Rezension: Sara Rattaro – Mehr als mein Leben

Lebenslügen

Mein Telefon klingelte zehnmal. Ich liess es läuten, bis sich die Mailbox einschaltete. Beim letzten Anruf hast du eine abgeschnittene, aber verständliche Nachricht hinterlassen. Deine Stimme zitterte, während ich ein paar Kilometer entfernt in den Schlaf sank.

Viola war immer schon anders als die anderen. Dass sich Carlo, der Schwarm aller in der Schule, ausgerechnet für sie interessierte, verstand keiner, am wenigsten Carlos Mutter. Trotzdem sind die beiden unzertrennlich, werden eine kleine Familie mit Luce, leben über Jahre glücklich zusammen, bis eines Tages alles aufbricht, die ganze grosse Lebenslüge mitten im Raum steht: Luce liegt im Spital, kämpft um ihr Leben, helfen kann nur noch eine Lebertransplantation. Aber: Carlo ist nicht ihr Vater, seine Leber passt nicht.

Sich an die Vergangenheit zu erinnern war, wir das Fenster eines Wolkenkratzers in achthundert Meter Höhe aufzureissen und ohne Geländer in die Tiefe zu blicken. Das Gefühl, in den Abgrund zu fallen.

Mehr als mein Leben ist die Geschichte von Menschen mit Fehlern, eine Geschichte, die Lebenslügen offenbart und aufzeigt, was diese mit den einzelnen Mitgliedern einer Familie anstellen. Es ist ein Buch voller Emotionen, sowohl in der Geschichte selber wie auch beim Leser. Das Buch lässt einen eintauchen in die Welt von Viola, lässt einen mitfühlen bei Schmerz, Wut und Verzweiflung.

Sara Rattaro schreibt in einer klaren, knappen Sprache, sie pendelt zwischen dem aktuellen Geschehen und Violas Erinnerungen an ihr Leben, das zu dieser Aktualität führte, hin und her. Durch die emotionale Präsenz der Gegenwart, durch die Angst um die Tochter und den Drang, wissen zu wollen, wie es weiter geht, werden die Rückblenden mit der Zeit zu einer Bremse, indem sie einen von dem zurückhalten, in das man weiter hinein möchte. Des Weiteren ist ziemlich bald klar, was Viola plant, um das Leben ihrer Tochter zu retten, was Spannung wegnimmt. Trotzdem ist das Buch gut gelungen, es berührt, es wühlt auf, es stellt Fragen in den Raum, die man lieber nicht beantworten möchte in der Realität: Was würde ich tun? Wie kann das Leben weiter gehen, wenn Lebenslügen, die eine Basis bildeten, aufbrechen? Welchen Preis zahlt man für sein Leben?

Ich wusste sehr gut, dass der Preis der Sache nicht nur mit Geld zu tun hatte.

 

Fazit:
Ein tiefes, emotional aufwühlendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sara Rattaro
Sara Rattaro, 1975 in Genua geboren und aufgewachsen, studierte Biologie und Kommunikationswissenschaften und arbeitet heute als Pharmavertreterin. Ihre Passion fürs Schreiben begleitet sie schon ein Leben lang. Mehr als mein Leben, ihr zweites Buch, wurde in Italien zum Überraschungsbestseller. Auch ihr jüngster Roman, Die Zerbrechlichkeit der Liebe, feierte in Italien große Erfolge und bedeutete ihren internationalen Durchbruch.

 

Angaben zum Buch:
RattaroLebenGebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (1. Oktober 2013)
Übersetzung: Gaby Wurster
ISBN-Nr.: 978-3866123496
Preis: EUR 16.99 / CHF 26.90

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Rezension: Hans Rath – Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch

Gott ist tot

„…Und ich dachte, es wäre für uns einfacher, in die Verhandlungen einzusteigen, wenn wir uns darüber einig sind, dass es einen Gott gibt.“
Wieder mal stehe ich auf der Leitung. „Weil?“
„Weil dann meistens auch über die Existenz des Teufels Einigkeit herrscht…“

Vor drei Jahren hatte der Psychotherapeut Jakob Jakobi eine Begegnung mit Gott. Zumindest hatte Abel Baumann behauptet, Gott zu sein. Noch heute ist sich Jakob nicht sicher, ob er es wirklich mit Gott zu tun hatte oder aber eine Psychose vorlag bei dem guten Mann. Da dieser mittlerweile tot ist, lässt sich das nicht mehr klären. Anton Auerbach scheint ein dringendes Anliegen zu haben, denn er lässt nicht locker, bevor sich Jakob nicht Zeit für ihn nimmt. Das Anliegen ist denn auch klar: Er ist ein Abgesannter des Teufels und er will Jakobs Seele. Dafür ist er bereit, so viel zu zahlen, wie Jakob nur will, denn in der Hölle ist Geld unbeschränkt vorhanden. Kein Wunder, wenn schon Banken Unsummen davon beschaffen können.

Das Leben wird nicht einfacher, als sich auch noch Jakobs Exfrau Ellen auf den Leibhaftigen einlässt, irgendwie scheint der Teufel plötzlich überall die Finger – und mehr – im Spiel zu haben.

„Ihr habt sogar schon über das Thema Familienplanung gesprochen“, sage ich. „Beeindruckend.“
„Nicht nur das“, erwidert Ellen lächelnd. „Wir haben auch längst mit der Familienplanung angefangen.“

Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch ist ein witziges Buch, das die Faust-Thematik in die heutige Zeit transportiert, sie mit Liebeswirren anreichert und so zu lockerer und leichter Unterhaltung werden lässt. Hans Roth lässt subtile Seitenhiebe gegen diverse Institutionen heutiger Zeiten fallen, ohne dabei moralisierend oder politisch zu wirken. Das Buch ist durch und durch unterhaltend, nicht mehr aber auch nicht weniger.

Fazit:
Lockere, leichte, witzige Unterhaltung. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Hans Rath
Hans Rath, Jahrgang 1965, studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie in Bonn. Er lebt mit seiner Familie in Berlin, wo er unter anderem als Drehbuchautor tätig ist. Mit der Romantrilogie Man tut, was man kann, Da muss man durch und Was will man mehr hat Rath sich eine große Fangemeinde geschaffen. Zwei der Bücher wurden bereits fürs Kino verfilmt. Sein Roman Und Gott sprach: Wir müssen reden! ist ebenfalls ein Bestseller.

 

Angaben zum Buch:
RathTeufelBroschiert: 288 Seiten
Verlag: Wunderlich Verlag (26. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3805250740
Preis: EUR 14.95 / CHF 22.90

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Mein Leben – ein Thriller oder ein Liebesroman?

Ich lese gerne. Und viel. Ich habe versucht, mich auf ein Genre festzulegen. Meist sind es Thriller, die ich förmlich verschlinge, kaum innehalten kann, bis ich mit den Ermittlern den Mörder fasse. Aber auch bei Liebesromanen (wenn sie nicht zu plump und rosa sind) fiebere ich mit, will das Ende kennen. Was also ist mein Genre? Dass ich daneben noch Klassiker lese, bei denen alle am Schluss tot sind, lassen wir mal aussen vor, denn das würde die gleich folgende Analyse stören.

Mein Fazit ist: Ich habe kein  Genre. Ich lese alles gerne, was gut geschrieben ist und ich fiebere dem Happy End entgegen. Ein Roman muss für mich ein Happy End haben. Dabei ist das Happy End nicht immer happy, was ich aber zugegebenermassen lieber mag, sondern hoffentlich stimmig, so dass ich mit zufriedenem Seufzer das Buch zur Seite legen kann und weiss: Alles ist gut. Es stimmt so. Das Versöhnliche, das Gute, das ist es, was ich suche in der Literatur, die Möglichkeit, dass das Leben eben gute Wendungen nimmt und am Schluss zu was Gutem führt.

