Gut gemeint ist das, was bleibt, wenn das, was man dem anderen aufdrücken wollte, von diesem nicht mit Luftsprüngen verdankt wurde.
In Gedanken
Ich sehe dich vor mir,
kann dich riechen,
weiss, wie du schmeckst.
Ich weiss, wie du denkst,
mich anschaust dabei,
spüre deine Hände.
Ich weiss um das Band,
das uns zusammenhält
und eint für immer.
Und weil ich dich denken kann,
vermisse ich dich
und suche dich.
Danke
Danke,
dass du auf meinen Wegen hinter mir stehst,
sie mich gehen lässt,
auch wenn ich mal umdrehe
neu beginne,
strauchle.
Danke,
dass du immer an mich glaubst,
auch wenn ich zweifle,
und mich festhältst,
wenn ich zu fallen
drohe.
Danke,
dass du meine Wege mit mir gehst,
durch alle Irrungen
und Wirrungen,
mal hin und auch
wieder her.
Danke,
dass du mich nimmst, wie ich bin,
und mich dabei immer lässt,
der zu werden
und zu sein,
der ich bin.
Gestern – Morgen – Heute
Hier sitze ich, habe eine ganze Serie von Liebesschnulzen hinter mir, bin also eher rührselig und denke: Das ist die richtige Stimmung für Rück- und Ausblick.
Der Rückblick lässt sich relativ einfach zusammenfassen: Es war ein schwieriges Jahr. Es war ein Jahr voller Brüche, Hindernisse, Neuorientierungen. Das machte es zu einem spannenden Jahr mit vielen Highlights, vielen Erkenntnissen, aber auch zu einem Jahr mit Tiefschlägen, Tiefgängen und Trauertälern. Den tiefsten Graben durchschritt ich wohl grad kurz vor Schluss, zum Glück bewahrheitete sich der Spruch:
Wenn irgendwo eine Tür zufällt, geht irgendwo ein Fenster auf.
Das Fenster hat sich aufgetan, als ich ganz dringend Licht suchte in all der dominanten Dunkelheit. Ein neues Projekt kam mir praktisch ins Haus geschneit, eines, wie ich es mir seit Jahren gewünscht hatte. Auch kristalisierte sich mein Weg sonst klarer heraus, so dass der Ausblick auf das neue Jahr ein hoffnungsvoller, ein freudiger ist: Er steht unter dem Motto
Follow your bliss
Das versuchte ich immer, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Allerdings ist zu sagen: Auch die Nicht-Erfolge brachten mich weiter. Im Nachhinein. Ich wäre nie da, wo ich nun bin, wären sie nicht gewesen. Trotzdem hätte ich manchen Tiefschlag gerne übergangen. Aber nun denn: Ich bin dankbar für das, was ist.
Und so sind wir nach Rück- und Ausblick bei dem angelangt, was wirklich zählt im Leben: Das Hier und Jetzt. Alles, was war, ist vorbei. Ich kann drauf schauen, kann sehen, wohin es führte, nämlich ins Jetzt, aber es ist vorbei. Egal ob gut oder schlecht – es ist vorbei. Alles, was kommt, sind Pläne, Ziele, Wünsche, Hoffnungen. Sie sind realistisch – mal mehr, mal weniger – aber nicht da. Leben tu ich heute. Und dieses Heute ist reich an Gefühlen. Heute überwiegt bei mir die Dankbarkeit – für das, was ist, für das, was dahin führte, für das, wohin es deutet. Zuerst aber dafür, was ist.
An dieser Stelle ein ganz grosses Dankeschön an alle, die hier auf Denkzeiten mitlasen, mitdachten, mitdiskutierten. Ich habe von vielen Gedanken, Einwänden, Kommentaren gelernt, mich über sie gefreut, aus ihnen auch Kraft geschöpft.
Danke!
Demokratie war gestern
Der Kanton Aargau will eine Busse über die, welche nichts in die Urne werfen bei Abstimmungen und Wahlen. Der Aufschrei lässt nicht auf sich warten. Das sei keine Lösung, heisst es. In mir geht die Popcorn-Maschine der Gedanken in Betrieb:
Wer kann sich aufregen ausser denen, die nicht stimmen gehen? Die anderen würde das ja nicht kümmern….
