Stärken und Schwächen – Das Leben in die Hand nehmen
Doris Iding: Die Angst, der Buddha und ich
Karma – alles kommt zurück
Es gibt Menschen, die gehen durchs Leben und nehmen sich, was sie wollen, weil sie es brauchen und denken, es stehe ihnen zu. Die ganze Welt, da sind sie sich sicher, ist nur dazu da, ihnen zu dienen. Sie greifen mit vollen Händen zu, Widerstand dulden sie nicht, sie erachten ihn als ihnen nicht gebührend, die ihnen Widerstehenden als ihnen untertan und deswegen nicht legitimiert, welchen zu leisten.
Was gibt ihnen das Recht, so zu sein? Wieso geben wir ihnen oft die Macht, sich so aufzuführen und uns gegenüber den grossen Macker herauszukehren? Wohl weil sie einem kaum eine Wahl lassen. Sie kommen mit einer Selbstverständlichkeit daher, die einen erst mal platt macht. Man denkt sich, das kann nicht sein, nicht ernst, nicht gemeint. Man kann es sich kaum vorstellen, dass jemand so unverfroren denken und gar handeln kann, weil es einem selber fern ist, hält man doch Werte wie Menschlichkeit, Miteinander, Rücksicht hoch. Und während man perplex die richtigen Worte sucht, sind sie mit ganzen Lawinen voller Unflätigkeiten über einen hinweggefegt.
Ab und an kommt der Gedanke auf, man müsste auch ein wenig mehr wie diese sein. Man müsste auch einfach nur noch für sich schauen, sich nehmen, was man will, nicht denkend, was das mit andern macht, da diese gar nicht zählen. Man malt es sich aus, sieht sich als alles hinwegfegenden Orkan, jeglichen Anstand und jegliche Rücksicht missachtend. Und man merkt plötzlich, dass man das nicht könnte, weil man es gar nicht wollte. Es wäre nicht vereinbar mit allem, was einem wichtig ist, was einem richtig erscheint, woran man glaubt. Es widerspräche jeglichen Grundsätzen von Moral und Ethik, jeglichen Forderungen der (Mit)Menschlichkeit.
So bleibt wohl nur noch eines: Sich so weit als möglich von Menschen zu distanzieren, die diese Werte nicht teilen, sie in ihrem Haifischbecken zu lassen, selber in den eigenen Buchten zu schwimmen, unter Gleichgesinnten, solchen, die Mensch sind und unter Menschen sein wollen. Glücklich sind die Haie wohl nicht, auch wenn sie sich mit Gewalt alles nehmen, was sie haben wollen. Das ist vermutlich sogar der Grund, wieso sie es tun. Der verzweifelte Kampf um Glück, welches sie mit Macht erreichen wollen, weil sie denken, es stehe ihnen zu. Dabei vernachlässigen sie, dass Glück nie auf Gewalt und Unfrieden aufbaut, sondern im Frieden und Miteinander begründet ist. Glück lässt sich nicht erkämpfen, es kommt über einen, wenn man dafür offen ist.
Egal was man liest, sei es die Bhagavad Gita, die Bibel, Kant oder andere wegweisenden Schriften und Denker: Alle haben als Handlungsmaxime dasselbe propagiert: Handle so, dass dein Handeln niemanden verletzt, dass dein Handeln andern als Beispiel dienen kann, dass dein Handeln nicht um der Früchte willen, sondern um des richtigen Handelns willen geschehe. Diese Schriften haben Jahrhunderte, Jahrtausende überdauert und wurden immer (wenn auch oft nur theoretisch) für richtig gehalten. Die darin liegende Botschaft scheint so etwas wie ein universelles Gesetz des Miteinanders zu sein. Sich daran zu halten kann also nicht so schlecht sein. Glaubt man an die Gesetze des Gleichgewichts, an Karma und Gerechtigkeit, so weiss man: Alles kommt zu einem zurück, irgendwann gleicht sich alles aus. Sich an die Werte des richtigen und guten Handelns zu halten lässt einen mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Und das kann helfen, im Hier und Jetzt für sich ein bisschen Ruhe zu finden.
Lisa Moore: Und wieder Februar
Des Lebens Tiefen
Als Cal beim Untergang einer Bohrplattform ums Leben kommt, steht Helen mit ihren vier Kindern von einem Tag auf den anderen alleine da. Sie sieht sich vor der Situation, das Leben, das sie gemeinsam mit ihrer grossen Liebe meistern wollte, nun alleine bestreiten zu müssen.
Wegen der Kinder verspürte Helen grossen Druck, so zu tun, als gäbe es kein Ausserhalb. Oder wenn es doch eines gab, so zu tun, als sei sie ihm entkommen. Helen wollte, dass die Kinder glaubten, sie sei drinnen, bei ihnen. Das Ausserhalb war eine hässliche Wahrheit, die sie für sich zu behalten gedachte.
Während sie nach aussen die Starke Frau markiert, für ihre Kinder eine liebevolle Mutter ist, wird sie innerlich zerfressen von dem Verlust, der Trauer. Oft sind es nur ihre Kinder, die sie davor bewahren, ihrem Mann in die Wellen zu folgen. Die Kinder werden grösser, Helen wird sogar Grossmutter, das Familienleben ist bunt, nicht immer einfach. Das Leben geht beständig weiter und es hält auch für Helen noch viel bereit, für das sie sich langsam wieder öffnen kann.