Wozu ist Literatur gut? Sie zeigt uns Möglichkeiten von Lebenswegen und Lebensinhalten. In der Literatur erfahren wir, wie ein Leben geführt werden könnte. Es ist nicht unser Leben, aber wir sehen doch hinein. Bei unseren Mitmenschen sind wir immer aussen vor. Der Spekulation überlassen. In der Literatur sind wir mitten drin. Indem wir sehen, was möglich wäre, haben wir die Ahnung, dass es auch für uns möglich sein könnte. Und ja, ich gebe es zu: Ich mag das Leben mit Happy End. Ich möchte das für mich so glauben können, dass das Leben an einen guten Ort führt, dass man diesen guten Ort erleben kann, dass es ihn gibt.

Und so werde ich weiter lesen, weiter auf Happy Ends hoffen und weiter daran glauben, dass dies auch in der Realität möglich ist. Weil das Leben schlussendlich wunderbar sein kann. Wenn man daran glaubt. Und immer weiter geht. Bis man da ist, wo man sagt:

So will ich es haben, so gefällt es mir.

Rezension: Rowan Coleman – Einfach unvergesslich

Wenn das Gestern langsam verschwindet

Es macht mich so wütend. Ihre Güte und Geduld machen mich wütend. Mein ganzes Leben habe ich versucht, ihr zu beweisen, dass ich alleine klarkomme, dass sie mich nicht ständig zu retten braucht. Mein ganzes Leben habe ich mich getäuscht. 

Claire ist Lehrerin, liebt ihren Beruf. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter und eine Mutter. Das Leben war nicht immer einfach, eine Scheidung liegt hinter ihr, das Verhältnis zur Mutter ist angespannt, trotzdem ist sie mit ihrem Leben zufrieden. Zuerst vergisst Claire nur einige Dinge, denkt, sie sei unkonzentriert, denkt, das könne mal passieren. Die Vergesslichkeiten häufen sich und irgendwann gibt es eine Diagnose dafür: Alzheimer. Damit nicht alles verloren geht, schreibt Claire Geschichten, die ihr einfallen, in ein Erinnerungsbuch. Das Buch wird mit der Zeit Bestandteil der ganzen Familie, alle halten ihre Erinnerungen fest, lesen die der anderen. DIe ganze Familie versucht, mit der Situation umzugehen, für alle Betroffenen bedeutet die Diagnose eine Herausforderung. Das Gestern verliert langsam die Konturen, an eine Zukunft wagt man kaum zu denken, alles, was bleibt, sind die Augenblicke, das, was ist. Das ist erscheint oft als viel zu wenig, ist manchmal ganz viel.

Rowan Coleman ist mit Einfach unvergesslich eine berührende und bewegende Geschichte gelungen. Sie wirft den Leser gleich von Anfang an mitten ins Geschehen, indem er mit der Diagnose in die Familiengeschichte einsteigt. Durch Rückblenden in Form der Einträge ins Buch erhält der Leser nach und nach einen umfassenden Blick auf die Vergangenheit, sieht den Weg dahin, wo die Familie und jedes Mitglied darin steht. Bei aller Schwere des Themas gelingt es Coleman, eine gewisse Leichtigkeit des Erzählens zu bewahren, so dass der Leser allein durch das erzählte Geschehen die Tragweite der Krankheit spürt, nicht durch die Form, wie es präsentiert wird.

Das Buch behandelt ein schweres Thema, lässt den Leser durch die einfühlsame Art, mit der die Charaktere gestaltet sind, in die Familie und ihre Konflikte im Umgang mit der Krankheit eintauchen und mitfühlen. Dabei hilft, dass die Geschichte immer wieder aus anderer Perspektive geschrieben wird, so dass man das Thema aus der Warte der verschiedenen Betroffenen kennenlernen kann.

Fazit:
Ein feinfühliger und berührender Roman, der trotz der Schwere des Themas nicht erschlägt.

Zum Autor
Rowan Coleman
Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr Leben wäre ein Musical, auch wenn ihre Tochter ihr mittlerweile verboten hat, in der Öffentlichkeit zu singen. »Einfach unvergesslich« ist ihr elfter Roman.

Angaben zum Buch:
ColemanEinfach_unvergesslichGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Piper Paperback Verlag (11. August 2014)
Übersetzung: Marieke Heimburger
ISBN-Nr.: 978-3492060011
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Rezension: Karin Slaughter – Belladonna

Traue nicht deinem Nächsten

Sibyl Adams, eine Professorin am College, sass auf der Toilette, den Kopf gegen die gekachelte Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Ihre Hose war bis zu den Knöcheln hinuntergezogen, die Beine waren weit gespreizt. Sie hatte eine Stichwunde im Unterleib. Blut füllte das Toilettenbecken, Blut tropfte auf die Bodenkacheln.

Als Sara, Kinderärztin der örtlichen Klinik und Gerichtspathologin, die schwerverletzte Sibyl Adams auf der Restauranttoilette findet, versagen alle lebensrettenden Massnahmen ihr Ziel. Die Brutalität, mit der das Opfer behandelt worden ist, übertrifft alles bislang Gesehene und es ist erst der Anfang einer grausamen Serie von Vergewaltigungen und Schändungen an jungen Frauen. Ihr Exmann, Polizist in dem verschlafenen Ort, übernimmt den Fall mit seinem Team, tappt aber lange im Dunkeln. Ein Wettkampf mit der Zeit beginnt, denn wer weiss, wann der Täter das nächste Mal zuschlägt?

Belladonna ist ein rasanter und packender Thriller. Er hat einen stringenten und stimmigen Plot, einen Hauptkonflikt, dessen Auflösung man als Leser entgegenfiebert, ebenso packende Nebenkonflikte, so dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legt. Die Figuren sind plastisch, man meint, sie zu kennen, kann mit ihnen mitdenken, mitfühlen, versteht ihre Handlungs- und Denkweisen.

Was ab und an störend war, war die Übersetzungsleistung; so heisst es im Buch zum Beispiel ständig „Er machte die Liebe mit mir“ statt richtig „Er machte Liebe mit mir“ – eine Wendung, die mehrfach falsch vorkam und dementsprechend störte. Das aber nur eine Kritik am Rande.

Fazit:
Ein gelungener, packender Thriller mit Suchtfaktor. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Karin Slaughter
Karin Slaughter, Jahrgang 1971, stammt aus Atlanta, Georgia. 2003 erschien ihr Debütroman Belladonna, der sie sofort an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten und auf den Thriller-Olymp katapultierte. Ihre Romane um Rechtsmedizinerin Sara Linton, Polizeichef Jeffrey Tolliver und Ermittler Will Trent sind inzwischen in 32 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkauft worden. Von ihr erschienen sind unter anderem Schattenblume, Belladonna, Vergiss mein nicht und Dreh dich nicht um.

Angaben zum Buch:
SlaughterBelladonnaTaschenbuch: 480Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (8. Juli 2012)
Übersetzung: Teja Schwaner
ISBN-Nr.: 978-3442379064
Preis: EUR  8.99 / CHF 14.90

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Mütter studieren nicht

Nach Jahren Abstinenz bin ich zurück. Die Uni hat mich wieder. Die Uni war für mich von je her eine Institution, die mich anzog, magisch. Schon als kleines Mädchen war mir klar, dass ich mal studieren will. Dies war umso erstaunlicher, als keiner in unserer Familie je studiert hatte. Mir war es klar und ich tat alles dafür. Zwar fiel mir die Schule leicht, gerne hatte ich sie nie. Ich mochte die fixen Strukturen nicht, mochte es nicht, im Tempo gebunden zu sein, nicht reden zu dürfen, mich nicht bewegen oder meine Meinung sagen zu dürfen, wenn mir danach war.