Mein Einwand, dass Demokratie heisse, sich zu beteiligen, dass nicht immer viele nach Wahlen und Abstimmungen jammern können, dass das Ergebnis falsch sei, wenn der Grossteil der Bevölkerung gar nicht an der Urne war, kommt gleich, stösst nicht auf offene Ohren, Klar:
Kann man Demokratie erzwingen?
Mein Argument, dass Geld hilft, Demokratie zu leben, da Geldbussen mehr schmerzen als Demokratie lockt, führt zu folgendem Einwand:
Die Gezwungenen könnten einfach leere Stimmzettel einwerfen oder aber aus Jux und Frust Mist ankreuzen….
Und an dem Punkt frage ich mich:
Ist, wenn man so denkt, Demokratie nicht längst als gescheitert zu sehen?
Was kümmert die Busse einen, der eh stimmen geht? Und wieso nehmen so viele Menschen ihr Recht auf Mitbestimmung nicht wahr? Dass sie vielleicht nicht gewinnen könnten? Wenn dem so wäre, müssten wir SOFORT die Diktatur als einzig mögliche politische Form sehen. Überall sonst muss irgendwer mitentscheiden… und das will man ja offensichtlich nicht, solange es freiwillig ist, und gezwungen werden will man auch nicht.
Dummheit zahlt sich aus
Heute habe ich mich weitergebildet. Ich habe gelernt, dass eine Frau aus Korea sich dumm und dämlich verdient mit Youtube, indem sie mit totem Fisch schmust, eine Möhre mit den Zähnen raspelt, laut kreischend aus Parisern Farbe auf ein Bild kleckst und diese dann – immer noch kreischend – am Kleid reibt, um es einzusauen. Das ist eine Ausnahme? Bewahre.
Da ist die Frau, die ihr Gesicht in Brot drückt. Millionen Menschen klicken das an. Ein Mann flüstert. Nichts Besonderes, nichts Geistreiches, zu keinem speziellen Thema – aber: Alles, was er so sagt, flüstert er. Schweizerdeutsch. Vielleicht ist das toll für Ausländer (Deutsche finden unseren Akzent ja oft niedlich und lachen das laut raus), für mich eher normal. Die Reaktionen übertreffen alles (mit gesundem Menschenverstand zu erahnende): Von Hirnorgasmus ist die Rede. Die Klicks brechen die Millionengrenze.
Das sind nur ein paar Beispiele, es gäbe sicher noch mehr. Ich überlege, ob es wirklich sinnvoll ist, mein Kind in die Schule zu schicken, dass es was lernt: Dummheit zahlt sich aus, wie es aussieht.
Wer braucht mich eigentlich?
Es gab mal eine Zeit, da studierte ich. Und weil ich keine reichen Eltern hatte, musste ich arbeiten, um mir das Studium zu finanzieren. Das Studium dauerte dadurch etwas lange, denn ich musste mir nicht nur Studiengebühren finanzieren, sondern auch eine Wohnung in Zürich, Essen, Versicherungen (ohne geht gar nicht, sagte meine Mama, ihres Zeichens Versicherungsfachfrau), Krankenkassen (damals sicher günstiger als heute, aber immer noch teuer, wenn man nix hat) und so vieles mehr.
Wenn ich mich beworben habe, kriegte ich die Stelle ziemlich sicher. Ich arbeitete in Gasthöfen (servierte Essen), in Pubs (zapfte Bier, spielte Seelentröster und machte Stimmung), bei Heizöl-Riesen (pflegte die Datenbanken und fungierte als Poweruser und Instructor für neue Programme), als EDV-Lehrer (brachte Kindern und Grosis die Grundlagen bei, anderen Zertifikatskurse), bei Zeitungen und Zeitschriften als Freischaffende (ständig auf Achse, teilweise Seiten füllend), in Banken als EDV-Sachbearbeiterin (bastelte und pflegte Datenbanken) und in Anwaltskanzleien (tippte als Assistentin und recherchierte als Paralegal). Das alles als junge Frau, nach der Matur, mitten im Studium.
Heute bin ich nicht mehr ganz so jung, kann sicher mehr als dann, habe mehr erfahren, mehr erlebt und gelernt, bin gewachsen. Und genau das scheint mir zum Verhängnis geworden zu sein. Keiner will mehr eine promovierte Frau im besten (ich sag das mal, an irgendwas muss man sich ja halten) Alter einstellen, die noch dazu einen Titel hat. Gründe (wirkliche) kommen kaum. Wenn überhaupt eine Absage kommt, heisst es: „Besser geeignet“ (worauf fusst das? Häkchen beim Anforderungsprofil?).
