Ich seh‘ dir zu

Ich seh
von aussen zu,
wie du ins Unglück rennst.

Ich ruf
dir ganz laut zu,
mach Halt,du hörst mich nicht.

Willst nicht?
Kannst es nicht?
weißt alles besser gar?

Ich seh
von aussen zu,
wie du ins Unglück rennst.

Ich kann
nichts mehr tun,
es ist bereits getan.

Du gehst,
schliesst Türen zu,
lässt mich ganz aussen vor.

Ich seh
von aussen zu,
wie du ins Unglück rennst.

Ich wein’
schon jetzt
um dich, ganz bitterlich.

Du hörst
nicht hin,
rennst fort, ich lasse dich.

Ich seh
von aussen zu,
wie du ins Unglück rennst.

Ich lass
dich zieh’n
und sitze hier, immer bereit.

Wenn du
mich brauchst,
dann fang und halt ich dich.

Eine Insel

Ich hätte gerne
eine Insel
nur für mich.

Niemand will was,
niemand braucht was,
keiner spricht.

Keine Sorgen,
auch kein Morgen,
immer jetzt.

Alles weit weg,
nichts erreichbar,
Einsamkeit.

Niemand sieht mich,
niemand hört mich,
nicht mal ich.

Ich hätte gerne
eine Insel
nur für mich.

Das verzweifelte Mädchen

Sie sass am Tisch und las. Der Artikel war interessant, aber komplex. Ein Weinen durchbrach ihre Konzentration. Es musste ein Mädchen sein, das weinte. Das Weinen wurde immer lauter, immer schriller. Es klang verzweifelt. Es war fast ein Kreischen, kein Weinen mehr. Es wurde unterbrochen von Wortfetzen – geschrienen. Mit Verzweiflung geschrien. Papi, schrie es. Ich habe dich so lieb, schrie es. Weinte weiter, schrie wieder nach dem Vater. Es konnte sich nicht beruhigen, es schrie und weinte und schrie. Immer wieder nach dem Vater, den es liebte, verzweifelt liebte. Wohl verlor, denn es schrie nach ihm. Dann war es ruhig. Eine Autotür schlug zu.

Sie sass am Tisch. Sie las nicht mehr. Die Schreie hallten nach. Dann hörte sie einen männlichen Seufzer. Draussen regnete es. Sie stellte sich vor, wie alle vom Regen durchnässt auf der Strasse gestanden hatten, wie der Himmel das Drama beweint hatte. Sie stellte sich den Vater vor, wie er noch dastand, die Haare ins Gesicht geklebt, der Blick verzweifelt. Und sie stellte sich vor, wie das kleine Mädchen völlig durchnässt und schluchzend im Auto sass und weggefahren wurde.

Was war passiert? Eine Mutter, die sich trennte, das Kind mitnahm? Oder die Behörden, die das Kind abholten, weil es zu Hause gefährdet schien? Hatte der geliebte Vater getrunken und das Kind sich selber überlassen? War die Mutter krank und konnte sich nicht kümmern, der Vater war von der Situation überfordert du verkroch sich in sich selber? Wurde das Kind geschlagen und liebte trotz der Schläge seine Eltern so verzweifelt, dass es lieber noch tausend Schläge erlebt hätte, als von zu Hause wegzumüssen?

Draussen war es still. Fast unheimlich still. Nur der Regen prasselte gegen das Fenster. Sie sass am Tisch und hörte ihm zu. Sie hörte auf das Rauschen ab und an vorbeifahrender Autos, hörte ein Flugzeug, das wegflog. Sie hörte den Regen, der alles wieder reinwusch. Die Schreie hallten immer noch nach. Sie zogen ihre Gedanken mit und hinterliessen ein Gefühl der Trauer. Sie wusste nicht, was passiert war, aber die Verzweiflung hatte sie tief in sich selber gespürt und spürte sie noch. Sie nahm einen letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse, nahm die Zeitung und legte sie weg.

Gut und schlecht

Oft denke ich, dass ich mein Studium nie absolviert hätte, wäre Facebook damals schon ein Thema gewesen. All die Ablenkungsmöglichkeiten des weltweiten Netzes, die mich doch oft gefangen halten – drum heisst es wohl Netz – es wäre undenkbar gewesen. Auch die Dissertation – viel Zeit ging für den finanzierenden Job drauf, das Kind war sowieso immer da, klein und hilfsbedürftig, das Stipendium war super und eine Ehre – aber: Mit Facebook?? Keine Chance.

