Ich bin gross und du bist klein

Ich bin gross und du bist klein,
und wenn wir uns auch noch so ähnlich sind,
jeder bleibt, so wie er ist[…]
du und ich, wir passen nicht,
ich und du, wir sind zwei linke Schuh’;
doch können wir nicht Freunde werden,
so wollen wir doch niemals Feinde sein.

Peter Maffay singt in seinem Musical Tabaluga von der Begegnung eines Salamanders mit dem Drachen Tabaluga. Die beiden mögen sich, doch müssen sie merken, dass sie trotz ihrer Ähnlichkeiten nicht zueinander passen. Zu verschieden sind ihre Lebensumstände, zu verschieden ihre Lebensnotwendigkeiten und Gepflogenheiten. Was hier nur ein Märchen ist, geschrieben für Kinder, trägt wie so oft eine tiefe Wahrheit in sich. Wie oft treffen wir im Leben auf Menschen, die uns anziehen, die auch Gefühle in uns wecken. Anfangs ist alles schön, alles spannend, man fühlt sich vertraut ob der vielen Ähnlichkeiten. Langsam mischen sich Misstöne in den Gleichklang, Disharmonien erklingen.

Man möchte sie nicht hören, man denkt an die Ähnlichkeiten, an das Hochgefühl, den so Ähnlichen gefunden zu haben. Man möchte ihn festhalten, sich an ihm festhalten. Man möchte das Gefühl bewahren und ignoriert die Misstöne. Irgendwann sind sie nicht mehr zu ignorieren, dann nimmt man sie zwar wahr, redet sie aber klein. Das Kleinreden nimmt immer mehr Zeit in Anspruch, die Disharmonien nehmen überhand. Noch immer kämpft man um das zuerst gesehen, will sich den Irrtum nicht eingestehen, weil mit ihm etwas zu sterben droht, was man so gerne am Leben halten würde.

Der Kampf um die wohlklingende Melodie wird härter, anstrengender, er raubt Energie, zu viel Energie. Man kommt an den Punkt, zu sehen, dass die Melodie so nicht mehr gefällt, dass sie wenig gemeint hat mit der, die man anfangs hörte. Man kommt zu dem Punkt, dass man sich lieber die Ohren zuhalten möchte als weiter zu hören, weiss aber nicht, trauert aber noch immer dem Wohlgesang nach.

Tief drin hätte man es schon ganz am Anfang wissen können. Die erste Zeile offenbarte es:

Ich bin gross und du bist klein.

Diese Sicht trägt nie für die Ewigkeit. Keiner mag sich auf Dauer in der Sicht des Kleinen sehen. Schon bei Kindern sieht man ihr Bemühen, als Grosse wahrgenommen zu werden. Schaut man auf Beziehungen unter Erwachsenen, sollte umso mehr die Sicht eine gleich grosse sein. Kommt nur irgendwann das Gefühl auf, einen ganz Grossen vor sich zu haben, sollte man sich fragen, wieso man sich selber als kleiner empfindet. Was ist der Massstab, wer hat ihn gesetzt? Wieso denke ich, einen Grossen zu brauchen und wieso er, dass ich klein sei? Ist er wirklich so gross, wenn er mich klein haben muss?

Ich bin  gross und du bist es auch – lass uns zusammen wachsen.

So könnte es gehen.

Philipp Probst – Nachgefragt

PProbstPhilipp Probst
Philipp Probst ist ein Schweizer Schriftsteller, Buschauffeur, Journalist, LKW-Fahrer – und noch einiges mehr. Bereits früh begann er zu schreiben, die ersten Geschichten entstanden während des Schulunterrichts. Im Alter von 16 und 17 Jahren schrieb er zwei Drehbücher, welcher auf Super-8 gleich selber verfilmte: Den Krimi Der Lebensretter und den Teenagerfilm Hoffnung, welcher zugleich Abschlussarbeit der Rudolf-Steiner-Schule war. Mit diesem Film gewann er in den 80er Jahren den zweiten Preis der Schweizer Jugendfilmtage. Nach einem kurzen Abstecher in den Buchhandel landete Philipp Probst im Journalismus, arbeitete für diverse Redaktionen und Medien und schrieb schliesslich 1994 sein erstes Buch Ich, der Millionenbetrüger Dr. Alder, welches 2009 unter dem Titel Der Fürsorger verfilmt wurde.  Von ihm erschienen sind daneben unter anderem Der Storykiller, Die Boulevard-Ratten und diverse Kurzkrimis .

 
Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin ein kreativer und tüchtiger Mensch mit Ecken und Kanten – und vielen Schwächen. Die Biographie würde ich als unterhaltenden Roman erzählen, gäbe eine nette Ferienlektüre.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe wegen dem Basler Autor Hans-Peter Hammel, alias –minu. Seine Geschichten in der Zeitung fand ich toll. Zuerst wurde ich allerdings Journalist und Lastwagenfahrer. Auf dem LKW habe ich dann angefangen, meinen ersten Roman zu schreiben. Die langen Fahrten auf der Autobahn haben mich inspiriert.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Schreiben zu lernen ist eine harte Ausbildung. Wichtig ist, einen guten Mentor oder Textchef zu haben. Dann ist es learning by doing. Und aus Fehlern lernen. Kritisch sein. Mutig. Grundsätzlich kann man Schreiben lernen. Talent hilft natürlich, doch das Wichtigste ist die Disziplin.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich schreibe einfach drauf los und versuche, so wenig wie möglich korrigieren zu müssen. Die Phantasie soll arbeiten!

Wann und wo schreiben Sie?