Ich studierte. Es war nicht einfach, ich unterbrach oft, um Geld zu verdienen, studierte wieder weiter. Irgendwann schloss ich ab. Die faule Schülerin und Minimalistin von einst hatte ein Studium und das sogar gut abgeschlossen. Ich erhielt Stipendien, promovierte. Meine Träume wurden wahr – auch wenn alles kaum je Zuckerschlecken war. Dann kam er. Der Tag des Abschieds. Er war hart. Der Halt, die Konstanz in meinem Leben, plötzlich war sie weg.

Nun bin ich also zurück, mache das Lehramt für den Unterricht an Maturitätsschulen. Nachdem ich über diverse Neuerungen stolperte, mich kaum einschreiben konnte, finde ich mich gut zurecht. Nur etwas stösst sehr sauer auf:

Mein Semester hat gerade begonnen, Sohnemanns Ferien starten bald. Ich habe dann keine Ferien, wichtige Termine wurden just in die Schulferien gelegt. Rücksicht gibt es keine, wer studieren will, muss durch. Ja Heilandsack: Darf man als Mutter nicht studieren? Ist es wirklich nicht möglich, Schulferien, die ja wirklich auf vieles Einfluss haben (Krippenplätze und Sportangebot, die dann pausieren sowie andere negative und positive Effekte), zu berücksichtigen und die Ferienzeiten irgendwie abzugleichen?

Auf die Frage beim Dozenten, ob es die nötigen Infos der entsprechenden Veranstaltung irgendwo nachzulesen gäbe, kam nur: Da müssen sie halt einen Kommilitonen finden, der für sie mitschreibt. Dass man keinen kennt, ist egal: Da müssen sie halt netzwerken. Dass dies nicht jedem gegeben ist, ist egal: Das ist nun ihre Aufgabe.

Na bingo. Dann sei das so. Mitgeschrieben wird nun, trotzdem bleibt der fahle Geschmack, dass es nicht wirklich toll ist. Irgendwie. Als Mutter scheint man ganz viele Rechte doch härter erkämpfen zu müssen als andere.

 

Was mir aber an mir auffällt: Früher schwänzte ich alles, was ich schwänzen konnte, eine Stunde verpasst? Kein Problem, lassen wir die nächste auch gleich sausen. Jetzt stresst es mich, dass ich etwas verpasse. Es ist halt doch ein Unterschied, ob man zur Schule muss, weil man eben muss, oder ob man etwas tun kann, das man tun will, wo das eigene Interesse dabei ist.

Arno von Rosen – Nachgefragt

vonRosenArnoIch denke, jeder hat das Potential, ein böser oder ein guter Mensch zu sein, es ist nur die Frage, was wir morgens vor dem Spiegel entscheiden, zu sein.

Arno von Rosen hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinem  Roman „Der Bestseller Ölprojekt Glacier Aurum“ zu beantworten.

 

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Biographien sind immer eine schwierige Angelegenheit, wenn man sie selber erzählen soll, denn jeder Mensch neigt dazu, sich selbst zu erhöhen. Ich versuche es kurz und präzise zu halten. Mein Familienstammbaum geht bis in das Jahr 1279 zurück und es befanden sich einige illustre Vorfahren unter meinen Ahnen. Ich wurde 1964 in Uelzen/ Niedersachsen geboren, und bin dort und in Marburg aufgewachsen. Mit 17 Jahren habe ich mein Elternhaus verlassen und so ziemlich alles gemacht, was einem die Miete bezahlt. Ob Portraitzeichnungen, Speisekarten, Messedekorationen, Schaufenstergestaltung, aber auch Kurierfahrer oder Fabrikarbeiter. Mit Mitte 20 war ich schon Vater und habe mein Vagabundenleben mit einer kaufmännischen Ausbildung auf stabilere Füße gestellt. Später verkaufte ich Edelkarossen eines Stuttgarter Unternehmens oder habe Veranstaltungen weltweit geplant und durchgeführt, eigentlich der beste Job meines Lebens bis dato. Danach vergingen noch Jahre als Unternehmensberater in Europa, von England über Österreich bis nach Polen, bevor ich mich 2007 mit einer eigenen Firma selbstständig gemacht habe, welche ich noch heute betreibe.

 

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Das ist jetzt bestimmt ein Klischee: Ich habe schon früh angefangen, Liedertexte, Gedichte und Kurzgeschichten zu verfassen, aber ich wollte nie, dass jemand sie liest. Deshalb habe ich auch aufgehört, meine Zeichnungen zu verkaufen. Ich kann mich schwer von meinen Arbeiten trennen oder diese in die Öffentlichkeit zerren. Mein erstes richtiges Buch habe ich in den 90ern verfasst, aber es liegt noch bei mir in einer Schublade – oder in einem alten Karton. Den Roman „Der Bestseller Ölprojekt Glacier Aurum“ habe ich von 2007 bis 2009 geschrieben, auch den wieder nur für mich. Auslöser für dieses Buch waren meine Erlebnisse als Unternehmensberater und die Menschen, die ich in dieser Zeit getroffen habe. Da auch niemand aus meiner Familie von der Schreiberei wußte, hatte ich keinen Druck, etwas zu veröffentlichen.

 

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Es hilft sehr, wenn man verschiedene Techniken des Schreibens beherrscht, sei es durch einen Uniabschluß oder durch Volkshochschulkurse. Schreiben kann aber jeder Mensch, wenn er in der Lage ist, die Beobachtungen in seinem Umfeld in Worte zu fassen.Ich selber habe ja früh angefangen, aber geholfen hat mir, dass ich mich sehr gut ausdrücken kann. Trotzdem ist es ein weiter Weg vom guten Sprechen bis zum flüssigen Satz, der nicht nur aus Hilfsverben und Adjektiven besteht. Wirklich verbessern kann man sich nur, wenn man ständig schreibt, und in Abständen die alten Texte wieder überarbeitet, ohne diese zuvor gelöscht zu haben. Daran kann man seine eigene Entwiklung feststellen.

 

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Mein erstes Buch war reine Fantasie und deshalb schwieriger zu schreiben, als der aktuelle Roman, wo ja bereits Handlungsstränge existiert haben. Ich führe nur eine Charakterliste, die mir Anhaltspunkte über die einzelnen Figuren im Buch liefert. Die Entwicklung dieser Romanfiguren findet aber während des Schreibprozesses statt, so dass es mich oft selbst überraschte, welche Facetten ich da zu sehen bekam. Obwohl ich die meisten Orte im ersten Buch selber gesehen habe, ist Recherche ein wichtiger Bestandteil für mich und kostet eine Menge Zeit. Ich lege viel Wert darauf, dass die Orte und Ereignisse auch überprüfbar sind. Wer meinem Buch folgt, wird auch das finden, worüber ich schreibe; aber Vorsicht, es könnte dann Gänsehaut auslösen. Was ich aber wirklich jeden Abend mache ist, mir die letzten 20 Minuten jedes Tages für meine Geschichten zu reservieren. Manchmal reicht es dann nur für ein paar Sätze, aber oft werden ganze Schreibtage daraus.

 

Wann und wo schreiben Sie?

