Paul und Pauline

Wenn ich mir so den Paul anschaue, dann hat er alles, was so ein richtiger Mann haben sollte. Er ist intelligent, charmant, sieht gut aus, kümmert sich um mich, buhlt um mich, versteht alles, was ich sage, findet alles gut, was ich mache, versteht nicht, wie das mein Mann nicht machen kann. Ja – mein Mann. Der ist nicht wie Paul. Mein Mann hat Fehler. Und zwar so richtig viele. Von den Socken am Boden angefangen über Chaos wohin man schaut bis hin zu so unangenehmen Angewohnheiten, die ich gar nicht alle aufzählen will, da sie mir sonst nur wieder zu präsent sind und ich mich darüber aufrege. Wieso ich diesen Mann habe und nicht Paul? Paul war grad nicht im Angebot, als ich meinen Mann kennen lernte und zudem war mein Mann auch mal ein Paul.

Was ist geschehen? Wo hörte mein Mann auf, Paul zu sein? Wo ging Paul verloren und mein Mann blieb? Und wieso kommt nun ein neuer Paul, wenn ich doch meinen Mann habe? Ich möchte eigentlich keinen Paul haben, denn der zeigt mir die Schwächen meines Mannes noch viel deutlicher. Und ich möchte keinen Mann haben, denn dann könnte ich Paul haben. Gut, ich könnte meinen Mann verlassen und Paul nehmen, Paul wäre bereit und würde sich freuen, er findet mich ja so gut und er ist ja auch so gut. Aber das macht man nicht. Nicht so einfach. Oder doch?

Allerdings: Wenn mein Mann auch mal Paul war und nun mein Mann ist, was ist, wenn Paul auch plötzlich mein Mann und nicht mehr Paul ist? Was, wenn ich dann wieder einen Paul treffe und wieder dastehe und einen Mann habe statt einem Paul? Was, wenn ich dann wieder von Mann zu Paul wechseln muss und wieder nur warten kann, bis auch aus dem Paul ein „mein Mann“ wird? Ist nicht jeder Paul ein Mann? Und sieht man nicht nur anfangs den Paul und irgendwann nur noch den Mann? Ist das der Lauf des Lebens? Oder aber der Lauf der eigenen Wertigkeiten? Vielleicht ist es auch der Preis der Nähe?

Je näher ein Mensch kommt, je mehr Zeit man mit ihm verbringt, desto mehr kommen alle Seiten zum Tragen. Zeigt man in frühen Phasen des Zusammenseins nur die guten, will man das zwar vielleicht später auch noch – wobei eine gewisse Nachlässigkeit wohl sicherlich normal ist –, aber es lässt sich nicht mehr so einfach durchhalten, weil die Zeiten, die schlechten auszuleben, kleiner werden, während die gemeinsamen Zeiten zunehmen, so dass es nicht ausbleibt, dass man eben die nicht gewollten Seiten öfters mal zu sehen kriegt. Während anfangs die Socken in Pauls Wohnung ungesehen am Boden liegen, tun sie das irgendwann in der gemeinsamen und fallen da ins Auge. Wer weiss, was bei Paul zu Hause alles so rumliegt?

Und irgendwann kommt es hart auf hart. Und Paul sucht das Weite, weil alles so schwierig und alles so kompliziert ist und Paul eigentlich lieber schönes Wetter hat als Regen. Und mein Mann steht da und zückt den Regenschirm. Und ich denke: Was kümmern mich Socken, wenn ich nicht im Regen stehen muss? Was störe ich mich an all den Kleinigkeiten statt die wirklich wichtigen Dinge zu sehen? Wieso bin ich nicht dankbar für das, was ist, statt zu hadern über das, was nicht ist? Natürlich ist nicht alles erlaubt und ein wenig Paul täte jedem Mann gut. Aber ich bin ja auch nicht nur Pauline, sondern ab und an halt auch nur die Frau  mit Jogginghose und schlechter Laune. Ab und an bin auch ich nur die Frau, welche nicht alles am Manne lobt und gut findet und ihn den schönsten und liebsten und besten, und trotzdem erwarte ich, dass er nicht gleich zu einer Pauline springt, die all das tut, weil er das ja durchaus sein kann – und mal war für mich und noch sein könnte, würde ich nicht nur die Socken und Alltäglichkeiten sehen.