Doch dann… ich sitze so hier, habe alles geschafft, möchte Neues schreiben, verzettel mich ab und an. Auf der anderen Seite google ich einen Begriff und kriegen eine Erklärung. Ich sitze hier und kann philosophische Sendungen zu praktisch jedem Thema auf Youtube finden. ich finde Literaturtipps, Hintergründe, Fakten und Theorien einfach auf Knopfdruck. Früher wäre ich dafür in die Bibliothek gerast, hätte Bücher gewälzt, Einträge verglichen, Kopien gemacht.

Ist das Internet des Teufels? Kann es sein. Aber: Es hat auch unglaublich viele Möglichkeiten eröffnet. Ab und an hätte ich sie mir gewünscht, ab und an bin ich froh, hatte ich sie nicht. Das Leben geht weiter. Das ist gut so. Jeder Wandel hat Gutes und Schlechtes. Das ist beim Bestehenden ebenso.

Ein Vogel im Wind

Ein Vogel im Wind,
ein Blatt, das sich dreht.
Ein Geist,
der frei sein will.
Das warst du.

So liebte ich dich,
danach sehnte ich mich.
Weil du
all das warst,
was fehlte.

Doch du flogst,
wo ich stand,
warst frei,
wo kein Weg war
für mich.

Du flogst dahin
und riefst nach mir.
Klagtest,
vom Himmel herab
in die Grube.

Ich schaute hinauf,
und sehnte mich,
spürte Stäbe,
stiess dagegen.

Du flogst weiter,
labtest dich am Sehnen,
ohne je
die Stäbe gespürt zu haben,
die beengten.

Manchmal

Manchmal schaust du nach Licht,
weil das Dunkel erschlägt.

Manchmal schnappst du nach Luft,
weil du zu ersticken drohst.

Manchmal brauchst du Ruhe,
weil alles in dir schreit.

Manchmal suchst du Zuflucht,
weil du dich gejagt fühlst.

Manchmal gehst du den Weg,
weil du keinen andern hast.

Manchmal drückt das Leben,
weil du es nicht tragen kannst.

Manchmal sehnst du dich nach Schlaf,
weil er Erlösung scheint.

Manchmal sehnst du dich nach Schlaf,
weil sonst nichts mehr geht.

Zum Zerplatzen

Und dann kam der Tag,
an dem die Beine nachgaben,
nicht mehr trugen.

Es kam der Tag,
an dem die Kraft ausging
und alles stand.

Nur das Herz
schlug bis zum Hals,
zum zerplatzen.

Und dann kam der Tag,
an dem die Lungen einsackten,
nichts mehr fassten.

Es kam der Tag,
an dem der Atem stockte,
Ersticken drohte.

Nur das Herz
schlug bis zum Hals,
zum zerplatzen.

Und dann kam der Tag,
an dem die Hoffnung schwand,
und nichts mehr blieb.

Es kam der Tag,
als nichts mehr ging,
ausser Tränen.

Nur das Herz
schlug bis zum Hals,
zum zerplatzen.

Ich bin schwierig

Ich bin schwierig,
oft sogar sehr.

Nie einfach so,
oft ganz viel mehr.

Ich habe Ideen,
und ändere sie.

Ich habe auch Wünsche,
oft ganz verquer.

Du hältst diese aus,
und bleibst doch bei mir.

Du trägst alles mit,
und klagst oft nicht mal.

Ich weiss, ich last schwer,
ich mag das nicht sehr.

Es ist nun mal so,
es ändert nicht mehr.

Wo ich dich brauch,
da bau ich auf dich.

Ich dank dir dafür,
es ist nicht ganz fair.

Weil: Ich bin schwierig,
oft lastet es schwer.

Ein Hoch auf die Freiheit, oder: Wieso das Burkaverbot nichts damit zu tun hat

Ein Thema ist in aller Munde: Das Burkaverbot. Stimmen werden laut, es müsste dringend umgesetzt werden, denn als Zeichen der Unterdrückung – als solches werden Burkas hingestellt – seien Burkas nicht mit unseren westlichen Werten vereinbar. Auf welche Werte beruft man sich genau? Mehrheitlich wohl auf zwei: Die Gleichstellung von Mann und Frau (im Sinne von „alle Menschen sind gleich und keiner dem anderen Untertan) und auf die Freiheit (die der Frau wird als eingeschränkt betrachtet).

