Ich bin gross und du bist klein

Ich bin gross und du bist klein,
und wenn wir uns auch noch so ähnlich sind,
jeder bleibt, so wie er ist[…]
du und ich, wir passen nicht,
ich und du, wir sind zwei linke Schuh’;
doch können wir nicht Freunde werden,
so wollen wir doch niemals Feinde sein.

Peter Maffay singt in seinem Musical Tabaluga von der Begegnung eines Salamanders mit dem Drachen Tabaluga. Die beiden mögen sich, doch müssen sie merken, dass sie trotz ihrer Ähnlichkeiten nicht zueinander passen. Zu verschieden sind ihre Lebensumstände, zu verschieden ihre Lebensnotwendigkeiten und Gepflogenheiten. Was hier nur ein Märchen ist, geschrieben für Kinder, trägt wie so oft eine tiefe Wahrheit in sich. Wie oft treffen wir im Leben auf Menschen, die uns anziehen, die auch Gefühle in uns wecken. Anfangs ist alles schön, alles spannend, man fühlt sich vertraut ob der vielen Ähnlichkeiten. Langsam mischen sich Misstöne in den Gleichklang, Disharmonien erklingen.

Man möchte sie nicht hören, man denkt an die Ähnlichkeiten, an das Hochgefühl, den so Ähnlichen gefunden zu haben. Man möchte ihn festhalten, sich an ihm festhalten. Man möchte das Gefühl bewahren und ignoriert die Misstöne. Irgendwann sind sie nicht mehr zu ignorieren, dann nimmt man sie zwar wahr, redet sie aber klein. Das Kleinreden nimmt immer mehr Zeit in Anspruch, die Disharmonien nehmen überhand. Noch immer kämpft man um das zuerst gesehen, will sich den Irrtum nicht eingestehen, weil mit ihm etwas zu sterben droht, was man so gerne am Leben halten würde.

Der Kampf um die wohlklingende Melodie wird härter, anstrengender, er raubt Energie, zu viel Energie. Man kommt an den Punkt, zu sehen, dass die Melodie so nicht mehr gefällt, dass sie wenig gemeint hat mit der, die man anfangs hörte. Man kommt zu dem Punkt, dass man sich lieber die Ohren zuhalten möchte als weiter zu hören, weiss aber nicht, trauert aber noch immer dem Wohlgesang nach.

Tief drin hätte man es schon ganz am Anfang wissen können. Die erste Zeile offenbarte es:

Ich bin gross und du bist klein.

Diese Sicht trägt nie für die Ewigkeit. Keiner mag sich auf Dauer in der Sicht des Kleinen sehen. Schon bei Kindern sieht man ihr Bemühen, als Grosse wahrgenommen zu werden. Schaut man auf Beziehungen unter Erwachsenen, sollte umso mehr die Sicht eine gleich grosse sein. Kommt nur irgendwann das Gefühl auf, einen ganz Grossen vor sich zu haben, sollte man sich fragen, wieso man sich selber als kleiner empfindet. Was ist der Massstab, wer hat ihn gesetzt? Wieso denke ich, einen Grossen zu brauchen und wieso er, dass ich klein sei? Ist er wirklich so gross, wenn er mich klein haben muss?

Ich bin  gross und du bist es auch – lass uns zusammen wachsen.

So könnte es gehen.

2 Comments

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  1. Schöner Gedanke. Eine Beziehung oder Partnerschaft kann in meinen Augen auf Dauer auch nur auf Augenhöhe funktionieren. WIeso soll auch einer kleiner sein als der andere? Ich befürworte auch eher eine Partnerschaft auf Augenhöhe und könnte mir nicht vorstellen, mit einer Frau zusammen zu sein, die entweder über mir steht (oder sich so fühlt), oder ich über ihr stehe (oder mich so fühle). Zwei Leben verschmelzen zu einem neuen. Man geht gemeinsam des Weg des Lebens und wächst an den Aufgaben und allen Widrigkeiten noch mehr zusammen. Und aus den Steinchen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man am Ende ein schönes Häuschen bauen 😉

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  2. Ein schöner Vergleich – gerade Tabalugas Suchen ist immer auch Unser Suchen …
    Augenhöhe (auch bei Kindern) herzustellen (im gemeinsamen Bemühen), ist notwendig, denn wie sonst sollten jene AugenBlicke entstehen, wenn nicht auf Augenhöhe. Und in diesen wunderschönen & ‚magischen‘ Momenten braucht es keine ‚wohlklingende Melodie‘ mehr …
    Man/n ‚hört‘ die verklungenen Töne einer ewigen Melodie … jenseits von Wort & Logos …
    … denn das LIED stirbt nie …

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