Vielleicht sollten wir immer mal wieder den Paul im eigenen Mann sehen und auch ab und an Pauline sein.

11 Kommentare zu „Paul und Pauline

  1. Kein Mensch, kein Partner ist „perfekt“. Wir alle haben unsere Macken und mindestens eine Jogginghose im Kleiderschrank. Eine Zeit suchte ich auch nach dem „Perfekten“, ohne zu erkennen, dass ich das für mich perfekte bereits gefunden hatte, ohne danach zu suchen. Den Partner zu idealisieren ist immer gefährlich, weil einem im Laufe der zeit immer irgendwelche „Macken“ und/oder unangenehmere Seiten auffallen. Aber das gehört dazu. Wir sollten uns öfter darauf besinnen, was wir an unserem Partner so toll finden, anstatt sich im Detail zu verlieren und sich selbst runterzuziehen. Durch Ansprüche, denen man vielleicht nicht mal selber gerecht wird, sie aber vom Partner „einfordern“.

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    1. Ich denke, immer nur Paul sein zu wollen würde viele Seiten in einem unterdrücken und man wäre nicht authentisch – wie man es selten ist, wenn man in der Werbephase steckt. Paul steckt aber in jedem drin und ihn ab und an herauszuholen als eine Seite von vielen, ist sicher nicht schlecht. Es heisst auch, sich seiner guten Seiten zu erinnern, sich auch mal anzustrengen für den anderen, sich nicht nur im eigenen Trott gehen zu lassen.

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  2. Frag einfach Paul (oder deinen Mann), wie er das sieht. Alltag und schlechte Angewohnheiten sind ja nicht in Stein gemeiselt. Und ja. Wir haben alle unsere Macken und die nerven spätestens nach einigen Jahren. Aber die entscheidende Frage ist doch: Wiegen Gefühl und Verbundenheit diese auf? Leider ist die Antwort nicht immer so leicht zu finden…
    P. S. Über rumliegende Socken oder offene Zahnpasta-Tuben besser lachen, statt aufregen, als Indiz unserer menschlichen Imperfektion. Die, die keine Socken rumliegen lassen, sind mir eher suspekt.

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    1. Nun ja, ich kann es hier nur nochmals schreiben – meine Blogartikel sind selten bis nie autobiographisch, sondern nur Überlegungen zu Themen, die mich interessieren und die ich in eine Form packe. Ich kenne weder Paul noch habe ich einen Mann, der Socken liegen lässt 😉 Aber schlussendlich ist es sicher sinnvoll, das Gespräch zu suchen, zu sehen, was ist gut, was hätte man gerne anders und wo könnte man eine Lösung finden. Ob der Wechsel von Mann zu Paul aufgrund einiger nervender Angewohnheiten wirklich der richtige Weg ist, muss wohl jeder für sich selber herausfinden, allerdings sollte er sich bewusst sein – und darum geht es mir – dass jeder Paul auch die Schattenseiten hat, sowie in jedem Mann mit Schattenseiten ein Paul drin steckt, den man ja mal sah, sonst hätte man den Mann nicht.

      Natürlich ändern sich Menschen auch und gewisse Züge nehmen überhand. Ist dann die Bereitschaft nicht da, wieder einen gemeinsamen Nenner zu finden, dann bleibt wohl nur noch eine Trennung der Wege, was aber dann wenig mit einem Paul zu tun haben sollte, sondern einfach auf einer Unvereinbarkeit der Wünsche für einen gemeinsamen Weg fusst.