Lisa Moore gelingt mit Und wieder Februar eine Familiengeschichte, die einen ganz und gar in den Bann zieht. Ihre eigenwillige Erzählform, bei welcher aktuelle Alltagserlebnisse mit Erinnerungen durchsetzt werden, fügt Teil für Teil ein ganzes Lebens-Puzzle zusammen. Langsam wird so die Vergangenheit in die Gegenwart eingewoben, nimmt die Geschichte von Helen Raum im Heute ein und zeigt, wie dieses Heute entstanden ist. Ohne Kitsch und Pathos versteht es Lisa Moore, eine Geschichte von Verlust, Trauer, Weiterleben, Liebe und Familie zu erzählen. Es ist die Geschichte einer Frau, die nach dem Verlust ihres Mannes die gemeinsamen Kinder grosszieht und für sie stark ist, trotz ihrer Trauer um den geliebten Mann, trotz des Verlustes und der fehlenden Unterstützung durch diesen.
Fazit
Ein Buch, das einen einnimmt und nicht mehr loslässt. Sehr empfehlenswert.
Zur Autorin
Lisa Moore
Lisa Moore, 1964 in St. John’s, Neufundland, geboren, studierte Kunst am Nova Scotia College of Art and Design. Sie gilt als eine der talentiertesten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Ihr Debütroman „Alligator“ sowie der Erzählungsband „Open“ waren nationale Bestseller. Mit „Und wieder Februar“ war sie Finalistin für den „Man Booker Prize“.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. August 2013)
Übersetzer: Kathrin Razum
ISBN: 978-3442479054
Preis: EUR 8.99/ CHF 14.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH
Wohin führt der Weg?
Ich muss, ich muss – ich kann nicht mehr
Oft treiben wir uns an, sehen alles, was wir müssen, müssten, sollten, wollten. Wir denken, wir könnten es nicht nicht tun, da es uns sonst jemand – oder wir selber – übel nähme, er schlecht von uns dächte, uns gar für faul hielte. Wir denken, wir könnten nicht einfach mal nichts tun. Wo kämen wir da hin, wäre der Terminkalender leer und wir hätten tatsächlich Zeit, wenn jemand fragt, ob wir die hätten, haben sie doch andere auch kaum und alle sind verplant – ständig.
Termine, Termine, sie jagen sich, einer nach dem anderen. Sind sie nicht da, läuft etwas falsch. Die, die alles richtig machen, sind gefragt, eingespannt, sie können Mails nicht beantworten, weil sie so viele Termine haben, schaffen es nicht auf einen Kaffee, sind einfach unabkömmlich. Was würde das für ein Licht auf einen werfen, wäre man da, hätte Zeit, schriebe sofort zurück? Damit würde man sich förmlich als Taugenichts outen, als einer, der nichts Besseres zu tun hat, als eben Kaffee zu trinken und Mails zu schreiben. Das geht ja gar nicht.
Und so geht man dahin, füllt die Tage, packt rein, was nur rein geht. Denn was rein geht, muss rein. Und dann ist es vollbracht. Der Kalender ist voll. Angefüllt mit allem, was rein ging, reingehen musste, sollte, konnte. Und man steht da, sieht diese Agenda, die mal weiss war und nun in allen Farben leuchtet, ist also an dem Ort, an den man wollte. Das Hochgefühl, wenn überhaupt, ist kurz. Dann kommt nur schon beim Anblick all dessen eine erste Erschöpfung auf. Sie breitet sich aus. Man schilt sich. Andere machen das auch. Nun keine Müdigkeit vortäuschen. Weiter im Text. Das pack ich. Das muss ich packen.
Die Erschöpfung breitet sich aus. Sie schlägt auf den Körper. Magen, Kopf – was immer kann, rebelliert. Man merkt, dass man sich wohl übernommen hat, dass alles zuviel ist, man es nicht packt, eigentlich gar nicht packen will – und wohl auch nicht kann. Man hat sich übernommen, weil man dachte, es zu müssen, um irgendwem (und sich selber) etwas zu beweisen. Man hat sich übernommen, indem man sich mehr auflud, als einem gut tat. Die Frage, was zu einem passt, wie viel gut ist, was zuviel, stellte man sich gar nie in dem Ganzen. Man liess sich treiben, blind und taub, war eigentlich gar nicht mehr Herr seiner Taten, sondern nur noch Sklave seiner (An)Triebe.
Noch ist die Zeit da, das zu ändern. Dinge, die im Kalender stehen, lassen sich auch wieder löschen. Nicht immer leicht, nicht immer ohne Konsequenzen – sie drin zu lassen wider besseres Wissen und entgegen der Warnsignale des eigenen Körpers und Geistes hat aber auch welche. Dies vergisst man zu gerne. Es gibt sogar keine tiefer gehende Konsequenz als die, welche man am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfährt, denn diese trifft einen immer direkt und ab und an sehr unvermittelt und hart. Besser wäre es, die Warnsignale ernst zu nehmen und sich endlich sich selber zuzuwenden, zu sich zu schauen, statt sich irgendwelchen von aussen gefühlten oder gedachten Antrieben zu beugen und zu unterwerfen.