Meistens zu Hause am Esstisch. Aber unterwegs geht auch. Eigentlich völlig egal wo, es geht sogar auf dem Smartphone.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich schlafe.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Die Freude ist, den Leserinnen und Lesern Freude zu bereiten. Als Autor zähle ich mich zur Unterhaltungsbranche. Ich stehe also nicht nur im Wettbewerb mit anderen Autoren, sondern auch mit Kino, TV, Internet und Games. Ein Buch zu schreiben macht Spass, es zu verkaufen ist pickelharte Arbeit.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da die Spielregeln der freien Marktwirtschaft gelten, gibt es wenig zu jammern. Ein Buch ist ein Produkt, das es zu vermarkten gilt. Ende.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Kommt darauf an, ob man sich als Autor im Buchmarkt oder in der Literaturszene bewegt. Die Literaturszene hat etwas Elitäres und zählt auf staatliche Förderung. Wer da rein kommt, darf sich „von“ nennen, wird eingeladen und kann sich in den anderen subventionierten Literaturszenen des deutschsprachigen Raums bewegen. Alle anderen Schriftsteller kämpfen im Buchmarkt, also in der freien Marktwirtschaft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Geschichte entsteht beim Schreiben. Am Anfang ist einfach eine Idee, die man im Leben aufschnappt. Ich lasse meinen Figuren und deren Handlungen grossen Freiraum: Manchmal machen sie das, was ich von ihnen erwarte, ab und zu überlisten sie mich aber auch. Dazu kommen plötzlich ganz neue Ideen, dann kommt die Geschichte halt anders heraus. Das ist aber egal, Hauptsache sie ist spannend und unterhaltend.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Philipp Probst steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich bestehen meine Figuren aus mir. Aber nicht nur. Da werden noch andere Menschen drin verpackt. Da die Geschichten für mich realistisch sein müssen, könnte ich sie selbst auch erleben. Viele Szenen in meinen Büchern habe ich auch erlebt. Allerdings ist das kein Verarbeitungsprozess, sondern die Möglichkeit, etwas hautnah zu erzählen. Da werde ich dann wieder zum Reporter.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich fühle mich wohler mit dem Ausdruck Thriller. Nein, es geht nicht darum, das „Böse in mir“ auszuleben. Es geht nur darum, dass in einer Geschichte ja irgendetwas passieren muss. Sonst ist es keine Geschichte oder eben eine langweilige. Wenn ich lese, will ich eine Geschichte erleben. Das gilt auch beim Schreiben. Toll finde ich aber auch Liebesromane.

Ruhm, Ehre, Moral, ethische Prinzipien – deswegen wird in Ihren Krimis gemordet. Strebt (heute?) nicht jeder danach? Steckt in jedem Menschen ein Mörder, der über Leichen ginge, um das ihm höchste Ziel zu erreichen?

Nein. Viele Menschen sind zufrieden, sich im Mittelmass der Gesellschaft zu bewegen. Das bewundere ich.

Sie haben verschiedene interaktive Kurzkrimis realisiert, kürzlich haben Sie einen Fortsetzungskrimi für das Onlinemagazin buchmagazin.ch nach 35 Folgen beendet, bei welchem Sie Inputs von Lesern annehmen und damit die Geschichte weiter gesponnen haben. Was reizt Sie an diesem Vorgehen? Wie kamen Sie auf die Idee, solche Projekte in Angriff zu nehmen?

Das sind äusserst sportliche Projekte, die viel Phantasie und Disziplin abverlangen. Das Tolle daran ist, dass mit den neuen Medien viele neue Möglichkeiten entstanden sind, die im Buchmarkt und noch mehr in der Literaturszene überhaupt keine Anwendung finden. Heute kann man als Kunde beinahe jedes Produkt online mitgestalten – warum sollte man da nicht auch auf seine Lektüre Einfluss nehmen dürfen? Zudem sind solche Projekte Werbung für mich als Autor und meine Bücher. Eines meiner besten Projekte war ein SMS-Roman für eine Freundin. Brutal hart. Aber einfach toll. Hätte ich genügend Interessenten – ich würde einen Roman per SMS/WhatsApp liefern. Jeden Tag ein Stück …

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Aber er kann und darf und soll seine Meinung äussern. Da er aber heute praktisch gar nicht mehr nach seiner Meinung gefragt wird, muss er sich auch nicht damit beschäftigen. Da Medien ebenfalls nach den Regeln der freien Marktwirtschaft funktionieren, werden Prominente zu allem Möglichen befragt werden. Und falls es ein Schriftsteller zum Bestsellerautor schafft, trifft es automatisch auch ihn. Meistens allerdings zu Themen wie: „Kaufen Sie lieber im Coop oder in der Migros ein?“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend sein. Jeder Schriftsteller bekommt bei mir die Chance von 50 Seiten. Falls ich dann nicht mitfiebere, bin ich weg!

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ja, aber das sind so viele … Immerhin war ich mal Buchhändlerlehrling.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Schreibe mal 100 000 Zeichen, die einen Sinn ergeben, innert weniger Tage. Falls du dich schwer tust damit, mache was anderes in deiner Freizeit.
  • Schreibe einem Freund oder einer Freundin einen Monat lang einen Fortsetzungsroman per SMS. Damit testest du deine Phantasie.
  • Treibe Sport oder schaff dir einen Hund an. So lernst du Disziplin.
  • Betrachte die Schreiberei als Hobby. Auch eine Modelleisenbahn ist toll!
  • Werde auf irgendeine Weise TV-Promi. Denn nur wer dich kennt, wird dein Buch kaufen.

Ich bedanke mich herzlich für diese Antworten!

Weibes Mann – eine Ode

Es war einmal ein keifend Weib,
das hatte so ne Wut im Leib,
dass es nur zeterte und flucht’,
die Worte waren gar verrucht.

Der Mann , da musste einer sein,
was sonst wohl wäre so’ne Pein,
schaute erst gross und floh alsdann,
was tät er sonst, der gute Mann?

Doch wer nun denkt, das brächte Ruh,
der sieht das Gegenteil im Nu,
da nun das Klagen angefangen,
darüber, dass er weggegangen –

allein gelassen hat das Weib,
das nun trägt nur Schwarz am Leib.
Was taugt als Grund zum Jammern noch,
wenn der triftigste von dannen zog?

So ohne Sinn und ohne Grund,
ist Jammern schlicht und endlich Schund
und des Lebens Inhalt müssig,
man desselben überdrüssig.