Die ersten paar Jahre heimlich in meinem Büro, wenn ich die nötige Zeit hatte, aber jetzt gerade habe ich mein Manuskript für mein drittes Buch offen und mache weiter, wenn das Interview beendet ist. Da ich in meinem Arbeitszimmer werkeln kann, wann ich möchte, gibt es auch keine festen Uhrzeiten. Sitze ich nachts an einem meiner zahlreichen Computer, tippe ich die Texte als E-Mail und schicke sie mir selber zu, um sie am nächsten Tag einzufügen. Es gibt allerdings nur einen PC, auf dem ich alle Daten für meine Bücher speichere, die stecken dann in einem virtuellen Safe, versteckt auf der Festplatte.

 

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Aktuell bin ich bei 2017 Tagen ohne Unterbrechung, die ich mit meinen verschiedenen Projekten fülle. Schreiben ist aber fast wie Ferien, so eine Art Aktivurlaub für mein Gehirn. Entspannen kann ich mich beim Kochen, aber auch daraus habe ich schon ein Projekt gemacht. Bei meinen notwendigen Reisen freue ich mich immer, interessante Menschen beobachten zu können. Davon gibt es viel mehr, als man sich allgemein vorstellt. Tatsächlich ist es sogar chillig, auf Facebook mit meinen engeren Freunden zu kommunizieren, auch wenn dabei inzwischen 4000 Nachrichten pro Monat rumkommen – und das sind nur die, an denen ich direkt beteiligt bin. Also wieder eine gute Übung, Informationen auf ein verständliches Maß zu reduzieren, wenn sie so wollen, als Fingerübung.

 

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Schreiben ist Spaß, und wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich nichts anderes mehr machen. Wirklich schwer ist es, sein Publikum zu finden, denn aus meiner kaufmännischen Tätigkeit weiß ich, dass nicht das beste Produkt ganz oben auf der Liste oder im Internet steht, sondern das am besten beworbene. Verlage haben da einfach bessere Möglichkeiten und Kapazitäten, ein Buch nach vorne zu bringen. Ich habe über die sozialen Netze schon einige Manuskripte zu lesen bekommen, die es verdient hätten veröffentlicht zu werden, aber es fehlt den Autorinnen (es waren bis jetzt nur Frauen) an Zeit, Wissen, Geld und Durchhaltevermögen, diesen harten Weg zu beschreiten, der mit vielen Absagen gepflastert ist und für den man ein gutes Selbstbewußtsein benötigt. Die Freude generiere ich aus dem Schreiben selber, denn ich mache es ja nicht für eine Zielgruppe, sondern nur für mich. Wenn Leser/innen es für spannend und lesenswert halten, ist das für mich das Sahnehäubchen.

 

Die Diskussion, was besser sei, ob Verlag, Eigenproduktion, Book on Demand, Papier oder Ebook läuft heiss. Was ist Ihre Meinung dazu? Ist nur ein Verlagsbuch ein gutes Buch? Muss es in Papierform da sein oder reicht eine elektrische Version? Wer oder was entscheidet über Qualität?

Ein wirklich schwieriges Thema, das inzwischen mit vielen Emotionen zu kämpfen hat. Ich kann es nur aus Kaufmannssicht betrachten. Wer unabhängig ist, fährt sicher gut und preisgünstig damit, über kostenlose Online-Portale ein eBook zu erstellen.Das habe ich auch gemacht, aber inzwischen ein Druckhaus gefunden, wo ich selber kostengünstig produzieren lasse. Book on Demand lohnt sich für die wenigstens, denn wenn Zwischenhändler ins Spiel kommen, wird die Wertschöpfungskette zu lang. Das treibt den Preis nach oben. Ein guter Verlag nimmt einem die ganze Arbeit von Marketing und Vertrieb ab, also ein Plus für kaufmännische Neulinge. Für mich persönlich muss ein Buch gedruckt sein, deshalb habe ich auch keinen Reader. Ich lese aber Texte von Kollegen, die mich darum bitten, oder für die ich mich interessiere, online. Über die Qualität entscheidet wie so oft das Schicksal, denn selbst J. K. Rawling wurde mindestens ein dutzend Mal abgelehnt, bevor sich jemand etwas bei ihrer Geschichte gedacht hat. Auch J. R. R. Talkien galt lange als unlesbar mit seinem „Herr der Ringe“. Heute schütteln wir den Kopf darüber, aber die Qualität ist da, sie liegt nur nicht immer da, wo wir sie suchen.

 

Jedes Jahr kommen tausende Bücher auf den Markt. Ist dieser nicht irgendwann übersättigt? Macht es diese Bücherflut schwerer für einen Autoren oder belegt Konkurrenz das Geschäft?

Die Bücherflut war nie größer als zurzeit, das stimmt. Stelle ich mir aber vor, dass ich einen Wälzer wie den „Herr der Ringe“ in zwei Tagen lesen kann, natürlich fast ohne zu schlafen, der Schreibprozess hingegen jedoch fast 15 Jahre gedauert hat, kann ich mir eine Übersättigung kaum vorstellen. Vor Konkurrenz habe ich weniger Angst (eigentlich keine), als vor den Zukunftsvisionen von ein paar Verrückten, die mit Hilfe von Schreibprogrammen automatisch Bücher estellen wollen für jeden, der gerne Autor wäre. Dann verkommt der Erfahrungswert eines guten Buches zu einer Konserve mit jeder Menge Inhaltsstoffen, die uns weder nützen, noch uns einen Nährwert bringen können, sondern nur einen kurzen, belanglosen Zeitvertreib. Dies wäre nicht mein Weg, ist aber für die Industrie interessant, da sie dann endlich den Autor abkoppeln kann aus der Gewinnkette. Eben: Turbo-Kapitalismus, wie ich ihn auch in meinem Buch beschreibe. Gewinn heiligt alle Mittel, zumindest für einige.

 

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Wie es andere Autoren und Schriftsteller machen, weiß ich nicht. Ich stelle mir vor, was ich persönlich spannend, interessant, oder witzig finden würde, und überlege mir dann, wie man es schriftlich fixieren kann, so dass es beim Lesen genauso wirkt. Ich weiß, dass viele Autoren gerne das Schlusskapitel zuerst verfassen und sich dann darauf zubewegen. Ich schreibe chronologisch, da für mich das Ende offen ist. Einen roten Faden gibt es, aber ich überlasse gerne meinen Akteuren die Führung ihres eigenen Lebens. Bei manchen endet es in einem Fiasko, aber das ist ja dann nicht meine Schuld. Manchmal reicht aber auch eine Granittür in einem Bürogebäude, die man kaum sieht, um meine Fantasie zu beflügeln, weil ich mir denke. „Wer baut eine Tür ohne Schloß in die Außenfassade eines Glas- und Marmorpalastes, die offensichtlich regelmäßig benutzt wird, obwohl der Eingang keine 20 Meter entfernt liegt.“ Schon geht es los mit der Story.

 

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Arno von Rosen steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es gibt Parallelen zu meinen Figuren, aber die Nerven von denen habe ich nicht. Ich stürze mich nicht gerne in Unbekanntes und mein sehnlichster Wunsch wäre es, ein Spießer zu sein. Aber was ich auch versuche, immer laufen mir Abenteuer über den Weg, selbst wenn ich nur harmlos essen gehen will. Vielleicht entdecke ich auch nur, was andere ignorieren, wer weiß das schon. Ich denke, jeder hat das Potential, ein böser oder ein guter Mensch zu sein, es ist nur die Frage, was wir morgens vor dem Spiegel entscheiden, zu sein. Da hatte ich immer Glück, denn ich bin nicht leicht in Versuchung zu führen.