Es wird einen niemand besser finden, nur weil man keine Zeit mehr hat. Es wird einen auch keiner mehr respektieren, höher einschätzen, nur weil man ach so beschäftigt ist. Vielleicht ist es sinnvoller, den Kaffee einfach in Ruhe für sich selber zu trinken, sich der Zeit für sich zu erfreuen, statt irgendwem nachzurennen, der keine Zeit hat. Er ist nicht besser, nur mehr beschäftigt. Die Konsequenzen muss er tragen, denn es ist sein Leben. Vielleicht stimmt es für ihn so, vielleicht ist aber auch er nur ein Getriebener. Das weiss nur er. Ich trinke jetzt einen Kaffee, durchforste meine Agenda und erfreue mich an den weiss gewordenen Stellen. Nächstes Jahr lasse ich sie gleich leer, man soll ja die Warnanlagen nicht überstrapazieren. Trotzdem: Besser spät als nie!
Von Hunden, Vorbildern und Stöcken – und vieles mehr
Bei meinem Hund habe ich das Stöckchenwerfen aufgegeben, da er diesem zwar gerne hinterher rennt, es aber kaum mehr zurück bringt. Nun wurde mir von Jürg Wyss ein Blogstöckchen geworfen und ich will mit gutem Beispiel voran gehen. Wer weiss, ob in Zukunft auch mein Hund die geworfenen Stöckchen wiederbringt, wenn er sieht, wie ich sie brav apportiere 😉
1. Meine liebste Twitterdiskussion in diesem Jahr handelte von…
…
Ich weiss es gar nicht, zumal ich auf Twitter eher selten diskutiere und sowieso ruhiger wurde. Meine Twittereuphorie liess ein wenig nach, weil ich in 140 Zeichen die Dinge nicht so ausdrücken kann (gerade in ernsten Themen), wie ich das gerne täte. Für kurze Statements ist Twitter witzig, spritzig, lebendig, für Diskussionen nutze ich lieber andere Plattformen (z. B. Facebook, Skype oder das ganz profane Cafè in der Stadt.
2. Wo holt Ihr die verlässlichsten Informationen im Netz?
Das kommt drauf an, wozu ich Informationen suche. So oder so sind Infos aus dem Netz (andere aber auch) immer mit Vorsicht zu geniessen und es will genau hingeschaut werden, von wem sie stammen und wie verlässlich sie sind. Den Anfang macht sicher immer eine ganz normale Googlesuche, danach fliesse ich weiter, den einzelnen Ästen und Ergebnissen nach. Einschlägige Onlineenzyklopädien konsultiere ich, wenn ich wissenschaftlichere Fragen offen habe.
3. Fremde Menschen sollen miteinander über Social Media in Kontakt treten, weil…
Sollen tun sie gar nicht zwingend über Social Media, es ist aber schön, wenn Menschen generell miteinander in Kontakt treten. Der kurze Schwatz mit der Nachbarin, Plaudern mit der Frau an der Kasse, den Nachbarn im Tram mal nicht nur still mustern, sondern sich unterhalten, Zugbekanntschaften geniessen und auch sonst Kontakte pflegen. Social Media kann helfen, das Eis ungezwungener schmelzen zu lassen. Die Hürde, jemanden anzusprechen, ins Gespräch zu kommen, ist tiefer als im realen Leben. Ich habe über Twitter und auch über FB ganz tolle Kontakte gewonnen, über die ich mich von Herzen freue. Einige erfreuen mich seit da auf den jeweiligen Plattformen, andere kenne ich mittlerweile real und möchte sie in meinem Leben nicht mehr missen. Die Schwierigkeit bei Treffen ist wohl, dass SM die Menschen über grosse Distanzen vernetzt – was aber auch eine grosse Bereicherung sein kann.
4. Was verpassen Menschen ohne Internetzugang (gewollt oder ungewollt)?
Sie verpassen den Zugang zu unkompliziert verfügbaren Informationen und Nachrichten – verpassen aber auch positiverweise eine grosse Nachrichten- und Informationsflut, die über einen hereinbrechen kann.
5. Wie hat Social Media Eure Lebensqualität verändert?
Meine Lebensqualität gar nicht, die hängt weder positiv noch negativ von SM ab. Das Internet per se hat Teile meiner Arbeit leichter gemacht, das hat aber wenig mit SM zu tun und mehr mit Recherche in den online verfügbaren Katalogen, Bibliotheken und ähnlichem.
6. Welche Erfindung hättet Ihr gerne gemacht?
Ich bin nicht der Erfindertyp. Ich habe genug zu tun mit den – wie ich finde – wichtigen Fragen des Lebens (Wer bin ich, wie will ich sein, was macht das Leben lebenswert, was ist Leben überhaupt, to be continued….), so dass ich das Erfinden anderen überlassen. Ich schreibe höchstens über meine geistigen Findungen, die Texte sind dann quasi meine Erfindungen.
7. Was hättet Ihr an Eurem 20. Geburtstag, wenn es denn da Twitter schon gegeben hätte, vertwittert?
Vermutlich gar nichts. Ich mag keinen Rummel um mich und meine Person und feiere meinen Geburtstag selten – wenn, dann im engsten Kreis.
Jürg stellte noch ein paar Bonusfragen geschäftlicher Natur:
Warum bist Du selbständig Erwerbender geworden?