Es muss schnell her ein neuer Mann,
Weib tut dazu, was es nur kann,
was hat sie sonst, die gute Frau,
ausser Wäscheberg und Michflussstau?

Es braucht das Weib nen g’scheiten Mann,
damit es wieder schimpfen kann.

Das Mädchen in der Jauchegrube

Es war einmal ein Bauernmädchen, das arbeitete Tag und Nacht. Es hatte keine Eltern mehr und auch sonst fühlte es sich von der Welt verlassen. Der Hof, auf dem es schuftete, gehörte bösen Bauernleuten, die nach aussen vorgaben, das Mädchen gnädig aufgenommen zu haben, da es ja niemanden habe, es aber in Tat und Wahrheit nur als günstige Arbeitskraft ausnutzten. Nacht für Nacht weinte sich das arme Ding in den Schlaf, Nacht für Nacht betete es um Erlösung.

Eines Tages kam ein Prinz geritten, sah das arme Bauernkind. Da es nicht nur arm, sondern auch noch ausnehmend hübsch war, stieg er vom Pferd und fragte, was es denn so täte? Da schüttete ihm das Bauernmädchen sein Herz aus, weinte dabei gar bitterlich. Der Prinz wusste gleich Rat, er wollte das gute Kind retten, schliesslich sei nicht nur sein Herz, sondern auch sein Schloss gross, dem schönen Wesen sollte es an nichts mehr fehlen.

Dem Bauernmädchen wurde warm ums Herz, es sah seine nächtlichen Gebete erfüllt. Der Prinz wollte nur noch alles vorbereiten, damit die Ankunft auf dem Schloss auch schön sei, dann hole er sie, meinte er. Von diesem Tag an ging dem Bauernkind die strenge Arbeit viel leichter von der Hand, ab und an hatte es gar ein Lied auf den Lippen bei deren Verrichtung. Die Tage zogen ins Land, ab und an kam der Prinz vorbei geritten, bekräftigte all seinen Reichtum und Grossmut, vertröstete die treue Seele auf später, wenn die Zeit reif sei, um alsbald von dannen zu reiten.

Langsam kamen dem Bauernmädchen Zweifel, ob das alles auch wahr sei, was der edle Ritter Mal für Mal versprach, und es beschloss, ihn beim nächsten Mal drauf anzusprechen. Hätte es das mal gelassen. Der Prinz war erzürnt ob ihres Misstrauens, fand es beschämend, dass sie seinem reinen Wort nicht traue, Taten fordere. Er ergoss sich in den wildesten Worten, die hier wiederzugeben das Märchengenre sprengen würde. Das Bauernmädchen wurde ganz klein bei all dem Schimpfen, sah sich im Unrecht, ihn als den Armen. Sie besänftigte ihn wieder, er ritt von dannen. Die Zeit strich ins Land, die Zweifel kamen zurück. Noch immer schien das Schloss nicht empfangsbereit, noch immer spielte der Prinz auf Zeit, alles verpackt in grosse Worte, Zukunftsträume und Schlösser, die er nicht Luftschlösser genannt haben wollte.

Wieder meldete das Bauernmädchen Zweifel an, wieder war der Prinz erzürnt, dieses Mal so sehr, dass er ihr die vorher so unendlich gross beschriebene Liebe entzog. Und nicht nur das, er erzählte jeder Kuh, die wiederkäuend den Anschein machte, mit ihm zu sprechen, wie undankbar und falsch das Bauernmädchen doch gewesen sei. Er spottete und höhnte und fühlte sich dabei so gross, fast so gross wie dann, als er noch von Prunkschlössern parlierte und den edlen Retter spielte.

Fazit von der Geschichte? Märchen sind doof und man sollte nicht auf den Prinzen warten, sondern den üblen Energiefressern die lange Nase zeigen und sich selber aus der Jauchegrube ziehen. Wer nämlich drauf wartet, dass ein edler Prinz vorbei geritten käme, wird noch morgen drin sitzen und von Luftschlössern träumen.

C.S.Forester: Tödliche Ohnmacht

Befreiungsschläge

Marjorie ahnte nichts von der drohenden Katastrophe, als sie vom Bahnhof kommend den Harrison Way entlangging.

ForesterOhnmacht Als Marjorie vom Ausgang heim kommt, findet sie ihre Schwester tot in der Küche. Alles deutet auf Selbstmord hin, auch wenn Marjorie dies nicht glauben kann. Marjorie ist Mutter zweier Kinder, verheiratet mit einem tyrannischen Ehemann, Tochter einer gewitzten Mutter, bald Geliebte eines netten jungen Mannes und gefangen in den Zwängen eines gutbürgerlichen Lebens. Ausbrechen geht nicht, bleiben auch nicht – das ist das traurige Fazit Marjories, welche jedoch keinen Ausweg aus der Misere sieht. Diesen erkennt nur ihre Mutter und führt fortan ihr Umfeld auf subtile Weise an den Punkt, ihre Befreiungsstrategie, welche auch eine Racheaktion ist, auszuführen.

Tödliche Ohnmacht verfügt über einen guten Plot, plastisch gezeichnete Figuren, lässt aber in Bezug auf Spannung sehr zu wünschen übrig. Verspricht der Klappentext ein fesselndes psychologisches Porträt, findet man dieses zwar, allerdings geht es unter in endlosen Alltagsbanalitäten, Ferienausflügen und flachen Dialogen.

Fazit:
Guter Plot mit hintergründigen Finessen und psychologischem Einfühlungsvermögen, welcher allerdings mit zu wenig Spannung umgesetzt wurde, um wirklich packend zu sein.