 

Wieso schreiben Sie einen Krimi? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Beides. Erstens weil die Geschichte schon da war und weil man seinen Figuren Eigenschaften geben kann, für die man selber nicht den Willen oder den Mumm besitzt.Ich glaube Michelangelo hat mal auf die Frage, wie er die Figur des David so vollendet erschaffen konnte, geantwortet: „Die Figur war schon immer da, ich habe nur den überflüssigen Stein entfernt“. So ähnlich war es bei meinem Roman, ohne den Vergleich ziehen zu wollen. Thriller lese ich gerne, aber mein Herz gehört der Sience Fiction, weshalb ich auch gerade an Kurzgeschichten in dem Genre arbeite, aber darüber reden wir ein anderes Mal.

 

Ihr Krimi beginnt harmlos, handelt von zwei Autoren, die einen Roman schreiben. Erst die Verkaufsstrategie löst eine Lawine aus und plötzlich sieht man sich mit Wirtschaftsverbrechen und unlauteren Machenschaften konfrontiert. Wiederspiegelt diese Verkaufsstrategie metaphorisch gesehen Ihre Erfahrungen?

Absolut. Genau so findet heute das Internet und ihre Verkaufplattformen statt. Ich kenne persönlich Genies auf diesem Gebiet, die ihnen alles darüber sagen könnten, wenn sie nur den Glauben dafür aufbringen würden. Ich habe bei der Darstellung der technischen Möglichkeiten stark untertrieben, damit es glaubwürdiger klingt. Mit dem Wissen über die diversen Spionageaffären der vergangenen zwei Jahre konnte ich gut umgehen, da mir die Praktiken vertraut waren. Ich habe bewußt harmlos angefangen, damit jeder nachvollziehen kann, wie schnell aus einer alltäglichen Situation ein nervenaufreibendes Spiel um Leben und Tod werden kann, denn so ist das Leben wirklich. Alles beginnt mit dem Sonnenschein am Morgen, aber bereits den Abend sehen viele Menschen nicht mehr, aus den unterschiedlichsten Gründen. Deshalb sollte man auch jedem Tag etwas Gutes abgewinnen, selbst wenn es einem mal nicht so gut geht. Mit dem ersten Kapitel auf der Insel führe ich die Leser/innen zunächst auf eine falsche Fährte, aber der Kreis schließt sich wieder, versprochen.

 

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Ich finde schon, denn als Autor nimmt man viele politische, soziale und wissenschaftliche Themen auf, ob für die eigene Arbeit oder im Austausch mit Kollegen, Freunden oder dem Paket-Mann, der gerade an meiner Tür geklingelt hat, weil der Nachbar nicht da ist. Ich würde mich aber nie auf die Seite einer Partei schlagen, weder in einer Diskussion noch in einem Wahlkampf. Das muss jeder für sich selber entscheiden. Ich halte es für meine politische Pflicht, Vorhaben zu bewerten oder zu kritisieren.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Gute Frage. Früher musste es ein bestimmter Autor sein, dem ich mein Lesevergnügen bereits anvertraut habe, seit Jahren bekomme ich aber aber die meisten Bücher empfohlen. Wenn es mich nach maximal 100 Seiten nicht anspricht, landet es im Regal. Zurzeit wird viel Wert auf ein reisserisches Cover gelegt, das einem schon alles verspricht. Ich lese tatsächlich die Klappentexte der Bücher und wenn der interessant ist, folgt ein Kapitel aus der Mitte. Springt dann der Funke über, landet es auf meinem Nachttisch. Dafür reicht auch schon mal ein einziger Satz.

 

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Sie haben mich doch noch erwischt Frau Matteotti, denn das ist eine furchtbare Frage für mich, weil meine bewunderten Schriftsteller fast alle mausetot sind. Ich liebe die Geschichten von Mark Twain, Dumas, Tolstoi, Tolkien und natürlich von Asimov, Silverberg, Philipp K. Dick und so weiter. Davon habe ich mehr als 5000 Bücher gelesen. Von heute finde ich Grisham, Rawlings und natürlich Schätzing gut, aber niemand hat für mich Pate gestanden, denn ich möchte niemandem nacheifern. Ich versuche, meinen eigenen Stil zu verfolgen, sofern ich einen besitze. Außerdem habe ich mir auch nie Gedanken gemacht, wie andere Autoren das für sich interpretieren und ob sie einen bestimmten Stil haben.

 

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sag niemandem, das du schreibst, denn die wenigsten bringen es fertig, ein Buch wirklich zu Ende zu schreiben.

 

Schreibe so oft du kannst, denn sonst verlierst du den Faden.

 

Schreibe viele klare und kurze Sätze. Wenn du selber den Satz mehr als einmal lesen musst, um ihn zu verstehen, ist er zu lang und zu verschachtelt.

 

Schreibe nicht alles auf, was in deinem Kopf ist, sondern lass dem Leser Platz für seine eigene Variante der Geschichte.

 

Schreibe für dich und nicht weil du damit Geld verdienen oder berühmt werden willst.

Ich bedanke mich für dieses Interview, für die spannenden, ausführlichen und Einblick gewährenden Antworten.

So und anders

Es fängt schon früh an. Kaum sind die Kinder auf der Welt, müssen sie im Wettkampf der Mütter um das schnellste, schönste und beste Kind bestehen.

„Mein Sohn macht mit 3 schon Puzzles mit 500 Teilen, kann deiner das?“

Der Blick, wenn dein Sohn das nicht kann, spricht Bände, man könnte meinen, vom Puzzeln hängt der Weltfrieden ab, zumindest aber die Zukunft des Kindes. Sollte das Kind irgendwann etwas nicht erreichen, wird man an das Puzzle denken und wissen: „Es zeigte sich schon damals.“ Damit das Leben leichter wird, gibt es mittlerweile für alles Tabellen und Diagramme. Man kann exakt ablesen, wie gross und schwer ein Kind in welchem Alter sein darf oder muss, um zur Norm zu gehören. Man weiss, wann es aufsitzen, sich umdrehen, loskrabbeln, aufstehen, loslaufen und reden können muss. Genügte es mal noch, sich in dem Rahmen zu bewegen, der als normal erachtet wurde, ging es bald weiter, indem man ihn übertreffen musste. Das Kind musste bitte schneller sein in allem, was es können muss, erst das macht die Mutter zur stolzen Mutter und das Kind zu einem Gewinnerkind.

Auf dem Pausenplatz geht es weiter. Die Kinder übernehmen die Muster und leben sie weiter. Das Kind, das eine Brille trägt, wird zur Brillenschlange und ausgegrenzt, der Junge ohne Sportlerfigur zum Schwabbelpudding und verspottet. Das Mädchen mit der anderen Hautfarbe wird beschimpft, gehauen und beleidigt. Aufgehört wird erst, wenn alle am Boden sind, die man am Boden sehen will, weil sie anders sind. Und nicht selten tritt man nochmals nach, weil es grad Spass macht.

Was so früh anfängt und eingeübt wird, hört nicht einfach mal auf. Es geht weiter, prägt sich ein, dringt tief. Jeder Mensch hat es in sich:

„Du musst besser sein, schneller sein, höher kommen. Gut ist nicht gut genug, nur der Beste wird gewinnen.“

Schliesslich wollen wir alle Gewinner sein, darauf sind wir ausgerichtet. Um zu gewinnen gibt es ganz klare Kriterien, die es zu erfüllen gilt, es gibt Massstäbe, an denen man sich messen muss (und die man bitte übertreffen soll) und richtige und falsche Wege, von denen man die ersten gehen, die zweiten meiden soll. Was richtig und falsch legt die Gruppe fest, in der man sich bewegt, es wird von denen propagiert, die am lautesten schreien und von den meisten gehört werden. Das sind die, welche innerhalb einer Gruppe an dem Punkt sind, der innerhalb der Gruppe als erstrebenswert gilt: der Punkt ganz oben. Ihnen glaubt man, weil sie es geschafft haben, sie müssen es also wissen.