So oft heisst es, dass Steuergelder verschwendet werden für Nonsense. Ich habe studiert. Das kostete den Steuerzahler. Ich würde nun gerne arbeiten und mein Wissen, mein Können, meine Fähigkeiten einsetzen. Ich beherrsche Apple und Windows, ich kann mich ausdrücken, habe Weiterbilldungen in Projektmanagement, kann mit Menschen, will mit Menschen. Aber das will keiner haben. Klar kann ich weiter selbständig wursteln. Das funktioniert. Ich weiss aber nur zu gut, dass es das nicht bei jedem tut und ich für mich hätte es gerne anders. Woran liegt es?
Bin ich ein Mensch, den die (Arbeits-)Welt nicht braucht? Wer braucht mich überhaupt? Klar, mein Sohn. Mein Hund auch. Die Katzen würden es nicht zugeben (ok, eigentlich schon), aber auch sie. Nur die Welt da draussen, die braucht mich nicht.
Das klingt autobiographisch? Das mag es sein (Stellenangebote gerne an mich direkt). Aber es trifft auf ganz viele zu.
Kreativreise – ein Rückblick
Vorwärts
Als ich dachte,
es geht nicht,
war ich zu feige?
War es die Angst,
die mich zurückhielt,
oder hatte ich Gründe,
es nicht zu tun?
Als ich Gründe fand,
waren sie real?
Unumstösslich gar?
Waren es Hindernisse,
unüberwindbare,
oder einfach nur
vorgeschobene?
Als ich nachforschte,
was es war,
hätte ich umkehren können?
Müssen gar?
Oder war es schon zu spät?
Wie lange gibt es
ein Zurück?
Als ich nicht umdrehte,
handelte ich richtig?
Weil die Angst,
selbst wenn sie erkannt ist,
nicht einfach geht,
sondern bleibt,
und zermürbt?
Als ich hinterfragte,
hatte das überhaupt einen Sinn?
Oder nimmt das Leben,
wie es auch gelebt wird,
seinen Lauf,
immer vorwärts,
nie zurück?
Ich wünsche mir
Manchmal wünsche ich mir
die Leichtigkeit im Leben zurück.
Ich wünsche mir,
unbeschwert durchs Leben zu gehen,
möchte lachen,
tanzen und singen,
nur tun,
was das Herz begehrt.
Manchmal wünsche ich mir,
das Schwere würde wegfallen.
All die Pflichten,
all die Zwänge und Ketten.
Ich möchte durch Wälder streifen,
in Blumenwiesen liegen,
die Freiheit spüren,
für immer.
Manchmal wünsche ich mir,
die Welt stünde still,
es gäbe nichts,
dem ich hinterher rennen müsste.
Nichts, das eilt,
das drängt oder fordert.
Ich möchte sein,
nur einen Moment.
Manchmal wünsche ich mir
die Leichtigkeit im Leben zurück.
Ich wünsche mir,
dass die Gedanken nicht mehr drehen,
die Zweifel verschwinden,
die Fragen schweigen.
Ich möchte einfach nur
atmen und sein.
Ethik am Arbeitsplatz oder bloss gut klingende Worte?
Nehmen wir die Firma XXX. Sie baut Stellen ab und Manager Heinz muss das umsetzen. Er muss also dahin gehen und Menschen entlassen. Er muss ihnen sagen, dass es für sie keine Stelle mehr gibt in dem Unternehmen, weil dieses sparen muss. Zwar schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen und verzeichnet Gewinne, aber: Um die zu sichern, müssen Einsparungen her. Köpfe müssen rollen. Was ist Manager Heinz für ein Mensch? Ein skrupelloser? Ein böser? Einer, der eigentlich lügt, da der Kopf (und der Kopf ist nicht bloss ein Kopf, es ist ein Mensch, der die Stelle braucht, um zu überleben, es ist ein Mensch, der unter Umständen zu Hause eine Familie hat, die angewiesen ist auf ihn und darauf, dass er diese Stelle hat) grundsätzlich gar nicht rollen müsste, sondern es nur tut, weil gewisse Firmen ihren Ertrag über alles stellen.