Für unsere Breitengrade ist das Bild einer von Kopf bis Fuss verhüllten Frau in der Tat eher fremd und der Gedanke, sich freiwillig so zu kleiden, erscheint abwegig. Und: Was wir uns nicht vorstellen können, das kann es nicht geben, woraus folgt: Nie und nimmer tragen diese Frauen das freiwillig, die müssen quasi gezwungen werden dazu. Wer aber zwingt? Als Täter steht schnell der Mann auf dem Tapet, dieser stützt sich auf den Koran, ergo haben wir die zwei Hauptverdächtigen: Religion und Männer. Und die armen Frauen sind die Opfer im Umzug, die sich von beiden unterbuttern lassen. Mit dieser Argumentation spricht man den Frauen jegliche Kompetenz, selber zu denken ab. Es kann nicht sein, dass sie selber den Koran so auslegen und sich für diese Kleidung entscheiden. Es kann auch nicht sein, dass sie für sich in dieser Art Kleidung etwas sehen, das ihnen entspricht. Es muss Unterdrückung sein, denn sonst würden sie mit hochhackigen Schuhen und knappem Mini durch die Gegend laufen.

Ich möchte nicht verneinen, dass es Länder gibt, die sehr patriarchalisch aufgebaut sind, in denen Frauen kaum einen oder keinen Stellenwert haben. Es gibt viele Länder, in denen noch heute Buben die Krone der Schöpfung, Mädchen der vernachlässigbare Abschaum sind, den man genau so behandelt. Dies sind aber bei weitem nicht nur Länder, in denen die Burka an der Tagesordnung ist. Ich möchte aber auch nicht verneinen, dass es Männer gibt, die ihre Frauen in Burkas zwingen. Idioten, die ihre Frauen unterdrücken, gibt es auf der ganzen Welt, die brauchen dazu auch keine Burka. Sie können sich auch an einem zu kurzem Rock, an einem zu grossen Dekolleté, an zu vielen Kilos auf den Rippen oder einem schlecht geführten Haushalt stören und entsprechend reagieren. Wollen wir das auch verbieten? Bloss: Wie erkennt man es auf der Strasse?

Was bei der ganzen Diskussion um das Burkaverbot auffällt, ist, dass es nicht um die Burka an sich geht, sondern nur darum, sie auf unseren Strassen, in unseren Ländern zu verbieten. Was die Frauen dann zu Hause machen, ist egal, das kümmert wenig. Vielleicht so ein bisschen, aber nicht wirklich sehr. Geht es also bei der ganzen Diskussion wirklich um die Rechte der Frau oder aber mehr um unsere eigenen Befindlichkeiten? Ist es nicht viel mehr so, dass uns der Anblick von so viel fremder Kultur so verstört, dass wir uns mit uns selber nicht mehr wohl fühlen? Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um? Was fordert das von uns und wie reagieren wir darauf? All diesen Fragen können wir entgehen, wenn wir das Fremde einfach verbannen. Dann haben wir wieder unsere schöne kleine Welt, die wir kennen und in der wir uns wohl fühlen.

Um der Freiheit willen eine Kleidung zu verbieten, ist in etwa so, wie das Wasser aus dem Swimmingpool zu lassen, wenn man schwimmen gehen will.

War ich zu feige?

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und denke,
was alles sein könnte.

Ich sitze hier
und frage
nach einem Grund.

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und ich weine,
um blosse Tagträume.

Ich sitze hier
und trinke
Schluck für Schluck Wein.

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und sinke
langsam ins Dunkel,
das mich sanft umhüllt.

Sind wir alles Ignoranten?

Schaut man Dokumentationen über Indien, sieht man, dass neben der Schönheit der Natur, der Vielfalt der Götter und der Buntheit der Traditionen vor allem eines vorherrscht: Missstände. Armut treibt Bauern in den Selbstmord, die hinterbliebenen Familien kommen mehr schlecht als recht über die Runden, Mädchen sind unwert, werden entweder gleich abgetrieben oder aber vernachlässigt und so dem Tod anheim gegeben. Kastensysteme sind noch heute vielerorts undurchdringbar, was vor allem für die unteren Kasten ein oft mehr als bedenkliches Leben bedeutet.

Aus diesen Land stammt der Yoga, der in unseren Breitengraden einen Höhenflug erlebt, der seinesgleichen wohl sucht. Ständig öffnen neue Studios ihre Türen, Shops an prominenter Lage mit teuren Yogakleidern, glänzenden Böden und ebensolchen Bildern an den Wänden laden gewillte Yogis ein, sich stilgemäss für die Yogastunde einzudecken. Die ganz ernsthaften Yogis üben nicht nur regelmässig auf der Matte, nein, sie sind schon weiter und belächeln die noch still übenden als Mattenturner. Denn: Yoga ist mehr, Yoga ist nicht nur Sport, es ist eine Philosophie. Mit Werten, Geboten und spirituellen Ansprüchen. Die werden gerne propagiert, jedem, der sie hören will – oder auch nicht – um die Ohren gehauen.

Von Yamas und Niyamas ist die Rede, das erste der ersten ist Ahimsa: Gewaltfreiheit. Das wird besonders gerne auf die Ernährung angewendet: Veganismus ist das einzig Wahre, alles andere übt Gewalt an Tieren aus und ist damit zu verdammen. Die Art und Weise, das den Ungläubigen zu vermitteln ist oft aggressiv und abwertend, vom Gedanken des Nicht-Wertens, der im Yoga ebenfalls sehr hoch angesiedelt ist, merkt man kaum mehr was. Man kann nun mit gutem Willen sagen, dass hier ein Wertekonflikt herrscht und die Gewaltlosigkeit das Nichtwerten übertrifft an Relevanz und drum aussticht. Ob die oft aggressive Art allerdings nicht auch eine Form von Gewalt ist? Das bleibe dahingestellt. Sie gehen so ja gegen Ignoranten vor, sagen sie, der Zweck heiligt wohl quasi die Mittel.

Nun geht, wer ein guter Yogi sein will, gerne zurück zu den Wurzeln. Er reist nach Indien. Mindestens einmal im Jahr, wenn möglich, gerne auch für länger. So mancher mag sich wohl fragen, wie sich das finanziert, doch das geht keinen was an, über Geld spricht man nicht, man hat es nur – auch in der Yogaszene, sonst würden die glänzenden Angebote nicht so ziehen. Oft wird es auch anstrengend verdient, durch Retreats an entlegenen Orten, Workshops rund um die Welt. Der moderne Yogi jettet um die Welt – gibt es eine ökologische Gewalt? Die darf man wohl nicht anführen, schliesslich muss der Mensch ja von etwas leben und wir wollen nicht werten. Aber zurück:

Der moderne Yogi sitzt nun also in Indien und will sich eine Zeit lang den Ursprüngen seiner Lebenswese widmen. Durch die sozialen Medien kann die Welt daran teilhaben und wird Zeuge der enthusiastischen Ausrufe. Es ist die Rede vom „Paradies“, Indien wird als „Wundervolle Heimat“ bezeichnet und alles ist wundervoll, erhaben. Ich sah noch nie Bilder von Obdachlosen, welche die Strassen säumen nachts, hörte nie etwas über die Missstände vor Ort. Dieselben Yogis, die hier also Menschen aggressiv angehen wegen ihrer Ignoranz Tieren gegenüber, propagieren ein Land, das Menschenrechte (und vor allem auch Frauenrechte) noch heute mit Füssen tritt, als Paradies. Als Heimat des Herzens.

Es gibt diese Situation vermutlich in vielen Gruppierungen und bei Menschen verschiedener Überzeugung. Vielleicht sollte man einfach mal die eigenen Werte überdenken und sich fragen, ob man sie wirklich konsequent anwendet… oder nur situativ, wie sie grad ins Bild passen.

Ein kleiner Tod

Ich sitze hier
und stell mir vor,
wie es wohl wär,
wenn du wärst hier.

Ich sehe dich,
du blickst mich an,
ich frag wieso,
du lächelst nur.

Ich rieche dich,
ich mag den Duft,
er ist wie du,
er passt zu dir.

Ich höre dich,
du sprichst mich an,
die Stimme sanft,
mit Liebe drin.

Ich spüre dich,
du gehst mir tief,
mit deinem Sein,
unter die Haut.

Ich sitze hier,
und du bist fort,
kein Ton, kein Hauch,
ein kleiner Tod.