar in die deutsche Sprache zu formen vermagst. Beim Einschlafen oder gar im Traum beschäftigt mich das jeweiliges Thema eine ganze Weile. Es setzen tatsächlich DENKZEITEN bei mir ein.
    Ich danke dir sehr für diesen Input, den ich nicht mehr missen möchte.

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