Martin Winckler: Es wird leicht, du wirst sehen

Das Leben bewahren trotz des Todes

Emmanuel Zacks wurde Arzt, um den Menschen zu helfen. Er will das nicht im sterilen Krankenhausalltag tun, sondern sich auf den einzelnen Menschen und dessen Geschichte einlassen. Zacks spezialisiert sich auf Schmerzen, er versucht, dem Leiden auf den Grund zu gehen.

Ich lernte, Placebos, Entspannungstechniken, Hypnose, Gesten und Worte einzusetzen. Gesten, die die Angst beschwichtigen. Worte, die, ohne falsche Hoffnung zu wecken, helfen, sich in der Realität einzurichten. Ich lernte, den Schmerz der anderen zu lindern. Nicht zu sehr: ohne sie zu betäuben, ohne sie daran zu hindern, sich lebendig zu fühlen.

Als sein guter Freund und Mentor zu ihm kommt und ihn bittet, ihm beim Sterben zu helfen, noch mehr, ihm zu helfen, sein Leben auch über den Tod für die Erinnerung zu bewahren, geht Emmanuel Zacks neue Wege und lernt dabei nicht nur die Menschen besser kennen, denen er hilft, sondern auch sich selber.

Später, viel später, bereute ich, dass ich ihr an dem Tag, als sie mich bat, ich solle ihr helfen zu sterben, nicht zugehört hatte. An jenem Tag hatte ich mir eingeredet, ich sei stark und moralisch, aber ich hatte nichts verstanden.
Sie wollte nicht, dass ich ihr half zu sterben, sie wollte, dass ich ihr half zu sprechen..

Es wird leicht, du wirst sehen ist ein Buch über Ethik, das Sterben, die Würde des Menschen und die Erinnerung. Es behandelt das sensible Thema der Sterbehilfe auf eine sehr stille, tiefgründige Art und zeigt auf, dass Sterben nicht nur das Ende des Lebens bedeutet, sondern auch eine Auseinandersetzung mit demselben. Mit dem Tod hört nicht alles auf, es geht auch darum, das zu bewahren, was bewahrt werden will.

Ich hatte schon immer ein verrücktes Gedächtnis. Nicht für alles, aber für das, was wichtig war.

Es wird leicht, du wirst sehen vereint die Geschichten sterbender Menschen und obwohl es ein Buch ist, in dem viel gestorben wird, ist es eigentlich ein Buch über das Leben. Und als dieses absolut lesenswert.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Martin Winckler
Martin Winckler, Arzt, Übersetzer und Autor, wurde 1955 in Algier geboren und kam schon als Kind nach Frankreich. Bekannt wurde er mit seinem Bestseller La maladie de Sachs (560.000 Ex.), der verfilmt und in 14 Länder verkauft wurde. Martin Winckler lebt seit einigen Jahren mit seiner Familie in Quebec.

 

WincklerEswirdleichtAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 159 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (11. September 2013)
Übersetzung: Doris Heinemann
ISBN-Nr.: 978-3888978630
Preis: EUR  16.95 / CHF 25.10

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Phönix aus der Asche

Mich gesucht
gefunden
für falsch befunden,
wieder vermisst
und neu erfunden
über Runden,
kreuz und quer,
so und anders,
es war schwer.

Ohne Plan
und doppelten Boden,
ganz verloren,
gegen die Wand gefahren,
tief gefallen,
aufgestanden,
Halt gesucht,
innen und aussen.

Klein begonnen
ohne Vertrauen,
weiter gegangen,
darauf zu bauen,
mich erschaffen,
aus den Trümmern,
auferstanden
aus dem Nichts.

Nicol Ljubic: Als wäre es Liebe

Liebe in Auszeiten

Gerhild verliebt sich in Friedrich. Das wäre nicht gar so aussergewöhnlich, wäre Friedrich nicht als „Bestie vom Schwarzwald“ bekannt und ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder und Gerhild die Mutter eines erwachsenen Sohnes, welcher versucht, seine Mutter und deren Liebe zu verstehen.

Vielleicht wird sich der eine oder andere fragen, wie es für mich war, als ich erfuhr, dass meine Mutter diesen Mann offensichtlich liebte. Weil es doch nicht zu verstehen ist. Ein Mensch, der die Nähe eines Mörders sucht, sich in seine Arme sehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen. Und dann handelt es sich bei diesem Menschen auch noch um die eigene Mutter. Noch dazu eine Mutter, die bis dahin jegliche Nähe gemieden hat. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich war eifersüchtig.