Es war die logische Fortführung meines Naturells. Ich bin sehr klar denkend, sehr schnell entscheidend und sehr effizient arbeitend. Damit eckte ich in Angestelltenverhältnissen eher an. Zudem mag ich keine von aussen auferlegten starren Strukturen, bin generell sehr selbständig und konnte damit auch Kind und Arbeit gut unter einen Hut bringen, da ich es genoss, mein Kind zu Hause bei mir aufwachsen zu sehen. Das ist keine Wertung irgendeines Modells, das ist schlicht meine persönliche Präferenz. (Muss man ja heute immer dazu schreiben, da die Rollen von Frauen und Mütter extreme Minenfelder sind….). Heute, da mein Sohn immer grösser wird, wäre es sicher auch anders möglich, aber im Moment passt es so, zumal ich für das neue Jahr viele wunderbare Pläne und Vorhaben habe.
Wie hat sich Dein Leben dadurch geändert?
Ich kenne das Angestelltenverhältnis nur aus Job neben dem Studium, war auch da eher frei in der Jobwahl und der Ausübung.
Wie trennst Du Privatleben und Geschäft?
Kaum – ich habe das Glück, dass meine Arbeit als Yogalehrerin Herzensangelegenheit ist, Yoga mehr Lebensweg denn Beruf darstellt. Meine Arbeit als Korrektorin und Lektorin gibt einen schönen Ausgleich, kann ich darin meine Liebe zur Sprache weiter pflegen und schätze auch den Austausch mit den Autoren sowie die Einblicke in viele verschiedene Bereiche durch die zu korrigierenden Texte.
Welche Rolle hat das Internet und Social Media für Dein Geschäft?
Keine tragende. Ein paar Aufträge kamen über diese Kanäle, mehr aber über andere Wege.
Warum sollte jemand überhaupt sein eigenes Unternehmen gründen?
Sollen tut das keiner. Wenn es ihm aber eine Herzensangelegenheit ist, würde ich es in Betracht ziehen, immer im Wissen, dass es nicht nur Zuckerschlecken ist, danach auch nicht jeden Tag nur eitel Sonnenschein herrscht und der Papierberg drumrum ab und an grösser erscheint als die Arbeit selber.
Was sind Deine Tipps für Firmengründer?
Rechnen, rechnen, rechnen – in sich hören, Pläne machen, euphorisch sein, Tatendrang entwickeln, gezielt vorwärts gehen – nochmals rechnen, nochmals in sich hören… und weiter gehen.
Was fasziniert Dich genau an Deinem Tätigkeitsgebiet?
Yoga ist für mich ein Wunder. Er gibt mir Kraft, er gibt mir Ruhe, er gibt mir neue Erfahrungen, bringt mich tagtäglich in Beziehung – zu mir, meiner Umwelt, zum Leben. Ich lerne dadurch tagtäglich mehr und neue Welten eröffnen sich. Im neuen Jahr wird das ganz konkret sein, da ich noch einiges vor mir habe, auf das ich mich sehr freue.
Wo würdest Du am liebsten leben?
Ich habe seit 16 Jahren eine Lieblingsstadt: München. Viele Male wollte ich umsiedeln, plante es zeitweise sogar konkret und schreckte dann doch im letzten Moment zurück. Ich bin wohl doch ziemlich gerne in der Schweiz – auch wenn ich ab und an über diese schimpfe, sie gar zu klein, gar zu kalt, gar zu unbeweglich empfinde. In der Schweiz selber lebte ich schon an vielen Orten, momentan in Zürich und das gefällt mir doch sehr gut. Jeden Winter träume ich vom Leben in der Wärme. Wäre mal die Möglichkeit von Sidney oder San Francisco – würde ich mein Schweizersein nochmals überdenken. Für Indien eventuell auch, zumindest für eine gewisse Zeit – Winter Indien, Sommer Schweiz, das könnte ich mir gut vorstellen.
Wohin wirst Du 2014 reisen?
Gerne nach Indien, mal sehen, ob es klappt – wenn ich mir allerdings vorstelle, dass ich dann ohne meinen Hund gehen müsste… bleibe ich doch lieber hier 😉 Was ich dieses Jahr gerne machen würde, sind einige Reisen durch die Schweiz mit meinem Sohn (und dem Hund) – mal die Heimat erkunden, die ja doch wunderschöne Ecken und Flecken hat. Sicher immer wieder ins Berner Oberland, meine Herzensheimat.
Meine Zusatzfragen:
Welche 5 Dinge möchtest du im Leben unbedingt noch machen?
Welche 5 Orte möchtest du unbedingt noch sehen?
Welches war der schönste Ort, den du bereist hast, und wieso?
Was möchtest du im neuen Jahr erreichen? Gibt es ein spezielles Ziel, das dir vor Augen schwebt?
Wofür bist du dankbar in deinem Leben?
Wenn du drei Wünsche frei hättest (Und der Weltfrieden und Nahrung für alle wären schon abgedeckt), welche wären es?