Kürzlich diskutierte ich mit einem Bekannten über die heutige Arbeitswelt und darüber, dass die Bedingungen in dieser immer härter würden. Mein Bekannter sagte mit Inbrunst in der Stimme „Ich würde nie Manager werden können.“ Ich fragte ihn, ob er das auch noch sagen würde, wenn er die Wahl hätte, arbeitslos zu werden und somit seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Er antwortete mit ja.
Ich schaute ihn an und fragte wieso. Die Begründung war: „Dazu muss man skrupellos sein.“ (Ok, er sagte „ein Arschloch). „Als Manager musst du Menschen anlügen, du musst sie entlassen, ihnen bis dahin das Blaue vom Himmel versprechen, wenn es der Firma dient. Das kann und will ich nicht. Ich lüge nicht.“
Meine Frage, ob er noch nie gelogen hätte. Ob er vor allem seine Familie, seine Frau noch nie angelogen hätte, liess er im Raum stehen und fand, dass ihm Ethik wichtig sei. Er könne nicht Menschen einfach anlügen, nur um selber eine bessere Position zu haben. Nun ehrt ihn dies sicherlich, doch frage ich mich folgendes:
Bringt man es wirklich nur als skrupelloser Mensch in höhere Positionen? Ist der Weg wirklich immer nur mit Lügen gepflastert? Gibt es in all den Managerreihen nur Arschlöcher und keine Menschen mit Herz und Mitgefühl? Ich kann es kaum glauben, aber weiter: Wenn es so wäre und man diese Reihen aus diesem Grund auch den Arschlöchern überlässt, statt sie selber auszufüllen und nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, ist man dann nicht selber schuld, wenn es eben gerade so ist, dass nur die dort sitzen (und damit das Managerbild überhaupt zeichnen)? Irgendwer wird die Aufgabe übernehmen, wem also tut man einen Dienst, wenn man sich selber mit solchen Argumenten davon distanziert?
Ich bin mir bewusst, dass man mit dem Argument „wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer“ nicht alles rechtfertigen kann, aber wenn etwas getan werden muss, weil es keine Alternative gibt, dann ist es sicher zumindest bedenkenswert. Und zu guter Letzt die Frage: Der ethische Bekannte stellt das Wohl fremder Menschen mit seiner Entscheidung über das Wohl seiner eigenen Familie, in welcher er eine Rolle übernommen hat. Er will anderen Menschen nicht die Stelle kündigen, weil die daran hängen, ihre Familien an ihnen hängen, würde es aber selber in Kauf nehmen – um das nicht tun zu müssen. Ist das Ethik? Oder ist es einfach selbstherrliches Märtyrertum, das gut klingt? Oder etwas Drittes?
Von Sofamotzern und anderen Querulanten
Einer meiner Freunde teilte einen Beitrag eines Vaters, der mit seinem Sohn im Baumarkt war und beim Rauskommen merkte: Das geliebte Like-a-bike des Sohns war weg…
Was mir aufstiess? Es wurde in den Kommentaren nicht gegen den Dieb geschossen, sondern gegen den Vater. Dieser hatte zwar weder eine Anzeige gemacht, sondern nur die Rückgabe (sogar gegen Entgelt) gewünscht, und auch sonst keine wirklich bösen Worte gefunden, aber: Er hatte das Bike nicht abgeschlossen, mit dem Nennen des Markennamens Werbung gemacht und noch vieles mehr. Vom heimischen Sofa wurde geurteilt und geschossen.
Ich lese das oft in letzter Zeit. Wenn jemand ein Unrecht aufzeigt, wird das Unrecht zwar nicht negiert, aber gleich der Aufzeigende beschossen. Er zeige nur auf, täte aber nichts. Das Urteil ist zwar nicht fundiert, nur angenommen, aber es kommt als Angriff daher. Die eigenen Taten des Angreifers bleiben aussen vor, dass er nicht mal auf das Unrecht hinwies war wohl nicht nur Bequemlichkeit oder Ignoranz, sondern sicherlich einem guten Grund geschuldet. Aber:
Schon das Hinschauen ist eine Haltung. Aus dem Hinschauen können mehr Hinschauende gewonnen werden, daraus eine Handlungsabsicht und daraus eine Handlung. Irgendwo muss man mal anfangen. Wenn aber schon der Anfang belächelt, verurteilt und abgeputzt wird, sind wir bald da, wo alles sang- und klanglos durch geht. Weil die, welche an allem was rumzumeckern haben, das Terrain geebnet haben.