Zum Autor
C.S.Forester
Cecil Scott Forester wird am 27. August 1899 als Cecil Lewis Troughton Smith in Kairo geboren. Sein Vater, ein Beamter im ägyptischen Bildungsministerium schickt ihn zur Erziehung nach England, wo er anschliessend ein Medizinstudium beginnt, dieses aber zugunsten einer schriftstellerischen Laufbahn 1921 abbricht. Forester, wie er sich fortan nennt, arbeitet längere Zeit als Korrespondent für die Times in London und ist als Drehbuchautor für Hollywood (African Queen, Des Königs Admiral) tätig. Forester stirbt am 2. April 1966 in Fullerton, Kalifornien.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 280 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuchverlag (1. August 2013)
Übersetzung: Britta Mümmler
ISBN-Nr.: 978-3423249713
Preis: EUR  14.90 / CHF 24.90

Paul und Pauline

Wenn ich mir so den Paul anschaue, dann hat er alles, was so ein richtiger Mann haben sollte. Er ist intelligent, charmant, sieht gut aus, kümmert sich um mich, buhlt um mich, versteht alles, was ich sage, findet alles gut, was ich mache, versteht nicht, wie das mein Mann nicht machen kann. Ja – mein Mann. Der ist nicht wie Paul. Mein Mann hat Fehler. Und zwar so richtig viele. Von den Socken am Boden angefangen über Chaos wohin man schaut bis hin zu so unangenehmen Angewohnheiten, die ich gar nicht alle aufzählen will, da sie mir sonst nur wieder zu präsent sind und ich mich darüber aufrege. Wieso ich diesen Mann habe und nicht Paul? Paul war grad nicht im Angebot, als ich meinen Mann kennen lernte und zudem war mein Mann auch mal ein Paul.

Was ist geschehen? Wo hörte mein Mann auf, Paul zu sein? Wo ging Paul verloren und mein Mann blieb? Und wieso kommt nun ein neuer Paul, wenn ich doch meinen Mann habe? Ich möchte eigentlich keinen Paul haben, denn der zeigt mir die Schwächen meines Mannes noch viel deutlicher. Und ich möchte keinen Mann haben, denn dann könnte ich Paul haben. Gut, ich könnte meinen Mann verlassen und Paul nehmen, Paul wäre bereit und würde sich freuen, er findet mich ja so gut und er ist ja auch so gut. Aber das macht man nicht. Nicht so einfach. Oder doch?

Allerdings: Wenn mein Mann auch mal Paul war und nun mein Mann ist, was ist, wenn Paul auch plötzlich mein Mann und nicht mehr Paul ist? Was, wenn ich dann wieder einen Paul treffe und wieder dastehe und einen Mann habe statt einem Paul? Was, wenn ich dann wieder von Mann zu Paul wechseln muss und wieder nur warten kann, bis auch aus dem Paul ein „mein Mann“ wird? Ist nicht jeder Paul ein Mann? Und sieht man nicht nur anfangs den Paul und irgendwann nur noch den Mann? Ist das der Lauf des Lebens? Oder aber der Lauf der eigenen Wertigkeiten? Vielleicht ist es auch der Preis der Nähe?

Je näher ein Mensch kommt, je mehr Zeit man mit ihm verbringt, desto mehr kommen alle Seiten zum Tragen. Zeigt man in frühen Phasen des Zusammenseins nur die guten, will man das zwar vielleicht später auch noch – wobei eine gewisse Nachlässigkeit wohl sicherlich normal ist –, aber es lässt sich nicht mehr so einfach durchhalten, weil die Zeiten, die schlechten auszuleben, kleiner werden, während die gemeinsamen Zeiten zunehmen, so dass es nicht ausbleibt, dass man eben die nicht gewollten Seiten öfters mal zu sehen kriegt. Während anfangs die Socken in Pauls Wohnung ungesehen am Boden liegen, tun sie das irgendwann in der gemeinsamen und fallen da ins Auge. Wer weiss, was bei Paul zu Hause alles so rumliegt?

Und irgendwann kommt es hart auf hart. Und Paul sucht das Weite, weil alles so schwierig und alles so kompliziert ist und Paul eigentlich lieber schönes Wetter hat als Regen. Und mein Mann steht da und zückt den Regenschirm. Und ich denke: Was kümmern mich Socken, wenn ich nicht im Regen stehen muss? Was störe ich mich an all den Kleinigkeiten statt die wirklich wichtigen Dinge zu sehen? Wieso bin ich nicht dankbar für das, was ist, statt zu hadern über das, was nicht ist? Natürlich ist nicht alles erlaubt und ein wenig Paul täte jedem Mann gut. Aber ich bin ja auch nicht nur Pauline, sondern ab und an halt auch nur die Frau  mit Jogginghose und schlechter Laune. Ab und an bin auch ich nur die Frau, welche nicht alles am Manne lobt und gut findet und ihn den schönsten und liebsten und besten, und trotzdem erwarte ich, dass er nicht gleich zu einer Pauline springt, die all das tut, weil er das ja durchaus sein kann – und mal war für mich und noch sein könnte, würde ich nicht nur die Socken und Alltäglichkeiten sehen.

Vielleicht sollten wir immer mal wieder den Paul im eigenen Mann sehen und auch ab und an Pauline sein.

Das Tag, an dem das Licht ausging

Der Tag begann ganz normal. Langsam wurde es hell,  langsam drangen die ersten Lichtschimmer durch die heruntergelassenen Rollläden. Claudia erwachte schon vor dem Klingeln des Weckers, wie jeden Morgen. Wie jeden Morgen überlegte sie, ob sie wirklich aufstehen sollte oder nicht doch noch weiter liegen bleiben. Wie jeden Morgen überlegte sie, wie sie alle Termine ausfallen lassen könnte, einfach mal sagen, dass sie nicht mehr könne, nicht mehr wolle. Und wie jeden Morgen stand sie auf. Sie erledigte ihre tägliche Morgenroutine, jeder Griff sass, lange eingeprägt. Irgendwann klingelte auch der Wecker, welcher eigentlich keiner war, sondern ein auf die richtige Zeit (die aber nie die richtige zum Aufstehen war, da sie immer schon auf war, nie aber zu der Zeit hätte aufstehen wollen, hätte sie nicht müssen) eingestelltes Mobiltelefon.