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  3. Ich denke, die ‚Lösung‘ liegt im ‚ZusammenSpiel‘ von Paul und Pauline (ein so schöner Name, dass ich ihn bereits vor fast 14 Jahren für meine Tochter entlehnte …;) ) …
    Der permanent binäre Blick verwehrt die Sicht auf Paul & Pauline in uns selbst. Wir suchen – je nach geschlechtlicher & sexueller Disposition – im Spiegel des (vermeintlich) Anderen & mehr oder weniger bewusst, die SehnSucht! (nach Vergangenem …?!) & finden auf diesem Grund doch ’nur‘ die (bange) Ahnung von Verlust & Abschied. Wir sehen sehr selten, die (neuen) Türen, die sich nach dem Schließen dieses GedankenFallentores vor uns auf tun. Man kann, darf & sollte (zumindest affirmativ) sich öfters mal in die ‚Rolle‘ des anderen Geschlechts begeben …
    Ich denke (& fühle), dass der Innere Friede eben auch & gerade nur im Gleichgewicht zwischen Paul & Pauline- in der Seelischen Balance – in jedem von uns reifen & fruchten kann.
    Apropos… Frucht, Rebe etc.
    Nicht ganz von ungefähr erinnert das auch an die basale Terminologie von Apoll & Dionysos, wie sie Nietzsche fürs Theater einführte …
    … und setzt sich fort mit Ying&Yan, Mann/Frau, Mond, Sonne (& Sternen …;) ) etc. (Claude Levy Strauss lässt herzlich grüßen … 😉 )
    EIN ‚therapeutisches‘ Gegenmittel – nichts ist wichtiger in dieser bis zur symptomatischen TiefenKrankheit ach so ‚aufgeklärten‘ Arroganz des Okzidents – wäre der Bewusste Genuss als Maß für eine sich selbst gestattete Maßlosigkeit. Hedonismus ist nicht zu verpönen – der ‚Dude-Ismus‘, wie er gerade im Big-Lebowski-Amerika immer mehr Anhänger findet – verbindet ihn ganz(heitlich) bewusst mit einem anderen, mir genehmen -Ismus (& davon gabs & gibts LEIDer nicht allzu viele …), dem Buddhismus …
    Ansonsten besteht Immer die (latent traumatisierende) Gefahr, dass die ‚Götter, die wir einst vertrieben‘, sich erheben, um uns als Freudianische Dämonen Heim zu suchen …
    Mit dem ‚Feuer‘ wurden wir Menschen – nicht nur körperlich, sondern vor allem auch geistig! Warum löschen wir es dann in uns & mit der Zeit – oder lassen sein Verglimmen zumindest wehrlos zu?! ‚Nur‘ drei Elemente können nicht mehr ineinander sich anverwandeln, in ihren sublimen Formen … Auch Proust gibt hier gute Tipps & Stichworte: Zeit, ZeitNahme! AugenBlick, (Selbst)-Aufgabe des oktroyierten Anspruchs auf Besitzstandswahrung, ICH-Konstruktion & deren permanente Dekonstruktion in der Zeit – mit aktivem! Verweis auf eine der bedeutsamsten (Selbst-) schöpferischen Lebensaufgaben …
    In diesem Sinne wünsche ich ‚Paul & Pauline‘ DIEse Begegnung auf Wahrer Augenhöhe – in jedem von uns – zu jeder Zeit! Ganz Liebe Grüße 🙂

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  4. Nachtrag!
    Ich vergaß, mein Elaborat zu betiteln …
    ‚Die Legende von Paul & Paula‘
    (Absolut SehensWert & in seiner Genialität ’nur‘ im Osten denkbar …)
    ‚Seid realistisch! – und versucht das Unmögliche …
    (Faustgroß Geballte HerzLiche Grüße von Ché … 😉 )

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