Die Würde des Menschen….und das Bundesgericht
Ein Mann vergewaltigt 24 Frauen und kommt ins Gefängnis. Aus irgendwelchen Gründen wird der Vollzug gelockert und der gute Mann fällt über die nächsten Frauen her, betäubt sie und vergeht sich an ihnen. Wieder wird er verurteilt, des Weiteren wird eine lebenslange Verwahrung wegen besonders schwerer Beeinträchtigung – sowohl psychisch wie physisch – der Opfer. Das fühlt sich gut und richtig an, doch dann geht das Ganze vors Bundesgericht.
Dieses sieht in der Tat keine besonders schwere Beeinträchtigung. Zwar kann nun das Basler Gericht, welches den Fall nun wieder zurück haben darf, immer noch eine Verwahrung anordnen, allerdings wird diese immer wieder neu geprüft. Unter Umständen kann die Verwahrung dann ein Leben lang dauern, nur fehlt ein wenig der Glaube daran, wenn man sieht, dass bei ihm nach einer Prüfung auch eine Vollzugslockerung gestattet wurde. Nun könnte man natürlich zynisch sein und sagen, dass in dieser zum Glück kein Opfer besonders schwer beeinträchtigt wurde nach Massgabe des Bundesgerichts, allerdings bleibt hier sogar dem Zyniker das Wort im Halse stecken.
Das Urteil des Bundegerichts ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Opfer, es zeugt auch von mangelnder Empathie und fehlender Fähigkeit, eine solche Tat einzuschätzen und einzuordnen. Zwar sind Urteile aufgrund von Gesetzen und nie aufgrund von Gefühlen (und sei es nur Mitgefühl) zu fällen, was gut, wichtig und richtig ist, aber hier wurde nicht nur menschlich versagt, auch rechtlich ist dieses Urteil alles andere als eine Meisterleistung und es zeichnet ein falsches Bild. Es suggeriert, dass die körperliche und psychische Integrität und damit auch die Würde des Menschen, welche ja unantastbar sein sollte (so steht es in unserem Grundgesetz) mit Füssen getreten werden kann. Nicht ungestraft, nein, eine Strafe kriegt er, aber die Beeinträchtigung ist nicht besonders schwer.
Der Gedanke, dass ich gerne wüsste, wie sich die Menschen, die so geurteilt haben, fühlen würden, wäre das ihnen geschehen, ob sie das immer noch als nicht wirklich besonders schlimm abtäten, durchzuckt mich. Ich schäme mich, ihn nur schon zu denken, denn wünschen kann ich das niemandem. Umso unverständlicher ist es mir, dass jemand die Schwere des Verbrechens in Frage stellt. Eine Frau wird überrumpelt, betäubt und wacht irgendwann auf und merkt, wie ihr geschehen ist. Sie konnte nichts tun, sie hatte keine Wahl. Sie weiss nicht, was ihr passiert ist, sie weiss nicht wieso – sie muss nun aber damit leben, dass es möglich war, dass es passiert ist und: dass es wieder passieren könnte. Was sonst noch alles in ihrem Kopf, in ihren Gefühlen vorgeht, möchte ich weder in Worte fassen noch genau durchdenken. Zurück bleibt nur die Trauer und die Frage: Was, wenn nicht das, stellt dann überhaupt noch eine „besonders schwere Beeinträchtigung“ dar?
(Hier die Ursache für mein Unverständnis)
Rezension: Alex Capus – Mein Nachbar Urs
Katzen, Kinder, Velopneus – das ganz normale Nachbarschaftsleben
Ich habe fünf Nachbarn, die mit Vornamen Urs heissen. […] Dann gibt es in unserer Nachbarschaft noch einen sechsten Urs, aber der will nicht, dass ich über ihn schreibe. Also sage ich, es seien nur fünf Urse.
In zwölf Kurzgeschichten erzählt Alex Capus aus seinem Leben in Olten, genauer aus seiner Nachbarschaft, hauptsächlich im Zusammenhang mit seinen fünf Nachbarn, die alle Urs heissen. Es gibt noch weitere Menschen mit anderen Namen, von denen die Geschichten handeln, einer davon ist Herbert – allerdings könnte er auch Norbert oder Robert heissen und er wohnt auch nicht in der Nachbarschaft. Doch das ist die Ausnahme. Hier geht es um Urse und Alexs Leben mit ihnen.