Ich bedanke mich bei Jürg fürs Werfen des Stöckchens, das ich brav apportierte – hat Spass gemacht. Ich werfe dieses Stöckchen mal weiter in die weite Welt des WWW, wer es ergreifen möchte, soll das tun, hier explizit wen zu nennen fällt schwer, da die meisten, die ich bloggend kenne, es schon hatten. Gespannt wäre ich auf die Antworten vom Zeitspiegel und von Lara Laune. Wenn sich jemand sonst an die Fragen machen möchte – mangels eigenem Blog auch gerne bei mir im Kommentar: Nur zu – und bitte mir melden, damit ich es lesen kann.
2013 – Das Jahr, das war
Das Jahr neigt sich dem Ende zu und man kann davon halten, was man will, irgendwie bringt diese Zeit doch immer einen Rückblick mit sich. Man denkt an das, was war, zieht Bilanz, ist einfach einen Moment lang still. Das nennt man dann wohl die besinnliche Zeit, in der die Sinne sich zurückziehen, sich nach innen wenden, um zu sehen, was sich über die Zeit angesammelt hat, wer man heute ist, nachdem all das passiert ist, was man eben erlebte das Jahr durch.
Angefangen hat mein Jahr als Zitterpartie. Schon zu Weihnachten kam die Hiobsbotschaft, dass mein Papa im Spital sei, dass operiert werden müsse. Nach etlichen Stunden auf dem Op-Tisch folgte ein künstliches Koma, das Zittern hielt an. Als er aufwachte, war er so klein und schwach, erinnerte kaum an den Mann, den ich kannte. Doch Schritt für Schritt ging es aufwärts und ich freue mich von Herzen, dieses Weihnachtsfest wieder mit ihm zusammen feiern zu können. Ich bin von Herzen dankbar dafür.
Auch sonst war dieses Jahr keine gerade Strasse, es hatte viele Kurven, Abhänge, Abgründe. Es war eine Zitterpartie, bei der ich nicht immer sicher war, ob ich die nächste Kurve auch schaffe. Es war, wie es immer ist: Es ging dann doch irgendwie und jedem Tiefgang folgte ein Aufwärtstrend. Wenn ich so zurück blicke, lassen sich gar nicht mehr alle Tiefschläge, Hindernisse und Rückschläge benennen, selbst wenn sie es täten, hätte ich wenig Lust dazu. Es würde wohl nichts bringen und irgendwie scheint das Auf und Ab auch zum Leben dazu zu gehören. Wäre das Leben nur mehr eine ausgezogene Linie, wäre es wohl wie beim Herzfrequenzmessbild: zu Ende.
Es war ein Jahr, das sehr nach innen wies, ich suchte nach Antworten auf die grossen Fragen „Wer bin ich?“ und „Was will ich im und vom Leben?“, versuchte, mich ihnen zu stellen und sah, dass jede Antwort neue Fragen aufwarf. Ab und an dachte ich mir, dass es wohl einfacher gewesen wäre, schon die erste Frage nicht zu stellen, sondern das Leben einfach anzugehen und zu nehmen, was kommt. Dass ich es nicht konnte, gibt mir schon die Antwort, dass ich bin, wie ich bin und tun muss, was ich tue. Es gibt mir die Antwort, dass ich mich den Fragen stellen will und muss, dass dies mein Weg ist.
Eine Antwort auf die Frage, was ich wirklich will im Leben, ergab sich aus dem glücklichen Umstand, dass mein Körper sich so weit erholt hat, dass ich wieder ins Yoga eintauchen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn der Weg zurück nicht nur einfach ist und war, er auch immer wieder Fragen aufwarf und mir meine eigene Ungeduld oft im Weg stand. Vermutlich ist auch das eine Lehre, die ich auf meinem Weg durchlaufen muss, etwas, an dem ich wachsen muss, wie ich es auch an der Pause musste.
Ich habe viel gelernt in diesem Jahr, über mich, über das Leben. Etwas, was ich schon wusste und das sich auch heuer wieder bestätigte: Man kann nicht alles haben im Leben und meist ist es nicht der Weg des geringsten Widerstandes, der zum erwünschten Ziel führt. Der Weg, das Leben einfach locker flockig, ohne viele Fragen, nur auf der Strasse von Genuss und Sinnesfreuden anzugehen, wäre verlockend und schön, ich käme damit aber wohl nicht zu dem Ziel, zu dem ich für mich gelangen möchte. Trotzdem haderte ich ab und an genau an dem Punkt. Schielte verstohlen zur Leichtigkeit und schimpfte auf die Steine, die ich trug. Ich hoffe, dass ich mit den Steinen nach und nach das Haus bauen werde, in dem ich mich Zuhause fühle, das hält und tragende Wände hat.
Ab und an ertappte ich mich dabei, dass ich mehr besorgt war über die Frage, wer oder was ich für die anderen bin, denn darüber, wer ich wirklich bin und wie es mir selber dabei geht. Ich ertappte mich dabei, dass ich Massstäbe an mich legte, von denen ich dachte, andere Menschen würden sie haben und mich danach bemessen, und wie ich dabei vom Gefühl zerfressen wurde, diesen Massstäben nicht zu genügen. Wenn das erste Hadern vorbei war und ich wieder klar sehen konnte, malte ich mir aus, was ich an mir und meinem Leben ändern müsste, um den angenommenen Massstäben zu genügen. Dabei stellte ich fest, dass ein solches Leben mir nicht entspräche und ich eigentlich genau das lebte, was ich immer leben wollte und noch immer will. Der Gedanke erfüllt mich immer wieder mit Dankbarkeit, da ich weiss, dass es nicht nur selbstverständlich ist, das tun zu können, was einem am Herzen liegt, weil der Weg dahin nicht immer leicht und eben auch nicht immer mit andern Massstäben konform läuft.