Dass sie jeden Morgen noch etwas müder war als am Tag zuvor, fiel ihr zwar auf, doch sie mass dem wenig Bedeutung bei. Dass sie jeden Tag noch weniger Antrieb fand, überhaupt etwas zu tun, nahm sie so hin und schob es auf die diversen Belastungen des Alltags und ihren schlechten Schlaf. Dass sie jeden Tag noch weniger lachte und sich immer wieder dabei ertappte, dass sie ein grimmiges Gesicht zog, welches sie sogleich auflockerte und versuchte, entspannt zu schauen, beunruhigte sie zwar, doch sie schob es auf die eher unerfreuliche Zeit. Dass das Leben kein Ponyhof war, hatte sie längst erkannt, aber es könnte schlimmer sein. Bestimmt.

Der Tag nahm seinen alltäglichen Lauf, pflichtbewusst spulte sie ihr Tagesprogramm ab, einen Punkt nach dem anderen. Ab und an kam ihr ein Bild eines Hamsters im Rad in den Sinn, welches sie sogleich wieder beiseite schob. Ab und an dachte sie auch, dass sie nicht mehr möge, nicht mehr könne, lachte sich dann selber aus, denn: Hatte sie eine Wahl? Immerhin hatte sie nun gelacht. So schlimm konnte es noch nicht sein.

Der Tag, der war wie jeder andere, nahm seinen Lauf. Die Sonne zog über ihn und ging langsam unter (nicht dass sie sie je gesehen hätte, sie könnte nicht mal sagen, ob sie geschienen hat oder ob es regnete), es wurde düsterer und düsterer (ob es je heller war, wäre ihr auch nicht wirklich bewusst gewesen, muss aber wohl so gewesen sein). Und dann war es dunkel. Und nichts mehr, wie es war. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals wieder aufzustehen. Konnte sich nicht vorstellen, noch einmal dieses Rad zu betreten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass je wieder Licht am Horizont zu sehen sei, und wenn, dass es bleiben könnte. Sie konnte sich gar nichts mehr vorstellen, denn an diesem Tag ging das Licht aus. Und so sass sie im Dunkel und schalt sich eine dumme Kuh. Schimpfte sich einen Versager und wusste, dass sie recht hatte damit. Sie rief sich all die Stimmen in den Sinn, die über sie richten würden: „Ich habe es dir ja immer gesagt!“ „Hab dich nicht so!“. „Reiss dich zusammen!“ „Du bist aber auch empfindlich!“ „So kann man sich doch nicht aufführen!“ Und sie hatten wohl alle recht.

Claudia wünschte sich, dass die Stimmen verstummten und sie wünschte sich, dass eine Hand käme, die sie hielte. Sie wünschte sich einen Arm hinter der Hand, der sie auffinge, eine Stimme hinter dem Arm, die ihr versprach, dass es wieder hell würde und sie immer getragen sei. Und sie fragte sich, ob sie dieser Stimme trauen könnte, im Wissen, dass noch immer das Dunkel wieder hereingebrochen war. Und jedes Mal noch schwärzer war als zuvor.

Das Leben

Die Zeit rast, manchmal schleicht sie. Alles hat seine Zeit, doch manchmal hat man keine. Die Zeit vergeht, ab und an steht sie auch still. Ab und an wünscht man sich, sie würde stehen bleiben, dann wieder verläuft sie im Sande. Die Zeit muss eine sadistische Natur sein, tut sie doch oft das, was man nicht möchte. Wenn sie vergehen soll, macht sie extra langsam, soll sie bleiben, verfliegt sie wie im Flug.

Und wie sie so vorbei geht, nimmt das Leben seinen Lauf. Manchmal nimmt man es auch in die Hände, packt es an. Das Leben kann pures Überleben sein, aber auch Lebensfreude beinhalten. Es kann eine Last sein oder Leichtigkeit beinhalten in seinem Sein. Niemand sagte, es sei leicht und es ist eines der härtesten und endet immer mit dem Tod.

Vermutlich ist es einfach Schicksal. Es ist vorbestimmt. Manchmal meint es das Schicksal nicht gut mit einem, dann wieder fordert man es heraus. Es gibt Menschen, die vertrauen drauf, andere erachten es als Zufall. Das Schicksal kann einem den liebsten Menschen nehmen oder aber Menschen zusammen führen und sie lieben sich; wenn das Schicksal will bis ans Lebensende.

Liebe ist eine Himmelsmacht. Sie ist das höchste der Gefühle, bringt aber auch den grössten Schmerz. Ohne Liebe ist alles nichts und nichts ist ohne Liebe. In der Liebe ist alles erlaubt, doch gilt im Krieg dasselbe. Liebe und Hass liegen nah beieinander. Man soll seinen Nächsten lieben, doch kann niemand in Frieden leben, wenn es dem Nächsten nicht gefällt. Alte Liebe rostet nicht, aber Liebe ist ein Jungbrunnen. Manches tut man um der Liebe zur Sache willen, doch sollte man Menschen Lieben. Geld oder Liebe?

Geld regiert die Welt. Geld ist Macht. Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt. Manche verdienen ein Schweinegeld, andere eine Heidengeld. Dinge können ein Vermögen kosten, aber manche Dinge sind nicht käuflich. Manche Dinge kriegt man für einen Appel und ein Ei, andere sind unbezahlbar. Es gibt Leute, die werfen das Geld auf die Strasse, andere nehmen es in die Hand, um es mit vollen Händen auszugeben. Geld stinkt nicht und nichts kostet die Welt. Zeit ist Geld.

Manchmal geht die Zeit aus. Und man hat vor lauter Geld scheffeln vergessen zu lieben, vergessen zu leben. Das wäre nicht Schicksal, denn das hätte man in der Hand.

Die Gesetze des Lebens

Das Leben ist nie eine gerade Linie, es ist wohl nicht mal kausal, so gerne man das glauben möchte. Das Weltbild, dass B aus A erwächst, man mit A den Grundstein für B legt und sich B immer aus A erklären lässt, ist ein beruhigendes für unseren Geist, weswegen der selbständig Kausalketten bildet und dadurch Sinn in die Geschehnisse und Erlebnisse legt. Würde man das Leben als lose Aneinanderreihung von Momenten sehen, würde man sich haltlos fühlen. Man hätte keine Möglichkeit mehr, einzugreifen, sähe sich hilflos den Eventualitäten des Lebens ausgesetzt. Dass es in Tat und Wahrheit eigentlich so ist, ahnt man zwar irgendwo, doch der Mechanismus des Gründe Suchens, des Ketten Knüpfens ist so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns dieser oft unbewusst ablaufenden Tätigkeit nicht entziehen. Sie gibt uns das Gefühl, unser Leben im Griff zu haben und sie liefert Erklärungen für das Warum.