Gerhild und Friedrich teilen die gemeinsamen Momente auf Friedrichs Freigängen. Auf diesen Ausflügen lernen sie sich kennen und lieben. Diese Liebe macht Gerhild zu einer Aussenseiterin, niemand will etwas mit einer Frau zu tun haben, die ein offensichtliches Monster liebt. Dies und auch die Kenntnis von Friedrichs Geschichte bestätigt Gerhilds Sicht, dass es die Umstände waren, die Friedrich zu dem machten, was er wurde, dass es nicht seine Schuld war. Vor allem aber erkannte sie, dass gewisse Fehler von der Gesellschaft  nie verziehen werden.

Sie ärgerte sich über die Verlogenheit. Sie sprachen von Resozialisierung, in Wirklichkeit ging es ums Wegschliessen, am besten für immer. Das nannte sich dann Sicherheitsverwahrung. Was hinter den Gefängnismauern geschah, interessierte die Gesellschaft nicht.

Eine eindringliche Geschichte erzählt von Gerhilds Sohn. Stimmig aufgebaut, flüssig erzählt, vom Erzählfluss her still und doch mitreissend. Ljubic gelingt es, die Psychologie einer ungewöhnlichen und auch unakzeptierten Liebe zu erzählen, ohne dabei psychologisierend zu wirken, der Verzicht auf Innenansichten und tiefschürfende Analysen lässt dem Leser die Möglichkeit, sich selber in die Figuren einzufühlen, die sich in ihrem Tun und Sein offenbaren.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Nicol Ljubić
Nicol Ljubić, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. 2010 erschien mit ›Meeresstille‹ sein zweiter Roman, für den er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Verdi-Literaturpreis erhielt. Zuletzt gab er die Anthologie ›Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit‹ heraus. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

 

ljubicAlswäreAngaben zum Buch:
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423142892
Preis: EUR  9.90 / CHF 16.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

Lebe dein Leben

Jahre vergehen
wir waren mal nah,
verloren die Nähe,
verloren uns ganz,
Gedanken, sie kamen
und gingen dahin.
Die Trauer geschluckt,
den Alltag gelebt,
den Graben geschaufelt,
der Übergang fehlt.

Es plätschert der Fluss
und still liegt der See,
wir treiben dahin,
die Ruder im Schoss,
lassen geschehen,
dass Land ausser Sicht,
erzählen uns Gründe
und glauben uns nicht.

Der Tag, er wird kommen,
denn das tut er stets,
und er wird uns zeigen,
was wir überseh’n.
Wir werden erschüttert
und hören uns flehen,
zurück gibt es keines,
die Einsicht nur bleibt.
Drum lebe dein Leben
und lass dich nicht gehen,
sag was du fühlst,
bald ist es zu spät.

Der Weg

IMG_1376Angefangen,
losgegangen,
hoch geflogen,
tief gefallen,
aufgerappelt,
gerade gerückt,
weiter gegangen,
tief geflogen,
doch gefallen,
liegen geblieben,
Wunden geleckt,
nachgedacht,
Tränen abgewischt,
hoch gestemmt,
aufgestampft,
jetzt erst recht.

Jetzt

Wenn du jemanden liebst – sag es ihm. Wenn du jemanden sehen willst – geh zu ihm. Wenn du etwas zu klären hast – tu es. Es könnte sein, dass plötzlich der Tag kommt und es ist nicht mehr möglich, etwas zu sagen, hinzugehen, etwas zu tun. Wie würde sich das anfühlen?

Fehler im Leben

Ein weiser älterer Mann sagte mir heute:

Du darfst Fehler machen, aber du solltest nie denselben Fehler zweimal machen.

Ich fand den Spruch gut, nickte. Ein paar Stunden später dreht der Kopf. Wann weiss ich, was ein Fehler ist und was nicht? Können zwei Situationen gleich aussehen, sind es aber nicht? Definiert nicht erst das, was kommt eine heutige Entscheidung als richtig oder falsch? Frei nach Kierkegaard:

Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.

Das Leben führt uns immer wieder in ähnliche Situationen. Wir gehen Beziehungen ein, haben Arbeitsstellen, pflegen Freundschaften. Alle diese Lebensumstände bringen gute und schwierige Zeiten mit sich, machen es nötig, ab und an Entscheidungen zu treffen für oder gegen etwas oder gar für oder gegen jemanden. Wenn ich nun einmal gegen jemanden entscheide, später in eine ähnliche Situation käme, die wieder eine Entscheidung forderte – wäre ein Entscheid dagegen der gleiche Fehler zum zweiten Mal? Oder ist es ein neuer Fehler, den ich nur aufgrund meiner Tendenz, im Leben immer einen Sinn und einen Zusammenhang zu suchen, als gleichen Fehler deklariere?