Wenn ich nun Bilanz ziehe, so fällt diese positiv aus. Die Schwierigkeiten, denen ich begegnete, waren zum grossen Teil hausgemacht, weil nicht alles lief, wie ich es gerne gehabt hätte, weil ich mit mir und der Welt unzufrieden war und den Blick mehr auf das richtete, was fehlte, als auf das, was da war. Ich habe das grosse Glück, Menschen um mich zu haben, die mir wichtig sind, die mir gut gesinnt sind und für mich da sind, denen ich wichtig bin. Ich habe das grosse Glück, mein Leben selber gestalten und wählen zu können, welchen Massstab ich auf dasselbe anwende. Und ich bin in der glücklichen Lage, Fragen stellen zu können sowie ab und an Antworten zu finden. So gehe ich den Weg nun ins 2014, werde noch mehr Fragen stellen, an einigen nagen, mich über andere freuen und an allen wachsen.
Norbert Hoerster: Was ist eine gerechte Gesellschaft? Eine philosophische Grundlegung
Eine gerechte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der das Zusammenleben der Menschen in den wesentlichen Hinsichten durch gerechte Normen geregelt ist. Und gerechte Normen für das Zusammenleben der Menschen […sind] solche Normen, auf die sich rational eingestellte Menschen insofern einigen können, als sie bereit sind, sich sowohl mit den Vorteilen dieser Normen für sich selbst zufrieden zu geben als auch mit den Vorteil dieser Normen für ihre Mitmenschen (und damit den möglichen Nachteilen für sich selbst) abzufinden.
Wenn man bedenkt, dass schon die Frage, was Gerechtigkeit überhaupt sei, ganze Bibliotheken füllt, ist die Frage, was eine gerechte Gesellschaft sei, weit gegriffen für den doch schmalen Umfang des vorliegenden Buchs. Norbert Hoerster bezieht das Wort „gerecht“ auf menschliches Verhalten in Bezug auf andere Menschen. Menschliche Handlungen wiederum beruhen oft auf staatlich erlassenen Gesetzen oder normenübergreifenden Prinzipien, welche wiederum auf ihre Gerechtigkeit zu prüfen sind.
Damit Menschen die Voraussetzung für ein zufriedenes Leben haben, bedarf es einer Grundgerechtigkeit, welche aus den Grundrechten resultiert. Hoerster benennt hier Abwehrrechte (in Berufung auf Nozick), welche den Schutz des Lebens, der Unversehrtheit, der Freiheit und des Eigentums betreffen, und Anspruchsrechte, welche darauf zielen, allen Menschen im Zuge ihrer Fähigkeiten ein sinnvolles Leben zu ermöglichen durch Ausbildung, Erziehung und Unterstützung bei unfreiwilliger Armut.
Einen grossen Teil des Buches widmet Hoerster Rawls Gerechtigkeitstheorie, die er im Hinblick den Begriff der Gleichstellung zusammenfasst. Es folgt ein Kapitel über das Eigentum und dessen Grenzen, an welches sich die Frage nach dem Staat – was er ist und wann er gerecht sei – anschliesst. Die Steuergerechtigkeit nimmt dabei eine zentrale Stellung ein. Alle Themen werden mit anschaulichen Beispielen verständlich dargelegt und im Hinblick auf die Gerechtigkeit durchdacht.
Den Abschluss macht ein Resümee, das weniger das Buch zusammenfasst als Hoersters persönliche Position darlegt, untermalt mit aktuellen Beispielen. Was ist eine gerechte Gesellschaft? ist weder eine umfassende noch eine wirklich in die Tiefe gehende Studie der Titelfrage. Das wäre vom Umfang nicht möglich und die behandelten Themen sind zu punktuell ausgewählt. Nichtsdestotrotz regt es zum Nachdenken an, legt Grundsteine zum weiteren Vertiefen und verweist in der Bibliographie auf eine breit gefächerte Auswahl an Literatur, die das weitere Studium ermöglicht.
Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.
Zum Autor
Norbert Hoerster, geb. 1937, lehrte von 1974 bis 1998 als Professor Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Mainz. Von ihm erschienen sind u.a.: Haben Tiere eine Würde? (2004); Die Frage nach Gott (32010); Was ist Recht? (2006); Was können wir wissen? (2010); Muss Strafe sein? (2012).
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 144 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 26. August 2013
ISBN: 978-3406652936
Preis: EUR: 12.95 ; CHF 21.90
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Ursula Karven & Ralph Skuban: Loslassen. Yogaweisheiten für dich und überall
Anna Trökes: Die sieben Schätze des Yoga
Anna Trökes: Die kleine Yoga Philosophie
Die Auswahl der Themen orientiert sich an der Anwendbarkeit und praktischen Umsetzbarkeit unter den Bedingungen des modernen Lebens.
