Natur und Verstand

Der Mensch sieht sich als Verstandeswesen und denkt, sich durch eben den Verstand vom Tier zu unterscheiden. Er ist stolz darauf und setzt ihn ein, wo immer er kann. Er wägt ab, berechnet, zeigt sich berechnend, verlässt sich auf alles, was der Verstand ihm eingibt, ist es doch das, was menschlich ist und damit am höchsten steht. Schlussendlich steht der Mensch ganz oben in der Hierarchie der Lebewesen, generell von allem – denkt er und verhält sich danach.

Immer wieder suchen Katastrophen die Welt heim. Sie bringen durcheinander, was der Mensch so ordentlich aufgebaut und eingerichtet hat. Der Mensch schreit auf und schimpft die Natur eine Gewalt, merkt nicht, dass er es war, der ihr vorher Gewalt angetan hatte, sie diese nicht mehr tragen konnte und nun – gar nicht berechnend, sondern aus der geschaffenen Situation heraus – zurückschlägt. Die Natur hat nie gesagt, man solle alle Bäume roden, um mehr Platz für teuer zu verkaufende Skipisten zu erhalten. Ist es also ihre Gewalt, die zig Menschenleben in den Tod riss mit der Lawine? Die Natur hiess den Bach nicht in Kanälen zu fliessen, die eigentlich viel zu eng waren. Ist es ihre Gewalt, wenn derselbe Bach nun ganze Häuserfluchten mitriss, weil er dem Kanal entfliehen musste, er keinen Platz mehr in den vom Menschen auferlegten Grenzen fand?

Der Mensch rechnet sich sein Leben, seine Umwelt aus und plant, wie es für ihn am besten passt. Er unterwirft alles dem Diktat des eigenen Profits und missachtet dabei alle natürlichen Gegebenheiten. Selbst wenn er diese mit berücksichtigt auf dem Papier, indem er sie berechnet, ignoriert er die naturgegebenen Kräfte, die jeder Berechnung widersprechen, weil sie nie vorhersehbar sind. Berechnung ist immer nur Wahrscheinlichkeit, darauf baut der Mensch seine Sicherheit und unterwirft dieser alles. Im Grossen wie im Kleinen.

Was nützen alle Berechnungen, alle Bestrebungen nach was für Werten auch immer, wenn man nicht auf die reine Natur hört, auf die Stimme derselben, die immer sagt, ob etwas gut oder schlecht ist? Man läuft auf sogenannt sicheren Schienen, bis die (eigene) Natur zuschlägt und den vorher so sorgfältig ausgerechneten Weg als unbegehbar ausweist. Da steht man nun und sieht sich vor einem Berg, den man nicht sah bei den ach so rationalen Wegberechnungen. Er hatte sich über die Zeit wie von selber aufgebaut, aus allem, was das Herz und das eigene Naturell hergaben. All das, was man vorher als sentimental, irrational, emotional, nicht sicher genug abtat, türmt sich auf – weil man plötzlich fühlt.

Zwar fühlte man schon vorher, allein, man wollte es nicht wahrhaben. Hätte man es mal getan. Man stünde nicht vor Bergen, hätte sie umgehen können.  Irgendwann merkt der Mensch vielleicht, dass er die Natur nicht überlisten kann, sondern Teil davon ist und immer ihren Gesetzen unterworfen. Auch der Verstand ist schlussendlich aus der Natur geboren. Wenn wir ihn gegen sie richten, können wir nur verlieren.

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