So gesehen wäre der Ausspruch, dass man aus Geschichte lernen sollte, falsch, da unmöglich. Jede neue Situation fordert ihre situative Entscheidung, die Geschichte mag zwar immer wieder ähnliche Situationen aufbringen, gleich sind sie nie – und die Folgen sind selten dieselben, selbst wenn man alles genau gleich macht. Dies hat den Grund darin, dass nie nur etwas für Folgen verantwortlich ist, sondern ein Zusammenspiel von vielen verschiedenen Faktoren. Die Entscheidung selber ist also stets nur ein Faktor.

Hatte der weise ältere Mann also nicht recht mit seinem Ausspruch? Vielleicht lässt sich der Ausspruch nicht eins zu eins umsetzen, aber er zeigt auf, dass man, wenn man in eine Situation kommt, besser mal zurück denkt, ob man Vergleichsfälle hat, wie man dann handelte und was dabei rauskommt. Zwar gibt einem niemand die Gewissheit, dass es dieses Mal gleich ist, es regt einen aber zum Abwägen an, lässt einen innehalten, die Situation noch einmal genau betrachten, die verschiedenen Wege noch einmal im Geiste beschreiten und mögliche Folgen bewerten. So gewappnet lässt sich dann eine überlegtere Entscheidung treffen, als man sie vielleicht aus dem hohlen Bauch oder auf die Schnelle getroffen hätte. Ob dann alles gut kommt oder nicht, weiss man nie vorher, allerdings hat man nach bestem Wissen und Gewissen entschieden und sollte der Entscheid später Folgen haben, die man lieber vermieden hat, kann man sich immer sagen, dass man es zum Zeitpunkt des Entscheids nicht wusste, was man nun weiss.

Und wer weiss: Ab und an haben Fehler, die man sich einst vorwarf, im noch späteren Nachhinein etwas Gutes gehabt. Auch das wäre möglich.

Das Leben

Des Lebens
Höhen
vermissen
ersehnen
erklimmen
erkunden
drauf schwimmen
geniessen

In des Lebens Tiefen
abtauchen
sich finden
schwimmen
sich suhlen
sich verfluchen
sie verdammen
sich fangen
untergehen
sich nach oben sehnen.

Des Lebens Ende
erahnen
fürchten
verdrängen
erinnern
kommen sehen
beweinen
ausreizen
annehmen
angehen
erleben.

Brot und Spiele

Ich mag keine halben Sachen. Alles oder nichts heisst die Devise. Wieso mich mit halben Sachen zufrieden geben, wenn ich alles haben könnte? Und wenn ich nicht alles haben kann, wieso die Brosamen nehmen, die jemand bereit ist, mir hinzuwerfen?

Hab ich es nötig? Bin ich nicht mehr wert? Was denkt der andere, der denkt, ich könnte damit zufrieden sein? Schätzt er mich so gering? Sich so gross? Wie hoch schätze ich mich, wenn ich das Angebot annehme? Die Brosamen schlucke? Denke ich nicht, ich habe eh nichts Besseres verdient? Bin ich schon so enttäuscht vom Leben, dass ich denke, es kommt sowieso nichts Besseres mehr nach? Ist der Hunger so gross, dass selbst ein Krümel besser scheint als gar nichts? Erachte ich den Anspruch, alles haben zu wollen, als zu hoch? Wieso?

Es ist schon so, alles ist kaum möglich. Alles, was ist, hat einen Preis und der Preis zieht sich von allem ab. Damit ist das Alles zwar nie 100% in allen Belangen, es ist aber 100% in dem Bereich, indem man es eingeht. Die Abzüge sind meist an anderen Orten. So kann man das Leben schlussendlich mathematisch aufschlüsseln. Die Romantiker unter uns mögen das grausam prosaisch schelten, allerdings steckt ein Stück Wahrheit drin und wenn diese hilft, den eigenen Wert zu bemessen – den, den wir uns selber geben und den, den uns andere zugestehen -, dann hat selbst die schnöde Mathematik ganz viel Gutes geleistet in unserem Leben.

Denn: Wenn wir uns nicht mehr wert sind als ein paar Krümel, werden wir auch nie mehr als das erhalten. Wir werden immer hungrig nach ihnen ausschauen und sie aufpicken, wenn wir sie sehen. Wenn wir sie ausschlagen (und dabei zu hören kriegen, wie lecker sie doch wären und wir sollen uns nicht so haben und uns den Genuss nicht versagen), weil wir wissen, dass wir ein ganzes Brot wert sind, wird das Brot kommen. Vielleicht in einer Form, an die wir heute nicht mal denken – aber es kommt. Dazu ist es aber dringend nötig, dass wir unseren eigenen Wert erkennen und uns nicht drunter verkaufen. Denn: Krümel können noch so viele kommen, satt machen sie nie, nur noch hungriger. Durch das ständige Naschen an ihnen werden wir aber das Brot übersehen, das sich uns anbieten könnte.

„Was wäre wenn“ und „wenn dann mal“

Wie oft verstricken wir uns in Gedankenspielereien, in denen wir uns ausmalen, wie unser Leben sein könnte, wenn es wäre, wie wir es gerne hätten. Wir benutzen die ganze Palette an bunten Farben, zeichnen jedes Detail genau, sehen es bildlich vor uns und schwelgen in sehnsuchtsvoller Freude ob des Gesehenen. Selber sitzen wir in einem Leben, das dem eben gemalten Bild kaum entspricht, oft sogar diametral davon verschieden ist.

Wir haben Gründe, Ausreden, Argumente, wieso nicht ist, was schön wäre. Wir sehen uns überall behindert, eingeengt, unfrei, zu erfüllen, wovon wir träumen. Und wenn der Druck der Fesseln zu gross wird, flüchten wir wieder in ein „Was wäre wenn“. Und malen bunt statt dem täglichen Einerlei und Grau zu erliegen.

Darauf angesprochen, wieso wir nicht tun, was wir gerne täten, fallen uns viele Dinge ein. Wir würden es sofort tun, wenn nur denn mal dies und das anders wäre. Wenn wir älter, freier, reicher, mutiger, schlänker, was auch immer wären, dann würden wir es tun. Dann wäre das, was wäre wenn, das erste, was ist – aber eben: Erst müsste eben… und wenn denn dann sei, dann wäre auch…

Und so gehen die Jahre vorüber, es ändert sich selten viel, die Träumereien bleiben, die Fesseln ebenso. Darauf angesprochen heisst es nur immer wieder: Ich würde ja schon gerne, aber ich kann halt nicht. Was meist eine Ausrede ist, denn meist könnte man schon, aber man will schlicht nicht wirklich, weil es Konsequenzen hätte, die man nicht tragen möchte. Und so bleibt das „Was wäre wenn“ ein bunter Traum, der ständig daran scheitert, dass „wenn dann mal“ keine verlässliche Grösse, sondern nur eine Ausrede ist.

Ist das zu hart? Das Leben lebte sich noch nie im Konjunktiv, es ist der Indikativ, der zählt. Aber: Niemand sagte, es sei leicht….

Noah Hawley: Der Vater des Attentäters

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Hin und Her

Und irgendwann
trocknen die Tränen,
das Schluchzen stirbt.
Es bleiben bloss
Kloss und klammes Herz,
ein Loch im Bauch.

Man sieht’s im Spiegel,
leerer Blick,
die Nase rot,
die Lider schwer.
Es fehlt an Mut,
an noch viel mehr.

Man blickt zurück,
schluckt erst nur tief,
richtet sich auf,
schaut dann nach vorn,
und weiss bereits,
es geht noch mehr.

Weil – ja weil es muss
und weil es soll,
weil man es will,
hat man die Wahl?
Wär’ aufgeben nicht
nur noch mehr Qual?

Erst ein Blitz,
dann gar ein Strahl,
zeigt sich ein Licht
am Horizont,
fügen kleine Teile sich,
bilden so ein Ganzes.

Es geht voran,
man hofft erneut,
die Angst beständig
im Hinterkopf präsent,
auf ein gutes Ende,
irgendwann.

Ein erstes Lächeln,
das zweite glaubt man fast,
das dritte nimmt die Augen mit
erst nur wenig,
dann ein ganzes Stück,
bis es wirklich ist.

Und wieder zeigt es sich,
dass nichts gemeint
für immer ist.
Ob Glück, ob Leid,
sie wechseln stets,
was bleibt ist nur
das Hin und Her.

Stark sein

Wieviel Schwäche darf man zeigen,
ohne das Gesicht zu verlieren?
„Du bist so stark“ –
Wie lange kann man es hören,
ohne darüber in Tränen auszubrechen,
weil man nur noch Sarkasmus,
Zynismus drin hört,
auch wenn es anders gemeint ist.

Wer fühlt den Schmerz dessen,
der leidet,
der einsam ist,
allein?

Wie kann man schwach sein,
wenn man es nicht sein darf,
ohne in der Gesellschaft
unten durch zu sein?
Wann dürfen Tränen fliessen?
Sind sie nicht einfach nur Zeichen
des Scheiterns,
des eigenen Versagens?

Man war nicht stark,
man ist gefallen
vom Olymp derer,
die es schaffen,
die Haltung bewahren,
Fassung dazu.

Der tagtägliche Kampf um die Maske,
die fallen will,
nicht darf.
Der tagtägliche Kampf mit der Realität,
die so unbarmherzig nagt
an den Fäden der Larve,
die mühevoll man hochhält.
Bis sie fällt.
Tränen enthüllt.
Sie strömen.
In Bächen,
Flüssen,
reissenden.

Und nun?