Anna Trökes liefert mit ihrem Buch Die kleine Yoga Philosophie eine umfassende Einsicht in die Hintergründe und Ursprünge der Yoga-Philosophie. Sie stellt die verschiedenen grundlegenden Schriften vor und gibt einen Einblick in die Zeit und Umstände, in denen diese entstanden sind. Der Umfang reicht von den Veden über den Vedanta mit den Upanishaden, die Bhagavad Gita bis hin zu Patanjalis Yoga Sutras und Quellentexte des tantrischen Hatha-Yoga. Die Darstellung der einzelnen Texte ist fundiert, die Verweise auf die zugrundeliegende Literatur pflichtbewusst. Es ist nichts Neues, sondern eine Zusammenfassung von Althergebrachtem, eine theoretische Abhandlung dessen, was in ausführlicherer Form schon bei Feuerstein und anderen zu finden ist. Die Anwendbarkeit des Ganzen bleibt entgegen der Auswahlbegründung zumeist dem Leser überlassen und erfährt im Text keine explizite Umsetzungsanleitung.
Yoga in Verbindung mit seiner grossartigen und seit Jahrtausenden Philosophie ist definitiv ein Weg der Selbstermächtigung
Dass Yoga ein Weg der Selbstermächtigung sei, widerspricht der Geschichte des Yoga, welcher über viele Jahr(hundert oder gar –tausend)e eine mündliche Tradition vom Lehrer zum Schüler war und auch nach der Verschriftlichung diese Beziehung hoch hielt. Zwar ist Yoga eine Selbsterfahrungswissenschaft, die Einführung in das System erfolgt aber traditionell durch einen Lehrer/Guru.
Die kleine Yoga-Philosophie ist kein Buch für Anfänger, es ist kein Buch, das man mal schnell zwischendurch liest, sondern ziemlich happige Kost, die mit vielen Sanskrit-Begriffen, verschiedenen Götterbildern und Übungswegen hin zum in den jeweiligen Schriften erklärten Ziel des Yoga gespickt ist. Ab und an liest es sich zähflüssig, oft wirkt es erschlagend und uninspieriert, wie blosses Wiedergeben von selber Gelesenem. Wenn der Inhalt auch nicht neu ist, geht das Buch doch über die allgemein meist kurzen und eher oberflächlichen Philosophieteile der meisten Yoga-Bücher hinaus und bleibt dabei doch in einem Rahmen, der bewältigbar ist.
Fazit
Ein fundiertes Buch, welches die Hintergründe und Ursprünge der Yogaphilosophie gut zusammenfasst. Nicht ganz leichte Kost, nichts wirklich Neues, trotzdem empfehlenswert.
Zum Autor
Anna Trökes ist eine Pionierin des deutschen Yoga. Sie ist seit 30 Jahren eine Institution in der Yoga-Lehrer-Ausbildung und unterrichtet deutschland- und europaweit Yoga-Philosophie, Pranayama, Meditation und die fortgeschrittenen Aspekte der Hatha-Yoga-Praxis. Die bekannte Autorin hat mehr als 20 Bücher veröffentlicht.
Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: O.W.Barth Verlag (2. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3426292051
Preis: 22.99 Euro /36.90 CHF
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort sowie online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH
Christina Sell: Yoga des Herzens
Ein Verlag stellt sich vor: rüffer & rub
Wozu braucht man in Zeiten des Internets und des Selfpublishing noch Verlage? Wie sehen die Verlage selber ihre Zukunft? Denkzeiten fragt nach.
Anne Rüffer vom Verlag rüffer&rub hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:
Wie ist ihr Verlag entstanden? Was ist ihr Schwerpunkt?
Bei rüffer&rub publizieren wir seit über 10 Jahren ausschliesslich Sachbücher zu Fragen, die eine Antwort verdienen. Daneben finden Sie im 2008 gegründeten Römerhof Verlag Biographien von interessanten Menschen.
Wieso wurden Sie Verleger, wie sah Ihr Weg dahin aus?
Als Journalistin habe ich mich vorwiegend Themen gewidmet, die im weitesten Sinne mit sozialen Fragen und gesellschaftlichen Zusammenhängen verknüpft sind und bei denen die wichtigste Überlegung lautete: Was ist die Qualität des nächsten Schritts? Mit der Zeit hatte ich jeweils derart viel Material recherchiert, dass es irgendwann hiess: Wieso machst du daraus nicht ein Buch? Der nächste Schritt folgte rasch: Da es viele relevante Themen gibt und ausgezeichnete Autoren, die fundiert recherchieren und kompetent den Inhalt darlegen können, zudem noch einen Stil beherrschen, den man literarisch nennen kann, brauchte es nur noch ein Gefäss, das alles zusammenhält. Dass es am Ende zwei Verlage werden würden, hat sich logisch ergeben: Im Jahr 2008 fiel mir auf, dass zwar nahezu jeder Verlag Biographien im Programm hat, aber dass sich niemand ausschliesslich darum bemüht, die Lebensgeschichten von Menschen zu publizieren, die eine aussergewöhnliche Leistung vollbracht haben.
Würden Sie den Weg wieder gehen?
Salto rückwärts – das ist nicht meine Sache, ich halte nichts vom Spekulieren über eine mögliche Vergangenheit.
Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?
Bücher sind wie beste Freunde: Wir wachsen mit ihnen auf, wir werden mit ihnen alt, mit manchen ziehen wir um, andere gehen verloren und/oder vergessen. Als Kind konnte ich mich in Büchern verstecken, mich von ihnen trösten lassen und vor allem ließen sie mich in Welten eintauchen, die mir sonst verschlossen geblieben wären.
Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?
Das wechselt mit zunehmendem Alter und den persönlichen Umständen: Ganz früher Karl May (mit meiner Kinderbande habe ich seine Romane auf dem platten Land nachgespielt …), in der Phase, in der man seine Wurzeln sucht und sich verorten will, die Bücher von Elie Wiesel und die Existentialisten, im nächsten Lebens-Abschnitt und auf dem Weg zum eigenen Verlag vor allem Sozialreportagen wortgewaltiger Journalisten sowie die Bücher von Joan Didion. Und immer wieder Perlen aus der Literatur, die ich ohne »Anweisung von oben«, was man angeblich alles gelesen haben muss, durch Hinschauen, darin blättern und sich gefangen nehmen lassen, entdeckt habe.
Wie darf man sich den Alltag eines Verlages, eines Verlegers vorstellen?
Kommen Sie doch einfach mal einen Tag zu uns und schauen Sie uns über die Schulter.
Wie haben sich Ihr Verlag und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?
Durch die technischen Fortschritte sind viele Dinge einfacher geworden, doch das Wesentliche bleibt: Relevante Inhalte von kompetenten Autoren mit den richtigen Personen an das Publikum zu bringen.
Die Zeiten des Internets und damit die Möglichkeiten des Selfpublishing wirbeln die Bücherwelt auf. Was kann oder muss im Verlagswesen in Ihren Augen allgemein geschehen, damit nicht alles untergeht?
Vor allem nicht ständig das Mantra des Untergangs herbei zu beten! Im Grunde zählt die Fähigkeit, eine Geschichte brillant zu erzählen und ein Thema kompetent auszuschöpfen; wer das auf welchem Weg macht, ist am Ende irrelevant. Um das Buch ist mir nicht bange.
Welchen Vorteil hat ein Autor, der ein Buch bei Ihnen herausbringt, statt es in Eigenregie zu publizieren?
Wir sind dann immerhin zu zweit (und mit meinem Team gleich 7), die ihr Herzblut und ihre Fähigkeiten einsetzen, um dem Buch zum Publikum zu verhelfen.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bücher aus, die Sie veröffentlichen?
Bei uns gilt die Regel: Packt uns das Thema, trauen wir dem Autor/der Autorin die Fähigkeiten (Kompetenz, Durchhaltewillen, Engagement über 8 to 5 hinaus) zu und können wir uns vorstellen, uns dafür lange, lange einzusetzen.
Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?
Nicht besonders viel, denn unsere Aufgabe als Verleger ist es, den Inhalt mit den Autoren so zu polieren, dass der Leser zufrieden ist. In welcher Form er den Inhalt haben will, ist eine rein technische Frage. Warum sollte ich das dem Leser vorenthalten?
In Deutschland wurden in letzter Zeit immer wieder kritische Stimmen laut, Verlage nutzen ihre Praktikanten und Volontäre aus, indem so billige Arbeitskräfte ausgenutzt würden. Was ist dran? Wie sieht das in der Schweiz aus?
Wenn man eine Vollkostenrechnung macht, dann ist es schier unmöglich, mit dem Erlös aus einem Buchverkauf zu »überleben«, man muss als unabhängiger Verleger/Verlegerin schon sehr enthusiastisch sein und bereit zur persönlichen materiellen Reduktion – eine Art »Überlebenskitt«. Andererseits fasziniert die Bücherwelt und bietet eine inhaltliche Erfüllung, die man nicht in vielen Branchen findet. Will man in dieser Welt seine berufliche Erfüllung finden, ist klar, dass man finanziell – im Vergleich zur Finanzbranche – auf einem anderen (Finanz-)Planet unterwegs ist. Letztlich ist es eine Frage, wer einen denn zwingt, ein Praktikum anzunehmen. Wir ermöglichen einen vertieften Einblick in ein Berufsumfeld und dazu die Chance herauszufinden, ob die Bücherwelt wirklich die ist, in der man arbeiten möchte und ob es sich lohnt, sich dafür anzustrengen. Dass man dafür auch noch einen (kleinen) Lohn bekommt, ist doch fair, oder etwa nicht?
Auch von Seiten der Autoren hört man Klagen von zu viel Druck, zu viel Einmischung und drohenden Abgabeterminen seitens der Verlage. Wie sieht das von Verlagsseite aus? Sind Autoren heutzutage sensibler? Die Zeiten einfach härter?
Wir erleben das anders, es ist mehr die Frage: Wie kann man gemeinsam dem Buch im harten Konkurrenzumfeld zum Durchbruch verhelfen. Dass die Anforderungen grundsätzlich intensiver sind, versteht sich angesichts der Tatsache, dass man in den Medien inzwischen auch zum »Casting« antritt und der Text allein oft nicht mehr reicht, um dort anzukommen. Das kann man beklagen, doch schmollen hilft nicht. Dranbleiben und sich nicht entmutigen lassen, und ein klein wenig hoffen, dass das Glück uns schon findet.
Welchen anderen Verlag / Verleger würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?
Daniel Puntas – der das grossartige Heft »Reportagen« verlegt und beweist, wie man mit einer tragfähigen Idee etwas Neues aufbauen kann.
Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!
r & r: Fakten und Zahlen:
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