Nun gibt es viele, die mit diesem Modell leben können, die sich in diese Gruppen einbringen und darin ihren Platz finden können. Es gibt aber auch die, welche mit dem Anspruch, besser, schöner, klüger, schneller sein zu müssen überfordert sind. Sie scheitern dabei, richtige Wege zu gehen, die ihnen nicht entsprechen, aber von Gruppen als solche (und einzige) Wege erachtet werden. Sie sehen sich in einer Gruppe, von der sie kein Teil sind, weil sie sich deren Gesetzen entziehen. Sie sehen sich oft verspottet, ausgegrenzt, gedemütigt – und demütigen sich selber, indem sie sich wünschten, so zu sein, wie die anderen, damit sie auch dazugehörten.

Oft werden sie getröstet, indem man ihnen vor Augen hält, was für Genies, Wunderkinder und herausragende Künstler auch Aussenseiter waren und es ganz weit gebracht haben. Man nennt Namen, die allen ein Begriff sind, zu denen man aufschaut, weil sie es an die Spitze gebracht haben in einem Bereich, und verweist auf ihre Wege, die den normalen Wegen nicht entsprechen. Was tröstend sein soll, ist aber nur eine weitere Herabsetzung. Nicht jeder, der in keine Norm passt, ist deswegen ein Genie oder Jahrhundertkünstler. Nicht jeder, der nicht klug ist, hat deswegen ein übergrosses Herz und nicht jeder, der nicht rechnen kann, ist deswegen ein Spitzensportler. Auch da steckt Normdenken und Massstab dahinter.

Schliesslich und endlich ist jeder, wie er ist und muss mit dem klarkommen, was er hat an Fähigkeiten, Eigenschaften und auch Glück im Leben. Das ist ab und an schon schwer genug. Schön wäre es, wäre man in seinem So-Sein – das auch ein Anders-Sein sein kann – getragen und müsste nicht noch gegen bösartige Angriffe und Abwertungen kämpfen. Anders ist weder besser noch schlechter, es ist anders. Jeder, der findet, ein anderer sei anders, ist selber anders als der andere. Wer also will sagen, welcher von beiden richtig, welcher falsch ist?

 

Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

Wie das Leben hätte sein können

Vielleicht sehen Sie das Bild eines Tages. […] Eine Frau kommt eine Treppe herab. Der rechte Fuss tritt auf die untere Stufe, der linke berührt noch die obere, setzt aber schon zum nächsten Schritt an. Die Frau ist nackt, ihr Körper blass, Schamhaar und Haupthaar sind blond, das Haupthaar glänzt im Schein eines Lichts.

Mit dem Bild einer Frau, die nackt die Treppe hinunter schreitet, fängt alles an. Der Ehemann der Frau möchte die Frau zurück, die zum Maler zog, der Maler möchte das Bild zurück, das noch beim Gatten hängt. Mitten drin ein junger Anwalt, der zwischen beiden vermitteln soll und der sich in die Frau verliebt. Schlussendlich hilft er ihr, beiden mitsamt Bild zu entkommen. Während er von einem gemeinsamen Leben träumt, flieht sie auch vor ihm.

Ändern lässt sich an der Vergangenheit nichts mehr. Damit habe ich schon lange meinen Frieden gemacht. Nur schwer mache ich meinen Frieden damit, dass die Vergangenheit immer wieder keinen rechten Sinn macht. Vielleicht hat jedes Schlechte auch ein Gutes. Aber vielleicht ist jedes Schlechte auch nur schlecht.

Jahre vergehen, Leben nehmen ihren Lauf. Eines Tages sieht der Anwalt das Bild wieder und sucht die Frau, um von ihr zu erfahren, wieso sie ihn damals benutzt hat. Er findet sie auf einer einsamen Insel und erfährt von ihr, dass sie eine andere Sicht der Geschichte hat als er. Als dann auch noch ihr ehemaliger Ehemann und der Maler auf der einsamen Insel auftauchen, scheint der Kampf um die Frau und das Bild von vorne loszugehen.

Bernhard Schlinks neuster Roman handelt von der Liebe, vom Leben, von verschiedenen Lebensmustern und Lebenswegen sowie von Wertvorstellungen wie richtig und falsch, gut und schlecht. Bernhard Schlink lässt seine Figuren auf die Vergangenheit zurückblicken, Bilanz ziehen.

Die Frau auf der Treppe beginnt spannend, zeigt die Figuren in ihrem Leben, lässt sie handeln, lässt den Leser an der Handlung teilhaben und mehr wissen wollen. Er taucht ein und fiebert mit, das Buch begeistert. So könnte es weiter gehen, so ist man es von Bernhard Schlink gewohnt. Interessante und tiefgründige Figuren, die in eine gemeinsame Geschichte verstrickt werden, aus der sie nicht mehr rauskommen.

Die Wege der Figuren dieses Buches trennen sich vordergründig, bleiben aber trotzdem verbunden. Die Zeit vergeht, der Leser folgt dem Anwalt aus dessen Perspektive er an der Geschichte teilhat. Er sieht sich teilweise unvermittelten Zeitsprüngen ausgesetzt, weiss oft nicht, wo er sich gerade befindet, da das Kapitel am Montag beginnt, nach einem Satz zum Sonntag springt, in die Vergangenheit abdriftet, zum Sonntag zurückkehrt, um am Schluss den einen Montagssatz zu wiederholen. Die Zeitsprünge werden später abgelöst durch Realität und Was-Wäre-Wenn-Geschichten, indem man kaum je weiss, ob gerade aktuell passiert, was erzählt wird oder man einer Erzählung in der Erzählung folgt. Das macht das Lesen ab und an anstrengend.

Bernhard Schlink thematisiert in diesem Buch diverse Lebensmuster und Lebensrollen, setzt sie gegeneinander und versieht sie mit Attributen wie richtig oder falsch. Die Sympathien liegen ziemlich offensichtlich bei der Frau, die ausschied aus dem gesellschaftlichen Leben, die auf einer einsamen Insel vor sich hin darbt, während den im (gesellschaftlichen) Leben stehenden Männern ihr Verhalten und Streben im Leben fast zum Vorwurf gemacht wird. Schlink bemüht hier alle nur greifbaren Klischees, das des älteren Ehemannes mit der jungen Frau als Trophäe ebenso wie das des gefühlskalten, karriereorientierten Anwalts, dessen Frau sich selber auslebt und trotzdem vom Leben ernüchtert alkoholisiert gegen einen Baum fährt.

Stünde der Name Bernhard Schlink sonst nicht für gute und tiefgründige Literatur, müsste man nach der Hälfte wohl zum Schluss kommen, dass das Buch vielversprechend begann, diese Versprechen aber leider nicht hielt. Trotzdem muss man dem Buch einiges zugute halten: Es hat eine nachdenkliche Art, lässt auch den Leser über die eigenen Lebensmuster reflektieren. Die Wut über die bemühten Stereotype und Klischees zeigt beim Lesen viel über das eigene Denken, einige Passagen sind philosophisch und tief. Trotzdem ist es wohl der schlechteste Schlink bislang. Schade, er hätte viel Potential gehabt.

 

Fazit:
Nachdenkliche Sicht auf das Leben, das war und auf das, was hätte sein können. Leider oft klischeehaft und insgesamt eine wenig überzeugende Fortsetzung eines vielversprechenden Anfangs.