 

Im Leben fasst man gerne Ziele. Diese sollen möglichst positiv sein, möglichst viel Glück bringen und Leid vermeiden. Um die Ziele zu erreichen, planen wir Wege, die wir beschreiten wollen. Auch hier sehen wir die Kausalität vor uns. Das Ziel einmal erreicht, wollen wir es nicht mehr loslassen. Je schöner es ist, je besser es sich anfühlt, desto fester wollen wir es halten. Aufgeben, loslassen – keine Option. Schlägt das Schicksal dann doch zu oder schlägt der Zufall böswillig drein, das vormalige Ziel und momentane Gute geht dahin, stehen wir vor den Scherben, hadern mit dem Leben und suchen schnell Gründe, wieso das wohl gut sein könnte, was dazu geführt hat und wie wir daraus etwas machen können.

 

Das Leben hat seine eigenen Gesetze, der Mensch kann diese nicht erfassen. Was immer und überall durchschimmert ist eine Dualität von Polen, von Erschaffung und Zerfall, von gut und böse, von Leid und Glück. Schatten und Licht. Diese gegensätzlichen Pole ziehen sich rund um den Erdball, sie finden sich in allen Philosophien und Religionen, zu allen Zeiten. Das deutet darauf hin, dass dahinter ein universales und allgemeingültiges Prinzip liegt. Man muss es nicht beweisen können, da es ausserhalb unserer Macht und unseres Geistes liegt. Man kann es wohl nicht mal ganz erfassen und beschreiben, es ist da und es ist erlebbar. In vielen tagtäglichen Beispielen und Erlebnissen erfahren wir es. Es hilft nichts, sich auf eine Seite zu stürzen, die andere gehört unweigerlich dazu.

 

Was man einmal bildet, geht auch wieder zu Grunde, um etwas Neuem Platz zu machen. Das macht Angst, denn das Neue ist ungewiss, unbekannt und damit ungeheuer. Das Bekannte kann man erfassen und sich damit arrangieren, beim Neuen muss man erst einen Weg dahin finden. Hat man ihm, möchte man ungern wieder loslassen, um wieder weiter zu gehen. Genau das macht aber das Leben aus. Es ist kein Tag wie der andere, keine Beziehung heute, wie sie morgen sein wird. Kein Mensch ist heute derselbe, wie er gestern war und er hat heute die Chance, sich für morgen neu zu erfinden. So erschreckend der Gedanke sein kann, dass alles im stetigen Fluss ist und immerwährender Veränderung unterliegt, so gross kann die darin liegende Chance sein.

 

Nichts ist ewig. Man kann etwas erschaffen, es geniessen, weiter gehen. Man kann es ausbauen, neu definieren, umstürzen, neue Wege gehen. Man kann daran arbeiten, dass es besser wird, wenn es heute nicht gefällt. Wichtig dabei ist wohl immer, ehrlich zu sich selber zu sein, genau hinzuhören, was man wirklich will und wirklich kann und dann den Weg zu gehen. Und vielleicht führt der Weg nicht zielgerichtet dahin, wohin man will, vielleicht liegen Steine auf dem Weg, tun sich Abgründe auf. Vielleicht muss man auch mal einen Umweg gehen, um den wirklich richtigen Weg zu erkennen. Wirklich planen kann man nie alles. Am Schluss bleibt wohl immer nur das Vertrauen darauf, dass es kommt, wie es kommen muss. Das ist weder gut noch schlecht, es ist, wie es ist. Und vermutlich ist genau das gut daran.

Buchhandlung „Das Labyrinth“, Basel

Alle Bilder © Oliver Borner
Alle Bilder © Oliver Borner

Die Buchhandlung „Das Labyrinth“ wurde 1984 gegründet und am Nadelberg 17 eröffnet.
Die anfänglich angeschlossene Galerie wurde Ende der 90er Jahre zu Gunsten der Bücher aufgelöst. Neben einer Spezialisierung auf diverse Fachgebiete der Geisteswissenschaften (Germanistik, Linguistik, Soziologie, Philosophie, Kunstgeschichte, Geschichte, Theologie, Religionswissenschaften, Politikwissenschaften, Medienwissenschaften, Anglistik, Altertumswissenschaften), welche sich aus der Nähe zur Universität Basel ergibt, führt die Buchhandlung „Das Labyrinth“ ein anspruchsvolles Sortiment an Belletristik und Lyrik und bietet des Weiteren lieferbare und vergriffene Bände der ‚Anderen Bibliothek‘ an, welche im Eichborn-Verlag erscheint.

Neben dem Präsenzangebot werden im Labyrinth auch Bestellungswünsche aller Art gerne erfüllt. Im Jahr 2011 wurde der Verein ‚Pro Labyrinth-Buch‘ gegründet, welcher Die Buchhandlung ideell und finanziell unterstützt.

Rolf Wetzel, der Geschäftsführer der Buchhandlung „Das Labyrinth“ hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu  beantworten.

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Eine unabhängige Buchhandlung für StudentInnen, Uni-MitarbeiterInnen, Bücher-FreundInnen und alle, welche gerne bei uns vorbeikommen.

Selbstverständlich bestellen wir alle Titel vom Kinderbilder- bis zum Alterssport-Buch.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Eine Lehre als Sortiments-Buchhändler hat für mich damals einfach gepasst.

Würden Die den Weg wieder gehen?

In der momentane Situation des Buchhandels nicht mehr, obwohl ich diesen Beruf schätze und ihn sehr gerne ausübe.

Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Das Internet und der Computer sowie die fortlaufenden Neuerungen in diesen Bereichen, welche teilweise auch für unsere Arbeiten von Vorteil sind, haben die Buchwelt sehr verändert.

Auch beobachten wir seit längerem eine stete Abwanderung staatlicher Institutionen ins Ausland. (Vor allem Bücherbestellungen in Deutschland zu Konditionen, bei welchen wir beim besten Willen nicht mithalten können.)

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Mit Engagement und der Liebe zu den Büchern und unserer Buchhandlung versuchen wir das Optimum für uns und unsere Kunden herauszuholen.

Persönliche Beratung und das Zutragen zum Wohle des Kunden sind unerlässlich.

Der 2011 gegründete Verein ‚Pro Labyrinth-Buch‘ erhält durchwegs viel Beachtung.

Zudem versuchen wir, alle Bestellungen auf dem schnellstmöglichen Weg zu erhalten und informieren unsere Kunden, sobald diese bei uns abholbereit sind.

Institutionen beliefern wir für den Kunden unentgeltlich regelmässig mit einem Chauffeur. Dringende Lieferungen in der Umgebung bringen wir auch gerne zu Fuss oder mit dem Fahrrad vorbei.
Wir bieten ein möglichst ausgewähltes Sortiment an, was aber aus finanziellen Gründen nicht ganz so einfach ist.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Das ist teilweise schon unter Punkt 5 beantwortet. Zudem sollte man immer wieder versuchen, neue Kunden-Segmente zu eruieren, wirtschaftlich kalkulieren –wobei dies nicht dem Kunden angerechnet werden darf – und viel Einsatz zeigen!

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Im Allgemeinen können wir neben einer fundierten Beratung sehr schnelle Lieferzeiten gewähren und ökologische Aspekte werden ebenso unterstützt.

DSCF6420Unsere Preise sind teilweise tiefer als bei gängigen Online-Geschäften, zusätzlich gewähren wir sowohl Studentinnen und Studenten als auch den Kundenkarten-Inhabern (Kundenkarte: Fr. 40.- pro Jahr) einen Rabatt von 10 Prozent.

Schulen, Bibliotheken und andere Institutionen haben ebenfalls einen Rabattvorteil.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Bisher hat bei uns noch niemand nach einem E-Book verlangt. Auch vertreten wir die Ansicht, dass ein haptisches Buch einiges mehr zu bieten hat.

Und: Wenn die Elektrizitätswerke aussetzen und man einerseits eine Kerze und Zündholz und andererseits ein Buch zur Hand hat, kann man die Zeit bis zur Wiederherstellung des Stromes in Ruhe überbrücken.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass die Autoren über die Verlage publiziert werden sollen. In einzelnen Fällen nehmen wir aber solche Titel in Kommission und legen sie bei uns aus.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Verlage: Inhaltlich und äusserlich (sofern die finanziellen Möglichkeiten bestehen) qualitativ wertige Bücher. Weiterhin sollen alle Segmente für eine breite Leserschaft abgedeckt sein.

Autoren: Interessante Texte und immer neue Ideen.

Leser: Das Buch als festen Wert ansehen und (wieder) neu entdecken.

Politik: Eingreifen in das System der öffentlichen von Steuergeldern finanzierten Institutionen, welche seit einigen Jahren im Euro-Raum bestellen.

Zudem wäre es schön, wenn eine Buchhandlung wie unsere als kulturelle Organisation begriffen würde.

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Wenn er/sie von diesem Beruf überzeugt ist (nach einem kurzen Schnupper-

Praktikum) und mit einem minimalen Lohn leben kann, soll er/sie versuchen,

diesen Weg zu gehen. Wichtig ist jedoch eine grosse Flexibilität, auch in einem anderen Beruf arbeiten zu können.

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Die Unterstützung des heimischen Gewerbes und das Bewusstsein, dass die Margen im Buchhandel im Gegensatz zu den meisten Detailhandels-Branchen sehr tief sind.

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Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Buchhandlung ‚Vetter‘ an der Spalenvorstadt 3 in 4051 Basel.

Ich bedanke mich herzlich bei Rolf Wetzel für diese Antworten.

DSCF6402Eckdaten
Rolf Wetzel
Buchhandlung „Das Labyrinth“
Nadelberg 17
4051 Basel
Tel: +41 (0)61 261 57 67
Fax: +41 (0)61261 5930
E-Mail: info(at)daslabyrinth.ch
Web: www.daslabyrinth.ch

Öffnungszeiten
Montag bis Freitag  8.30 – 18.30
Samstag            9.00 – 17.00

Natur und Verstand

Der Mensch sieht sich als Verstandeswesen und denkt, sich durch eben den Verstand vom Tier zu unterscheiden. Er ist stolz darauf und setzt ihn ein, wo immer er kann. Er wägt ab, berechnet, zeigt sich berechnend, verlässt sich auf alles, was der Verstand ihm eingibt, ist es doch das, was menschlich ist und damit am höchsten steht. Schlussendlich steht der Mensch ganz oben in der Hierarchie der Lebewesen, generell von allem – denkt er und verhält sich danach.

Immer wieder suchen Katastrophen die Welt heim. Sie bringen durcheinander, was der Mensch so ordentlich aufgebaut und eingerichtet hat. Der Mensch schreit auf und schimpft die Natur eine Gewalt, merkt nicht, dass er es war, der ihr vorher Gewalt angetan hatte, sie diese nicht mehr tragen konnte und nun – gar nicht berechnend, sondern aus der geschaffenen Situation heraus – zurückschlägt. Die Natur hat nie gesagt, man solle alle Bäume roden, um mehr Platz für teuer zu verkaufende Skipisten zu erhalten. Ist es also ihre Gewalt, die zig Menschenleben in den Tod riss mit der Lawine? Die Natur hiess den Bach nicht in Kanälen zu fliessen, die eigentlich viel zu eng waren. Ist es ihre Gewalt, wenn derselbe Bach nun ganze Häuserfluchten mitriss, weil er dem Kanal entfliehen musste, er keinen Platz mehr in den vom Menschen auferlegten Grenzen fand?