Die fünf Urse sind unterschiedlichen Charakters und auch mit unterschiedlichen Berufen und Leben ausgestattet, aber sie haben auch einiges gemeinsam. Sie finden zum Beispiel Alexs Auftreten nicht so, wie es sein sollte:
„Noch nie hat man dich auf einem ordentlichen Velo gesehen. Diese zwanghafte Nachlässigkeit – irgendwie kindisch finde ich das.“
„Wenn’s nur das Velo wäre“, fügte der dritte Urs hinzu.. Bei dir ist aber, wenn man genau hinguckt, alles immer ein bisschen vage und ungefähr. Irgendwie lasch. Nichts für ungut.“
„Ein bisschen lauwarm“, sagte der zweite Urs und nickte.
Als einziger Nicht-Urs kann Alex das nicht stehen lassen:
„Ich verstehe, dass euch mein Lottervelo ein Dorn im Auge ist“, sagte ich. „Aber nehmt bitte zur Kenntnis, dass ich mich genauso ärgern könnte […] Ich tu’s nicht, aber ich könnte mich ärgern. […]“
Wer denkt, das sei es nun gewesen mit der guten Nachbarschaft, dem sei gesagt: Weit gefehlt. Es wird weiter auf dem Kiesplatz mit Bänken und Grill an der Elsastrasse zusammengesessen, gegrillt, Bier getrunken und über Gott und die Welt geredet – wie man es als gute Nachbarn eben tut.
Mein Nachbar Urs ist sicher kein grosser literarischer Wurf und steht, in der Kategorie gedacht, weit hinter Alex Capus’ Romanen zurück, aber: Es ist ein unterhaltsames, zutiefst menschliches, witziges und aus dem Leben gegriffenes Buch, das einen Einblick in Alex Capus’ Leben in seiner Heimat Olten gibt – oder es zumindest gekonnt so aussehen lässt. Man fühlt sich als Leser mittendrin, lacht mit, wundert sich, fragt sich, ist dabei. Wer Alex Capus schon live erlebt hat, erkennt ihn wieder und liest den Alex so, wie er ihn geben würde.
Ich dachte in einer schlaflosen Nacht, ich könnte mal eine Geschichte lesen (dazu eignen sich Kurzgeschichten wunderbar), um dann wieder weiterzuschlafen. Da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt (in diesem Fall Alex Capus) gemacht: Ich habe das ganze Buch in einem Zug durchgelesen. Also: Aufgepasst!
Fazit:
Ein unterhaltsames, kurzweiliges, witziges Buch rund um Alex Capus’ Leben mit seinen fünf Nachbarn namens Urs. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz. Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009), Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).
Hier gibt es ein Interview mit dem Autoren.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (23. Oktober 2015)
ISBN-Nr.: 978-3423144490
Preis: EUR 8.90 / CHF 11.90
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Heranwachsende Söhne
Als ich Kind war, gab es keine Markenklamotten. Schuhe, Hosen, Jacken – alles „No Name“. Alles schön, alles toll, sauber. Aber keine Marke. Mein Vater hielt von Marken nichts. Man zahle nichts ausser dem Namen, meinte er. Ich litt damals, verstehe ihn heute und sehe es gleich.
Mein Sohn mag Marken. Weil: Alle haben die. Ich weiss, wer alle sind. Ich weiss aber auch, wie es sich anfühlt, wenn man nicht hat, was „alle“ haben. Ich kauf’ ihm kaum Marken, ab und an doch. Einiges kriegt er geschenkt, dafür bin ich sehr dankbar, es geht doch ganz schön ins Geld.
Wie es bei Kindern so ist: Sie wachsen. So trug besagtes Kind die schönen blauen „Nike Air“-Sportschuhe gerade mal einmal, dann waren sie zu klein. Die tolle schwarze Jeans hatte zwar keinen Namen, dafür aber einen gigantischen Schnitt. Nur: Das Kind passte nicht mehr rein.
Aber… und nun kommt’s… ich passte in beides rein. Und ich trug wohl das erste Mal in meinem Leben Nike Turnschuhe. Und die Jeans war auch toll. Leider ist das Kind mittlerweile in Hosen und Schuhen über mich hinausgewachsen, aber die beiden Stücke, die liebe ich heiss.