 

Zum Autor
Bernhard Schlink
Bernhard Schlink wurde 1944 in Bielefeld geboren und ist in Heidelberg aufgewachsen. Er studierte in Heidelberg und Berlin Jura und war danach wissenschaftlicher Assistent. Es folgt eine Professur in Bonn, danach eine in Frankfurt. 1988 wird er Richter des VerfGH für das Land NRW und ist nach der Wende 1989 in Berlin tätig. Heute hat Bernhard Schlink eine Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin inne und ist Richter am LVerfGH in Münster. Vom ihm erschienen sind unter anderem Selbs Justiz (1987), Die gordische Schleife (1988), Der Vorleser (1995), Das Wochenende (2008), Sommerlügen (2010).

 

Angaben zum Buch:
SchlinkFrauGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (27. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3257069099
Preis: EUR 21.90 / CHF 30.90

 

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Rezension: Zoë Beck – Brixton Hill

Wem kann man trauen?

Es ist nicht der Aufprall, an den man sich später erinnert. Was man immer wieder vor sich sehen wird, ist der Moment des freien Falls.
Und man wird die Stille dieses Moments hören. Denn die Welt hört auf, sich zu drehen. Alles ist ruhig. Nur der Körper fällt, schwebend, lautlos.

Zuerst streikt nur das Internet, dann setzt hier und da die Technik kurz aus, bis schliesslich nichts mehr geht. Rauch zieht durch die Gänge des Limeharbour Towers, eines dieser modernen neuen Geschäftstowers, in denen auch Kimmy Rasmussen ihr Büro hat. Emma Vine, ihre Geschäftspartnerin und Freundin kann ihr nicht helfen, als sie sich in Panik aus dem Fenster des fünfzenhnten Stock stürzt. Als ob das nicht schlimm genug wäre, wird sie kurz darauf von der Polizei abgeführt wegen des Verdachts, diesen Terroranschlag verübt zu haben.

Hinter all dem – da ist sich Emma Vine sicher – kann nur Alan stecken, der Mann, der sie seit Wochen stalkt, sie mit Twitternachrichten und anderem verfolgt. Sie macht sich auf die Suche nach ihm, seine Reaktion bestätigt ihre Ahnung, leider will ihr niemand glauben. Kurz darauf ist auch Alan tot und Emma steht unter Mordverdacht. Von diesem Moment an ist Emma auf der Flucht. Sie ahnt noch nicht, wie gross die Kreise wirklich sind, die sich hinter allem verbergen. Was sie aber ahnt ist, dass sie die Nächste sein soll.

 

Mit Brixton Hill ist Zoë Beck ein rundum gelungener Thriller gelungen. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, haben Geschichte, sind abgerundete Charaktere. Die Schauplätze wirken realistisch und bildhaft und der Plot ist stimmig, spannend aufgebaut mit den nötigen Cliffhangern, Wendungen und dem doch erwünschten Ablauf des Geschehens. Zoë Beck zeigt einmal mehr, dass sie ihr Handwerk versteht.

Würde man einen Negativpunkt nennen wollen, dann wohl den, dass es am Schluss plötzlich schnell geht mit der Aufklärung, Dinge nicht mehr gezeigt werden, sondern beschrieben, ohne sie in eine Handlung einzubetten. Trotzdem tut dies dem Lesegenuss keinen Abbruch, die Spannung bleibt von der ersten bis zur letzten Seite.

Fazit:
Brixton Hill packt einen von der ersten Seite und lässt einen nicht mehr los. Pures Lesevergnügen. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Zoë Beck
Zoë Beck, geboren 1975, wuchs zweisprachig auf und pendelt zwischen Großbritannien und Deutschland. Ihre grosse Liebe neben der Literatur ist die Musik: Mit drei Jahren begann sie, Klavier zu spielen, gewann bald darauf diverse Wettbewerbe und gab zahlreiche Konzerte. Heute arbeitet sie als freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. 2010 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Bester Kurzkrimi“. Von ihr erschienen sind unter anderem Das zerbrochene Fenster (2012), Der frühe Tod (2011), Das alte Kind (2010).

Mehr zu Zoë Beck und ihrem Schreiben unter Zoë Beck – Nachgefragt.

Angaben zum Buch:
BeckZoeBrixtonTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (9. Dezember 2013)
ISBN-Nr.: 978-3453410428
Preis: EUR 8.99 / CHF 14.90

 

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Rolf von Siebenthal – Nachgefragt

Rolf_von_SiebenthalRolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen sind die beiden Kriminalromane Schachzug (2013) und Höllenfeuer (2014).

Rolf von Siebenthal hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinen Romanen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich habe Jahrgang 61 und bin ausgebildeter Sprachlehrer, arbeitete lange bei einer Tageszeitung und ein paar Jahre im Bundesamt für Verkehr. Heute bin ich selbstständiger Journalist und Texter.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Das Schreiben fällt mir ziemlich leicht, Schriftsteller wollte ich nie werden. Auch heute noch betrachte ich mich eher als Journalist denn als Autor.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

In den 14 Jahren bei einer Tageszeitung habe ich meinen Schreibstil ständig verbessern können. Doch mit dem ersten Krimi tat ich mich schwer. Deswegen habe ich tatsächlich einen einwöchigen Schreibkurs in Norddeutschland besucht. Dort haben mir erfahrene Kursleiter geholfen, meine Stärken und Schwächen zu erkennen. Für mich hat sich das sehr gelohnt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bei „Schachzug“ probierte ich vieles aus, änderte, korrigierte, löschte – und fluchte. Bei „Höllenfeuer“ hatte ich von Anfang an einen ziemlich genauen Plot, an den ich mich dann auch hielt. Das ist für mich die bessere Variante.

Wann und wo schreiben Sie?

Früh am Morgen, der Ort spielt keine Rolle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich kann einen Text zur Seite legen und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Wenn ich aber am Schreiben bin, kreisen die Gedanken ständig um die Geschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Journalist passt besser zu mir als Schriftsteller. Schreiben ist für mich ein Hobby, keine Berufung. Am Anfang hat mir das Krimischreiben keinen grossen Spass gemacht, meine Texte waren miserabel. Es hat zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich meinen Stil gefunden hatte. Doch noch immer betrachte ich mich als Lehrling. Mit der Erfahrung nimmt auch die Freude zu.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe eine Agentin in Berlin. Für mich ist sie ein Glücksfall, weil sie mir die Suche nach einem Verlag und die anschliessenden Verhandlungen abgenommen hat. Leider kann sie nichts daran ändern, dass sich mit Büchern kaum Geld verdienen lässt.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Mein deutscher Verlag gibt sogenannte „Regionalkrimis“ heraus. Er schätzt es sehr, wenn die Schweiz in meinen Texten klar zum Vorschein kommt. Von deutschen Lesern höre ich das ebenfalls. Ansonsten könnten meine Geschichten aber überall spielen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Häufig verstecken sich Geschichten in Gemeindeblättern, Vereinsheften, Anzeigern. Ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Dann stelle ich mir immer die Frage: Was wäre, wenn? Ein Beispiel: Kürzlich hat der Gemeindepräsident von Wintersingen (BL) bei Grabungen in seinem Garten Knochen gefunden. Später stellte sich heraus, dass sie von einem jungen Mann stammen, der vor über 100 Jahren starb. Aber was wäre, wenn die Knochen nur 10 oder 20 Jahre alt wären?

Am Anfang von „Höllenfeuer“ standen die Serien, die alle Zeitungen in der Sommerflaute bringen. Ein beliebtes Thema sind jeweils „Ungelöste Kriminalfälle“.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Rolf von Siebenthal steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Nein, ich identifizeire mich nicht mit den Figuren. Beim Journalisten Bollag spielt meine Berufserfahrung natürlich eine Rolle. Ich weiss aber nicht in jeder Situation, wie er reagieren würde. Das ist immer eine Annäherung und gilt auch für die anderen Figuren. Froh bin ich über Rückmeldungen von Testlesern, die eine Figur möglicherweise anders einschätzen.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist das, was ich selber gerne lese.

Ihr Krimi Höllenfeuer bewegt sich zwischen politischen und privaten Themen, vereint komplizierte Liebesgeschichten und Geschäftsbeziehungen, verknüpft alte und neue Fälle. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen, am Knüpfen solcher komplexer Netze?

Beschreibungen von Menschen, Landschaften, Mittagessen etc. sind nicht meine Stärke. Meine Krimis leben vom Plot, es muss viel passieren. Deswegen stecke ich viel Zeit in die Planung. Danach fällt mit das Schreiben viel leichter.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Wenn sich ein Autor äussern will, finde ich es in Ordnung. Aber hört ihm auch jemand zu?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo, Spannung, interressante Charaktere und eine abwechslungsreiche Geschichte.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mir gefallen angelsächsische Autoren wie Michael Connelly oder Ian Rankin gut. Die haben Tempo, gute Plots und eine schöne Sprache.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Viel lesen und schreiben, die eigenen Stärken und Schwächen suchen, Texte den Stärken und Schwächen anpassen, Kritik nicht persönlich nehmen. Und nur schreiben, was man selber gerne lesen möchte.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Wie ich in Zürich auf Godot wartete – in der Walliser Kanne

Ich war mal wieder im Ausgang mit einer lieben Freundin. Ich kenne sie nicht lang, aber irgendwie passt das Wort, es war vertraut und schön. Nun wohnen wir beide in der teuersten Stadt der Welt, in eben der wollten wir was trinken, nicht zu weit vom Bahnhof, da beide müde von des Tages Lasten. Wir landeten in der Walliser Kanne, mehr aus Zufall, da wir eigentlich ins 0815 wollten, aber den Tisch daneben erwischten.

Das wäre alles kein Problem gewesen, waren doch die Tische nett und zu trinken schien es zu geben. Der Kellner (aufgeführt hat er sich wie der Besitzer des Lokals und der König von Zürich) kam auch bald – meine Begleitung wollte gerade bestellen gehen, weil sie Selbstbedienung annahm – und meinte auf ihre entsprechend lautende Äusserung von oben herab: „Wir sind hier schliesslich kein Pöb (er meinte wohl Pub), sondern ein Reschtoraaand.“ Wir bestellten Bier und Wasser, was mit leicht säuerlicher Miene gebracht wurde (gut, vielleicht kann der arme Mann nicht anders, könnte durchaus sein, macht es aber nicht wirklich besser).

Wir trinken, reden, reden, reden, trinken. Der gute Mann kommt wieder, kriegt noch eine Bierbestellung, welche er fast schon lächelnd entgegen nimmt, allerdings schnell wieder mürrisch guckend wird, als ich sage, dass ich nichts mehr will. Es wird langsam kühl, meine Begleitung geht rein, will zahlen, wird ignoriert, worauf wir draussen der Dinge harren, die da kommen. Ob er wohl Godot hiess, der gute Mann? Fast schon schien es so, denn er kam nicht mehr. Und als er mal kam und ich ihm sagte, dass wir gerne zahlen würden, war er auch schnell wieder weg, obwohl er das Portemonnaie dabei hatte und unsere Konsumation durchaus übersichtlich war.

Ich sah ihn durchs Fenster wenig tun, mal hier was bringen, da eine Bestellung aufnehmen, ab und an nur da stehen und selber der Dinge harren – oder ging er grad in sich und versank in Meditation? Ich werde es nie erfahren, gekommen ist er jedenfalls nicht – in keinster Weise. Und dann: Wunder geschehen – er kam – also zu unserem Tisch. Und rechnete. Und wunderte sich. Dass er kein Trinkgeld kriegte. Schaute uns auch nicht mehr an. War schneller weg als er je hätte kommen (also zum Tisch) können. Das tat unserer guten Laune keinen Abbruch, im Gegenteil, ist doch nichts so wunderbar wie ein Objekt, über das sich lästern lässt. Ein grosses Merci dafür, wir haben uns köstlich amüsiert, kommen werden wir aber nicht mehr. Das wird dem guten Mann sicher nichts ausmachen, denn er schien es eh nicht nötig gehabt zu haben, denn hätte er es nötig gehabt, wäre er doch sicher ein zuvorkommender, freundlicher Gastgeber gewesen, bei dem wir nächstes Mal unser Nachtessen eingenommen hätten.

Rezension: Rolf von Siebenthal – Höllenfeuer

Politzirkus und Sektentaumel

Mit einem lauten Knall flog die Wohnzimmertür auf, der Rahmen fing sofort Feuer. Eine Woge aus Hitze und dichtem Qualm umfing ihn und sog die Luft aus seinen Lungen. […] Brunner hob den Kopf und setzte zu einem tierischen Gebrüll an, als der Raum um ihn herum in einem grellen Blitz zerbarst. Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, dann war alles vorbei.

Der Journalist Max Bollag hat alle Hände voll zu tun. Er schreibt über den Tod des Arztes Michael Brunner, welcher beim Brand seines Hauses ums Leben kam, eine anonym abgegebene Notiz, dass ein vor Jahren verschwundenes Kind noch lebt, lässt ihn Nachforschungen anstellen, Drohungen gegen seine Freundin, die Bundesrätin Petra Mangold, lassen ihn ebenfalls nicht in Ruhe und als ob das nicht genug wäre, schickt ihn sein Chef zu langweiligen Anlässen , da die Zeitung weg von aktuellen Ereignissen hin zu positivem Lokalgeschehen wechseln will.

Bei seinen Nachforschungen kommt er immer wieder Kripo-Chef Heinz Neuenschwander ins Gehege, der weder von der Presse allgemein noch von Max Bollag im Besonderen viel hält. Als sich die Geschehnisse zuspitzen, bleibt den beiden wenig übrig, als zusammenzuarbeiten – zumindest vordergründig -, was auch bitter nötig wird, als es für einen der beiden richtig gefährlich wird.

Weder mit Händen noch Füssen konnte [er sich] wehren, als der Junge die Nadel in seinen Nacken stiess. Er spürte, wie sich irgendein Zeugs von seinem Hals aus in den Körper ergoss. Wenig später erschlafften alle Muskeln und sein Sichtfeld verengte sich wie ein Lasso. Dann zog sich die Schlinge zusammen und riss ihn hinab in die Dunkelheit.

Höllenfeuer ist Rolf von Siebenthals zweiter Kriminalroman. War schon sein erster, Schachzug, gelungen, hat der Autor nochmals zugelegt und mit seinem Zweitwerk einen fesselnden, komplexen und doch verständlichen Krimi geschrieben. Der Plot ist stimmig und spannend, die Schauplätze wirken plastisch und realistisch, einzig die Figuren bleiben teilweise ein wenig blass, was dem Lesegenuss aber wenig Abbruch tut.

Von Siebenthal behandelt in seinem aktuellen Roman politische Meinungsbildung und politische Intrigen, beleuchtet die Hintergründe und Auswüchse von Sekten, streift Themen wie Abtreibung und Sterbehilfe und lässt auch ein bisschen Raum für die Liebe. Alles in allem eine gelungene Mischung, die das Lesen zum Genuss machte.

Fazit:
Höllenfeuer hat alles, was ein guter Kriminalroman haben muss, so macht Lesen Spass. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Rolf von Siebenthal
Rolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen ist bereits der Kriminalroman Schachzug (2013).

 

Angaben zum Buch:
vonSiebenthalHöllenfeuerTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Gmeiner Verlag (2. Juli 2014)
ISBN-Nr.: 978-3839216149
Preis: EUR 11.99 / CHF 19.90

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