Der Mensch rechnet sich sein Leben, seine Umwelt aus und plant, wie es für ihn am besten passt. Er unterwirft alles dem Diktat des eigenen Profits und missachtet dabei alle natürlichen Gegebenheiten. Selbst wenn er diese mit berücksichtigt auf dem Papier, indem er sie berechnet, ignoriert er die naturgegebenen Kräfte, die jeder Berechnung widersprechen, weil sie nie vorhersehbar sind. Berechnung ist immer nur Wahrscheinlichkeit, darauf baut der Mensch seine Sicherheit und unterwirft dieser alles. Im Grossen wie im Kleinen.

Was nützen alle Berechnungen, alle Bestrebungen nach was für Werten auch immer, wenn man nicht auf die reine Natur hört, auf die Stimme derselben, die immer sagt, ob etwas gut oder schlecht ist? Man läuft auf sogenannt sicheren Schienen, bis die (eigene) Natur zuschlägt und den vorher so sorgfältig ausgerechneten Weg als unbegehbar ausweist. Da steht man nun und sieht sich vor einem Berg, den man nicht sah bei den ach so rationalen Wegberechnungen. Er hatte sich über die Zeit wie von selber aufgebaut, aus allem, was das Herz und das eigene Naturell hergaben. All das, was man vorher als sentimental, irrational, emotional, nicht sicher genug abtat, türmt sich auf – weil man plötzlich fühlt.

Zwar fühlte man schon vorher, allein, man wollte es nicht wahrhaben. Hätte man es mal getan. Man stünde nicht vor Bergen, hätte sie umgehen können.  Irgendwann merkt der Mensch vielleicht, dass er die Natur nicht überlisten kann, sondern Teil davon ist und immer ihren Gesetzen unterworfen. Auch der Verstand ist schlussendlich aus der Natur geboren. Wenn wir ihn gegen sie richten, können wir nur verlieren.

John Williams: Stoner

Das Leben als harter Ackerboden

William Stoner, ein Farmerssohn, wird von seinem Vater an die Universität Columbia geschickt, um Agrarwissenschaften zu studieren. Das Studium gefällt ihm, einzig ein Literaturkurs bringt ihn an seine Grenzen und fordert ihn gerade deswegen heraus. Er wechselt ganz zur Englischen Literatur und vertieft sich mehr und mehr in die Materie.

Angesichts des Ziels, das er sich so leichtsinnig gesetzt hatte, fand er sich mit einem Mal schrecklich unzureichend und spürte eine Sehnsucht nach jener Welt, die von ihm aufgegeben war. Er trauerte um den eigenen Verlust und um den seiner Eltern, aber noch in seiner Trauer spürte er, wie es ihn fortzog.

Nach glänzend absolviertem Studium entschied er sich, als Lehrer an der Universität zu bleiben. Diesen Entscheid konnte auch der ausgebrochene Krieg nicht umstossen, während viele sich freiwillig meldeten, blieb Stoner der Universität treu, der einzigen Heimat, die er kannte ausser der alten auf der Farm, die keine mehr war. Stoner lernt eine Frau kennen, versucht sich trotz mangelnder Reaktion derselben in unbeholfenen Eroberungsversuchen und heiratet sie schliesslich – nicht zu seinem Glück. Stoners Leben scheint ein einsamer Kampf, den er unbeirrt ficht.

Er war zweiundvierzig Jahre alt; vor sich sah er nichts, auf das er sich zu freuen wünschte, und hinter sich nur wenig, woran er sich erinnerte.

Das einzige Glück, das ihm im Leben beschieden scheint, wird ihn in unglücklich machen. Und doch geht Stoner seinen Weg weiter, unbeirrt, ruhig, manchmal mit einer Spur Humor.

Stoner ist das Buch eines eigensinnigen, eigenbrötlerischen Charakters, der sein Leben und seine Leidenschaft in der Literatur auslebt, weil das Leben neben dieser sich schwierig und als Kampf erweist. Er ist ein liebenswürdiger Mann mit Herz, nach dem er aber kaum je leben kann, weil das Leben und seine Mitstreiter ihm zu viele Hürden in den Weg legen. Trotzdem bleibt er seinem Weg treu, versucht, es allen recht zu machen, und hält sich durch seine Aufgaben aufrecht.

Stoner ist ein Roman über das Leben, über die Härten, die es mit sich bringt, ein Roman über das Leben an Universitäten und die Kämpfe, die da zu führen sind, einer über die Ehe und deren Schwierigkeiten und zuletzt ein Roman über die Liebe – gelebte und unlebbare.

Als William Stoner jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegen sehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder ein Gnadenstand noch eine Illusion war, vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.

John Williams ist ein sehr ruhiges, tiefes Buch gelungen, das einen nie loslässt, das trotz wenig Handlung packend ist, einen in eine Lebensgeschichte hineinnimmt und nicht mehr rauslässt. Man sieht William Stoner bildlich vor sich, wie er durch den Campus seiner Universität geht, man fühlt mit ihm, wenn er erlebt, was er erlebt. Man weiss nie, wieso er sich nicht wehrt, möchte ihm helfen, schaut trotzdem nur zu und muss weiter lesen, wie es endet. Stoner ist ein Buch über ein Leben mit vielen Tiefen, wenigen Höhen, man lebt es lesend mit – bis zum Ende.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen, das Leben und die Liebe. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
John Edward Williams
John Williams wurde 1922 in Texas geboren. Nach einem abgebrochenen Studium wurde er eher widerstrebend Mitglied des Army Air Corps. Während dieser Zeit entstand die Erstfassung seines ersten Romans, der später von einem kleinen Verlag publiziert wurde. Nach dem Kriegsende kehrte Williams zurück an die Uni und erlangte an der University of Denver seinen Master. An dieser Uni lehrte er auch von 1954 bis zu seiner Emeritierung 1985. John Williams veröffentlichte zwei Gedichtbände und vier Romane, von denen einer mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. Er starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.

WilliamsStonerAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. September 2013)
Übersetzung: Bernhard Robben
ISBN-Nr.: 978-3423280150
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH